___ 254
11. Das römische Kriegswesen.
Die römischen Heere und deren Thätigkeit sind vor allem Deutschland zu Nutze gekommen. Rom verstandes, Heere aufzustellen und, so lange es sie ernähren musste, zu verwerthen. Die Führer, vom Feldherrn herab biszum Offizier (Centurio) waren fach- und redekundige Männer, welche, der Tüchtigkeit wegen durch das allgemeineVertrauen auf ihren Posten berufen, l ) mit ihren Untergebenen in gleicher Lage, auch die Entbehrungen und Gefahrenmit ihnen gemeinsam trugen. 2 ) Die Soldaten waren solche im eigentlichen Sinne. Zu ihnen zu gehören war einEhrenrecht, es stand nur den römischen Vollbürgern zu 3 ) und diese Bürger brachten aus achtem, lebendigem Patrio-tismus einen unvertilgbaren Muth mit sich, gegründet auf volksthümliche, ausgebildete Gesetze und Institutionen, undgeregelt und unbesieglich durch unbedingten Gehorsam gegen den Feldherrn. *) Selbst in den schwierigsten Zeiten 5 )blieb ihnen das Bewusstsein von dem Ruhme für das grosse Ziel ihres Staates, der von den Göttern immer mehr undmehr bis zum ersten der Welt erhoben sei, mitgewirkt und sich geopfert zu haben, e ) daher auch vorwaltend Energieund Unverdrossenheit, trotzdem dass sie während ihrer ganzen Dienstzeit') schwer arbeiten mussten, 8 ) sei es imInteresse des Krieges 0 ) oder zum Nutzen des eroberten Landes oder des eigenen Ichs durch Gründung von Colo-
') Feldherr war bis zur Kaiserzeit der Consul, oder nach. Umständen der Dictator, Proconsul oder auch Praetor; die Legions-führer (Tribuni oder Obersten) wurden anfänglich auf Vorschlag des Senats vom Feldherrn, später vom Volke, theils aus dem Volke, theilsaus der Ritterschaft ernannt, die Centurionen (die Offiziere der Legion und deren Seele, Befehlshaber über 100—200 Mann) wurden nachder Tüchtigkeit aus dem Heere, die Unteroffiziere, Optiones, anfänglich vom Tribun, später von den Centurionen gewählt, ebenso die Fahnen-träger. Anfänglich hatte zwar der Staat, so lange er rein aristokratisch war, die obersten Befehlshaberstellen dem Altbürgerthume vorbehalten,allein dieses System musste in sich zerfallen. Schon 356 kam der höchste Militärbefehl, die Dictatur, in plebejische (neubürgerliche) Hände,später stiegen sogar Männer aus dem niedrigsten Stande auf den Kaiserthron, so Pertinax 192, der Sohn eines Holzhändlers aus Ligurien,Maximin 234, der anfänglich Viehhirt gewesen war. In keinem Stande hat die persönliche Tüchtigkeit so viel Gewicht, als im Militärstande,das beweist die Geschichte von lhucydides und Xenophon herab bis zu uns. Thucydides war eines Bauern Sohn, desgleichen Sforza, Spork.Ich will nicht an die Condottiere des Mittelalters bis auf J. de Wcrth herab erinnern, sondern nur der letzten Zeit gedenken, wo Deutschlandseine grösste Erniedrigung erleiden musste, weil es, gegen sein eigenes Interesse, sogar zur Bekämpfung von Prinzipien wie das vorstehendeüber die Gleichberechtigung, einen Krieg wagte, der es, trotz seiner Besiegung, noch nicht überall zur Besinnung gebracht hat. Währendauf seiner Seite Zerrissenheit im Volke und die Führung in den unfähigen Händen einer privilegirten Kaste lag (vergl. Oberst von Höpfnerder Krieg von 1806, 1807, A. von Montbö, die chursächsischen Truppen im Feldzuge von 1807, 1. Bd.) stand ihm ein frischer Volksgeistgegenüber, mit Führern aus seiner Mitte. Hier einige Männer, die, aus dem Bürgerstande hervorgegangen, in Kurzem zu den höchsten Stellenemporgestiegen sind und die Hohlheit des Kastenprincips thatsächlich nachgewiesen haben: Augereau, Sohn eines Maurers und einer Gemüse-händlerin von Paris, geb. 1757, 1792 Soldat, 1794 General, Herzog von Castiglione, 1815 Pair; Bernadotte, Sohn eines Advokaten aus Pau,geb. 1764, 1780 Soldat, 1789 noch Sergeant, 1794 schon Divisionsgeneral, 1800 Kriegsminister, 1804 Marschall, Herzog von Ponte Corvo,1818 König von Schweden; Alex. Berthier, Sohn eines Baumeisters, geb. 1753 zu Versailles, 1780 Soldat, 1789 General, 1806 Fürst vonNeufchätel und Wagram und verh. mit Elise, Prinzessin von Baiern; Caesar Berthier, Bruder des vorigen, 1810 General; Bessieres, Solineines Bürgers aus Ressac, 1792 Soldat, 1795 Hauptmann, 1806 Marschall und Herzog von Istrien; Brune, Sohn eines Advokaten zu Brivesla Gaillarde, geb. 1764, zuerst Buchdrucker, 1793 Soldat, 1797 General, 1805 Marschall; Davoust, geb. 1770, 1786 Soldat, 1793 General,1804 Marschall, 1809 Prinz von Eckmühl; Jourdan, Sohn eines Buchdruckers zu Limoges, geb. 1762, 1778 Soldat, 1793 General, 1803Marschall, 1830 Minister; Kellermann, Sohn eines Strassburger Bürgers, geb. 1755, 1772 Soldat, 1792 General, 1804 Herzog von Valrny;Lannes, Sohn eines Färbers aus Lectoure, Depart. Gers, geb. 1769, 1792 Soldat, 1800 General, 1804 Marschall, 1809 Herzog von Montebello;Lefebre, Sohn eines Müllers aus Ruffack, geb. 1755, 1777 Soldat, 1794 General, 1804 Marschall, 1807 Herzog von Danzig; Massena, Sohneines Weinhändlers aus Nizza, geb. 1758, zuerst Schiffsjunge, 1775 Soldat, 1793 General, 1804 Marschall, 1807 Herzog von Rivoli, 1809Fürst von Esslingen; Moncey, Sohn eines Advokaten aus Besancon, geb. 1754, 1770 Soldat, 1794 General, 1804 Marschall, Herzog vonConegliano; Mortier, Sohn eines Kaufmanns aus Chateau-Cambresis, geb. 1765, 1791 Nationalgardist, 1794 General, 1804 Marschall, 1807Herzog von Treviso; Murat, Sohn eines Wirths aus La Bastide bei Cahors, geb. 1771, 1791 Jäger zu Pferde, 1806 Grossherzog von Berg,1812 König von Neapel; Ney, Sohn eines Küfers aus Saarlouis, geb. 1767, 1787 Husar, 1796 General, 1804 Marschall, 1805 Herzog vonElchingen, 1812 Fürst von der Moskwa; Oudinot, Sohn eines Kaufmannes aus Bar-le-Duc, geb. 1767, 1784 Soldat, 1809 Marschall, Herzogvon Reggio; Savary, Sohn eines Soldaten, geb. 1774 zu Marc in den Ardennen, 1789 Soldat, 1795 General, Herzog von Rovigo, 1810Minister; Serrurier, Sohn eines Bürgers aus Grenade, geb. 1742, 1755 Soldat, 1792 General, 1804 Marschall, Graf, 1830 Pair; Soult, Sohneines Bauern aus St. Amand bei Castres, geb. 1769, 1787 Soldat, 1794 General, 1804 Marschall, 1808 Herzog von Dalmatien, 1814 undspäter Minister; Suchet, Sohn eines Fabrikanten aus Lyon, geb. 1772, 1792 Suldat, 1798 General, 1810 Marschall, 1812 Herzog von Albu-fera; Victor genannt Claude Perrin, geb. 1764 im Dorfe Marche, wurde 1792 aus einem Ladendiener Soldat, 1797 General, 1807 Marschallund Herzog von Belluno u. s. w. — 2 ) Selbst Kaiser Tiberius theilte beim Feldzuge die Entbehrungen mit den Uebrigen; er speiste aufblossem Rasen sitzend, übernachtete oft ohne Zelt und stand Tag und Nacht Denjenigen zu Gebote, die über seine schriftlichen Befehle imUnklaren waren (Suet. 18); den Kaiser Aurelius Carus fanden die persischen Gesandten, als er mit seinen Soldaten Mehlbrei und gesalzenesSchweinefleisch ass. Aehnliches kann man zu verschiedenen Zeiten verzeichnet finden. Von den neueren Armeen kann nur die französischeein oameradschaftliches Zusammengehen aufweisen, wo der Führer nach der Befähigung aus der Masse hervorgeht. Ich entsinne mich nochaus dem Jahre 1812 des brüderlichen, heitern und an rechter Stelle dienstfertigen Umgangs zwischen den stets properen Offizieren undSoldaten, wie sie auf derselben Bank hinter demselben Biere und hinter demselben Weine sassen, und daneben der classischen und elastischenFolgsamkeit, wenn der Degen gezogen war. Der mit den Verhältnissen Vertraute und Einsichtsvolle wird den Werth solcher Zustände zuschätzen wissen. Wie anders bei uns! — 3 ) Das heisst die ursprünglich herrschenden Römer, wobei die Unvermögenden nicht mitzählten.Die Aushebung (Delectus) geschah durch eine fachkundige Commission von 24, theils vom A r olke gewählten Personen (Militärtribunen). Nurder vierte Mann war militärpflichtig (Cicero de Div. I. 45.) Seit Marius, 100 v. Chr., wurde nicht mehr auf Vermögen, sondern auf körper-liche Tüchtigkeit gesehen, und so kamen auch römische Proletarier und Freigelassene in das Heer. Weiter noch ging die lex Plautia Papiria89 v. Chr., welche allen römischen Bundesgenossen das römische Bürgerrecht ertheilte und so die Militärpflicht von dem kleinen römischenGebiete über ganz Italien verbreitete, dabei aber auch Aushebung durch Legaten, welche der Feldherr schickte und Stellvertretung stattpersönlichen Dienens (Ramplacement) zur Folge hatte. Plin. ep. X. 39. Am weitesten ging Caracalla, der allen Freien des ganzen Reichesdas römische Bürgerrecht verlieh. —. 4 ) Modestia genannt. Schon dieses Wort gibt das Innige des Verhältnisses kund. Man muss dabei nicht anunsere Zustände denken und an Soldaten, in denen jedes Ehrgefühl todt geschimpft ist. — 5 ) Es sind hierbei selbstredend die spätem Zeitendes römischen Verfalles ausgeschlossen, wo die Institutionen gestürzt, die Standpunkte verrückt und die Legionen durch ehrgeizige Führerauf Abwege geleitet worden waren. — °) Ein ähnliches Gefühl muss man jetzt den Franzosen nachrühmen, — *) Anfänglich nur die Dauerdes jedesmaligen Krieges, [unter Kaiser Augustus aber 20 Jahre. — e ) Tac. Ann. XI. 18. XIH. 35. 53. hist. II. 93. Cicero Tusc. II. 16.Veget. I. 12. 27. Die Organisation der Legionen hat Veg. II. 14. — °) Die Arbeiten im Kriege und für den Krieg waren sehr gross. Es