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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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Ausbreitung seiner Macht in der Nähe und Kühlung der Privatrache an Claudius Labco. Nachdem er das Landder Suniker besetzt und ihre Mannschaft in Cohorten geordnet hatte, stiess er auf Labeo, der zur Hemmung seinerweiteren Schritte die Brücke über die Maas (bei Mastricht) mit einer zusammengerafften Schaar von Bctasiem, 1 )Tungern und Nerviern besetzt hatte. Die Deutschen schwammen durch den Fluss und fielen dem Labeo im Kücken,während Civilis sich an dessen Schaar wendete und rief: »Wir kämpfen nicht, damit Trierer oder Bataver über euchherrschen; wir wünschen nur Euer Bündniss. Ich trete zu euch über5 ihr möcht mich als Feldherr oder gemeinenSoldaten wollen!" Das wirkte; die Schaar der Betasier, Tungerer und Nervier trat zu ihm über und mit ihnen ihrganzes Volk; Labeo entkam durch die Flucht. Statt sich hiermit zu begnügen und Grösseres zu verfolgen, zog Civilisin den unwegsamsten Gegenden Belgiens umher, um Labeo einzufangen.

Mitten in diesem, dem unternommenen Wagstückc ungemässem Handeln hatte eine wenig passendeVerhandlung mit Cöln statt. Die Deutschen, namentlich Classicus, die Nützlichkeit eines milden Regiments ganzverkennend, wollten das reiche Cöln der Plünderung des Heeres und der Zerstörung preisgegeben sehen. Nur Civilisstimmte nocli dagegen, weil die Stadt seinen, im Anfange des Krieges gefangenen Sohn während der Haft anständig gehaltenhatte. Zur Beendigung der Angelegenheit schickten endlich die Tencterer Gesandte nach Cöln, welche also sprachen:

«Ihr habt euch leiblich und dem Namen nach wieder mit Deutschland vereinigt, das danken wir den gemein-schaftlichen Göttern und vor Allem dem Gölte des Krieges. Wir wünschen euch Glück, dass ihr jetzt frei leben könntunter Freien, denn bis zu diesem Tage hatten die Römer Flüsse und Länder, ja den Himmel gleichsam verschlossen, umUnterhandlungen und Zusammenkünfte zwischen uns zu verhüten, oder, was noch schimpflicher ist für Männer, die zu denWaffen geboren sind, um uns wehrlos und fast nackt, nur unter Geleit und gegen Entgelt miteinander verkehren zu lassen.Damit jedoch unsere Freundschaft und Genossenschaft dauernd sei, verlangen wir: dass ihr die Mauern eurer Pflanzsladt,die Bollwerke der Kechtschaft nieder reisset; selbst wilde Thiere, wenn man sie einschliesst, verlieren ihre Tugenden; dassihr alle Römer in eurem Lande erschlagt; wo Gebieter sind, fehlt die Freiheit; dass das Vermögen der Erschlagenenverlheilt werde, damit niemand im Geheimen schleichen und sich von der allgemeinen Sache absondern könne. Uns undeuch muss es erlaubt sein, beide Ufer zu benutzen, wie es einst unsere Väter gethan haben. Wie das Licht und der TagAllen, so hat alle Länder den Tapferen die Natur eröffnet. Nehmt die Einrichtung und Lebensweise eurer Väter wiederan, entreisst euch den Vergnügungen, wodurch Römer mehr herrschen, als durch die Waffen. Als offenes, unbescholtenesfreies Volk werdet ihr andern Völkern gleich stehen und über sie gebieten."

Die Cölner, nach gepflogener Berathung antworteten schlau also:

«Die erste dargebotene Gelegenheit haben wir mit grösserer Begierde, als Vorsicht ergriffen, um uns mit euch undden übrigen Deutschen, unseren Anverwandten, zu verbinden. Sicher ist es aber wichtiger, jetzt, wo die römischen Heeresich gegen uns versammeln, die Mauern unsere)' Stadt zu verstärken, als zu zerstören. Die Fremden aus Italien oder denProvinzen, welche sich vormals in unsern Mauern aufhielten, hat entweder der Krieg verschlungen, oder sie sind nach ihrerHeimalh entflohen. Was noch bei uns ist, die vor geraumer Zeit Angesiedelten und Verheiratheten mit ihren Kindern,haben hier ihr Vaterland und wir halten euch nicht für so ungerecht, dass ihr von uns die Ermordung unserer Väter,Brüder oder Kinder fordern könnet. Den Zoll und die Lasten auf den Verkehr heben wir auf, auch möget ihr unbewachtherüberkommen, jedoch nur bei Tage und unbewaffnet, bis die neuen noch jungen Rechte durch Gewohnheit mehr Einganggewonnen haben. Uebrigens mögen Civilis und Veleda Schiedsrichter zwischen uns sein und unsern Vertrag bestätigen."

Durch diese Rede wurden die Tencterer besänftigt und die Cölner sendeten Gesandte und Geschenke anCivilis und Veleda, welche alles durchsetzten, was die Cölner wollten. Veleda selbst bekamen die Gesandten nicht zusehen; sie wohnte auf einem hohen Thurme und einer ihrer Verwandten brachte, wie eine Mittelsperson bei derGottheit, Frage und Antwort.

Schlimmer als die Cölner behandelte man die übergetretenen Legionen. Statt Weckung, Unterdrückung desHochgefühls, statt Ordnung und passende Führer, Verwilderung und eitele, tobende, mit sich uneinige, unkundigeVorgesetzte. Je mehr Verbrechen man die Soldaten begehen liess, desto fester glaubte man sie für die Sache gewonnen,desto unmöglicher die Versöhnung mit Rom. Die beiden Legionen, die erste von Bonn und die sechszehntc von Neuss,wurden nach Trier beordert. Als sie dorthin zogen, strömten unterwegs von Feld und Haus die Volksmasscn herbei,die noch vor Kurzem bei ihren Namen gebebt hatten und umschwärmten sie höhnisch. Das veranlasste gar bald dasPicentiner Reiter-Regiment, von der Sache abzulassen und nach Mainz zu ziehen, wobei sie unterwegs auf Longinus,den Mörder des Vocula, der ihnen im Wege kam, schössen. Die Legionen kamen wirklich nach Trier und wurdenunter Valentinus gestellt, der immer tobte und nur auf Verwirrung und Verderben bedacht war. Als er einst abwesendwar, entzogen sie sich seinem weiteren Befehle, indem sie sich nach Metz begaben, zu den Bundesgenossen der Römer.

Während dessen rüstete Rom mit aller Kraft und das veranlasste eine Zusammenkunft der aufgestandenenGallier und Belgier in Rheims. Hier zeigte sich so recht die Erbärmlichkeit der Parteiführer, die Nichtigkeit desganzen Unternehmens. Valentinus von Trier führte dort das erste Wort. Er brachte vor, was man grossen Reichenvorzuwerfen pflegt und überschüttete das römische Volk mit Schmähungen und Verunglimpfungen. Seine Rede warvoll Schwindel, aufwiegelnd, darauf lossprechend und deshalb bei der Mehrheit beliebt. Gegen ihn sprach JuliusAuspex, ein Rheimser. Die römische Machtstellung und die Vorzüge des Friedens führte er vor Augen und wieFeige wohl zum Kriege sich entschlössen, die Wackersten aber seine Gefahren übernehmen müssten und wie die

') Ihrer gedenkt auch Plinius, bist. nat. IV., 31; Grüter, insörlpt, Sie wohnten diesseits Brüssel, wo Betz u. Bietz noch an sie erinnern.