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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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schwache und -wehrlose Körperschaften, durch wohlbercchnetes Zögern zum Besten hätte, Zwietracht unterdessen bei denSoldaten losbräche und zweier Jünglinge gleichsam noch jugendliches Ansehen sie nicht im Zaume zu halten vermöchte.Selbst hingehen und mit aller Hoheit des Imperators ihnen entgegentreten, das wäre seine Pflicht gewesen; sie würdennachgegeben haben, wenn sie in dein ; dem langjährige Erfahrung den ersten Platz sicherte, auch ein Muster von Strengeund zugleich von Freigebigkeit erkannt hätten. Ob es denn Recht sei, dass Augustus, der müde Grciss, so oft nachGermanien hätte ziehen können, Tiberius, in kräftigem Alter, im Senate sitze und die Aeusserungen der Senatoren durchhechele ?Genug sei für den Fortgang der Sclaverei in Rom geschehen; den Soldalenmuth gelte es durch gelinde Behandlung zugewinnen, damit sie den Frieden sich gelallen Hessen. — Doch fest stand gegen alle solche Reden und unverrückl TiberiusEntschluss, die Zügel in der Hauptstadt nicht aus seiner Hand zu lassen und nicht sich und den Staat dem Zufalle preiszugeben.Denn Vieles und Verschiedenes bedrängte ihn: die gl üssere Kraft des germanischen Heeres; die grössere Nähe des pannonischen ;jenes gestützt auf Galliens Macht, dieses Italien bedrohend; welches Heer er da vorziehen sollte? und wie es machen, dassnicht etwa das, welches er nachsetzte, durch die Schmach noch mehr gereizt würde. Wohl aber könnten seine Söhne sichan beide zugleich wenden, ohne dass seine Hoheit darunter litte, die immer die tiefste Ehrerbietung in der Ferne fand.Zugleich würde man es den Jünglingen nicht verargen, wenn sie Einiges an den Entschluss ihres Vaters verwiesen. Wenn siedem Germanicus oder Drusus nicht nachgäben, könnte er sie besänftigen oder niederdonnern: welche andere Hülfe bliebeaber, wenn sie dem Imperator getrotzt hätten? — Uebrigens lhat er, als würde er nächstens abreisen; er wählte Gefährten,suchte das Gepäck zusammen, liess Schiffe zurüsten. Bald fing er an, den Winter oder bald dieses bald jenes Geschäftvorzuschützen: so täuschte er zuerst die Klugen, dann die Menge, am längsten die Provinzen.

Germanicus indessen, obwohl er das Heer zusammengezogen und alles zur Bestrafung der Abtrünnigen vorgekehrthatte, meinte doch, er müsste ihnen noch Zeit lassen, ob sie vielleicht aus den neuesten Vorfällen sich gute Lehren abnehmenwürden. Er schickt einen Brief an Cäcina voran: er komme mit tüchtiger Mannschaft, und werde, falls sie ihm nicht inBestrafung der Uebelthäter zuvorkämen, ohne weitere Auswahl hinrichten lassen. Diesen Brief liest Cäcina den Adler- undFahnenträgern und auf wen sonst im Lager am meisten Verlass war, im Geheimeu vor, und fordert sie auf, alle vor derSchande, sich selbst vor dem Tode zu sichern: denn im Frieden verfahre man nach Gründen und Verdienst; stehe der Kriegvor der Thür, fallen die Unschuldigen mit den Schuldigen. Jene versuchen es erst mit denen, bei welchen sie am erstenetwas auszurichten glaubten: als sie sehen, dass der grössere Theil der Legionen pflichttreu gesinnt ist, bestimmen sie, ganznach der Ansicht des Legaten, einen Tag, an dem sie auf den schändlichen Auswurf des Heeres, der stets zur Empörungbereit war, mit dem Schwerte losgehen wollen. Dann geben sie sich unter sich das Zeichen, dringen in die Quartiereein und hauen ihre Kameraden, die das nicht ahnten, nieder. Keiner ausser den Verbündeten wusste, wo das Mordenanfing, wo es endete. Da sah es schlimmer aus, als jemals in irgend einem Bürgerkriege! Nicht in einer Schlacht, nicht auszwei feindlichen Lagern, nein, aus denselben Kammern treten die, welche bei Tage ihre Nahrung, bei Nacht ihie Ruhegemeinsam genossen, sich feindlich entgegen und schleudern gegeneinander ihre Geschosse. Geschrei, Wunden, Blut —das ist die That, der Grund verborgen; über dem Uebrigen wallet der Zufall. Auch einige der Gutgesinnten fallen,nachdem auch die Schlechtesten ihre Waffen ergriffen hatten , sobald sie einsahen, gegen wen gewüthet ward. Kein Legat,kein Tribun ist zugegen, um Ordnung und Maas zu halten: alles ist der Masse anheimgegeben, Willkür, Rache, Sättigungund Ueberdruss. Bald betiitt Germanicus das Lager: das sei keine Heilung eines Uebels — sagt er unter vielen Thränen— das sei eine Niederlage. Die Leichen Iässt er verbrennen.

Die noch stürmisch bewegten Gemülher durchzuckt die Begierde, fegen den Feind zu marschii en , zur Sühneihres rasenden Beginnens: anders könnten die Schatten ihrer Kameraden nicht versöhnt werden, als wenn sie auf ihrergottvergessenen Brust ehrenvolle Wunden empfingen. Der Cäsar gibt der Kampflust der Soldaten nach, schlägt eine Brückeund lässl zwölftausend Mann aus den Legionen, sechs und zwanzig Cohorten Bundesgenossen, acht Schwadronen Reiter, diebei dem Aufstande keinerlei Verstoss gegen die Mannszucht gemacht hallen, hinüberrücken.

In Freude und Lust, und nicht weit entfernt, lagerten die Germanen, während uns zuerst die Landestrauer überAugusslus Verlust, danach Zwietracht festhielt. Doch in schnellem Zuge bricht der römische Feldherr durch den cäsischenWald über den von Tiberius begonnenen Damm; auf dem Damme legt er ein Lager an, vorn und hinten durch einen Wall,an den Seiten durch Verhaue gesichert. Dunkele Waldungen durchzieht er sodann und ralhschlagt, ob er von zwei Wegenden kurzen und üblichen einschlagen soll, oder den schwierigeren, noch nicht versuchten, auf den deshalb auch derFeind keine Aufmerksamkeit verwandt habe. Der längere Weg wird ausgewählt und alles Uebrige nun doppelt beschleunigt.Denn Kundschafter hatten gemeldet, diese Nacht sei ein Fest bei den Geimanen und sie werde bei einem feierlichen, frohenMahle hingebracht. Cäcina erhält den Befehl, mit leicht bewaffneten Cohorten voranzugehen und die Waldung, wo sie denDurchzug hemmte, auszubauen: die Legionen folgen in massigem Abstände. Günstig war die Nacht mit hellem Sternenglanz.Man gelangte zu den Weilern der Marser und umstellte sie mit Posten. Noch streckten diese sich auf ihren Lagern oderum die Tische, ohne Besorgniss; keine Wache war ausgestellt. So war alle Ordnung in Sorglosigkeit untergegangen undnirgends Furcht vor dem Kriege; auch kein echter Friede, sondern schlaffe, ordnungslose Ruhe der Betrunkenen. — DerCäsar verlheilt die kampflustigen Legionen, damit die Verheerung desto mehr Ausdehnung hätte, in vier Züge; eine Streckevon fünfzig (lömische) Meilen verwüstet er mit Feuer und Schwert. Kein Geschlecht, kein Aller fand Erbarmen; Häuserwie Heiliglhümcr, anch der Tempel, der das höchste Ansehen bei jenen Stämmen hatte — sie nannten ihn Tempel derTanfana — alles ward dem Boden gleich gemacht. Unveiwundet waren die Soldaten, welche die Feinde halb im Schlafe,unbewaffnet, oder einzeln umherirrend niedergehauen hatten. — Es weckte diese Niederlage die Bruckterer, Tubanten,Usipeten; sie besetzten die Waldhöhen, durch welche der Rückweg des Heeres führte. Das ward dein Feldherrn bekannt:er zog einher, zum Maischiren wie zum Fechten gerüstet. Ein Theil der Reiter und die Hülfstruppen bildeten den Vortrab;dann die erste Legion", es schlössen den Zug — das Gepäck in der Mitte — auf der linken Seite die von der ein undzwanzigsten, auf der rechten die von der fünften Legion, die zwanzigste Legion deckte den Rücken; dann die übrigenBundesgenossen. Doch die Feinde rührten sich nicht, bis der Zug sich weit zwischen den Waldhöhen hindehnte; danngriffen sie an den Seilen und vorn ohne grossen Nachdruck, mit voller Kraft aber den Nachtrab an. Schon wurden durchdie dichtgedrängten Schaaren der Germanen die leichten Cohorten in Unordnung gebracht; da ritt der Caesar an die von