24 Die erzählende Dichtung
Seinen vollen Geschlechtsnamen verzeichnet der Fortsetzer der Weltchr.33496: „Ruodolf von Ense (= Ems)" sowie der Schreiber der Heidelberger Hs.Johanns v. Würzburg, Wilhelm v. Österreich (s. unten): „von Ems Ruodolf".Aus den Personen, die Rudolf als Veranlasser seiner Werke nennt, können wirauf seine literarischen und landschaftlichen Beziehungen schließen. Demnachhat er seine beiden ersten Werke (Guter Gerhard, Barlaam) in seiner Heimat-gegend abgefaßt, dann kam er in persönliche Verbindung mit der schwäbischenAristokratie (Alexander, Willehalm, Weltchronik). Seine dichterische Ent-wicklung können wir genau verfolgen: Seine Jugenderzeugnisse, welche unsnicht erhalten sind und die er später (Bari.5,10 ff.) als trügerische Geschichtenablehnt, waren wohl Abenteuer- und Minnemären. Erhalten sind uns fünferzählende Werke, deren Reihenfolge sich mit annähernder Sicherheit fest-stellen läßt. Seine früheste erhaltene Dichtung ist Der gute Gerhard, dienächste der Barlaam. Diese Reihenfolge gibt Rudolf selbst an im Alexander3279ff., und im Barlaam beruft er sich zudem auf den Guten Gerhard; danun die Weltchronik sein letztes Werk ist, stehen Alexander und Wille-halm 1 zwischen ihr und Barlaam. Die Eustachiuslegende, die er nach demBarlaam schrieb (Alex. 3287-89), ging verloren.
Rudolf v. Ems ist einer der fruchtbarsten mhd. Dichter — seine Werke er-reichen zusammen etwa 94000 Verse — und auch einer der gelehrtesten. Erwird wohl eine Klosterschule besucht haben; er verstand Französisch, vorallem aber Lateinisch, worauf seine ganze Bildung fußt. Ein lehrhafter Triebdurchzieht sein Schaffen, ohne aufdringlich zu werden. Aus seinen Werkenspricht eine ernste Persönlichkeit, die von sittlichen und religiösen Grund-sätzen geleitet ist. Die auf Belehrung und Besserung abzielende praktischeWillensrichtung steht in Verbindung mit Rudolfs realistischem Wesenszug,der einen für die Tatsachen des Lebens offenen Sinn beweist. Zusammen-gefaßt ergibt sich aus den Grundgedanken seiner Dichtungen das Bekenntniseiner ganz bestimmten Weltanschauung, 2 nämlich der des ritterlichen Laien-tums, der Vereinigung von weltlichem Beruf mit dem Dienste Gottes. Der
1 Der Alexander ist das frühere Werk; derselben, Alexander — Anfang der dreißiger
wenigstens wurde er vor dem Willehalm be- Jahre, Abbruch des Alexander und Beginn
gönnen: Man nimmt jetzt an, daß Rud. von des Willehalm im Jahre 1235; Schröder,
der Arbeit am Alex, zur Abfassung des Wille- Festschr. Leidinger, 1931; Georg Karl
halm überging (nach Alex. B. II), so etwa, Bauer, Die zeitliche Einreihung des Alex. u.
daß er sich mit dem Alex, „in verschiedenen Willeh. in das Schaffen R.s v. E., ZfdPh. 57,
Arbeitsperioden oder mit einer größeren Ar- 141-57. Einen Trojanerkrieg, den Lachmann,
beitspause" beschäftigte (Junk, Leitzmann, Auswahl (1820) S. IV, aus Weltchr. 26715 f.
Schröder). Chronologie: Piper S.544; erschließen wollte, hat Rud. nicht verfaßt,
Junk, Beitr. 29, 445 ff.; Ders., Prager dt. s. Baechtold, LG. S. 115 f. u. Anm. S. 36;
Stud. 8, 353-61; Leitzmann, ZfdPh. 43, 308- Zeeman, Stilist. Unters, in den am Schluß
313; Singer, LitGesch. d. dt. Schweiz S. 47; beigegebenen „Stellingen" Nr. II. — Junk,
Ehrismann, Stud. aaO. S. 79-96; Leitzmann, Ausg. Bd. 2, 752.
Beitr. 54, 294-305; Schröder, ZfdA. 67, 2 Weltanschauung, Ethik: Ehrismann, Stud.
242 ff. (mit weiterer Lit); Ders., ZfdA. 67, S. 43-57. 103-16; Schneider, Heldendicht.
219 ff. nimmt folgende Zeitfolge an: G. Ger- usw. S. 320 ff.; Naumann, Festschr. Ehris-
hard — Anfang der zwanziger Jahre des mann S. 94. 97 (Toleranz); Friedr. Neu-
13. Jh.s; Barlaam u. Eustachius — am Ende mann aaO. — Sittengeschichte: A. Dobber-