6 Die erzählende Dichtung
deutschen, aber aus dem Oberdeutschen umgeschriebenen Formen, stammtnoch aus dem 13. Jahrhundert, vollständig ist er in mehreren Hand-schriften des 15. Jahrhunderts erhalten. Ulrich Füetrer hat diesen deut-schen Prosaroman auch in Prosa überarbeitet und ihm dann auch in seinemBuch der Abenteuer poetische Form gegeben (1487, s. unten bei Füetrer).Ein „spei van Lancelot" wurde 1412 in Aachen aufgeführt. 1
Bei Chrestien und in den Prosaromanen, also in der mittelalterlichenVulgatauffassung, ist Lancelot das Musterbild eines höfischen Ritters 2 inseiner Tapferkeit, mehr noch aber als Minnebuhler. Die nach der höfischenMinnetheorie einer verheirateten Dame entgegengebrachte Huldigung wirdhier bis zum Ehebruch glorifiziert, und dieses Reizmittel schuldbeladenerLiebe ist es, was dem Lancelotroman in der Folge die große Beliebtheit ver-schaffte, einer Liebe, die den rührendsten Ausdruck gefunden hat in derselig-unseligen Leidenschaft, die Paolo und Francesca für die Ewigkeit an-einanderschmiedete (Dante, Göttl. Kom. Hölle, Gesang V).
Ulrichs Lanzelet ist nicht berührt von dem Verständnis einer neuen,höheren Kunst, obgleich der Dichter Hartmanns Erec kannte, wie aus wört-lichen und sachlichen Anklängen hervorgeht. 3 Die Sprache 4 ist nicht reinvon Mundartlichem, und der Ausdrucksweise fehlt stilistischer Charakter, siehat kein eigenes Gepräge und ist noch nicht frei von veralteten Worten. Auchder ganze Aufbau ist ungeschickt, die gleichen Geschichten werden mehr-fach fast unverändert wieder aufgetragen, es sind mehr nur lose aneinander-gereihte Szenen; wenn eine Person ausgespielt hat, verschwindet sie einfachvom Schauplatz. Auf Unterhaltung durch merkwürdige Begebenheiten istes abgesehen, seelische Probleme kennt diese am Äußeren haftende Erzäh-lungsweise nicht. Der Grundfehler liegt in der Arbeitsweise des Urhebers derfranzösischen Quelle: er häuft Abenteuer und Motivwiederholungen auf-einander, ohne eine innere Verbindung im Charakter des Helden herzu-stellen, daher die abstoßenden Wiederverheiratungen des wipsceligen Lanzelet(5529), sogar mit Mädchen, deren Väter (bzw. Oheim) er erschlagen hat.
1 Rud. v. Ems erwähnt Ulr. v. Z. im Alex. F. Piquet, De vocabulis quae ... a Gallis Ger-3199 ff. u. im Willen. 2193 ff., Püterich in mani assumpserint, Paris 1898 S.93; Emilseinem Ehrenbrief (s. unten). Lanzelet benutzt Ohmann, Stud. über die frz. Worte imDeutschen,im Herz. Ernst B s. LG. 11,2,51. — Lanze- Helsingfors 1918 S. 145; Suolahti, Mem. de lalot als Personenname, E. Kegel, Verbreitung Soc. neo-phil. de Helsingfors VIII, 1929, pass.der mhd. erzählenden Lit., Hermaea H. 3, 1905, — Stil: G. N. Schilling, De usu dicendi Ulrici124 ff. de Z., Hall. Diss. 1866; Paul Schütze, Das
2 Myrrha Lot-Borodine in Medieval Studies volkstüml. Element im Stil U.s v. Z., Greifsw.in Memory of Gertrude Schoepperle-Loomis, Diss. 1883; Heinzel, Kl. Sehr. S.76ff.; Hel-1927, 21—47. mut Peetz, Der Monolog bei Hartmann, Greifsw.
3 Anklänge finden sich auch an Veldekes Dj ss. 1911; Ad. Behren, Die Kunst der Per-Eneide, Eilharts Tristrant: Behaghel, En. sonenschilderung bei U.v.Z., Greifsw. Diss.S.CCVIIIff., Germ. 25, 344-347; Lichten- 1913; Brinkmann, Wesen u. Form S. 127f.stein, Eilh. S. CXCV; P. Schütze S. 37ff. 142. — Metrik: C. Kraus, Metr. Untersuchungen
« Sprache: Zwierzina, Anz. 26 Reg. S. 356. 27 ™ Reinbot S. 167 ff.; C. v. Kraus, ZfdA. 56,Reg. S.352; Singer, Schweizerdeutsch, 1928, ^ 9M -S.81 ff.; Ders., ZfdVolkskde. 1929, 69-71. —