X I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS.
Cleve fallen sollte. Wenige Jahre vor seinem Hinscheiden finden wir ihn zum ersten undeinzigen Mal in kriegerischer Thäligkeit, indem er 1533 dem Bischof von Münster aus Rück-sicht für Hessen Hülfsiruppen gegen die Wiedertäufer zuführt, die auch sein Land bedrohten,und strenge Edikte hervorriefen; 56 ja in Cleve Hess man durch Reiterei die Stadt von ihnenreinigen; denn um Cleve zu erobern standen sie schon bei Hasselt. Früh rief beim Brett-spiel ihn der Tod hinweg, der seinen Sohn und Nachfolger Wilhelm IV. (1539—92),einen der edelsten und unglückliebsten Regenten, durch eine treffliche Erziehung seinemBerufe gewachsen, den Wissenschaften geneigt, Gelehrte heranziehend und schätzend, aberbald Opfer einer periodischen Geisleskrankheit, in blutige und durch ihren Ausgang demü-thigende Kriege stürzte. Kaiser Carl V., als Nachkomme Maximilians, war durch keineUnterhandlung und keine Fürsprache von seinen Erbansprüchen auf Geldern abzubringen,welches vermöge der Erbunion Johann III. an Cleve gekommen war. Wilhelm vertrauteseiner Macht und einem Bündnisse mit Frankreich, 57 allein der furchtbare Kaiser vernich-tete seinen Widerstand und 1543 beugte der unglückliche Herzog zu Venlo sein Knie vordem weltbehcrrschenden Sieger, und lieble um Gnade. Der Kanzler Granvella dictirle dieharten Bedingungen, Treue gegen den Kaiser, Verzicht auf Geldern 5s und vor Allem Ab-schaffung der Beformation. Noch kein Fürst des clevischen Hauses hatte eine solche De-mütbigung erfahren und dennoch musste er sich glücklich preisen, Cleve, Mark, Jülich undBerg gerettet zu haben. Die glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten zu Begensburg zeigen unsden jungen Herzog zwar als Schwiegersohn Kaiser Ferdinands, allein der Glücksstern derDynastie war bereits im Sinken; noch ein wichtiges Ereigniss, nächst der Periode der gros-sen geistlichen Stiftungen und derjenigen des burgundischen Einflusses das bedeutendste,sollte sich vollziehen, ehe dieser Stern ganz erlosch. Es war die Beformation.
Wir erwähnten bereits, dass die Bildung an Wilhelm den aufrichtigsten Förderer fand.Zu der später erst gegründeten Universität Duisburg hatte er schon 1562 die Erlaubniss.Städte wurden befestigt, die Schlösser zu Cleve und Düsseldorf erweitert und umgebaut, dergregorianische Kalender eingeführt, die Gelehrtenschulen zu Emmerich und Düsseldorf zähl-ten jede mehr als 1000 Schüler, ja der Erbprinz sprach im 12. Jahre Latein und recitirteohne Mühe den Virgil. 59 Philipp von Cleve (f 1528) war berühmt wegen seiner reichenBüchersammlung. 60 Der Hof zu Düsseldorf war ein Hof der Musen, allein jene Gelehrten,welche dort verweilten, der gelehrte Pighius, welcher den jungen Erbprinzen zu seiner Aus-bildung nach Rom geleitete, wo dieser hoffnungsvolle Jüngling starb, Hercsbach, der Erzie-her der herzoglichen Kinder, der Jobann 111. auf seinen Zug gegen die Wiedertäufer gelei-tend, deren Geschichte schrieb, vielleicht auch Vesalius, der grosse Anatom aus Wesel, undMercator, der berühmte Geograf, Erasmus, der wenigstens mit dem Hofe in Briefwechsel
56. Ranke: Gesch. der Reformation III, 423. 39. 40. 43. 44. 45. 52. Teschemacher I, 331.
57. Ranke IV, 141. 195. 233. 58. Ranke V, 19—22.
59. Dillenburger Gymnasialprogramm von Emmerich 1S46. p. 30.
60. Sotzmann: Gutenberg und seine Milbewerber in Raumers hislor. Tascbenb. 1841. p. 532.
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