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III. Lobbcricli und lloclioltz zur Zeit der Franken.
1. Entstehung der Pranken und ihre ersten Regenten.
Gegen die Mitie des dritten Jahrhunderts schwinden viele von Caesar und Tacitus namhaft gemachtedeutsche Völkerschaften und treten an ihre Stelle andere, die sich Franken, Alemannen, Sachsen, Baiern und Thüringernennen, unter denen namentlich die orsteren, von Tag zu Tag politisch bedeutender und zuletzt für die NeugestaltungEuropas maassgebend werden. Um diese welthistorische Erscheinung zu erklären, ist das Kriegswesen der altenDeutschen in Betracht zu ziehen. Sie kannten zwei Arten von Kriegen: Volks- und Privatkriege, jene für das Wohldes ganzen Volkes unter Aufgebot des Heerbanns, d. h. aller Waffenfähigen, diese für das Sonderinteresse eineseinzelnen Führers und seiner Gefolgschaft, ') ursprünglich nur Raubzüge (latrocinia). Beide Formen mussten denRömern gegenüber Probe bestehen und die erstere, die Wichtigste, bewährte sich, wie sie war, nicht ausreichend.Bewies sich auch der Heerbann in sofern furchtbar, dass selbst kleine Völkerschaften durch ihn den Eroberungen derRömer, trotz deren wohlgeschulten und gut geführten übergrossen Kriegsmassen, abwehrend, ja sogar vernichtendentgegen treten konnte, 2 ) so war er doch in seinem damaligem Zustande für Angriffskriege ganz unbrauchbar und fürVertheidigungskrige meistens in sofern ungenügend, als nicht selten Haus und Hof, Saat und Vieh dem Feinde preis-gegeben werden musste, um das Ganze, das Land, zu retten. Die Grundursache der relativen Unbrauchbarkeitlag in -der Zerrissenheit Deutschlands in einzelne, kleine Völkerschaften, 3 ) in der Selbstständigkeit der Führer undGlieder des Heerbans, 4 ) in der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, die ganze Masse der Waffenfähigen über die Landes-grenze hinauszuführen und sie nach geschlagener Schlacht zusammenzuhalten, in dem Mangel an Tactik, der Beute-begierde und andern deutschen Untugenden undUnerfahrenheiten. Wie nun aber diese Hindernisse beseitigen und denkriegerischen Geist der Nation, ihre Kampfbegierde, ihren Muth, der bis auf den letzten Mann aushalten konnte, ver-werthen! — Das lernte man von den Römern. Diese gaben den Deutschen Zutritt zu den höchsten Militär- und Civil-Stellen 5 ) und dadurch Mittel, sich zu überzeugen, dass Patriotismus zwar die höchste Kraft gewähre, dass indessenOrganisation und Disciplin die wichtigsten Träger derselben seien. Da nun das gesammte deutsche Volk für dieseAnschauung nicht gewonnen werden konnte, so blieb nur eine Vereinigung der freiwillig sich bietenden Kräfte, d. h.Genossenschaften und Gefolgschaft unter erprobten Führern übrig. Der Erkenntniss folgte die That. Ein kühner Führer,der das Vertrauen und hinreichendes Gefolge besass, erliess den ersten Aufruf zu dem Angriffskriege; ihm schlössensich andere mit ihrem Gefolge an, erkannten ihn als Hauptführer an und verpflichteten sich zu unbedingtem Gehorsam. 6 )Mit dem fortschreitenden Unternehmen mehrte sich die Theilnahme. Die Verbindung blieb indessen, was sie anfänglichwar, eine rein militärische, wurde aber, als man das angegriffene Land erobert, die Niederlassung begonnen' hatte,eine bürgerliche. Zweifellos haben nur Führer sich nahewohnender Völker das Unternehmen ein- und durchgeführt,und da nur Theile verschiedener Völker den Angriff machten, so konnte nicht einer der vorhandenen Völkernamendem Ganzen beigelegt werden, man musste einen neuen erfinden, und da die, unter dem neuen Namen bewirktenEroberungsresultate die Machtstellung des angrenzenden Mutterlandes unendlich überstiegen, so war es natürlich, dassletzteres in das Unternehmen ganz mit hineingerissen wurde und vor dem neuen Verhältnisse verschwand. Auf dieseWeise stand das Ganze, trotzdem es nicht von einem Volksstamme 7 ) allein ausging, doch so consolidirt da, dass eswie ein Volk aussah. 8 )
Was insbesondere die Franken angeht, welche sich in unserer Gegend geltend gemacht haben, so sindin ihnen dio Chamaver, Tencterer, Usipeter, Sigambrer, Gugerner verschmolzen. 9 ) Sie erscheinen, wie erzählt, zum
') Die Unternehmungen des Ariovist und die meisten späteren Heereszüge waren Privatkriege. In den ersten zweihundert Jahrender Römer kann man nur die Züge der Usipeter und Tencterer und die Kriege derSueuen gegen die Ubier, oben S. 197, der Sigambrer gegendie Catten, oben S. 201, der Cherusker und ihrer Bundesgenossen gegen die Römer, oben 206, der Friesen, der Amsiyarier unter Bajoeolausoben 214 und den Aufstand der Bataver unter Civilis, S. 215, zu den Volkskriegen rechnen. Was die Gefolgschaft angeht, so spricht davonnicht nur Caesar bei. gal. VI. 23. Tac. Germ. 13, 14, sondern auchjDio LXX. 11, auch er kennt yivt] und tS-vtj: Geschlechter und Völker.— 2 ) Diejenigen, welche in neuem Zeiten die Landwehr beseitigen und durch Vermehrung der stehenden Heere ersetzen wollen, müssenobige Thatsachen ganz aus den Augen verloren haben und gar nicht mehr wissen, wo die Stärke einer Nation ihre Wurzel hat, und mitwas sie gekräftigt und aufrecht erhalten werden kann. — 3 ) Die germanischen Völker (Gentes) waren selbsständige politische Körper (Civi-lates). — 4 ) Tac. hist. IV. 76 und oben S. 229. — 5 ) Siehe oben S. 231. — 6 ) So war es stets deutsche Weise; das beweisen die Schaa-rungen zu den Bagauden, die Stellinga, die Kreuzzüge, die Fahrten nach Preussen, die Condottieres in Italien und Deutschland bis auf Wal-lenstein und noch tiefer hinunter, die Fehde Rittergesellschaften des Mittelalters u.s.w. Die besitzlosen, nachgeborenen Söhne fanden darin,wie noch jetzt der grösste Theil des preussischen Adels in der Armeei ihre Beschäftigung und ihr Fortkommen. — ') Von den Alemannensagt Asinus Quadratus bei Agathias I. 6 ausdrücklich: „sie sind zusammengelaufene, untereinander gemischte Menschen, wie dieses schonihr Name ausdrückt." Dass die Franken ebenfalls aus Gliedern verschiedener Völkerschaften zusammengesetzt waren, ist schon oben Seite195, Sigambri, angedeutet. Eumenius Paneg. Const. C. 5 spricht von diversis Francorum Gentibus und c. 6. von Franciae nationes, c. 13.von reges Franciae, vergl. unten Anmerkung 13. Nazarius Paneg. Const. c. 18 nennt Bructerer, Chamaven, Cherusker, Tubanten, welche Lac-tantius de mortibus persecutorum c, 29 als „Francorum gens" zusammen greift. Procop. caesariensis (lebte 6. Jahrhundert.) de hello gothicoerzählt: Am Ausflüsse des Rheines in das Meer, zwischen Sümpfen, wo einst Germanen gewohnt hätten, sässe jetzt ein barbarisches Volk,genannt Franken, Aurelius Victor de Caesaribus c. 33, kennt Francorum Gentes, die Peuting. Charte: Chamavi et Franci. — Vergl. untenAnmerkung 9 und 11, Früher licss man sie bald aus Maurungaria jenseits der Elbe, bald aus Pannonien, bald sogar ausTroja einwandern.Gregor von Tours hist. II. 9. Geog. Rav. I. 11. Trittemius Ann. — 8 ) Vergl. Eduard v. Wietersheim, Gesch. der Völkerwanderung, Bd. 2,1860, ein critisches Werk, — «) Gregor von Tours II. 9 rechnet auch de Bructerer, Amsivarier und Catten dazu, vergleiche Anmerkung 7.