Stellungen reicher und künstlerischer, als man den Homer zu illustrieren begann, waswahrscheinlich schon zur Zeit Alexanders des Grossen geschehen ist. Im ersten Jahr-hundert n. Chr. waren illustrierte Homer-Ausgaben bereits sehr verbreitet. Leider istvon diesen ältesten Ausgaben nichts erhalten: das älteste Fragment, einige 50 Blätterstark, stammt aus dem IV. Jahrhundert und befindet sich in der AmbrosianischenBibliothek zu Mailand. Die Darstellungen in dieser Handschrift sind meist mit grosserGenauigkeit ausgeführte figurenreiche Kampfscenen. Gern hätte ich eine dieserinteressanten kolorierten Federzeichnungen kopiert, doch konnte ich die Erlaubnis dazunicht schnell genug erlangen.
In Rom, wo die Reichtümer der ganzen bekannten Welt zusammenströmten,fand die Kunst der Handschriftenmalerei günstigen Boden, und hier waren es besondersdie Werke des Virgil, die in zahllosen illustrierten Ausgaben verbreitet waren. Bereitsin den letzten Jahrhunderten der Republik, als die Litteratur einen höheren Aufschwungnahm, gehörte es zum guten Ton, Bücher zu sammeln und Bibliotheken anzulegen, fürderen Bedürfnisse ein schon sehr wohlorganisierter und ausgebreiteter Buchhandelsorgte, der die Erscheinungen der Litteratur bis in die fernsten Provinzen des Welt-reichs verbreitete. Noch heute sind uns einige Namen bedeutender „Bibliopolae"bekannt, wie die des Pomponius Atticus, der Gebrüder Sophius, des Tryphon,des Arectus u. a.
Mit der Ausbreitung des Christentums wird der Darstellungskreis der Buch-malerei ein wesentlich anderer, die alte Heldensage wird von den aufsteigendenGestalten des Evangeliums und der Legende zurückgedrängt, wenn auch die Klassikerdaneben das ganze Mittelalter hindurch noch abgeschrieben werden: die neubekehrtennordischen Völker übernahmen mit der neuen Lehre zugleich die Freude am künst-lerischen Schmuck der heiligen Bücher.
Eine Hauptpflegestätte fanden Schriftwerk- und Buchmalerei in den Klöstern:in den stillen Zellen der Mönche entstanden Meisterwerke der Miniaturmalerei, die unsnoch heute mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Die Kunstgeschichte aber verdanktder Buchmalerei die lückenlose Kenntnis der Entwickelung der Malerei im Mittelalter,die bis über die Karolingerzeit hinaus ohne Beispiele wäre, wenn hier nicht die Minia-turen als Übermittler einträten.
Mit dem Worte „Miniatur" verband das Mittelalter einen ganz andern Begriff,als wir damit zu bezeichnen gewohnt sind. Miniatura stammt von Minium — Mennig,Bleirot —, mit welchem Initialen und Kapitelüberschriften hervorgehoben wurden. DerSchreiber, der das besorgte, hiess „Miniator'- und später, als für Mennig der Zinnober— Rubrica — gebräuchlich wurde, „Rubricator".*)
*) Ausführliches üher Miniaturen und Buchmalerei des Mittelalters in: B. Bucher, Geschichte dertechnischen Künste, und Dr. H. Janitschek, Geschichte der deutschen Malerei.