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VTII. Kapitel: Freiwillige Krankenpflege und die Genfer Konvention.
Band 1
Nach allem Gesagten kann es nicht zweifelhaft sein,dass und in welchem Sinne die freiwillige Krankenpflegein der That — wie es in einer hervorragenden Publikation 1 )derselben ausgedrückt ist — „auf dem Bewusstsein beruht,dass es auch der grössten Vorsorge niemals gelingen werde,durch offizielle Einrichtungen Dasjenige zu erreichen, wozuder opferfreudige Patriotismus einer ganzen Nation und dievon sittlichen Motiven getragene Grossherzigkeit undNächstenliebe befähigt sind".
Offenbar aber deckt sich die Zulassung freiwilligerDienstanerbietungen und freiwilliger Gaben noch keines-wegs mit dem Begriff „freiwillige Krankenpflege", wieLetzterer sich historisch entwickelt hat. Vielmehr ge-holt zu demselben wesentlich noch die Vorstellung einermehr oder minder geschlossenen, in sich selbst gegliederten,dem "Heere nicht unmittelbar angehörigen Korporation.Dies allein ist der Punkt, bei welchem es allenfallszweifelhaft erscheinen kann, ob die Form der Entwicklung,welche der Gedanke freiwilliger Hilfsleistung auf demGebiete der Krankenpflege im Felde in Folge der Vorgängewährend der früher erwähnten Kriege genommen hat, einezur Erreichung des Zweckes nothwendige, oder doch die vor-zugsweise günstige gewesen ist, insofern durch diese Formeinerseits die Gefahr eines ungenügenden Zusammenwirkens,andererseits diejenige eines Zuströmens mangelhaft dis-ziplinirter Elemente auf den Kriegsschauplatz nahegelegtwurde. Thatsache ist jedenfalls, dass zwar die Führer derdurch jene Kriege hervorgerufenen Bewegung sich vonAnfang an und jederzeit voll bewusst waren, dass einegedeihliche Wirksamkeit der freiwilligen Krankenpflege nurbei fester Organisation, entschiedener C'entralisirung undunbedingter Einfügung in die Disziplin sowohl wie in denMechanismus der Heeresverwaltung möglich sei, — dass aberdiese richtigen, gegen eine falsche Auffassung des Begriffes„Freiwilligkeit" von vornherein ankämpfenden Vorstellungenerst allmälig in Folge wiederholter Kriegserfahrung auch inweiteren Kreisen Wurzel zu fassen begonnen haben. Die Artder Wiedererstehung der freiwilligen Krankenpflege in denfünfziger und sechziger Jahren dieses Jahrhunderts aus derInitiative der Völker heraus, nicht minder ihre abnormeStellung in den Unions-Staaten hat zunächst bei den Ferner-stehenden vielfach einen nachtheiligen Einfluss auf dieErkenntuiss dessen geübt, wie weit und unter welchenUmständen die freiwillige Krankenpflege in EuropäischenKriegen eine so segensreiche Thätigkeit zu entfalten ver-mag, wie den hochgesinnten Vorkämpfern derselben vor-schwebte. Man vergass über den gewaltsam hereinbrechendenneuen Eindrücken, dass ein Menschenalter früher in denDeutschen Befreiungskriegen der Staat selbst den Anstosszu einer ähnlichen, nur räumlich beschränkteren Bewegunggegeben und die erfolgreiche Führung derselben nicht ausder Hand gelassen hatte.
x ) Berieht des Militärinspekteurs, S. 1.
Freilich wird nicht verkannt werden dürfen, dass d'Idee der freiwilligen Krankenpflege im Felde unter dUmständen, unter welchen sie, durch neue umfassende VStellungen bereichert und erweitert, wiederum und stärkals je vordem Gewalt über die Gemüther gewann aus siriselbst heraus nicht füglich eine andere Form annehmekonnte, als eben diejenige, welche sie thatsächlich agenommen hat. Ebenso natürlich aber ist es, dass die Fraenach der zweckmässigsten Regelung des daraus siegebenden schwierigen Verhältnisses seitdem nicht mehr vmder Tagesordnung verschwunden ist, vielmehr namentlichnach jedem Kriege umfassende Diskussionen und veränderteInstruktionen zur Folge gehabt hat, welche sämmtlieh derdurch jede neue Kriegserfahrung stärker erkannten Not-wendigkeit entsprangen, die Friedens-Vorbereitungen der frei-willigen Krankenpflege immer umfassender, ihre Organisatioiimmer centralisirter, ihren Anschluss an den staatlichenSanitätsdienst immer enger zu gestalten und die Oberleitungdurch die staatlichen Behörden immer stärker zur Geltung zibringen, — lauter Gesichtspunkte, welche theoretisch be*reits auf den Genfer Konferenzen vollkommen gewürdigtin der Praxis aber nicht immer ausreichend berücksichtig!worden sind.
Schon oben ist erwähnt, dass gleich anfangs aussei' daUnentbehrlichkeit der freiwilligen Krankenpflege im Feldevon den Führern der Bewegung auch die Nothwendigkeileiner Vorbereitung im Frieden nachdrücklich betontwurde. Und wenn dem ersten Satze eine bedingte Richtigkeilnicht abgesprochen werden kann, so hat die UeberzeuguMvon dem bedingungslosen Zutreffen dieses zweiten immer all-gemeinere Verbreitung, immer rückhaltloseren Ausdruckgefunden. Eine Folge der schon damals sich geltendmachenden Erkenntuiss dieser Notwendigkeit war es, daadie im Oktober 1863 zu Genf abgehaltene, grundlegendeinternationale Konferenz die Bildung nationale!' ständigeiHilfsvereine (welche unter einander in internationaler V»bindung stehen sollen) dringend empfahl.
Da gerade damals die Kriegsereignisse in Schleswig-Holstein sich vorbereiteten, gewann namentlich für IVdie Angelegenheit alsbald ein praktisches Interesse, in6. Februar 1864 bildete sich zu Berlin das „Central-komitee des Preussischen Vereins zur Pflege inFelde verwundeter und erkrankter Krieger" mit dervon ihm selbst formulirten Aufgabe:
I. in Friedenszeiten die für einen Kriegsfall erforder-lichen Vorbereitungen zur Pflege der Verwundet«und Kranken zu tieften:
a. durch Sammeln von Geldmitteln;
b. durch Anschaffung des nöthigen .Materials;
c. durch Ausbildung von Krankenpflegern undKrankenpflegerinnen:
d. durch Kommunikation mit den bestehenden geist-lichen und weltlichen Genossenschaften zurKrankenpflege für die Zwecke des Vereins;