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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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20 Die erzählende Dichtung

Auf dem gleichen Grundplan wie Floire und Blanscheflür ist die ErzählungDie gute Frau" (3058 V.) aufgebaut: Trennung und Wiedervereinigungzusammengehörender Personen.

Der Verfasser, der sich nicht nennt, wird, wie die religiöse Tendenz undmanche Einzelheiten wahrscheinlich machen, Kleriker gewesen sein. Diumcere (die Geschichte) erzählte desMarkgrafen Kappelan, der von Mun-ferrän war", auf Veranlassung des Markgrafen verdeutschte der Dichter dasBuch (V. 6 ff. 3052). DerMarkgraf" war wohl Hermann V., Markgraf vonBaden (f 1242), demnach wird die Entstehungszeit des Gedichtes in das ersteDrittel des 13. Jahrhunderts fallen. Der Verfasser war Niederalemanne, 1 seinevon dem Kaplan ihm überlieferte Quelle war ein französisches Gedicht, naheverwandt mit dem Guillaume d'Angleterre (Wilhelmsleben) des Chrestienv. Troyes (s. auch unten Ulr. v. Eschenbach, Wilhelm v. Wenden). Die Be-zeichnung diu guote vrouwe (162. 1130. 3056) ist eine Übersetzung desfranzösischen La bone dorne (3022).

Inhalt

I. Jugend und Eheglück (V. 21-1476). Die Tochter des Grafen v. Barria (Berry) und der Sohneines seiner Dienstmannen wachsen in Minne miteinander auf. Beider Eltern sterben früh (21-550).Der Knappe geht in fremden Kriegsdienst und erwirbt den Ruhm des besten Ritters. Zurückgekehrtbefreit er die junge Herrin von einem Feinde, sie nimmt ihn zum Gemahl (973-1476). II. DieTrennung (V. 1477-2658). Als er nun alles Glück besaß, wird er durch den Anblick einer Schar Elen-der und Blinder daran gemahnt, daß er Gut und weltliche Ehre um Gott aufgeben soll. Er ziehtmit seiner Frau als Bettler in fremde Länder und erträgt Mühsal und Hohn. Sie bekommt zweiSöhnchen, geht ins Spital, aus Not verkauft er sein Weib. Sie geht in Dienst, er bettelt sich mitden Kindern weiter. Als er über eine Brücke gehen will, bricht diese zusammen und die Wogenreißen sie fort. Die Kinder werden am Ufer von einem Bischof und einem Grafen gefunden undaufgezogen. Die Frau wird von einem Grafen von Blois, dann vom König von Frankreich ge-heiratet, aber ohne Vollzug der Ehe. III. Die Wiedervereinigung (V. 2659-3048). Bei demJahrtag der Todesfeier für den König kommen viele Sieche herangekrochen, unter ihnen einBettler, den die Frau, jetzt Königin von Frankreich, als ihren früheren Gatten erkennt. Zugleichwerden ihnen die beiden Kinder von ihren Erziehern übergeben. Der Mann, der Held der Ge-schichte, hieß Karlmann, die Kinder waren Karl und Pippin.

Das Gedicht ist ausgesprochen religiös gerichtet. Wie durch ein Wundervollzieht sich die innere Umkehr des Mannes. Die werlt lagert durch got (1579)ist das Motto des Gedichtes. Askese ist die Lebensführung der beiden inWeltehren glänzenden, nun als Bettler verelendeten Ehegatten. Zunächst giltdies freilich nur für den Mann.

Der Urtypus von Chrestiens Guillaume d'Angleterre und damit zusammenauch der der Guten Frau und Ulrichs v. Eschenbach Wilhelm v. Wendenliegt in der Eustachiuslegende vor (lat., 8. 9. Jh., s. auch unten Rud.v. Ems), die ihrerseits Elemente aus dem griechischen Seefahrerroman auf-genommen hat. Das legendenhafte Moment gehört also zum ursprünglichen

1 Schröder aaO. Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 348. 27 Reg. S. 344, bes.ZfdA. 26, 301 f. 354 f.