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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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er angefangen, zu Ende zu bringen, drang er nachdrücklicher auf seine Bescheidenheit ein, indem er ihm das zweite Consulatantrug, dessen Geschäfte er in Rom selbst besorgen sollte. Daran knüpfte er zugleich: falls ja der Krieg noch fortgeführtwerden müsste, so sollte er Stoff übrig lassen für den Ruhm seines Bruders Drusus, der, da zur Zeit kein anderer Feindvorhanden wäre, lediglich in Germanien den Imperatortitel erwerben und von dort nur den Lorbeer heimtragen könnte.Da säumte Gcrmanicus nicht länger, obwohl er merkte, dass das Alles Verstellung war und man aus Missgunstihn von der schon betretenen Ruhinesbahn abrief.

Nach der Abberufung des Germanicus war am Unterrhein zehn Jahre Ruhe. Im Jahre 28 nach Christusjedoch empörten sich die Friesen gegen Rom. Der über sie gesetzte Primipilar') Olennius hatte sie zuerst bei derLieferung der Felle gedrückt, dann ihre Frauen und Kinder zu Frohndiensten gezwungen. Daher Erbitterung undKlagen und als die nichts halfen, das letzte Mittel, der Aufstand. Zur Unterdrückung desselben zog der ProprätorGalliens, Lucius Apronius, die Veteranen der Legionen von Oberdeutschland und ausgewählte Hülfstruppen an sich,schiffte sich auf denTRheine mit ihnen ein und gelangte mittelst des Drususcanals zu den Aufrührern, die ihm indesseneine vollständige Niederlage beibrahten. 2 )

Jetzt tritt durch den Verlust der Bücher 710 der Annalen des Tacitus eine Lücke in unserer Geschichteein, bis Caligula am Rhein erscheint (40 nach Christus), der wahnwitzige Kaiser. Seine lächerlichen Unternehmungendaselbst, sein Rheinübergang, seine germanische Leibgarde überzeugen uns indessen, dass Deutschland, wenn nichtvollständig unterworfen und römisch organisirt, doch ruhig war. Hierauf unter Kaiser Claudius, 41 n. Chr., findenwir Galba Suplicius, den späteren Kaiser, und Publius Gabinius, als Anführer des römischen Heeres am Rhein.Letzterer war in Untergermanien und hatte das Glück, den letzten, von der Varusschlacht noch rückständigenLegionsadler bei den Marsen 3 ) wieder zu finden. Auch dienten daselbst die späteren Kaiser Vespasian und Titus.

Im Jahre 47 erbaten sich die Cheruscer, deren Adel im inneren Kriege aufgerieben war, von demrömischen Staate einen König 4 ) und erhielten ihn in Itaheus, Sohn des Flavius und einer Tochter des CattenfürstenCatumerus und Neffe des Arminius, der ein Bruder des Flavius war. Damals befehligte Corbulo das römische Heeram Rhein. Er hielt strenge Kriegszucht und stärkte dadurch das Ansehen Roms in dem Maasse, dass die Friesensich freiwillig wieder unterwarfen. Gegen die grossen Chauken wurde ein glücklicher Feldzug unternommen, dochmusste der Feldherr auf deren vollständige Unterwerfung verzichten, weil Kaiser Claudius weitere Eroberungenverbot und befahl, dass die Armee sich auf das linke Rheinufer zurück ziehe; dort benutzte der Feldherr seineTruppen, um einen 4'/ 2 Meilen langen Canal zwischen Rhein und Maas zu graben, der es verhindern sollte, dassdiese Flüsse durch die Fluthen des Ocean zurück gedrägt, das Land überschwemmten.

Im Jahre 51 empfing Cöln von Agrippina, welche es durchsetzte, dass dort eine Veteranen-Coloniegegründet wurde, ihren Namen: Colonia Claudia Agrippinensis. Gleiclizeitig vertrieb L. Pomponius die Catten,welche Oberdeutechland plündernd und raubend durchzogen und schlug sie in ihrem eigenen Lande, wobei nocheinige gefangene Römer aus der Varusschlacht befreit wurden, die vierzig Jahre Sclaven gewesen waren. 6 )

Im Jahre 49 befehligte Paulinus Pompejus die Armee des Unterrheins, er beendigte die Abdämmung desRheins, welche Drusus vor 63 Jahren angefangen hatte.') Zu dieser Zeit war den Friesen das Gebot des Claudius:sich auf das linke Rheinufer zu beschränken, bekannt geworden; sie fanden sich veranlasst, die herrenlosen Ländereienauf dem rechten Ufer, bestimmt zum Gebrauche der Soldaten, 8 ) in Besitz zu nehmen und zu besäen. Avitus, derdem Paulinus im Oberbefehle gefolgt war, vertrieb sie davon, nachdem sie zwei Gesandte nach Rom geschickt aberungünstigen Bescheid vom Kaiser erhalten hatten. Dasselbe Schicksal traf die Ampsivaricr, welche von den Chaukenaus ihren Sitzen vertrieben, eben jene Ländereien oecupirt hatten. 9 ) Die Unterstützung der Tencterer nnd Bructercrkonnte ihnen nichts helfen; Avitus fiel den Ersteren im eigenen Land in den Rücken.

3. Galba, Vitellius, Vespasian.

Im Jahre 69 n. Chr. kam die, schon lange durch die kaiserliche Regierung angebahnte Militairherrschaftzur Geltung. In dem unermesslichen Reiche, worin das eigentliche Bürgerthum durch eine übermüthige, sich Alles

') Der Erste unter den Centurionen (Hauptleuten), deren jeder 2 Manipel (Compagnien), jeder Manipel gewöhnlich 120 Mannbefehligte. 2 ) Tacitus, Ann. IV., 7274. 3 ) Dio hat, als Schreibfehler, Maurusier. *) Tacitus, Ann. XI., 16, 17; Luden findetdieses unbegreiflich und die ganze Erzählung des Tacitus verdächtig; ich kann ihm nicht beipflichten. Der Adel ist aufgerieben, diearistoeratische Verfassung also faotisch aufgelösst, das Volk wünscht statt dessen einen König, Rom gibt ihn aus einem solchen Adelsgeschlechtedes Cheruscer-Volkes, welches nach römischen Begriffen eine königliche Würde, wenn auch nicht über das das ganze Volk, doch über Theiledesselben, besessen hatte, ohne jedoch die übrige Aristokratie beherrscht zu haben. Solcher Beispiele finden wir ja auch bei andern Reichengermanischer Abkunft, bei den grossen Baronen in England, Frankreich. Armin ging durch die Aristocratie unter, als er verdächtig wurde,auch über sie die königliche Gewalt ausüben zu wollen. 5 ) Tacitus, Ann. XI., 20; Dio LX, 30. Man hat diesen Canal in dem Leck,Andere in der Linge, Einer sogar in der Fossa Eugeniana von Rheinberg nach Venlo gesucht. Alle diese sind zu lang; die Fossa Eugenianaerweislich vom Jahre 1627 und Leck und Linge natürliche Abströmungen. Dem Maasse und dem Zwecke nach musste er nahe der Mündungliegen und ist das Yliet oder Maaslandschluis bei Leiden, auch dem Maasse nach, das geschaffene Werk. °) Tacitus, Ann. XII., 28. DemPomponius wurde die Triumphehre zuerkannt; Tacitus meint dabei, seine Gedichte würden ihm einen grösseren Ruhm bei der Nachweltbringen. ') Tacitus, Ann. XIII., 53. 8 ) Die agri decumates, welche von ihnen benutzt wurden, um Vieh darauf zu treiben; Taoitus,Ann. XIII., 54, 65. Es ist hier der Strich von Emmerich bis Wesel gemeint. ") Diese Ländereien waren ursprünglich von den Chama-ven, dann von den Tubanten und zuletzt von den Usipetern benutzt; den Letztern aber von den Römern genommen worden; Tacitus»Ann XIII., 55. Vergleiche unten das Capitel: Landwehr.