Druckschrift 
Trost für 1849 : mit 4 Holzschn.
Entstehung
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Vs war Ruhe im Lande. — Auf den Thronen saßen die Fürsten, auf denMärkten die Kramer uud Alles war friedlich. Und wenn die Todtenglocke hallteuud im schwanken Tritt die Träger einen Leichnam zu Grabe trugen, so dachtetIhr: den hat Gott gerufen und bliebet ruhig iu Eurer Brust. —

So war es einst; aber jetzt? — Auf den Thronen sitzen noch die Fürstenund auf den Märkten wieder die Krämer und alles ist still wie sonst; aber wenndie Todtenglocke hallt uud das Lebensende eines Menschen kündet, da ist es nichtmehr wie sonst, denn Ihr wißt nicht mehr ob es Gott war, der den Bruder geru-fen: ob ein Gesetz der Natur oder ob aber ein Gesetz — des Menschen das Lebengeknickt. Alles ist wie sonst und nur dieser kleine Unterschied scheidet die tiefe Stilleder Gegenwart von dem Frieden der Vergangenheit; dieser Unterschied, der freilichdas Blut in die Herzen zu treiben und Graun zu erregen vermögte, wenn dasGefühl der Menschen nicht ihrem Interesse uud der Gewohnheit uuterthänig wäre.Doch zu deu leicht gewöhnten Ohren, denen der Schrei des Entsetzens schon har-monisch klingt uud zu denen, deren Seele, abgestumpft durch den Klang des Gol-des, keiner Regung fähig ist, zu denen reden wir nicht; wir reden zu jenen, derenGehör noch erzittert unter dem Schreckensworte der Gnade, zu denen, welchen einFreund, ein Gatte, ein Sohn, ein Vater begnadet worden ist: Begnadet zn Pulverund Blei. Begnadet! das ist das rechte Wort des letzten Jahres: denn es warenda ihrer Viele, die, niederknicend, durch die Kugel mit dem Blütheukranz des Mär-tyrerthums begnadet worden sind.

Begnadet! dies ist das Wort, welches gleich dem Oespenste umgeht in derMitternachtstille der Gegenwart und blutige Thaten der Zukunft kündet und siescheidet von dem Frieden der Vergangenheit. Von jenem Frieden, den die Pfaffenin Kirchen uud Klöstern ersangen, indem sie durch ihre Runenlieder den Geist derVölker im Bann hielten, daß sie als göttlichen Willen die Herrschaft der Fürstenund Herren ertrugen, die mit ihnen verfuhren wie die Pächter mit ihren Thierenund sie vererbten und kauften nach dem Rechte der Sachen und nach der Stück-zahl. O, holde Zeit des Friedens, als es nur Fürsten, Herren, Pfaffen uud —Unterthanen, aber noch keine Menschen gab in Europa! —Trauert Ihr? Jubelt,jubelt vielmehr, jubelt über die Gnade von Pulver und Blei, die das Ende solchenFriedens kündet, die Euch kündet, daß in der großen Heerde wieder Menschen leben,wie damals, als der Gott der Geschichte zum ersten Male gleich einem Sturmwind

iu die Kirchen und Klöster fuhr uud deu Zaubersang der Priester störte uud denBann vom Haupte der Meuscheu «ahm, daß sie die Schmach ihres Leibes sahen.Wißt Ihr es noch, wie die entzauberten Völker damals mit Schaam und Stau-nen das uralte Brandmal der Hörigkeit an ihrem Leib erkannten uud eiu Schwertnahmen uud es herausschuitteu aus dem Fleisch, uud mit dem Blut, zum ewigenGedächtniß, die Artikel von dem Menschenrechte in die Blätter der Geschichte schrie-ben? Wohl wißt Ihr's; Ihr wißt aber auch noch, daß unter dem Schutze einerheiligen Alliance der Zauber sich wieder sammelte und die Augen der Völker wie-der verblendete, daß sie sich schauderten vor jener Schrift und vor sich selbst undvor dem Schwert und auch vor dem, was mit demselben errungen war; — unddaß im Schatten solchen Abscheu's das alte Brandmal wieder wuchs. —

Drum jubelt über deu Schreckenslaut, jenen Lant der Gnade; denn er kün-det, unsterblich lebend in der Geschichte, allen Geschlechtern der Zukunft: daß mitEuch wieder Menschen lebten, Menschen die den Muth hatten, das nen gewachseneMal der Schande aus dem Fleisch der Menschheit auch aufs ueue wieder heraus-zuschneiden. Sie hatten den Muth, doch war ihr Herz zu weich; es war nichthart genug, um tief genug zu graben und deshalb, für diese Menschlichkeit,da sind sie uuu „begnadet" worden.

O, Ihr sehet sie noch, jene Geschichte von Gestern, als vor der laug aus-gestreckten Hand des seiner Menschenwürde sich wieder erinnernden Volkes die Ge-bieter das Haupt entblößten und niedersanken, geschlagen schon vom bloßen Schreckvor dem Gespenste vergangener Zeiten; denn sie glaubten, die Hand halte dasBeil — wie damals. Aber das Volk war barmherzig uud hielt nicht das Beil.Es hatte nur zum Wort uud nicht zum Schwert gegriffen, weil ihm auch uochgrauete vor der rotheu Schrift, mit welcher die Artikel von dem Recht des Men-schen ehedem geschriebeu worden waren und weil es glaubte, daß diesesmal dieschwarze Tinte wohl genügen werde.

Thörichtes Volk! Hatten Dir die Könige nicht ihr Königswort gegeben, daßsie nie dulden würden, daß zwischen Dir und ihnen ein Blatt Papier geschobenwerde? Wußtest Du nicht, daß Deine schwarze Tinte einem Königsworte nicht ge-wachsen sei? Doch Du mußtest es erst er sah reu, damit von dem GedenksteinDeiner Väter der Fluch unuöthiger Grausamkeit getilget werde, mit dem Dein mil-der Sinu ihu lang beladen hielt. Er ist getilgt; denn Du hast's erlebt, Ihr wißt's