Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

2. Wirnt von Grafenberg, Wigalois 7

Zwei Lebensbereiche gehen durcheinander, die Märchenwelt 1 und die höfischeKultur. Sie sind nicht zu einer harmonischen Einheit verschmolzen, und daskeltisch Märchenhafte ist nicht restlos in das ritterliche Gesellschaftskostümgekleidet. Daraus und aus der bloß äußerlichen Komposition der Erweiterungdurch Motivwiederholung erklären sich jene moralischen Ungeheuerlich-keiten. Der Held selbst ist in seinem Schicksal das Glückskind des Märchens:der scelige Lanzelet (5242 u. ö.), der sceligeste man (7800), er enwei^ nicht wa.3trären ist (1340).

Das Motiv von der Erschlagung des Vaters und der Heirat der Tochterstammt aus dem Märchen und letztlich aus einer primitiven Unterschicht:Galagandreiz ist der Menschenfresser, 2 die Tochter ist das Mittel, um das un-glückliche Opfer anzulocken. So liegt die Lüsternheit dieser Mädchen in ihrerursprünglichen Märchenart. Aber so wie das Gedicht nun einmal vorliegt ohneBerücksichtigung der Entstehung des Stoffes, erregt der Mangel an sittlichemEmpfinden unser Erstaunen. Welch ein Unterschied zwischem dem bloßsinnlich Triebhaften in diesemwälschen Buch" und Chrestiens Karrenritter,wo die Minne in dem Helden hohe Seelenkräfte wachruft!

2. Wirnt von Grafenberg, Wigalois

Ausg.: Benecke 1819, dazu W. Grimm, Kl. Sehr. 2, 235 ff.; Franz Pfeiffer 1847; J. M. N.Kapteyn, Rhein. Beitr. 9, 2 Bde. 1926 (II Text), dazu Gierach, DLz. 1926,1659 ff., Behaghel,Lbl. 1928, 408 f., Leitzmann, ZfdPh. 54, 254-56, Stammler, ZfDtschkde. 1928, 813, Maurer,Teuthonista 3, 81 f., Blöte, Museum 35, 122-24, Franz Rolf Schröder, GRM. 16, 486.Abhandl.: Saran, Beitr. 21, 253^120. 22, 151-57; Kapteyn, Bd. II; Jungandreas, Wig. in d.Kudrun, ZfdPh. 54, 23 ff.; Lichtenberg, Architekturdarstellung S. 46 f. 83-85. 101. 13 Hss.u. 21 Fragm., Kapteyn I, l*-70*; s. auch C.v. Kraus, ZfdA.55, 298-301; Schröder, Anz. 41,94. 48, 213; Wilhelm u. Newald, Poet. Fragmente des 12. u. 13. Jh.s, 1928.

Gewandter in der Form und stärker von höfischen Idealen beseelt als Ulr.v.Zazikhoven folgt Wirnt v. Grafenberg in seinem 1204-1209 3 verfaßtenWigalois 4 den Spuren Hartmanns und Wolframs. Seinen Namen gibt er selbstan, im Prolog 9, 1 = V. 141 und 269,30ff. = V. 10574ff. Er war ritterlichenStandes, sein Heimatort, Grafenberg, liegt zwischen Nürnberg und Bayreuth,als Ostfranke war er Landsmann Wolframs. Obwohl Zeitgenosse von Hart-mann und Wolfram ist er doch schon der richtige Epigone, seine Kunst ver-dankt er wesentlich ihrem Vorbild. 5 Zuerst folgt er dem Einfluß Hartmanns,

1 Ehrismann, Märchen im höf. Epos, Beitr. 30, sind also 1204 beendet, das Ganze vor 1209.21-30; R. S. Loomis, Celtic Myth and Arthur- 4 Der richtige Name des Helden ist Gwi vonian Romance 1927 Reg. S. 367; J. L. Weston, Gälois, wie er sich 44,30 = 1574 selbst nennt.A shricking bog, Folk-Lore 34, 379 f. Vgl. Kapteyn Bd. 1 Vorw. S.VIII.

2 Vgl. H. Naumann, Primitive Gemeinschafts- 5 Nachgeahmte Stellen: Lachmann, Vorredekultur, 1921, 91. zu Wolfr. S.XIX, Lesarten zu Iwein 1328.

3 Zur Abfassungszeit: Lit. bei Saran, Beitr. 21, 4533; H. Eckert, W. v. Gr. und sein Sprach-267; s. auch Schröder, GgA. 1882,32 u. Ritter- gebrauch im Verhältnis zu H. v. Aue, Progr.mseren 1 S.XIII. Anhaltspunkt für die Ab- Stettin 1875; Meisner, W.sv. Gr. Verhältn. zufassungszeit gibt die Erwähnung der Totenklage seinen Vorbildern, Germ. 20, 421-32; Spren-um den fürsten von Merdn (Herz. Berthold IV. ger, ebda S. 432-37; O. Böhme, ebda 35,257-[s. Herz. Ernst, LG. II, 2,49 f. 57], f 1204) 206, 286; Bruno Pudmenzky, Hall. Diss. 1875;37 ff. = V. 8061 ff. (s. Schröder, ZfdA. 67, Rich. Medem, Progr. Danzig 1880; Rich.216 f.). Die ersten zwei Drittel bis zu jener Stelle Bethge, W. v. Gr., 1881 S. 30 ff., dazu Martin,