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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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Tacitus und andere von unseren Vorfahren entworfen, wenn sie ihren mächtigen, tadellosen Körperbau,') ihre überwältigendeNervenkraft und den dadurch bedingten kriegerischen Geist, 2 ) ihre Sittsamkeit, 3 ) Offenheit, Gastfreundschaft, einfacheLebensweise, Familien-Verhältnisse, Gemeinde-Einrichtungen und dergleichen besprechen. Es werden uns aber auchdie daneben gezeichneten Schattenseiten erschrecken und zu der Ueberzeugung nöthigen, dass ohne die römischeDazwischenkunft die deutsche Nation, ein Spielball kleinlicher Verhältniss, ihre Sendung zu erfüllen nicht im Standegewesen wäre. Die Natur des Bodens hat sich freilich in Folge dessen nicht geändert, er war damals, wie nochjetzt, entweder Sand oder Moor oder fettes Land, von einem meist grauen, regnigten, nebligen Himmel überspannt,häufig von Ungewittern und Stürmen heimgesucht, aber das Volk, welches ihn bewohnte, liebte wenig die Cultur;daher war der grösste Theil des Landes Wald, ein nicht minder grosser Theil Sumpf, 4 ) daneben hier und da grüneWiesen 5 ) und nur wenig bebauter Acker. 6 ) Es mangelte an nöthiger Eindeichung gegen Fluss und Meer, anAbzugsgräben, Wegen und Strassen; auf den drei fünftel Zeit des Jahres feuchten, fetteren Stellen war eben so langedie Verbindung gehemmt. Schon diese climatischen, theilweise jedoch lediglich von der Cultur abhängigen Verhältnissemachten das Land zu einem rauhen, unfreundlichen. 7 ) Die Bewohner des Landes gingen nackt, 8 ) nur mit einemkurzen Mantel oder Thierfelle bekleidet, 9 ) lediglich die Reichsten trugen, abgesehen von den Kriegern, wovon unten,enganliegende Böcke 10 ) und Hosen,'') zuweilen buntes Zeug. 12 ) Die Weiber unterschieden sich nicht von denMännern, nur ausnahmsweise hüllten sie sich in leinene Gewänder, jedoch so, dass Arme, Schulter und halbe Brustnackt blieben. 13 ) Die Kinder wuchsen nackt und im Schmutze unter dem Vieh auf, 14 ) von Erziehung war keineRede, in der Bildung zwischen Herren und Knechte kein Unterschied; ,5 ) nur wenige konnten lesen und schreiben. 16 )Dem Charakter nach war das Volk, worunter vornehmlich die herrschende Classe zu verstehen ist, wildund räuberisch, n ) zur Plünderung, Knechtung und Vernichtung seiner eigenen Stammesgenossen und Verwandtenstets bei der Hand, 18 ) dabei bestechbar, 19 ) grob und bäurisch, 20 ) nach verschiedenen Zügen auch grausam 21 ) und

J ) Ueber die Grösse der alten Deutschen herrschen verschiedene Ansichten. Directes Zeugniss liefert, jedoch nur über die Bur-gunder, Sidonius Apollinaris, Carm. XIII. 18, er nennt sie Septipedes, siebenfüssig. Sonst sagen die römischen Schriftsteller nur (Caes. bei.gal. I. 39. Dio. XXXVIII. 49. 'Iiuarjfpos. II. 16. 4. yiju fiev äjieiqov vefiofitvoi, /*si£u) df riöv aeopärtof e/oytea zci (fQovq/urera xai t^vfiiv ljjvxijv d-ctvärov xaraqiQovovaav ,sie haben einen Geist, der grösser ist, als ihre Leiber, eine Seele, die den Tod verachtet." Pom.Mela III. 3. immanes sunt animis et corporibus. Tac. Germ. 4. magna corpora. Ann. I. 58. hist. IV. 22. V. 14. Seneca de ira I. 11. Vegetiusde re mil. I. 1. Columella de re rus. III. 8.), dass die Deutschen übermässig gross gewesen seien, was gegenüber dem römischen Soldaten,5 Fuss 3 Zoll, der hier offenbar zum Vergleiche dient, auf eine ansehnliche Grösse, aber nicht auf ein bestimmtes Maass, schliessen lässt.Vergleichung mit späteren Lebenden führt nicht weiter. Karl der Grosse maass gemäss seines Armknochens und Schädels im Dome zu Aachen(vergl. Eginhard) über 7 Fuss, und nicht kleiner war der Cölnische Erzbischof Bruno, f 965, Bruder Otto's des Grossen, gemäss dessen Ge-beinen in der Kirche zu Altenberge (seinen Unterkiefer konnte ich um den meinigen legen, und ich messe 5 Fuss 9 Zoll). Aber diese Per-sonen scheinen Ausnahmen von der Kegel. Nach den erhaltenen Harnischen eines Kunz von Kaufungen und ähnlicher starker Männer, diesich in den Rüst-Sammlungen zu "Wien, Dresden, Sigmaringen u. s. w. finden, sind die Männer im Mittelalter nicht grösser, als auch jetzt,gewesen, d. h. die mittlere Grösse der jetztlebenden Deutschen im Allgemeinen zu 5'/ 2 Fuss rheinisch und nur ausnahmsweise zu 6 Fuss ge-rechnet. Das schliesst freilich nicht aus, dass die Deutschen zur Zeit der Römer nicht grösser gewesen sind. So gut wie das gelbe, goldige Haarder Deutschen (Tac. Germ. 4. Plin. hist. nat.), welches sich noch so reizend auf den Bildern altdeutscher Maler findet und nach den Por-traits von Hemling, Holbein, B. de Bruyn u. s. w. im 16. Jahrhundert noch allgemein erscheint, jetzt zu einer Ausnahme geworden unddurch blond ersetzt ist, so mag auch, in Folge veränderter Lebensweise und Nahrungsmittel, die körperliche Grösse eine Aenderung erlittenhaben. 2 ) Von diesem kriegerischen Geiste sprechen die alten Geschichtschreiber sehr häufig, (Caes. I. 36. 39. IV. 1.2. VI. 21. Tacitus anvielen Stellen. Seneca de ira. I. 11. II. 15. Josephus de bello iud. IL 16.4.), aber es fehlte ihm Organisation und Ausdauer, er verschmähteselbst die gewöhnliche Klugheit. Arminius überlegte Pläne fanden keinen Beifall (Tac. Ann. I. 68.), und Civilis scheiterte, weil die tollkühneKraft der Deutschen sich nicht regeln liess; unverantwortlich tollkühn stürmen die Germanen auf Placentia los (Tac. hist. IL 22.), ähnlicheBeweise liefern die übrigen deutschen Kriege. So boten sich den Kömern wirksame Mittel, den Kampf siegreich zu bestehen; einige davonhat Tacitus (Ann. IL 5. 14.) in den Gedanken des Germanicus entwickelt. 3 ) Die Keuschheit, welche Tacitus Germ, rühmt, wird bedenk-lich, wenn man die ausserordentliche Masse Nothzuchtsgesetze (Dreyer, Nebenstud. S. 37 u. 212.) sowie die ausserordentliche Anzahl weib-licher Misshandlungen im Mittelalter in Erwägung zieht. 4 ) Tac. Germ. 5. 5 ) Plinius hist. nat. 17. 4. 6 ) Germ. 14. nee arare terramaut exspeetare annum facile persuaseris. Caes. bei. gal. IV. 1. neque multum frumento, sed maximam partem lacte atque pecore vivunt etmultum sunt in venationibus. V. 22. argriculture non student, maiorque pars victus eorum in lacte, caseo, carne consistit. ') Germ. 2.8 ) Germ. 6. 17. 20. Caes. bei. gal. IV. 1. VI. 21. Seneca de ira I. 71. de provid. 4. Man hat zweifeln wollen, ob das nudi aut sagulo leuesin Germ. 6. wirklich unbekleidet bedeuten solle, und zwar namentlich mit Rücksicht auf hist. II. 22., wo derselbe Ausdruck für unbepanzertgebraucht sei; allein, dieses Letztere dahin gestellt, die übrigen aufgeführten Nachrichten lassen es ganz unbezweifelt, dass Tacitu3in Germ. 6. das Unbekleidet hervorheben wollte. Selbst noch viel später finden wir die Deutschen nackt; so den König der Ostgothen,Theoderich, der nur eine Thierhaut trug, aber sonst nackt ging, wie dieses Walafrid Strabo, Abt zu Reichenau, in der Beschreibung derStatue dieses Königs kundgibt, edirt in der Bibliotheca Max. Patrum. Lugduni, Tom. VIII. °) Germ. 17. hist. IL 88. Caes. bei. gal. IV. 1.VI. 21. 10 ) Germ. 17. Abbildungen auf der colonna trajana. ") Tac. hist. IL 20. Auch die Abbildungen auf der Antonins- und Trajans-Säule, dem Triumphbogen des Constantin, Statuen im Vaticanischen Museum; der Mantel ist bis in die letzte, spanische Zeit hinein Fest- undHoftracht geblieben. ") Tac. hist. IL 20. V. 23. «) Germ. 17. Plin. XIX. 1. ") Germ. 20. ls ) Ebend. ">) Germ. 19. ") Tac.germ. 14. 33. Ann. 1. 65. hist. IV. 73. 76. 78. V. 17. Auch oben S. 222. Nur von den Chauken sagt Tacitus, dass sie die Länder nichtdurch Raub und Plünderung verwüsteten, dagegen jedoch Ann. XI., wo die Chauken, mit leichten Schiffen auf Beute ausgehend, die KüsteGalliens verwüsten. Caes. bell. gal. IV. 16. 19. VI. 35. VHI. 25. 'Iwarjipos 'lovSuixt) äyxaioXoyia XIX. 1518. Siehe auch folgende Note.Pomp, Mela III. 3. 18 ) Caes. bei. gal. VI. 23. latrocinia nullam habent infamiam, quae extra fines cuiusque civitatis fiunt. (So dachte manja noch im ganzen Mittelalter.) VI. 34. Caesar ad finitimas ciuitates nuncios dimittit, omnes ad se euocat spe praedae ad diripiendos Eburones magnus undique numerus celeriter conuenit. Vor allen waren die Sigambres gleich bei der Hand. Ebend. 35. Tac. germ. 14. materiamunificentiae per bella et raptus. Siehe auch was oben S. 197. u. f. erzählt ist. Dieser Characterzug war auch wohl veranlassend, dass dieDeutschen von den Römern schon gleich nach der ersten Bekanntschaft sich in Masse anwerben Hessen, wovon Nachrichten bei Caes. bei.gal. VII. und VIII. 10 ) Man macht in diesem Punkte stets den Römern Vorwürfe, weil sie die Bestechenden waren, während doch der-jenige, der sich bestechen lässt, nicht um ein Haar besser, nach Umständen sogar schlechter ist. Die Römer wendeten Geld und Geschenkean, um ihren grossen Civilisationsplan mit milderen Mitteln, als mit dem Schwerte zur Ausführung zu bringen. Die deutschen Stämme aberHessen sich gegen ihre eigene Nation und gegen ihre eigene Ueberzeugung bestechen. Dieses im Auge behaltend wird man nicht so allge-mein und unbedingt von einem so grossen, aufopfernden, für Freiheit und Vaterland beseelten Volkscharacter der alten Deutschen sprechenkönnen, wie dieses von vielen Geschichtschreibern geschieht. 20 ) Tac. hist. II. 74. 88. 21) p] u tarch Marius. Caes. bei. gal. I. 33. Die