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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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5. Konrad Fleck, Floire und Blanscheflür 17

Als Quelle gibt Fleck das wälsche Gedicht des Ruopreht von Orient 1an (V. 142).

Der Grundplan des Gedichtes, das Schicksal zweier jugendlicher Liebenden, ihre Tren-nung und Wiedervereinigung, entfaltet sich in ungebrochener Linie, nicht in Anhäufung oderSchachtelung von Abenteuern wie in den Artusromanen. Floire, der Sohn des heidnischenKönigs von Spanien, und Blanscheflur, die Tochter einer christlichen Kriegsgefangenen, amgleichen Tage, einem Palmsonntag, geboren, werden miteinander am Königshofe erzogen undlieben sich vom ersten, dämmernden Bewußtsein an. Aber die zunehmende Leidenschaft, dieKönigssohn und Sklavenkind verbindet, veranlaßt den König und die Königin, Floire in einefremde Schule zu schicken (835). Im Abschiedsschmerz will sich Bl. mit ihrem Griffel erstechen(1244). Der König will sie töten lassen (1440), aber auf den Rat der Königin wird Bl. dadurchunschädlich gemacht, daß man sie an babylonische Handelsleute verkauft, die sie ihrem Herrn,dem Admiral, nach Babylon bringen, wo dieser ihr in einem Turme fürstliche Aufnahme gewährt,um sie später zu heiraten. Die Eltern lassen ein prachtvolles Grabmal errichten, dem zurück-gekehrten Sohne wird erzählt, Bl. sei darinnen beigesetzt (1867). Aus Verzweiflung will auch ersich mit dem Griffel, den ihm Bl. geschenkt, erstechen. Um ihn zu beruhigen, sagt man ihm denwahren Verlauf (2911). Nun macht sich FI. auf die Fahrt, Bl. zu suchen. Er verfolgt ihre Spurund erfährt in Babylon ihren Aufenthalt. In einem Korb mit Rosen verhüllt, läßt er sich in dasTurmgemach Bl.s tragen (5511). Glückselige Wiedervereinigung unter Obhut der treuen DienerinBl.s, Claris (5832). Nach zwanzig Tagen werden die Liebenden entdeckt (6328) und auf einemGerichtstag zum Feuertod verurteilt (6535). Ihre aufopfernde Treue, da jedes für das anderesterben will, rührt den Admiral, so daß er ihnen verzeiht (7469): Beim Versöhnungsfest erfährtFl. den Tod seines Vaters, Fl. übernimmt dessen Nachfolge, Fl. und Bl. herrschen glücklich biszu ihrem hundertsten Jahre und sterben am gleichen Tage. Ihre Tochter ist Bertha, die MutterKarls d. Gr.

Die Sage 2 hat ihren Ursprung in einem Kernmotiv des griechischen undbyzantinischen Romans, 3 der Trennung und Wiedervereinigung zusammen-gehörender Personen, näher stehen hier arabische Erzählungen. Sie gehörtezu den verbreitetsten Stoffen des Mittelalters und findet sich bei allen Völkerndes Abendlandes. Ausgegangen ist die poetische Verarbeitung von Frankreich,und zwar in zwei Redaktionen: die sog. Version aristocratique zeigt einen ge-bildeteren Geschmack. Dazu gehören die deutschen Bearbeitungen, diemittelenglische und verschiedene nordische, die mittelniederländische (Die-deric van Assenede) und eine tschechische. Die etwas niederer gehaltene sog.version populaire, ebenfalls aus einer altfranzösischen Fassung entstanden,ist durch ein altitalienisches Gedicht, durch Boccaccios Roman Filocolo(1338-41), einen spanischen Roman und ein neugriechisches Gedicht vertreten.Nahe steht der Floresage die reizende afrz. Cantefable Aucassin et Nicolete.

In Deutschland hat die rührende Liebesgeschichte durch die Jahrhunderteihre Zugkraft bewahrt, im Gehalt verschieden je nach der mehr oder weniger

1 Orient, nicht Orbent, wie man früher zi- 1876; Heinzel, Kl. Sehr. S. 81; Gröbers

tierte, ist nach Rischens krit. Ausg. zu lesen. Grundr., Franz. Litt. S. 527-29; Voretzsch,

a Lit.: Sommer, Ausg. S. VII ff.; Grässe, Die Einführg. X.Kap. Nr. 7; Lorenz Ernst,

großen Sagenkreise S. 274-77; Piper, Spiel- Floire u. Blantscheflur, Studie z. vergl. Lit-

mannsdichtg. aaO.; Golther, Ausg. S. 236ff; Wiss., QF. Nr. 118, 1913; Burdach, SB. d.

v. Kraus aaO.; dazu nachher erschienen: Preuß. Ak. 1918, 1017 f. u. Vorspiel I, 1, 281;

Singer, ZfdPh. 52, 77 ff.; J.W. Spargo, Neu- Singer, Abhandl. d. Preuß. Ak. 1918 Nr. 13

philol. Mitt. 28, 69-75. S. 4 ff.; Ders., ZfdPh. 52, 77-82. LG. II, 1

3 Erwin Rohde, Der griech. Roman, 1. Aufl. Reg. S. 351°. II, 2 Reg. S. 343 a .

2 Deutsche Literaturgeschichte IV