Rudolf von Ems 33
Bearbeitungen und Benutzungen dartun. Die Weltgeschichte im Sinne deschristlichen Mittelalters ist die Geschichte der Offenbarung der Taten Gottes.Sie beginnt also mit der Weltschöpfung, entwickelt sich in sechs Periodenund führt jeweils bis auf die Zeit des betreffenden Schriftstellers. Dem ent-sprechend ist Rudolfs Werk angelegt nach den sechs Weltaltern: 1 Adam(V. 189-866), Noe (V. 867-3793), Abraham (V. 3794-8797), Moises (V.8798-21517), die fünfte Weltepoche, die Davids, ist nicht vollendet, sie bricht mitdem Tode Salomos ab; sie sollte bis zum Zeitpunkt von Christi Erscheinenweitergehen, denn mit diesem beginnt eine neue, die sechste und letzteWelt. 2
Bezüglich der Abfassungszeit der Weltchronik, des letzten seiner Werke,haben wir Rudolfs eigenes Zeugnis: den Auftrag, die ganze Weltgeschichtein Reime zu bringen, hat er von König Konrad erhalten (V. 21656-740);auch berichtet dann der Fortsetzer, daß der ursprüngliche Verfasser, Rudolfv. Ems, starb an Salomöne. Er hat also das ungeheuerliche Unternehmen nichtzu Ende führen können, brachte es aber bis auf 33472 Verse. Die Arbeit desRudolf nicht ebenbürtigen, ungewandten Fortsetzers, die sich in denHandschriften unmittelbar anschließt, reicht von V. 33473-36338 bis auf dieZeit Elisas.
Die Hauptquellen 3 Rudolfs waren die Bibel und die Historia scholasticades Petrus Comestor (f 1178), für einzelne Stellen zog er auch Gotfrids vonViterbo Pantheon (f 1191) heran, für den geographischen Abschnitt desHonorius Augustodunensis De imagine mundi. Er selbst nennt die von ihmbenutzte Literatur, mit Ausnahme der Bibel, nicht.
Die überwältigende Stoffmasse ließ den Dichter nicht zur feineren Durch-arbeitung kommen. Die Darstellung 4 ist einfach, sachgemäß und ohnehöheren Aufschwung; Betrachtung und Lehrhaftigkeit überwuchern die Er-eignisse nicht; der erzählende Ton geht stellenweise in eine bloß chroni-kalische Notizensammlung über, ein Erbstück der tabellarischen Methodeder kurzen Weltgeschichtsabrisse. (Über seinen Altersstil in der Weltchroniks. oben.)
1 Ehrismann, Stud. S. 53-57; W. Rehm, v. E., ZfdPh. 12, 257-301. 387-454. 13, 165-ZfdPh. 52, 289 ff. 223. 14, 29-57; J. V. Zingerle, Eine Geo-
2 Das chronologische Gerippe für die Welt- graphie des 13. Jh.s, Wiener SB. 50, 1865;geschichtsschreibung des MA.s war gegeben Seemüller, Geschichte der Stadt Wien, Bd. IIIin den Geschichtstabellen des griech. Bischofs 1. Hälfte, 1907, S. 12 Anm.; Boenhoff undEusebius (a. 325), die von Hieronymus (a.380/ Singer, Heinr. v. Neustadt, Apollonius v.Tyr-81) übersetzt und fortgeführt wurden. Die land, S.57f. 60-62; Schröder, Gott. Nachr.christliche Geschichtsauffassung hat Augustin 1917, 120; Ed. Spranger, Das dt. Bildungs-begründet in seinem „Gottesstaat" (De civi- ideal der Gegenwart, 1928, 12 f.
täte Dei, a. 426): Der Gang der Geschichte ist 3 Vilmar S. 13.
bedingt durch die Trennung in Gottesstaat i D. J. C. Zeeman, Stilist. Unters, über Rud.(Kirche) und Weltstaat, er läuft in sechs Welt- v. Ems' Weltchr. u. seine beiden Meister Gott-altern ab; s. LG. II, 1, 269 f. u. Reg. S. 358, fried u. Wolfram, Amsterdam 1927, dazuHÜB-auch Ezzos Gesang, ebda S. 46. — Über den ner, Anz. 47, 144 f., Junk, DLz. 1929, 1924-geograph. Abschnitt: O. Doberentz, Die 97, Ehrismann, Lbl. 1929, 92 f., Piquet, Rev.Erd- u. Völkerkunde in der Weltchr. des R. germ. 19, 1928, 372 f.
3 Deutsche Literaturgeschichte IV