26
Die erzählende Dichtung
Gotfrid, welch letzterer sein besonderes stilistisches Vorbild ist, 1 aber in derNachahmung wird er zum Virtuosen. Seine beiden ersten Dichtungen reli-giösen Gehaltes sind Rudolf am besten gelungen; die verhältnismäßige Ein-heitlichkeit des Stoffes war leichter zubeherrschen als der ins Weite verlaufendeStrom der Vorgänge in den drei letzten Werken. Ihnen mangelt die künstle-rische Durcharbeitung, worunter auch der sprachliche Ausdruck leidet; be-sonders bezüglich des letzten Werkes, der Weltchronik, kann man von einemAltersstil reden. 2
Rhythmisch sind Rudolfs Verse wohlgebaut, mit der normalen Freiheitder Taktfüllung; die Reime 3 sind rein, dialektfrei.
Trotz der literarhistorischen Bedeutung Rudolfs ist eine unmittelbareEinwirkung 4 seiner Werke nur selten nachzuweisen. Nach der geringenZahl der Handschriften zu schließen, scheint die Verbreitung des G. Gerhardund des Alexander nicht groß gewesen zu sein, dagegen entsprach die Welt-chronik dem gelehrten Interesse des ausgehenden Mittelalters, was durchdie überaus große Zahl der Handschriften bestätigt wird.
Den Guten Gerhard 5 (6928 V.) hat Rudolf auf Wunsch Rudolfs v.Stein-ach (6823-39), eines St. Galler Ministerialen (urkundl. 1209.1221) um 1220-25nach einer nicht bekannten, aber wohl lateinischen Vorlage gedichtet.
Inhalt: I. Rahmenerzählung (V. 77-1125): Der Kaiser Otto glaubt wegen der Stiftung desBistums Magdeburg besonderen Anspruch auf Lohn bei Gott zu haben und rühmt sich seines
1 Stil: W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 247 (Sticho-mythie); Vilmar, Die zwei Recens. usw.(s. unten) S. 13 f.; Baechtold S. 97; Leitz-mann, ZfdPh.43, 301-07 u. Beitr. 42,503-05;Ehrismann, Stud. S. 57-78; Kurt H. Hal-bach, Gottfr. v. Straßb. u. Konr. v. Würzb.,1930, pass. — Fr. Krüger, Stilist. Unters,über R. v. E. als Nachahmer Gottfr. v. Str.,Progr. Lübeck 1896, dazu Marold, Anz. 23,308 f.; Junk, Anz. d. phil.-hist. Kl. d. Ak. d.Wiss. in Wien, Jahrg. 1924 Nr. VIII; Ant.Henrich, Stilist. Unters, über d. Willeh. desR. v. E., Beitr. 38, 225-79; Bandlow, DerStil R.s v. E. in seiner Weltchr., Greifsw. Diss.1911; Zellmer, Epitheta in der Weltchr. R.sv. E., ebda 1915; Schirokauer, Beitr. 47,S. 123; Zeeman, Stilist. Unters, über R.sv. E. Weltchr. u. seine beiden Meister G.v. Str. u. Wolfr., Amsterd. Diss. 1927, dazuJunk, DLz. 1929, 1284-97, Hübner, Anz. 47,144 f., Ehrismann, Lbl. 1929, 92 f., Piquet,Rev. germ. 19, 1928, 372 f.; Wolfg. Roedi-ger, Die adjektive Epitheta bei R. v. E.,Marb. Diss. 1921; Lange, Einsätze der Ab-schnitte in den Werken R.s v. E., Greifsw.Diss. 1921 (Mäschinendruck); Gertr. Borck,Wortwiederhol, in R.s v. Ems „d. g. Gerh."u. „Bari. u.Jos.", ebda 1932(Maschinendruck);Walther Brands, Wortwiederhol, in R.sv. E. Willeh., ebda 1923 (Maschinendruck);Käthe Iwand, Schlüsse der mhd. Epen, 1922.— Fremdwörter: Em. öhmann, Stud. über die
frz. Worte im Dt., Helsingf. Diss. 1918, 144;Suolahti, Mem. ... VIII, pass. — Junk,Ausg. II, 754.
2 Abnahme der Kunst Rudolfs: Schröder,Beitr. 29, 197 f.; v. Kraus, ZfdA. 56, 48;Ehrismann, Stud. über R. v. E. S. 98 ff.;Schirokauer, Beitr. 47, 112 f.
3 Metrik: W. Grimm, Kl. Sehr. 3 Reg. S.334;Junk, Unters, z. Reimgebrauch R.s v. E.,Beitr. 27, 446-503; Zwierzina, ebda 28, 425-53; Schröder, ebda 29, 197-200; Zwierzina,Anz. 26 Reg. S. 347.27 Reg. S. 343; v. Kraus,ZfdA. 56, 41-49; Henrich, Beitr. 38, 271-75(Willeh.); Otto Wegner, Reimwörterb. z.Weltchr., Greifsw. Diss. 1914; K. BormannI,Die Metrik in „g. Gerh." des R. v. E., hgb.von Vict. Junk, 1923, dazu Zeeman, Neophil.10 1925 228 f
4 'mSH.'4, 542 ff. — Entlehnungen im Rein-frid v. Braunschweig: Gereke, Beitr. 23, 404;nachgeahmt von Kistener in den Jacobs-brüdern : Euling S. 20 f.
5 Ausg.: Haupt 1840, dazu Textbesserungen:Haupt, ZfdA. 1, 199-201. 15, 249; Pfeifferebda 3, 275-78; Schröder ebda 43, 332;Leitzmann, ZfdPh.43, 317f.; R.Köhler, Kl.Sehr. 1,5. — 2 Hss., dazu Schönbach, Beitr.33, 186-90; Schröder, ZfdA. 67, 209 ff. 238.— Übers, s. Baechtold Anm. S. 30; PiperS. 545. — Zur Ethik: Naumann, Festschr.Ehrismann S. 94.