Druckschrift 
1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
Entstehung
Seite
207
Einzelbild herunterladen
 

___ 207

der zwanzigsten Legion heran und rief mit lanler Stimme: dies sei der ersehnte Augenblick, wo sie ihre Empörung vergessenmachen könnten : sie möchten diesem entsprechend eilen ihre Schuld in Ruhm zu verwandeln. Da entbrannte ihr Mulh ; miteinem Stosse brechen sie durch die Feinde, drängen sie auf einen freien Platz zurück, und hauen ein. Zugleich gelangtendie Truppen vorn im Zuge an das Ende der Waldung und befestigten ein Lager. Ruhig war von da ab der Marsch ; vollSelbstvertrauen wegen der letzten Ereignisse und der früheren nicht gedenkend , bezogen die Soldaten die Winterquartiere.

Diese Nachricht erfüllte Tiberius mit Freude und Sorge. Er freute sich, dass der Aufstand unterdrückt war:doch dass mit Geldgeschenken und beschleunigter Dienstbefreiung um der Soldaten Gunst geworben war, das ängstigte ihn,nicht minder der Kriegsruhm des Germanicus. Dennoch berichtete er dem Senate was geschehen war, und wusste vielvon seiner Trefflichkeit zu sagen: seine Worte waren aber zu künslich auf den Schein berechnet, als dass man glauben konnte,er denke wirklich so. Mit kürzeren Worten lobte er Drusus und die Beendigung des Aufstandes in Illyrien, aber mitgrösserem Nachdruck und in aufrichtiger Rede. Alles, was Germanicus zugestanden hatte, Hess er auch für das panno-nische Heer gelten. —

Im folgenden Frühjahre, 15 n. Chr., fiel Germanicus von Mainz aus in das Land der Chatten. Sein Heerbestand aus zwei Heereshaufen, der eine, unter Cäcina, zählte vier Legionen, 5000 Mann Hülfstruppen und Freischaarcn,die aus den Germanen des linken Rheinufers (Ubiern und Gugernern) gebildet waren, der zweite unter seiner eigenenLeitung hatte ebenfalls vier Legionen, aber 10,000 Hülfstruppen. Nachdem er das Caslell Artaunum, 1 ) das schon vonseinem Vater Drusus auf dem Taunus angelegt worden war, wieder hergestellt hatte, führte er das Heer bis über dieEder (Adrana). Dort wurde er durch eine Gesandtschaft des Fürsten Segestes ereilt und zur Umkehr bestimmt. Segestwar ein Freund der Römer und Feind des Cherusker-Fürsten Arminius. Letzterer halle ihm die Tochter Tusnelde geraubtund sich zur Frau zugelegt. Sie war aber einem Andern verlobt gewesen, daher der Hass des Schwiegervaters gegenden Schwiegersohn, der deshalb noch stärker hervortrat, weil sich die Väter Beider schon als Feinde gegenüberstanden. Dieses Mal wollte das eigene Volk den Segest zwingen, an dem Kriege gegen die Römer Tlieil zu nehmen, zudem Arminius die Deutschen aufgerufen hatte, und Hülfe erbat er sich gegen seine Dränger. Germanicus sah ein, dass ereinem Fürsten, der stets für Rom treugesinnt und in vielen Fällen höchst nützlich gewesen war, beistehen müsse, er Hesssein Heer umkehren und führte es gegen die Bedränger. Segest wurde mit einer grossen Schaar von Verwandten undVasallen befreit, darunter befanden sich auch edle Frauen, namentlich Tusnelda^ die der Vater gezwungen hatte mit zugehen, denn sie war weniger ihm als dein Arminius gleichgesinnt. Sie halte keine Thräne, kein bittendes Wort. DieHände über der Brust gefalten schaute sie auf ihren schwängern Leib. Der Knabe, den sie gebar, wurde später zu Ravcnnaaufgezogen. Bei dieser Gelegenheit kam auch die Beute aus der Varusschlacht wieder in den Besitz der Römer, sie warmeistens der Gesellschaft des Segest, die sich jetzt ergeben hatte, überlassen. Segest, der durch seine grosse Gestalt denRömern imponirte, sprach zu Germanicus also:

«Nicht dies ist der erste Tag, an dem ich fest und wankellos dastehe in der Treue gegen das römische Volk.Seit ich von Augustus mit dem Bürgerrecht beschenkt bin, habe ich Freunde und Feinde nur im Hinblick auf eurenVorlheil gewählt: und das nicht aus Hass gegen mein Vaterland — sind die Verräther doch auch bei denen, deren Parteisie ergreifen, scheel angesehen —; sondern weil ich glaubte, dass den Römern und den Germanen ein und dasselbeförderlich und Friede besser sei denn Krieg. So habe ich denn ihn, der meine Tochter raubte, der frevelnd euren Bundbrach, Arminius, bei Varus, der damals das Heer befehligte, angeklagt. Als mich des Feldherrn Saumseligkeit auf Weiteresvertröstete, da verlaugte ich, weil bei den Gesetzen kein Schutz zu finden war, dringend, er sollte mich, Arminius, und dieMitverschworenen binden. Zeuge ist mir jene Nacht — wäre sie meine letzte gewesen! Was weiter erfolgte, ist eher zubeweinen, als zu vertbeidigen. Uebrigens habe ich Arminius in Ketten gelegt und mir Ketten von seiner Partei anlegenlassen; und nun, bei der ersten Gelegenheit dich zu erreichen, ziehe ich das Alte dem Neuen, die Ruhe dem Sturme vor:nicht um einer Belohnung willen, sondern um mich zu befreien von dem Verdachte der Treulosigkeit; zugleich als eingeeigneter Vermittler für den Stamm der Germanen, wenn er Reue lieber will als Verderben. — Für den jugendlichenFehltritt meines Sohnes bitte ich um Nachsicht; meine Tochter — ich gestehe es — ist nur durch Zwang hierher geführt:an dir ist es, zu überlegen, was mehr gilt, dass sie von Arminius schwanger, oder dass sie von mir gezeugt ist."

Der Verlust der Gattin steigerte die angeborene Heftigkeit des Arminius bis zur Wuth. Er durchflog dasCheruskerland und brachte Alles in die Waffen, selbst seinen Oheim Inguiomerus, der sonst von Alters her, bei denRömern in Ansehen stand.

Dadurch, so erzählt Tacitus weiter, wuchs bei Germanicus die Besorgniss; er sandte, damit der Krieg nicht mitvoller Kraft einbreche, Cäcina mit 40 römischen Cohorten (Fussvolk) von Vetera aus durch das Bructerer Land an dieEms, um die Feinde auseinander zu halten; die Reiterei führte Pedo, ihr Präfect, durch das Land der Friesen. Germanicusselbst fuhr mit vier Legionen zu Schiff durch den Drususcanal und über die Seen. 2 ) Fussvolk, Reiter und Flotte kamenzugleich bei der Ems an. Die Chaucer, welche Hülfe zugesagt hatten, wurden zu Mitstreitern angenommen. Die Bructerer,welche ihr eigenes Land durch Brand verwüstet ballen, schlug Lucius Sertinius, den Germanicus mit leichter Mannschaftgegen sie geschickt hatte, und er fand unter Morden und Plündern den Adler der neunzehnten Legion, der mit Varus verlorenwar. Dann wurde das Heer bis an die äussersten Grenzen der Bructerer geführt, Alles, was zwischen Ems und Lippe lagverwüstet, bis nahe dem Teutoburger Walde, woiin, wie man sagte, Varus und seine Legionen noch unbcstaltet lagen.

Das erzeugte bei Germanicus das Verlangen, den Soldaten und dem Feldherrn die letzte Ehre zu erweisen.Auch das ganze anwesende Heer war zur Wehmuth gestimmt, voll Gedanken an Verwandte, an Freunde, an die Unfälle desKrieges und das Loos der Menschen. Nachdem Cäcina voran geschickt war, um das Dunkel der Waldgebirge zu durchforschenund Brücken und Dämme in dem feuchten Sumpflande und den trügerischen Ebenen anzulegen, betraten sie die Stätten derTrauer, düster dem Auge wie der Erinnerung. — Das erste Lager des Varus mit seinem weiten Umfange und den wohl

>) Siehe unten das Verzeichniss der römischen Niederlassungen. — 2 ) Der Flevus, jetzt Zuider See, welcher damals noch vieleInseln hatte und daher aus mehreren einzelnen Seen bestand.