Druckschrift 
Trost für 1849 : mit 4 Holzschn.
Entstehung
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Kennt Ihr die Bezeichnung, welche die Sprache hat, für den Todschlagkraft eines Rechtes, an dessen Berechtigung der Todschläger im Grunde seinerSeele selbst nicht glaubt? —

Doch, decket einen Schleier über den Namen — denn sie wissen ja nichtwas sie thun; sie halten sich in Wahrheit für berechtigt, die ForderungenEures ideellen Rechtes Euch zu verweigern, wenn Gründe des praktischen Lebensdagegen sprechen. —

Hört! woran erkennt Ihr das Verfahren des Vaters der Sünde, der daRekruten schafft für die Hölle? Daran — wenn Ihr Eure Bibel gelesen habt— daran: daß er die Forderungen des Geistes den Forderungen der Materieunterwirft; daran: daß er das ideelle Recht nach den materiellen Interessen,anstatt umgekehrt die materiellen Interessen nach dem ideellen Rechte regelt. DerFürst der Lüge hat sie verblendet, daß sie auch hier gegenüber dem Recht —hört! gegenüber dem Recht— den Unterschied von Theorie und Praxis erheben.In der Theorie erkennen sie Euer Recht an, aber kraft der Gründe des prak-tischen Lebens, wie sie sagen, halten sie sich berechtigt, Euch dasselbe vorzuent-halten, ja Guch zu todten, wenn Ihr es in Anspruch zu nehmen wagen solltet.O, kraft ähnlicher praktischer Gründe, durch welche sie Euch begnadigen, durchPulver und Blei zum Märtyrertod, für das Recht, für die Sittlichkeit, für dasIdeal, kraft ähnlicher praktischer Gründe haben sie den Sokrates einst ver-giftet, haben sie den Christus an das Kreuz genagelt und haben den Hußlebendig verbrannt. —

Aber sie wissen nicht, was sie thun; sie wissen nicht, daß ihre Praris diePraxis der Sünde, die Praxis des Räubers ist; und deshalb gleicht EuerKampf gegen sie dem Kampf des Menschen gegen die wilden Thiere, die auchnicht das Bewußtsein ihrer Wildheit haben. Zwischen Euch und ihnen istkein Rechtsverhältniß mehr, denn Ihr habt keine gemeinsame Logik, keine ge-meinsame Sprache, kein Verständniß mehr für einander; zwischen Euch undihnen richtet kein Richter, als die Stärke, zwischen Euch uud thuen ist Krieg —Vcrtilgungskrieg.

Wißt Ihr, wie man schon im grauen Alterthume den Kampf des Men-schen gegen die wilden Thiere, in welchem eben stets die Stärke nur entscheidet,zu ehren wußte und wie man die wackersten Streiter zur Unsterblichkeit in denHimmel zu den Göttern erhob? Diese Sitte ist nicht alt geworden; sie ist ewigjung nnd ewig neu, uud das vergangene Jahr hat Manchen jenem Kreiseder Unsterblichen geweihet. Begnadet zu Pulver und Blei, Ihr wißts ja noch,das war die Formel, unter welcher gar viele gewürdigt wurden, an jenenKreis der Märtyrer für den Geist und das Ideal, gegenüber der wilden mate-riellen Gier der Thierheit, sich zu reihe»; au jenen Kreis, welcher sich gleich einer

Kette von der Gegenwart rückwärts durch die Jahrhunderte bis in die Nacht derMythe zieht. Begnadet! das war das wahre Urtheil: Begnadet durch Pulverund Blei zum ewigen Leben, als Glied jener Kette der Blutzeugen der Ent-wickelung des Menschengeschlechtes, an deren hohe Fürsten wir Guch bildlichhier erinnern wollen. —

Doch, seht Ihr, wie sie lachen und zürnen zugleich, Ieue, die vom Glanzihres Goldes und ihrer Macht verblendet und auch Jene, die nicht über denKreis ihres Geschäfts, in welchem sie wirken, nicht über die Zeit des Tages,in welchem sie athmen, hinanszuschauen vermögen; wie sie lachen und zürnenzugleich: daß wir als Glied zu jener Kette, in welcher Jesus, Huß undSokrates die Sonnenpunkte bilden, den armen Blonsenmann der Gegenwart zureihen uns erkühnen?

O ihr, euer Lachen ist doch nur verzerrt, und euer Zürnen ist nur einBangen, weil ihr in eurem Innern fühlt, daß ihr an jenem Urtheil, das ihnfällte, einen guten, gültigen Antheil habt; weil ihr euch erinnert, daß im ge-heimen Winkel eures Herzens Freude blitzte, wenn ihr das Wort der Todes-gnade hörtet; Freude, weil ihr wähntet, daß diese Gnade von dem verhaßtenLeben gieriger Erben euch befreie. Wo ihr aber solche Grbansprüche nichtvermuthen durftet, weil der Beguadete der Güter selber viele hatte, da haßtetihr ihn um so mehr und sagtet: er ist nur um so schuldiger, denn er verführtdie Andern. Schaut rückwärts, ihr Männer: das sagten auch die, die fürden Sokrates das Gift des Schirlings mischten. Andern gegenüber aberriefet ihr wieder: Tödtet sie, denn sie wollen das Reich stürzen, um selbstdarin die Herren zu werden. Schaut rückwärts, ihr Männer; die denChristus an das Kreuz zwischen die Verbrecherschlugen, die schrien auch:Tödtet ihn, denn er will der Juden König sein. Und abermals riefetihr: Tödtet sie; denn sie sind Empörer gegen der alten Ordnung heil'gen Gang.Schaut auf, ihr Männer; das riefen auch die, die in dem Feuer denHuß zu Asche brannten. —

Doch, wenn wir euch auch anrufen: aufzuschauen, ihr könnet ja nicht, dennihr habet zwar Augen, aber ihr sehet nicht; uud habet auch Ohreu, aber ihrhöret uicht; ihr seid blind und taub geboren wie eure Vor- und Ebenbilderder vergangenen Zeiten, die auch wie ihr, unter denselben Vor wänden,wie ihr, durch physische Gewalt den Strom des Geistes uud der Wahrheit zuhemmen sich vermaßen und dafür ewig nnn und unsterblich an derGeschichte Schandpfahl stehen.