noch Alle, wie die Furcht der Gebieter dem alten Uebermuthe wich, alsobald siedas Herz des Volkes weich sahen und erkannten, daß der erhobene Arm desselbennur — eine rednerische Geste war. Ihr wißt's noch Alle, daß sie dann nicht zö-gerten selbst das Schwert zu nehmen und daß sie mit blutigen Zügen, hohnlachendjener Milde — dieweil das Volt an seiner Reichsverfassung sprach — als neue-stes Zeichen alter Hörigkeit das Standrecht in die Tafeln der Gesetze grnbcn.
Unter dem Schatten der Langmuth wurde das Brandmal der Knecht-schaft wieder hergestellt und Deiner Milde Lohn, o Volk, war die Gnade vonPulver und Blei. O! Volt? Wer spricht von Volk! Hört ihr es nicht dröh-nen jenes schallende Gelächter, welches diesem Namen folgend, wiederhallt ausgoldlien Sälen, ans den Börsen und Läden?—Volk? O Gott bewahre, nein,es ist nur das Gesindcl, welches von Rechtswegen zum Tod der Schande ver-urtheilt, und nicht zum Märtyrerthnm, nein, nur vom Strick zum Blei begnadetworden ist. — An die Zukunft appellireud wendet Ihr, Ihr Gesinnungsgenossender Begnadeten, Euch mit erhobenem Haupt und stolz und zornig vielleicht, undverachtend dem Schall entgegen; aber Ihr, Ihr Aeltereu, denen ein Freund, einSohn also gestorben ist, Ihr verbergt vielleicht in Euren Händen Encr Ange-sicht, in Zweifel schwankend, ob der Hall nicht Wahrheit rede und EurenTodten die Ehre und Euch den Trost Eurer Seele entziehe; denn Euer Augeist jenen Händen gefolgt, welche, begleitend das Gelächter, aus den Sälen, Bör-sen uud Laden reckten, und hinzeigten auf die Armuth und auf das Unglück,welches in dichtgedrängten Massen znr Seite Eures Todten, mit ihm in der er-sten Linie der Schlachten stand; Euer Auge folgte jeuen goldberiugten Fingern,welche hinzcigten ans die blassen Gesichter der Armuth nnd ans die blauen Lippendes Unglücks, als auf den Beweis, daß jene Fahne der Freiheit, der Brüderlichkeitnnd des Wohlergehens Aller, nur eine Fahne der Lüge sei, unter deren Schutz siecigeuuützig nur goldne Früchte für sich selbst zu brechen suchten, unter deren Hüllesie ihren Ehrgeiz, ihre Eitelkeit und Habsucht und andere bösen Lüste zu befriedi-gen strebten.
Wir aber sagen Euch, lasset Euch nicht irren: Wisset Ihr denn nicht, daßsie auch auf Christus damals ebenso deuteten und riefen: Sehet, sehet, er predigetden Unwissenden und den Armen, uud verkehrt mit den Sündern uud Zöllnern,nnd daß sie ihn kreuzigten inmitten der Verbrecher, nnd durch den Tod der Schande— zur unsterblichen Ehre erhoben? Wahrlich, wie sich damals zn der Lehre vonder himmlischen Glückseligkeit nur der Bedrückte und Beladene hingezogen fühlte,so sehnt sich auch heute wieder nach dem Glücke nur das Unglück; für die Freiheitaber wird in alle Ewigkeit stets immer nur der Unterdrückte kämpfen. Ein Thorder die Hebnug des Unglücks von den Glücklichen und die Erlösung aus derKnechtschaft von den Herren erwartet. Wißt Ihr denn nicht, daß nur das Un-
glück nnd die Armuth der Arm ist, durch deu der Gott im Himmel sein Reich aufErden auszubreiteu Pflegt; und habt Ihr vergessen jenen Spruch von dem Kameelund von dem Oehr der Nadel? Ihr schüttelt den Kopf: der Spruch ist alt; vorzweimal taufeud Jahre» hatte er Wohl Wahrheit; aber jetzt? Und Euer stillerGedauke trägt, trotz der Autorität der Bibel, das Fragezeichen des Zweifels; dennjetzt sehet Ihr selbst, mit eigenen Augen in Stadt' und Dörfern die Wohlhabendenund Geachteten, die Manner, die auch Ihr achtet, der neuen Lehre heftig widerstre-ben, und könnt Gnch nicht entschließen, sie allesammt für Schurke» zu erachten.
Vergeßt nicht, daß Ihr das anch nicht sollt; vergeßt nicht, daß anch damalsvor fast zwei tausend Jahren, als die Gebildeten, die Geachteten nnd Angesehenenjener Zeit den Herrn an das Kreuz nagelten, daß er von ihnen sagte: Vergiebihnen Herr, denn sie sind nicht schlecht; sie wissen nur nicht was sie thun; weil derGlauz ihres Reichthums oder ihrer Stelluug ihren Geist verblendet, daß sie dieWahrheit nicht zu erkennen vermögen und ihrem Vortheil nnr die Ehre geben. DerVortheil und das Interesse verblenden den Geist wie vor zweitausend Jahren, soauch Heute und so in Ewigkeit. Das Glück, der Reichthum uud das Wohlergehenliebt das Beharren auf dem gegebene» Punkt und ist zu allen Zeiten von Hausaus der Eutwickeluug feind.
Ihr zweifelt wieder? Sagt, ist denn nicht der Reichthum und das Wohl-ergehen, kurz das befriedigte Interesse einer gegebenen Zeit, der Ausfluß der be-stimmte», zu dieser Zeit herrschende» äußeren oder staatlichen Ordnnng? Und istnicht diese Ordnung wieder nur ein Ausfluß der Vorstellung, welche sich derMensch von dem Verhältnisse seines Geschlechtes zum Urgruud oder Gott, undin Folge dessen, von dem sittlichen Verhältnisse der Menschen zu einander —das ist von der Rechtsidce oder von dem natürlichen Rechte jedes Einzelnen —macht? Und muß deshalb uicht jede neue Idee, welche in dieser Beziehung auf-tritt: muß sie nicht allemal die ans der alten Vorstellung ruhende äußere staat-liche Ordnung, und damit die in derselben bevorzugten Interessen, bedrohen?Und ist es daher nicht zu allen Zeiten ganz natürlich, daß die Träger und her-vorragenden Nutznießer solcher Interessen, das sind die Reichen und Mächtigen,gegen jede solche nene Lehre — wegen der für sie ungünstigen praktischenFolgen — ein Vornrtheil haben und aus diesen praktischen Gründen sichfeindlich gegen dieselbe zusammenschaareu?
Schaut auf, schauet um Euch: ist es heute anders?
Kämpft wohl noch einer von den Reichen und Mächtigen der Gegen-wart für das Königthum, weil er an das gottbegnadete Recht der Königeglaubt?
Ist noch Einer da, dem die Eristenz der Könige eine Frage des ideellenLebens, eine Frage des Glaubens, des Gewissens wäre?