14 Die erzählende Dichtung
gebiet, wie aus den mundartlich bestimmbaren Formen seiner Dichtungenhervorgeht, 1 doch hielt er sich längere Zeit in Österreich auf, denn einigeseiner kleineren Gedichte nehmen Bezug auf dortige Verhältnisse. 2
Das besondere und ihm eigenartige Kunstgebiet waren die Novelle, kleinereerzählende und lehrhafte Stücke (bispel, s. unten). Seine dichterische Tätigkeitfällt in die Jahre 1215-50, Rud. v. Ems nennt ihn als Lebenden im Alex.3257 f. (das Zitat im Willehalm [2230-33] ergibt nichts für die Lebenszeit). 3Karl der Große und Daniel waren seine ersten Erzeugnisse, dann stieg erherab zu Schwankdichtungen und kleineren novellistischen Erzählun-gen und pflegte die lehrhafte Gattung der bispel.*
Der Daniel 5 (8400 V., 5 Hss.) ist ein Abenteuerroman gewöhnlichenSchlages. Den Kern bildet die Anforderung des Königs Matur von Clüse anArtus, sich ihm zu unterwerfen, da hinein spielen Kämpfe Daniels mit Riesen,Zwergen und einem bauchlosen Ungeheuer, das ein durch den Anblick töten-des Haupt in der Hand hält; auch fällt er in ein unsichtbares Netz, aus demihn eine Jungfrau befreit. Die Aufmachung ist langstielig und umständlich,auf ein Publikum berechnet, das mit der Person des Artus und seiner Um-welt nicht recht bekannt war. Um seinem Werke ein höheres Ansehen zu ver-leihen, erdichtet der Stricker eine französische Quelle: Meister Alberich vonBisenze nennt er als Autor seiner wälschen Vorlage (V. 7ff.), aber damit hater einfach Lamprechts Alexanderlied (V. 13ff.) ausgeschrieben. Den Stoffhat er wahrscheinlich selbst ohne eine französische Vorlage 6 zusammen-getragen aus umfangreicher, auch antiker Sagenkenntnis und unter Be-nutzung besonders von Hartmann 7 sowie von Wirnts Wigalois und Zatzik-hovens Lanzelet. 8
1 Sprache: Rosenhagen, Unters. S. 33-^7; Tal 1890, dazu Singer, DLz. 1891, 703, JohnSeemüller, Anz. 19, 248 ff.; Schirokauer, Meier, Lbl. 1892, 217-20, LEiTZMANN,ZfdPh.Beitr. 47, 26. 113. Südrheinfrk.: Zwierzina, 27, 543^17. — Ausg.: Rosenhagen 1894,ZfdA. 44, 351 f. 45, 27 f. 59-61. 70 f., s. Anz. dazu Cbl. 1894, 1068 f., Ehrismann, Lbl.26 Reg. S. 354 f. 27 Reg. S. 350; Ehrismann, 1895, 76-78, Seemüller, Anz. 23, 56-66,Beitr. 22, 336f.; A. Blumenfeldt, Die echten Lambel, ZföG. 48, 231^17. 316-34; Wil-Tier- u. Pflanzenfabeln des Strickers, Berl. helm, Beitr. 33, 335 f. (Fabulist. Quellen-Diss.l916,23-26(mitLit.);ScHRÖDER,Münchn. angaben). — Stelle: Stammler, Repert. f.SB. 1924, 3. Abt. S. 4. Früher wurde allgemein Kunstwissensch. 51, 1930, 143 f.Österreich als Heimat Strickers angesehen, 6 Rosenhagen, Unters. S. 47 ff. (mit ältererBartsch, Strickers Karl, Ausg. Einl. S. II. Lit.); Wilhelm, Beitr. 33, 335 f. Einen ver-
2 Bartsch aaO.; Rosenhagen, Unters, lorenen franz. Roman nehmen an G. Paris,S. 33 f. Hist. litt, de la France 30, 1888, 136-41 u.
3 Siehe unten unter Rudolf v. Ems. Romania 10, 466 f.; Wechssler, Roman.
4 Seemüller, Anz. 19, 253; Rosenhagen, Jahresber. 4, 399; Singer, Wolframs StilAusg. d. Daniel S. IX ff. — Karl vor Daniel: S. 124.
Rosenhagen, Unters. S. 110-112, Ausg. aaO.; 7 Rosenhagen, Unters. S. 51-85; M. Mayer,
Seemüller aaO.; Dan. vor Karl: Leitz- Das Verhältnis des Strickers zu H. v. Aue,
mann, ZfdPh. 28, 43-47 (dazu aber Wil- untersucht am Gebrauch des Epithetons,
helm, Gesch. der handschriftl. Überlieferung Progr. Weinberge 1905 u. 1906, dazu Bernt,
von Strickers Karl S. 19 f.); Ehrismann, Anz. ZföG. 60, 189 f.
30, 200A.; s. ferner Singer, DLz. 1891, 704; 8 Oder aus einem verlorenen deutschen
John Meier, Lbl. 1892, 220. Lanzeletroman, der auf anderer Vorlage als
6 Lit.: Piper, Höf. Ep. 3, 87 ff.; grund- Chrestiens u. Zatzikhovens Lanz. beruht;
legende Unters, mit vollst. Lit. bis 1890: Rosenhagen, Unters. S. 65 u. s. oben unter
Gustav Rosenhagen, Unters, über D. v. Bl. Zatzikhoven.