Band I.
Viertes Kapitel,Krankenzerstreuung.
Vorbeine
Lange vor dem Deutsch-Französischen Kriege war durchtraurige, in zahlreichen Feldzügen immer von Neuem bestätigteErfahrungen die Lehre erkauft worden, dass grössere Anhäufungund längere Anstauung von Verwundeten und Kranken sowohlfür diese selbst als für den gesunden Theil der Heere und fürdie Bevölkerung der kriegführenden Staaten durch Störung desHeilungsvorganges, durch Begünstigung der Entstehung undVerbreitung verheerender Epidemien schlimmere Gefahrenheraufbeschwört als diejenigen, welche durch feindliche Waffenbedingt werden. Schon in früheren Kriegen — namentlichwährend der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts — ging daherdas bewusste, durch Autoritäten der Kriegschirurgie (insbesonderedurch Pirogoff) warm befürwortete Streben dahin, Verwundeteund Kranke trotz der Schwierigkeit, welche daraus für dieWartung und Pflege erwächst, über eine möglichst grosse Anzahlvon Räumen und Orten zu „zerstreuen". Im Kriege 1870/71ist dieses System auf dem Kriegsschauplatze selbst — wie ausdein 3. Kapitel ersichtlich — sowohl von den Chefärzten derFeldlazarethe durch entschiedene Bevorzugung mehrerer kleinerUnterkunftsräume vor einzelnen grossen, als von den Korps- undArmee - Generalärzten durch die Stationirung der Sanitäts-Anstalten (vergl. insbesondere S. 123) nach Möglichkeit durch-geführt worden. In dem Nachstehenden soll, von der Kranken-zerstreuung in derobenerwähnten engeren Bedeutung abgesehen,das Wort vielmehr ausschliesslich in dem umfassenderen Sinnegenommen werden, in welchem damit das Prinzip ausgedrücktwird, transportable Verwundete und Kranke weit vom Operations-gebiete der Heere überhaupt der Genesung zuzuführen, — einPrinzip, welches offenbar nur eine logische Weiterentwickelungdes Bestrebens, Kranke auf dem Kriegsschauplatze zu ver-einzeln, repräsentirt. In grossem Maassstabe konnte dieser Ge-danke erst verwirklicht werden, als die gewaltige Entwickelungder modernen Verkehrsmittel die Vorbedingungen dazu ge-schaffen hatte, als insbesondere die immer umfangreichereVerwendung der Dampfkraft im Dienste des Völkerverkehrs dieMöglichkeit gewährte, Verwundete und Kranke Tage und Nächtehindurch in schonender Weise zu transportiren. 1 ) Wegen derWichtigkeit dieses Momentes ist das Eisenbahn-Transportwesenund die in innigem Zusammenhange damit stehende zweite Vor-
!) Allerdings sind auch in den Kriegen früherer Jahrhundertezahlreiche Kranke und Verwundete oft weit nach rückwärts geleitetworden. Diesen Transporten lagen jedoch ganz andere Motive zuGrunde, als diejenigen, welche zur Krankenzerstreuung im modernenSinne geführt haben. Häufig veranlasste dazu die Besorgniss, Ver-wundete und Kranke in Feindeshand fallen zu lassen, häufiger nochder Umstand, dass die Armeen früherer Zeiten über so beweglichekleine Hilfskörper, wie die modernen Feldlazarethe darstellen, überhauptnicht oder doch nicht in ausreichender Zahl verfügten. Verwundeteund Kranke mussten daher, um überhaupt in Lazarethpflege zu ge-
r k ii n g.
bedingung für eine ausgiebige Krankenzerstreuung: das Vor-handensein einer hinreichenden Anzahl immobiler Lazarett].Einrichtungen, in besonderen Kapiteln erörtert (siehe 5. und6. Kapitel), während der Einfluss des Transportes auf die Ter-wundeten und Kranken im chirurgischen und medizinischenTheile des Berichtes seine Würdigung finden wird.') In demFolgenden handelt es sich daher lediglich um Darlegung desGesammt-Umfanges, in welchem die Krankenzerstreuung währenddes Krieges 1870/71 bei den Deutschen Heeren geübt wordenist, sowie um Schilderung der Umstände, unter welchen dieEvakuationen erfolgten und der Wege, die für dieselben offenstanden, der Grundsätze, nach denen dabei verfahren wordenist, und vor Allem um ein Bild sowohl der im Voraus getroffenenals der im Verlaufe des Krieges zur Regelung des Kranken-rückschubes nothwendig gewordenen Maassnahmen. Die Meinungüber das zu letzterem Zweck Erforderliche hat durch denDeutsch-Französischen Krieg eine gänzliche Umwandelung er-fahren, wie ein Vergleich der Kriegs-Sanitätsordnung von 187«mit der Feld - Sanitätsinstruktion von 1869 beweist. 2 ) DieseThatsache fordert zu einer gesonderten Darlegung der in Betrachtkommenden Verhältnisse um so mehr heraus, als einerseits dasPrinzip der Krankenzerstreuung, welches während jedes Kriegesder letzten Jahrzehnte in steigendem Maasse und während desJahres 1870/71 auf Deutscher Seite in grösserem Umfange alsselbst während des Amerikanischen Sezessionskrieges zur Durch-führung gelangt ist, mit Vermehrung der Schienenstränge undVerbesserung der eigens für Krankenbeförderung hergerichtetenTransportmittel voraussichtlich noch weiterer Entwicklung ent-gegengeht, während andererseits nur die sorgfältigste Regelungder Transporte zu bewirken vermag, dass der Vortheil, welcherden auf dem Kriegsschauplatze verbleibenden Kranken undGesunden aus der Entfernung zahlreicher Kranker erwächst.nicht durch Benachtheiligung der Transportirten erkauft wird.Angesichts der Wichtigkeit, welche die Krankenzerstreuung fürdas Wohl der Kriegsopfer, der Heere und der Bevölkerungenunbestritten besitzt, darf der uralten Frage nach einer aus-reichenden Sicherung der ersten Hilfe die relativ neueAufgaheeiner angemessenen Vorbereitung und Durchführung ausgedehnterKrankenzerstreuung als eine ebenbürtige und im Verein mit jenerälteren die gesammte Frage nach einer zweckmässigen Organisa-tion des Feld-Sanitätswesens beherrschende hingestellt werden.
langen, nach den oft weit entfernten Orten gebracht werden, in welchensich immobile oder umfangreiche, daher schwer bewegliche, mobileSanitäts-Anstalten (z. B. die früheren Hauptlazarethe der PreussischenArmee) befanden. Offenbar dienten Krankentransporte der letzterenArt nicht der Krankenzerstreuung, sondern beförderten im Gegen-theil die Krankenairhäufung.
') Siehe insbesondere den 3. Abschnitt im 1. Kapitel des III. Bandes.
2 ) Siehe Schlussbetrachtung zu diesem Kapitel.
Organisatoris
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