12 Die erzählende Dichtung
Taten eine Umformung primitiver Volksphantasie, des Märchens und desZauberwesens. Überall ist man vom Wunderbaren umgeben; magischeDinge wie unsichtbar machende Gürtel, siegverleihende Kleinode, Becheroder Handschuh, die geheimgehaltene Untreue verraten. Ein Gegensatzpaar,ein guter und ein böser Zauberer, leitet die Geschicke Gaweins. Am grellstenaber tritt jene primitive Anschauung in der Auffassung vom Schloß derGralsritterschaft zutage, es ist eine Gespensterburg, es ist die andere Welt,das Totenreich, der Gralsherr sagt: ich bin tot, swie ich nicht tot schin, Undedaz gesinde min Daz ist ouch tot mit mir. 1
Heinrich v. d.Türlin steht stark unter der Tradition. 2 Höchste Ver-ehrung zollt er Hartmann, für dessen Seelenheil er jene Totenklage an-stimmt (2348 ff.), in die er dann eine Reihe verstorbener Minnesinger ein-bezieht, Reinmar, Dietmar, Rugge, Hausen, Guotenburg, Hug v. Salza. Da-bei hebt er zugleich den idealen Gehalt der Dichtkunst hervor, wibes giietezu verherrlichen (2422 ff.) und wibes lop zu singen (248). Um der Frauenwillen, die der Welt Freude und hohen Mut verleihen, hat er selbst gesungen(29989 ff.). — Wolfram nennt er nur vorübergehend einmal (6377 ff.), ebensoWirnt (2938 ff.), den er öfter benützt hat. Übrigens ist auf seine Quellen-berufungen 3 wenig Gewicht zu legen (die Zitierung Cristiäns von Trois für16941. 23046. 23982 ist direkt falsch). Er schöpfte aus Wolframs und Chre-stiens oder dessen Fortsetzer Parzival, aus Ulrichs Lanzelet bzw. überhauptaus der Lanzelotgeschichte. Die Episode vom Maultier ohne Zaum stammtaus der französischen Erzählung Mule sans frain, aus dem Französischen auchdie beiden Schwanke Becher- und Handschuhprobe. Vieles hat er auch selbstaus dem Motivenschatz der Artusepik beigebracht.
In seinem Stil 4 ist Heinrich ein nicht ungewandter Nachahmer der höfi-schen Kunstsprache, mit französischen und lateinischen Fremdwörtern ist er
1 Märchenstoff: Zingerle, Germ. 8,414-20; 288.
San-Marte, ZfdPh. 15,405 ff.; Hertz, Parz. 2 , 3 Lit. zu den Quellen: Piper S. 244; San-
1898, 445 f.; Bruce aaO. S. 347; Golther, Marte, ZfdPh. 15, 405; Warnatsch, Mantel
Gralbuch S. 219. 221 ff. 228; Güntert, Kun- S. 118 f.; Martin, Parz.-Ausg. II S. XLVI;
dry S. 27. — Antike Mythologie: Reissen- Graber S. 161 f.; Gülzow S. X-XIV u. S.4;
berger S. 12-16. Singer, Wolframs Stil S. 125; Golther,
2 Einwirkung von Hartmann: Haupt, ZfdA. Gralb. S. 215-31. — Lanzelot als Quelle:3, 267; Ders., Der A. Heinrich u. die Büchlein, Warnatsch S. 106 ff.; Rosenhagen, ZfdPh.2. Aufl. S. XI ff.; Schönbach, Über H.v.Aue 29, 163 f.; Unters, über Daniel S. 65; Singer,S. 478-80; Ders., Beitr. 33, 367; Bartsch, Aufs. u. Vortr. S. 158; Golther, Gralb.Germ. 7, 150 ff. (die Ritter der Tafelrunde); S. 216. — Stellen, wo Lanzelet in der KroneErnst Friedlaender, Das Verzeichnis der genannt ist, s. Scholls Ausg. Reg. S. 507.Ritter der Artustafelrunde usw., Straßbg. 4 Gülzow, Zur Stilkunde der Krone (s. oben),Diss. 1902. — Einwirkung Wirnts: Niedner, dazu Richter, Arch. 134, 454; v. Jacksch,Das dt. Turnier S. 16 ff. — Krone u. Strickers Carinthia 1918, 107; Walcker, Monolog;Daniel: Rosenhagen, Unters, über Daniel Brinkmann, Wesen u. Form. Fremdwörter:vom blühenden Tal. 1890, 113-16; Ders., Schönbach, Beitr.33, 370-72; Graber S. 161;Ausg. des Daniel, 1894 S. IX. — Krone u. Gülzow S. 45-56; Suolahti, MemoiresWolfdietrich: Schneider, Wolfd. Reg. 414. — VIII, 18 f. Reimwörterbuch zur Krone: El-Krone u. Wolfram: Lachmann, Kl. Sehr, friede Pfoser, Diss. Wien 1929. — Sprach-S. 513-18; Zingerle, Germ. 5, 468-79; liches: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 355. 27Birch-Hirschfeld, Sage vom Gral S. 285- Reg. S. 351.