8 Die erzählende Dichtung
aber bei etwa 161, 20 = V. 6244 hat er Wolfram kennengelernt — die erstensechs Bücher des Parzival (auch die Vorgeschichte Gahmurets) — und wirdvon ihm stärker angezogen, allerdings nicht von seinem dunkeln Stil. Ihmzollt er die höchste Verehrung: „ein wise man von Eschenbach ..., leien muntnie baz gesprach" (163, 39 ff.) = V. 6343 ff. (LG. II, 2, 223. 232).
Im Prolog (5,1-9 = V. 1-144) legt er sein Programm 1 dar: er will den nachEhren Strebenden gute Lehren geben und Vorbilder aufstellen an Rittern,die in der Welt den höchsten Preis erwerben und doch nach Gottes Lohndienen, das ist die Ethik des ritterlichen Tugendsystems (LG. II, 2, 23). Nurfür Laien und als ritterlich-weltliches Bildungsmittel denkt er sich sein Werk,nicht als ein erhabenes, religiöses Erbauungsbuch. Jene Grundsätze — guteLehre geben mit dem Ziel der Vereinigung von Welt und Gott — bilden denethischen Unter ton des Romans und verleihen ihm einen über bloßen Unter-haltungsstoff hinausgehenden Wert. Damit zusammen hängen die häufigenlehrhaften Betrachtungen und Allgemeinsprüche. 2 Die Vorgänge der ganzenAbenteuergeschichte sind begleitet von einer religiösen Denkweise, die in zahl-reichen frommen Wünschen, Bitten und Äußerungen der Personen durch-bricht, besonders aber in der Lehre, die Gawein seinem Sohne zum Abschiedgibt (293, 17ff. = V. 11521 ff.), und dann in den Schlußworten (298 ff. =V. 11700-05): solche Einschläge führen zu einem überzeitlichen Gehalt. Frei-lich hat dieser religiös-lehrhafte Bestandteil dem Stoff nur eine gewisse Fär-bung gegeben, ohne daß das wirre Abenteuerwesen organisch mit einer durch-gehenden höheren Idee durchdrungen wurde.
Inhalt: Vorausgeschickt ist diesem biographischen Roman (11780 V.) eine Vorgeschichteder Eltern. Gawein wird am Artushofe von 1 einem Ritter Joram gefangen genommen, in dessenWonneland am Meer gebracht und dort seiner Tochter Florie vermählt. Nach einem halbenJahre nimmt er Abschied mit dem Versprechen, nicht lange auszubleiben, aber er kann denRückweg nicht finden. Sein und Floriens Sohn Wigalois zieht, herangewachsen, aus, den Vaterzu suchen. Auf diesem Wege besteht er eine Masse von Abenteuern, die großenteils in den Rah-men einer Befreiungsgeschichte eingesponnen sind: Die Königin von Korntin und ihre TochterLarie sind durch einen ungetreuen Vassallen, Roaz von Glois, der den König erschlagen hatte,ihres Landes beraubt.Wigalois ersticht im Zweikampf diesen, einen mit Zauberkünsten ausgestatte-ten Teufelsbündler, in seiner Feuerburg. Ende gut, alles gut, Wigalois und Larie vermählen sich,bald darauf kommt Gawein in ihr Land Korntin, es folgen weitere Abenteuer und ein Fest anArtus' Hofe. Wigalois und Larie herrschen noch lange in Reichtum und Ehren ohne Makel.
Deutlich tritt der keltisch-irische Grundstock hervor, 3 der Mythus vomJenseits: das Feenland des Joram, das Totenreich des Roaz, der irische Toten-
Anz. 8, 170, BÖTTICHER, ZfdPh. 14, 117 ff.Max Irrgang, Zum Wig., Hall. Diss. 1887Zwierzina, Festr. Heinzel 1898 S.500 Anm.2
Ehrismann, ZfdA. 49, 418. — Die äventiure hat,bezeichenunge' der zuht unde der wärheit, sie hatsymbolischen Gehalt: Thomasin, W. Gast 1041—
Schirokauer, Beitr. 47,48. 97 f. — Der Liebes- 1162.
brief: Wig. 224,15-35 = 8759 Nachahmung von 2 K. Rochels, Über die religiösen u. sittl. Be-
Parz. 715, 1—30? Ernst Meyer, Die gereimten merkungen in dem Ritterroman ,Wigalois',
Liebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 S.46; Schiro- Progr. Eupen 1901; R. Latzke, Über die sub-
kauer S.98; Symons, Kudrun 2 S.XCIII Anm. jektiven Einschaltungen inW.sWig., ZföG.57,
— Wirnt hat auch die Eneide gekannt: Be- 1906, 361-85.
hachel, En. S.CCXXIIff. 3 Ehrismann, Beitr. 30, 30-35; Arthur C. L.
1 Schwietering, Demutsformel S. 83-89; Brown, Iwain (s. LG. II, 2, 135 A. 1) S. 80 f.