34 Die erzählende Dichtung
Da der Torso von Rudolfs Werk nur die biblische Geschichte (mit ihrenweltlichen Ausläufern) enthält, so ist seine Weltchronik eigentlich eine„Reimbibel" geblieben. Dasselbe gilt für die Christherre-Chronik. 1
Diese, so benannt nach den Anfangsworten (wogegen Rudolf mit den Wor-ten Rihter got herre beginnt), war dem Landgrafen Heinrich (wahrscheinlichHeinrich der Erlauchte, 1247-1288) von Thüringen gewidmet (Huldigung amAnfang). 2 Auch diese „Thüringer Weltchronik" bricht vorzeitig schonmit dem Buch der Richter ab. Der Verfasser kannte Rudolf und steht unterdem Eindruck von dessen Weltchronik, hat diese aber nicht im einzelnen insein Werk aufgenommen, vielmehr hat er die Historia scholastica des PetrusComestor und, am Anfang, Gotfrids v. Viterbo Pantheon fast sklavisch über-setzt; breit, ungeschickt und in holprigen Versen.
Ergänzt wurde die bis auf Elisas Zeit reichende Fortsetzung von Rudolfsletztem Werk im 14. Jahrhundert durch die Geschichte von Hiob, Nebukad-nezar, Alexander und Hiskia. Es findet sich auch eine Verbindung beiderRezensionen — der von Rudolfs weitergeführter Weltchronik einerseits, mitder Christherre-Chronik andererseits—, und zwar auf die Weise, daß entwederdem Werke Rudolfs die Einleitung und Schöpfungsgeschichte der Christherre-Chronik gegeben, oder daß der Christherre-Chronik noch der letzte Teil Ru-dolfs zugesetzt, also bis Salomo nachgetragen wurde. Der Text der Christherre-Chronik wurde ebenfalls erweitert und in besonders umfänglichen Handschrif-ten bis in die Zeit des Mittelalters fortgeführt. 3
Im 15. Jahrhundert entstand eine große Anzahl von prosaischen oberdt.,mitteldt. und niederdt. Historienbibeln* (die Anfänge reichen vielleicht
1 Ausg.: Veralteter Abdruck des gemischten rienbibeln des MA.s, 2 Bde., LitVer. Nr. 100.Textes (Christh.-Chr. mit Forts, aus Rudolf) 101, 1870. — Abh.: Massmann 3, 45-53, dazuvon Gottfried Schütze (1779-81). — Ab- Zarncke, Cbl. 1857, 652 f.; Hans Vollmer,handl.: Vilmar aaO.; Massmann S. 86-94. Materialien zur Bibelgesch. u. religiösen Volks-151-67. 172-83; Goedeke l 2 , 127f.;BAECH- künde des MA.s, Bd. I, 1912, Ausgabe dertold, Anm. S. 32 ff.; Piper aaO.; Zacher, „Neue Ee", 1929; Ewald Gleisberg, Diev. Hardenberg, Regel, ZfdPh. 9,422-60; Karl Historienbibel (Merzdorfs I) und ihr Ver-Schröder, Bartschs Germanist. Studien 2, hältnis zur Rudolfinischen u. Thüring. Welt-159-97 (s. auch 1, 247-315); Ehrismann, ehr., Leipz. Diss. 1885; Ad. Leschnitzer,Ausg. Rudolfs v.Ems S.VI; Strauch, DLz. Unters, über das Hohelied in Minneliedern,1916, 1449 f.; Leidinger, Münch. Akad. 1930; ein Beitrag z. Historienbibelforsch., Heidelb.Ehrismann, Stammlers Verfasserlex. 1, 375 f. Diss. 1924 (Mskrpt.-Druck); Hans Vollmer,— Neuere Hss.funde: Schröder, ZfdA. 39, Materialien zur Bibelgesch. u. religiösen Volks-251-56; Roethe, ebda 41, 247^9; Klapper, künde des MA.s I, 1912; Ders., Die Neue Ee,Mitt. d. Ver. f. Schles. Volksk. 11, 2, 1910; eine neutestamentliche Historienbibel, ebdaRooth s. Lbl. 1925, 86 f.; Hiersemanns Hs. Bd. IV, 1929. — Prosaauflösung der Ein-s. oben. leitung Rudolfs in einer Zwickauer Hs.: Hof-
2 Früher vermutete man in diesem Heinrich meister, N. Arch. 32, 83 ff. 38, 566 ff.; Hal-Raspe (f 1247). bach, Sachwörterbuch 1930, 787; Stücke aus
3 Durch Zusätze inmitten des Textes, Fort- einer Schwellhs. der Pseudo-RudolfischenSetzungen u. Vermischung der beiden „Reim- Weltchr. sind, in Prosa umgesetzt, in das dt.Chroniken" (Mischredaktionen, Schwellhand- Adambuch des 15. Jh.s aufgenommen wor-schriften) entstand eine Masse voneinander den, s. Vollmer, Ein dt. Adambuch, Progr.abweichender Fassungen (etwa 3 Dutzend des Johanneums zu Hamburg 1908. — ErikHss.). Vilmar hat das Verdienst, in diesen N. Liljebäk, Die Loccumer Historienbibel,Wirrwarr einige Klärung gebracht zu haben. die sog. Loccumer Erzählungen, unters, u.
4 Ausg.: Theod. Merzdorf, Die dt. Histo- hgb., Lund 1920 (ostfäl., 15. Jh.).