Druckschrift 
1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
Entstehung
Seite
198
Einzelbild herunterladen
 

198 ___

Dieses auszurichten bedürften sie drei Tage Frist. Dieses Alles, glaubte Caesar, bezwecke nur, durch den dreitägigenAufschub Zeit für die Rückkehr ihrer abwesenden Reiter zu gewinnen, dennoch gab er ihnen die Zusage, an diesem Tagenur 4000 Schritte, um Wasser zu finden, vorrücken zu wollen; andern Tages möchten sie recht zahlreich zu ihm zurück-kehren, damit er von ihren Forderungen Kenntniss nehmen könnte, unterdessen schickte er den Präfecten, welche mit dergesammten Reiterei voran waren, den Befehl, den Feind nicht anzugreifen und für den Fall, dass sie selber angegriffenwürden, so lange Stand zu halten, bis er mit dem Heere näher gerückt sei. Doch die Feinde, sobald sie unsere Reitersahen, deren Zahl sich auf 5000 belief, während sie selbst nur 800 Reiter hätten, indem diejenigen, welche man zumGetreide holen über die Maas geschickt hatte, noch nicht zurückgekehrt waren, machten einen Angriff auf die Unseligen,welche nichts fürchteten, weil die Gesandten soeben erst Caesar verlassen und für den Tag Waffenstillstand nachgesuchthatten, und brachten sie sofort in Unordnung. Als die Unserigen wieder Stand gefasst hatten, sprangen sie, nachihrer Gewohnheit, von ihren Pferden, stiessen unsern Pferden von unten das Schwert in den Leib, warfen mehrere derUnserigen nieder und schlugen die übrigen in die Flucht, und solchen Schrecken hatten sie ihnen eingejagt, dass sie nichteher zu fliehen aufholten, bis sie unsern Zug vor sich hatten. In diesem Treffen wurden 74 unserer Reiter getödtet unddarunter ein tapferer Mann, Piso, ein Aquitanier vom edelsten Gescnlechle, dessen Grossvater in seiner Gemeinde regierenderHerr gewesen und von unserem Senate mit dem Titel «Freund" beehrt worden war. Die Feinde hatten seinen Bruderumzingelt, er kam ihm zu Hülte und entriss ihn der Gelahr, darauf stürzte er selbst, weil sein Pferd verwundet wurde,leistete aber tapfern Widerstand, bis er umzingelt, nach vielen Wunden hinfiel. Sein Bruder, der die Schlacht schonverlassen hatte, bemerkte es, spornte sein Pferd in die Feinde und ward erschlagen.

Nach diesem Treffen glaubte Caesar von Männern, die in Trug und List, nachdem sie Frieden nachgesucht,Krieg angefangen hatten, weder Gesandle noch Bedingungen annehmen zu können und für höchst wahnsinuig sah er es an,so lange zu warten, bis die Macht der Feinde gewachsen und die Reiterei zurückgekehrt sei. Ausserdem fühlte er, mit denSchwächen der Gallier wohl bekannt, wie durch dieses eine Treffen das Gewicht der Feinde bei den Galliern, die in seinemHeere dienten, gestiegen war, und das besonders bestimmte ihn, jede Zeitfrist, um Berathungen zu halten, ihnen abzuschneiden.Als so die Sachen standen und er seinen Plan den Legaten und dem Quästor mitgetheilt hatte, damit kein Tag für dieSchlacht verloren gebe, trat ein sehr günstiges Ereigniss ein. Nämlich am nächsten Tage Morgens kamen die Germanenmit gewohnter Treulosigkeit und Verstellung in grosser Zahl: und darunter die Fürsten und Aellesten, zu ihm in's Lager,theils, um sich, wie sie sagten, zu rechtfertigen, dass sie Tags vorher, ihren eigenen Worten und Bitten zuwider, dasTreffen geliefert hätten, theils, um, so weit es ginge, mit Trug einen Waffenstillstand zu erwirken. Caesar, froh, dasssie sich ihm überliefert hatten, Hess sie festnehmen 1 ) führte dann seine Truppen aus dem Lager, wobei er die Reiterei,weil er sie wegen des letzten Treffens noch für erschrocken hielt, hinter dem Zuge folgen Hess.

Nachdem er das Heer in dreifacher Ordnung aufgestellt und eiligst 8000 Schritte zurückgelegt hatte, kam erfrüher zum feindlichen Lager, als die Germanen erfahren konnten, was vorgegangen war. Diese, durch unser plötzlichesErscheinen und das Ausbleiben der Ihrigen gleichmässig in Schrecken gesetzt, ohne Zeit, Rath zu pflegen und zu denWaffen zu greifen, fanden sich in der vollständigen Unentschiedenheit: ob es besser sei, dem Feinde entgegen zu rücken,oder das Lager zu vertheidigen, oder zu fliehen. Da sich an dem Lärmen und Durcheinanderlaufen die Furcht der Feindekundgab, brachen unsere Krieger, noch vom vorigen Tage wegen der Treulosigkeit aufgebracht, in das Lager ein, woihnen diejenigen, welche in Eile die Waffen hatten anlegen können, eine kurze Zeit Widerstand leisteten und zwischenKarren und Gepäck ein Treffen lieferten; doch die übrige Menge, Kinder und Weiber, (denn mit allen den Ihrigen hattensie die Heimath verlassen und den Rhein überschritten) entflohen durcheinander. Zu ihrer Verfolgung beorderte Caesar dieReiterei. Als d ; e Germanen, durch das Geschrei hinter ihrem Rücken aufmerksam gemacht, sahen, dass die lhrigeu nieder-gehauen wurden, warfen sie ihre Waffen weg, verliessen ihre Fahne und stürzten zum Lager heraus. Angekommen an demZusammenflüsse von Maas und Rhein, 2 ) und verzweifelnd an fernerer Flucht, 3 ) stürzten sich, nachdem ein grosser Theilgetödtet worden war, die Uebriggebliebenen in den Fluss und kamen vor Furcht, Müdigkeit und der Gewalt des Stromesin den Fluthen um. Die Unsrigen, alle vollzählig, zogen sich mit wenig Verwundeten aus dem Kriege, der ihnen so vielFurcht bereitet hatte, weil die Anzahl der Feinde sich auf 430,000 Köpfe belief, in das Lager zurück. 4 ) Caesar erlaubtedenjenigen, die er im Lager zurückgehalten hatte, frei abzuziehen; sie erklärten jedoch bei ihm bleiben zu wollen, aus Furchtvor den Galliern, deren Aecker sie verheert hatten, getödtet und gemartert zu werden. Caesar schenkte ihnen die Freiheit.

Als der Germanen-Krieg zu Ende war, beschloss Caesar aus vielen Gründen einen Uebergang über den Rhein.Der vollgültigste unter denselben war, weil er wollte, dass die Germanen, welche, wie er sich überzeugte, so leicht zu einem

) Cato hat dieses bitter getadelt; nach Plutareh sprach er:Lasst uns den Göttern danken, aber allein dafür, dass sie denWahnsinn und die Verblendung des Feldherrn nicht den Soldaten entgelten und die Stadt Rom gnädigst schonen." Ueber diese Stelle undwie weit Caesar getadelt werden kann, siehe Dr. Horkel, die Geschichtsehreiber der deutschen "Vorzeit, Bd. I., S. 233; überhaupt trefflichbearbeitet, wenn auch in den Uebersetzungen stellenweise ungenau. 2 ) Dieses ist die Stelle,- an der sich die Philologen stossen; es gibtkeinen Zusammenfluss von Maas und Rhein und doch hat Caesar Recht, weil er die Waal als Rheinarm nimmt. Vergl. was oben Seite 192unter K. Batavi gesagt ist. 3 ) Wäre dieses wohl möglich gewesen, wenn die That am Zusammenflusse der Mosel und des Rheins Stattgefunden hätte! in einer Gegend, wo sich die Fliehenden durch ein Paar Seitenschritte in das Geb'rge sofort der Verfolgung der Reiterentziehen konnten, wo Wald und Schlucht Deckung und Möglichkeit des Entschlüpfens gab und wo vollens das Zusammentreiben in einenWinkel ganz unmöglich wurde, zumal wenn man die frühere Beschaffenheit der Oertlichkeit ins iuge faset, als die Stelle, auf der jetztCoblenz steht, noch Insel und mit Sümpfen umgeben war und die enge, nur wenige Schritte breite Fläche zwischen den beiden Flüssenund den neben ihnen herlaufenden steil ansteigenden Gebirgszügen der Reiterei keine Ausdehnung, dem Fussgänger aber ein geschioktesEntfliehen vergönnte, wo endlich man einen Fluss vor sich hatte, in den man stellenweise bis auf die Mitte hineinwaten konnte und der selbstfür weniggeübte Schwimmer keine grosse Schwierigkeiten zum Übersetzen bot. Anders bei Maas und Waal. 4 ) Man nimmt an, das sei amselbigen Tage geschehen, wo die Eroberung des feindlichen Lagers selbst stattgefunden hatte. Wo steht das aber? Namentlich durfteMüller dieses nicht behaupten, denn Caesar hatte sein Lager von dem feindlichen 8000 Schritte, dieses zweimal gibt 16000 Schritte oder3'/ 3 Meile. Von Stolzenfelser Höhe bis zur Mündung der Mosel gibt über eine Meile also hin und zurück zwei, somit hätten die Truppen,welche die Feinde in den Fluss getrieben haben, in einem Tage 5'/ 3 Meilen zurücklegen und dabei noch den ganzen Tag mit 43,0000 Mannkämpfen müssen, was über die menschlichen Kräfte geht.