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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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Mauern das Feld übersehend, brachen aus allen Thoren hervor. Und da gleichzeitig Civilis mit dem Pferde zu Bodensank und in beiden Heeren die Meinung, er sei verwundet oder gar getödtet, Glauben fand, so veranlasste das Bei denSeinigen eine eben so ungeheure Bestürzung, als bei den Feinden Ermuthigung. Vocula, statt die Fliehenden zuverfolgen, liess die Wälle und Thürme von Vetera verbessern, als stünde eine neue Belagerung bevor. Durch dieNichtbenutzung der Siege kam er in den Verdacht, dass er nur Krieg wolle.

Das Drückendste für das Heer war Mangel an Nahrungsmittel. Diesem abzuhelfen, wurde der Tross mitdem bewaffneten Haufen nach Neuss geschickt, um auf dem Landwege, den Strom beherrschten die Feinde, Getreideherbei zu holen. Der erste Zug kam ungefährdet zurück, da Civilis sich noch nicht -wieder gekräftigt hatte; nicht sodie zweiten Fuhren. Als auf dem Hinwege die Cohorten, welche zur Deckung mitgegeben waren, wie im tiefenFrieden einherzogen, meist fern von ihren Feldzeichen, die Waffen auf den Wagen, zügellos hcrumschweifend, griffCivilis sie in geschlossenem Zuge an, nachdem er durch vorausgeschickte Mannschaft die Brücken und Engpässe besetzthatte. Man kämpfte eine weite Strecke ohne Entscheidung, bis die Nacht die Fechtenden trennte. Die Cohortenzogen in Gelb ein, wo das Lager noch stand, von zurückgelassenen Cohorten bewacht. Es war zweifellos, dass demGetreidezuge auf dem Heimwege eine grössere Gefahr warte, drum beorderte Vocula tausend Auserlesene aus der, inVetera eingeschlossen gewesenen 5. und 15. Legion zur Verstärkung der Deckung. Es waren unbändige, gegen ihrenAnführer aufsätzige Soldaten. Sie zogen, von Vocula geführt, in grösserer Anzahl aus, als beordert war und machtenunterwegs offen ihrem Ingrimm Luft: sie würden sich nicht länger das Hungern und die Hinterlist der Legatengefallen lassen. Die in Vetera Zurückgebliebenen aber klagten: man habe sie durch das Ausrücken eines Theils derLegionen preisgegeben. So entstand ein doppelter Aufruhr, indem die Einen Vocula zurückverlangten, die Anderensich weigerten umzukehren.

Hierauf schloss Civilis Vetera von Neuem ein, während Vocula sich in Gelb festsetzte, das er jedoch mitNeuss vertauschte, wogegen Civilis Gelb einnahm und bei Neuss ein glückliches Reitertreffen lieferte. Der römischeSoldat indessen, mochto Glück, mochte Unglück einbrechen, blieb zum Verderben seiner Anführer aufgereizt, undjetzt zu Neuss verlangten die Legionen, durch jene von der fünften und fünfzehnten verstärkt, ihre Geschenke, da sieerfahren hatten, dass von Vitellius Geld gesandt sei. Hordeonius säumte nicht, aber er vertheilte die Gaben auf denNamen des Vespasian. Das gab dem Aufrühre neue Nahrung. Unter Schwelgerei, Sehmauss und nächtlichem Gelageerneuerten sie den alten Groll gegen Hordeonius und, da kein Legat, kein Tribun sich entgegen zu stellen wagte (indieser Nacht war alles Ehrgefühl vernichtet), so rissen sie ihn von seinem Lager und ermordeten ihn. Vocula konntesich vor gleichem Schicksale nur durch Flucht in Sklavenkleidcrn retten. Als der Rausch sich gelegt hatte, trat dieFurcht ein, man schickte Centurionen mit Briefen an die Gemeinde Galliens und bat um Hülfsmannschaft und Geld.Als Civilis gegen sie anrückt, betragen sie sich, wie ein Haufen ohne einen Anführer zu thun pflegt, vorschnell,furchtsam, gedankenlos. Sie greifen blindlings zu den Waffen, werfen sie aber sogleich weg und suchen Heil in derFlucht. Solches Missgeschick erzeugte Zwiespalt. Das obergermanische Heer sonderte sich ab; die 1., 4. und 18.Legion folgten dem Vocula, schworen dem Vespasian und wurden zum Entsatz vor Mainz geführt, das von Catten,Usipiern und Mattiakern belagert wurde. Der Feind hatte schon, mit Beute beladen, den Platz verlassen, musstc abermit seinem Blute dafür bezahlen; er wurde auf dem Heimwege, zerstreut und nichts Arges ahnend, eingeholt.

Bis dahin hatten die Trierer noch zu Rom gehalten, Schutzwehr und Wälle an ihren Grenzen errichtetund mit wechselndem Erfolge gegen die Deutschen gekämpft; dann aber, als das römische Capitol in Folge desKampfes der Vitellianer gegen die Vespasianer niedergebrannt, Vitellius selbst grausam ermordet worden war, als diegallischen Priester sangen: So lange der Sitz Jupiters bestanden habe, sei auch das römische Reich unverletzt geblieben,der verhängnissvolle Brand sei das Zeichen des Zornes der Götter, welche dadurch die Weltherrschaft den Völkernim Norden der Alpen in die Hände gegeben hätten; als Hordeonius ermordet und dadurch von den Legionen selbstan den Tag gelegt war, dass sie lieber dem Feinde, als dem Kaiser Vespasian gehorchen wollten, fing die Treue derTrierer und ihrer Nachbarn, der Lingonen, zu wanken an. Classicus, ein adliger Trierer aus königlichem Gcblüte,Oberst der Trier'schen Reiterei unter Vocula, Julius Tutor, sein Landsmann, und Julius Sabinus, ein Lingone, knüpftenmit Civilis Verbindungen an, hielten in Cöln in einem Privathause mit einigen Ubiern und Tungrcrn geheimeBerathungen und beschlossen: die Meuterei der Legionen zu benutzen, um sie zum Morde ihrer Legaten zu verführenund durch gehäufte Schuld ihrer Bundesgenossenschaft desto sicherer zu sein. Gleichzeitig schickte man Aufwieglerdurch Gallien, heuchelte dabei aber Gehorsam gegen Vocula, um ihn desto sicherer zu vernichten. Vocula kam vonMainz nach Cöln; dort erschien auch Claudius Labeo, der mittelst Bestechung seiner Wächter von den Friesen entflohenwar und mit Mannschaften versehen wurde, um das Innere der batavischen Insel für Rom zurückzugewinnen. Voculaindessen zog mit seinem Heere zum Entsätze nach Vetera. Als er bis nahe an die Festung vorgedrungen wai-, tratenClassicus und Tutor offen auf, bezogen, von den Römern getrennt, ein besonderes Lager, zwangen Vocula, bis Neusszurückzuweichen und verfolgten ihn dahin. In ihrem Lager, welches sie in der Ebene zweitausend Schrittevon dem seinigen aufgeschlagen hatten, kam der Plan zur Vollziehung. Ehrvergessen kamen römische Centurionenund Soldaten dorthin und Hessen sich erkaufen: dem Auslände den Eid zu schwören und ihre Legaten zu ermorden.

Fahao, Bocholtz I. M