4. Der Stricker 13
sehr verschwenderisch, auch gebraucht er unbedenklich mundartliche, volks-tümliche und veraltete Wörter und formelhafte Wendungen.
Auch Versbau und Reim handhabt er ohne Schwierigkeit, doch ist erder erste, der die in Innerösterreich sich entwickelnde, zunächst noch mund-artliche Diphthongierung der langen Vokale i, ü, iu > ei, ou, eu zuläßt. Einengewissen Sinn für formale Gliederung erweist er dadurch, daß er, in Nach-ahmung von Wirnt, den Schluß von Abschnitten durch Dreireim hervorhebt.
Heinrich v. d. Türlin ist der Typus des Epigonen, ohne eigene Erfindungs-und Gestaltungskraft, ohne wirklichen Sinn für eine sittliche Aufgabe derKunst. Wenn er die Frauenverehrung als ideales Ziel seines Dichtens auf-stellt, so ist das doch nur ein schöner Ziermantel, der sich jedem höfischenRoman umhängen läßt. Er kann es auch anders. Er weiß die Sinne seinerHörer oder Leser auch durch sexuelle Reizmittel zu gewinnen, wie durch dieanzüglichen Keuschheitsproben oder gar durch die empörend plumpe, hand-greifliche Schilderung von dem Notzuchtversuch des Frauenräubers anGinover. Die Wirkung 1 der „Krone" war gering. Rudolf v. Ems preist siein dem Dichterkatalog des Alexander (3219-28).
Heinrich v.d. Türlin ist auch der Verfasser des Gedichtes Der Mantel 2(erhalten sind 994 V.), wie aus der Sprache (Formgebrauch, Wortschatz,Verskunst) hervorgeht. Keuschheitsproben kommen in den Literaturen ver-schiedener Völker vor, und die Mittel der Prüfung sind mannigfaltiger Art.Heinrich selbst hat in der Krone zweimal das Thema behandelt (s. oben), inder Becherprobe, die zuerst in einem französischen Lai des 12. Jh.s bedichtetist, Lai du com (Trinkhorn), und auch später wieder in der deutschen Lite-ratur auftaucht in einem Meisterlied und in einem Fastnachtsspiel, und inder Handschuhprobe. Die Probe mit dem Mantel hat schon Ulrich v. Zatzik-hoven in seinen Lanzelet eingeflochten (s. oben), verwandt ist das französi-sche Fabliau du mantel mantaille, 13. Jh., das dann wieder weiter verbreitetwurde; im Deutschen ist auch diese Version in einem Meisterlied und in einemFastnachtspiel (Der Luneten mantel) erneuert worden.
4. Der Stricker
Der Zeit nach ist hier der Daniel vom Blühenden Tal 3 vom Strickereinzureihen, um 1215.
Der Stricker stand den adligen Kreisen nicht nahe, er war ein Fahrender,der um Lohn, um einpfert unde altgewant, dichtete. 4 ,Stricker' ist ein bürger-licher Geschlechtsname. 5 Seine Heimat lag im südrheinfränkischen Sprach-
1 Gülzow S. 5; Wolfdietrich: Schneider, Kinzel, ZfdPh. 16, 115-18. Abhandl.: War-Reg. S. 414. natsch in s. Ausg.; Singer, ADB. 39, 20. —
2 Piper, Höf. Ep. 2, 245-48. 301 f. — Ausg.: Zur Becherprobe (Meisterlied): Zingerle, DasHaupt, Ad. Bl. 2, 215^10; Müllenhoff, Ad. goldene Hörn, Germ. 5, 103-05. 367 f.Sprachproben 3 , 1878, 125-36; O. Warnatsch, 3 Früher fälschlich D. v. Blumental genannt,Der Mantel, Bruchstück eines Lanzeletromans s. Rosenhagen, Ausg. S. 179 Anm. zu V. 164.des H. v. d. Türl., 1883, dazu Martin, DLz. 4 Burdach, Reinmar S. 131 f.
1883, 847, Reissenberger, Lbl. 1884,8, See- 6 Pfeiffer, Germ. 2, 499; John Meier, Lbl.Müller, Anz. 10, 197-202 u. ZföG. 1885, 321, 1892, 220.