— 196 —
leidenschaftliche F-moll-Quärtett, das Joachim, als Ersatzfür David, der unwohl war, vortrefflich und im richtigenGeist spielte."
Ausserhalb der Kunstwelt, am politischen Horizont,wird es immer düsterer. Moscheies schreibt: „Alle Re-formen, die uns die Neuzeit bringen soll, scheinen nochunreif und ich möchte, wir könnten sie wie die Früchtein Stroh legen, damit sie reif würden. Vielleicht Hesse-sich dadurch das Düngen mit Menschenblut ersparen.".. .Ein ander Mal: . . . „Bedenken Sie nur, ein ewiger Friedewäre wie ein ewiger Frühling; Beides giebt es nicht indieser Welt." Aber die politischen Stürme heulen miterhöhter Wuth. Moscheies' „liebes altes Wien" hat ihreVerheerungen zu ertragen; die Freiheitsmänner wollen esvon seiner langjährigen Bedrückung befreien. Litolffschliesst sich den Kämpfenden an, die weisse Binde umden kunstgeübten Arm; Robert Blum ist mit zahlreichenGesinnungsgenossen zur Kaiserstadt gezogen, aber manbemächtigt sich seiner, gerade an ihm soll ein Exempelstatuirt werden — er wird erschossen.
Als die Kunde Leipzig erreicht, giebt es Trauer undFreude, Entrüstung und Jubel, die sich im Hause und aufder Strasse äussern. „Es sind herbe Prüfungen", sagt dasTagebuch am 27. November, „aber mit Gottes Hülfe sindsie mit der gestrigen Todtenfeier für Robert Blum er-mässigt. Ich wohnte ihr auf dem Chor der Thomaskirchebei, wo ich mich ganz in's Durchlesen der Cherubini'schenPartitur des Requiems in C-moll vertiefte. Der Phantastund Wühler Dr. M. unterbrach mich und Rietz in unsermGespräch darüber durch sein Schimpfen über die Behörde,der er die Genehmigung zu einem Concert im Theaterals Fonds zu einer Blumstiftung abdringen musste; dannpolterte und lärmte er fort, unbekümmert um die Locali-tät, bis ich ihm die Seite in der Partitur zeigte, wo imKyrie verdeckte Pauken angegeben sind. Das brachteihn zum Schweigen. Wieder also hat die Kunst gesiegt."Sie bereitet Moscheies in diesen Tagen eine Freude, in-dem seine Ouvertüre zur Jungfrau von Orleans unter