22
ESSEN.
Talel XXIV. und XXV.
Auf diesem Blatte begegnen uns die vier Vorderseiten von vier prachtreichen Vortrage-kreuzen, wie solche bei festlichen Umgängen auf Stäben getragen wurden. Eine ganzeKunstepoche vertreten diese Kreuze und die ihnen an Zeit und Charakter gleichartige Ma-donna (5). Sie zeichnen sich ebenso aus durch die Pracht des Goldes, der zierlichen Perl-fäden von Filigran, der Perlen, Steine und Emaillen, wie durch die Datirung ihres hohenAlters. Dreie bezeugen sich als Weihgeschenke jener beiden Äbtissinnen des OttonischenKaiserhauses, Mathilde und Theofanu, deren wir im Vorherigen gedachten. Da in den Bei-schriften der beiden Weihgeschenke der ersten Äbtissin ihr Name ohne die nähere Bestim-mung der ersten, zweiten oder dritten auftritt, so könnte man zweifelhaft sein, welcher Äb-tissin Mathilde man die Kreuze zusprechen soll. Indessen ist die Existenz der ersten Mathildeüberhaupt noch fraglich, weshalb man ein theilweises Recht hat, anzunehmen, dass jene Otto-nische angebliche zweite Äbtissin Mathilde die erste war, und somit ohne Vorgängerin gleichenNamens, auch nur Mathilde ohne numerische Bezeichnung schreiben konnte. 24 Auf demersten Kreuze tritt die Äbtissin Mathilde gemeinsam auf mit einem Herzog Otto. Diesesgemeinsame Auftreten bekundet eine Zugehörigkeit, die noch durch die Action erhöht wird,indem beide mit einer gewissen Feierlichkeit, auf Polstern stehend, auf hoher Stange einKreuz halten, offenbar eine Versinnlichung der Darbringung unseres Kreuzes durch diesebeiden Personen. Wir müssen deshalb einen Augenblick am Scheidepunkte des ersten Jahr-tausends verweilen, um daselbst einen Otto dux zu erspüren, der gleichzeitig mit der Aebtis-sin Mathilde auftritt und ein verwandtschaftliches Verhältniss zu derselben einnimmt.
Unser Blick fällt zunächst auf die Essendischen Stiftscataloge, deren fünfe, im Alter nichtüber das Ende des sechszehnten Jahrhunderts hinaufreichend, im Königl. Archive zu Düssel-dorf, ein älterer lateinischer im Stiftsarchive zu Essen befindlich sind. Vielfache unhistorischeAngaben dieser Cataloge und die unkritische Benutzung derselben 25 haben vor Allem zweiIrrlhümern weiteren Baum gegeben, deren Beseitigung erst die Erlangung eines Resultatesermöglicht. Diese beiden Irrthümer bestehen darin, dass man bisher unsere Äbtissin Mathildevon Essen entweder für identisch mit der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg, der TochterOtto I., oder mit der Tochter Otto IL, der Pfalzgräfin Mathilde, hielt. Wenn nun auch in
24. Wenngleich in den vier Katalogen des Düsseldorfer Archivs eine Mathilde 1. von Ringelheim vor-
kommt, so stellt anstatt dieser in dem lateinischen Kataloge zu Essen, Agina oder Ilagona,Tochter Herzogs Otto v. Sachsen und somit Schwester Kaiser Heinrich's I.
25. Bereits Anmerk. 24 ward erwähnt, dass die Cataloge in ihren Angahen üher die Aehtissinnen
nicht übereinstimmen. So wird auch im lateinischen und in einem deutschen Cataloge Adel-heid, Otto I. Tochter, als Geberin der Kreuze aufgeführt, obgleich uns doch auf dreien dieInschriften eines anderen belehren. Dann wird in einem anderen Cataloge die Aebtissin Ma-thilde mit der gleichnamigen Pfalzgräfin verwechselt, wie dann der Mönch von Brauweiler siemit der Qucdlinburgerin wieder identificirt. Diese Irrthümer sind wiederholt bei Baudri, Or-gair für christl. Kunst II. p. 19. Laib u. Schwarz: Gesch. d. Altars p. 61 u. s.w.