22 Die erzählende Dichtung
Auch die Dichter selbst sind sich bewußt, daß ihre Zeit eine andere gewordenist, es häufen sich Klagen über den Verfall der Sitten und der Kunst. Es istdas Bewußtsein des Niedergangs, der Dekadenz, des Epigonentums, wel-ches sie erfüllt. Das Interesse an König Artus und seiner Hofgesellschaft,diesen idealen Mustern des hochhöfischen Rittertums, erlahmt, und der über-sättigte Geschmack verlangt neue Stoffe. Man wendet sich nun auch kleinerenGattungen zu, der Novelle, der erbaulichen Erzählung; ritterliche Legendenleiten zur geistlichen Dichtung über, die Allegorie wird problemdeutendesMittel. Vor allem dringt eine lehrhafte und gelehrte, auch religiöse, Tendenzein, die das fortschreitende 13. Jahrhundert überhaupt kennzeichnet (siehe„Spruchdichtung"); das historische Interesse macht sich darin geltend, daßeinzelne Romane an geschichtliche Vorgänge und Personen angelehnt wer-den, und führt zur Herstellung umfangreicher Vers-Chroniken, neben denendann kleinere historische Lieder allenthalben hervorsprossen.
In allen diesen nachklassischen höfischen Epen lassen sich die Ein-wirkungen Hartmanns, Wolframs, Gotfrids und ihrer jüngeren Zeitgenossennachweisen, ja jeder der „Epigonen" bewegt sich in den Gleisen irgendeinesVorgängers. Wolframs dunkle Manier wurde von seinen Nachtretern zu lächer-lichem, tiefsinnig sein sollendem Pathos geschwellt, Gotfrids leichte Grazieverflachte zu bloßem Wort- und Reimgeklingel. Diese klassischen Meisterhaben wohl mit ihren ausgeprägten Formen die Dichtersprache stark beein-flußt, aber doch nicht Schulen im eigentlichen Sinn begründet. Überhauptläßt sich diese nachhöfische Epik nicht streng nach bestimmten Gesichts-punkten gruppieren, etwa nach Landschaften, Ständen, Kunstrichtun-gen ; weshalb für die folgende Anordnung im großen und ganzen die chrono-logische Reihenfolge unter Berücksichtigung gewisser stofflicher und formalerBeziehungen zugrunde gelegt werden wird. Hinsichtlich der Verteilung aufLandschaften haben den stärksten Anteil an der höfischen Epik dieserPeriode die oberdeutschen Stämme, das alemannische, bayerisch-österreichi-sche und ostfränkische Gebiet. Der Mittelrhein und Thüringen treten zurück;neu hinzugekommen ist Böhmen, wo der Hof die Pflege der Dichtkunst för-derte (s. auch Spruchdichtung). Im niederdeutschen Stammesgebiet istdie höfische Dichtung, Lyrik und ritterliche Epik (im 13. Jahrhundert nurBerthold v. Holle) nichts als ein Zweig der entsprechenden hochdeutschen,da die geistige Richtgebung aus dem in der kulturellen Entwicklung voran-gehenden Süden kam; und auch als Dichtersprache gilt nicht das Nieder-deutsche, sondern das Hochdeutsche, also ein der Landesmundart fremdesIdiom. Eine niederdeutsche Literatur in niederdeutscher Sprache kam erstlangsam auf, und zwar zunächst in Gestalt von Prosawerken (Sachsenspiegel,Sächsische Weltchronik), während als Dichtersprache bis zum Beginn des14. Jahrhunderts noch das Hochdeutsche herrschte. 1
1 Roethe, Die Reimvorreden des Sachsenspiegels, Gott. Abhandl. NF. II Nr. 8, 1899.