6. Die gute Frau 19
Wertvoll ist, daß er der bloßen Liebesgeschichte des Originals eine sittlicheWendung gegeben hat. Aber die rein menschliche Auffassung ist nicht ge-troffen, diese nach der Minnetheorie stilisierte Kinderliebe hat etwas Ge-schraubtes. Das kindlich Naive fehlt, dadurch leidet die psychologische Wahr-heit, und die Kinder gebärden sich zuweilen wie Zierpuppen. Im zweiten Teil,da sie erwachsen sind, tritt dieser Mangel in der Menschenzeichnung wenigerhervor. Alles in allem hat der Dichter doch ein Werk geschaffen, das inner-halb der mhd. Literatur hervorragt durch Lieblichkeit und Zartheit der Empfin-dung und das zudem noch einen hohen sittlichen Wert in sich trägt in seinerHervorhebung der Treue und der strebenden Pflichterfüllung.
Die Darstellungsweise ist schlicht und einfach. In der Erzählungs-kunst folgt Fleck Hartmann v. Aue, ihm hat er z. B. die überspannte Be-schreibung des Reitpferdes im Erec nachgeahmt (Floire 2736-2881), und Hart-manns Büchlein hat seine sittliche Auffassung von der Pflicht der arbeit desMinnenden beeinflußt (LG. 11,2, 157). 1
Wortgebrauch und Verskunst sind mehr von natürlichem Sprach-gefühl als von höfischer Absicht eingegeben, so sind auch die Reime nichtdurchweg rein. 2
Konrad Fleck hat außer Floire auch einen Clies 3 verfaßt, wie Rud. v. Emsin seinem Alexander berichtet (siehe oben), der aber verloren ist. Vermut-lich war es eine Übersetzung von Chrestiens Cliges (s. LG. II, 2, 137 f.). ImWillehalm redet Rudolf beim Zitat Flecks nur von Flore, dagegen rühmt erdaselbst bei Ulrich v. Türheim dessen Clies (s. unten Ulr.v. T.). 4
6. Die gute Frau
Ausg.: E. Sommer, ZfdA. 2, 385^181,dazu ebda 4, 399 f.—Abhandl.: Piper, Höf. Epik 2,568-71; Wilh. Eigenbrodt, Unters, über das mhd. Gedicht „diu guote vrouwe", Jen. Diss.1907; Schröder, Der Dichter der guten Frau, Festschr. Kelle, Prag. dt. Stud. 8, 339-52. —Textkrit, Stellen: Paul, Beitr. 1, 207 f.; Schröder aaO. S. 504-6; Lit.: Eigenbrodt S. 7 f. —1 Hs.: Sommer S. 385; Eigenbrodt S. 8-10; Schröder, ZfdA. 48, 504; H.-Fr. Rosenfeld,Stammler, Verfasserlex. 2, 127f.
1 Beziehungen zu andern mhd. Dichtern: Der rührende Reim, ZfdA. 56, 33-35; klin-Sommer S. XXVII f. XXXII ff. u. Anm. zu gende Reime: Schröder, Rittermaeren 1 S.Xf.;2302 ff. 2743 ff. 7970; Rischen S. 1-30. — Rischen S. 89-100.
W.Grimm, Kl. Sehr. 3,243. —Von Gotfrid hat 3 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 85; v. Kraus,
Fleck einige Wortbildungen u. Wendungen; Übungsb. 1 S. 250; Lachmann bei Sommer
Inhaltliches. Schröder, Ritternueren 1 S. XXXIII f.; Pfeiffer, Freie Forsch.
S. XVII Übereinstimmungen mit Veldeke: S. 151 ff.; Steinmeyer, ZfdA. 21, 319. 32,
Behaghel, En. S. CCXXVf.; mit Ottes 127 f.; Leitzmann, ZfdPh. 43, 316; Wil-
Eraclius: Schröder, Münch. SB. 1924 Abh.3 helm, Münchn. Mus. 4, 1924, 29; Schröder,
S. 13. 16; zu Rud. v.Ems s. oben. — Im ZfdA. 67, 250 f. (das spätere Werk).
Friedr. v. Schwaben wird Fl. u. Bl. unter an- 4 Seit Lachmann hat man angenommen,
dem literar. Beispielen genannt (ed. Jellinek, Fleck habe seinen Clies unvollendet hinter-
Reg.); Püterich zählt das Ged. in seinem lassen und Ulr. v. Türheim habe ihn zu Ende
Ehrenbrief auf.. geführt, doch sicher bewiesen ist dies nicht. —
2 Stil: Sommer in den Anm. seiner Ausg.; Der Artusritter Clies (Cliges) gehört zu denBruno Broszat, Beitr. z. Stilistik von K. Helden, die Thomasin im Wälschen GastFl.s Fl. u. Bl., Greifsw. Diss. 1921 (Auszug); (1041 ff.) den Juncherren als Vorbild auf-Walker, Monolog, pass. — Reim: C. v. Kraus, stellt.