II
I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN JNIEDEIUUIEIiNS.
aufwärts von den Ubiern, rechts von den Friesen, links von den Eburonen begrenzt wur-den. 1 Die Menapier und Sigambrer, letztere später Gugerner genannt, erscheinen als einmuthiges, freiheitliebendes Volk; die ersleren waren die einzigen, welche niemals an CäsarGesandte um Frieden schickten. Jenes ansiedelnde Wesen, das am Boden haftet und denspätem Bewohnern so durchaus eigen ist, charakterisirt schon die Menapier: denn es wirdausdrücklich berichtet, dass sie Aecker, Gebäude und Dörfer an den Ufern des Flusses be-sassen. 2 Sie scheinen also weniger das Volk der Jagd und herumziehender Kriegszüge ge-wesen zu sein, als die Sigambrer, welche dieses Element so besonders auszeichnete. Denndie Sigambrer waren wild, muthig und tollkühn. 3
Die Anfänge der Cultur und Geschichte heften sich an den Flug der römischenAdler, denen unter den ersten Kaisern die Legionen erobernd in die rheinischen Waldflurenfolgten. Sie erstritten mit abwechselndem Glücke die beiden Ufer, verloren hier und dortwieder das Eroberte, und bewachten den Strom bis zu seinem Ausflusse mit festen Castel-len. Die ersten Städtegründungen knüpfen sich an die Umwohner dieser Castelle; dennwenn auch Cäsar Trier und Aduatuca vorfand, so würde es schwerlich zur richtigen Vor-stellung der allen Germanen passen, wollte man sich darunter geordnete Städteanlagen den-ken; es war wohl kaum mehr als ein gegen den äussern Angriff geschütztes Zusammen-wohnen von Vielen. Und so gross auch die Zahl solcher Ortschaften am Niederrhein ge-wesen sein mag, der Charakter derselben blieb gewiss insgesammt weit entfernt von Gross-artigkeit und Beichthum; denn die vorhandenen Ueberreste, so reichlich sie auch an Artund Zahl erscheinen, tragen doch seilen das Gepräge kostbarer Bildung. Es sind meist nurDinge des nöthigen Lebensbedarfes und der kriegerischen Verteidigung. Ebenso darf manauch unter der grösseren Zahl untergegangener und verschwundener Zeugnisse des Bömer-lehens am unleren Bhein bis Cöln hinauf schwerlich Werke von so grossartiger Anlage undkostbarer Ausführung vermulhen, als Trier sie später besass. Sind auch die meisten Kaiserpersönlich am Unlerrhein und vorzüglich in Castra velera (Xanten) gewesen, so meldet dochkein Schriftsteller von Tacilus bis auf die spätesten, kein alter Geograph bei Aufzählunglanger Beihen von Ortsnamen und Castellen auch nur einen kunstvollen Tempel oder kaiser-lichen Prachtbau. Und der Entwicklungsgang der ursprünglichen Cultivirung eines unwirk-lichen und stets angegriffenen Landes lässt eine über das Bedürftige und Notwendigehinausgehende Culturpflege kaum zu. Die erste Beschäftigung gehört der Bodenbearbeitungund dem Schutz der Grenzen; die Bömer aber suchten ihre Grenzen stets vorzurücken.Niemals gelang es der römischen Wacht am Unlerrhein von der kriegerischen Behauptung,
1. Ueher die zeitweisen und späteren Einwanderungen und Verdrängungen anderer Völker, z. B. derUsipeler, Chamaver, Attuarier siehe Dederieh: Geschichte der Rümer und Deutschen, 1854.
2. Strabo IV, p. 194. ed. C. Cäsar h. G. VI. 5 und IV, 4.
3. Horat. Carm. IV, 2, 36. und IV, 15, 51.Juvenal Sat. IV, 147.
Tacit. An. IV, 47.