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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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Legionen schon ihnen auf der Ferse ständen. Weiter ging man zu Vorwürfen über, dass Trierer und Lingonen zurZeit die Sache der Gallier in der Person des Vindex nicht unterstützt hätten. Die Eifersucht der Provinzen gegeneinander kam besonders bei den Fragen zum Ausbruche, wer Oberfeldherr sein, wo man Eecht nehmen und dieAussprüche der Götter erforschen und wo, wenn der Sieg errungen sei, künftig der Sitz der Herrschaft sein solle?

So kämpfte man, ehe der Sieg gewonnen war, schon um die Ergebnisse des Sieges, wobei die eine Parteinoch verletzender als die andere mit ihren Vorzügen prahlte und dadurch erregte man einen so grossen Ekel gegendie Zukunft, die man anzubahnen zusammengekommen war, dass man die Gegenwart dagegen sehr erträglich fand.Die Versammlung ging statt bundesfreundlich, bundesfeindlich auseinander. ') Ihr einziges Eesultat war ein Schreibenan die Trierer, worin man ihnen rieth, vom Kampfe abzulassen und wo möglich durch echte Reue sich Verzeihungzu erwirken.

Inzwischen drangen die neugerüsteten Legionen immer näher. Die Vangionen und Tribocer und verschiedeneAbtheilungen der verführten römischen Legionen traten wieder auf die Seite der Römer: auch stellte sich zuihnen Julius Britanniens mit seinen Schaaren, ein Schwestersohn des Civilis, der ihn hasste wie denn Verwandtenhassder bitterste ist. Tutor zog sich nach Bingen hinter die Nahe zurück und glaubte sich dort sicher, weil er die Brückeabgebrochen hatte. Allein er wurde umgangen und geschlagen. Dann folgte allgemeine Bestürzung und Verwirrung; dieTruppen liefen auseinander, die Fürsten, welche sich zu den Triern gehalten hatten, zogen in ihre Heimath und, umAlles zu verderben, die beiden Legionen von Neuss und Bonn sahen sich ob der Tobsucht des Valentinus, wie obenbemerkt, veranlasst, von Trier nach Metz zu ziehen.

Mittlerweile erschien auch Cerialis, der neue römische Oberbefehlshaber an Stelle des Hordeonius in Mainz.Dadurch bekam die Kriegsführung wieder festen Halt. Das Erste, was Cerialis that, war, die Hülfstruppen 1 , welcheGallien gestellt hatte, in die Heimath zu schicken; Rom habe an seinen eigenen Legionen genug. Diese doppeltgeschickte Handlung gewann ihm ganz Gallien. Dann griff er die Trevirer an, schlug sie und eroberte ihre Stadt.Die Plünderung derselben und die Vernichtung, welche die siegreichen Soldaten stürmisch verlangten, wies er entschiedenzurück; statt dessen redete er die überwundenen Legionen und Trevirer in einer veranlassten Heeres Versammlung also an:

«Ich habe niemals, die Redekunst geübt, nur mit den Waffen mein Zeugniss für die Tapferkeit des römischenVolkes abgelegt. Doch weil bei euch Worte am meisten gelten und das Gute und Schlechte nicht nach seinem Wesen,sondern nach den Stimmen der Empörer abgeschätzt zu werden pflegt, so habe ich beschlossen, euch Einiges zu eröffnen,was für euch vorthcilhafler ist zu hören, als für uns zu sagen. Die römischen Feldherren und Imperatoren sind in euerund der übrigen Gallier Land nicht aus eigenem Interesse, sondern auf den Ruf eurer Vorfahren gekommen. Diese warendiuch Zwietracht bis zur Vernichtung bedrängt und die zur Abhülfe berufenen Germanen hatten Verbündete, wie Feinde,mit Knechtschaft belegt Mit wie vielen Schlachten gegen Cimbern und Teutonen, mit welchen Anstrengungen und welchemErfolge unsere Heere gegen die Deutschen gekämpft haben, ist hinreichend bekannt und nicht um Italien zu beschützen haltenwir den Rhein besetzt, sondern damit kein zweiter Ariovist der Königsmacht über Gallien sich bemächtige. Oder glaubtihr etwa, dass Civilis, die Bataver und die überrheinischen Völker euch besser behandeln werden, als eure Väter undGrossväter von ihren Vorfahren behandelt sind? Immer war es ein und dieselbe Ursache, welche die Deutschen reizte,Gallien zu überfallen: Begehrlichkeit, Habsucht und Verlangen, den Wohnsitz zu wechseln; an Stelle ihrer Einöden undSümpfe wollen sie diesen fruchtbaren Boden und euch selbst sich zu eigen machen. Man schützt dabei Freiheit vor undbedient sich anderer hochtönender Namen; aber das sind Worte, hinter denen sich Jeder verkriecht, der sich zum ZwingherrnAnderer machen will. Königthum und Krieg haben in Gallien so lange bestanden, bis ihr euch unsern Anordnungenanvertrautet. Wir, obgleich oft gereizt, haben die Bechte des Siegers nur so weit gebraucht, als der Schutz des Friedensverlangt. Ohne Kriegsheer kann die Ruhe der Völker nicht erhalten werden und ohne Sold kein Heer, ohne Steuer keinSold. Im Uebrigcn werdet ihr gerade wie wir gehalten; ihr selbst seid Anführer der Legionen und verwaltet diese undauch andere Provinzen, nirgends ist Trennung oder Ausschliessung. Haben wir löbliche Fürsten, so habt ihr, wenngleichfern von uns, doch gleichen Vorthcil mit uns, lirannische sind denen am gefährlichsten, die ihnen am nächsten wohnen.So wie die Dürre und zu viel Regen und andere natürliche Uebel, so muss man sich auch die Habsucht und die Ueppigkeittirannischer Herren gefallen lassen. Laster wird es geben, so lange es Menschen gibt: aber sie leben nicht ewig und werdendurch das Dazwischentreten der Besseren aufgewogen. Oder hofft ihr von Tutor und Classicus, wenn sie eure Königewürden, eine gemässigtere Herrschaft und glaubt ihr, dass mit geringeren Steuern sich Heere aufstellen lassen, wie sie gegenDeutsche und Brüten nöthig sind? Vergesst nicht, dass, wenn die Römer verdrängt werden, was die Götter verhüten wollen,Kriege aller Völker unter einander losbrechen werden. Glück während acht Jahrhunderte und eine eben so lange fortgesetzteZucht haben dieses Gebäude aufgebaut und es kann nicht niedergerissen werden, ohne die Zerstörer mit zu verderben.Ihr seid dann in der grössten Gefahr, weil ihr Geld und Schätze besitzt, die Hauptvcranlassungen zu Kriegen. Darum liebtund pflegt den Frieden und ehret die Stadt, an der wir, Sieger wie Besiegte, gleiches Anrecht haben. Das Glück und dasUnglück, welches ihr erfahren habt, möge euch ermahnen, nicht Trotz, Widersland und Verderben dem Gehorsame undder Wohlfahrt vorzuziehen."

Diese Rede verfehlte bei den Galliern ihre Wirkung nicht. Die Macht des Cerialis wuchs von Tag zuTag; um dennoch das Ziel zu erreichen, versuchten Civilis und Classicus ihn auf dem Wege der Bestechung; sieboten ihm die Krone Galliens an und hielten sich nur die Herrschaft über ihre Gebiete vor. Allein sie hatten sichin seinem Character verrechnet. Cerialis antwortete nicht einmal und schickte den Boten gefangen nach Rom.

') Sollte man nicht glauben, Tacitus habe hier (hist. IV., 09,) von unsern Zustünden berichtet.