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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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Vocula erhielt von Allem Nachricht; die Meisten riethen ihm zu fliehen; doch er zog vor, das Heer zu versammeln

und also zu sprechen:

«Niemals habe ich mehr bekümmert um mich und weniger besorgt um euch zu euch geredet. Denn dass ihrauf ineinen Untergang sinnet, höre ich gern; bei unserm so grossen Unglücke erwarte ich den Tod als das Ende meinerLeiden. Ihr dagegen erfüllt mich mit Scham und Mitleid, nicht weil euch Kampf und ein Schlachlheer erwartet, wie esder Kriegsgebrauch und die Stellung von Feinden gegeneinander mit sich bringt, sondern weil Classicus mit euern ArmenKrieg gegen das römische Volk zu führen beabsichtigt, und von euch die Anerkennung und Huldigung der Herrschaft Galheusverlangt. Wenn uns für den Augenblick Glück und Tapferkeit verlassen haben, sind damit auch die Vorbilder gewichen,wie einst römische Legionen lieber starben, als einen Schritt weichen wollten? Oft haben unsere Bundesgenossen' ihreStädte zerstören, sich, ihre Frauen und Kinder verbrennen lassen um keinen andern Preis als der Treue und des Kachruhmswegen; und noch gegenwartig zu Vetera dulden die Legionen Mangel und Belagerung und lassen sich nicht durch Schrecken,nicht durch Versprechungen von ihrem Platze bringen. Wir aber haben alles zur Genüge: Waffen, Männer, eine vortrefflicheLagerbefestigung, Getreide und Zufuhr für den längsten Krieg. Auch Geld war jüngsthin genug da, sogar für ein Geschenk,welches ihr, mögt ihr annehmen, es sei von Vitcllius oder von Vespasian gesandt, immer doch von einen Imperator Romserhalten habt. Wenn ihr, so oft Sieger, bei Gelb, bei Velera, jetzt plötzlich die Schlacht fürchtet, so ist das an sich eurerunwürdig, jedenfalls habt ihr Wall, Mauern und sonstige Aufhaltungsmiltel, bis aus der Nähe Hülfslruppen und Heere zusammeneilen. Sollte ich euch missfallcn, so sind ja andere da, Legaten, Tribunen oder selbst ein Ceulurio oder Soldat. Mögenur die entsetzliche Nachricht sich nicht durch die Welt verbreiten: ihr seid die Helfershelfer der Civilis und Classicusgeworden, um in Italien einzufallen, Oder wollet ihr, wenn euch Deutsche und Gallier bis zu den Thoren Roms geführthaben, auch in eure 'Vaterstadt die Waffen tragen? Es schaudert das Gcmüth schon bei dem blossen Gedanken an sogrossem Frevel! Oder wollt ihr den Trierern und dem Tutor Wache stehen? Soll euch der Bataver die Losung ertheilen?Wollt ihr den zusammengelaufenen Deutschen als Ersatzmannschaft dienen? Und was wird der Frevel für einen Ausganghaben, wenn sich römische Legionen euch gegenüber stellen? Wollt ihr dann in zweifachem Verrath, den Götternverhasst, zwischen dem neuen und alten Eide hin und her irren? Dich, Jupiter, dem Bestgrössten der Gölter, dem wirjetzt schon achthundert und zwanzig Jahre so viele Triumphe weihen, dich, Quirinus, dem Vater Roms, euch flehe ich anmit heiliger Bitte: wenn euch nicht daran gelegen, unter meiner Leitung dieses Lager unenlweiht zu erhalten, es dochgegen eine Beschimpfung durch Classicus oder Tutor zu schützen. Verleihet den römischen Kriegern eine lautere Gesinnungund Reue ohne Strafe."

Classicus wusstc diese Rede, welche von den Soldaten theils mit Hoffnung, theils mit Furcht und Schamangehört wurde, durch die Absendung des Aemilius Longinus, eines Abtrünnigen der ersten Legion, zu beseitigen,der die Frevclthat, den Mord an Vocula, vollbrachte und die beiden Legaten Herennius Gallus und Numisius in Fesselnlogen Hess; dann erschien er selbst in Neuss, übernahm die Zeichen des Oberbefehls und licss die Soldaten dergallischen Herrschaft Treue schwören. Worte standen ihm nicht zu Gebote, wenngleich er für Frevelthaten abgehärtetwar. Hierauf theilte er sich mit Tutor in die Leitung dos Ganzen. Dieser, nachdem er den Tribun zu Mainz getödtetund Cöln eingeschlossen hatte, zwang auch die dortigen Legionen zur Huldigung Galliens, während Classicus von denzu ihm übergetretenen Römer die, sich am meisten Wegwerfenden nach Vetera sandte, um den Belagerten dieNotwendigkeit einer Uebergabe vorzustellen. Diese erwogen zwischen Treue, Ehre und zwischen Mangel und Schande.Alle Vorräthe waren verzehrt; man lebte nur noch von Strauchwerk und Wurzeln. Das bewog endlich die Besatzung,an Civilis Abgeordnete zu schicken und um ihr Leben zu bitten. Ihre Bitte wurde nur erhört, nachdem sie Galliengehuldigt hatten; dann erschienen Wächter, um dafür zu sorgen, dass sie ohne Gepäck abzogen, aber auch für ihrenSchutz auf dem Abzugswege; der Letztere wurde ihnen schändlicher Weise nicht zuTheil. Als sie sich fünftausend Schrittevon Vetera entfernt hatten, wurden sie treuloser Weise von den Deutschen überfallen. Die Kampffertigen fanden aufder Stelle, Andere beim Heramirren ihren Tod; die Uebrigcn flohen in das Lager zurück und wurden dort von denDeutschon mit sammt dem Lager verbrannt. Der Legat Mumius Lupercus Avar unter den Gefangenen und wurdenebst anderen Geschenken an Veleda geschickt, einer Jungfrau im Lande der Bructorer, welche eine ausgebreiteteHerrschaft und nacli Ansicht der Deutschen eine Sehergabe besass und für eine Göttin gehalten wurde. Lupercuskam nicht bis zu ihr; er wurde unterwegs getödtet. Gleichzeitig wurden alle Lager der Römer längst des Rheines bisin die Alpen hinein verbrannt; nur Mainz und Vindonissa (Windisch) blieben übrig. Aber alles das war, bei dem Characterder Sieger, kein Gewinn. Ohne einen grossen Gedanken verfolgten die Führer ihre Parteizwecke. Julius Sabinus,das Haupt der Lingonen, der von thörichter Eitelkeit geleitet war und, um von dem vergötterten Julius Cäsar zustammen, auf seine Elternmutter sogar die Schande des Ehebruchs häufte, glaubte bei der Gestaltung des neuengallischen Reichs durch schnelles Zugreifen den Preis zu erringen. Er Hess sich als Kaiser begrüssen und versuchtesein Reich durch einen Krieg gegen die ihm widerstrebenden Sequaner zu befestigen, wurde aber geschlagen undkonnte nur durch das Gerücht, er habe sich in dem Brande seines Landhauses freiwillig den Tod gegeben, sein Lebenmittelst Schutzes seiner Freunde und Treue seines Weibes Epponia noch neun Jahre fristen. Aber selbst dieser Beweishoher ehelicher Tugend vermochte die Leidenschaften nicht zu versöhnen; Vespasian Hess, als sie entdeckt wurden,beide hinrichten.

Tutor und Classicus verfolgten den Plan eines gallischen Reichs mit dem Sitze in Trier, aber sie thatennicht einmal so viel, die Alpenpässe zu sperren. Civüis trat nur scheinbar jenen bei, um, so lange es Noth war, ihreUnterstützung sich zu sichern; in der That war sein Gedanke auf ganz Anderes gerichtet. Sein nächster Wunsch war