AUS MOSCHELES' LEBEN, NACH BRIEFEN UND TAGEBÜCHERN HERAUSGEGEBEN ' VON SEINER FRAU. ZWEITER BAND. MIT EINEM VERZEICHNIS SEINER COMPOSITIONEN. / LEIPZIG VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 1873. Das Recht der Uebersetzung sowie alle andern Rechte vorbehalten. Die Verlagshandlung. SECHSTER ABSCHNITT. LONDON. 1836—1845, 1836. Ein Brief von Moscheies am Anfang dieses Jahres geschrieben, sagt: „Noch immer bleibt unser Felix (Mendelssohn) stumm; er hat den Schmerz um seinen Vater nicht überwunden, sonst würde er schreiben. Was man über ihn hört, ist eben auch nicht tröstlich. Er soll seinen besten Halt verloren haben, soll eine unbeschreibliche Leere fühlen und nicht arbeiten können; das muss anders werden. — Aber sein Schmerz ist mir nur zu erklärlich, wenn ich an die Tage zurückdenke, die ich im Herbst mit ihm in seinem elterlichen Hause verlebte. Der schwache, fast erblindete Greis hatte einen so regen Geist, ein so klares Urtheil, dass mir die Verehrung des Freundes für diesen Vater nicht nur begreiflich ward, nein, dass ich sie auch theilte . . . ." Wie hart sein plötzlicher Verlust auch die andern Familienglieder traf, beweisen die hier folgenden Briefe. Der erste ist von der Gattin: Berlin, 12. Januar 1836. Bei dem schrecklichen, so ganz unerwarteten Schlage, der mich getroffen, wird es Ihrem theilnehmenden Herzen, geliebte Madame Moscheies, gewiss eine Besänftigung des Schmerzes sein, wenn ich Sie in Wahrheit versichere, dass die zwei Tage, die der vortreffliche Herr Moscheies im' October mit uns zubrachte, zu den heitersten, erfreulichsten gehörten, die Sein Lebensende verschönerten, ja dass der Nachgenuss noch Ihn eben so tief als angenehm berührte. Ueberhaupt schien sich noch Alles zu vereinigen, dass seine Wünsche befriedigt waren, und die Verhält- Moscheles' Leben. II. I nisse sich so gestalteten, wie Er sich's zu seinem Glück ausgedacht. Er hat dies Alles auch eingesehen, anerkannt, innerlichst empfunden! Und wie edel und sanft wohl- thuend, liebenswürdig, vergeistigt, wurde sein Gemüth; täglich vollkommener, bedeutender, aufstrebender! Mit welchen Bemerkungen begleitete er den Abend vor dem Scheiden noch die Vorlesung (die „profession de foi du vicaire savoyard" aus Rousseau's Emile). Wie freundlich, mild das heitere Beisammensein vor dem Schlafengehn ■— dem ewigen! Ich hatte mir den Tod nie in dieser schmerzlos-ätherischen Gestalt möglich gedacht, darum konnte ich den Gedanken an das furchtbare Unabweisliche auch nicht fassen. Ohne Ahnung des Unglücks war ich schon unwiderbringlich verwaist und elend! Meine Kinder — alle — betragen sich wie die Engel, und ich wäre undankbar gegen das Schicksal, sähe ich nicht bei dem herbsten Schmerz ein, wieviel ich noch behalten. Felixens Art, den Schmerz zu tragen, hat mich anfangs sehr erschüttert und beängstigt. Unter uns Frauen fand er Thränen und Muth zum Weiterleben. Die Nähe, in der er jetzt wohnt, wirkt wohlthätig, er hat uns seitdem schon zweimal besucht.......Nehmen Sie, liebenswürdigste Frau, meinen wärmsten Dank für alles Gute, was Sie dem Verstorbenen in London erzeigten. Mit wahrer Rührung und Erkenntlichkeit sprach er stets davon. Wenn zuletzt mitunter Stunden kamen, wo er seiner Augen wegen unbeschäftigt war, sagte er oft: „Ich habe keine Langeweile, ich habe gar viel Schönes, Interessantes erlebt!" Dazu zählte er London ganz besonders und Ihre Bekanntschaft stand obenan. Aber auch der Freundlichkeit der vortrefflichen Freunde gedachte er mit Liebe und Erkenntlichkeit. Sagen Sie Allen, wie gerührt und dankbar ich bin. L. Mendelssohn-Bartholdy. Es folgt ein Brief von Mendelssohn's ältester, ihm musikalisch ebenbürtiger Schwester Fanny Hensel an das Moscheles'sche Ehepaar. Ihr Dank für die dem Vater in London geleistete Pflege ist eine Wiederholung des — 3 — obigen, und des Vaters Anerkennung auch hier aufs "Wärmste ausgesprochen; dann fährt sie fort: „Erinnern Sie sich noch, lieber Herr Moscheies, wie Felix an einem der Abende, die Sie im Herbst bei uns zubrachten, das wunderschöne Adagio in Fis-dur aus einem Haydn'schen Quartett spielte? Vater liebte Haydn vorzugsweise, jenes Stück war ihm neu und ergriff ihn ganz wunderbar. Er weinte, während er es hörte und sagte nachher, er fände 'es so unendlich traurig. Dieser Ausdruck fiel Felix sehr auf, weil mesto darüber stand und es doch uns Andern eher den Ausdruck der Heiterkeit gemacht hatte. Sein Urtheil über Musik war oft zum Erstaunen scharf und richtig für Jemand, dem doch das Technische eigentlich fremd war. Sie, lieber Herr Moscheies, schätzte er sehr hoch und hatte Sie herzlich lieb. Ueber Felix habe ich keine Sorge mehr, er hat sich sehr gesammelt und wenn auch ein tiefer Schmerz in ihm zurückgeblieben ist, so ist doch dies Gefühl sehr natürlich und nicht in der peinlichen Art, wie sein Anblick in der ersten Zeit war, wo er uns Alle mit Sorge und doppeltem Leid erfüllte. Die bessere Jahreszeit und das Reisen werden ihn hoffentlich in die Stimmung ganz 'zurückführen, die er suchen muss, wenn er fortfahren will, in Vaters Sinn zu leben, wie er es stets bei seinem Leben gethan. Es war ein Verhältniss zwischen den Beiden, wie man es wohl selten hier auf Erden findet......Und nun wünsche ich Ihnen Beiden ein herzliches Lebewohl. Fanny Hensel. Wie nun auch die Gedanken und Gefühle bei den fernen, leidenden Freunden weilten, London und Mosche- les' Stellung darin behaupten ihr Recht über ihn, er kann sich dem Strudel nicht entziehen. So giebt es stets neue theatralische Genüsse, über die das Tagebuch berichtet: „Braham hat das kleine Haus St. James Theatre gepachtet und mit seltnem Geschmack in Louis' XIV. Styl ausschmücken lassen. Die Truppe, mit Jenny Vertpre und anderen Grössen der französischen Bühne, ist ausgezeichnet und zieht die Aristokratie Londons an, wenn sie mit äus- serster Feinheit ihre in Paris berühmt gewordenen Dramen spielt." Später gab man auch französische Opern in diesem Hause, in denen die liebliche Cinti und der berühmte Tenorist Nourrit glänzten, letzterer ganz besonders in der „reine de 16 ans" und „la jeunesse de Charles II." Einmal musste auch Moscheies dort in einem Concert im Verein mit der Malibran und anderen Grössen auftreten. Das Concert, nach der Oper begonnen, zog sich bis Mitternacht hinaus. — Balfe producirt seine Erstlingsoper „the siege of Rochelle" mit grossem Beifall. „Die Musik ist leicht, wie das Wesen des Componisten, aber auch heiter und ansprechend wie er". Für die Malibran schreibt er „the maid of Artois". Sie, im Englischen wie im Italienischen, im Französischen wie im Spanischen zu Hause, war diesmal als englische Primadonna im Drurylane-Theater en- gagirt. „Hatte Balfe ihr die unglaublichsten Passagen an Umfang und Schwierigkeiten zugemuthet, hatte sie selbst sie improvisirt? Ich weiss es nicht", steht im Tagebuch; „genug, sie zauberte sie aus ihrer Kehle hervor." — „Im Fidelio", heisst es später, „befriedigt sie mich weniger und ich ziehe unsere unübertroffene Schröder - Devrient darin vor. Die Leidenschaftlichkeit der Malibran steht im Widerspruch zu dieser ausdauernden Gattenliebe und warum sie zwei Pistolen mit in den Kerker bringt, das weiss auch Niemand." Der verlängerte Aufenthalt der Malibran in London brachte sie zuletzt in die intimsten Beziehungen zu dem Moscheles'schen Hause, das sie oft besuchte. Mit dem kühlen, um nicht zu sagen kalten de Be- riot verheirathet und gewöhnlich mit ihm zusammen gesehen und gehört, trat ihr sprudelndes Genie, ihre nie ermüdende Lebendigkeit, ihr heiterer Sinn mit seinen Possierlichkeiten, ganz besonders hervor; sie fesselte nicht wie andere grosse Sängerinnen durch ihre Kunst, wie andere geistreiche oder liebenswürdige Frauen durch ihr Wesen oder ihre Unterhaltung: nein, sie nahm alle Sinne auf Einmal, dazu das Herz und den Verstand ge- fangen. War sie im Moscheles'schen Hause, so widmeten sich Alle ganz ihr. Die Kinder betrachteten sie ohne Scheu als zu ihrer Gesellschaft gehörend, denn Niemand wusste so reizend mit dem Puppenhause zu spielen als sie, und welcher andere Besuch hatte noch den gewissen, für die Kleinen so anziehenden schwarzseidenen Beutel wie Mme. Malibran? Der Beutel enthielt aber nicht die gewöhnlichen Spiele oder Näschereien, die man Kindern mitzubringen pflegt, sondern einen Malkasten, Papier und Pinsel. Gleich beim Eintreten setzte sie sich mit den Kindern auf den Teppich nieder, wo sie Alles auskramten und besahen, dann wurde gemalt, und das Alles mit Lust und Liebe, ja mit Energie. Das Tagebuch sagt am 12. Juni: „Sonntag begann ich meinen Tag, indem ich Goethe's „Meeresstille und glückliche Fahrt" für die Malibran als Lied componirte." „Um 3 Uhr kam sie selbst; auch Thalberg, Benedict und Klingemann. Wir assen früh, und gleich nach Tische setzte sich die Malibran an's Ciavier und sang „für die Kinder", wie sie es nannte, denRataplan und spanische Lieder ihres Vaters, wobei sie die fehlende Guitarrenbegleitung durch rhythmisches Klopfen an das vordere Ciavierbrett ersetzte; dann folgten viele französische und italienische Romanzen ihrer eigenen Composition — alle wunderhübsch, alle mit Grazie, Lieblichkeit und Virtuosität vorgetragen. Thalberg löste sie ab, um allerlei Spässe am Ciavier zu machen, Wiener Lieder und Walzer mit obligaten Schnippchen, und dann kam ich mit meiner verdrehten Hand und meinen Faustschlägen, wobei Niemand herzlicher lachte, als die Malibran. Um 5 Uhr fuhren wir in den Zoologischen Garten und drängten uns eine Stunde lang mit den fashionables, deren Sonntags-Promenade er ist. Als wir uns an Menschen und Thieren satt gesehen, machten wir noch eine Runde im Park; kaum aber wieder zu Hause angelangt, so sass die Malibran auch am Ciavier und sang eine Stunde lang. Dann endlich rief sie Thalberg und sagte: „venez jouer quelque chose, j'ai besoin de me reposer." Ihr repos aber bestand darin, dass sie — 6 — eine allerliebste Landschaft aquarellirte, was sie nie gelernt hat. Thalberg spielte indess viele seiner Etüden, Bruchstücke eines soeben componirtenRondo's, dann meine Etüden, Allegri di Bravura, G-moll Concert, alles auswendig, mit der grössten Meisterschaft. Hierauf folgte eine Mahlzeit, aber selbst während dieser war sie es, die uns unterhielt. Sie gab uns treffend wahr Sir George Smart, die Sänger Knyvett, Braham, Phillips und Vaug- han, Alle mit ihr in einer Soiree der Duchess of C, zuletzt die dicke Duchess selbst, wie sie herablassend mit ihren Künstlern spricht, und endlich Lady * *, die mit der zer- brochensten, nasalsten Stimme von der Welt „home, sweet home" singt. Mit einem Mal war die komische Ader versiegt, und nun sang sie mit echt deutscher Auffassung die Scene aus dem Freischütz mit deutschem Text, und eine Masse deutscher Lieder von Mendelssohn, Schubert, Weber und meiner Wenigkeit. Zuletzt kam Don Juan an die Reihe; sie weiss nicht nur ihre Vocalpartie der Zer- line, sondern jede andere Partie der Oper und jede Note der ganzen Begleitung auswendig, und so spielte und sang sie fort bis n Uhr, immer bei Stimme, immer geistig und körperlich frisch. Als sie uns verlassen hatte, konnten wir nicht aufhören, uns für sie, ihre musikalische, sprachliche und malerische Begabung zu begeistern, am meisten aber wurde ihre Anspruchslosigkeit und Liebenswürdigkeit gerühmt. Ein andermal, als sie und de Beriot, auch am Sonntag ein „early dinner" mit Moscheies und den Kindern nahmen, „hatten wir grossen Spass. Es war die Rede von dem komischen Duett von Gnecco, das sie so oft und stets so bezaubernd mit Lablache sang. Mann und Frau verspotten einander darin und heben einer des andern Körperfehler hervor, und so sagt er einmal: „la tua bocca e fatto aposta pel servizio della posta" (dein Mund ist gross und breit, er könnte als Briefkasten dienen). „Grade wie mein Mund", behauptete die Malibran, „breitgeschlitzt; und jetzt will ich diese ganze Orange hinein stecken, um es zu beweisen." Wer de Beriot kennt, mag sich sein — 7 — Entsetzen in Gestalt und Wort denken als sie, ihre schönen Zahnreihen zeigend, den Mund weit öffnete, auch wirklich in ihrem Uebermuth die nicht kleine Orange hineinsteckte, und -sich hinterher vor Lachen ausschüttete." — Moscheies componirte ihr ein Lied von Klingemann: „Steigt der Mond auf", und stets musste er ihr. vor spielen. Sie wusste mehrere seiner Etüden auswendig, und erzählte, wie ihr Vater sie dieselben habe üben lassen. Ueber eine Soiree bei Moscheies berichtet ein Brief von ihm, wie folgt: „Die Malibran erschien mit de Beriot um ii Uhr , nachdem unsere 80 Gäste schon einigen englischen Gesang, Solo's von Lipinsky und Servals und mein Concerto fantastique verschluckt hatten. Man sah ihr die Ermüdung an, und erkannte ihren Gesang kaum wieder, so stimmlos schien sie. Später erst erfuhr man, dass sie wenige Stunden zuvor bei einem Spazierritt im Park mit dem Pferde gestürzt sei, dass sie zwar unverletzt geblieben, aber die heftige Erschütterung noch nicht überwunden habe. Dennoch ward sie bald wieder ganz sie selbst, sang die Freischütz-Scene deutsch, ein komisches Duett mit JohnParry englisch, dann spanische, italienische und französische Lieder und endlich trugen sie und De Beriot uns die „Cadence du Diable" vor, in welcher sie mit den Worten: „voyez comme le diable prelude" seine übermüthigen, oft haarsträubenden Violin-Passagen bevor- wortet. Das Stück heist eigentlich „le songe de Tartini," und da es vorgiebt, der Meister habe im Traum den Teufel gesehen und dieser ihm die ganze Musik vorgespielt , so hatte es Raum für jegliche Excentricität. Als meine Frau sie theilnehmend fragte, ob sie sich nicht zu sehr anstrenge, sagte sie: „Ma chere je chanterais pour vous jusqu'ä extinction de voix." Ihre Seligkeit beim Anhören eines Duetts von Benedict und de Beriot componirt und gespielt, war interessant zu beobachten, und mir fielen Stellen in der Composition auf, die vielleicht von ihr herrührten. Zum Schluss musste ich noch improvisiren, und damit auch das komische Element gehörig vertreten werde, amüsirte uns der junge John Parry durch seine geniale Imitation der Wolfsschluchtscene aus dem Freischütz. Ein aufgerolltes Notenblatt, zwischen seinem Munde und dem Ciavierpult eingeklemmt, brachte die tiefsten Hörn- oder Posaunen-Töne hervor, mit den Händen bearbeitete er die Tasten, mit den Füssen ein Theebrett; so gab es eine wilde Jagd. Thalberg konnte eines schlimmen Fingers wegen nicht spielen; doch blieben er und de Beriot noch bis 3 Uhr bei uns und wir commentirten mit ihnen sehr lustig die ganze, schon eine Stunde früher heimgekehrte Gesellschaft." — Am n. Mai wird Moscheies von dem Künstlerpaar de Beriot in seinem Concert in der italienischen Oper unterstützt. „Zum Ueberfiuss", sagte er, „hatte ich neben dem grossen Stern Malibran noch Lablache, die Grisi und Clara Novello, und spielte ein Bach'sches nie gehörtes, und mein neues C - moll - Concert. Es war ein brillanter Erfolg für Alle und Alles." „Nach einer Aufführung der „Maid of Artois", in der die Malibran wieder Wunder geleistet", sagt Moscheies, „suchten wir sie noch in ihrem Toilette - Zimmer auf. Sie sass da, umgeben von Kränzen, einen ungeheuren Blumenstrauss in der Hand, sprach und lachte mit uns, und sagte endlich zu mir: „Si vous vouliez me debarrasser de cette machine, c'est cet abominable Duc de Brunswick, qui vient de me l'apporter", und somit warf sie mir. ein colossales Bouquet zu, welches ich auffing. Was mag aber nun der abominable Herzog gedacht haben, als er mich einig'e Minuten später mit seinem Bouquet in meinen Wagen steigen sah? — Denn dies ereignete sich am Eingang des Drury- lane-Theaters." — Die gefeierte Sängerin musste täglich ja fast stündlich ihre Kräfte anspannen, denn es gab, ausser dem wöchentlich dreimaligen Auftreten in der Oper, noch unzählige Engagements in Morgen- und Abend- Concerten, fashionablen breakfasts, fetes champetres und Privatsoireen, deren oft drei an einem Abend stattfanden. „Am 16. Juli, vor ihrer Abreise", schreibt Moscheies, „brachten wir verabredeter Massen noch ein Stündchen bei — 9 — ihr zu; sie war am Ciavier, Costa neben ihr; sie sang uns ein komisches Lied vor, das sie eben componirt hatte. „Ein lebenssatter Kranker ruft den Tod herbei; als er aber in Person eines Arztes bei ihm anklopft, weist er ihn schnöde ab." Diesen Text hatte sie so genial componirt und sang ihn mit solchem Humor, dass wir unser Lachen kaum be- meistern konnten, und doch wollten wir keine Note ver* Heren. Dann schrieb sie eine reizende französische Romanze in mein Album, sang uns auch diese und schenkte meiner Frau eine ebenfalls von ihr componirte und aquarellirte Landschaft. Endlich schieden wir. Sie gingen damals auf einige Tage nach Brüssel, dann zum Musikfest nach Manchester, wo sie noch am 20. September so hinreissend schön sang, dass das Publicum stürmisch eine Wiederholung verlangte. Sie, schon zum Tode matt, und in einer Lage, in der sie der Ruhe und Schonung bedurft hätte, spannte ihre letzten Kräfte an, wiederholte, machte noch einen unnachahmlichen Triller auf dem dreigestrichenen C, und sank bewusstlos zusammen. In ihr Hotel getragen, ward ihr zur Ader gelassen und sie erwachte scheinbar zum Leben, doch nur um am 23. September auf ewig daraus zu scheiden. Moscheies schreibt: „Es ist unnütz, bei einem Verlust, der die grosse musikalische Welt durchzuckt, und der kleinen Welt ihrer Freunde die herbste Entbehrung auferlegt, einige ungenügende Schmerzens- worte auszustossen. Ich fühlte mich gedrungen, mein Wehe in Töne zu kleiden, indem ich eine Fantasie über ihren Tod componirte." Thalberg, der im Jahr 1826 als Schüler von Mosche- les geschieden war, erschien jetzt als Meister. „Ich finde es originell", schreibt Moscheies, „dass er Harfeneffecte aufs Ciavier überträgt. Ein Thema liegt in der Mittelstimme, er hebt es klar hervor und begleitet es mit com- plicirten Arpeggien; diese eben sind es, die mich an eine Harfe erinnern. Das Publicum ist erstaunt, er selbst unerschütterlich ruhig; die Lippen fest geschlossen, den Rock militärisch zugeknöpft, sitzt er mit militärischer Haltung da; er erlernte diese, wie er mir sagt, indem er ---- IO — bei seinen Ciavierstudien eine türkische Pfeife rauchte, deren Längenmass ihm das Aufrechtsitzen als Notwendigkeit auferlegte?" Ein Brief sagt: „Arn 2. Mai Abends um 10 Uhr klopfte es an unsere Hausthür. Ole Bull, der norwegische Violinspieler trat ein; — sein erster Besuch bei uns. In weniger als fünf Minuten hatte er schon den ganzen Vulcan seiner Lebhaftigkeit und Excentricität, seine hohe Meinung von sich selbst hervorgesprudelt und uns durch seine Kraftausdrücke erstaunen gemacht. Ob da das echte Künstlerfeuer lodert? Seine Lebensbeschreibung (im Druck erschienen) ist so abenteuerlich, dass sie Paganini zum Alltagsmenschen macht; sollte sein Violinspiel das auch vermögen, fragten wir uns, als er fort war ? In seinem Concert erregte sein Spiel Aufsehen, sein Wesen auch. Ich möchte den Namen Spohr nicht in Verbindung mit ihm nennen, auch andere nicht, die weniger Technik haben als er, denn sie werden als tüchtige Musiker da- stehn, während der tobende Norweger überwunden in der Kunst-Arena daliegt." „Ich muss hinzufügen", schreibt die Frau, „dass Ole Bull kurz vor der Ankündigung seines Concerts in unsre a / 2 8-Uhr-Suppe fiel, als Moscheies von einem mühsamen Lectionentag heimgekehrt war. Ich kann nicht sagen, dass er uns willkommen gewesen wäre — seine Bitte, Moscheies solle für ihn spielen, noch weniger. Moscheies suchte abzulehnen, hielt das Quälen lange aus, ohne nachzugeben und gab doch endlich nach. Solche Angelegenheiten sind zeitraubend." „Heute", schreibt sie ein andermal, „will ich Euch einige Contraste aufzählen, denen wir hier unterthan sind. Wir haben eine kleine Soiree, besonders für Lockharts; dazu kommt unerwartet der geschätzte Freund und College meines- Mannes, der berühmte Schnyder v. Wartensee; es kommt aber auch der polnische Jude Sanklow im Kaftan, nicht angenehm parfümirt, bringt seine Strohfiedel und kann es kaum erwarten, dass Moscheies, Lipinsky und Ser- vais des Ersteren Trio ausgespielt haben, um uns seine — II — Stroh- und Holztrillerchen und Passagen hören zu lassen,, erreicht dabei aber nicht seinen Landsmann Gusikow, den Aeltervater des ärmlichen Instruments. — Und wie gefällt Euch erst die grossartige Aufführung des Händel'schen Oratoriums Salomon in Exeter-Hall und gleich hinterher die Tanzmusik eines Ballsaals, auf dem wir uns aber trotz des fatalen Contrastes mussten ein Stündchen sehen lassen, um nicht unartig zu erscheinen. In London ist ein Fest, sei es Ball oder Soiree, nur dann gelungen, wenn das Local überfüllt ist; man muss sich drängen, muss im Gedränge auf Menschen stossen, who have a handle to their name (die einen Namen haben), sei es ein Titel, den Geburt oder Rang giebt, sei es die Berühmtheit eines Staatsmannes , Redners oder Künstlers — they had every body (sie hatten Jedermann) heisst es dann und so sollte es sein. Schönheiten giebt es immer, denn dies ist wohl das Land der schönen Frauen. Aber hört nur weiter^ Unsere Freunde H.'s, wie Ihr wisst, sehr mit Indien verknüpft, bringen uns neulich Abend His Excellency Prince Jam-hod-deen, den röthlichen Sohn von Tippo-Sa'ib, wahrscheinlich, damit auch wir every body hätten. Wir wollten aber an diesem Abend nur einige auserlesene Zuhörer bei uns sehen, um die Kreutzer-Sonate mit Lipinsky und das Bach'sche Concert mit Quartett - Begleitung zu gemessen. Wie mag der Rothhäutige sich da als Contrast nach seinem Tamtam gesehnt haben? Die angenehmsten Soireen sind uns die der Lady * t- Sie, Moscheies' eifrige Schülerin und Verehrerin, engagirt sämmtliche Italiener um theures Geld und füllt ihre drei prachtvollen Salons with the rank, fashion and beauty of the day. Auch wir werden oft geladen, aber mit dem Bedeuten, dass es nicht auf das Spielen meines Mannes abgesehen sei. H. Herz brachte einen siebenoctavigen Flügel auf den Concertmarkt, erntete aber keinen besondern Beifall mit seinem dünnen Ton ein. Broadwood hingegen machte zuerst den Versuch seiner Bichorda-Stutzflügel, und bewies,, dass man auch mit so einem zweisaitigen Instrument einen — 12 — kräftigen Ton erzielen kann. Sie kamen bald und mit grossem Recht in Aufnahme und Moscheies spielte stets mit Lust darauf. — Ein Crefelder, Herr Scheibler, wollte ■vermittelst verschiedener Stimmgabeln und Berechnung von Vibrationen Claviere leicht und sicher stimmen können , die Sache klang scharfsinnig, bewährte sich aber nicht als praktisch. — Von Ramsgate an der Ostküste Englands schreibt Moscheies entzückt, wie er den Lec- tionenstaub von seinen Fingerspitzen schüttelt und fügt hinzu: „Fragt mich aber meine Frau, wie es kommt, dass ich die grosse Ruhe nicht zum Componiren gebrauche, so kann ich nur sagen, mein Gewissen erlaubt es mir nicht. Geist und Finger sind nach so einem Londoner Treibjagen gelähmt und der erstere kann nur durch die letzteren geheilt werden, d. h. ich muss viel gute und die beste Musik spielen, ehe ich mir erlaube, eigene Gedanken zu bekommen oder gar aufzuschreiben, sonst dürfte es nur seichtes abgedroschenes Zeug werden. Nimmt doch der erschöpfte Körper nach überstandener Krankheit erst stärkende Medizin, ehe er wieder in seinen Beruf eintritt." Doch schreibt er zu Ende dieses See - Aufenthalts einen Greek war-song für Phillips, der auf dessen Einsendung erwiedert: „I shall sing it at the Philharmonie and every- where eise and will answer for its success." Auch den schönen Text von Uhland „Schäfers Sonntagslied" com- ponirt er und nennt in einem Brief das Leben in dieser P'erienzeit ein „himmlisches". Kaum nach London heimgekehrt, überrascht sie die freudige Nachricht von Mendelssohn's Verlobung. Vier Jahre zuvor, am 3. September 1832 hatte er noch der Frau geschrieben: „Klingemann bleibt ein Ritter vom Junggesellenorden und das bleibe ich mit ihm, und wir beide werden uns einmal in 30 Jahren gern verheirathen wollen, dann mag uns aber kein Mädchen mehr. Diese Prophezeiung schneiden Sie aus dem Brief, wenn Sie ihn verbrennen und heben Sie sie sorgfältig auf; in 30 Jahren wird sich's zeigen, ob sie glaubwürdig war". Am 6. Oc- — J 3 — tober bekommt die Frau den folgenden, ganz anders, lautenden Brief seiner Mutter. Berlin, 6. October 1836. Die gewisse Fama, die jetzt eben so viel schneller als andere Leute, auf Eisenbahn und Dampfschiffen reist, hat Ihnen zwar Felixens Verlobung wahrscheinlich bereits verkündet, liebste Madame Moscheies! Ich kann mir aber dennoch das Vergnügen nicht versagen, Ihnen und Ihrem Gemahl, seinem vortrefflichen Freunde, diese für uns so fröhliche Botschaft ganz eigentlich mitzutheilen. Sie, eine zärtliche Mutter, können sich vorstellen, wie wunderlich mir zu Muthe ist, weder seine Braut noch irgend Jemand von ihrer zahlreichen Familie zu kennen, ja früher nicht einmal den Namen derselben gehört zu haben. Auch werde ich zur Strafe der, für mein Alter viel zu grossen Lebhaftigkeit , noch lange warten müssen, ehe ich die mir schon so werthe Unbekannte sehen kann. Aber Sie wissen auch, wie uneigennützig die Empfindungen einer Mutter sind und so werden Sie einen richtigen Massstab von unser aller Freude haben, da Felix selbst so überaus glücklich scheint. Die einzige, aber auch gar zu herbe Bitterkeit liegt in dem stets sich mir erneuernden, nicht abzuweisenden Gedanken: wenn sein lieber Vater diese Befriedigung erlebt hätte! Er wünschte es sehnlich und hoffte es nie. — Freilich war dieser Unglücksfall auch vielleicht die dringendste Veranlassung zu seinem Ent- schluss. Wir sahen Felix bei seinem Aufenthalt hier am letzten Weihnachten so unaussprechlich traurig, so innerlichst zerrissen, so still und darum nur tiefer betrübt, selbst in seinen Vorsätzen für die Kunst so gehemmt und des Zwecks entbehrend, dass seine Schwestern besonders ihm zuredeten, er müsse ein neues Leben für das Gemüth beginnen. Die Bekanntschaft eines Mädchens [in Frankfurt riss ihn bald aus seiner trüben Stimmung und nun ist er der glückliche Verlobte seiner Cecile; die Mutter Mme. Jean- renaud, deren Eltern Souchays, verwandt mit Beneke's.. — 14 — •Schunck's.....Der Tod der Malibran hat mich ungemein erschreckt und betrübt; Felix zählte stets ihr Talent unter die grössten unserer Zeit. Schade, sehr schade! Sie können denken, dass der mütterliche Egoismus mit im Spiel ist, da sie am 3. in Liverpool im Paulus mitsingen sollte___ Möchten Sie, Ihr lieber Mann und die Londoner Freunde es* entschuldigen, wenn er Ihnen vielleicht lange nicht schrieb; auch ich muss, wie erklärlich, jetzt seine Briefe missen, Rebekka, die eben jetzt auf ihrer Rückreise von Eger 14 Tage beim Bruder weilt, schreibt mir zu seiner Rechtfertigung, ein Taubenschlag sei eine Wochenstube dagegen, wie es bei ihm zugehe. Bitte, verzeihen Sie ihm und häufen Sie Grossmuth auf Grossmuth, indem Sie in seinem und meinem Namen den Londoner Freunden seine Verlobung anzeigen. Ewig unverändert Ihre Ihnen treu ergebene L. Mendelssohn-Bartholdy. Die Freude der Freunde bei diesem Ereigniss war selbstverständlich, denn man erfuhr bald, dass er in Ce- cilie Jeanrenaud ein reiches Gemüth, dem seinigen ebenbürtig gefunden hatte, das ihn so verstand und ihn so zu schätzen wusste, wie er es verdiente. Auch einen grossen musikalischen Triumph sollte England ihm, wenn gleich in seiner Abwesenheit, feiern helfen. Sein Paulus ward zum ersten Mal in Liverpool gegeben und mit dem grössten Enthusiasmus aufgenommen. Moscheies, der die Correctur des Werkes für England übernommen hatte, schreibt in sein Tagebuch: „Zu meiner Freude habe ich den herrlichen Paulus jetzt viel unter Händen und kann mich oft darin vertiefen. Seine Haupt-Eigenschaften sind für mich: Erhabenheit, edle Einfachheit, tiefes Gemüth und antike Form. Er hat darin seine schon anerkannte Meisterschaft auf das Glänzendste bewährt." Moscheies hatte in der Herbstruhe begonnen, an seinen characteristischen Etüden zu arbeiten; auch einigen musikalischen Zeitschriften die erbetenen Beilagen zu senden. Der song „Whatever sweets we hope to find", das Terzett „An argument" u. A. gehören zu diesen. „Die Finger-* Gymnastik", schreibt er ins Tagebuch, „findet in Thalbergs neuen Sachen, die ich sämmtlich durchspiele, ihren richtigen Boden; für den Geist habe ich Schumann. Der Romantismus tritt mir so neu bei ihm entgegen, seine Genialität ist so gross, dass ich mich immer mehr in seine Sachen versenken muss, um mit gerechter Waage die Eigenschaften und Schwächen dieser neuen Schule abzuwägen; dabei schickt er mir seine eben publicirte Sonate Elorestan und Eusebius mit der schmeichelhaften Aeusse- rung, nur ich könne sie gehörig recensiren, ich möge es doch für die neue Zeitschrift der Musik in Leipzig thun." , Es geschah mit Ernst und Gewissenhaftigkeit und"! Schumann nahm die Recension in seine „Gesammelten Schriften" auf; auch dedicirte er Moscheies sein „Concert ohne Orchester", was nun auch tüchtig studirt wurde. An dem Titel fand er auszusetzen; es lag für ihn ein Widerspruch darin, auch war er mit der immer mehr zunehmenden Mode, „die musikalischen Bezeichnungen wie piano, forte etc. ins Deutsche zu übersetzen, nicht einverstanden, weil man es nicht durchführen könne" und jedesmal, wenn er deutsche und italienische Anweisungen in ein und demselben Stück fand, hatte er das zu rügen. j Die seit vier Jahren aufgeschobene Abrechnung nirc dem Hause Cramer & Co. zeigte auf verdriessliche Weise, •dass man zwar für die unbedeutenden Opern - Arrangements 30 Guineen, für Septett und Concerte hingegen allzuwenig zahlen wollte, ja, dass die mühevolle und gewissenhafte Edition Beethoven'scher Ciaviersachen nicht einmal den Ersatz für die darauf verwendete Zeit bot. Nach manchen unangenehmen Verhandlungen kam es endlich zum Vergleich. Moscheies, wollte er seinen Preis für die grösseren Sachen haben, worauf er bestand, musste ausser dem schon gemachten Arrangement über Balfe's Opern, noch eins über Belisario liefern. Darüber seufzt das Tagebuch. Die Hauptarbeit aber blieb die an den 12 grossen characteristischen Etüden. „Sie sollen nicht für Schüler werden", schreibt er, „es sind Schwierigkeiten darin, die — i6 — nur ein Meister bewältigen kann. Thalberg, Liszt, Allewerden daran zu thun haben." Juno, der Traum, das Bac- r chanale waren beendet, als das liebliche Kinder-Märchen entstand, — ein Vorbote des kommenden Ereignisses — der Geburt eines dritten Töchterchens, welche kurz dar- l auf unter glücklichen Auspizien erfolgte. 1837. r Man hatte im verflossenen Winter viel Streichquartett- Abende genossen, die sich in diesem Jahre wiederholten; aber Soireen für Ciaviermusik gab es bis dahin nicht, und diese führte Moscheies eben jetzt ein. Viele seiner Colle- gen wollten das Unternehmen ein Wagniss nennen, doch Hess er sich nicht beirren, gebrauchte aber die Vorsicht, ein wenig Vocalmusik mit in diese Vorträge zu verflechten, um der Monotonie, vor der man ihn warnte, abzuhelfen ; schliesslich ging es ihm damit, wie dem Pächter in der Fabel, dem Einige rathen, selbst zu reiten, während Andere meinen, er solle seinen Sohn aufsitzen lassen. Die Presse, welche sich über die Errungenschaft dieser Ciavier- Soireen lobend ergoss, rügte die Einführung von Vocalmusik. „Sie sei störend und das einzig Mangelhafte in diesen übrigens vollkommenen Abenden". Er spielte in den drei rasch aufeinander folgenden Soireen einige Stücke von Scarlatti und seinen Zeitgenossen auf einem im Jahre 1771 erbauten Harpsichord, das sich noch bei Broadwood vorfand. Das Instrument hatte äusserlich die Form eines alten Wiener Flügels; hob man beim Spielen seinen ganzen Deckel, so sah man, wie sich durch die Berührung des Pedals eine Art Lattenwerk öffnete (ähnlich einer Jalousie), wodurch der dünne nicht angenehme Ton mehr Fülle und Rundung, d. h. stärkere Dämpfung bekam; ein Effect, den Moscheies ernstlich studirte und mit Glück zur Geltung brachte. Die zwei Claviaturen des Instruments waren unstreitig dazu da, jene Stellen in Scarlatti und anderen Meistern, die auf den modernen Flügeln durch — i7 — Ueberschlagen der Hände hervorgebracht werden, abwechselnd auf der oberen und unteren Tastatur zu spielen und gewisse Nuancen in der Klangfarbe hervorzubringen, da die eine zweifach, die andere dreifach besaitet war. Auch S. Bach's D-moll-Concert mit Quartettbegleitung liess er zum erstenmal hören. Alles stimmte darin überein, dass der echte Musiksinn durch die Bekanntschaft mit solchen Meistern nur gefördert werden könne, die Blätter sprachen die Hoffnung aus, dass die „crowded rooms" dieser drei Soireen Moscheies veranlassen würden, sie im nächsten Winter zu wiederholen, und noch andere, ältere Componisten mit in seine Programme aufzunehmen. Eine Novität englischerseits waren die British Con- certs, und ihre Basis eine richtige. Die fashionable Welt zeigte nämlich so viel mehr Sinn für die leichte, oft seichte italienische Musik, dass das junge eingeborne Talent sich beeinträchtigt fühlte, und dem wälschen Tändeln das Gegengewicht zu halten glaubte, wenn in einer Reihenfolge von Aufführungen nur die englischen Künstler des Tages und ihre Compositionen zu Gehör kämen. „Die Exclusivität ist immer der Kunst-Entwickelung hinderlich" , sagt das Tagebuch, „hier stiess sie noch dazu oft auf Mittelmässigkeit in der Aufführung, und Mangel an Originalität in der Composition, und so blieb die fashionable Welt ihren Italienern treu und nur das Klein- bürgerthum ergötzte sich an seinem „native talent". Der Stolz, mit dem man diesem zuhorchte, bekam gerechte Nahrung, als Litolff. mit seinem ersten Concert eigener Composition auftrat. „Hier ist doch Originalität", sagt Moscheies, „wenn-auch'wenig abgeklärte, und das Spiel zeigt Virtuosität; der Beifallssturm und Enthusiasmus waren diesmal gerechtfertigt." Das Tagebuch, so wie Briefe aus diesem Winter zeigen, wie eifrig Moscheies als Mitdirector der Philharmonischen Concerte bemüht war, Beethoven's 9. Symphonie, die im Jahre 1824 unmöglich erklärt und durchgefallen war, zu einer Aufführung zu bringen. Wie gross auch die Hindernisse waren, auf die er bei seinen Collegen Moscheies' Leben, n. 2 — 18 — stiess, es kam doch endlich zu dem Beschluss, „ihm die Leitung des Wagnisses" zu übertragen; an ein Gelingen dachte Niemand. Nun begannen mühevolle Wochen für ihn.' Statt der einen Orchesterprobe wurden ihm zwei bewilligt; das war aber auch Alles, und so ergriff er das Mittel, jede Einzelheit mit jedem Einzelnen zu probiren. Sänger und Instrumentalisten, jeder wusste seinen Part, jeder hatte durch Moscheles' Begleitung und seine Erklärung schon einige Kenntniss des Riesenwerks, als es zur ersten Orchesterprobe kam; die zweite benutzte er, um einige Nuancen und Feinheiten zu erzielen und fehlte auch noch viel, waren die Solosänger der Aufgabe auch nicht vollkommen gewachsen, es wurde doch ein glänzender Erfolg hervorgebracht. Moscheles schreibt den Verwandten entzückt darüber und sagt: „Ihr könnt Euch meine Aufregung vor und während des Concerts am 17. April denken — von der Arbeit spreche ich nicht — denn seht nur in dem beiliegenden Artikel aus dem „Atlas", wie sie mir gelohnt ist. Ich schicke Euch gerade diesen, weil er kurz und concis geschrieben, die Hauptsachen berührt; wer der Kritiker ist, weiss ich nicht; übrigens sind alle Blätter gebührend entzückt von diesem Riesenwerk und verlangen einsstimmig, es möge auf dem Repertoire bleiben , solle aber auch in grösseren Locälen wie Exeter- Hall oder ; in Birmingham beim Musikfest gegeben werden. Genug, das reiche England hat sich um einen Schatz bereichert und wie froh bin ich, dass ich ihn ausgraben durfte." Das Prägnanteste in dem • eingesandten Artikel, der vor uns liegt, ist wohl die Bemerkung, wie Directoren, die selbst ein Werk nicht gründlich verstehen, es unmöglich zur Geltung bringen können und wie Ausführende, wenn sie nicht genügend von seinen Schönheiten durchdrungen sind, dem Hörer eine unüberwindliche Langeweile aufbürden. Die Aufzählung von Moscheles' Fähigkeiten und Bemühungen reiht sich selbstverständlich als Contrast hier an, und Sänger wie Instrumentalisten gehen auch nicht beifallsleer aus. Thalberg feierte in dieser zweiten Londoner Saison — ig — -wieder die grössten Erfolge, seine God-save-Fantasie war zugleich eine politisch anregende Demonstration, da sie in King William IV. letzte Krankheitstage fiel. In Moscheies' eigenem Concert am 30. Mai spielte Thalberg mit ihm und Benedict das Bach'sche Triple- Concert mit stürmischem Beifall, weniger gefiel diesem grösseren Publicum die Scarlatti'sche Katzenfuge auf dem Harpsichord von Moscheies vorgetragen, während die -characteristischen Etüden und das Cöncert pathetique, beides Novitäten, sehr anerkannt wurden. In einem Brief von Moscheies an die Verwandten heisst es: „Ihr denkt wohl, ich wäre nach dem Concert ■ ermüdet gewesen; aber wie konnte ich? Es erwartete mich beim Nachhausekommen die schönste Aufführung zu Ehren meines Geburtstages; nicht weniger und nicht mehr als „der Abt und Kaiser" dramatisirt, worin Felix hoch zu Ross, nein, zu Schaukelpferd, als Kaiser erschien. Alles Uebrige analog und für den Vater unübertrefflich." Ein Brief der Frau aus diesem Monat Mai sagt: „Wirklich, die Frau Musica ist mehr als je die Schutzpatronin des Hauses und Ihr werdet es glauben, wenn Ihr hört, was sich Alles darin zuträgt. Czerny aus Wien, Jacques Rosenhain, die Gebrüder Ganz und Franchomme, Mühlenfeld aus Rotterdam, Gerke aus Petersburg, der Concertmeister Moser aus Berlin mit seiner Frau und seinem talentvollen Sohn, Alle sind uns liebe Gäste, die die Fremde uns zuführt. Thalberg und Benedict gesellen sich -oft als Hausfreunde dazu. Alle wollen mit Moscheies Musik austauschen, d. h. die Clavierspieler ihre neuen Sachen produciren, die seinigen hören und die In- strumentalisten sich ihre Solo's accompagniren lassen, oder sich mit ihm in Sonaten und Trio's. ergehn. Dabei hat Ries eine neue Partitur, Saul und David, ein Oratorium; Neukomm das Unglaubliche an weltlicher und geistlicher Musik; das Alles liest Moscheies mit ihnen am Ciavier durch, und sagt mir oft: „Gottlob, dass ich so gute Augen habe; denn Neukomm's feingeschriebene kleine Partituren .sind wahres Augenpulver, und der Musik kann ich kein — 20 Zukunftsleben prophezeien." Unsern besten Hahn im Korbe Felix Mendelssohn, müssen wir leider in diesem Jahr wieder entbehren. Wir haben statt seiner wenigstens ein 3. Heft Lieder ohne Worte und ein neues Liederheft, Fräulein Julie Jeanrenaud gewidmet, und ergötzen uns an Beidem. Denkt Euch, mit * * hatte ich neulich einen ordentlichen Strauss und ich kann sagen, aus Achtung vor seinem Künstlerthum. Er und die Seinigen sprechen nämlich kein Wort englisch und da der Sohn Concert geben sollte, so hatte ich mich als Uebersetzer der Ankündigungen, Zettel etc. erboten. Bringt mir aber der gute Con- certmeister einen deutschen Aufsatz, der mehr an ein Cafe chantant, als einen * * erinnert und ich weigere mich, ihn treu zu übersetzen, indem ich alle lobenden, auf den zehnjährigen Sohn bezüglichen Epitheta weglassen will. Es dauerte lange, bis er einwilligte; aber ich musste seiner Stellung zu Liebe fest bleiben. Nun muss ich Euch aber einen Hauptspass erzählen. Neulich Abend, als das. halbe Dutzend Clavierspieler bei uns war und wir einige Gäste hatten, entstand eine fatale Pause; Niemand wollte zuerst spielen und jeder Aufgeforderte behauptete, der oder jener müsse anfangen. Nun hätte freilich mein Mann durch sein eigenes Spiel die Zeit ausfüllen können, doch galt es ja, die fremden Künstler und einheimischen Kunstfreunde miteinander bekannt zu machen. Was war also zu thun? In meiner Verlegenheit schlug ich vor, die sämmt- lichen Namen der Herren auf Zettel zu schreiben und in einen Hut zu werfen, wenn sie versprechen wollten, je nachdem sie herausgezogen würden, zu spielen. Das fand Beifall, und so hatten wir einen wahren „Assault de Piano." Gut, dass wir durch die schöne Altstimme von Mrs. Shaw und Miss Masson, sowie durch Balfe's Tenor auch einige Vocalmusik produciren konnten." „Chopin, der kurze Tage in London zubrachte, war der Einzige unter den fremden Künstlern, der Niemanden besuchte und auch nicht besucht sein wollte, da jede Unterhaltung sein Brustleiden verschlimmerte. Er hörte einige Concerte und verschwand." „Habe ich Euch neulich von Ciavier Spielern erzählt", sagt ein anderer Brief, „so sollt Ihr heute ein Kapitel Ciaviermacher bekommen; ich will sie nur Zugvögel ■dieser Saison nennen, da Raubvögel wohl ein zu starker Ausdruck wäre. Und doch sehe ich P.'s essigsaures Gesicht, wenn er bei seinen Besuchen oder in Concerten Moscheies auf einem Erard oder Clementi hört, und male mir aus, wie er bei dem Erard denkt, „anch' io sono pit- tore", beim Clementi, „das ist ein überwundener Standpunkt", bei den Broadwood's, auf denen Moscheies auch mitunter spielt: „wie kann man die einem P. vorziehen?" Und G., der mit Czerny hierher kam, möchte auch alle Instrumente hören, alle Fabriken besuchen, findet aber jeden Anschlag zu schwer, jeden Ton zu dumpf, und nur seine Flügel brillant. Auch einen Erfinder für die Um- und Reinstimmung von Ciavieren giebt es wieder. War •der vorjährige ein Crefeider, so ist dieser ein Pariser, Msr. le Pere. Aber trotz seiner Versicherung, es sei so leicht, ■einenFlügel um J / 2 Ton höher oder tiefer zustimmen, „que vous le feriez faire par votre domestique, ou votre femme ■de chambre" wollte sich die Sache doch nicht als praktisch erweisen. Ich könnte noch Manche nennen, aber es möchte Euch langweilen. Jeder hat seine eigenen Interessen, aber Alle stimmen darin überein, von meinem armen Mann mündliche Empfehlungen und schriftliche Atteste zu. verlangen, versteht sich lauter Lobpreisungen. „Und man hat doch zuerst sein Gewissen", sagt er sehr richtig: „man möchte nicht solch zweideutiges Lob austheilen, wie der grosse M.......r es mitunter gethan hat; die Empfohlenen entzückt es, aber der Empfänger, wenn er gescheit ist, legt sich die auf Schrauben gestellten Phrasen richtiger aus." Die Schröder-Devrient war wieder da; ihr Fidelio unvergleichlich wie immer, ihre Norma nicht einer Pasta •ebenbürtig; auch konnte sich die deutsche Oper schlechter Geschäfte halber nicht halten. In der englischen entstand, um alsbald wieder zu verschwinden, „Love in the city" von W. — Puzzi, der fashionable Hornbläser brachte 10 ----- eine Opera buffa nach London, in der freilich der später so berühmte Ronconi auftrat, die aber an einem schlechten Damenpersonal litt. Das Royal Operahouse Haymarket hatte seine schon genannten grossen Sänger; da sie aber beständig dieselben v Puritani und Aehnliches wiederholten, so brachte der Atlas einen komischen Artikel „on operatic affairs'V behandelt die Direction und Sänger als Uebelthäter, lässt sie auch durch ein juridisches Verhör gehn. So wird z. B. die Grisi gefragt: "Wie oft hat sie in diesem Jahr son vergin vezzosa (ihre Cavatina aus I Puritani) gesungen?" Hat sie es Morgens, Mittags und Abends, schlafend und wachend gethan? Und als sie mit Ja antwortet, geht der Inquirent weiter: Liebt sie die Musik ? Nicht besonders. Warum singt sie sie? "Weil sie schon 3 Jahre lang das Publicum überrascht und erstaunt und heute noch ebenso wie früher. Ist es ihr nicht lieber zu gefallen als zu erstaunen ? O ja, aber dies Publikum ist nur des Erstaunens fähig, weil es nicht intelligent ist. Lablache lässt man in seinem Verhör aussagen: John Bull liebe ihn nur wegen seiner starken Stimme, John Bull wolle nur lautes Gebrüll, wolle auch nur alte bekannte Sachen hören,- die seinem Ohr tüchtig eingepaukt seien, das mache jede» guten .Sänger todt. Rubini hingegen behauptet: er singe gern wieder und wieder dasselbe. Der Componist, wenn er dem Sänger eine Note gebe, bekomme 50 von ihm wieder; Bellini, Donizetti und Mercadante seien durch seine und seines Collegen David „broderie" unsterblich geworden, durch sie seien Felsenherzen geschmolzen. Und Mozart, wird er weiter gefragt ? Er kennt ihn, muss ihn auch zuweilen singen, aber man macht mehr Glück mit andern Opern. Und das blieb die endgültige betrübende "Wahrheit dieses scherzhaften Artikels: Mozart von den Italienern gesungen, hatte nichts Erwärmendes; Darsteller und Publicum blieben lau und nicht einmal die herrlichen Stimmen kamen zur Geltung. Die Ancient-, damals Antient-Concerts waren im Jahre 1776 "von einem Earl of Sandwich in's Leben gerufen und während Moscheies' Aufenthalt in England, also von 1820—46 alternirten sie mit den vierzehntägigen Philharmonischen Concerten, je 8 an der Zahl. Ihr Zweck war, die alte und älteste Musik, sei sie englisch, italienisch, deutsch oder französisch zu Gehör zu bringen, sich auch dabei ganz alter Instrumente zu bedienen, die längst in Antiquitäten- Cabineten ruhten; ihr Gebrauch ein deutlicher Beleg für die Fortschritte der Neuzeit. So hörte man dort eine Viol di gamba, Viol d'amore u. A. m. Man hörte aber auch zuweilen die lauten Bemerkungen des Herzogs von * *. „Trotz seiner Liebhaberei für Musik", sagt Moscheies, „legt er sich doch in dieser Beziehung keinen Zwang auf. Die Abonnenten kennen das unabänderliche Uebel. Wird aber jemals einer derselben von einem Fremden gefragt: „what noiseis that?" so heisst es einfach: „Oh, it's only the Duke", und damit basta. Seine abgerissenen Sentenzen machen den Effect von Paukenschlägen, die nicht zur Musik stimmen." In diesem Jahre brachte Moscheies dem Ancient-Concert die Novität des D-moll-Concerts v. Bach, das wohl nicht anders als mit grossem Enthusiasmus aufgenommen werden konnte. Einer der Directoren dieser Ancient - Concerts, Lord B. rief die Künstler zu einer Berathung zusammen, die sich auf das Beethoven-Monument in Bonn bezog. Er wollte, dass England einen grossen Beitrag dazu liefere, der seinen Fonds aus einer splendiden Aufführung Beethoven'scher Compositionen ziehen sollte. Die ganze Welt aber war gegen den noblen Lord. Ein' Theil der Presse, „weil ja die Deutschen nie etwas zu den Monumenten berühmter Engländer beigetragen", ein anderer, weil man es gerne dem Lord vorwarf, „wie er sich gar nicht um deutsche Musik kümmere und nur die seichteste italienische liebe." Moscheies erhob in einer der Versammlungen seine Stimme „ganz decidirt dagegen", wie das Tagebuch sagt, „weil wir schon im Juli sind, und durch den Tod "des Königs ohnehin schon manches Unternehmen gescheitert ist." Aber er und der ganze ihm beistimmende Künstlerchor ward nicht beachtet und am 20. Juli — 24 — ein Concert vor leeren Bänken gegeben. Zum Glück waren von einigen Beethoven - Verehrern Ueberzahlungen eingegangen, welche die Kosten deckten. Die hochfahrenden Versprechungen aber, die Lord B. dem Bonner Comite gemacht, mussten in einem Entschuldigungsbrief an den Baron Schlegel verdampfen. Die neunwöchentlichen Ferien wurden wieder sehr glücklich mit den Hamburger Verwandten verlebt und zwar in Flottbeck, einem der schönsten Punkte an der j Elbe. Dort wurden zwei Etüden componirt, dort im Park lustwandelnd, entstanden die Vorrede und die charakteristischen Bezeichnungen dieser 12 grossen Etüden, die im i Laufe des Winters herauskamen. Moscheies schickte die in diesen Etüden enthaltene Fuge in Es an Schumann, mit .dem er viel correspondirte. Zum Leidwesen der Gatten war Mendelssohn in ihrer Abwesenheit erst in London, dann in Birmingham, wo er beim Musikfest seinen Paulus zur Aufführung brachte; man weiss mit welchem Erfolg. — Das Haus Cramer unterhandelte neuerdings wegen der Edition der Beethoven'schen Werke und bewilligte Moscheies J / 5 Antheil an seinen neuen Compositionen, was LU dieser einem Honorar vdrzog. Bei der Rückkehr nach London waren Neukomm, Benedict und Thalberg in der herbstlich leeren Stadt und diesen, so wie dem Freunde Klingemann stand das Mo- scheles'sche Haus stets offen; es war wie immer ein musikalisch belebtes, da der Hausherr fast jede Woche einen genussreichen Quartett Abend gab. Eine Haupt-Beschäftigung blieb aber das Durchspielen aller alten und der ältesten , aller neuen und der neuesten Musik, denn bei Beginn des Jahres 1838 sollten historische Soireen für Clavier- Musik von Moscheies gegeben werden, und bei dem Reich- thum von Sachen hiess es, Vieles durchgehen, um Einiges zu wählen. 1838. „Meine Finger sind in gehöriger Ordnung", erwähnt das Tagebuch am i. Januar, „und die Programme für die bevorstehenden Soireen gemacht. Ich habe wieder in den eingeäscherten Schätzen des musikalischen Pompeji gegraben und manches Grossartige an's Licht der Welt gebracht. Beethoven ist gross und wen möchte ich grösser nennen? Da aber das Publicum immer nur ihn, und dazwischen die modernen Effectstücke hört, so will ich ihm zuerst die Componisten vorführen, auf deren Schultern Beethoven sich zu seinem Adlerfluge emporschwingen musste. Darf man doch die Vergangenheit seiner Kunst nicht vergessen, wenn man ihr in der Gegenwart huldigen will; habe ich aber mit den Altmeistern begonnen, so will ich meine Hörer allmählich bis auf unsere Tage führen, dann mögen sie ihre eigenen, vergleichenden Schlüsse ziehen". Nach der zweiten Soiree sagt er: „Der Erfolg dieser Soireen beweist doch, dass das Publicum empfänglich für das Schöne ist, dass man nicht ihm zu Liebe dem Modegeschmack zu huldigen braucht, um es zu fesseln; es erfreute sich mit mir an den alten Sachen ganz und unzerstückelt, wie ich sie gab, als Dessert die beliebten Beethoven'schen Variationen über ein Händel'sches Thema, mit Lindley". Vor uns liegen die Berichte der öffentlichen Blätter über «diese Soireen. Sie enthalten endloses Lob für das Unternehmen, und benutzen es um ihre Anathema gegen „den italienischen Schwindel" zu schleudern und Mosnheles als den Repräsentanten einer höhern Richtung hinzustellen. Auch über die neuen charakteristischen Etüden, deren er einige spielte, ergehen sie sich in Lobpreisungen. „Warum spielte er sie nicht alle zwölf", heisst es? Man wünscht sie sämmtlich zu hören, wiederholt zu hören, Moscheies sollte die Bescheidenheit nicht zu weit treiben. „Der Tonangeber in diesen Soireen war der Herzog von Cambridge, er verlangte manches zweimal zu hören und das Publicum stimmte ihm trotz der schon langen — 26 — Programme bei", schreibt die Frau. „Gegen Moscheies ist er unendlich liebenswürdig und fragte nach jeder Soiree: Pray, when is the next? J must make a Memorandum not to forget. Es giebt in diesem Winter auch Classical- Quartett-Concerts, Wind-Instrument-Concerts, British-Con- certs, genug Musik ohne Ende". Im Februar muss Mosche- les als Mitdirector der Philharmonie den zwei Probeabenden für neue Compositionen beiwohnen, und nennt sie „recht unerquicklich. Einige deutsche und einige englische Symphonien und Ouvertüren nicht lebensfähig; eine Orchester-Fantasie mit gedrucktem Programm, enthaltend Verschwörung Empörung und Befreiung, passt als Melodram in ein Vorstadt-Theater; eine Symphonie und ein' paar Ouvertüren besser, und doch nicht ausgezeichnet, keine derselben kam in die Programme der diesjährigen 8 Concerte, denn man hielt sich lieber an die classischen Meister, um kein Fiasco zu erleben". Dem soeben verstorbenen Ferdinand Ries zu Ehren, der ein „member of the Philharmonie Society" war, eröffnete man die diesjährigen Concerte mit einem Trauermarsch. Es gab manche Novität an Claviercompositionen. Mrs. Anderson spielte Mendelssohn's Concert in D-moll und es ward, wie sich's gebührte, enthusiastisch begrüsst; Mme. Dulcken das posthume in F-dur von Hummel, das auch gefiel, Moscheies sein pathetique, das ihm trotz grosser Theilnahme in Publicum und Presse eine derbe Philippica zuzog. Es hatte einem Feuilletonisten missfallen! Und auch das rügte er, dass Moscheies in dieser Saison wieder die neunte Symphonie dirigirte; denn er parodirte die kleine Ansprache, die Moscheies bei dieser Gelegenheit an das Orchester hielt. Es ist dieser Vorfall nur insofern einer Erwähnung werth, als er Moscheies Gelegenheit gab, die unerschütterliche Ruhe seines Charakters bei dieser und ähnlichen kleinen Unannehmlichkeiten in's Licht zu stellen. Uebrigens ging das feindliche Blatt bald unter und die neunte Symphonie brachte ihrem Dirigenten erneuten Dank und herzliche Anerkennung; mehr als diese belohnte ihn das Streben selbst, „im Gegensatz zum Lectionenjoch und der Modetändelei", zu der er obenan die unvermeidlichen Arrangements für Schüler zählte; wollte ihm aber ein Verleger einen Mode t i t e 1 aufdringen , so finden wir im Tagebuch Bemerkungen, wie diese: „Er machte mir mit seinen Vorschlägen den Kopf lichterloh brennen". „Er will mir Gesetze über Titel vorschreiben, Aenderungen machen ohne mich zu fragen, das erlaube ich nicht, dazu hat er kein Recht". Wer nun mit uns einen Blick auf Moscheies' Kunststreben in diesen und den letztverflossenen Jahren werfen will, der wird ihn bemüht finden, das alte Virtuosen- thum mehr und mehr abzustreifen, solche Stücke, wie die Alexander - Variationen als „verschollen zu erklären" und eine classische Richtung anzustreben; bei den Londoner Verhältnissen doppelt mühsam. Diese legten ihm so schwere Fesseln an, dass die Frau im Mai schreibt: „Mein Mann sagt, es ist weit besser, Ihr gewöhnt Euch daran, mit meinen Briefen, selbst über musikalische Dinge vorlieb zu nehmen, denn wir hören ja zusammen und er sagt mir genau, wie er über Alles denkt, so bekommt Ihr seine Meinung unverfälscht, wenn auch aus zweiter Hand, aber dafür mit mehr Ausführlichkeit. Er kommt nicht zum Schreiben, so lange er ausser seinen eigenen Geschäften auch noch der Deus ex Machina sein muss, der für die fremden Künstler Ehre und Verdienst zurecht zaubern soll. Und wo den Verdienst hernehmen, wenn das Verdienst mangelt? wie bei H.'s Sohn z. B.! Der Himmel behüte unsern Jungen vor so einer Nullität und so einem Zehren an seines Vaters Namen! darauf hin gab er Con- cert und konnte Einem nur Mitleid einflössen. Wir sind wieder reich an Fremden, die gewesene Frl. Belleville, jetzt Mme. Oury, ist mit ihrem Mann, dem Geiger hier, der Kapellmeister Öott aus Oldenburg, ein tüchtiger Mu- "P siker mit seiner Pianistin-Tochter, dann zwei Polen, einer Pianist, der andere Geiger, mit sehr viel weisser Weste und Uhrkette und noch mehr Anmassung; zwei brave Hannoveraner, der Flötist Heinemeyer und der Cellist Hausmann, der Contrabassist Müller, der leider auf seinem — 28 — Riesen-Brummbass Variationen auf das liebliche „An Alexis" spielt, der Oboist Braum und eine ganze Trompeter- Familie Distin; denkt Euch, ein Vater und vier Söhne, die concertirend trompeten, das ist doch zu viel des Guten. Diese Künstler sind Alle mehr oder minder tüchtig und werden sich bei wiederholten Besuchen unserer Insel gewiss manches von deren Gold-Staub aneignen, da aber die Concurrenz sehr gross ist, so scheint das schnelle Gelingen ihrer Unternehmungen, wie sie sich es erwarten, eine Unmöglichkeit, und wir sind ihnen gegenüber oft in der unangenehmen Lage, ihnen weniger zu leisten, als sie erwarten. Da alle freundschaftlich bei uns ein- und ausgehen, so nenne ich unser Haus das Künstler-Kaleidoskop, das uns täglich neue Combinationen bringt, bald in grellen, schillernden Farben, bald in sanften, wohlthuenden. Es versteht sich, dass Thalberg wieder in der Welt der Pianisten oben ansteht. Herz, Rosenhain undDöhler haben auch ihr Publicum, und gehören zu den brillanten Sternen meines Kaleidoskops; als dies aber kürzlich bei einem neuen Umschwung Johann Strauss auftauchen Hess, da war es kein Kaleidoskop mehr, sondern ein Oberon- Horn, denn Alles tanzt, muss tanzen, wenn er geigt. In den Concerten, die er mit seinem kleinen Orchester giebt, thut man es sitzend, in Almacks, diesen fashiorsable- sten aller Subscriptionsbälle, hüpfen die aristokratischen Füsschen nach seinen Weisen, und auch wir hatten neulich das Glück, in einer Soiree danach zu tanzen, wobei wir alten Eheleute uns decidirt verjüngten. Er selbst tanzt übrigens „corps et äme" während des Spielens; nicht mit den Füssen, aber mit der Geige, die beständig auf und nieder geht, während der ganze Mensch jeden guten Tacttheil markirt; dabei ist er so ein gemüthlicher Wiener, nicht raffinirt gebildet wie ein Weltmann, aber amüsant und immer 'heiter; hat man doch der betrübten Exemplare genug.....Uns erfreut es immer, wenn wir auch einmal eine literarische Berühmtheit kennen lernen, wie z. B. neulich Alfred de Vigny, den Erzfeind von George Sand." Sir Charles und Lady Morgan waren in Irland sehr freundlich gegen Moscheies gewesen. Er hatte mir schon viel von ihnen erzählt, und führte mich neulich bei der berühmten Schriftstellerin ein. Ihre Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit gegen mich muss ich wohl auf Rechnung meines Mannes schreiben, da sie ihn und sein Talent aufrichtig verehrt. Ihre Augen sprühen noch Feuer trotz ihrer 60 Jahre, sie muss sehr schön gewesen sein und ihre Lebendigkeit ist echt irländisch". . . . Balfe hatte wieder eine neue Oper componirt, „the mountain sylph", war und blieb auch populär. Benedict brachte seine Oper „the Gipsies warning", Lord Burg- hersh, „II Torneo", daneben aber florirte „Lucia di Lammermoor" , florirte Rubini in seinem „sulla tomba", wie oft man auch sie und es gehört hatte. Die liebliche Cinti mit ihrer Nachtigallenkehle konnte nicht anders als gefallen, Fanny Eisler, dieser Inbegriff aller Grazie, musste Furore machen. Das grosse Ereigniss der Saison aber war die Krönung der Königin Victoria. Der Freund Sir George Smart hatte Moscheies in ein Chorhemd gesteckt, um in seinem Chor der Westminster Abtei als Basssänger zu fungiren und so das prachtvolle Fest mit anzusehen, denn die Billete waren unerschwinglich theuer. Das Tagebuch sagt: „Welch ein imposanter Anblick, dieser festlich geschmückte Tempel mit seinen festlich geschmückten Frauen! Und nun erst welch' ein Eindruck, als die achtzehnjährige Königin im Ornat, umgeben von den Grossen ihres Reichs, eintrat: Alles imposant, Alles ergreifend, aber am imposantesten der Händel'sche Chorr „Zadok the Priest" und sein „Hallelujah", ergreifend bis zur Rührung; so auch der Moment, als der ehrwürdige Erzbischof von York die Krone auf das jungfräuliche Haupt setzte. Dann aber wie aus einem poetischen Traum aufgerüttelt und unsanft in die Alltagswelt zurückgeführt, durch W. K.'s „Coronation Anthem", neu und doch alt — für diesen Actus componirt, aber aus geborgtem Material, schulgerecht, doch ganz uninteressant". Die Frau — 3° — schreibt den Verwandten diese Stelle aus dem Tagebuch und setzt hinzu: „Ehe Moscheies in die Abtei fuhr, brachte er mich mit Tochter und Nichte zu Lady A. Wir waren auf nicht später 'als neun Uhr Morgens eingeladen, um nicht in's Gedränge zu kommen, und dort waren wir herrlich aufgehoben. Ihr wisst, das Haus liegt in Piccadilly, beinahe Constitution-Hill gegenüber. A.'s hatten ein am- phitheatralisches Gerüst von den drawing- room-Fenstern an, bis auf den kleinen Raum vor ihrem Hause bauen lassen, der, von einem Eisengitter umgeben, ihn von der Strasse trennt. Die Bänke dieses Gerüstes waren schar- lachroth überzogen und dort sitzend, sah man links die ganze Piccadilly herunter, durch die der Krönungszug hin- und zurückfuhr, rechts in den Park hinein. Natürlich war eine grosse elegante Gesellschaft da, so dass Einem die Zeit nicht lang wurde, und für das Leibliche hatte Lady A. durch eine kalte Collation gesorgt, deren Vortrefflichkeit Ihr nicht bezweifelt. Kurz nach neun Uhr fing es an. in den Strassen zu wogen, das ganze Volk war auf den Beinen, gute Mütter mit Babies auf dem Arm, Väter, die kleine Jungen emporhielten, schon grössere, die Laternen, Gitter und Pfosten erkletterten, um gut zu sehn, ein Durcheinander, wie Ihr es Euch kaum vorstellen könnt. Als aber endlich die Zeit herannahte, wo der Krönungszug St. James' Palace verlassen, also Piccadilly herauffahren sollte, ward Spalier gebildet; wisst Ihr aber wie ? Zwei Horseguards ritten Schritt durch die Menschenmasse, der sie Zeit liessen, zurückzuweichen, dann wieder und immer wieder, bis sie endlich eine weite Strasse für den Zug eröffnet hatten. Natürlich beschreiben Euch die Zeitungen diesen am besten; nur das muss ich sagen, dass die goldne Staatskutsche mit den 8 Isabellen bespannt, mittelalterlich prachtvoll ist, dass die Königin als achtzehnjähriges junges Mädchen hübsch aussah, dass aber die ihr gegenübersitzende Oberhofmeisterin, die Herzogin von Sutherland, eine wahrhaft edle imposante Schönheit ist"..... Der August und halbe September waren wieder er- — 3t — holend und genussreich. Erst ein Besuch mit Frau und Kindern bei lieben Freunden in Sussex, der Hausherr, Geistlicher, „er und die ganze Familie lieb, gut und gebildet". „Da die Musik doch immer die Hauptsache bleibt", schreibt die Frau, „so sucht mein Mann durch Orgelspiel Ersatz für das unbedeutende Ciavier, spielt die Leute zur Kirche hinaus und geleitet einen Todten mit Händeis Trauermarsch zu Grabe". „Was wohl die Pächter, Bauern und Todtengräber von meinem Spiel denken, das bekümmert mich", fügt Moscheies hinzu; „jedenfalls diene ich den Damen zur Erheiterung, denn sie kleideten mich gestern in Mrs. G.'s Staatskleider und das war ein Haupt- spass. Ich endete den Abend mit einer improvisirten Arie, die ich im höchsten Sopran vortrug und deren Text eine Lobrede auf das Lieblingshündchen war". Ein Monat wird in Hastings verlebt und Mitte September schreibt Mosche- les: „Unsere schönen Feiertage sind zu Ende und das „sweet home" wieder behaglich. Aber heute hat der Himmel einen Schnupfen und ladet die Menschen zum Ersäufen ein; damit ich der Einladung nicht folge, bleibe ich wie Haydn „an meinem Spinettl". Ich spiele alle neuen Werke der vier modernen Heroen Thalberg, Chopin, Henselt, Liszt, und finde, dass ihre Haupt-Effecte in den weitgriffigen Passagen liegen, welche ihnen durch den Bau ihrer Hände erleichtert werden; ich spanne weniger,. bin auch aus einer weniger geschraubten Schule hervorgegangen. Ich kann Mozart, Cramer und Hummel bei aller Beethoven-Verehrung nicht vergessen. Haben sie nicht manches Edle geschrieben, womit ich aufgewachsen bin? Jetzt findet die neue Manier mehr Anklang, und ich versuche den Mittelweg zwischen beiden Schulen zu schaffen, indem ich mich vor keiner Schwierigkeit fürchte, auch die neuen Effecte nicht verschmähe, und doch das beste Althergebrachte beizubehalten suche. Das Pastoral - Concert, das ich eben schreibe, hat die kürzere, moderne Form der drei zusammenhängenden Stücke, und mehr Lebendigkeit, ja Leichtigkeit wie meine letzten Concerte; ich möchte mich nicht in meiner eigenen Manier abschreiben. — Die Lectionen, nach denen Ihr fragt, öind in dieser Herbstzeit grade ausreichend, um Bäcker und Schuhmacher zu bezahlen". Eine Notiz aus einem anderen Brief gehört hieher: „Ich empfehle Ihnen eine kleine Brochüre von Ries und Wegeier über Beethoven, so eben bei Bädeker in Coblenz erschienen. Sie lässt ganz in das wunderbare Leben und Wirken Beethoven's blicken und ich halte Alles darin für authentisch. Nur schade, dass seine letzten Briefe nicht com- pletirt sind, indem sie mit denen an Ries schliessen, nach welchen seine Correspondenz mit mir anfing. Auch muss ich Sie auf die 50. Seite aufmerksam machen, wo Beethoven sagt, dass er seine letzte Symphonie mit Chören dem König von Preussen gewidmet und ihm sein Manuscript geschickt habe. Trotzdem habe ich bei allen drei Aufführungen der neunten Symphonie, welche ich in diesem Jahre dirigirte, eine von Beethoven's Hand corrigirte Partitur gehabt, und der Titel ist auch von ihm selbst hineingeschrieben. Er lautet „Neunte Symphonie, componirt für die Philharmonische Gesellschaft in London von Beethoven". In einem andern Brief schreibt er: „Wir wollen jeden Sonnabend Kammermusik machen, wobei auch E. mitwirken soll. Der fleissige Cellist Hausmann wird uns eine Stütze dabei sein. Gleich am ersten Abend spielt E. das erste und zweite Stück des Mozart'schen Es-dur Quintetts". „Sie hat es in drei Tagen einstudirt", schreibt der glückliche Vater, „und hat viel natürliche Begabung". Er selbst spielt Beethoven's grosse Sonate Op. 102 und sagt: „Mit dieser sehr gelehrten Fuge bin ich nicht ganz einverstanden; mir ist Beethoven's Genialität mehr werth, als seine Gelehrsamkeit". Später spielt er Schubert's neue Trio's in E und B „mit vortrefflicher Factur und schönen Gedanken, nur mitunter ein bischen zu gedehnt". Einmal sagt das Tagebuch: „Gestern brachte unser Sonnabend einige wenig interessante Ensembles, aber einerlei, wir müssen alle Novitäten durchgehen; spielen wir doch immer die classischen Werke mit dabei". Es gab auch zwei herrliche Mendelssohn - Sonnabende, einen für den ganzen Paulus, den andern für Ciaviermusik. „Ich — 33 — habe am Sonnabend mein Pastoral - Concert probirf", schreibt Moscheies; „es gefiel den Freunden, aber es steigen doch bisweilen Zweifel in mir auf, ob mein jetziges Arbeiten nach bestimmten Grundsätzen nicht der Leichtigkeit und Frische schadet, durch die ich mir in meiner ersten Jugend so viel Eingang für meine Compositionen verschaffte. Und doch bin ich froh, der musikalischen Welt mein ernsteres und tieferes Streben zu zeigen, wie auch mein jetziges Gelingen hinter dem Wollen zurückbleibe". Moscheies schrieb in diesem Winter die Etüden in A, 6 /s-Tact und das Lied „Liebesfrühling". Die Beethoven- Edition ging fort und von Mendelssohn's Andante und Presto H-dur und -moll, sowie von Liszts neuen Etüden wurden Correcturen gemacht. Das Tagebuch sagt: „Ich lehnte die Ehre ab, nächstes Jahr wieder Mitdirector der Philharmonie zu sein, denn was kann ein Director unter sieben ausrichten? Ich stehe immer vereinzelt mit meinen Neuerungsgelüsten da, und am Ende werde ich noch für die Missgriffe der Andern verantwortlich gemacht". Hummel war gestorben, und Moscheies wurde der ehrenvolle Antrag, seine Stelle in Weimar zu bekleiden. Er schwankte einen Augenblick, zog aber doch die Freiheit seiner Londoner Stellung den Fesseln eines Hofes und Theaters vor, obwohl er den Herrschaften sehr ergeben, und auch von ihrer Güte für ihn überzeugt war. Ein Brief der Frau sagt: „Ich habe Euch wieder wunderliche Dinge zu erzählen. Eine Weihnachtsvorstellung, worin der Nordwind in einem Ballet vorkommt, hinterher Braham als Masaniello .und endlich v. Amburgh mit seinen Thieren. Dann von einem Besuch in Hertford- shire bei A.'s, die uns einluden, um einer Fuchsjagd beizuwohnen. Wir folgten in einer offenen Kalesche den reitenden Herren, die hier und dort hinsprengten, doch konnten wir uns nicht für die Sache begeistern. Haus und Einrichtung sind splendid, ihre Autographen-Sammlung interessant, und die rothberockten Herren bei Tische Moscheies' Leben. II. ? — 34 — hätten uns ganz gut gefallen, wenn sie nicht so viel von „hounds and horses" erzählt hätten. Nach Weihnachten reisen wir mit den Kindern zu Flemings, wo in's neue Jahr hinein getanzt werden soll". . . . 1839. Die Familie Moscheies brachte den fröhlichsten Jahresanfang bei den Freunden Fleming auf ihrem Landsitz in Hampshire zu. Bei schönem Wetter wurde ausgefahren und geritten, bei schlechtem getanzt, Charaden aufgeführt ; immer aber, und bei jedem Wetter Musik gemacht. Zu den Gästen, die stets ab- und zugingen, gesellte sich auch Lord Palmerston. Die Politik hatte ihn und F. getrennt, seitdem Letzterer sich zur Wellington'schen Partei geschlagen, das Unglück, das den Lord einiger werther Familienglieder beraubte, sie wieder zu einander geführt. — Bei der Rückkehr nach Hause gab es bei Moscheies kranke Kinder und vielerlei häusliches Ungemach. Die ganze unerquickliche Zeit wurde aber bald von der ungewöhnlich früh beginnenden Saison überfluthet, denn Moscheies schreibt schon im März. „Es ist alles ganz so, wie die andern Jahre und wir müssen mit dem Strom schwimmen." Der Besuch des Freundes Ferdinand David aus Leipzig - war eine herrliche Freude für das Moscheles'sche Ehepaar. Dieser würdige Schüler Spohr's spielte seinen Meister gross und edel, seine eignen Bravoursachen mit untadelhafter Technik und sein Quartettspiel in den Mori'- schen und Blagrove'schen Soireen begeisterte Alles, was echten Kunstsinn besass, denn das war vor ihm in England nicht annähernd erreicht worden. David und Mosche- les traten im zweiten Philharmonischen Concert zugleich auf, David zum ersten Mal mit einem eignen, Moscheies mit seinem neuen Pastoral-Concert. David hatte sich bei diesem ersten Erscheinen schon die ihm gebührende hohe Stellung errungen, die er später durch jedes neue Auf- ___ 1 r___ 35 treten befestigte, Moscheies sich der günstigsten Aufnahme seines neuen Concertes zu erfreuen. Von da an wirkten beide Künstler oft zusammen. Bei Sir W. Curtis, dem grossen Amateur-Cellisten für Mad. Dulcken, die in seinem Salon eine Soiree gab, bei * * *, wo „noch ehe unsre Kreutzer-Sonate verhallt war, schon eine Quadrille ■erscholl und endlich am liebsten im eigenen Hause, vor und mit andern Künstlern, denn nur da erquickt und begeistert die Musik". Die Frau schreibt: „Heute soll ich Euch berichten, dass Moscheies sein Concert mit David zusammen geben will; dieser hätte ihn zwar auch so unterstützt, doch zog Moscheles es vor, ihn als Mit-Unternehmer zu haben, weil er ihm dadurch seine hohe Achtung als Künstler kund geben wollte. Manche Concertgeber lassen ihren Saal durch die italienischen Sänger füllen, sie selbst sind nur Nebenpersonen in ihrem kostspieligen Concertdrama; Moscheies wollte weder so eine untergeordnete Rolle spielen, noch so ganz seinem eigenen Kunststreben zuwiderhandeln; nun hat er an David einen mächtigen Bundesgenossen in deutscher Schule gefunden und das freut ihn doppelt, weil er dadurch seinem Publicum zeigt, dass auch er darauf bedacht ist, ihm eine Novität zu bringen, nur eine von gediegenem Werthe". Später schreibt sie: „Dieser Brief ist eine Concert-Depesche. Es ist glorreich vorüber, der Saal auch ohne italienische Sänger vortrefflich gefüllt, der russische Grossfürst hatte sich zwei Billete holen lassen, Prinz Napoleon war in den stalls". Moscheies spielte als neue Composition sein Pasto- ral-Concert, Mendelssohn dedicirt, das sehr beifällig aufgenommen wurde. „Deutsche und französische Künstler", schreibt Moscheies, „letztere mit untadelhaften Handschuhen, treffen bei uns mit englischen Freunden zusammen und die Musik bildet eine Verbindungsbrücke zwischen den verschiedenen Nationalitäten. Könnte ich nur immer Componisten und Verleger verbinden! Eben jetzt z. B. ist mir's betrübt, dass ich die Publication von Bernhard Romberg's Violon- cell-Schule nicht vermitteln konnte. Die Modewaaren sei- - 36 - ner Rivalen sind an der Tagesordnung, doch hat das Werk des tüchtigen Mannes gewiss grossen Werth für das Studium des schwierigen Instruments! Was Schwierigkeiten betrifft, so erstaunte mich Thalberg wieder in seinen Concerten, er ist ein Jupiter an Kraft und Bravour und hat in seinen neuen Etüden alle Herkules-Arbeiten der Technik durchgemacht. Mendelssohn, mit dem ich über alle musikalischen Erscheinungen der Neuzeit corre- spondire, theilt meine Ansicht - darüber. Ihn, wie mich, hat Bennett's Ouvertüre zur Waldnymphe wahrhaft erfreut, und das Publicum begrüsste sie enthusiastisch". Dieser Ouvertüre wurde auch in Deutschland so grosser Beifall gezollt, dass sie sich bis heute auf den Programmen der Gewandhaus- und anderer Concerte erhalten hat. In dieser Zeit starb der Geiger Mori, der speculativste aller Künstler und Musikhändler, der Erfinder der Monstre- Concerte, die man ihm nur zu bald nachahmte, ausserdem aber ein so tüchtiger als beliebter Solo- und Quartettspieler. Wir kommen nun an keine geringere Persönlichkeit als die des Prinzen Louis Napoleon, den man früher wohl in Soireen gesehn, dem man aber erst jetzt in kleineren Kreisen begegnete. Die Frau schreibt: „Natürlich fanden wir es interessant, mit diesem lion der Season in Berührung zu kommen; doch war in seiner ganzen Erscheinung nichts Aussergewöhnliches zu entdecken, es sei denn die Kleinheit der Füsse oder die Grösse des Schnurrbarts. Gegen Moscheies erwähnte er verbindlich, wie die Königin Hortense, seine Mutter, sich in früheren Jahren an seinem Spiel erfreut, wie er, der ihn als Knabe gehört, den Eindruck nie vergessen konnte; auch mir sagte er manches Artige und sagte es hübsch, ohne dass mir etwas Ausgezeichnetes dabei aufgefallen wäre; im Ganzen macht er in Soireen, wenn er so in einer stillen Ecke dasteht, den Eindruck, als wolle er mehr beobachten wie verrathen. Das liebe ich nicht." Später finden wir wieder eine Begegnung : „Freund Löwenstern hat von seiner Reise um die Welt viel Merkwürdiges mitgebracht und als ich dies neugebackene Museum mit den Kindern in Augenschein — 37 — nehmen wollte, trafen wir Prinz Louis Napoleon dort; ausser ihm Niemanden. Er bewunderte wieder recht still, prüfte die schönen Waffen mit einer Kennermiene und war auch wieder sehr verbindlich ; zu einer eigentlichen Conversation gab er keinen Anlass". In diesem Sommer ist viel die Rede davon, dass Moscheies aufhöre, öffentlich 1 zu spielen. Noch hat ihm das Publicum keinen finstern Blick zugeworfen, es ist ihm keine seiner Leistungen misslungen. „Wie schön sich im Sonnenschein der Gunst zurückzuziehn, im vollen Bewusstsein der Kraft, Andern das Feld zu überlassen, dazu solchen Bemerkungen zu entgehn, wie man sie oft hört: „Dass Dieser oder Jener noch wunderschön spielt, wenn er auch das nicht mehr ist, was er vor zehn Jahren war, dass er etwas bequem geworden ist, dass die Phantasie bei der Improvisation nicht mehr so reich blieb etc- Es geht damit, wie mit einer gefeierten Schönheit. Warum will sie es immer noch bleiben. Sie ist nicht mehr so schön, wie sie war, sie sollte nun der heranwachsenden Jugend das Feld räumen. Ich denke an Clementi, welcher der Kunst und ihren Jüngern einen unvergänglichen Schatz hinterlassen hat, und der doch nicht mehr spielte, während eine heranwachsende Jugend in der Kunst gedieh, weil sie seine Mittel, nur etwas verändert, anwendete, um eine neue Schule damit aufzubauen. Die Jünger derselben, .während sie sich ihrer als Grundlage bedienen, verachten sie prinzipiell, und suchen ihre Stärke nur in der Riesengewalt der eignen Hände; sie schwärmen phantastisch süsslich und suchen ihre pikanten Effekte in dem schnellsten Wechsel vom einsaitigen zum rauschenden Pedal, oder in Rhythmen und Modulationen, die, wenn nicht ganz verpönt, doch nur in den seltensten Fällen erlaubt waren. Dass ich mich diesen Neuerern nicht anschliesse, ist natürlich , vieles möchte ich nicht, die Kraft könnte ich nicht nachahmen, wenn ich mich auch in meiner Schule noch im vollsten Schwünge und nicht alt und entnervt fühle; in meiner Schule kannte man diesen Grad von Kraftaufwand nicht. Je weniger die Welt an meinen executiven - 38 - Leistungen künftig Antheil nehmen wird, desto mehr steigen in mir Lust und Verlangen nach eignem Geschmack und_ eigner Ueberzeugung Musik zu pflegen. "Wie und was ich componiren soll, liegt auch noch unter dem Schleier der Zukunft verborgen. Bis jetzt habe ich meine Werke- durch eignen Vortrag beim Publicum eingeführt. Wird die musikalische Welt jetzt auch noch Interesse an ihnen nehmen? Nous verrons". Im Sommer kommen manche Pläne väterlicherseits- in Briefen vor. Einmal wird gefragt, ob Moscheies bei der Ueberhäufung von Lectionen seinen Preis nicht erhöhen wolle. Er antwortet auf diese kaufmännische Idee: „Ich kann mich zu einem solchen Schritt nicht entschlies- sen, denn mit Recht könnte ich der Eigensucht beschuldigt werden in einem Lande, dem ich meine jetzige Stellung grösstentheils verdanke." Auch auf einen andern Plan, die Familie Moscheies solle sich theilen, Frau und Kinder in Hamburg wohnen, der Mann seine Saison in London durchmachen und dann wieder zu ihnen kommen, geschieht Einspruch, „denn - getrennt können wir nichts- gemessen". Desto mehr geniesst man zusammen das Seebad Boulogne und einen zweimonatlichen Aufenthalt in Paris, zum erstenmal ohne die Last öffentlicher Concerte und der damit verbundenen Verpflichtungen. Die Jahreszeit erlaubte eben so genussreiche Ausflüge in die Umgegend, als sie zu Concert - Unternehmungen ungünstig war; man hatte sie also grade recht gewählt. Wie aber auch die Denkwürdigkeiten und Kunstschätze der Weltstadt die Moscheles'sche Familie in Anspruch nehmen, immer sehen wir ihn sich zu den Musikern wenden; ein Brief von ihm zeigt uns, wie ihm sein längstgehegter Wunsch Chopin kennen zu lernen, erfüllt werden sollte. „Wir leben hier im vollsten Genuss unsrer Freiheit und Unabhängigkeit, wozu ich die fast gänzliche Einstellung des Lectionisirens obenan rechne. Fräulein Beer, der Nichte von Meyerbeer, konnte ich es natürlich nicht abschlagen, ebenso wenig der Gräfin A., die ich vor 28 Jahren in Wien kannte. Bei Leo's mache ich am liebsten Musik — 39 — und dort wurde ich zuerst mit Chopin bekannt, der eben vom Lande zurückgekehrt war; ich konnte es kaum erwarten. Sein Aussehen ist ganz mit seiner Musik identi- ficirt, beide zart und schwärmerisch. Er spielte mir auf mein Bitten vor, und jetzt.erst verstehe ich seine Musik, erkläre mir auch die Schwärmerei der Damenwelt. Sein ad libitum-Spielen, das bei den Interpreten seiner Musik in Tactlosigkeit ausartet, ist bei ihm nur die liebenswürdigste Originalität des Vortrags; die dilettantisch harten Modulationen, über die ich nicht hinwegkomme, wenn ich seine Sachen spiele, choquiren mich nicht mehr, weil er mit seinen zarten Fingern elfenartig leicht darüber hingleitet ; sein Piano ist so hingehaucht, dass er keines kräftigen Forte bedarf, um die gewünschten Contraste hervorzubringen; so vermisst man nicht die orchesterartigen Effecte, welche die deutsche Schule von einem Cla-~~' vierspieler verlangt, sondern lässt sich hinreissen, wie von einem Sänger, der wenig bekümmert um die Begleitung ganz seinem Gefühl folgt; genug, er ist ein Unicum in _j der Clavierspielerwelt. Er behauptet, meine Musik sehr zu lieben und jedenfalls kennt er sie genau. Er spielte mir Etüden und sein neuestes Werk „Präludien", ich ihm viele meiner Sachen vor." "Wer hätte aber geglaubt, dass Chopin bei seiner Sentimentalität auch eine komische Ader besässe? Und doch finden wir in den wiederholten Tagebuchsnotizen über das Spielen und Wiederspielen in Künstler- und Dilettantenkreisen auch folgende Notiz: „Chopin war lebendig, lustig, ja überaus komisch in seinen Nach- . ahmungen von Pixis, Liszt und einem bucklichten Ciavierliebhaber". Einige Tage später sagt das Tagebuch: „Heute war er wieder ein ganz andrer Chopin, als das letzte Mal. Ich besuchte ihn Verabredetermassen mit Ch. und E., die auch ganz in Schwärmerei für ihn aufgehn und die das Präludium As-dur in 6 / 8 - Tact mit dem stets wiederkehrenden Pedal-as ganz besonders ergriff. Nur die Gräfin O. aus Petersburg, die uns Künstler en bloc anbetet, war dort und noch einige Herren. Chopins vortrefflicher Schüler Gutmann spielte dessen Manuscript-Scherzo in Cis-moll, — 40 — Chopin selbst seine Manuscript-Sonate in B-moll mit dem Trauermarsch." Am selben Abend findet wieder eine musikalische Soiree statt, so wie auch am Vorabend eine war und am folgenden Abend eine sein wird, und Mosche- les spielt sein eignes Trio und Mendelssohn's D-moll-Con- cert, das zu seinem Aerger „schlecht verstanden Avird", Beethoven, Weber, eigne Etüden, seine irländische Fantasie und Mozarts Fuge in F-moll mit Cramer, der zur Zeit in Paris lebt; nie aber darf bei diesen musikalischen Zusammenkünften die vierhändige Es-dur-Sonate von Moscheies fehlen. Stephen Heller nennt das Tagebuch „einen •interessanten jungen Künstler und lieben Menschen", „Ber- tini's Etüden ausgezeichnet in der Technik, aber gedehnt in der- Form." — „Thalberg ist hier und wird nach übervollen Concerten ebenso gelobt wie getadelt. Wenn aber einer der weisen Recensenten so weit geht, ihn mit Van Amburgh dem Thierbändiger zu vergleichen, so kann er wohl dazu lachen". — Ein Brief von Moscheies sagt: „Ich habe nun meine grosse Künstler-Tournee beendet, und dabei die verschiedenartigsten Eindrücke gehabt. Berlioz, auf den ich sehr begierig war, zeigte sich kalt und theil- nahmlos. Auf dem Tisch lag seine kalligraphisch elegante Partitur von Romeo und Julie. Ich blätterte darin, aber sie ist so complicirt und der Lärm, den ich schon beim Ansehn hörte, so überwältigend, dass ich mir noch kein Urtheil darüber zutraue. Nur so viel steht fest, dass neue Effecte darin sein müssen. Bei Auber, der mich äusserst freundlich empfing, sah ich mit grossem Interesse das piano quarre, an dem er seine Opern componirt hat. Aber auch seinen Erard'schen Flügel musste ich probiren, ihm und dem hinzugekommenen Zimmermann, professeur du conservatoire sogar viel vorspielen. Cherubini, sonst eben nicht leutselig, war äusserst freundlich. Wir blieben eine ganze Stunde in Kunstgesprächen vertieft. Er sagte, dass er ausser der Direction "des Conservatoire gar nichts mehr mit Musik zu thun habe; er schreibe keine Note mehr, sei nicht stark genug, um musikalische Eindrücke zu ertragen und zu geniessen. Ich glaube, ich durfte ihm ohne ■ — 41 — Schmeichelei versichern, dass er zu den Wenigen gehöre, die noch lebend schon Unsterblichkeit gefunden hätten. Bei Herz musste ich den neuen Concertsaal und die Instrumente seiner Fabrik bewundern. Peter Pixis war wie immer der alte treue Freund, Franck der gediegene Deutsche, Heine das genie par excellence. Meinen armen ~"~1 Lafont sah ich nur im Sarge, als man in der Kirche St. Roch das Todtenamt für ihn hielt. Die Musik war von Cherubini, aber ohne Orgelbegleitung, was mir eine Lücke zurückliess. So wie Lafont früher mit mir gereist war, um Concerte zu geben, so hatte er es jetzt mit Herz thun wollen. Leider brach die Diligence zusammen und der Unglückliche, der hoch oben auf dem Dache sass, ward durch den jähen Fall getödtet. Herz entkam glücklich". Die Bekanntschaft des Schriftstellers Aimemartin gewährt uns besondere Freude. Sein Werk „sur l'educa- tion du genre humain par les meres de famille" war uns längst bekannt und wir fanden es ebenso angenehm belehrend, wie den Autor selbst in seiner Unterhaltung. Cremieux ist es auch, aber in andrer Weise. Als Advokat spricht er leicht und schön', als Mensch ist er geistreich, Kunst und Künstler liebend und sieht diese hier wie in Lyon, wo er früher lebte in seinem Hause, das durch seine liebenswürdige Frau doppelten Reiz hat. Die Rachel nennt er seine Adoptivtochter, obgleich ihre Eltern noch leben. Die Arme erholt sich eben von einer schweren Krankheit und wir Armen werden sie daher nicht zu sehn bekommen. Mein gestriges garcon-diner bei Meyerbeer war sehr interessant. Halevy, Duponchel, Duprez, Habeneck und der Münchener Intendant Hofrath Küstner waren dort. Habeneck und ich unterhielten uns bei Tische über die Concerts du Conservatoire und unsre Philharmonischen , wie sich zwei Minister verschiedener Staaten zu unterhalten pflegen. Von mir wollte er etwas für Orchester haben, um es im Januar zu probiren; ich hatte nichts mit, musste ihm aber versprechen, ihm meine Ouvertüre zur Jungfrau von Orleans zu schicken. Auf morgen hat — 42 — er sich bei mir eingeladen, um mich spielen zu hören. Meyerbeer tritt bei jeder Gelegenheit als mein Freund auf. Er sagte laut bei Tische: „Der Einzige, der Beethoven vollkommen spiele, sei ich". Natürlich bringt dieser Pariser Aufenthalt viele Theaterberichte und Novitäten, welche mehrfach das Bedenken der Frau erregen. „Arnal's Komik", sagt sie, „ist sehr amüsant, aber das Stück passe minuit so realistisch dargestellt, dass es an's Unaesthetische streift. Die neue Oper la Jacquerie soll von Auber „un opera en re" genannt worden sein, weil das D-dur darin vorherrscht." Guido und Ginevra vonHalevy wird von Moscheies „tüchtige, gut geschriebene Musik" genannt, aber begeistern kann er sich nicht dafür. Als sie dann noch Robert le Diable gesehn und Moscheies vieles darin gelobt und bewundert hatte, heisst es in einem Brief der Frau: „Begreift Ihr, dass man so Entsetzliches in Musik setzt? — Der Eine die Pest, der Andere den Teufel. Ich bin keine Pietistin, aber Orgelspiel und Kirche passen mir nicht für's Theater und wenn sich die Gräber aufthun und die todten Nonnen aufer- stehn, bekomme ich eine Gänsehaut", •— „Und ich", fügt Moscheies dem Brief hinzu, „wenn so viel Posaunen, Hörner und Ophicleiden das übrige Orchester übertäuben und mir im Ohr schwirren, wie ich auch immer Meyer- beer's grosses Talent achte und ehre. Der Chor war viel zu schwach gegen diese Orchestermassen, die Ausstattung bis auf die Nonnenscene nicht meiner Erwartung gemäss. Mario und die Dorus Gras vortrefflich, die Andern mittel- mässig. Halevy's Sheriff ist eine geistreiche Ideen-Mosaik, die jedoch einen Eindruck von Zerstückelung macht". Später heisst es: „Was sieht und hört man nicht alles in Paris? Wir die Hugenotten zum ersten Mal. Ja, das ist doch ein grosses, gewiss sein grösstes Werk und es hat mir impo- nirt. Rossini's Barbier von Sevilla mit Pauline Garcia, Rübini und Tamburini ist auch nicht zu verachten, denn die Meisterschaft der drei Kehlen kann Einem nur Bewunderung entlocken. Duprez ist ein vortrefflicher Teil, Bouffe im Gymnase, die Dejazet im Palais Royal, und — 43 — erst Sanson und die Mars im Theatre francais bieten Genüsse, die wir mit Euch theüen möchten!" — „Heute bekomme ich ein Billet von Graf Perthuis, dem Adjutanten des Königs Louis Philippe, der meine Es-dur-Sonate wiederholt von Chopin und mir gehört hat; er mag bei Hof viel darüber geredet haben, „denn man wünscht sich auch dort", schreibt er, „den hohen Genuss, den er kürzlich gehabt". Somit wurden Chopin und Moscheies beide nach St. Cloud beschieden. Moscheies schreibt am 30. Oct.: „Gestern war ein merkwürdiger Tag; Kalkbrenner kam, um mir die Hand zum Frieden zu reichen, nachdem er mich hatte durch eine Mittelsperson fragen lassen, ob ich sie annehmen würde, was ich bejahte. Er embrassirte (emba- rassirte) mich durch ein Capitel Liebe und Verehrung, mit grossem Ernst vorgebracht. Als ich ihm sagte: Heute werde ich noch auf einem Instrument aus Ihrer Fabrik spielen, ich bin nach St. Cloud befohlen, sprang er überrascht von seinem Sitz auf und behauptete, es sei kein Moment zu verlieren, er müsse nachsehn, ob das Instrument in bester Ordnung sei, erzählte mir auch, dass die Herzogin von Orleans durch seinen Unterricht in Spiel und Composition herangebildet, gute Musik zu würdigen verstehe. Um 9 Uhr fuhren Chopin und ich, von P. und seiner liebenswürdigen Frau abgeholt, bei den stärksten Regengüssen hinaus und fühlten uns um so behaglicher, als wir das schimmernde, wohlerleuchtete Schloss betraten. Es ging durch viele Prunkgemächer in einen Salon quarre, wo die königliche Familie en petit comite versammelt war. An einem runden Tisch sass die Königin mit einem eleganten Arbeitskorb vor sich (etwa um mir eine Börse zu sticken?), neben ihr Madame Adelaide, die Herzogin von Orleans und Hofdamen. Die hohen Frauen waren affables, wie gegen alte Bekannte; die Königin, sowie Madame Adelaide behauptete, sich der Genüsse, die ich ihnen in den Tuilerien bereitet, noch dankbar zu erinnern; der König kam auf mich zu, um dasselbe zu wiederholen und meinte, es müssten wohl 15 bis 16 Jahre dazwischen liegen, was ich bestätigte. Dabei fiel mir der — 44 — arme Comte d'Artois ein, der auch zugegen war. Dann fragte die Königin, ob das Instrument, ein Pleyel, nach unsern Wünschen placirt sei, ob wir besondere Beleuchtung gebrauchten, ob die Sitze die richtige Höhe hätten, und viel Vorsorgliches, wie es sich sonst für die Bürgerkönigin passte. Chopin spielte zuerst eine Zusammenstellung von Notturno's und Etüden und wurde wie ein Liebling bewundert und gehätschelt. Nachdem auch ich alte und neue Etüden gespielt und mit demselben Beifall beehrt worden, setzten wir uns zusammen an's Instrument — er wieder unten, worauf er immer besteht. Die gespannte Aufmerksamkeit des kleinen Kreises bei meiner Es-dur-Sonate ward nur durch die Ausrufe „divin, de- licieux," unterbrochen. Nach dem Andante flüsterte die Königin einer Hofdame zu: „Ne serait-il pas indiscret de le leur redemander ?•' was natürlich einem Wiederholungsbefehl gleich kam und so spielten wir es noch einmal mit gesteigertem abandon. Im Finale überliessen wir uns einem musikalischen Delirium. Chopins Begeisterung durch das ganze Stück hin muss, glaub' ich, zündend für die Hörer gewesen sein, die sich nun in Zwillingslobsprüchen über uns ergossen. Chopin spielte wieder allein mit gleichem Reiz und gleicher Theilnahme wie früher, dann ich eine Improvisation über Mozart'sche Süssigkeiten, die in vollem Kraftauf- wande mit der Ouvertüre zur Zauberflöte schloss. Besser als alle Worte des Lobes, die gekrönten Häuptern unsereinem gegenüber so geläufig sind, war wohl das aufmerksame Zuhören des Königs während des ganzen Abends. Chopin und ich waren brüderlich erfreut über die gegenseitigen Triumphe, die das individuelle Talent eines Jeden von uns feierte, von einem ä qui mieux mieux, kein Anflug. Endlich durften wir häuslich an den gereichten Erfrischungen Theil nehmen und um ii 1 ^ Uhr ver- liessen wir das Schloss, diesmal nur unter einem Regen von Complimenten, denn es war nach dem Unwetter eine schöne Nacht geworden". Es versteht sich, dass Chopin und Moscheies von da an die Doppelsonate fast täglich — 45 — in musikalischen Kreisen wiederholen mussten, so dass man sie zuletzt nur „la sonate" nannte. Kurz darauf wird Moscheies unter der Hand die Frage gestellt, ob ihn der König durch die legion d'honneur oder ein anderes Zeichen seiner Huld für das Spielen in St. Cloud belohnen solle? Er zieht irgend Etwas dem oft vergebenen Orden vor, und bekommt eine kostbare Reise - Chatulle, worin „donne par le Roi Louis Philippe" gravirt ist. Nach dem interessanten Pariser Aufenthalt, der sich bis spät in den November hinein ausspinnt, giebt es für die Familie eine gemüthliche und freudebringende Zeit in London, weil man sich selbst und einigen Hausfreunden lebt. Sonnabends wird wieder Kammermusik gemacht. Er arbeitet an der „Methode des methodes", die er mit Fetis herausgeben will; die Lieder „Mit Gott" und „Liebeslau- schen" entstehen: „Es müssen leider auch ein paar Modeartikel geliefert werden", seufzt das Tagebuch. Als Antwort auf die Frage, ob fortgesetzte Ciavierstudien unter einem Lehrer heilsam seien, wenn ein gewisser Grad von Ausbildung erreicht ist, sagt Moscheles: „Wer viel Gutes gehört und studirt hat, der sollte keines Lehrers bedürfen, um seinen Fleiss anzustacheln. Er sollte eingedenk der grossen Vorbilder muthig fortarbeiten, um das Grösste zu erreichen, viel mit Begleitung spielen, immer mehr und mehr Meisterwerke kennen lernen und mit Ernst in ihre Schönheiten eindringen: so wird die schon erlangte Technik sich über den gewöhnlichen Dilettantismus erheben".. Die Leiter der Philharmonischen Concerte beschliessen in einer Versammlung, dem Unfug ein grosses Auditorium zu den Proben einzulassen, endlich zu steuern; „doch gab es eine heftige Debatte", sagt Moscheies im Tagebuch, „ehe wir es durchsetzten." Ueber den Salomon von Händel heisst es: „Das herrliche Werk konnte durch die zu tief stehende Orgel nicht verdorben werden, obwohl jeder neue Einsatz des Orchesters peinlich war. Clara Novello, Philipps und die andern Sänger waren vortrefflich". — Immer finden wir Mendelssohn als Schöpfer neuer Freuden. Die Frau hat einmal - 4 6 - zu schreiben: ,.Mendelssohn hat nicht nur einen Brief, neiri er hat mir darin auch ein neues, natürlich reizendes Lied geschickt, der Text altdeutsch: „Es ist in den Wald gesungen". So freundlich und gut wie er, ist doch keiner. Nun wird es viel, zwar nicht in den Wald, aber in's Zimmer gesungen, und jedesmal scheint es hübscher als zuvor. Wir haben letzte Woche auch zwei neugebaute Orgeln von Gray, die eine für Belfast, die andere für Exe- terhall gehört und Moscheies bewundert die Fertigkeit, sowie die schöne Improvisationsgabe des Organisten Adams gar sehr, der sie ihn hören liess." Der Jahresschluss war nicht arm an Scherzen, Chara- den u. s. w.; die befreundeten Musiker Avaren die Träger der Hauptrollen: Thalberg am Ciavier ist ernst und feierlich, Thalberg in diesem kleinen Kreise zu jeder Thorheit bereit. Benedict, der Vielbeschäftigte findet hier Zeit zu Verkleidungen. Andre Freunde gesellen sich zu ihnen und um die 12. Stunde haben sich das alte und neue Jahr in einem Scherzgewande die Hände gereicht, stille dankbare Rührung und heitere Laune sich in den Gemüthern der Gatten vermählt, um zutrauensvoll den neuen Zeitabschnitt mit einander anzutreten. 1840. Der erste Brief, der uns in diesem neuen Jahr vorliegt, ist an die mütterliche Freundin Frau v. Lewinger in Wien gerichtet und wir schalten ihn theilweise ein, als einen Beweis der Pietät, die Moscheies den Wohlthätern seiner Jugend durch sein ganzes Leben bewahrte. London, 8. Januar if Liebste Frau v. Lewinger! Erlauben Sie, dass Ihr alter Freund Moscheies ein wenig mit Ihnen plaudert, dass er Sie fragt, was Sie machen und ob Sie ihn noch lieb haben. Ich fürchte, dass — 47 — ■wenn Sie mich nach meinem seltenen Schreiben beurthei- len, ich in der Wagschale Ihrer guten Meinung sehr gesunken bin und hoffe nur die gewohnte Nachsicht bei Ihnen zu finden, die immer meine Partei nahm, wenn meine Schwächen zu streng beurtheilt und gerichtet wurden. Jetzt stehe ich vor Ihnen als Mann, dessen Jugendfehler Sie vielleicht längst vergessen haben; aber eben weil ich als solcher in häusliche Pflichten, in Vaterfreuden und Sorgen verwickelt bin, während ich meine Kunst noch immer liebe und pflege, bin ich ein schlechter Corre- spondent geworden, bleibe aber trotzdem eingedenk der Liebe und Freundschaft, die Sie mir stets geschenkt haben. Während Sie sich in Wien mit den modernsten Künstlern — Sängern und Clavierspielern — unterhalten, fehlt es uns auch hier nicht an Wundern aller Art. Thalberg benutzt seine Jugendkraft und sein Talent, um in Grossbritannien Lorbern und Guineen zu sammeln. Ich sehe ihn viel, wenn er nach London kommt, jetzt aber hat er schon sein Abschieds-Concert gegeben und ist nach Schottland gereist. Es ist mir interessant, die jüngeren Künstler ihre Carriere machen zu sehen, während ich nun anfange, den ruhigeren Zuschauer zu spielen und die Kunst zwar mit immer grösserer Liebe, doch mehr privatim zu treiben. So habe ich wöchentlich einen musikalischen Zirkel von Freunden und Künstlern in meinem Hause, wo nur gewählte Musik gemacht wird. Meine älteste Tochter, 12 Jahre alt, trägt auch ihr Scherflein dazu bei und entwickelt einen soliden Vortrag auf dem Pianoforte. Es freut mich, meinen Kindern eine vielseitige Bildung zu geben ohne die Ambition zu haben, dass sie als Wunder-Erscheinungen gelten. Ohnehin wünsche ich nicht, dass sie von der Kunst öffentlichen Gebrauch machen." Später heisst es: „Thalberg ist wieder in London, will nach Paris und dann nach Amerika. Die Concurrenz mit Liszt wird ihm wohl zu lästig und desshalb scheint er London künftig meiden zu wollen....." In einem andern Brief wird das Erfreuliche der neuen - 4 8 - Portotaxe besprochen: „Während wir früher i sh. 8 d. für ein Blättchen, gross oder klein, zahlen mussten, beschränkt man jetzt die Zahl der Einlagen nicht, und nur das Gewicht bestimmt die Brieftaxe. Die J / 2 Unze kostet i sh. 8 d.; i Unze 3 sh. 4 d. Eine grosse Erleichterung." Die häuslichen Musikabende dieses Winters, die den früheren gleichen, wären kaum der Erwähnung werth, berichtete nicht die Frau mit besonderer Freude, dass eine Sonate mit Hörn oder Cello, ihrer Mutter von Ries im Jahr 1815 dedicirt, von Moscheies gespielt ward. Auch eines neuen interessanten Zuhörers wird erwähnt; es ist Sir Gardner Wilkinson, der egyptische Reisende, dessen dreibändiges Werk über das Land und seine Dynastien als belehrend gelesen wird. Im britischen Museum bewundert man seine mitgebrachten Antiquitäten. In diese Zeit fällt Moscheies' Ernennung zum Pianisten S. K. H. des Prinzen Albert; doch ward er, dem es Freude gemacht hätte, diesem musikliebenden Fürsten künstlerisch näher zu treten, nie von ihm zu irgend einer Leistung berufen. Der Prinz spielte und componirte, das wusste man, aber Moscheies ward weder sein Lehrer noch Rathgeber dabei. Wie wir erwähnten, wollte er kaum mehr öffentlich auftreten, konnte jedoch nicht umhin, einer wiederholten Einladung der Philharmonischen Directoren Folge zu leisten, „und feierte einen Triumph in Anwesenheit unsres lieben Vaters", schreibt die Frau. Moscheies fügt hinzu: „Der Antheil, den auch Ihr an dem gestrigen Abend nehmt, und die Liebe, mit der Ihr mir alles Gute gönnt, macht mich überglücklich, nur kann ich mich solchen Feiertagsgedanken nicht ununterbrochen widmen, weil das Heer meiner Schülerinnen ruft." Später heisst es in einem Brief der Frau: „Wieder eine neue Mode, seitdem Liszt in London ist. Die clavier- spielenden Concertgeber lassen ihre eigenen Namen auf ihren diesjährigen Concertzetteln in massig grossen schwarzen Lettern drucken, während der of the celebrated pla- nist Liszt ellenlang und Samielroth daneben prangt. Benedict hat ihn in seinem Concert, Mrs. Anderson und — 49 — Döhler ebenfalls und die ihn nicht haben, setzen auch den grossen rothen Namen hin, darunter ganz winzig klein die Worte: „with whom an engagement is pending." „Li- tolff, Moscheies' früherer Schüler, hat in Paris Furore gemacht , und ist jetzt wahrscheinlich zu 'gleichem Zwecke hierhergekommen. Fräulein Löwe gastirt mit gleichem Erfolg, Jarret ist ein vortrefflicher, neu importirter Hornist, wir sind eben im April, die Saison beginnt, also Musik ohne Ende." Ein Brief des Vaters, wenige Tage später in London geschrieben, bewahrheitet am besten diese Aussage: „Unser hiesiges Thun und Treiben ist so, dass ich keine Einladung bei den Geschäftsfreunden annehmen, keine Parlamentssitzung mit anhören kann; ich schwelge in Musik. Einen Theil des Philharmonie Concert und eine deutsche Oper an einem Abend, die Puritani mit der Grisi, Lablache und Rubini am nächstfolgenden; darauf Ancient-Concert im Beisein der Königin, des Prinzen und sonstiger Granden und Tags darauf Macready und Helen Fawcett im Haymarket, dazwischen Molique und A. bei uns, zu classischen Trio's und Sonaten, die Kreutzer-So- nate obenan; von den Diners und Soireen sei nur das bei Grote (dem Geschichtschreiber) erwähnt, weil es nicht nur durch den Hausherrn, sondern auch durch die Anwesenheit der Schriftstellerinnen Jameson und Austin besonders interessant war. Unsere Tour nach Windsor begünstigte das herrlichste Wetter, so dass sich Kunst und Natur vereinigten, um unsere Genüsse zu vervielfältigen. Liszt kommt oft und freundschaftlich in's Haus und wir Alle staunen sein transcendentes Spiel an. Ihr kennt es schon an unserm Möscheles, dass er Jedem Gerechtigkeit widerfahren lässt, also auch Liszt, in dem gar Mancher einen zu fürchtenden Rivalen sehen würde; nicht er; sie sind und bleiben Kunstbrüder, wenn auch nach verschiedenen Richtungen hin. Für Litolff ist es fatal, dass er mit Liszt zusammentrifft und muss ihm Schaden thun; ein Kutter, der von einem Dreimaster in den Grund gebohrt wird! — Ihr müsst mit dem schattenhaften Umriss meiner Moscheies' Leben. II. , a — 50 — Erlebnisse vorlieb nehmen; mündlich hoffe ich, ihm durch Ausfüllung eine interessantere Färbung zu geben." In einem der nächsten Philharmonischen Concerte spielt Liszt drei Etüden von Moscheies „ganz vortrefflich, untadelhaft in der Technik", schreibt Moscheies, ,,aber seine Genialität hat die Stücke gänzlich umgewandelt; sie sind mehr seine, als meine Etüden geworden, doch gefallen sie mir, und von ihm möchte ich sie nicht anders hören. Auch seine Paganini-Etüden, die ich in seiner Sonn- tags-Matinee hörte, waren mir ungemein interessant; eine Alles schlagende Technik; er macht was er will und macht es vortrefflich und die hoch in die Luft geworfenen Hände kommen nur selten, nur erstaunenswürdig selten — auf eine falsche Taste herunter." „Und auch seine hochfiiegenden Ideen", fügt die Frau hinzu, „werden durch die ausgebildetste Dialektik stets interessant, wenn auch mitunter satyrisch gegeben. Die Satyre ist mir oft eine verstimmte Taste in unserer Konversation, d er Zuckerschaum des vortrefflichsten Französisch kann mir manche Grundsätze nicht annehmbar machen, sie munden meinem deutschen Gaumen nicht. Dennoch kommen wir gut zusammen aus, ich höre ihm gern zu, lasse mich aber nicht zu seinen Ansichten bekehren. Wir waren mit ihm in der Hope'schen Gemälde-Galerie und hatten Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Schwester-Kunst zu bewundern. Sein eigenes Concert musste Moscheies leider allein besuchen, da ich erkältet war, und nun, sagt er, sollt Ihr sein Entzücken über Liszt's Spiel aus zweiter Hand von mir entgegennehmen — ganz so wie ich es aus seinem Munde empfing — denn zum Schreiben kommt er nicht. Als Liszt mich kurz nachher besuchte, brachte er mir sein Portrait mit, seine schriftlichen hommages respectueux darunter; für Moscheies ein Kistchen Cigarren; was aber das beste war, er spielte mir den Erlkönig, das Ave Maria und ein reizendes ungarisches Stück. Jetzt will er einen Abstecher nach Baden-Baden machen, dann drei Monate mit Cramer die englischen Provinzen bereisen (ä 500 £ pr. Monat), und sich hinterher auf einer Reise nach Petersburg erholen." — 5i — Moscheies schreibt: „Nun haben wir auch von einer russischen Episode in unserm tollen Saison-Leben zu berichten; nur soviel darüber, dass Lwoff, mir von Mendelssohn empfohlen, ausgezeichnet als Violinspieler, und durch und durch musikalisch ist. Ich mache gern Musik mit ihm." „Die Zuhörer dabei", schreibt die Frau, „sind ausser den Hausfreunden die russische Hofdame Fürstin L., ihre schöne junge Nichte, eine D. und Catherine O., alle drei angenehm und liebenswürdig. Lwoff gefällt mir doppelt, weil er die Gräfin Rossi (Sonntag) verehrt; sie singt all- Avöchentlich mit vollem Orchester in seinem Hause, sagt er." Diese russischen Gäste werden auch in die deutsche Oper geführt, die in diesem Jahr vortreffliche Geschäfte macht. Man sieht Iphigenie und Titus, die Musik stellenweise bezaubernd. „Unsre Russen sind solche Enthusiasten, dass sie Moscheies gern immerfort am Ciavier erhalten möchten; sie können nicht genug hören." Ende Juli schreibt Moscheies: „Schon ist der grösste Theil meiner Schülerinnen in alle Gegenden zerstreut und ich fange an, mich zu räuspern; hierauf grüsse ich Sie und danke für alle Berichte. Gestern kam leider ein Brief von Mendelssohn an Charlotte, in welchem er sich. als angegriffen und geschwächt schildert, und vielleicht, auf Anrathen des Arztes das Birminghamer Musikfest aufgeben muss. Es soll sich erst entscheiden, wenn er von Schwerin zurückkommt und wir hoffen noch, eine Hiobspost bleibt aber sein Brief." — Da Mendelssohn keinesfalls vor dem September erwartet werden kann, so macht man einen Abstecher zu einer befreundeten Familie nahe bei Tunbridge, aber auch dort, in ländlicher Ruhe wird Arbeit vorgenommen. Der Verleger Murray hat Mosche- les aufgefordert, seine Beethoven - Erinnerungen zusammenzustellen und bei ihm herauszugeben; so benutzt Moscheies diese lectionenfreie Zeit, um die grosse Wiener Zeit und die Beziehungen mit dem grossen Genius zu Papier zu bringen. An seine Schwester schreibt er: „Rotherfield, 12. August 40. Heute spreche ich Dir von meinem Ich, denn mein zweites Ich und die kleinen Iche reden für sich selbst. Also ich geniesse den Anfang meiner Feiertage in vollstem Maasse; die reizende Gegend, die wir in aller Ungezwungenheit durchwandern, die Liebenswürdigkeit unsrer Wirthe, das Glück der Kinder, Alles ist herrlich im Gegensatz zu London und dem Arbeitsjoch und meine einzige Unterbrechung im Nichtsthun die Beethoven-Skizze....." Mendelssohn's Unwohlsein bleibt eine Sorge, doch wird sie endlich durch einen Brief von ihm gehoben. Er darf kommen, er kommt im September, das ist eine grosse Freude. Vor seiner Ankunft wird in den Hano- ver Square-Rooms bei verschlossenen Thüren eine Probe seines „Lobgesangs" gehalten. Moscheies schreibt darüber: „Die Composition hatte grossen Reiz für mich, aber ich will sie, wie genau ich sie auch kenne, noch einmal mit Orchester hören, ehe ich Ihnen ausführlich darüber schreibe. Obschon Knyvett als Conductor und F. Cramer als Vorgeiger engagirt sind, ersuchten sie mich doch einstimmig, mich in die Mitte des Orchesters neben den Organisten zu setzen und von da aus consultirten sie mich über alle Tempo's; ich gab also eigentlich, wie ein General in seinem Zelte die Operationsbefehle, hütete mich jedoch vor dem Ansehen, als wollte ich in das Amt des bestellten Conductors greifen. Dennoch sagt die redselige Morning - Post, die Probe sei unter meiner und Kny- vett's Leitung gehalten worden." Ein anderer Brief von Moscheies aus London, 17. September an die Schwägerin sagt: „Ich möchte Dir gern viel Interessantes und Hübsches sagen, und da ist gleich das Interessanteste Prinz Louis Napoleon; ich bedauere ihn um so mehr, als ich ihn persönlich nur als den höflichen, feinen, jungen Mann kenne. Dass er dergleichen politische Unternehmungen vor hatte, sah man ihm freilich nicht an; nun sind sie gescheitert. Es stehen noch dunkle Wolken am politischen Horizont, aber mir kommen sie jetzt nicht so drohend vor. Ich habe mehr als gewöhnlich den Zankapfel der Staaten unter, sucht; gegen Mohammed Ali finde ich sie, unter uns ge- ~ 53 — sagt, ungerecht. Ich glaube nicht, dass die Verbündeten es wegen des blossen Ausschliessens Frankreichs vom Tractat zu einem Kriege zwischen diesem und England kommen lassen. Der Continent wird im schlimmsten Falle nicht so von Albion abgeschlossen werden, dass der Pianist S. K. H. des Prinzen Albert, den Louis Philippe kürzlich beschenkt, nicht ruhig zwischen beiden Ländern Irin und her reisen könnte; daher denken wir noch immer an unsre Boulogner Tour. Heute erwarteten wir Mendelssohn, und mit nicht geringer Ungeduld; Sonnabend soll er schon in Birmingham Probe halten." Am 20. September geht Moscheies mit dem glücklich angekommenen Freunde nach Birmingham; die Frau soll ihnen Tags darauf folgen. Moscheies schreibt ihr um 4 Uhr Nachmittags: „Wenn Du diese Zeilen liesest, fasse neuen Muth, die Reise nach Birmingham anzutreten, denn meine so angenehm vollbrachte Fahrt ist mir ein sicherer Vorbote, dass auch Du sie glücklich zurücklegen wirst. Wir sind ungeheuer schnell gefahren und schon in 4% Stunden angekommen. Meine Unterhaltung mit Mendelssohn war unausgesetzt lebhaft und interessant, Du oft ihr Gegenstand, auch die Gedanken viel bei Dir. Ich installirte mich gleich in dem netten Stork-Hotel und ass mit Mendelssohn und Ayrton bei Moore (vom Fest - Comite), dort wohnt Mendelssohn. Das Vorhergehende schrieb ich in seinem Schlafzimmer , von dort wurden wir zusammen zum Essen gerufen , und jetzt statt meine Siesta zu halten, fahre ich fort, um Dir zu sagen, dass heute Abend Chorprobe sein soll. Vorher gehe ich mit Mendelssohn in die Musikhalle, wo er Orgel spielen will. Ich werde Dich an der hiesigen Station empfangen....." Mendelssohn schreibt: „Darf ich meinen Gruss hier einschwärzen und Ihnen in Moscheies' Brief sagen, wie lieb, freundlich und gütig er auf der Herreise mit mir war, wie mir die Stunden verflogen sind, als wären es Minuten, und wie ich nur immer denke, wie macht man's, um für solche wirkliche — 54 — Wohlthaten seinen Dank wenigstens auszusprechen? Es geht aber ein für allemal nicht, auch nicht schriftlich, aber herzlich desto mehr. — Auf frohes Wiedersehen schon morgen! Und an die Kinder alle meinen besten Gruss. Stets Ihr Felix Mendelssohn-Bartholdy." Gleichzeitig schreibt die Frau ihren Verwandten: „Unser lieber Mendelssohn, anders kann ich ihn nicht nennen, am 18., um 4 Uhr Nachmittags in London angekommen, war um 7 Uhr bei uns, brachte seine alte Freundschaft und Herzlichkeit mit, war genial, heiter, gesund, genug ein Muster von einem Menschen. Bei Tische und den ganzen Abend wurden alle Reminiscenzen früherer glücklicher Stunden hervorgesucht, dann zog er Mosche- les zum Ciavier und liess sich alle seine Lieblings-Etüden vorspielen, und da jede sein Liebling ist und er sich bei jeder neu enthusiasmirte, so gehorchte er erst um Mitternacht meinem dritten Aufruf, doch nun endlich zu Bette zu gehen und zu ruhen. Sonnabend zwischen 4 und 5 Uhr war er wieder da, und da Moscheies zu einem Schüler gerufen ward, blieben er und ich eine Stunde allein; dann spielte er zu seiner grossen Zufriedenheit mit E. seine Ouvertüre zur „Fingais Höhle" und liess sich ihre Composition vorspielen. Chorley und Klingemann kamen zu Tische und Abends genoss Felix der Kleine eine solche Balgerei mit seinem grossen Herrn Gevatter, dass das ganze Haus davon erzitterte. Wer hätte es geglaubt, dass derselbe Mensch, der so mit einem Jungen herumtollte, auch so phantasiren könne? Die beiden M. fantasiren nämlich zusammen über gegenseitige Themen und wenn ich sage, es war herrlich, schön, merkwürdig, so habe ich es doch nicht beschrieben; sieben Jahre lang hatte ich sie nicht zusammen spielen gehört, mein Eindruck war: es ist so schön, dass es der Mühe werth ist, sieben Jahre darauf zu warten. Sonntag um 9 Uhr war Mendelssohn wieder bei uns und die ganze liebe Familie begleitete ihn und Papa an die Eisenbahn. Ich blieb den ganzen Sonntag — 55 — bei den Kindern und reiste Montag nach Birmingham in's Stork- Hotel. Dienstag früh wanderten wir nach der Music Hall und Mendelssohn sass bis zu seinem Orgelspiel bei uns. Er spielte nämlich eine Fuge von Bach ganz meisterlich, ausserdem ward „Israel in Egypten" und die unvermeidliche miscellaneous selection (vermischte Auswahl) gegeben, denn Alles musste mitwirken, u. A. aber auch Madame Dorus Gras mit ihrer unübertrefflichen Co- loratur und der einzige Lablache.. Dieser und die Orgel standen einander als Giganten gegenüber, viele der andern als Pygmäen. Phillips stand als vortrefflicher Bassist, Braham als Wunder da, denn nachdem er uns Qft durch sein Detoniren und die Unzulänglichkeit seiner Stimme missfallen hatte, singt er auf Einmal ganz rein, prachtvoll, mit Portamento, genug zum Erstaunen schön. Wie das herrliche Werk „Israel in Egypten" in der Music Hall mit diesen Massen und dieser Orgel klang, das muss Eure Phantasie Euch besser ausmalen, als ich es beschreiben kann. Weder Mendelssohn noch wir gingen in's Abend- Concert, sondern sassen die Stunden plaudernd beisammen. Er musste viel von seiner Frau erzählen, die wir ja leider noch nicht kennen, und zeigte ihr Bild, das wunderhübsch ist; wie er sie beschreibt, muss sie ein Engel sein." — Am 23. September schreibt Moscheies aus Birmingham: „Ich habe durch Mendelssolm's Erscheinen einen neuen Lebensgenuss erhalten und er nimmt neben den theuer- sten Familienbanden mein ganzes Ich in Anspruch. Er erscheint mir abwechselnd als Bruder, Sohn, Liebhaber,, am meisten aber als lodernder Musik - Enthusiast, der es kaum zu ahnen scheint, wie hoch er schon gestiegen ist. Während ihn sein Genie so weit über die Alltagswelt erhebt, weiss er doch so gut mit ihr zu leben. Während Birmingham sich brüstete, den Hochbegabten zu besitzen und sein neuestes Werk in seinen Hallen aufzuführen, fand er noch Zeit und Lust, unsern Kindern eine Zeichnung von Birmingham zu machen (mit Stahlfeder und Dinte). Die Ansicht der Stadt mit ihren Schornsteinen, - 56 -;-i Fabriken, ihrer Townhall und dem Dampfwagen,-worin er und ich sitzen — Alles ist architektonisch merkwürdig und mit erklärenden Witzen ausgestattet; ein Andenken glücklicher Stunden, das die Grossen gewiss sorgfältig aufbewahren werden. Als ich ihn an demselben Plauderabend, dessen Charlotte erwähnt, im traulichsten Gespräch nach Hause begleitete, wollte er, an seiner "Wohnung angelangt, mich durchaus die zwei engl. Meilen wieder zurückführen, doch erlaubte ich es ihm nur theilweise. Die Nacht war nicht warm und seine eben überstandene Krankheit, sowie sein bevorstehendes Dirigiren und Spielen erheischten Ruhe, ermahnte ich. — Gestern früh bot die Townhall wieder einen imposanten Anblick durch Fülle, Eleganz und die Massen der Chor- und Orchester-Mitglieder; Händel, Fasch, Palestrina, Mozart wurden durch- und hintereinander aufgetischt, Lablache wie immer grossartig". Der 2. Theil war Mendelssohn gewidmet; er wurde laut und herzlich empfangen, hatte jedoch in seiner Art sich zu bedanken, etwas jungenhaft eiliges, als wolle er die Sache bescheidenerweise möglichst schnell abmachen. Seine Direction des Orchesters erwirkte eine seltene Einheit und Präcision. Das Werk „Lobgesang" ist eigentlich eine Symphonie , verbunden mit einer geistlichen Cantate, erstere meisterlich gearbeitet, ob streng, feurig, gemüthlich oder erhebend. Die darauf folgende Hymne mit Chor ist ganz im strengen Styl. Braham sang hierauf sein Recitativ mit grossem Pathos, seine Stimme kraftvoll verjüngt. Ein herrliches Duett für zwei Soprane folgt und dann erst brechen grosse Massen jubelnd hervor. Die Gewalt der Fuge tritt triumphirend auf, die Orgel dröhnt königlich, die Pauken, doppelt besetzt, markiren den Rhythmus wie die Pulsschläge den aufgeregten Blutlauf. Ein Choral von solcher Würde folgt, dass sich unwillkürlich die grosse Versammlung ■— wie sonst nur beim Hallelujah, von ihren Sitzen erhob. Die Fuge des Schlusschors ist pompös; ihr Hauptgedanke auf die Worte „Lobet den .Herrn" derselbe, der sich durch das ganze Werk hindurchzieht. Der lauteste Beifall belohnte den herrlichen Künstler. — 57 — Um 3 Uhr Nachmittags, als der Saal geleert war, spielte er noch vor einigen Auserwählten 3 / 4 Stunden lang die Orgel, nicht als hätte er heute schon Musik gehört oder dirigirt, sondern als finge sein Tag eben an. — Denselben Abend hörten wir im Theater erst einen Act der gazza ladra von der Caradori und Lablache, dann Men- delssohn's G-moll-Concert, von ihm mit sprudelnder Lebendigkeit und zarten Intentionen gespielt, endlich in seiner Gesellschaft, da er sich zu uns gesetzt hatte, Lablache mit seiner unwiderstehlichen Komik in der prova d'un Opera seria. Was doch der musikalische Magen in England an einem Tage verdauen kann und muss! Heute früh verlassen wir Birmingham, dort aber hat mir Charlotte einen Plan ausgeheckt, über den Ihr staunen werdet. Sie beredete mich, Mendelssohn nach Deutschland zu begleiten, um als guter Sohn meine seit längerer Zeit leidende Mutter zu besuchen. Sie hat grosse Sehnsucht nach uns und den Kindern, doch liesse sich die weite Reise mit der ganzen Caravane nicht leicht machen, sie wird für mich allein schon kostspielig sein und ich denke bei meiner Rückkehr durch verdoppelte Thätigkeit mein flottes Leben wieder einzubringen. Die Kinder könnten wir nur Euch, sonst Niemandem überlassen, und so bringen wir Eheleute der guten Mutter dies Trennungsopfer. Mendelssohn will in London bleiben, bis ich die Meinigen in irgend einer Landwohnung installirt habe und zur Abreise bereit bin. Ich schreibe Euch vom Conti- nent aus." Dem Aufenthalt in Birmingham folgen noch glückliche Stunden mit Mendelssohn in London, und zuletzt vereinigen sich die gegenseitigen Freunde zu einem Musikabend im Moscheles'schen Hause. Mendelssohn spielt die Partitur des „Lobgesangs" am Ciavier durch und nach andern Stücken wird wieder vierhändig phantasirt, mit einem wunderbaren „Gemisch von Themen und doch so, als sei Alles harmonisch im Einklang gedacht." Es wird beschlossen, dass, als Dritter im Bunde, Chor- ley mit den beiden Freunden nach Deutschland reist. - 58 - Beim Abschied zeichnet Mendelssohn noch mit der Feder ein ganzes Blatt voll Anspielungen auf die Erlebnisse der letzten Wochen in's Album der Frau, Chorley schreibt eine Erklärung in Knittelversen darunter, Moscheies einige tiefbewegte Abschiedsworte, und um Mitternacht entführt eine Dover-Mailcoach die drei Reisenden. Leider hat aber der Wagen vier Plätze und ein Ungebetener stört das Freundes-Trio. „Er schläft gut" , sagt Einer , „überlegen wir, was wir mit ihm thun, wenn er aufwacht!" „Ihn umbringen, ist das einzige Mittel", sagt ein Anderer. — Der Schläfer regt sich in diesem Augenblicke; natürlich erschraken die Sprecher ob ihres schlechten Witzes und Moscheies fällt mit der ihm eigenen Geistesgegenwart (auf englisch) mit den Worten ein: „Und dann sagte sie, nie würde sie diesen Mann heirathen." Ein Satz, der sich von da als Sprichwort unter ihnen erhielt. Mendelssohn bricht in ein homerisches Lachen aus, das die beiden Andern ansteckt. Was mag der noch halb "Verschlafene von seinen Cumpanen gedacht haben? — Als die drei Freunde nach einer fatalen, achtstündigen Seefahrt in Ostende in Moscheies' erwärmtem Schlafzimmer sitzen, ist es dessen erstes Geschäft, seiner Frau zu schreiben; Chorley fügt freundliche Worte hinzu, Mendelssohn macht wieder eine Federzeichnung — ein schwankendes Dampfboot auf hochbewegter See und darunter die Worte: Heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen. Schiller. Es giebt Augenblicke im Menschenleben. Goethe. Here the ship gave a lurch and he grew seasick. Byron. Wir sitzen aber alle drei sehr comfortabel um das Feuer in Moscheies' Zimmer und gedenken Ihrer. Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Weiterreise wird in Mendelssohn's Wagen mit Postpferden gemacht und Moscheies' nächster Brief an die Frau ist aus — 59 — „Lüttich, Sonntag Abend 4. October 1840. Hotel du Pavillon anglais. Heute früh 7 Uhr, ehe wir Ostende verliessen, übergab ich dem Wirthe meinen ersten Brief für Dich; die Post war noch geschlossen, als ich ihn selbst hintragen wollte. Unsre Reise ging vortrefflich bei Sonnenschein von Statten; ich hatte viele, vertrauliche Gespräche mit Mendelssohn; wir haben uns gegenseitig manche Details über unsere Freier - Zustände mitgetheilt, wo und wie es zu unsern Heiraths - Anträgen kam und endlich, wie wir Keiner unsere Frau vertauschen möchten. Er rechnet sicher darauf, dass ich acht Tage bei ihnen in Leipzig bleibe, vielleicht ein eigenes Concert gebe oder nur im Abonnements-Concert spiele — ich fasse keinen Entschluss, bis ich angekommen bin." „Sonntag- Abends 8 Uhr. Wir Avollten heute Nacht in Aachen schlafen und müssen statt dessen hier ausharren. An Mendelssohn's Wagen ist die Achse gebrochen und er untröstlich, besonders unsertwegen, obgleich wir ihm Muth zusprachen. Er erwartete hier Briefe von seiner Frau und da ich leider keinen für mich von der meinigen zu holen hatte, erbot ich mich für ihn an die Post zu laufen, bildete mir auch ein — bis ich dorthin kam — es sei für mich selbst. Ich brachte ihm richtig einen Brief, der ihn wieder in seine natürlich gute Laune versetzte; der Schmidt hatte den Wagen fortgenommen, mit dem Versprechen, ihn baldmöglichst wiederzubringen; man servirte uns ein vortreffliches Diner, Chorley schlug vor, einer Champagnernasche den Hals zu brechen, die Gesundheiten der Frau Doctorin und Frau Professorin wurden getrunken und nach Tische ging ich mit Mendelssohn in's Caffeehaus. Dort lasen wir die Abdication des Königs von Holland zu Gunsten des Prinzen von Oranien, Napiers Einnahme von Beyrut, wobei es, wie ich fürchte, schlecht mit dem 71jährigen Mehemet Ali steht; auch Louis Napoleon's Vertheidi- gung von Berryer las ich und jetzt fallen mir die Augen zu. . . ." — 6o — ■ „Aachen, Montag 5. October 1840. Hotel zum grossen Monarchen, Abends 11 Uhr. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesprochen, sage ich mir selbst, so muss es doch vor dem Schlafengehen sein! So geschieht es ja nur zu oft in London. Heute Morgen in Lüttich habe ich Dir in meinem zweiten Brief Adieu gesagt und nun schreibe ich Dir meinen dritten. . . . Mendelssohn's "Wagen wurde erst um 12 Uhr fertig, so konnten wir vorher noch einige Kirchen besehen. Die Reise ging ganz vergnügt von Statten und obgleich uns einige Regenschauer begleiteten, genossen wir doch die üppig schöne Gegend und sassen traulich und bequem beisammen. Um 7 Uhr an der preussischen Grenze ging's uns unerwartet gut. „Die Herren haben wohl nichts Steuerbares bei sich?" Und auf unser nein: „Fahr' zu Postillon." Wir müssen also gentlemanlike ausgesehen haben. Um 8 Uhr kamen wir in diesem vortrefflichen Gasthof an, ich lief gleich zu Mayer's, wo mich die Frau in ihrem neuen schönen Hause mit offnen Armen empfing, sie hat sich gut erhalten und spricht so herzlich und vergnügt wie immer. Im Gasthof beim Souper mit Mendelssohn und Chorley kamen Wiedersehens-Scenen und Her- zensergiessungen verschiedener Art. Erst Ole Bull, der gestern mit dem Sänger Eicke hier Concert gegeben hat, beide gesellten sich zu uns; dann Mayer, der mich beinahe in ,seinen Armen erdrückte. Mendelssohn erfreute sich an seiner Herzlichkeit und fand in ihm einen guten Bekannten seiner Familie; auch er soupirte mit uns. Dann kommt eine lange hagere Gestalt im Don Quixote-Genre, die mich umarmt — es war Schindler. Er grüsst Mendelssohn, der ihn auch freundlich: ich sah, was er dabei unterdrückte. Nun setzt auch der sich zu uns. An Chorley stellte ich Schindler absichtlich nicht vor, gab ihm nur einen geheimen Wink, dass er den grossen Biographen vor sich habe; diesem sagte ich, der Engländer sei unser gemeinschaftlicher Freund. Nun entstand ein Wirbel von Fragen, Erinnerungen an alte Zeiten, leidenschaftliche Ergiessungen über die jetzigen Musikzustände — 61 — und das ganze Musikantentreiben. Ole Bull dröhnte dem armen Mendelssohn die Ohren voll über G. Schilling - , der ihn in den Jahrbüchern der Musikzeitung heftig angegriffen hat — kurz eine Rede verdrängte die andere, als sie kaum in's Leben getreten war — wie die Wellen der aufgeregten See sich jagen und verschlingen — und dabei sass Chorley, sein Schnupftuch beissend — und ich sah schon das Athenäum diese Scene in drastischen Bildern illustrirend. Mendelssohn, Schindler und ich gingen auf Mayer's Bitten noch mit zu ihm, wo mit dem geistreichen Schriftsteller Louis Lax dann noch das musikalische Gespräch fortgesetzt ward. Unser Plan, die heutige Nacht zu durchreisen, wurde besprochen und aufgegeben; wir gehen erst morgen früh nach Cöln. Gott mit Dir und den Kindern und ich mit Dir in Gedanken. . . ." „Dienstag Abend 6. October 1840. An Bord des Dampfers zwischen Cöln und Coblenz. Um 728 Uhr heute früh, als ich meinen Brief für Dich auf die Post getragen, fuhren wir ab, und nicht wie gewöhnlich über Jülich, sondern über Düren. Die Gegend nicht romantisch, viele der schönen Punkte entstellt durch die Eisenbahn, die üppigsten Wiesen durchschnitten, die Felsen zernagt und durchbohrt. Chorley war etwas unwohl und desshalb stiller, die Unterhaltung zwischen Mendelssohn und mir immer lebendig und abwechselnd. In Cöln (um 3 Uhr) wählten wir das Hotel Rheinberg, weil Ole Bull und Eicke, wie wir wussten, im kaiserlichen Hof absteigen würden; wir wollten gern uns selbst überlassen bleiben. . . ." „Frankfurt, Mittwoch Nachts 11 Uhr. Wir haben heute die schönste, lieblichste Rheinfahrt bis Mainz gemacht, wo wir um 3 Uhr Nachmittags ankamen. Ich wollte noch Manches auf dem Dampfboot an diesem Brief schreiben, aber meine Schrift wäre zittrig und undeutlich geworden, welches ich, wie Du weisst, nicht ausstehen kann. Jetzt zittert meine Hand vielleicht — 62 — auch, dann ist es aber der viele Champagner, den mir Freund Löwenstern aufdrang; er gab mir und Chorley ein toll-splendides Diner. . . . Jetzt schlägt es 12 Uhr, also gute Nacht Dir und den Kindern." Zwischen Frankfurt und Leipzig schreibt Moscheies nur eilige Zeilen. Der nächste längere Brief an seine Frau ist aus „Leipzig, Sonnabend 10. October 1840. Nachmittags 4 Uhr. Seit gestern Nacht um 11 Uhr hier, konnte ich keinen Moment finden, Dir zu schreiben, und jetzt brennt mir der Kopf, wenn ich denke, wie voll mein Herz ist und wie wenig Zeit vor Abgang der Post (dabei lässt Felix im Nebenzimmer seinen Jungen am Ciavier singen). An die Mutter will ich auch noch schreiben, ebenso Deinem Vater antworten, aber Alles eilig. In Mendelssohn's nettem Hause bin ich sehr herzlich empfangen worden; seine Frau ist voll von Liebreiz, Anspruchslosigkeit und kindlichem Sinn, aber für mich keine vollkommene Schönheit, weil sie Blondine ist. In Mund und Nase gleicht sie der Sonntag. Ihre Art zu sprechen hat eine angenehme Schlichtheit, ihr Deutsch ist Frankfurtisch, also nicht rein. Sie sagte bei Tische naiv: „Ich spreche für meinen Felix zu langsam und er so schnell, dass ich ihn nicht immer' verstehe. Heute war Chorley Gast bei Tische; sie ist aber so einfach im Wesen, dass sie öfters aufstand, um Schüsseln zu reichen. Ich habe ihr gesagt, wie ich hoffte, dass sich zwischen Dir und ihr einst ein freundliches Verhält- niss anknüpfen würde, und sie freut sich darauf; einstweilen bist Du oft der Gegenstand unseres Gesprächs. Heute Morgen bei der Probe bin ich von Limburger, Kistner, David, Härtel, Schumann und Frau mit offenen Armen empfangen. Alle wollen wissen, ob ich bleiben und spielen will, Mendelssohn sagt: „nur bleiben, hier bleiben , ein eigenes Concert geben und im Abonnements- Concert spielen;" doch bin ich noch ganz unentschieden.... Wenn Du nur gesund und vergnügt bist! ich nehme mir vor, frisch und lebendig zu sein, wie Mendelssohn, der mit _ 6 3 _ seinen Kindern herumspringt. Ich kann Euch nur in Gedanken küssen, liebe Kinder, aber wenn ich zurückkomme, will ich Dir, liebe Clara, eine schöne Geschichte erzählen. Mendelssohn's grüssen herzlich. Abends wollen wir viel abwechselnd und zusammen spielen, und nun Adieu für heute! . . ." „Leipzig, Montag, 12. October 1840, 11 Uhr Nachts, (gestärkt durch Deinen Brief vom 6. d. M.) .... Nun ein wenig von mir. Gestern Nachmittag war ich mit Mendelssohn allein, viel am Ciavier; er spielte mir einige Nummern vor, die für seinen Paulus bestimmt waren, die er aber weder aufführen, noch drucken Hess. Sie sind vortrefflich, nur etwas dramatischer gehalten und desshalb vielleicht passender als einzelne Stücke im Con- certsaal, wie in Verbindung mit dem Oratorium gehört zu werden. Auch einige „Lieder ohne Worte" im Manuscr. spielte er mir, die reizend sind. Um */s 2 Uhr gingen wir zum Diner zu David's, wo auch die Schwester der Cecile, Mme. Schunck, mit ihrem Mann war, eine geistreich lebendige Frau. Auch Mme. David war mir eine neue, sehr freundliche Bekanntschaft; sie hat sehr feine angenehme Manieren. D. spielte uns nach Tische sein neues Violin- 'Concert in D-dur, welches gewiss überall Aufsehen erregen wird; Mendelssohn accompagnirte; dann musste ich phantasiren und machte, hoff' ich, manches Gute. Um J / a 6 Uhr eilten wir in den Gewandhaussaal, der schon überfüllt war. Mendelssohn hatte mich mit aufs Orchester genommen, die Directoren nöthigten mich hierauf in ihre Loge. Der rauschende Beifall, mit dem Mendelssohn empfangen wurde, war durch die Ausführung der Ouvertüre zu Euryanthe und Beethovens B-dur-Symphonie mehr als gerechtfertigt. Sein Einfluss auf's Orchester gab diesem Feuer, Schmelz und Nuancirung, so dass ich in Genuss schwelgte. Eine hübsche neue Sängerin, Dlle. List, gefiel; — uns Musikern aber nicht ganz, weil sie als Schülerin von Bordogni, nur Donizetti und Bellini sang. Der Posaunist Müller ist der grösste Virtuose, den ich auf sei- - 64 - nem Instrument gehört habe. Um 8 Uhr!! war das Con- cert aus, doch leerte sich der Saal langsam, weil es regnete und in Leipzig kein Fiaker zu haben ist! So plauderten Mendelssohn's und ich noch eine Weile mit Schuncks und endlich gingen wir im Regen nach Hause. Die warme Stube und der Thee waren gemüthlich, ebenso unsere Unterhaltung am Ciavier, wo mir Mendelssohn einige seiner letztgedruckten Lieder vorsang, die ich mitbringen werde. Dann sagte er: „Cecile, Du musst es auch wagen, Moscheies ein Liedchen vorzusingen und Dir von ihm accompagniren zu lassen." Sie machte dieselben Entschuldigungen, wie gewisse Leute, doch sang sie das altdeutsche Lied :t: :grry=Er und ein paar andere mit kleiner Stimme, jedoch rein in- tonirt, auch ein hübsches Lied von Hensel....." „Montag___Unter den Besuchen, die ich heute machte, war mir der bei Schumann's der interessanteste, Aveil mir die Frau eine Bach'sche Fuge vorspielte; auch der bei Hofrath Rochlitz wurde lang, weil er viel Liebenswürdi-' i ges und Interessantes sprach. — Ich hatte eine grosse Abrechnung mit Kistner; dann kamen er und Baurath Limburger als Deputirte der Con- cert-Direction; aber ich konnte ihren Antrag Donnerstag über 8 Tage im Abonnements-Concert zu spielen, wegen Zeitmangels nicht annehmen. Ein eigenes Concert gebe ich auch nicht und seitdem diese Beschlüsse feststehen, bereitet Mendelssohn eine ähnliche Fete im Gewandhaus vor, wie er sie Liszt gab." „Dienstag Nachts 12 Uhr. Mendelssohn's gaben eine Soiree, wo David vortrefflich Quartett spielte, ich mein E-dur-Concert und Etüden. Endlich verlangte Felix meine Spässe am Ciavier und am Ende phantasirten wir zusammen; ein würdiges 'Seitenstück zu unserer letzten Londoner Production. Endlich G-u-t-e-Nacht, ich werde schlafen - 65 - trotz der Wassermühle (Lurgensteins Garten), die die ganze Nacht arbeitet." Am ii. October giebt Chorley einen langen Bericht über alle Gastmähler und Soireen der Leipziger Freunde, und Mendelssohn fügt hinzu: „Liebe Mme. Moscheies, noch tausend, tausend Dank für den Plan, den Sie doch eigentlich ausgeheckt haben und dem wir jetzt so schöne, prächtige Tage zu verdanken haben. Wären Sie nur selbst dabei! Denn das ist ein Radicalfehler, den er hat und der uns Allen gar zu sehr einleuchtet; ich wollte, ich wäre darauf bestanden, die Damenkleider selbst mitzunehmen, denn wir sind hier sehr froh und heiter zusammen; aber ich meine doch, ich sähe es dem Moscheies oft an, wie er sich ganz anders wohin sehnt. Wie herrlich hat er gestern wieder gespielt und alle Menschen entzückt. Wären Sie dagewesen, das ist das alte Lied mit dem da Capo. Cecile will Ihnen selbst schreiben. Tausend Grüsse den Kindern und Ihnen von Ihrem Felix Mendelssohn-Bartholdy." Moscheles schreibt dazu.....„Wir haben hier seit zwei Tagen das herrlichste Sommerwetter, heissen Sonnenschein , wogegen die gelben Herbstblätter sehr abstechen. Wein und Weinlese sollen aber schlecht werden, wie ich höre. Auf meinem Zimmer ist eben Mendelssohn's Carl — meine tägliche Gesellschaft — während ich mich anziehe. Er ist ein herrlicher, lebendiger, gescheuter Junge, der mir meine abwesende jüngste Jugend, „Felix und Clara" ersetzen hilft. Sein musikalisches Ohr ist das feinste, welches ich bei einem Kinde je bemerkt habe. Das preus- sische Posthorn-Signal singt er, wie folgt, als Duett mit seinem Vater: Text: da da da da da. ^P-fr-ff—*— \—0-0-0-0 — 0 — * \maLJ~ -ß-ß-ß ß.-ß- j^=r -0-0-0-0- Karl, Fe-lix ±— 1 tf----- F-F-F-F — F ------ v- ■fAM- Karl, Fe-lix, Karl. Moscheies' Leben. II. -ta — 66 — „Leipzig, 18. October 1840. (Tag merkwürdiger Erinnerung.) Die Woche meiner Leipziger Feiertage ist zu Ende; ehe ich meine Berichte darüber fortsetze, muss ich über das Ausbleiben Deines Briefes klagen .... aber ich sage mit C. M. v. Weber „wie Gott will" und hoffe, da ich verwöhnt bin, dass „Er thut wie ich will". Chorley war unwohl, musste im Hotel bleiben und Mendelssohn hatte die herrliche Idee (aus gutem Herzen entsprungen), ein Härtel'sches Ciavier hinzuschicken, worauf wir ihm Schu- bert's Symphonie und meine grosse Sonate vorspielten. Nun ist Chorley besser und nach Berlin gereist. Mendelssohn und ich hatten wieder herrliche Stunden am Ciavier. .ölcl !?*),' Gestern waren wir zusammen bei Schumann's, die ihre Soiree im eigenen Hausstand gaben. Sie spielte mein Trio und das von Mendelssohn meisterlich schön und kräftig; David accompagnirte, zum Schluss musste ich noch Etüden spielen. Fräulein List sang einige Lieder / niedlich. Am Freitag ein Riesen - Diner bei Kistners..... Abends mit Schleinitz bei Mendelssohn's, meistens am Ciavier und unter alten und neuen Manuscripten herumgewühlt. ' Schleinitz singt noch recht schön. Sonnabend früh gab ich dem Maler Schramm eine Sitzung, während Mendelssohn die gedruckten Einladungen für Montag adressirte. Natürlich habe ich Album - Blätter zu schreiben und für Mendelssohn's Frau ein Lied, das ich zu einem von Chorley für sie gedichteten Text com- ponirte. Die Directoren sind wiederholt zu mir gekommen, um mich zum Spielen am 22. zu bereden, Mendelssohn that dasselbe, ich blieb standhaft; „möglich", sagte ich, „dass ich zum Concert am 29. wieder hier bin, wenn ich über Leipzig komme." Ich versprach, von Prag aus darüber zu schreiben. Auch Dir möchte ich gern meine Reiseroute vorlegen: doch muss ich erst meinen Hauptzweck in Prag erreicht haben. Ich will Dich auch nicht _ 6 7 - . mit Fragen bestürmen, denn ich weiss, Du schreibst mir Alles, was ich zu wissen wünsche, und was Dir Angenehmes begegnet; schone mich aber nicht, wenn Du mir was Unangenehmes zu schreiben hast; ich will es standhaft ertragen..... Gestern Abend wurde in Gesellschaft bei David, Men- delssohn's Octett vortrefflich gegeben und machte mir viele Freude. Ich spielte oder vielmehr probirte mein Septett, es ging "aber nicht gut, auch hatte ich ein schlechtes Instrument." Diese Zeilen begleitete folgendes Einladungsbillet: Mrs. Moscheies werden zu einer musikalischen Privat - Gesellschaf t, Montag, den 19. d. M., präcis 6 Uhr im Saale des Gewandhauses er- gebensl eingeladen von Felix Mendelssoh?i-Bartholdy um dort seinen 42. Psalm mit Orchester und grossem Chor zu hören, sowie die Hebriden - Ouvertüre und die zur Jungfrau von Orleans. Der Altvater der Clavierspieler (wie ihn Fink in der Musikzeitung nennt), Moscheies, wird sein G-moll- Concert und das Bach'sche Tripel - Concert mit Madame JSchumann und Dr. F. Mendelssohn spielen, auch sollen einige characteristische Etüden gehört werden. Um gefällige Vorzeigung dieses Blattes am Eingang des Saales wird gebeten. Wenn dies Blatt nicht vorgezeigt wird, soll der Prof. Moscheies nach London geschickt werden, um sich den Beifall zu holen, der hier nur unvollständig sein kann. U. A. w. g. mit umgehender Post. Vor seinem Abschied aus Leipzig schreibt Mosch eles -nur wenige Zeilen. Dann langt folgender Brief an: „Prag, 21. October 1840. Morgens 10 Uhr. (eine Stunde nach der Ankunft.) Sonnenschein!! Der Himmel voller Geigen! ich habe die Mutter umarmt, ich habe Brüder, Schwestern, Schwager, Schwägerin, Cousinen umarmt. Das Alles wäre nicht 5* — 68 — vollständig gewesen, wäre mir nicht Dein Brief vom 10. zugleich übergeben worden. Meine gute Mutter habe ich beim Empfang und der Umarmung viel stärker und ge- fasster gefunden, als ich erwartet hatte — es kommt mir vor, als werde sie nur älter, um seelenstärker und liebenswürdiger zu werden. Sie ist wohl bis auf ein wenig Husten, den sie in dieser Jahreszeit gewöhnlich hat. So wie ihre Blicke auf mir ruhen und mir ihr Lächeln, ihre Lebendigkeit Balsam sind, so gewährt mir Alles doppelten Genuss, wenn ich ihr von Dir erzählen muss, wenn sie mir ihre Liebe und Verehrung für Dich zu erkennen giebt. Sie läuft durch vier aneinander stossende Zimmer, um Alles für meinen Comfort zu bereiten..... Nun noch nachträglich über Leipzig und die Reise hieher. Bei der Fete im Gewandhaus, die mir Mendelssohn gab, waren 300 von ihm geladene Zuhörer, die zu den beiden Seiten der drei Härtel'schen Claviere sassen, der Saal herrlich beleuchtet , das Orchester voll, der Chor 140 stark. Es war schön zu sehen, wie Mendelssohn und seine anmuthige- Frau vor Anfang der Musik den Gästen die Honneurs machten, wie sie bei den in der Pause gereichten Erfrischungen für Alle sorgten. Hier das Programm: Erster Theil. Die zwei Leonoren-Ouvertüren, mit Eifer und Begeisterung vorgetragen. Mendelssohn's 42. Psalm. Ein herrliches "Werk, die Soli von Mme. Frege vortrefflich gesungen. Hommage ä Händel, von Felix und mir, "brüderlich begeistert. Zweiter Theil. Hebriden-Ouvertüre. Mein G-moll-Concert. Mit Felix' Direction des Orchesters ging Alles vortrefflich , es misslang Nichts, ich spielte begeistert, Chor- ley behauptet, besser als jemals zuvor. Der Beifall rauschend. S. Bach's Triple - Concert von Mme. Schumann, Felix und mir — wie, kannst Du denken. Zum Schluss noch Etüden von mir. Ich werde dringend gebeten, über Leipzig zurückzu- - 6 9 - kommen und im Abonnements - Concert zu spielen; doch überlege ich noch und habe nichts versprochen. Die gute Mme. Mendelssohn wollte, dass wir schon um £ / 2 i Uhr ässen, da ich um 2 Uhr abfuhr; aber vor lauter Visiten und Reise - Vorbereitungen musste ich immer vom Tisch aufstehen und zuletzt die Mehlspeise im Stich lassen; da bekam ich meine Portion mit in die Eisenbahn, an die mich Felix und Chorley begleiteten. Wirklich, ihre Gastfreundschaft hatte keine Grenzen. In Dresden besuchte ich die Schröder - Dcvrient und sie empfing mich mit einem Kusse. Erschrick aber nicht, sei nicht eifersüchtig, es war ein junger Garde - Officier dabei und sie stellte mich vor, als ihren alten Freund Moscheies. Sie fragte mit aller Herzlichkeit nach Dir und den Kindern, wollte, ich solle Concert geben und sie werde darin singen, lobte mich viel auf Kosten Anderer, wollte eine Oper ansetzen an dem Abend, wo ich von Prag wieder durchkäme — genug, sie war ganz sie selbst. Ich verliess sie in Gesellschaft des genannten Offiziers, machte noch einige Visiten, und fuhr hinaus in Regen und Sturm. Nun kurz Adieu, die Blicke der Mutter schmachten nach mir....." „Prag, 24. October 1840, Abends. .... Heute hatte ich auch den Herzensgenuss, meine gute Mutter, die mehrere Wochen nicht aus war, am Arm spazieren zu führen. Deinen Brief hatte sie mir bei Tische unter die Serviette gelegt. . . . Der gemachten und empfangenen Visiten ist kein Ende; aber ausser der Familie nahm ich nur bei Lemel's eine Einladung zum Speisen an und fand wie immer die herzlichste Aufnahme. Sogar die Mutter gab eine Soiree — nur Verwandte. Natürlich musste ich spielen, zuletzt mit verkehrter Hand, mit der Faust, dann Strauss'sche Walzer, weil die Jugend tanzen wollte — und unter der Jugend tanzte auch — die Mutter! Eine mir unvergessliche Freude; ich möchte lachen und weinen darüber. Ich glaube, ich habe sie durch meinen Besuch verjüngt; Du fühlst mir nach, was das sagen — 7o — will. Nun über die andern hiesigen Familien-Verhältnisse; es ist ein langes Kapitel. . . ." Ein Brief aus Prag vom 28. October 1840 enthält nur Persönliches und die Versicherung, dass er allen Concert- gebenden Gelüsten widerstehe, um zurück zu eilen; aber am 31. schreibt er ihr: „11 Uhr Nachts, eine Stunde nach meinem Concert für Wohlthätigkeits-Anstalten, in welchem ich fünfmal gerufen ward. Wie sonderbar, wunderbar, lenkt Gott unsere Pläne, oft ganz anders, als wir sie uns erdenken! Nachdem ich Dir am 21. über mein Nichtspielen geschrieben, den Aufforderungen der Verwandten und Kunstverwandten, ja sogar des Stadthauptmanns Hofrath von Muth widerstanden hatte, entschloss ich mich doch, nicht aus meiner Vaterstadt zu scheiden, ohne für „eine Wohlthätigkeit" gespielt zu haben und der Entschluss des 28. ward, Avie- Du siehst, am 31. ausgeführt, der Ertrag für zwei Spitäler. Wie mein Herz hoch schlug, als ich die Mutter in eine Loge brachte, kann ich nicht beschreiben. Viele Augen des brechend vollen Hauses waren auf sie gerichtet..... Dass Du für mein Wohl wachtest, war mir der begeisternde Gedanke; denn wie sich Alles hier vereinigt, um mich eine glückselige Zeit erleben zu lassen, so musste auch Dein Brief gerade heute ankommen. Die Beschreibung des Concerts mündlich: ich hatte einen neuen Graf'schen Flügel von Fr. v. Lemel geliehen bekommen, der mir sehr zusagt. Ich habe heute, 1. Nov.,. der Gratulationsbesuche für meine gestrigen Erfolge zu viele, um ruhig schreiben zu können. Dionys Weber mit seiner Freude und seinem Lobe steht obenan (natürlich von seinem Standpunkt aus zum Nachtheil aller andern Claviergrössen). Er hat mir eine Orchester - Aufführung der Schüler des Conservatoriums gegeben und mich in die Bibliothek geführt, in der auf seine Veranlassung eine Marmorbüste von Mozart aufgestellt, dessen Werke gesammelt werden. Du siehst, er ist seit meiner Kindheit seiner Ueberzeugung treu geblieben----- "• — 7i — Am 21. Nov. verliess er Prag, am 4. schreibt er aus Hof, 11 Uhr Vormittags. „Ueberall auf der Reise, wo ich gezwungen bin, Halt zu machen, ist es mein Vorsatz, mich mit Dir zu unterhalten. Der wichtige Moment des Scheidens aus Prag ward vorgestern überstanden; er war so gut, so künstlich vorbereitet, dass er scheinbar leicht vorüberging. Ich wusste mehrere Stunden vor der Abfahrt die Mutter so zu zerstreuen, dass sie keinem Trennungsgedanken Raum geben konnte. Ich. Hess sie mir packen helfen, machte dann allerlei Possen und Spässe, sie musste lachen und ich unterdrückte die Thränen! Endlich hiess es: ich muss fort, eine minutenlange Umarmung öffnete die Schleusen der Thränen: Auf Wiedersehen! waren meine letzten Worte und schon war ich die Treppe hinunter. Mir war leichter als den Zurückbleibenden: ich dachte an Dich und unser Wiedersehen." „Karlsbad durchwanderte ich eine Stunde bei köstlichem Wetter, in Eger sah ich mir Wallenstein's Behausung an, während ich auf den Eilwagen wartete." Würzburg, 5. Nov. „Hier muss ich bis 3 Uhr Nachmittags bleiben und will mir indess Stadt und Kirchen ansehen. Das Wetter ist noch köstlich. Meine Reisegesellschaft war gleichgültig; selbst Walter Scott hätte aus einem Bierbrauer, einem Handlungsdiener und einem Zollinspector nicht mehr herausbringen können als ich, um so ungestörter reichten meine Gedanken zu Dir. Ich lese eifrig die Zeitungen; trotz der kriegerischen Wolken, die am Horizont stehen, hoffe ich ungestört nach England gelassen zu werden." Frankfurt, Freitag Morgens 4 Uhr. Pariser Hof. „Meine Reisegesellschaft hierher wieder sehr gleichgültig, Wagen vortrefflich, Schlaf ditto. Nun wieder vier Stunden in dem öden Saal des Posthofes auf den Mainzer Eilwagen warten. Deiner Nase gefiele der kalte Tabaksrauch auch nicht; ich habe aber keine, wie Du weisst, und rauche selbst. — Gestern gab man die Puritani — auch kein — 7 2 — Verlust — morgen geben Lidel und Regondi Concert. Ich weiss nicht, ob ein neuer deutscher politischer Witz in Bezug auf Thiers schon nach England gekommen ist. In Magdeburg war Illumination zu Ehren des Königs von Preussen, da stellte Einer ein Transparent aus: die eine Seite stellt einen Adler in kühnem Fluge vor, die andere einen krähenden Hahn und darunter geschrieben: „Ehret den Adler und achtet nicht auf des kleinen Thiers Geschwätz." „Im Wagen las ich Deine Briefe wieder durch" .... Moscheies schreibt noch einmal von dem Dampfboot aus, das ihn von Mainz nach Cöln führte. Dann eilt er über Belgien nach Calais und erreicht am n. November London glücklich und beglückend; die fatale zehnstündige Seereise mit zerbrochener Dampfmaschine ist bald verschmerzt; schon am ersten Tage harren seiner drei ungeduldige Schülerinnen, den -zweiten schon sieben u. s. f. An den Brief, den die Frau im Gefühl ihrer Freude'über den glücklich Heimgekehrten an die Ihrigen schreibt, fügt Moscheies die Worte: „Ich geniesse das Glück meiner Heimkehr doppelt, wenn ich mir Eure liebende Theilnahme daran denke. Charlotte berichtet Alles für mich. Es freut mich, dass Euch die seltene Kunst-Erscheinung — Liszt — nun auch zu Theil geworden; er ist ein verbindender Ring in der Kette der Kunst-Entwickelung und findet gewiss bei Euch die Würdigung seiner ausserordentlichen Eigenschaften; ich habe immer gut mit ihm gestanden..... Die Kinder finde ich geistig und körperlich sehr entwickelt, jedes Einzelne macht mir in seiner Art die grösste Freude." Wir übergehen mancherlei briefliche Schilderungen, die sich fast ausschliesslich auf das heitere Familienleben beziehen, wenn auch hin und wieder ernste Angelegenheiten den Gegenstand eingehender Correspondenzen bilden. Aus einem Briefe Moscheies' citiren wir indessen folgende Stelle, die über seine damalige Thätigkeit Auskunft giebt: »,Gar viele Eisen sind im Feuer. Es soll ein Fleft deutscher Lieder bei Kistner herauskommen, die Methode des — 73 — methodes mit Fetis muss in vierzehn Tagen erscheinen und mitten in ihre Correcturen hinein drängen sich die der Beethoven-Biographie, auf deren Herausgabe der Verleger dringt; dabei werdet Ihr wohl keinen vernünftigen Brief erwarten." Dazwischen schreibt Mendelssohn noch Reise-Remini- scenzen: Liebe Madame Moscheies! Jetzt denke ich mir Moscheies wieder bei Ihnen, com- fortable an der fireside (deutsch ist das ja gar nicht zu sagen) und nun muss ich schreiben und grüssen und sagen, wie oft und viel ich mir die jüngst vergangene Zeit zurückrufe, und mit welcher herzlichen Dankbarkeit. Nachdem wir uns am Londoner Postoffice trennten, kamen noch vergnügte Tage, die haben Ihnen M.'s und Chorley's Briefe längst beschrieben, nun aber die ruhige stille Zeit, seit Moscheies auf der Eisenbahn, Chorley auf der Schnellpost fort sind, die hat nichts Beschreibbares an sich; hat es doch das Glück selbst auch nicht, und wahrlich, ich sollte keinen Wunsch aussprechen und haben, wenn ich, wie es jetzt geschieht, so mit Frau und Kindern gesund und heiter, und fleissig beschäftigt bin. Doch that es uns Allen sehr leid, den Brief von Moscheies zu erhalten, worin er uns sein definitives Ausbleiben meldet. Er war in den wenigen Tagen eigentlich ganz wie ein Mitglied der Familie geworden, und so empfanden wir Alle sein Scheiden. Meine Frau scheint er auch lieb gewonnen zu haben, wenigstens ist das meistens wechselseitig und von ihr wusste ich's gleich den ersten Tag. Wann wird nur meine alte Prophezeiung endlich eintreffen, dass auch Sie meine Cecile lieb haben, mit ihr gleich vertraut und heimisch sein werden? Nächstes Frühjahr fürchte ich nun doch noch nicht, und ob Deutschland auf Moscheies einen so günstigen Eindruck gemacht hat, dass er sich bald einen neuen verschaffen will, ist noch die Frage; doch hoffe ich, er hat durchgefühlt, was uns Allen sehr am Herzen lag, was Jeder wohl gern gezeigt und ausgesprochen hätte (wäre — 74 — nur das Zeigen und Aussprechen nicht gerade hier zu Lande die schwache Seite) und was er nirgends stärker als bei uns finden kann: die innigste Verehrung und Liebe zu seiner Person und seiner Kunst, die aufrichtigste Dankbarkeit für die grossen herrlichen Genüsse, die er uns bereitet hat. Das ist noch unser tägliches Gespräch , und sogar der kleine Carl lässt keinen Tag hingehen ohne zu fragen: Papa, wie spielt der Onkel Moscheies? Und dann suche ich's mit den Fäusten in Es-dur % - Tact nachzuahmen, so gut ich kann; es kommt aber erbärmlich heraus. Nun kommt ein Lied*)..... „Nun will ich aber meiner Frau die Feder überlassen und blos noch meine besten, schönsten Grüsse für Emily, Serena und für Felix und Clara hersetzen; rufen Sie mich dem Gedächtniss der lieben Kinder ja zuweilen zurück. An Moscheies ist der Brief mit. Wie ich mich seiner Erfolge in Prag gefreut habe, brauche ich nicht erst zu sagen; möge er auch an uns zuweilen mit Freundlichkeit zurückdenken und uns auf die Nachricht seiner glücklichen Ankunft bei ihnen nicht zu lang warten lassen. Leben Sie wohl, liebe Mme. Moscheies. Stets Ihr ergebener Felix Mendelssohn-Bartholdy. 1841. Die musikalische Welt war in diesem Winter vielfach durch die Vorgänge in der Philharmonischen Gesellschaft beunruhigt. Die althergebrachte Sitte hatte manchen in die Verwaltung eingeschlichenen Missbrauch geheiligt,, weshalb sich die Subscription vielleicht weniger ergiebig als in früheren Jahren erwies. Die Directoren hatten sich gegenseitig wieder erwählt, und Moscheies, der stets auf Neuerungen antrug, übergangen. Doch schon während *) Es ist des Hirten "Winterlied: „O Winter, schlimmer Winter" ; alle drei Verse auf selbstgezogenem Notensystem zierlich in den Brief hinein geschrieben. — 75 — der ersten Hälfte der Concerte müssen sie dies bereut haben, denn er bekam öffentlich und privatim viele Anträge, eine Nachwahl, die ihn zum Mitdirector machte, verspätet anzunehmen, weigerte sich jedoch standhaft. Nach jedem der Concerte, denen er regelmässig beiwohnte, finden wir Seufzer über „das Herunterspielen unserer deutschen Klassiker"; das Orchester nannte er ein „seelenloses", die Clavierconcerte nicht im „richtigen Geist begleitet", und als Mendelssohn's Lobgesang aufgeführt wird, meint er, „so eine Aufführung könne er den Philharmonischen nie verzeihen." Die öffentlichen Blätter und mit ihnen das- Publikum schreien nach Novitäten; warum nicht Etwas von Berlioz? Auf dem Continent spiele man ihn, weshalb nicht in England? So gab man die Ouvertüre zu den „francs juges", die jedoch auf's Ungünstigste aufgenommen wurde. „War das Chaos, das ich hörte", sagt das Tagebuch, „in der Composition oder in der schlechten Aufführung zu suchen? Das kann ich nach einmaligem Hören nicht bestimmen." Ein andermal heisst es: „Miss' Birch und Phillips sangen brav wie immer, die Ouvertüre zum Beherrscher der Geister stürmte daher und wurde brillant aufgenommen. Die Melusine hingegen Hess kalt, blieb unverstanden, zündete vielleicht nicht, weil ihr der brillante Schluss fehlte. Genug, die Unverständigen und Neider wollen schon von Failure sprechen, während wir ihnen zürnen, ja grollen." Im vierten Concert erschien Vieuxtemps zum ersten Mal als Spieler und Componist und erntete gerechten Beifall für seine Virtuosität; es traten auch viele Andere mit Erfolg auf, dazwischen aber erhoben sich Stimmen, welche die neunte Symphonie wiederverlangten und als nun Moscheies angetragen ward, diese zu dirigiren, da war sein Widerstandsgeist gegen die Directoren überwunden , denn er konnte, er wollte es nicht abschlagen, dies Riesenwerk auf's Neue zu Gehör zu bringen. „Kann ich sie dem Publikum zugänglich machen, so muss ich es auch", sagt das Tagebuch. Und die Frau schreibt: „Ihr . - 76 - könnt denken, wie uns der Antrag nach allen vorhergegangenen abschlägigen Antworten befremdete; aber bald trat alle Persönlichkeit in den Hintergrund und auch alle Bescheidenheit, muss ich Euch gegenüber hinzufügen; denn das haben wir ja gesehen, dass es hier Niemandem als Moscheies gelungen ist, die neunte Symphonie zur Geltung zu bringen." .... Wie erfolgreich aber Mosche- les' Bemühungen für die gute Aufführung des Meisterwerks waren, beweist ein Bericht in der Times vom 4. Mai 1841, der uns vorliegt und aus dem wir folgendes ausziehen. „Künstler und Liebhaber gestehen es jetzt gern zu, dass Beethoven's neunte Symphonie eben so sehr durch Grösse und Erhabenheit wie durch Einfachheit ausgezeichnet ist. Diese Anerkennung verdanken wir zum grossen Theil Moscheies, der sie mit aller Sorgfalt diri- girte. Er übertrifft fast alle unsere Musiker in diesem Talent, da er, wenn er den Tactstock schwingt, das Orchester führt, während Andere sich von ihm leiten lassen. Nichts könnte diese .Concerte so sehr heben, als Mosche- les' permanente Anstellung als Dirigent; er, der stets dem Orchester die gehörige Achtung einflösst, würde es auch stets zu neuen Erfolgen führen." Im achten Concert war die ganze Aufmerksamkeit auf Liszt gerichtet. Wohl entlockte die gleichgültig gespielte Symphonie von Beethoven Moscheies einige Seufzer, doch das Publikum schien nur auf den Vielbesprochenen zu harren und als er endlich hervortrat, um das Sep- tett von Hummel zu spielen, war man auf Ungeheuerliches vorbereitet, horte aber nur, wie das Tagebuch sagt, „das bekannte Stück, mit der vollendetsten Technik, mitunter etwas himmelanstürmend, im Grunde aber ohne Extravaganz und mit vortrefflichem Vortrag; denn darin liegt ja das Gepräge von Liszts Geist und Genie, dass er vollkommen weiss, wo, vor wem und was er zu Gehör bringt und seine Alles leistenden Fähigkeiten als Mittel zu den verschiedensten Effecten benutzt." Während Liszt mit dem Plan umging, eine Professur am Conservatorium in Brüssel anzunehmen, verbrachte — 77 — er die Saison in London, spielte viel und errang sich grossen Beifall, ohne dass es ihm gelungen wäre, die englische Nation ebenso stürmisch mit sich fortzureissen, wie ihm dies der französischen und deutschen gegenüber geglückt war. Die Rundreise durch die Provinzen, welche der Musikhändler Lavenu mit Liszt unternahm, und auf welcher der grosse Pianist allein täglich die Concerte füllen sollte, gelang nicht. So kam Lavenu mit leerer Casse nach London zurück und Liszt war so grossmüthig, ihm sein ganzes Honorar zu erlassen, „und erzählte mir dies scherzend", sagt Moscheies, „indem er ihn einen pauvre diable nannte." Liszt spielte in dieser Saison viele seiner ultra brillantesten, unerhört schwierigen Stücke. Ein paar Mal Hessen er und Moscheies sich zusammen in den Preciosa-Variationen hören, wobei das Tagebuch bemerkt: „Es war mir, als sässen wir zusammen auf dem Pegasus." Und als Moscheies ihm seine soeben beendeten F-dur- und D - moll - Etüden zeigte, die er für Mechetti's Beethoven- Album geschrieben hatte, spielte Liszt sie, trotz ihrer colos- salen Schwierigkeiten vortrefflich vom Blatt. Er kam viel, oft unaufgefordert in's Moscheles'sche Haus und es waren interessante Stunden, die man seiner Kunst und seiner geistreichen, oft sprudelnden Unterhaltung verdankte. Erzählte er: „j'ai joue un duo avec Cramer, j'etais le Champignon empoisonne et j'avais ä cöte de moi mon antidote le lait", so lachte man: doch gab es auch ernste Gespräche und in Folge eines derselben über weibliche Erziehung überreichte er der Frau das Werk der Mme. Necker de Saussure mit dem Bedeuten: das sei ein herrliches Buch, es werde alle ihre Zweifel lösen. — Die Frau schreibt demnächst: „Liszt hat Moscheies den schönsten Stock mit Goldknopf von herrlich getriebener Arbeit geschenkt. Jetzt ist er auf kurze Zeit nach Brüssel und desto besser für ihn, denn wem kann es bei dieser Kälte gut gehen? Zugwind und Schnupfen giebts umsonst, schliessende Thüren um keinen Preis....." Ein andermal heisst es: „Wie interessant, wie vielbegabt ist die Familie Kemble; - 7 8 - •der Vater, der berühmte Charles Kemble, so viele Jahre hindurch England's Stolz im tragischen Fach; die älteste Tochter, Mrs. Butler, als Fanny Kemble nicht minder berühmt und die jüngste, Adelaide, mit einer herrlichen Stimme begabt, die sie mit gleichem Erfolg zum Vortrag italienischer Coloratur oder zur Wiedergabe deutscher, inniger Lieder oder altklassischer Musik verwendet. In allen Sprachen ist sie bewandert, so dass man bei den respectiven Texten die Italienerin, Französin oder Deutsche zu hören glaubt, und ihr musikalisches Gedächtniss ist ausgezeichnet. Sie pflegt ein kleines Blättchen mit einigen Liedertexten in eine Soiree mitzubringen, die Musik weiss sie auswendig. Kemble und Mrs. Butler lesen in dem liäuslichen Kreise Scenen aus Shakespeare'schen Stücken vor. Kein Wunder, dass solche Genüsse die gewähltesten, gebildetsten Zuhörer anziehen, und dass es uns erfreut, auch Moscheies' Leistungen dort anerkannt zu sehen. Neulich machte sich Kemble den Spass, als er aus „As you like it" vorgelesen hatte, mit den Worten zu schliessen: „Come let us sing, cousin", worauf Mme. Viardot und Miss Kemble den musikalischen Theil der Soiree eröffneten, und die anderen Musiker sich anschlössen." Ein Concert, das Miss Kemble in der Saison gab, Avar brillant und ihr „Erlkönig" mit Liszt's Begleitung wahrhaft ergreifend. Noch im folgenden Winter sollte sie sich durch ihr Auftreten in der Norma, sowie durch spätere Darstellungen den Ruf der grössten Dramatikerin in Spiel und Gesang erwerben. Eine würdige Kemble! Ihre Heirath mit Mr. Sartoris unterbrach allzufrüh ihre Bühnenlaufbahn, aber ihre Kunst pflegte sie fort und fort. Das Moscheles'sche Ehepaar genoss das unschätzbare Vorrecht, sie im eigenen Hause und in dem ganzen Freundeskreise, in dem sie mit Vorliebe sang, zu hören. Das Haus des jungen Paars Sartoris ward bald dem Kemble'schen gleich, der Sammelplatz der höchsten Gesellschaft, mit der sich die Aristokratie des Wissens und der Kunst gern verbrüderte. Im Mai schreibt die Frau: „Bis jetzt habe ich Euch — 79 — -viel von Liszt erzählt, aber im Grunde genommen gehören noch viele in mein Saisonbild hinein. David und Vieux- temps z. B., die beiden Künstler auf der Geige und neben ihnen eine nicht unbedeutende Phalanx von Instrumenta- listen, welche die Staffage meines Bildes machen. Ein Wunderknabe, Michelangelo Russo erstaunt Moscheies durch sein Ciavierspiel und mehr noch durch seine Auffassung; er macht Furore, wenn er in Concerten auftritt. Leider ist er ganz ohne Schulbildung; wer weiss, ob nicht eben deshalb ohne Zukunft"*). Unter den Sängerinnen nahm Mme. Viardot mit ihrer unendlichen Kunstfertigkeit einen ersten Platz ein. „Sie ist Musiker durch und durch", sagt Moscheies, „kennt und versteht die Klassiker, überwindet jede Schwierigkeit moderner Coloratur; man kann mit Recht das französische „eile cree son röle" auf sie anwenden. Ist es doch oft, als empfinge sie des Componisten Arbeit als Roh-Material und verarbeitete es erst; — als verstände man den Charakter , den sie personificiren will, erst durch ihre Darstellung. Auch Linguistin und Componistin ist sie, und mit •einem Wort eine der grossen Erscheinungen unserer Zeit." Die Persiani macht zwar das Unglaubliche, aber Moscheies sagt mit Recht, „ihre hohe dünne Stimme ist wie der allzudünne Saitenbezug einer Violine; so erwärmte sie uns nicht in ihrer Beatrice di Tenda. Ebensowenig Dlle. L. in der Straniera, da sie oft zu hoch intonirte. Mme.' Dorus Gras ist im Grunde eine zweite Persiani an Organ und Kehlfertigkeit, Dlle. Meerti eine tüchtige und sympathische Concertsängerin, dabei anspruchslos und liebenswürdig. Unsere Deutschen, Frau Stöckl-Heinefetter, Staudigl und Haizinger in Jessonda und der Zauberflöte waren entzückend." Die Frau schreibt: „Als ich Staudigl, ehe ich ihn noch kannte, in einem Morgenconcerte auftreten sah, dachte ich: „Ein deutscher Schulmeister!" so wenig poetisch, künstlerisch war die Erscheinung; als ich ihn den „Wanderer" singen hörte, liefen mir die hellen Thränen *) Man hörte seitdem nicht wieder von ihm. — 80 — über die Backen, das war die rein deutsche gesunde Empfindung ohne süsslich italienische Sentimentalität. Jetzt höre ich ihn oft, denn zu unserer grossen Freude kommt er viel in's Haus und bereitet uns und unseren Freunden die angenehmsten Stunden. Aber Gutes oder Schlechtes, Mittelmässiges oder Ausgezeichnetes, immer bleibt die Musik das Element, in dem wir leben und immer bewahrheitet sich das Kinderlied: „And he shall have music wherever he goes." / Wir ziehen als Beleg dieser Aeusserung so manche Notiz aus dem Tagebuche und finden die gewöhnlichen musical dinners, bei denen Moscheies fungirte oder zuhörte, die erste Aufführung von Haydn's Jahreszeiten, von Ed. Taylor in's Englische übersetzt, „zu profan", wie Moscheies sagt, „und auch die Ausführung nicht edel genug." Dahingegen der Judas Maccabaeus und Jephtha in Exe- ter-Hall „ein Trost und eine Stärkung für den armen Musiker, der sogar einen Psalm mitanhören musste; einen Psalm, den Niemand loben konnte und doch nicht tadeln durfte." Wir finden auch eine grosse Anzahl von Soireen verzeichnet: beim Herzog von Cambridge, dem Marquis von Lansdowne und andern Fashionables, wo Musik gemacht , aber wenig verstanden wird. Desto ernster studirte der von Benedict und Moscheies neugegründete Singverein. Er hielt allwöchentlich Zusammenkünfte ab, um gute alte und neue Musik zu üben; die Damen des Vereins zeigten Eifer und Ausdauer darin, indem sie gern die alten klösterlichen Psalmen der italienischen Schule, und Mendelssohn's Motetten für das Kloster Trinitä del Monte übten; der männliche Theil des Vereins war schwach vertreten und belegte wieder die unbestreitbare Wahrheit, dass die Männer Englands der Musik eher abhold als ergeben sind. Mendelssohn fehlte all' überall, aber der Verkehr zwischen ihm und Moscheies blieb ein reger und Mosche- les schreibt in einem Briefe: „Es ist eine Erquickung für Geist und Herz, dass ich die Correctur des vierten Heftes „Lieder ohne Worte" zu machen habe. Ich spiele sie und die Variations serieuses wieder und immer wieder, jedesmal geniesse ich ihre Schönheiten auf's Neue." Als dankbare Erwiderung dieser Sendung schreibt Moscheies ihm seine beiden neuen Etüden F-dur und D-moll ab und sagt: „E r wird sie eben so gut vom Blatt lesen wie Liszt." Die Freunde verlangten gegenseitige, aufrichtige Be-. urtheilung solcher zugesandten Werke und erhielten sie ungeschminkt. Auch wurden Mendelssohn von Mann oder Frau die musikalischen Vorgänge Englands mitgetheilt, besonders die auf ihn bezüglichen. Unter Anderm hatte die Frau ihm von fatalen Vergleichen geschrieben, welche eine stets geschäftige Presse zwischen ihm . und Spohr angestellt hatte, und er erwidert am 14. März 1841: „Das Einzige, was mir in Ihrem einzig lieben Brief leid thut, ist, dass Sie an der sonderbaren Vergleichung und an den Hahnenkämpfen Antheil genommen haben, die, mir unbegreiflicher und sehr bedauerlicher Weise, in England zwischen Spohr und mir angefangen worden sind, während mir wirklich nicht die geringste Idee zu einer solchen Concurrenz und Vergleichung in den Sinn gekommen ist. Sie werden lachen oder zürnen, dass ich auf einen so scherzhaften Streit, so ernsthaft antworte, aber es liegt etwas Ernsthaftes da zum Grunde, und durch diese fortgesetzte Concurrenz, die, Gott weiss wer aufgebracht hat, geschieht nicht Einem von Beiden ein Gefallen, sondern jedem ein Schaden, wie ich glaube; abgesehen, dass ich bei einem Meister aus Spohr's Zeit, von Spohr's Bewährtheit, niemals als Gegenmann auftreten kann und mag; dazu hab' ich vor seinem Wesen und seiner Person von jeher und schon als Knabe viel zu viel Resp'ect gehabt, der sich mit reiferer Einsicht um nichts vermindert hat. — Verzeihen Sie mir wie gesagt, den langweiligen Ton auf einen so liebenswürdigen Brief, aber mir fällt alles das unwillkürlich ein, wenn ich an den widerwärtigen T. denke, und an das ganze Wesen, das er treibt....." Die so eben erschienene biographische Skizze „Das Leben Beethoven's" fand Beifall; die erste Auflage war Moscheies' Leben. II. ' (, ----- 82 — bald vergriffen und dem Vater wird geschrieben, „dass die Presse viel Lob spendet", „ja", sagt die Frau, „es wird Moscheies ernstlich gerathen, doch baldmöglichst noch etwas Musikalisches zu schreiben." Der Rath musste aber wegen Mangels an Zeit — vielleicht auch an Lust — unbeachtet bleiben. Unter den vielen Schülern der letzten Jahre erscheint unausgesetzt ein Original Mr. B.: „Die Riesengestalt wollte Riesenwerke schaffen und Ideen sollten unter der Lockenperücke hervorsprudeln. Er bringt mir einen neugebackenen Psalm, eine Motette, ein Lied in die Lection und ich corrigire, indem ich ein weisses Blatt nehme, seinen oft eigenen Text in Musik setze und ihn dann frage: „Is not that what you meant to express?" (Ist das nicht, was Sie sagen wollen?), worauf er stets mit: „Oh yes and just so" antwortet. Kürzlich kam er mit einer ganz neuen Marotte. Spohr, Mendelssohn und ich sollen ihm Jeder einen Psalm mit Orchester schreiben und er zahlt £ 20 per Stück." Mendelssohn wählte den dreizehnten, Moscheies den dreiundneunzigsten, und Mr. B. lässt sie mit äusserster Sorgfalt ausstatten. „Kein Papier ist ihm fein, kein Stecher gut genug'-', klagt die Frau in einem Brief; „und so plagt er meinen armen Mann beständig mit dieser Auflage, während dieser gerade mit der zweiten Auflage seiner „Anticipations of Scotland" beschäftigt, schon genug mit seinem Stecher zu con- feriren hat. Gestern entliefen wir aber unserem B. und vergassen ihn und seine Kleinlichkeiten bald, denn wir sahen die Rachel in den „Horaces". Wie edel, wie gross ist sie in Sprache, Erscheinung und Bewegung; sie flösst mir Ehrfurcht ein, und indem ich über sie schreibe, fühle ich die Geringfügigkeit meines Lobes diesem Genie gegenüber. Besonders merkwürdig blieb mir ihr Steigerungstalent, gewiss eines der wichtigsten Momente in jeder Kunstleistung und doch oft darin vermisst. Erst steht sie einer Bildsäule gleich, an einen Pfeiler gelehnt und man hat Zeit, ihr Profil — seine classische Ruhe und den Faltenwurf des Costüms zu bewundern; dann als sie die - 8 3 - Erzählung des Kampfes mit anhört, begleitet sie diese mit ihrem unübertrefflichen Mienenspiel in allen seinen Phasen; nun ist sie nicht mehr Bildsäule, sondern ein lebendes Wesen, dessen "Wünsche und Leidenschaften sich in seinen Zügen malen; aber noch fehlt die Sprache; als diese wohltönend von ihren Lippen fliesst, ist sie gemessen wie ein feierlich getragenes Lied. Im Lauf der Rede erwärmt sie sich, aus dem gemessenen Tempo wird ein bewegtes, zuletzt ein rasches, endlich ein tempo rubato. Aber immer bleibt die Stimme klangvoll, die Articula- tion deutlich; man verliert keine Sylbe und erst, wenn sie aufgehört fühlt man, dass man ihr athemlos gefolgt ist...." Ende Juli schreibt Moscheies aus Boulogne: „Gestern sind wir hier angekommen, und ich sage es mit Stolz und Wohlbehagen — ich bin ein freier Mann! Indem ich dies schreibe, lärmt es unten am Hafen. Ueberall wehen Tricolore, Flaggen, man will den Jahrestag von Louis Napoleon's fehlgeschlagener Landung feiern; aber dem ersten Napoleon alle Ehre, sein Geburtstag am 15. August soll mit grossen Feierlichkeiten begangen werden." .... Später schreibt die Frau: „Es wird hier trotz alles Seebadens und Spazierengehens doch sehr viel musicirt. Ich habe mich E. zu Liebe pensionirt, damit nur sie mit ihrem Vater spiele." Moscheies fügt hinzu: „Indem ich dies- schreibe, höre ich, wie E. mein „Kindermärchen und Versöhnung" spielt und kann mich nur darüber freuen, da sie meinen leisesten Wink über Vortrag schnell auf- fasst und sich beim Lesen nichts Falsches einstudiren wird." Als die sechsjährige Tochter am Ende dieses Jahres die E-dur-Scala gelernt hat und den Vater damit überrascht, improvisirt dieser Bässe in verschiedenen Rhythmen dazu, was sie keineswegs ausser Fassung bringt. „So freue ich mich an der Entwickelung der Kinder", schreibt Moscheies, „weil an mir selbst nicht mehr viel zu entwickeln ist. Eben drücken mich Vorwürfe über meine väterliche Selbstliebe, aber Ihr werdet mir diese Schwachheit verzeihen, da ich nicht weniger empfänglich für das Gedeihen - 84 - Eurer Kinder bin." Ein Brief an die Schwägerin sagt: „Du fragst, ob Deine Töchter Generalbass lernen sollen? Und ich sage ja. Freilich findet sich keine practische Anwendung für das Studium, wenn es nicht unermüdlich und Jahre lang verfolgt wird; doch hilft es, selbst dilettantisch betrieben, zum besseren Verständniss guter Com- positionen, indem es ihre Structur begreifen lehrt; ist es doch die Grammatik der Tonkunst, also eine unerläss- liche Hülfe zum tieferen Eindringen in ihr Wesen. Das Lesen eines bezifferten Basses ist nothwendig, wenn man alte Musik begleiten will und endlich auch eine Stufe zum Partiturlesen. Wähle Dir als Lehrer einen guten Theoretiker oder Organisten, vielleicht -Schwenke; denn was ich von ihm gesehen habe, lässt mich auf seine Gründlichkeit schliessen . . . ." Fast gleichzeitig schreibt er Folgendes an die Wiener Freundin, Frau von Lieben, eine geborene Lewinger: „Auf Ihre Anfrage wegen des Unterrichts Ihrer Kinder sage ich: Sie müssen beim Clavierspiel Ihrer Kleinen nur insofern auf die Kraftausbildung bedacht sein, als die von Natur schwächeren vierten und fünften Finger den anderen gleich werden sollen. Den Handleiter halte ich für überflüssig. Der Schüler muss anfänglich dazu angehalten werden, die Arme und Hände auf eine natürliche Weise zu halten — Ellenbogen und Handgelenk weder zu hochtragend, noch herabhängend zu gebrauchen. Ein aufmerksamer Lehrer und gute Vorbilder müssen das Beste hinzu thun. Gutes Tacthalten und Ausdruck müssen zugleich, doch um weniges später,, entwickelt werden. Variationen und Phantasien über Opern- thema's passen weniger zur Entwickelung eines eigentümlichen Styl's, weil darin das Ohr zu sehr an den bekannten Formen hängt. Original-Werke von guten Meistern sind nützlicher. — Aber wenn das Alles mit dem Handleiter geübt werden sollte (wie Kalkbrenner empfiehlt, der sich noch täglich dessen bedient), so muss das Gefühl schlafen, während die Hand sich bewunderungswürdig — steif bewegt. Was wäre aus uns älteren Clavierspielern und aus den Thalberg und Liszt geworden, wenn sie sich des Hand- - 8 5 - leiters bedient hätten! Die Kunst, stände sie höher? Und K.'s Speculation, spickte sie seinen Beutel bis zum Platzen? Basta..... Ihr Freund I. Moscheies. P. S. Alle, Gross und Klein, sind gar zu glücklich hier, und wäre die Jetee nicht mit einer schlechten Musikbande behaftet, um uns an die Unvollkommenheit menschlicher Zustände zu erinnern, wir würden allzu sentimental im Anschauen dieses grossen, ewig wechselnden Naturschauspiels. . . . Moscheies schrieb in diesen Boulogner "Wochen seine Tarantella (Emily dedicirt), die Serenade (beide Werke mit ihren Arrangements gegen ein Honorar von £ 80 bei Chappell verlegt); ferner die Romanesca, auch zwei sehr schwere Etüden, eine kleine Barcarole in Des-dur, „damit ich doch weiss, warum ich an der See lebe". Auch arrangirte er Beethovens Septett zu vier Händen. — Das Häuschen in Chester 'Place wieder erreicht, finden wir die Ausrufungen des innigsten Dankes gegen Gott für eine so glücklich vollbrachte, genussreiche Reise. Der Besuch bei einem jungen Ehepaar ruft bei Mosche- les die Bemerkung hervor: „Sie schwelgen in ihrem Glück; aber bei ihnen sind es noch Füttern; bei uns schon eine härtere im Feuer erprobte Substanz, denn wir sind ein glückliches altes Ehepaar, können auch noch jung thun, wenn's darauf ankommt, tanzen wie die Rehlein, hüpfen wie die Böcklein, um zwei schlafen gehen, um sieben wieder aufstehen und doch den ganzen Tag unsere Geschäfte frisch und kräftig betreiben. Ueber die fortschreitende Erziehung der Kinder wollen wir aber stets mit Ernst wachen und Alles aufbieten, um sie zu einem glücklichen Resultate zu bringen. Sie müssen auch vor Leuten spielen; man kann sie nicht früh genug über die Dilettanten-Blödigkeit hinwegbringen, die so sehr an Ziererei grenzt; man muss sie lehren, nicht an ihr eigenes kleines Ich, sondern an die Grösse des vorzutragenden Kunstwerks zu denken." — 86 — Gleich im Herbst wurden die Singvereins - Uebungen mit gewohntem Eifer wieder aufgenommen und durch den Winter hin fortgesetzt. Auch die musikalischen Sonnabende beginnen von Neuem, diesmal abwechselnd im Benedict'schen und Moscheles'schen Hause. Die Frau schreibt darüber: „Ich kann Euch diese Abende nicht genug rühmen, sie bieten die echtesten Kunstgenüsse bei grosser Einfachheit; kein Wunder, dass Alles heiter und aufgeräumt ist und gern zum Beschluss ein Tänzchen macht, wozu Moscheies meist spielt [und Benedict die Figuren in Quadrille und Cotillon angiebt." Und hier, wo wir, wie so oft schon, von seiner Heiterkeit , seiner Zufriedenheit hören, drängt sich wohl mit Recht die Frage auf: War denn dies Leben ein durchaus glückliches, ungetrübtes? — Hatte diese Familie vor allen andern [das Vorrecht in ihren Unternehmungen, in ihren Gliedern gesegnet zu sein? — — O nein, der Wer- muthstropfen, der bei allen Sterblichen in den Lebensbecher träufelt, hatte auch hier seine Bitterkeit; aber Moscheies' glückliches Naturell überwand diese rasch r und hielt sich an die Süssigkeiten, welche Kunst und Beruf ihm boten. Es drängte sich wohl eine Thräne in sein Auge,' er loderte wohl in Zorn gegen Ungerechtigkeit auf, — aber bald trat Erschöpfung ein, er konnte ruhen, wenn auch nicht schlafen, und stand nach schweren Momenten gestärkt und stille geworden von seinem Sopha auf, kannte keine durchwachten Nächte, kein Grübeln über Unvermeidliches. Seine Frau pflegte er in schweren Momenten durch die Allgewalt seiner Liebe, durch sein Motto: „Wie Gott will"! zu beruhigen. 1842. Am i. Januar schreibt Moscheies in sein Tagebuch: „Glücklich und zufrieden beginne ich dies Jahr im Kreise meiner Frau und unserer vier Kinder und sehe mit Zu- - 87 - versieht der Ausbildung der letzteren entgegen. Indem ich dies hierher schreibe, komme ich mir vor wie ein Monarch, der bei Eröffnung seiner Kammern feierlich ausruft: In unserm Innern gedeihen Industrie und "Wohlstand etc. etc." Es wird zu Anfang des Jahres die Bekanntschaft der Familie Bunsen erwähnt und später „das einfach einnehmende Wesen beider Ehegatten bei so grosser Begabung" wiederholt gerühmt... „der gegenseitige Freund Neukomm das verbindende Element zwischen beiden Familien" '... „die interessanten im Bunsen'schen Hause verlebten Stunden" vielfach besprochen. Schon Ende Januar spielt Moscheies dort vor dem Könige von Preussen auf einem für Se. Maj. gewählten Erard; Neukomm lässt sich auf dem orgue expressif hören; „Alexander v. Humboldt und andere berühmte Landsleute sind in des Königs Suite, Alle an meinen Leistungen freundlich theilnehmend." Mit dem Februar beginnt eine Prüfungszeit für die Familie Moscheies: — der Scharlach bricht aus. Wir denken an Dickens' Worte: they sat together and talked of their illnesses (sie sassen zusammen und sprachen von ihren Krankheiten), und möchten dem Leser keine solche Langeweile aufbürden, nur muss es hier gesagt sein, dass der Arzt es Moscheles als Pflicht auferlegte, sein Haus zu verlassen, um nicht etwa die Ansteckung zu seinen Schülern zu tragen, dass er sich Moscheies' Weigerung mit Hinweis auf sein Gewissen widersetzte, dass auch ihm das Gewissen nicht erlaube, Arzt im Hause zu bleiben und dass Moscheies der zärtliche Gatte und Vater von den Seinigen getrennt blieb, während er so gern geholfen, getröstet hätte. Lassen wir ihn selbst in einigen der 107 Billette sprechen, die vor uns liegen und die er seiner Frau — gewöhnlich drei an einem Tage — sandte. „Von Gottes Güte, von Deiner Seelenstärke erwarte ich Alles" oder „ein neuer Sonnenschein verkündet mir, dass er auch Euch segnend bescheinen wird" ... „Wenn Deine Kraft zunimmt, unsere Trennung zu ertragen, will ich mir denken, ich sei auf einer Reise, aber auf dem Rückweg begriffen, der Weg holpricht, die Diligence schleppend, sie bleibt auch im Morast stecken, was die Nachhausekunft noch verspätet, bis endlich der Con- ducteur sagt: „Sie sind auf der letzten Station" und der Zollbeamte: „Sie sind expedirt"... Mitunter vergisst er auch^sein Trösteramt und fällt aus der Rolle: „Eine Zelle in Newgate könnte nicht so viel Abstossendes für mich haben, als eine Wohnung getrennt von Dir"... Ein besseres Bulletin veranlasst die Worte: „Es wurde mir in den Singverein nachgeschickt und in der Freude meines Herzens Hess ich gleich ein Gloria singen; sage Felix, ich werde ein ganzes Fass Wein auf seine Gesundheit austrinken. Das Rossini'sche Stabat Mater, auf das wir so gespannt waren, ist mir seit unserer Trennung bekannt geworden, und jetzt lassen Benedict und ich es im Verein studiren. Es ist, wie Du denken kannst, ein Muster von Singbarkeit (wenn Du mir den Ausdruck erlaubst), mir aber nicht kirchlich genug im Styl, seine einzige Fuge unbeholfen. Die Urtheile über das Werk klingen sehr verschieden; einige stimmen mir bei, aber die Masse ergötzt sich an den einschmeichelnden italienischen Phrasen, die auch ich bewundere, ohne sie am rechten Ort zu finden. Nun, die Zeit ist ja hoffentlich nicht allzu fern, wo Du wieder im Verein mitsingen und das Werk kennen lernen wirst.... Lass uns genau verabreden, wann ich Dich am Fenster sehen kann; es ist zwar eine Tantalusqual, aber wenn ich hinüberschaue und Du nicht da bist, so fühle ich mich, als hätte ich ein richtiges Tempo verfehlt.'" . . . Oft sucht er sie auch durch Erzählungen aus dem Bekannten - Kreise zu unterhalten... „ Ich hörte B. M. ein Stück eigener Compositum spielen, aber es war eine Umschreibung von Thalberg und Döhler, also ein Abguss vom Abguss"... In einer Soiree mussten seine „Ohren leiden! Rode's Variationen und Weber's Concert- stück dilettantisch vorgetragen. Endlich entschloss ich mich, durch mein eigenes Spiel alle diese Misstöne zu verscheuchen." ... Von einem sehr kleinen überluxuriösen Hause ■erzählt er: „Es kommt mir vor wie ein Kind, das sich - 8 9 - den Gala-Rock seines Grossvaters angezogen hat."... „Bei einem Mittagessen commandirt die Frau vom Hause und der Herr giebt Contreordre, die Söhne wieder andere und zwei arme unerfahrene Dienstmädchen liefen umher wie Schaafe, die sich von ihrer Heerde getrennt und von Hunden zusammengetrieben sehen"... „Mit Neukomm hatte ich ein sonderbares Gespräch. Ich spielte ihm meinen Psalm (93.) vor; er sagte oft: schön, schön! gut, gut! und erklärte den Chor Nr. 2 für sein liebstes Stück; so voll Melodie. Ich bat um Kritik und er zeigte mir einige Harmoniegänge, die er für zu gewagt erklärte (ich dachte, wie nützlich die seinen so gut geschriebenen, aber oft so monotonen Compositionen sein könnten), sagte aber nur: „der unerreichte Beethoven hat noch mehr gewagt." Und er: „da folgen Sie einem schlechten Beispiele" — worauf ich nur bescheiden evasive Antwort geben wollte, als uns der junge Bunsen eben zur rechten Zeit unterbrach."... „Letzten Sonnabend sangen wir iöstimmig im Bunsen'schen Familienkreise eine Musik von Neukomm, zu der Bunsen einen selbstgeschriebenen Commentar hat drucken lassen. Neukomm hat Choräle, Miserere von Palestrina und die Liturgie der stillen Woche in dieser Musik harmonisirt zusammengestellt (mit Ciavier oder Orgelbegleitung). Ich sang meinen Bass nur um weniges schwächer als Lablache".... Wir übergehen die Aeusserungen des Schmerzes über die lebensgefährliche Krankheit des Sohnes, über das Darniederliegen der Frau und Tochter, über eine Reise Beider nach Brighton, die statt der erwünschten Stärkung neues Leid bringt; das Maass der Bitterkeit scheint voll zu sein, als der härteste Schlag, der Tod von Moscheies' Mutter, den Becher überlaufen macht. Moscheies schreibt: „das Unglück hat mich tief erschüttert. Nie wurde -ein Sohn inniger geliebt, nie hat Einer solche Liebe herzlicher erwidert, als ich. Diese Lücke muss unausgefüllt bleiben. Aber Gott hat mir Frau und Kinder wunderbar behütet. Ihm sei Dank dafür!" Das Versprechen, in York zu spielen, musste noch — 9 o — während der Krankheitszeit eingelöst werden. „Ich hatte in den drei Tagen viel mit meinem Seelenzustand zu kämpfen," schreibt er, „aber das Publikum merkte es nicht. Das Orchester machte mir auch zu schaffen. Denke Dir, wie besonders wehmüthig es klang, wo alle Secundo-Parten der Blasinstrumente fehlten!... Ich spielte auch im York-Münster auf der prachtvollen Orgel (fugirt) und erging mich in der Umgegend, um die Ungeduld todtzuschlagen, die immer nach Hause wollte. Eine alte, halb zerfallene Statue soll eine old Mother Shipton vorstellen, die gewahrsagt haben soll: London is Lincoln was York will be; den Yorkern natürlich sehr schmeichelhaft. Auch die Assisen mit dem zweistündigen Verhör dreier Mörder fesselten mich, denn es war ein interessanter Fall." Nach London zurückgekehrt, gab es viel mit der Spohr'schen Symphonie für Doppel-Orchester zu thun; Moscheies sollte sie auf Spohr's ausdrücklichen Wunsch di- rigiren und plagte sich viel dabei, da die Philharmonischen Directoren ihm nicht in der Aufstellung des Orchesters und ähnlichen Dingen beipflichten wollten. „Das Werk", sagt Moscheies, „hat all' die grossen Eigenschaften, die man an Spohr kennt und liebt: Schöne thematische Behandlung, geniale Modulationen und vortreffliche Instrumentation; aber den Hauptgedanken fehlt es an Neuheit und ich wünschte mir mehr Episoden und Contraste, da die Einheit so gross ist, dass sie beinahe zur Monotonie führt. Den Harmoniker mag das befriedigen, aber das Ohr bekommt zu viel gleichbedeutende Eindrücke. Das Orchester spielte mit Liebe und Eifer, erzielte aber doch nur massigen Beifall"___ Nun fingen auch die Continentalkünstler an, das Eiland musikalisch zu bevölkern, und unter diesen tritt Anton Rubinstein als Rival von Thalberg auf. „Dieser russische Knabe", sagt Moscheies, „-hat federleichte Finger und dabei die Kraft eines Mannes." Aber auch die Einheimischen regen sich. Blagrove gab Quartett-Soireen, Bennett trat mit seinem Sextett in Fis-moll hervor, die Royal Academy of music führte Spohr's „Letztes Gericht" — gi — auf, öffentliche Diners und Privat-Soireen wechselten miteinander ab. Noch während der bösen Krankheitszeit hatte Moscheies durch die Vermittelung von Bunsen die Erlaubniss bekommen, dem Prinzen Albert seine grosse Klavierschule zu dediciren und an einem von ihm selbst zur Empfangnahme des Dedications-Exemplares anberaumten Tage fand Moscheies sich im Palast ein. Von dort aus schreibt er seiner Frau: „Antichambre Buckingham Palace. Es ist I j i nach i Uhr, ich sitze seit 12 Uhr ganz allein in einem Vorzimmer des Palastes und gebe meinen Gedanken Audienz, ohne sie so lange warten zu lassen, wie der Prinz mich oder ich meine harrenden Schülerinnen. Die Sonne dringt durch die Spiegelscheiben und wärmt mich von der einen, ein grosses Kaminfeuer von der anderen Seite. Ist das nicht ein Gaudium? Aber Freiheit! Goldene Freiheit!! hätte ich dich wieder und sässe zu Hause und sähe Dich statt dieser kahlen Wände! Zum Glück fand ich Schreibzeug und kann Dir schwarz auf weiss beweisen, dass ich bei allen Gelegenheiten an Dich denke___ 2 Uhr. Endlich erschien Dr. Schenck in meinem Gefängniss und zeigte mir in grösster Verlegenheit an, dass ich dem Prinzen, der bei meiner Ankunft anderweitig beschäftigt war, durch die Vergesslichkeit eines Pagen nicht zum zweiten Mal gemeldet worden sei. Der Prinz werde diese Vernachlässigung sicher nicht ungerügt vorübergehen lassen. 5 Uhr. Jetzt bin ich wieder in meiner Exil - Wohnung und muss Dir das Ende meiner Hof - Geschichte berichten. Der Prinz folgte dem Dr. Schenck auf dem Fuss, machte Entschuldigungen und sagte, wie leid es ihm thäte, mir so viel Zeit geraubt zu haben. Er war sehr liebenswürdig und meine Ungeduld verschwunden. Ich überreichte ihm die Clavierschule, in der er viel blätterte; er meinte, er werde sich wohl an die leichtesten der Etüden halten müssen, worauf ich natürlich erwiderte, er habe nur zu befehlen, wann ich ihm die schweren vorspielen solle. Seine Antwort war freundlich, aber ohne Zeitbestimmung; so hat er keinen Wunsch, sie oder mich zu hören. Ein — 92 — Page tritt ein: „H. M. the Queen is ready" und der Prinz empfiehlt sich eiligst mir und Dr. Schenck, der zugegen war; auch ich eilte fort zu meinen Lectionen".... Leider trat mitten in den Wonnemond, in die wechselnden Genüsse der Saison wieder das Unglück mit ehernem, unerbittlichen Schritt hinein. Hamburg brennt und dort wohnen die geliebten Nächsten! — Als man über ihre Sicherheit beruhigt war, trat das Elend der obdachlosen Bevölkerung so grell hervor, schien das Schernein einer Privatgabe so gering, dass Moscheies die Idee fasste, ein grosses Concert für die Nothleidenden zu geben; doch wo einen freien Tag hernehmen, wo ein Local ohne allzu grosse Kosten? Der Ball für die Spitalfields-weavers, die Masse der Concerte traten feindlich entgegen, der italienische Operndirector noch feindlicher durch den Preis, den er auf seinen Saal setzte. Aber Lablache hilft, nicht nur er selbst, alle seine Landsleute wollen, von ihm aufgefordert, mitwirken; alle Deutschen und Engländer sind bereitwillig. Nun aber zweifelt das Hamburger Comite: Wird Moscheles allein den Saal füllen? Will er sich Theilhaber an der Unternehmung zugesellen? Er verneint es, um freie Hand zu behalten. Die Eintrittskarten gehen reissend ab, in der elften Stunde kommt Mendelssohn an; das ist ein gutes Omen, denn auch er wird mitwirken; nun sind die Billette schon so begehrt, dass man den Orchester-Raum zu Sperrsitzen benutzt; die Logen hat der Hof inne, zuletzt baut sich ein Gerüst von Tischen vor der Eingangsthür des Saales auf für den Ueberfluss der Zuhörer. Es giebt sehr viel Musik, darunter eine Etüde in F-dur 2 /4 Takt, welche Moscheies für diese Gelegenheit schrieb, — aber auch sehr viele Guineen. Hier die Zusammenstellung von Einnahme und Ausgabe: Theaterdirector Lumley . . . £ 50. — — Erfrischungen für die Künstler „ 2. 10. 9. Extra-Sitze....., . . „ 2. 3. 6. Polizei..........„ 1. 8. 6. Anschlagbretter und Träger . „ 4. 7. — — 93 — Tischler und Tapezierer . . . £ 8. 8. Ankündigungen . . . . . . „ 23. — 120. 14. 9. Brutto-Einnahme ... . 764. Ueberschuss....... 643. 5. 3. 764. 764. --------- „Ich erbat mir", sagt Moscheies, „vom Senat 1000 Mark von dieser Summe, welche ich privatim vertheilte. Spater schickte mir die Stadt eine Medaille aus dem geschmolzenen Erz der Glockenthürme geprägt, mit den darin eingefügten Worten: Hamburg dankt."... Bis zum 10. Juli gab es herrliche Tage mit Mendelssohn und seiner Frau, denn man sah sich oft. Die Frau schreibt einmal: „Endlich ist mein sehnlicher Wunsch erfüllt, ich habe die engelschöne, liebliche Cecile kennen gelernt. Mendelssohn hatte ganz Recht, wenn er voraussetzte, wir würden uns verstehen und lieben lernen; ich meinerseits hatte es gar nicht erst zu lernen, denn sie sehen und mich zu ihr hingezogen fühlen war eins." Es wurden schöne Sonntage mit ihnen bei ihrer Tante Frau B. zugebracht, „bei himmlischem Wetter Laufspiele im Garten arrangirt, wobei Mendelssohn's Füsse sich eben so gewandt erwiesen, wie auf dem Orgel-Pedal", schreibt die Frau, „Charaden aufgeführt, wobei er den Regisseur, Moscheies das Orchester repräsentirte. Hiess es dann aber „ernst sein und tüchtig Musik machen", dann waren beide M's. erst recht in ihrem Element, dann hörten wir viel Schönes und die gewagte Improvisation, die nie fehlen darf, pflegt bei solchen Gelegenheiten am Besten zu gelingen. Hinterher heisst es wohl: das war aber toll, wie Du mir da mitten in das Thema Deiner ernsten As-dur-Etüde, das ich recht sentimental vortragen wollte, mein lustiges Scherzo brachtest. Oder: Wie konnte es nur gut gehen? Wir sind doch heute wieder gar zu über- müthig gewesen!" — Als Mendelssohn's einige Tage bei Moscheies zubringen, sagt ein Brief: „Man kann ihm, dem Erregten, Uebersprudelnden nur Glück wünschen, dass er — 94 — diese sanfte, echt weibliche Natur als Lebensgefährtin besitzt; sie ergänzen einander vollkommen." Moscheies sagt: „Er spielte mir seine Antigone - Chöre vor, sang oder brummte dazu und genug, es wurde mir daraus klar, wie gross und edel das Werk ist; der Bacchus-Chor im echten Geist." Man begegnet einander gesellig und musikalisch bei Grote's, Kemble's, Benedict's und in anderen Häusern, und haben die beiden M's. * gespielt, so vertritt Miss Kemble die Vocalmusik und Mrs. Butler liest Shakespeare. „Aber Duprez' französische Romanzen wollten da nicht hineinpassen."... „Bei Alsager spielten wir Beethoven'sche Sonaten und ich glaube, wir spielten heute noch, wenn's nach dem Hausherrn ginge."... „Die neue A-moll-Sinfonie ist wieder eine Perle; die Subscribenten des Philharmonie aber auch ganz bereit, sie als solche anzuerkennen und erst wir von der Musikergilde!"... „Anton Bohrer brachte seine talentvolle fochter, die schon viel leistet."... „Ganz ist ein ausgezeichneter Cellist."... In der Julihitze nennt das Tagebuch „die lästige Arbeit noch lästiger" und meldet kurz darauf mit Behagen den Landaufenthalt bei den Lieben in der Nähe Hamburgs, fern von der eingeäscherten Stadt, den thurmlosen Kirchen, den öden Brandmauern statt der wohlbekannten Häuser."... „Aber Gottlob, die Noth ist gestillt, die Obdachlosen untergebracht." Als die Familie im September ächied, war es in Begleitung einer Nichte, „ein musikalisches Pflegekind für mich", sagt Moscheies, „das aber auch gern tanzt, so dass wir unsern Sonnabend, nachdem wir viel musicirt, gewöhnlich mit einem Tänzchen beschliessen." Die deutsche Oper mit Frau Stöckl-Heinefetter, Hai- zinger und Staudigl bietet grosse Genüsse, doch rügt Moscheies es, dass sie ihre Vorstellungen mit Robert der Teufel und einem gemischten Concert schlössen. „Das ist kein würdiges Ende." Im Matrimonio segreto gab's zu lachen. „Chorley hatte ihn geschickt in's Englische übertragen; Miss Kemble im Gesang sie selbst, im Spiel die — 95 — würdige Tochter ihres Vaters, war von Mrs. Shaw aufs Beste unterstützt; eine Fidalma, die mit ihrer volltönenden Tiefe nie ihren Effect verfehlt, wenn sie als strafende Tante den zankenden Nichten nachspottet." Die Händelgesellschaft, welcher Moscheies beitrat, gab viel ernste Arbeit; sie hatte sich constituirt, um eine verbesserte Auflage der Händel'schen Werke zu veranstalten; dazu bedurfte es vieler Zusammenkünfte und Be- rathungen. Für die Jugend gab es in der Weihnachtszeit ausser dem strahlenden Weihnachtsbaum auch noch Jullien's neue Promenade-Concerts, „das ganze Drurylane- Theater", schreibt die Frau, „in einen Salon umgestaltet, drapirt und mit Blumen geschmückt, ein bewegliches Publikum im Hut und Mantel unten, während oben in den Logen Abendtoiletten glänzen; unten i sh. Entree, oben höhere Preise. Nun aber die Hauptsache, die Musik. Sie wird auf einer Erhöhung von einem guten Orchester gemacht, das Jullien meist mit dem baton dirigirt, zuweilen spielt er ein flauto piccolo, das scharf durchdringt und die guten Tacttheile markirt; immer wirft er sich nach Beendigung der Stücke wie erschöpft in einen rothsammetnen Sessel, der inmitten der Estrade aufgestellt ist, immer zeigt sein Frack eine halbe Meile weisser Weste, aber immer auch sind seine Tanzweisen mit ihrer starken Würze "von Trommel, Pauke und Trompete, ein An- ^iehungsmittel für das grosse Publikum, ja es giebt keinen Schuljungen, der nicht Jullien's Promenade-Concerts in seinen Ferien besuchen müsste." Auch Moscheies muss diese Tanzweisen mit anhören; aber eine ganz andere Art von Musik beschäftigt seine Gedanken am Schluss des Jahres. „Seitdem ich meiner fünfjährigen Tochter die C-dur-Scala in verschiedenen Tactarten begleitete, trage ich mich mit der Idee zu einem harmonisirten Scalenwerk. Es soll dem Schüler das mechanisch trockene Ueben der Tonleitern angenehm machen, seinen Geschmack bilden, indem er eine Melodie hört und ihm die unentbehrliche Festigkeit im Tact geben. Dies könnte vielleicht der .clavierspielenden Welt nützlich werden. Je früher das - 96 - rein Mechanische in den Hintergrund tritt, desto mehr wird das wahrhaft künstlerische Element ausgebildet." 1843. Das Scalenwerk war in diesem Winter Moscheies' Hauptarbeit; sein Zweck, „dass der Schüler mit beiden Händen die Tonleiter übe, und dies mit Lust und Liebe" ward vollkommen erreicht. Das Tagebuch sagt: „Ich will auch, dass der Lehrer, der das schwere Amt hat, den Anfänger die Scalen zu lehren und sie ihn üben zu hören, sich nicht dabei langweile, wie das so oft geschieht; beide sollen angenehm beschäftigt sein; der Lehrer, indem er seinen eigenen Part liest und auf den des Schülers achtet, — dieser indem er statt der blossen Scala ein rhythmisches Stück, eine Melodie hört, und sich dabei an's Zählen gewöhnt." „Ihr glaubt nicht", schreibt die Frau, „mit welchem Enthusiasmus die Kinder über jedes neubeendigte Scalen-Stück herfallen, E. natürlich als Lehrer; sie müssen Alles spielen, noch ehe die Dinte getrocknet ist, und „la danse des fees" bleibt der Liebling." Moscheies muss auch wieder zwei Hefte Arrangements — diesmal über Don Pasquale — machen; das ist leidige Geschäftssache; aber für Cramer revidirt er drei nach Beethoven's Tode herausgegebene Stücke zu Fidelioj daran hat er grosse Freude. „Wir hatten einen langen musikalischen Abend in Exeter-Hall", schreibt die Frau. „Zuviel für den deutschen Geschmack; nicht mehr und nicht weniger als: Anthem von D. Crotch, Beethoven's Messe in C und den Lobgesang. Wie ist es möglich, dass wir hinterher noch zu Mrs. Sartoris gingen, dass Moscheies spielte und Beifall erntete, ja, dass wir noch herzlich über John Parry lachten, ohne den es in diesem Winter nun einmal keine Soiree giebt. Ich erzählte Euch schon, wie er allein ein Trio singt: jetzt lacht schon Alles, wenn er sich an's Ciavier setzt, das er vollkommen beherrscht; er singt oft parlando zu — 97 — seinem vortrefflichen Accompagnement irgend eine Geschichte — meistens in Versen, die irgend eine Modenarrheit beleuchtet, um sie unbarmherzig zu geissein. Man könnte ihn den musikalischen Moliere unserer Zeit nennen"..... Das nächste Mal: „Ich habe Euch wieder über einige Aufführungen in Exeter - Hall zu berichten, wo wir Christus am Oelberge in englischer Bearbeitung hörten; dann aber auch an einem Abend den Messias, unter ganz besondern Umständen. Clara Novello _und Mrs. Shaw, die vortrefflichen Sängerinnen, rissen das Publikum zu grossem Enthusiasmus hin; es wollte Alles zweimal hören. Mrs. Shaw zeigte sich willig, Miss Novello nicht; sie widerstand allem Klatschen, Rufen und sonstigen Beifallsbezeugungen und der Chor „why do the Heathen rage", welcher eben folgte, passte vortrefflich zu dem ungebührlichen Lärm, der den grossen Raum erschütterte. „Miss Novello, encore", ertönte es von allen Seiten. Leute stiegen auf die Bänke, aber Alles umsonst, sie wiederholte nicht. Phillips, ,der Bassist, auch ein grosser Liebling des Publikums, hatte nun eine Arie zu singen und da auch er nicht angehört wurde, stand Miss Novello auf und ging hinaus, worauf sich Alles beruhigte und Phillips sein Stück endete. Mehrere Nummern folgten ohne Störung, bis es endlich an die himmlische Arie kam „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt". Miss Novello trat wieder ein, diesmal in Begleitung eines Comite-Mitgliedes; das Publikum sollte angeredet, Miss Novello entschuldigt werden, doch gleich erhob sich eine Stimme im Saal mit dem Ausruf: bad temper, und nun begann der Sabbath von Neuem. Sie sang also den erhabenen Text und die grossartige Composition unter dem Zischen, Klatschen und Schreien der Menge, bis endlich ihr herrlicher Vortrag siegte und man schwieg." .... In diese Zeit fällt ein Brief von Moscheies an seinen Schwiegervater, als Antwort auf die Frage, — wie ihm Berlioz' grosse Symphonie gefallen, die man soeben in Hamburg gehört? Er schreibt: „Ich kenne dieses Werk Moscheies' Leben. II. 7 nur im Ciavierauszug, könnte daher kein competentes Urtheil darüber abgeben, doch werde ich schwerlich dafür gewonnen werden, weil ich seinen Mangel an Melodie, Rhythmus, Phraseologie und contrapunctischen Proportionen zu sehr fühle. Seine Ouvertüren: .francs juges und Benvenuto Cellini habe ich mit ganzem Orchester gehört; doch konnte mich seine effectreiche Instrumentation nicht für die soeben genannten Mängel entschädigen, besonders an Stellen, wo er melodisch neues Poetisches bringen möchte und grade in das Verbrauchteste und Prosaischste fällt. Uebrigens beweise ich der Welt und meinen Freunden gern, dass ich nicht zopfig am Althergebrachten hänge, und die neuen Componisten zu schätzen weiss. So spiele ich jetzt viel Chopin, ja ich suche mich darin einzuspielen, obgleich es nicht mein Genre ist. Der Ciavierspieler Halle seit Kurzem in London, spielt Chopin viel und gut. Er kommt eben aus Paris und bringt g'ewiss die richtige Tradition dieser Notturnos und Mazurken mit, trägt aber auch andere Compositionen mit Beifall vor." .... Während des Winters und selbst in das Frühjahr hinein giebt es viel Musik und manchmal gesellt sich ein Tänzchen hinzu. Moscheies schreibt einmal: „Es geht noch recht gut mit dem Tanzen, aber die späten Stunden könnten es uns verleiden, wenn wir uns nicht an dem Vergnügen unserer jungen Mädchen weideten." Die Frau meint: „Zur Abwechslung von Tanz und Musik herrscht- hier jetzt die Tableau-Manie;" bei Benedict's, bei Sartoris bei uns werden sie ganz vortrefflich gestellt, da die Maler Landseer und Horsley, "der Bildhauer Westmacott und Andere hülfreiche Hand leisten. Dabei sind unsere Sub- jecte ausgezeichnet: -Mrs. Sartoris als Sybille, z. B. war am letzten Sonnabend bei uns wirklich classisch. Sie selbst empfängt ausser an ihren Tableaux - Abenden auch noch Sonntags und das sind sehr genussreich-musikalische Stunden, obgleich es uns leid thut, dass unsere ruhigen Sonntag-Abende durch diese unwiderstehlich anziehende Einladung nun auch mit in den Saison-Strudel hineingezogen werden." Aber auch Klagen sind zuweilen zu verzeich- — 99 ~ nen. So notirt Moscheies: „Mit der Händel- Gesellschaft, von der ich mir grosse Dinge erwartet hatte, geht •es schlecht. In den Conferenzen erzeugen persönliche Eitelkeiten heftigen Streit statt vernünftiger Debatte, und so sind die Zustände unergiebig und unerquicklich." Nach einiger Zeit erst sagt das Tagebuch: „Endlich ist die Sache zweckentsprechend constituirt und wir beginnen mit der Herausgabe von drei Coronation - Anthems. In einer späteren Lieferung werde ich die Edition des Alle- gro e Pensieroso übernehmen....." Auch in dieser Saison hat er in der Philharmonischen Gesellschaft wieder die neunte Symphonie zu dirigiren und es heisst: „Grosse Mühe, aber ein Hochgenuss." Bunsen's veranstalteten ausser so manchen genussreichen Zusammenkünften im engeren Kreise und dem •diplomatischen „Empfang" drei grosse musikalische Soireen unter Moscheies' Leitung und Mitwirkung,. wobei sich jedesmal zwischen sieben- bis achthundert Personen in ihren prachtvollen Salons drängten. Um diese Zeit findet ein grosses musikalisches Ereig- niss statt: „Das Leipziger Conserratorium ist am 10. April durch die erste Schüler - Aufnahme eingeweiht worden. Mendelssohn an der Spitze, kann man Grosses von dem jungen Institut erwarten. Und dabei spricht er immer davon, mich hinzuzuziehen. Es wäre ein schöner Beruf, im "Verein mit ihm zu wirken, *das Londoner Lectionenjoch und den ganzen Dilettantismus abzuschütteln, um junge Künstler zu bilden! . . . ." Die Frau aber hat "über andere, nicht musikalische Vorgänge zu berichten: „Der Themse-Tunnel, dessen Ge- und Misslingen die Welt so lange beschäftigt hat, ist nun glücklich eingeweiht und wir wohnten der Feier um so lieber bei, als uns -freundschaftliche Beziehungen an die Familie- des Erbauers knüpfen. Es war etwas unheimlich, als man unter dem beständigen Rauschen der Wasserpumpe in die feuchte Tiefe hinabstieg. Es Hess Einem keine Illusion, die Themse rollte ihre mächtigen Fluthen über diese schon oft von ihr durchbrochenen Wölbungen — IOO — und wie nah oder wie fern mochte der Moment sein, wo diese tageshelle Beleuchtung, diese frohen Menschenschaa- ren von dem zischenden Element auseinandergesprengt würden, fragte sich meine Einbildungskraft? Der Jubelruf, mit dem Sir Isambard Brunei und seine Arbeiter be- grüsst wurden, als sie von einer Musikbande begleitet, durch den Tunnel schritten, war Gottlob die einzige Antwort auf meine Frage, denn Alles lief glücklich ab. Nur der Herzog von Wellington, der den Tunnel hätte eröffnen sollen, blieb in der Oberwelt. Seine Aerzte erklärtem die feuchte Luft sei schädlich für ihn, und so war die versammelte Menge um ihren Helden betrogen*)". . . . Wollen wir hier andere, wenn auch nicht zur musikalischen Welt gehörigen Berühmtheiten aufzählen, die Moscheies näher traten, so finden wir den schon genannten r Sir Gardner Wilkinsoh, den egyptischen Reisenden, der ein grosses Werk über dies ferne Land und seine Dynastien herausgab, und das brittische Museum mit seinen von dort heimgebrachten Schätzen beschenkte^ Samuel Rogers, den beinahe achtzigjährigen und doch noch so jugendlich lebendigen Dichter, die schon genannten Edwin Landseer und Westmacott, letzterer durch lange Jahre hin der treue Freund der Familie; Grote, durch seine Geschichte Griechenlands berühmt, er und seine Frau kunstliebend und beschützend; unsern Landsmann Kohl, unsere deutschen Maler Hensel und Winterhalter, die oft Abends im Moscheles'schen Hause Familienportraits zeichneten, während musicirt wurden Doyle, den unter den Initialen H. B. berühmt geworde- *) Es sei erwähnt, dass nicht lange-nachher die Familie Brunei eine harte Prüfung zu ertragen hatte. Der älteste Sohn, der berühmte Ingenieur, Erbauer der westlichen Eisenbahn und später auch des Riesenschiffs, hatte im Spiel mit seinem Knaben einen halben Sovereign verschluckt, was lebensgefährliche Entzündung herbeiführte. Eine gewagte Operation am Kehlkopf brachte das Geldstück nicht zu Tage; wohl aber that dies eine- von ihm selbst vorgeschriebene Manipulation; er Hess sich auf ein Brett schnallen und auf den Kopf stellen. Ein dadurch herbeigeführter Hustenanfall befreite ihn endlich nach qualvollen Wochen von seinem „Busenfreund", wie er scherzend diesen halben Sovereign zu nennen pflegte. — IOI — nen Caricaturen-Zeichner. Auch Rowland Hill, dem die Welt die Einführung des Penny-Porto's verdankt, begegnet man öfter. „Immer", sagt Moscheies, „betrachte ich den interessanten häuslichen Kreis als das beste Bildungsmittel für unsere Jugend, wesshalb er von mir sehr hoch gehalten wird." Unter den Musikern war Alex. Dreyschock, der Pianist, -eine neue Erscheinung. Moscheies schreibt: „Er ist noch jung in der Kunst, obgleich er die bewundernswertheste Technik hat, federleichte Finger und eine linke Hand, die •erstaunliche Sachen macht. Neue Kunstgenüsse stehen mir aber nicht durch ihn bevor, denn er kann zwölf Stücke mit berechneten Knalleffecten spielen, hat aber keinen ■Styl, keine Eigenthümlichkeit, kann nichts lesen und auch keine fremden Compositionen im richtigen Geist vortragen. Nennen wir ihn den Octavenhelden! Hier wird er strenger beurtheilt, als in Paris, obwohl der Beifall bei seinen tours de force laut ist. Wir stehn im besten Verhältniss zu einander." Gleichzeitig finden wir die Notiz im Tagebuch: ^,D.'s Etüde für die linke Hand viel geübt und überwunden." Eine spätere Notiz sagt: „Kleine Soiree bei uns. D. griff das Instrument zu sehr an und verdrehte dabei •die Augen." „Ich muss", schreibt die Frau, „hier noch «ine wahre Anecdote beifügen. D. probirte neulich einige der Scalenstücke mit Moscheies: er spielte zwar die „Schüler-Partie", irrte sich aber dennoch oft im Tact, worauf •C. mir ganz laut sagte (zum Glück englisch, was er vielleicht nicht verstand): „Mama, hat Herr D. nicht die Scalen gelernt?" Ihr könnt Euch mein Entsetzen. über das •enfant terrible denken. Uebrigens hatte ich genug zu thun, um auch die ältere Jugend im Schach zu halten, ■da D. mitunter das Ciavier schlägt und entweder bei -sentimentalen Stellen eine Grimasse wie" zum Weinen macht, oder nach einem glücklich ausgeführten Octaven- sturm triumphirende Blicke um sich wirft..... Sivori ist. uns viel sympathischer und als Geiger bewunderungs- werth, ja mitunter staunenerregend....." Sivori gab vier überfüllte Concerte und erntete be- — 102 — sonders für seinen Carneval de Venise goldene Lorbern. Dann erschien der Geiger Ernst mit seinem grossen Ton und der deutschen Wiedergabe Beethoven'scher Sonaten. Diese wird im Tagebuch stets als „grossartig", als „ein wahrer Genuss" besprochen, während Moscheies die „Elegie zu süsslich sentimental, ja weinerlich, obwohl vortrefflich gespielt" nennt. „Am achtzehnten Juli", sagt das Tagebuch, „sollte Ernst einen eclatanten Triumph feiern." Bunsen und Viele durch Und mit ihm hatten eifrig für Gründung eines deutschen Hospitals in London gewirkt, und als man auch von einem für den Zweck zu gebenden Concert sprach, waren die deutschen Künstler Alle bereit, sich dabei zu betheiligen. „Dort nun", sagt das Tagebuch, „zeigte sich Ernst zum ersten Mal in seiner ganzen Grösse vor einem englischen Publicum. Er spielte Spohr's Gesangs-Scene, seine Othello-Variationen, etwas von May- seder und den Carneval de Venise, und riss durch seine hohe Meisterschaft das Publicum zu stürmischem Beifall hin." Indessen war aber auch der grösste der Geiger, Spohr nach London gekommen, und fand als Componist, Dirigent und als ausübender Künstler die höchste Anerkennung. Seine „Weihe der Töne" wurde unter seiner Leitung im Philharmonischen Concert gegeben, wo er auch sein Concertino spielte, später veranstaltete die Gesellschaft ihm zu Ehren eine Extra-Aufführung, welche auch die Königin besuchte. Man gab seinen Macbeth, Mendelssohn's Hebriden und die Freischütz-Ouvertüre, Mozart's D - dur- Symphonie ganz und die neunte zur Hälfte, Alles unter Spohr's Leitung, der auch sein Andante und die Polonaise in B-dur spielte. Das Publicum lohnte ihm durch rauschenden Beifall, die Directoren durch ein. Geschenk. — Auch die Sacred härmonic society wollte den Meister durch eine Aufführung seines „fall of Babylon" in Exeter-Hall ehren. „Das Allzutheatralische dieses Werks kam ihm vor dem gemischten Publikum dieses grossen Locals gut zu Statten", sagt das Tagebuch. „Es ergötzte sich an den militärischen Trommeln und „den verschiedenen Tanzrhyth- icn — men, die darin vorkommen." Die musikalischen Vereine wollten nicht nachstehen, und um Spohr ihre Achtung zu beweisen, gab ihm die British Society eine Matinee, worin Compositionen ihrer Mitglieder aufgeführt wurden, „darunter ein Violin - Quartett voll von Reminiscenzen aus Spohr's eigenen Werken. Wir Künstler bereiteten ihm ein grosses Festmahl in Greenwich; wir waren wohl neunzig an der Zahl, assen, tranken, toasteten, und machten Musik. Mich setzte man als Dolmetscher an Spohr's Seite und ich verdeutschte ihm alle zu seiner Ehre gehaltenen Reden. Auch musste ich ihm drei seiner Manuscript-Duette accom- pagniren, die er zum Besten gab. Später in meiner Improvisation versuchte ich ganz „Spohrisch" zu sein und verarbeitete Themen aus der „Weihe der Töne". Natürlich besprach man dies Festessen in allen Zeitungen, und dabei erwähnte die Morningpost-Moscheies' Mitwirkung: it was one of those Fantasias, for which he Stands unrival- led. — D. spielte auch ein Stück aus seiner Sonate „mit gewohnter tobender Execution". Bei Moscheies und in anderen befreundeten Häusern ward Spohr auch durch musikalische Aufführungen gefeiert. „Wir haben 117 Personen geladen", schreibt die Frau, „denn wen möchte man bei so einer Gelegenheit weglassen?" Von einer Matinee bei Mr. Alsager schreibt sie: „Es waren fast nur Künstler dort und die Musik begann mit einem Spohr'schen Doppelquartett. Es ging brav, aber Spohr stand oft auf, um die Tempi berichtigend zu dirigiren. Dann spielte Moscheies Spohr's Quintett mit Blasinstrumenten, ohne Tempo-Veränderung; ja Spohr, der doch eben nicht demonstrativ ist, ging nach dem ersten Stück an's Ciavier und schüttelte ihm kunstbrüderlich die Hand. Halle blätterte um, während alle einheimischen und fremden Clavierspieler und Spielerinnen London's zuhörten. Spohr's Nonett war ein grosser Genuss! Zu neunundfünfzig Jahren noch so zu spielen wie er es thut, ist ein seltenes Geschenk des Himmels und ich wünsche es mir seiner Zeit für meinen Mann....." „Der Hullah'sche Singverein gab wieder eine grosse — 104 — Aufführung in Exeter-Hall", meldet die Frau, „diesmal in Gegenwart des Prinzen Albert und anderer Grossen des Reichs und wir hörten Moscheies' vierstimmiges Lied „Daybreak" von diesen tausend Kehlen sehr brav, wenn auch, wie er sagt, etwas schleppend vorgetragen. Es ward stürmisch wiederverlangt....." Das Tagebuch sagt: „Man erzählt mir, mein Lied sei bei dieser Gelegenheit in einer Zeitung arg mitgenommen worden und ich kann nicht umhin, mich dabei an die Anekdote von Fontenelle zu erinnern, der durch sein ganzes langes Leben hin der König des Witzes blieb, und den Tausende als den feinsten elegantesten Schriftsteller verehrten. Es gab in seinem Hause ein Zimmerchen, das nur er betrat, das stets fest verschlossen blieb. Als man es nach seinem Tode öffnete, fand man es bis zur Decke mit allen Zeitungen und Schriften angefüllt, die gegen ihn gesprochen hatten und dabei die Notiz: „Ich habe nie eine Zeile derselben gelesen, habe sie auch nie beantwortet." Das war mir aus der Seele gesprochen." Das französische Theater mit den Damen Albert und Dejazet, mit Bouffe und Levassor bot manchen Genuss, während das Ballet der italienischen Oper in dieser Saison durch Fanny Elsler oft anziehender war, als die Oper selbst, „obgleich das Orchester unter Costa's Leitung so vortrefflich und dabei so discret war, wie man es sich nur wünschen kann." Die ausgezeichnete Sängerin Mme. Cinti - Damoreau wurde auch mit Bewunderung gehört; Frln. H. Nissen errang sich manche Palme; einheimische und fremde Instrumentalisten geben klassische und unklassische Concerte, Soireen und Matineen, und.wir finden in einem Brief die Notiz von Moscheies: „Bei blendendem Sonnenschein und harrenden Schülerinnen brachte ich das Opfer einer Stunde,' um den Wunderknaben Filtsh in seinem Concert zu hören. Er behandelte das Ciavier wunderniedlich in einigen Chopin'schen Sachen und meiner Serenade, und kann es noch weit bringen." Leider musste die vielleicht überreizte Constitution einem frühzeitigen Tode unterliegen. — 105 — Ein höchst eleganter Ball für die Polen in Willis' rooms wird noch mitgemacht, die in Exeter-Hall aufgestellten Cartons von Raphael bewundert — dann tritt der glückliche Moment ein, wo die Saison beendet, die Familie sich zur Abreise nach Boulogne anschicken kann. Von dort schreibt Moscheies kurz nach der Ankunft: „Heute befriedige ich meine Ambition, auch einmal den Brief anzufangen, denn so gut wird's mir in London nicht. Unser Schiff Harlequin machte zwar Sprünge wie sein Namensvetter bei der Ueberfahrt, doch ist das längst vergessen. Wir sind hier sehr freundlich empfangen....." Es wäre Wiederholung, wollten wir das Glück der Familie in dieser Ferienzeit schildern, ein Jahr gleicht darin dem andern, nur dass der Mitgenuss der heranwachsenden Kinder die Freude der Eltern erhöht. „Hier kann ich mich ihren Studien, ihren Belustigungen widmen", schreibt Moscheies, „sie zeichnen eben so gern wie sie Musik machen; eben so war es mit mir in meiner Jugend, aber mich fesselte der Beruf, ich musste mich ganz der Musik widmen, sollte ihr meine Existenz verdanken , da hatte es bald ein Ende mit dem Zeichnen und jetzt kann ich nur die Kleinen mit -meinen Bleistiftschnurren unterhalten.....Eine Tochter schreibt: „Wir haben hier köstlichen Unterricht vom Vater, aber er selbst spielt recht viel, gewöhnlich vor und mit anderen Künstlern, während sich unter den Fenstern eine ZuhÖrerschaar sammelt. Das Etablissement des bains ladet zum Tanz, manche der befreundeten Künstler zu Concerten — aber das Wetter ist so schön, die Continentalsonne so anziehend, dass wir lieber die Abende im Freien zubringen....." Ein neues Zerwürfniss mit dem Verleger S. in Paris macht dem idyllischen Leben ein Ende. Die Nothwendig- keit eines Abstechers in die französische Hauptstadt stellt sich heraus. Dort wird Alles ausgeglichen, die verweigerte Zahlung geleistet und dann verlebt man noch einige Wochen mit Freunden und Verwandten. Ein Brief sagt: „Der Vetter Heinrich Lehmann ist ein berühmter Maler geworden. Seine Fresken in der — io6 — Eglise St. Mery, seine Ausschmückung der Chapelle des aveugles sind sehr grossartig." Seit dem Beginn seiner Laufbahn hatte dieser Künstler fast ununterbrochen für die Kirchen und Sammlungen des Staates zu arbeiten; sein Bruder Rudolf geniesst gleichfalls den Ruf eines ausgezeichneten Malers, er lebte lange Jahre in Rom. Moscheies hatte von dem Vater der Künstler bei einer seiner ersten Kunstreisen in Hamburg gastfreie Aufnahme gefunden und verdankte ihm manche künstlerische Anregung. „Als wir die Fresken besahen, fährt Moscheies foit, bat man mich, Etwas für die Blinden zu spielen; sie umstanden mich mit einem Enthusiasmus, der mich anregte; sie dankten mir, meine Hände küssend, mit einer Rührung, die mir eine Thräne in's Auge brachte. Wir haben hier in Paris wieder viel gesehen und bewundert, mit Meyerbeer, St. Heller, Benedict, Ernst und Halle's gemüthliche Stunden verlebt, aber auch den jungen Kalkbrenner eine seiner eigenen Compositionen spielen hören (?), die t Arme auf den Handleiter gestützt, wie ein Gichtbrüchiger." Acht Tage später heisst es: „Man hat mir zugesetzt, doch nicht ungehört aus Paris fortzugehen und ich habe mich zu einer Matinee bei Erard entschlossen." — Es werden vierhundert Personen dazu geladen. Moscheies spielt viel, den Hörern nicht genug. Immer wieder muss er an's Ciavier, mit stets erneutem Beifall. Dennoch lässt er sich nicht bereden, eine zweite zu geben. Am dritten October heisst es: „Grossen Spass machte es mir, Halevy im Gefängniss zu besuchen. Er hatte sich irgend Etwas in seinem Dienste als garde national zu Schulden kommen lassen und musste achtundvierzig Stunden sitzen. Viele berühmte Maler müssen schon vor ihm dasselbe Schicksal in demselben Local gehabt haben, denn phantasiereiche, mitunter excentrische Gruppen waren an die Wände gezeichnet und gemalt. Wir unterhielten uns eben so gut „aux haricots" (dies der Spottname des Gefängnisses), wie wir es in seinem eigenen Hause gethan hätten, um so mehr , als seine junge Frau dabei war." — 107 — Balzac's Drama „Pamela Rigault" und eine Vorstellung der noch immer schönen, und doch bis in die Kaiserzeit hinein reichenden Dlle. Georges werden als besonders interessant genannt. Mitte October sind die Reisenden glücklich in London angelangt und gleich begrüsst uns der Ausruf im Tagebuch: „Welche Freude mir mein Erard und mein Collard machen! Sie sind nicht einmal verstimmt; meine soeben componirte Etüde in Cis - moll, 6 / 8 - Tact, machte sich gut darauf." Der siebenzigjährige Tenorist Braham giebt noch ein Concert und singt über Erwartung gut, freilich mit viel abgeschmackter Coloratur; sein Sohn Charles singt auch, der andere, Hamilton Braham hat eine Kraftstimme. Der Ciavierspieler Buddaeus wird wegen seiner Bravour bei Nettigkeit und Selbstruhe gelobt, Mme. Dulcken in den Soireen, die sie im eigenen Hause giebt, von Moscheies als Accompagneur und Spieler unterstützt, ihre eigenen Leistungen sehr von ihm gewürdigt. Sein Amt als Begleiter von Vocalsachen nennt er oft „Ungeduld erregend durch schleppende Tempo's." Als ein sonst eben nicht freundlich gesinnter Berichterstatter seinen Tadel (man wusste nicht warum) plötzlich in hochfahrende Lobsprüche umwandelte, sitzt Moscheies, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, ruhig schmunzelnd da, während Frau und Kinder mit grosser Lebhaftigkeit die Sache commentiren, und am Schluss sagt er: „Ja, Ihr seht, ich bin immer der glückliche Prinz, meine Neider können mir Nichts anhaben, müssen also zuletzt doch wieder Freunde werden." Auch in diesem Winter muss er sich die „langweiligsten Compositionen vorreiten lassen", eine Soiree mitmachen, in der obenan „der erste der Haubenstöcke sass, unausstehliche Dilettanten-Musik war, und ich selbst spielte, — aber schlecht." Die Frau schreibt, wie man im Hullah'schen Hause Mendelssohn's Athalia brav aufführt, von Moscheies begleitet. Ueber Balfe's neue Oper „the Bohemian girl", die zum ersten Mal gegeben wird, sagt Moscheies: „Die über- — 108 — raschend schöne Ausstattung, die leicht fliessende Musik verschaffen ihr eine günstige Aufnahme. Etwas Originelles hat Balfe nicht producirt, obgleich man fühlt, wie er danach gesucht hat." Doch was hilfts, ob er sie bewundert oder nicht? Er muss doch ein Arrangement der Haupt- Themen machen, und der Verleger bittet sogar, es möchten „two books" werden. Von Jullien's Promenade-Concerts kann man nur sagen, dass sich in diesem Jahre noch mehr Publikum zusammendrängt, um eine Beethoven'sche Symphonie zwischen Quadrillen, einen Walzer mit obligatem Kettengerassel, Polka's und Galopp's mit Cornet ä Piston, Janitscharen- Musik, kleine, grosse und grösste Trommeln zu hören. Das flauto piccolo spielt er noch immer in siegesgewisser Stellung, ganz vorn am Orchester, und in dem musikalischen Tongemälde „Die Zerstörung von Pompeji" von Roch Albert giebt es Tonlärm, Krachen, Gebet, Bacchantentänze, Orakel, Finsterniss und feuerspeienden Lustre; also grosse Effecte für grosse und kleine Kinder. Jullien weiss seinen Quadrillen-Ohrenkitzel auch mit Witz zu mischen; so will er an irgend einem Irish lake ein Echo entdeckt haben, das Alles verkehrt wiedergiebt und bringt es bei seinen Irish Quadrilles folgendermassen an: ^EEfEfeäd Echo: Fjfc 1 ß-\~ Es folgen ähnliche Effecte, über deren Unglaublichkeit und Verschiedenartigkeit der Musiker staunt. — 109 — 1844. Am i. Januar sagt das Tagebuch: „Heute fiel mir "wieder der Contrast zwischen der Feier dieses Tages in Oesterreich und der Geschäftsthätigkeit Englands auf. Hier merkt man keine Auszeichnung, und um auch Engländer zu sein, arbeitete ich an dem Ciavierauszug von Händel's Allegro e Pensieroso für die Händel-Gesellschaft."" „Später sollte Mendelssohn den Messias übernehmen, hatte aber Bedenken wegen der vermehrten Instrumentation von Mozart", sagt das Tagebuch, „und so ward ihm „Israel in Egypten" vorgeschlagen." In diesen Monat Januar drängen sich schon einige fremde Künstler, wie der Cellist H. aus Cassel, „ein auf Mord und Todtschlag ausgehender Spieler, dessen Bra- vouren zwar durch Kühnheit frappiren, aber sonst keine Wirkung hervorbringen." Auch eine Harfenspielerin ist da „und spielt Bravouren von Parish Alvars." „Der Ciavierspieler B. bringt eine ultra-schwierige Fantasie eigener Composition, spielt sie nicht nur, sondern will sie mir auch dediciren. Ich spreche von fehlendem Schatten und Licht, womit ich eigentlich den Mangel an wahrer Musik meine> und genug, ich suchte geschickt auszuweichen." Beschlossen wird der Januar durch eine Vorlesung des Professor T. über alte Kirchenmusik. „Unbescheidener und unrichtigerweise setzte er der englischen die Krone auf, schimpfte auf die italienische -und hielt die deutsche nicht einmal einer Erwähnung werth. Das nennt man Einbildung." Im Gegensatz zu all' dieser Unbill bot die Schwesterkunst grosse Genüsse durch den Besuch von Bildhauerund Malerateliers; auch die wissenschaftlichen Vorlesungen in der British Institution wurden, wenn möglich, besucht, und die deutschen Klassiker der Jugend durch Lesen mit vertheilten Rollen zugänglich gemacht. Aber während wir diesen Dingen einen flüchtigen Moment widmen, hat sich schon wieder ein musikalisches Ereigniss zugetragen. „Der dreizehnjährige Joachim ist nach London gekommen, er bringt einen Empfehlungs- — HO —■ "brief von Mendelssohn, aber sein Talent ist die beste Empfehlung." Gleich wird „eine kleine Musik" für ihn veranstaltet. „Erst", sagt das Tagebuch, „freute ich mich über ihn und E zugleich, wie sie Mendelssohn's schönes D-moll- Trio machten, dann überraschte mich Joachim's männliches und brillantes Spiel in Variationen von David und Rondo von De Beriot. Das ist wieder einmal ein echtes Talent." Moscheies führt ihn in's erste Philharmonische Con- cert, „damit er doch auch höre, wie's in London hergeht", aber es geht nicht besonders gut. Die Musiker standen kampflustig in Reihe und Glied, griffen auch gut an, zur Verfeinerung des Geschmackes im Vortrag von Beethoven, Spohr und Weber geschah nichts. Buddäus auf dem Klavier, Parish Alvars auf der Harfe liessen ihre Bravouren hören, der Gesang war gleichgültig." Die Frau schreibt: „Moscheies hat schon lange darüber nachgedacht, wie er unseren Mädchen etwas „Theorie" beibringen könnte, ohne sich und sie zu langweilen und hat endlich den Beschluss gefasst, ihnen noch einige Damen zuzugesellen, mit denen er sie gemeinschaftlich unterrichtet. Er will die Sache nach Art der französischen Klassen von Mr. Roche einrichten und hofft durch An- stachelung des Ehrgeizes im raschen Antworten der an sich trockenen Sache, Leben und Interesse zu verleihen." Die eingeborenen Musiker benutzen die Winterszeit zu öffentlichen Matineen, ehe der Continentalstrom der Saison das Eiland musikalisch überfluthet; es fehlt auch nicht an öffentlichen Diners und sonstigen mit Musik verwebten Productionen, bei denen Moscheies bethätigt ist; aber auch Sivori und Ernst sind schon da, und mit Letzterem zugleich tritt er im zweiten Philharmonischen Concert auf. Das Tagebuch sagt: „Ich spielte mein G-molhConcert mit dem Kraftaufwand der Mannesreife und ward sehr gut aufgenommen; ebenso Ernst mit Spohr's Gesangsscene. Seine gigantischen Variationen über den „Pirata" riefen einen Beifallssturm hervor." In der Italienischen Oper hört man die reizend jugendliche Grisi mit Mario, Fornasari und Lablache in den Pu- — III — ritanern. „So gesungen", sagt das Tagebuch, „gefällt jede Musik, mag sie noch so leicht, ja seicht sein; und die Cerito im Ballet war auch unwiderstehlich anziehend, so dass wir die späte Stunde vergassen und bis zu Ende blieben." Im Drurylane-Theater gab man Benedict's Oper, „the Brides of Venice." „Sie hat das Verdienst einer guten Behandlung der Singstimmen und schöne Orchester-Effecte; sie ward gut aufgenommen und der Componist gerufen; die Sänger Hessen viel zu wünschen übrig." Später heisst es: „Unglaublich und doch wahr! In dem Morgen-Concert von Madame Caradori-Allan begleitete ich zweiundzwanzig — sage zweiundzwanzig Gesangsstücke, welche die Concert- geberin, die Grisi, Persiani, Lablache Vater und Sohn mit Frau, Mrs. Shaw, Mario, Fornasari, Corelli und Staudigl sangen. Und dazu ein Heer von. Instrumentalisten. Joachim spielte Ernst's Othello-Phantasie und überwand sie meisterlich. Die neueste Klavier-Importation L. v. Me} r er donnerte eine eigene Fantasie über Lucrezia Borgia herunter, rund, schnell und kräftig, aber wo war die Seele?" Die Frau meldet: „Nachdem ich Obiges für Euch aus dem Tagebuche copirt, seht Ihr Moscheies im Geiste musikalisch brach liegen, aber Ihr irrt. Der Abend brachte noch Unglaubliches, denn Moscheies und ich trieben die Musik noch fort. Erst in Sivori's Concert, wo wir ihn sein Concerto dramatique spielen hörten, dann ging's in die Quartett-Soiree von Macfarren und Davison, wo Beet- hoven's posthumes Cis-moll-Quartett von Ernst gespielt, Lieder von Mendelssohn gesungen, aber grösstentheils vergriffen wurden. Zum Beschluss zu Mrs. Sartoris. Kein Wunder, dass wir diesmal ihre Musik gleichgültig fanden; auch zum Anhören gebraucht man Kraft und die unsrige war schon in einem Tonmeer untergegangen." Die eine grosse, unvergleichliche Freude dieser Saison blieb Mendelssohn's Anwesenheit. Er dirigirte fünf Philharmonische Concerte, hielt aber erst eine Vorprobe neuer Orchester-Compositionen, u. A. der Schubert'schen und einer neuen Gade'schen Symphonie. „Als Mendelssohn im Orchester erschien", sagt das Tagebuch, „wurde er mit 115 Liebe und Enthusiasmus aufgenommen, wie sich's gehört. Unter seiner permanenten Leitung müssen sich die Con- certe heben. Mich drückten oft die mittelmässigen Aufführungen und doch wollte man keinen permanenten Di- rector zu ihrer Verbesserung anstellen; jetzt fühle ich mich befreit. Im ersten Theil hatten wir Mozart's Es-dur- Symphonie, C-moll-Concert von Sterndale Bennett, eine sehr interessante Composition im Mozart-Styl, sein Spiel bedeutend. Gesang zwei Mal Madame Castellan, sehr gut, und die Leonoren-Ouvertüre. Zweiter Theil: Mendels- sohn's A-moll-Symphonie. Sie erregte allgemeine Freude; mir bot sie eine interessante Reihenfolge von Genüssen. Die Instrumentation ist vortrefflich, pikant, neu." Die Musik zum Sommernachtstraum erregte so grosse Begeisterung, dass sie nicht nur im fünften, sondern auch im sechsten Philharmonischen Concert — diesmal im Beisein des Hofes aufgeführt werden musste, und im achten ergötzte man sich an der genialen Walpurgisnacht, Niemand mehr als Moscheies, der das neue Werk schon „im Hochgenuss" von Mendelssohn am Ciavier gehört hatte. Einmal spielt Joachim Beethoven's Violin-Concert meisterlich, einmal lässt Mendelssohn das G-dur- Concert des Meisters mit seinen eigenen improvisirten Cadenzen hören, und ausser den Beethoven'schen Symphonien giebt man noch zum ersten Mal eine Suite von Bach. „Welche Genüsse haben wir wieder dem herrlichen Freunde zu danken! Aber auch das Publikum ist dankbar und die Direction mit ihm." Zwischen diesen Philharmonischen Concerten gab es die genussreichsten Abende mit ihm und Klingemann im Moscheles'schen Hause; Alsager giebt Mendelssohn zu Ehren eine Musik, wo sein Quartett und Quintett von Joachim vortrefflich gespielt werden; „bei Chorley", sagt das Tagebuch, „setzte Mendelssohn der Musik die Krone auf, indem er erst einige Lieder ohne Worte, dann eine fantasiereiche Improvisation spielte. Zu meiner grossen Ueberraschung wählte er erst das Thema meines G-moll- Concerts, dann einen Takt aus den Pensees fugitives, die ich eben mit Ernst gespielt hatte und endlich die Ballade — H3 — aus Benedict's Oper „the brides of Venice." Es wechselten geistreiche Verwickelungen, contrapunktische Sätze, donnernde Octaven mit melodischen, Herz und Gemüth angreifenden Phrasen." Natürlich verherrlicht Mendelssohn den Geburtstag am 30. Mai, bringt auch einen zweiten „rothen Bogen" mit Randzeichnungen, ähnlich dem in 1832 beschriebenen, und setzt unter diesen die leider unerfüllt gebliebenen Worte: „So Gott will, to be continued." Zwei Tage später heisst es: „Nach Ayrton's Diner mussten Mendelssohn und ich zusammen improvisiren; er zwang mich, oben zu sitzen; ich folgte mit dem höchsten Interesse seinen Inspirationen, erst über eine Melodie im englischen Balladenstyl, dann über „see the conquering hero"; in Alles hinein mischte ich das Scherzo seiner A-moll-Symphonie." Hullah lässt seine besten Schülerinnen Mendelssohn's Motetten singen und zum Schluss phantasirt der Meister, später singt der befreundete Kreis, durch die Schüler unterstützt, die Walpurgisnacht im Hullah'schen Hause, Mendelssohn accompagnirt; „aber die Zuhörer verlangen stürmisch eine Wiederholung des Ganzen, und so setzte ich mich an's Ciavier, um dem sehr erschöpften Freunde die Mühe abzunehmen." Es ist unmöglich, alle Familien zu nennen, die sich um ihn bemühten, in deren Häusern er spielte, alle Künstler herzuzählen, die er in ihren Concerten unterstützte; er spielte wiederholt das Bach'sche Tripelconcert, immer mit Moscheies, zuweilen mit Madame Dulcken oder Benedict. Mitunter mussten die Freunde auch Kreisleriana zusammen ausstehen. „In Dulcken's Matinee sassen wir nebeneinander und waren über die Gehaltlosigkeit der modernen Ciavierphantasien ganz einverstanden", führt das Tagebuch an, „Mendelssohn lachte, als ich behauptete, die Wasserströme der Noten schwemmten alle musikalischen Gedanken weg." „In Ayrton's Soiree spielte L. v. M. wieder rollend; das Stück der schönen Pianistin Miss W., die Charles Dickens eingeführt hatte, klang wie ein Blumensalat mit Rosenöl und Spitzbuben - Essig angemacht. Weber's Einladung zum Tanz, das „Duett" aus Mendelssohn's Liedern ohne Worte Moscheies' Leben. II. R — in — und die Coda aus Thalberg's Mose waren darin ruckweise ineinandergemengt. Zum Schluss spielte ich mit Mendelssohn seine Musik zum Sommernachtstraum, dann phanta- sirten wir zusammen recht begeistert." „ Paulus " wird in Exeter - Hall gegeben , und die beiden letzten Tage von Mendelssohn's Anwesenheit in London noch sehr genossen: „Früh hatten wir eine trauliche Unterhaltung, bei der ich ihm seinen Standpunkt den Verlegern gegenüber, recht klar machte; er muss ordentliche Honorare verlangen." Ein Brief der Frau erzählt: „Mendelssohn bleibt der liebenswürdige Freund bis zum Augenblick der Trennung. Er gab vor, er reise gleich nach dem 8. Juli, wo er das letzte Philharmonische Concert zu dirigiren hatte, verabredete aber mit uns eine Zusammenkunft aller gegenseitigen Freunde in unserem Hause für eben den Nachmittag, so wie eine Soiree bei Klingemann für den 9. Juli. Wie gern Alle herbeikamen, könnt Ihr denken und auch das glaubt Ihr mir, dass die Musik ausgezeichnet war. Moscheies' Es-dur-Sonate von ihm und Mendelssohn, die Preziosa-Variationen von Beiden, die Variations serieuses und der herrliche Gesang der Sartoris, das Alles kann ich nicht beschreiben und noch weniger das Zusammen-Phantasiren, das im Vorgefühl der Trennung gewiss einzig in seiner Art war. Alle, denen dieser Genuss zu Theil wurde, sind dankbar, am dankbarsten ich selbst, denn das sind goldene Stunden!..." Das Zusammenfassen von Mendelssohn's Anwesenheit hat uns bis in den Juli geführt; doch müssen wir zum Mai und zu Moscheies' Angelegenheiten zurückkehren. Er unternahm ein Concert zusammen mit Ernst, der im Concertsaal selbst, von einem, bei ihm chronisch gewordenen Uebel befallen wurde, dann aber doch noch, obwohl mit unsäglicher Anstrengung spielte. Hinterher Hess ihn die Krankheit noch Manches schwärzer sehen, als recht war, so dass Moscheles in sein Tagebuch schreibt: „Ich ziehe mir aus allen diesen Vorfällen die Lehre, mich nie wieder auf eine Concert-Association einzulassen." Einige Tage später schreibt die Frau: „Ernst's Zorn hat sich — H5 — ebenso schnell gelegt, als er entstanden war; der Arme ist sehr kränklich und wohl oft übel berathen. So erzählte er mir nach einem Hof-Concert, er habe sein Honorar von zehn Guineen als zu gering zurückgeschickt, und ich konnte nicht umhin, zu antworten: „Wie schade, alle Künstler bekommen dieselbe Summe und die Königin wird wohl nie erfahren, dass Sie sie ausgeschlagen haben." Er g - ab am 5. Juli noch ein Concert, worin Moscheies mit ihm die Kreutzer-Sonate von Beethoven spielte, Mendelssohn das Bach'sche Concert. Das Tagebuch sagt: „Als Mendelssohn der Miss Dolby den Erlkönig accompagnirt hatte, spielte Ernst dasselbe Lied auf seiner Geige — wahrhaft ergreifend. Sein Spielen eines Mendelssohn'schen Quartetts, seine dramatische Scene, alles war gediegen künstlerisch." Der Sohn des zu früh heimgegangenen C.M.V.Weber kam nach London, um die irdischen Reste seines Vaters heimzuholen, die in Moorfields Chapel beigesetzt waren. Die Maler Magnus und Jacob aus Berlin waren auch gekommen und ebenso wie die geistreiche Schriftstellerin Mrs. Jameson eine angenehme Zugabe des sich stets erweiternden häuslichen Kreises. Ganz unerwartet wünschte auch der in London anwesende Nesselrode bei Moscheies eingeführt zu werden, was der russische Gesandte Baron Brunnow übernahm. Die Frau schreibt: „Als beide Herren, die uns gemeldet waren, eintraten, meinte ich, der Grosse mit dem Crachat müsse auch die berühmte Grösse sein, aber umgekehrt; es war der Kleine in dem unscheinbaren Anzug ohne Orden, aber mit sehr stechenden Augen. Höflich und liebenswürdig war er, wie nur ein russischer Staatsminister es sein kann und Moscheies spielte, ich weiss nicht wie viel und wie lange. Auch E. musste sich produciren und erntete viel Lob und der Refrain zwischen den Musikstücken war immer und wieder der ausgesprochene Wunsch, uns Alle in Russland zu sehen. Auch der Graf Michael "Vielhoursky beredet Moscheies zu dieser Reise, und alle versprechen goldene Berge und Felsen, aus denen eitel Lorbeer spriesst." — n6 — „Vielhoursky.", fügt Moscheies hinzu, „ist einer der ersten Amateurs in Petersburg. Er singt russische Lieder mit Gefühl und Lebendigkeit und begleitet sich nicht nur diese, sondern auch Stücke aus einer selbstcomponirten,. nationell interessanten Oper, ganz vortrefflich. Er und Nesselrode sind mir freundlich gesinnt und wollen mir den Aufenthalt so nützlich als angenehm machen, falls die Grossfürstin Alexandra sich erholt; denn wenn sie stürbe, so wäre für dies Jahr wenigstens nicht viel in. Petersburg zu unternehmen."-----------Sie starb und so ward dieser Reiseplan im Entstehen aufgegeben. Später schreibt die Frau: ...„Es ist komisch, dass so ein Mann wie Nesselrode sich nicht räuspern darf, ohne dass es in die Zeitung kommt. Sogar über seinen Besuch bei uns wird geschrieben und erzählt, wie es Moscheies erstaunt und überrascht hätte, des grossen Mannes musikalisches Verständniss kennen zu lernen; dieser, dem Moscheies' Ruf bekannt, wäre seinerseits nicht astonished aber highly delighted gewesen u. s. w. Gewiss hatte die Morning Post ein leeres Fleckchen, das sie ausfüllen musste und „gossipte" dies."... Moscheies hatte sich an den Verleger Buxton mit Schumann's „Paradies und Peri" gewendet, musste aber zu seinem nicht geringen Aerger hören, dass dieser das herrliche Werk nicht verlegen wollte. Da die Reise nach Petersburg aufgegeben worden war, so trat der frühere Wunsch, „das liebe alte Wien noch Einmal wiederzusehen", mit doppelter Kraft hervor, und es ward nach mancher Berathung beschlossen, sich in diesem Herbst mit der älteren Tochter dorthin ?u wenden. Es ging über Boulogne, das ein Brief „die "Vorstadt Londons" nennt, und wo man viele bekannte englische Familien und die berühmtesten Künstler wieder fand, sich aber vor Concerten hütete, nach Aachen. Dort wird Halt gemacht, weil es so viele alte Freunde giebt, die Mosche- les wieder hören möchten und die ihn zu einem Concert bereden, und mit Recht, da der glänzende Erfolg nur beglückend sein konnte. Eine Woche wird den Schönheiten • — ii7 — des Rheins mit seinen Seitenthälern gewidmet, aber die Frau bemerkt: „Alle Beschreibungen der herrlichen Scenerie unterbleiben; wir lassen "Byron's Childe Harold für uns reden. Jetzt sind wir in Frankfurt, Mendelssohn in Soden; was kann schöner sein?" Es wurden Besuche hinüber und herüber gemacht und viel musicirt. „Der soeben in Frankfurt versammelte Pianisten-Congress ist nicht gering", schreibt Moscheies. „Döhler und Leopold von Meyer geben Concerte. Die älteren Freunde Aloys -Schmitt, Wilhelm Speyer, Rosenhain und Hiller begegnen mir musikalisch, die liebenswürdige Frau des verstorbenen Freundes Ferdinand Ries sah ich gern wieder, Frl. Graumann singt hübsch, Dr. Reiss brachte mir seinen begabten jungen Sohn, Gutzkow gesellt sich gern zu uns Musikern und ist selbstverständlich eine angenehme Zugabe zu unseren Abenden. Die anderen hiesigen Musiker habe ich Euch schon genannt und ich kann sagen, sie nehmen mich mit offenen Armen auf, behaupten auch, ich müsse Concert geben."... Wirklich kam es den 25. September dazu, und da der Messe halber alle Locale vergriffen waren, so' gab es keinen anderen Saal, als den eigentlich zu kleinen Mühlens'schen. Mendelssohn spielte das Hommage ä Händel mit Moscheies, dieser viele Solo's, das Publicum bezeigte sich dankbar, und Alles verlief ganz nach Wunsch. Lassen wir uns aber durch einen Brief der Tochter, am nächsten Tage geschrieben, hinter die Coulissen führen. Sie erzählt; „Ich bin die einzige Schreibfähige. Mutter muss leider eine ihrer bösen Migränen aushalten, Vater fertigt mit einem halb unterdrückten „dass dich das Mäuserle", einen Diener der Frau *** ab. Diese Dame, die sich nur für Döhler und sein Spiel zu interessiren scheint, sagte Vater ganz von Oben herab: Wollen Sie uns Karten für Ihr Concert schicken? Er: Gern, aber wie viele? — Nun für alle ***. Er: Ich habe nicht die Ehre, die Zahl der Familienglieder zu kennen und bitte daher zu bestimmen. — Nun, schicken Sie zwei Dutzend. — Diese Art war schon sehr unangenehm, ebenso ihr Nichterscheinen gestern Abend, während sie in — n8 — Döhler's Concert den Ton mit Applaus angegeben hatten, doch aber mit ansehen mussten, dass sein Saal halb leer blieb. Nach alledem kommt heute ein Diener, zu fragen, was Frau *** schuldig sei? — Das war ein bischen zu viel für meinen geduldigen Vater, er nimmt in einiger Aufregung einen Concertzettel vom Tisch und giebt ihn dem Diener mit den "Worten: „Eine Empfehlung an Frau *** und die Preise der Plätze wären unten bemerkt", worauf der etwas verwundert abzog. Im Zimmer geht's ein und aus wie in einem Taubenschlag. Künstler kommen und gehen, um Vater zu seinen gestrigen Erfolgen zu gratuliren, darunter ist auch der Violinspieler Boucher, der Napoleon I. ähnlich sieht und sehr viel (auf französisch) spricht, nein schwatzt. Ich versuche taub zu sein___Jetzt musste ich aber eine Pause machen, denn Mendelssohn kam, und für den unterbricht man sich gern. Nun, da er fort ist, muss ich Euch eine wundervolle Geschichte von gestern erzählen, in welcher er eine Hauptrolle spielt. Der Saal war lange vor Anfang des Concerts gedrängt voll, und immer kamen noch Menschen; ein kleiner Nebensaal ohne Bänke stand offen. „Was werden die Frankfurter sagen, wenn sie keine Sitze finden", sagt Mendelssohn zu Rosenhain? „Wissen Sie was, wir Beiden wollen hingehen und Stühle miethen, Moscheies darf man so kurz vor Anfang des Concerts nichts sagen." Der gute Freund Rosenhain ist gleich bereit, die Stühle sind aber nicht so leicht zu bekommen. Endlich in einer kleinen Wirthschaft finden sich vier Dutzend. „Sie sollen gleich geschickt werden", sagt Mendelssohn. Aber wer bezahlt? fragt der Wirth. „Es ist ja ein grosser Künstler, — Moscheies — der ein Concert giebt, und es wird so voll, es fehlt an Stühlen — das Geld ist Ihnen sicher." — Die Herren Künstler, sagt der vorsichtige Wirth, geben manchmal Concert und gehen mit dem Gelde durch, Sie müssen mir etwas dran zahlen. Beide leeren ihre Taschen, die nicht sehr gefüllt waren, befriedigen aber den Wirth, und nun steigen sie in eine Droschke, Mendelssohn setzt zwei der Stühle mit hinein, zwei vorn zum Kutscher und — Hg — ruft: „Nach dem Mühlens'schen Saal, aber fahrön Sie recht schnell." So kommen sie an, die andern vierundvierzig Stühle hinterher, und das Publicum hat Platz. Dennoch sassen Madame Mendelssohn, Mutter und ich den ganzen Abend auf zwei Stühlen. Was Mendelssohn aber weit mehr als die Stuhlgeschichte aufregte, war, dass Vater in seiner As-dur-Etüde unten das tiefe Bass-C zugesetzt hatte. „Damit hast Du mich überrascht", sagte er, „das ist ein prächtiger Effect, der darf nicht vergessen werden, ich will ihn in Madame Moscheies ihr Album schreiben." Schnell holte ich es und dann zeichnete er noch die Droschke, sich, Rosenhain und die Stühle hinein, aber nur ein halbes Pferd — „das kann ich nicht auswendig machen", behauptete er."... • Von Frankfurt ging es nach Darmstadt, wo Mosche- les bei Hof spielte und Concert gab; dann nach Heidelberg, dessen Schönheiten die Eltern mit der Tochter durchliefen, nach Carisruhe, wo sich die alten Freunde Haizinger's zu ihnen gesellten, und die Grossherzogin (eine Wasa), höchst liebenswürdig war. „Sie empfing meine Frau und Tochter mit Küssen", sagt das Tagebuch, „ich musste ihr viel vorspielen, E. auch und zuletzt spielte sie selbst mit dieser aus dem vierhändigen Arrangement des Paulus." Moscheies giebt ein Concert im Theater, „der höchst interessante Schriftsteller Auerbach" wird in einem befreundeten Hause angetroffen, wo er „das>Habermus" und andere Gedichte in alemannischer Mundart vorliest. Man macht einen Abstecher nach Baden-Baden und dann geht's fort nach Stuttgart. Dort sind die Aufforderungen zu einem zweiten Concert nach dem ersten sehr dringend, aber in Augsburg ist Moscheies schon angekündigt. Von dort her schreibt er seiner Frau nach Stuttgart: „Nachts 10 Uhr. Nachdem mein Programm gemacht war, ging ich in's Theater, um mich meinen Sängern vorzustellen. Der Director Legier empfing mich mit offenen Armen, das schon costümirte Personal nicht minder. • Titus war „demente", Vitellia lächelte herablassend, Sex- tus im Tricot (also günstiger für die Entfernung berech- — 120 — net) näherte sich mir demungeachtet und erinnerte mich daran, dass wir uns schon aus Wien kennen. Wer aber fällt mir als Chordirector in die Arme? Hummel's Sohn, der mir gleich seine Dienste als Accompagnateur anbot. Ueber hiesige Familien und meine gute Aufnahme bei ihnen übermorgen mündlich. O wie schön!..." In Stuttgart sind Lindpaintner, Max Bohrer, Pischek, Molique, mit denen viel privatim musicirt wird, und die den Concerten doppelten Glanz verleihen; es sind vortreffliche Dilettanten dort, und die Aufnahme bei ihnen so herzlich, dass man sich am 27. October ungern trennt, um nach München zu gehen. — Von dort aus schreibt die Fraur „Hier scheint ein längerer Aufenthalt unvermeidlich, denn die Füsse einer Ballet-Tänzerin, der Elsler, stehen Moscheies' Händen störend entgegen; sie tanzt bis zum 6. November noch sechs Mal, und absorbirt Orchester und Publikum. Spricht aber Moscheies von Abreise ohne Concert zu geben, so widersetzt sich Alles; Kapellmeister Lachner, Graf Pocci, Graf Seinsheim, Baron Poissl, Gräfin Mejean, alle diese und noch Andere wollen für ihn laufen, sprechen oder schreiben, um einen früheren Concerttag, als den 9. November zu erlangen." Dennoch musste es trotz aller Bemühungen bei diesem bleiben, aber die Zwischenzeit verfliegt blitzschnell im Ansehen der Kunstschätze, im Verkehr mit echten Kunstliebhabern und Künstlern. Die Bekanntschaft mit Kaulbach, die sein Schüler Asher vermittelt, bietet grosse Genüsse, man ist viel in seinem Atelier und Moscheies sitzt ihm für eine Zeichnung___ „Er kommt wiederholt im Dämmerstündchen, wenn ich meine Finger exercire, in's Hotel", schreibt Moscheies, „sitzt, die Hand vor den Augen, neben mir und hört zu." Die Frau beschreibt eine komische Aventüre im Kaulbach'schen Atelier: „Es besteht-aus verschiedenen Räumen. In dem einen, grössten, malt er eben sein Jerusalem; es ist beinahe fertig und wir sehen so gern zu, wie er, in seinem Pelz dastehend, die letzte Hand an das Meisterwerk legt, In einem daranstossenden Zimmer steht ein Ciavier; gestern, als wir da waren, bat ---- 121 — ■er Moscheies Etwas zu spielen; als dieser aber eben recht im Zuge ist, wird Kaulbach leise abgerufen; wir hören lautes Reden, Moscheies nicht, und erst als Kaulbach und König Ludwig neben ihm am Klavier stehen, wird er sie gewahr. Nun findet die Majestät gleich das rechte Wort: „Freut mich, wollte zu einem Künstler, finde zwei. Und die Damen?" Wir werden vorgestellt und müssen auf Befragen des königlichen Inquirenten frei bekennen, dass ich die Mutter, E. die Tochter, dass ich aus Hamburg, sie aus London stamme, und was der interessanten Umstände mehr sind. Natürlich muss Moscheies spielen und sich loben lassen und dann verabschiedet sich die Majestät. Hinterher erzählt Kaulbach, wie der König es ungern sehe, dass er „für den Preussen arbeite" und ihn deshalb heute im Atelier einigermassen zur Rede gestellt habe. E. will die Scene gleich von Asher illustrirt haben und besitzt nun diese Zeichnung, treffend und wahr." Auch Graf Pocci bereichert die Albums der Familie mit seinen unnachahmlich schönen Federzeichnungen, und Kaulbach schenkt der Frau eine seiner Original-Handzeichnungen zu Schiller's Räubern, „ein Meisterwerk". Man muss die feine Ausführung dieser Zeichnung gesehen haben, um zu begreifen, dass die Familie Moscheies sie anfänglich für einen Stahlstich hielt und erst bei genauer Besichtigung den Schatz gehörig würdigen lernte. Der alte, schon sehr erschöpfte Moor ruht in einem Lehnstuhl, die neben ihm sitzende Amalie, ihre Hand liebreich auf des Greises Arm gelegt, liest ihm aus der heiligen Schrift vor — Franz, getreu nach Schiller's Beschreibung in seiner ganzen Widerwärtigkeit dargestellt, drückt die Hand auf die Thürklinke. als er sie die Worte aussprechen hört: Und Jacob trug Leid um seinen Sohn lange Zeit. — Seine Cainssünde ist in seinen Zügen zu lesen. — Zur näheren Erklärung aber ist der Brudermord noch in einem an der Zimmerwand hängenden Bilde dargestellt. Ja, Kaulbach hat es verstanden, in dieser Miniaturzeichnung das ganze Elend der unglücklichen Familie Moor bildlich zu verwirklichen und seine Phantasie ver- — 122 — leiht der des jugendlichen Schiller neuen Reiz und Ausdruck." ... Tags nach dem Concert ist das Zimmer überfüllt von Gratulanten und an „ordentliches Schreiben nicht zu denken", berichtet die Frau; „nur so viel in aller Kürze, dass der Abend wunderschön war — so schön, dass ich ihn um keinen Preis hergeben möchte. Der ganze Hof war dort, der König circulirte (wie gewöhnlich sagt man) im Zwischenact im Saal, und die jungen Mädchen behaupten, er frage dann oft: wie alt?" und bei seiner Taubheit müssten sie laut antworten, worauf es gewöhnlich heisstr „Und noch keinen Mann!" Aber mehr und ausführlicher aus Wien___ Doch ehe sie dahin abreisen, schreibt Moscheies an Frau von Lieben: „Das Herz pocht mir, liebe Freundin, wenn ich in der nahen Zukunft ein fortgesetztes Wiener Leben sich spiegeln sehe. Mit Gottes Hülfe wollen wir in der Erinnerung an die Blüthenzeit vergangener Jahre schwelgen. Bis dahin, wie immer, Ihr alter Freund I. Moscheies." Von Wien aus wird uns eine Beschreibung der Reise gemacht, die über Salzburg ging, und dann heisst es in einem Briefe der Frau: „Wir sind glücklich hier am Stefansplatz gelandet, und der ehrwürdige alte Thurm sieht uns gerade in unsern zweiten Stock hinein. Mosche- les ist aus, um Künstlervisiten zu erwidern, denn viele seiner alten Freunde waren schon bei ihm und die Herzen, scheint es, fliegen ihm Avie früher entgegen. Diese Reise, die eigentlich keine Kunstreise sein sollte, und es doch — man weiss selbst nicht wie — geworden ist, hat ihm grosse Freude gemacht. Ueberall als Liebling aufgenommen, umringt von alten Freunden und neuen Bekannten, erfolgreich in jeder öffentlichen Unternehmung, ist es eine Erquickung für Geist und Körper, sich in der Arena des Clavierspieles siegreich herumzutummeln, anstatt ewig in London zu schulmeistern; er geniesst das sehr, E. und ich vielleicht in erhöhtem Grade für ihn, denn Wenigen wird wohl das Glück zu Theil, so zu reisen, wie wir es thun; das empfinden wir dankbar... Umringt, wie Moscheies in "Wien lebt, bleibt ihm keine Zeit zum Brief schreiben, und wir möchten daher seine kurzen Tagebuchnotizen hintereinander folgen lassen, um seine Ansichten über das Musikwesen Wiens als ein Ganzes aufzustellen. „Haydn's Jahreszeiten in der Reitschule gehört. Die Hasselt-Barth vortrefflich." „Statt Beethoven ist jetzt Doni- zetti die Sonne der Musikwelt. Mich erwärmt sie nicht, leuchtet mir auch nicht voran auf neuer Bahn."... „Bei Hof war gestern eine Soiree, wo der Professor Wolff aus Jena eine Improvisation sprach; aber Musik hatten sie auch, nämlich Klatke, Künstler auf der Mundharmonika, und Moreau, Künstler auf der Guitarre."... „Frau von Cibbini ist noch aus der guten alten Zeit übrig geblieben — und erst die Baronin Erdmann, geb. Erdödy! Ich liess ihr keine Ruhe, sie musste mir Beethoyen's Cis-moll-Sonate vorspielen und es ging noch vortrefflich. Das ist eine interessante Reliquie des guten Clavierspiels."... „Dass Frau von Beer, für die ich als Fräulein Silny mein vier- händiges Rondo in A schrieb, es heute mit mir probirte und Vortreffliches leistete, war eine schöne'Jugenderinnerung."... „Aloys Fuchs besuchte mich, um mir Händel's M. S. Cantate con stromenti „Hero und Leander" zu zeigen, 1707 in Rom für den Cardinal Ottoboni componirt und im Jahre 1834 in Fuchs' Besitz gekommen; Sie fängt an: :=?=^?=h=i /- -1C= Qual ti ri - veg - go oh Dio. „Jaell brachte mir seinen zehnjährigen Wunderknaben Alfred, der schon Ausserordentliches leistet. Er will mein Kindermärchen öffentlich spielen und ich gab ihm einige Anweisung dazu."... „Nicolai's Oper „Die Heimkehr der Verbannten" gehört. Gut dramatisch, aber zu sehr italienisch abgenützt." ... „Saphir's Concert im Josefstädter Theater. Heindl begann es mit Flöten-Variationen über ein Schweizerlied — Furore — Ich spielte Serenade ohne Beifall — Kindermärchen ohne Beifall — Ungarischen — I2 4 — Marsch, Beifall und zwei Mal hervorgerufen. Demoiselle Neumann und Frau Rettich declamirten. Prume spielte Bravouren auf seiner Geige mit Beifall und Wiederholung. Saphir gab zum Schluss eine Vorlesung mit Humor und Wortspielen — das Beste, wie er sagt, von der Censur gestrichen — ein Capital, das er sich für seine alten Tage aufspart."... ,,Prume's Oper gehört. Langweiliges Sujet, Musik aus verbrauchten italienischen Formen zusammengesetzt; die Hauptrolle spielte die abgedroschene Tiroler Cadenz for- tissimo vom Chor, den Solosängern und den cornets ä piston unisono herausgeschrien. Freunde des Componisten Hessen diese Stellen wiederholen und suchten die Oper vor ihrem zweideutigen Schicksal zu retten." ... „Musikalische Soiree bei H. v. V. — Wolff improvisirte in gebundener Rede; ich spielte ein paar Etüden und auf Verlangen das ewige Kindermärchen auf einem „Streicher", den der Herr vom Hause durch sein Schlagen schon verstimmt hatte. Frau Hasselt sang Lieder seiner Compositum, ein Flötenspieler säuselte und meckerte allerlei Variationen." ... „Don Juan mit Frau Hasselt und Draxler war ein grosser Genuss." „Von allen Diners, die wir hier mitmachen, war das gestrige in Hietzing im Domeyer'schen Local das Interessanteste; für den Gaumenkitzel ist überall gesorgt, aber hier war statt der gewöhnlichen Unterhaltung die vortreffliche Tanzmusik des jungen Strauss, Walzer, Polka's und Ga- lopp's, bei denen Einem das Essen im Leibe tanzte."... „Randhartinger's österreichische Lieder mit Zither- Begleitung sind nationell pikant." „Wohlthätigkeits-Concert im Kärnthner Thor-Theater. Ueberfüllt, kaiserliche Familie dort. Publicum warm, empfänglich für Alles. Ouvertüre zu Cortez; sehr gut ausgeführt." „Der liebe alte Freund Dessauer Hess mich schöne Lieder seiner Compositum hören; ich musste ihm vorspielen."... „In der Concordia finde ich viele der alten Ludlamisten zu meiner Freude wieder. Castelli, der mir erzählt, dass er jetzt 1300 Tabaksdosen in seiner Sammlung besitzt, von Vesque, Proch, Marsano, Stern (Geiger), — 125 — Grillparzer, Deinhardstein, Kuffner, Lannoy, Fischhof, Prume, Hauser, Randhartinger. Anschütz declamirte, ich phantasirte auf einem „Streicher", Prume spielte. Schöne Kupferstiche von Stöber waren ausgestellt." „Fischhof's Besuch bereitete mir einen höchst interessanten Abend, denn er brachte Bach'sche M. S. Concerte, die wir pro- birten. Er will mir auch einige von seinen derartigen Schätzen mit nach London geben." „Der Cellist ** aus München hat viel Bravour, ist aber unpoetisch wie Bairisch Bier." „Der gewisse schreiende S. brachte sein Wundertöchterchen und folterte meine Ohren durch sein Peroriren und das Geklimper des. Kindes. Endlich durch den Briefträger erlöst." „Wir wollten E. das Local des Redoutensaales zeigen, wo ich Walzer und Menuett zugleich zu hören pfxegte, da ich den Effect oft scherzweise am" Klavier nachahmte; jetzt giebt es kein solches Durcheinander mehr, da man nur im grossen Saal zu Strauss' vortrefflicher Musik tanzt."... Moscheies giebt in Wien drei Concerte, am 23. November, 3. und 17. December, spielt als Novität sein Pa- storal-Concert, die Erinnerungen an Irland, mehrere der charakteristischen Etüden, und auch Beethoven's Es-dur- Concert und As-dur-Sonate, aber auch die alten Alexander- Variationen werden wieder verlangt, wie gern er sie auch ignorirt hätte. Zu dem Hommage ä Händel wirbt er den jungen Pauer, „der sie vortrefflich spielt" und ihm grosse Freude durch das Eingehen in seine Intentionen macht. Der Dr. Bacher ist bei allen Einrichtungen seine rechte Hand, bei allen Schwierigkeiten sein Helfer. Die Frau schreibt: „Man lacht, wenn wir von einem dreiwöchentlichen Aufenthalt sprechen und nennt die Idee unmöglich. Ein Moscheies, der seit 18 Jahren nicht in Wien war, könnte wohl wie Liszt den Winter hier zubringen. Es ist nämlich eine Hetzjagd von Concerten — morgen an dem einen Tage giebt's deren fünf, und der erste ganz freie Tag, sagt man, sei der 26. December; heute haben wir den 16. November. Der Adel hält noch ä l'anglaise seine Jagden, und eine hier ' anwesende Pester musikalische — 12Ö ---- Notabilität räth Moscheies, dessen Rückkunft abzuwarten, indem er einstweilen nach Pest geht und dort spielt. Graf M. D., der den Schlüssel zu den Hofconcerten führt, behauptet, jetzt im Advent gäbe es deren keine, und vor Mai fände schwerlich eins statt. Wie Ihr Moscheies kennt, nimmt er diese Sachen sehr ruhig, freut sich des überaus herzlichen Empfanges, den uns der grosse Kreis seiner Freunde und Anhänger bereitet, und hat, wie er sagt, für diese, schon den 23. d. M. zu seiner Matinee festgesetzt." ... E. schreibt Tags nach derselben: „ Es war prächtig, Vater von dem vollen Saal als alten Liebling empfangen zu sehen, immer drei Mal gerufen, das Kindermärchen wieder verlangt, als er es aber zum zweiten Mal anfangen wollte, so heftiger Applaus, dass er seinen armen Rücken erst zu einer Menge Complimenten beugen musste, ehe er es, spielen durfte. Zum Schluss der Improvisation über Beethoven's A-dur-Symphonie brachte Vater das Liedchen: S'giebt nur a Kaiserstadt etc., das war ein Jubel! Die gewissen murmelnden Bravo's, die durch den Saal gingen, kamen von Herzen und hätten Euch ebenso erfreut, wie Mutter und mich. Schon im Saal wurde der 28. für das zweite Concert festgesetzt, es geht also Schlag auf Schlag."... . Es wurde nothwendig, dies zweite Concert auf den 3. December zu verlegen, an dem es, mit womöglich noch gesteigertem Beifall stattfand. Auch das dritte Concert erlitt einen achttägigen Aufschub, weil der Hof trotz des Advents ein Concert für Moscheies ansetzte. „Dies ist ganz ehrenvoll", schreibt die Frau, „doch durchkreuzt all' der Aufschub unsere Pläne unangenehm, und wie ungern wir uns von dem neugebackenen Kammer - Virtuosen Seiner K. K. Majestät trennen, wir eilen zu Euch und den Kindern. Die Theater sind herrlich, von der Burg an bis herunter zum Elysium, und' Alle stehen uns durch die Grüte der Abonnenten offen. Das Haus von Eskeles kann ich nicht genug rühmen, denn es ist wie unser eigenes; früher war ich dort Tochter, weil sie Moscheies — 127 — in seiner Jugend als Sohn behandelt hatten, nun geht die Liebe auch auf E. über. . . . Wir haben einem prachtvollen Toison-Fest beigewohnt, wo zwei ganz junge Erzherzöge, die in blau und weissem Atlas reizend aussahen, zu Rittern des goldenen Vliesses geschlagen wurden. Der arme kleine schwächliche Kaiser Ferdinand konnte nur mit Hülfe seines Kollowrat das grosse alterthümliche Schwert heben und den Jünglingen die Akkolade geben. Die Kaiserliche Familie in ihrer Loge, die Ungarische Nobelgarde mit Edelsteinen übersäet, der antike Ritteranzug mit Turban und Mantel merkwürdig, und das Ganze höchst imposant."... Am 12. December Tags nach der Abreise von Frau xmd Tochter schreibt Moscheies über seine traurige Stimmung. „Ich fesselte mich an mein Ciavier, um die Grillen dieser plötzlichen Trennung zu verscheuchen." Ein zweiter Brief desselben Datums um n Uhr Nachts sagt: „Du fährst jetzt in die kalte Nacht hinein, ich komme eben aus dem Hof-Concert und will mit Dir wachen, um Dir darüber zu berichten. Es fand in dem von Kaiser Leopold mit den schönsten florentinischen Mosaikbildern geschmückten Saal statt, auf die der Kerzenglanz magische Reflexe warf. Die Gesellschaft war etwa 200 Personen stark, vorn auf der ersten Reihe die ganze k. Familie. Alle unterhielten sich gemüthlich mit mir, sagten mir auch viel Schönes, und die Kaiserin-Wittwe fragte, ob es nicht im Jahre 1824 gewesen, wo sie mich in Prag nach einer Krankheit gehört. Sie hatte Recht. Die Erzherzogin Sophie erinnerte sich meiner am Münchener Hof. Beide hatten auch von meiner Frau und Tochter gehört, und wie Letztere ein so schönes Talent habe. Erzherzog Carl gedachte der ihm unter meiner Mitwirkung gebrachten Serenaden in Baden, Erzherzog Franz Carl hatte mich oft bei und mit seinem Bruder, dem Erzherzog Rudolf gehört. Mit der Improvisation Aväre es beinahe schlecht gegangen. Ich bat die Majestäten um ein Thema und sie wählten etwas aus „Linda di Chamounix" von Donizetti. Natürlich war ich gezwungen, mir das Armuthszeugniss — 128 — zu geben, dass ich diese „herrlichste aller Opern" nicht kenne, worauf man mir unbelesenem alten Zopf denn Themen aus Mozart'schen Opern vorschlug. Ich nahm „batti, batti" und das Champagnerlied, dann im Hinblick auf den Helden Erzherzog Carl, zum Schluss noch „See the conquering hero." Der Kaiser sagte: „War das letzte nicht der Marsch aus der Vestalin?" worauf ich: „Etwas Aehn- liches", und die Kaiserin schnell mit der Frage einfiel: „ob ich in Wien oder Prag meine Schule gemacht?" Um 1072 Uhr entfernte sich der Hof, es wurde Eis gereicht, und das Confect, das ich dazu nahm, steckte ich für die Kinder ein. — Gute Nacht, denn ich habe viel für's Con- cert zu thun; wie schön, wenn ich erst einen Brief von Dir bekomme" .... Am 13. December schreibt Moscheies: „Gut, dass wir uns zu der temporären Trennung" entschlossen haben, denn mein hiesiger Aufenthalt spinnt sich neuerdings aus. Graf Szechenyi war eben bei mir, um mich für den 19. zur Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Carl zu befehlen, bei welchen ich spielen soll. Die Art und Weise, wie ich über das Händel'sche Thema phantasirt, hatte in ihnen den Wunsch erregt, mich über Gluck'sche Motive improvisiren zu hören. Ausserdem verlangte der Graf eine Speisekarte meiner Compositionen als Auswahl für den Abend, das Kindermärchen als Confect, und schliesslich wurde bestimmt, ich solle Mittwoch Abend zu ihm kommen, wo wir eine Probe aller bei Hof zu spielenden Stücke halten würden. — Ein komisches Zwiegespräch hatte ich mit Graf Moritz D., die Feder eines Hoffmann würde es Dir besser beschreiben; ich erzähle Dir's nur schlichtweg. Er kam, räusperte sich und sagte: „Für Ihr schönes Spiel bei Hofe habe ich Ihnen dieses (ein Röllchen Dukaten) zu übergeben." Ich nahm es, sagte aber, wie mir irgend ein Andenken der hohen Herrschaften mehr werth sein würde als Geld, worauf er: „Aber was thun's mit so a klan's Nipperl? schau'ns der Prume kriegt auch Geld, aber nit so viel wie Sie — es sein 60 Duk." Ich wiederholte, er wiederholte, endlich sagte ich, wie ich — i2g — auf seine gütige Vermittelung für die Erfüllung meines "Wunsches rechne. Die Excellenz wurde weich, verlegen und sagte: „Na, geben Sie mir das Geld, ich will sehen was zu thun ist, morgen sollen Sie Bescheid haben." — Eben, wie ich diesen Brief abschicken will, bringt mir schon der Graf drei Diamant-Hemdknöpfe und sagt: „Ich hoffe, die treffen Ihren Geschmack, sind auch gerade von dem Werth des Geldes." Ich bedankte mich höflichst für seine Mühe und die Sache war abgethan." „Wieviel ich seit Deiner Abreise wieder mitmachen musste, davon mündlich; Du kennst es ja, nur dass jetzt überall von Euch die Rede ist..... Ein grosses musikalisches Leid hatte ich auszustehen. Mendelssohn's Lobgesang von der Gesellschaft der österreichischen Musikfreunde aufgeführt; für mich ein Hochgenuss, aber ich sass wie auf grünem Rasen von Eisschollen umgeben; ich durfte dem Irdischen entrückt, mit dem Tondichter in höheren Sphären schweben, durch nichts gestört, durch kein Händeklatschen abgezogen, denn das Publikum sass da in starrem Gleichmuth. Der Choral, das „Hüter, ist die Nacht bald hin", rührte mich bis zu Thränen. Tritt Herr Hoschek, Musiklehrer, zu mir und sagt: „Ist das nicht kunstvoll zusammengestoppelte Musik?" Ich war wie aus einem Luftballon heruntergestürzt, verbiss den Ingrimm und sagte: „Wie man's nehmen will." Bei'm Schlusschor räumte das Wiener Völkchen schon den Saal; die Schöberlsuppe rief. Die Wenigen, die blieben, gaben so matte Zeichen des Beifalls, dass ich an das Knistern eines erlöschenden Kaminfeuers erinnert ward." .... Ein Brief vom 17. December sagt: „Vom Concert nach Hause kommend, in welchem der Enthusiasmus für mich aufs höchste stieg, gönne ich mir keinen Moment Ruhe und berichte Dir. Das vielmalige Rufen kennst Du, den stürmenden Beifall auch, Beides ist hier so gang und gebe, dass es keinen Eindruck macht; aber ich weiss nicht, warum mich die Demonstrationen des Publikums während meines G-moll-Concertes weich stimmten, so dass ich mir selbst Gewalt anthun musste, um kampffähig zu bleiben. Moscheies' Leben. II. Q — 130 — Im „Hommage ä Händel" wurden wie in Leipzig schon die letzten 20 Tacte durch Beifall übertönt, was mich besonders für meinen jungen Compagnon Ernst Pauer freute, der eben so bescheiden als tüchtig ist. Die Alexander- Variationen kannst Du Dir denken. Nun habe ich noch das Hof-Concert, dann kommt die Abreise". . . . Aus Prag schreibt Moscheies: „Ich habe gestern in Begleitung der Geschwister das Grab meiner Eltern besucht und mich mehr beruhigt als erschüttert dadurch gefühlt. Ueberhaupt thun mir die ruhigen Tage fern von hoffärtigen oder faden Besuchen und wissbegierigen Col- legen gut. Bei Lemel's bin ich immer gern, da sie mich wahrhaft herzlich aufnehmen; sonst vermeiden wir es, Jemandem von meiner Anwesenheit zu sagen. Ein Con- cert würde mich zu viel Zeit kosten, so will ich nur meinen armen leidenden Bruder trösten und unterhalten, indem ich ihm von meinen letzten Erlebnissen in Wien erzähle..... Nun den Kindern noch ein Wort: Liebe älteste Tochter! Du hast gewiss von Deinem zerstreut tollen Weltleben den Hamburger Verwandten schon genug erzählt und bist eben zu Athem gekommen. Jetzt sehe ich der Zeit entgegen,- wo Du Dich mehr mit Dir selbst beschäftigen und Deinen Geschwistern als Wegweiser auf dem Gebiete der Bildung dienen wirst! .... Du liebe S., wirst das Wiedersehen mit Deiner geliebten , Mutter gewiss als einen glücklichen Wendepunkt' nach der Prüfungszeit der Entfernung ansehen und es durch diese doppelt gemessen. — Lieber F., wenn das optime, das der Lehrer unter Deine Arbeit setzte, sich auf Dein ganzes Betragen bezieht, wirst Du stets meiner Zufriedenheit, meiner Liebe gewiss sein. Nimm Dir vor, das optime durch's Leben als Wahlspruch zu behalten. — Dich, mein Kleinchen, hoffe ich als -grosses Mamsellchen wiederzusehen. Nimm Dich nur in • Acht, wenn Du mir bei'm Wiedersehen um den Hals springst, dass Du mich nicht umwirfst. Adieu"..... In Dresden findet Moscheies viele concertgebende Künstler, wie Döhler, Piatti, Mortier de Fontaine u. A., — i3i — kündigt daher das seinige für den 7. Januar an und geht nach Leipzig, wo er am 1. Januar im Gewandhaus-Concert spielen soll. Das Wiedersehen njit Hauptmann, David, Gade, Joachim, Frau Frege, dem ganzen musikalischen Kreis übt den gewohnten Zauber auf ihn aus. „Das ist eine echt künstlerische Atmosphäre, in der sich's gut Musik macht", schreibt er seiner Frau. „Meine Probe ist sehr gut ausgefallen, David dirigirte mit dem baton und wir hatten nicht ein Binziges Mal anzuhalten. Ein Violinspieler, Bazzini, soll hier in der Maurer'schen Concertante mit David, Ernst und Joachim grossen Effect gemacht haben und eine von Ersterem dazu geschriebene Cadenz electrisch gewirkt haben. Gestern übte ich mich mehrere Stunden auf dem Härtel'schen Instrument ein. Abends war ich bei David's und zwar allein, da alle von ihm dazu Geladenen an diesem Sylvester-Abend schon versagt waren; darunter der jetzige Concert-Director, der junge Gade, der einen Mozartähnlichen Kopf hat. David spielte mir seine M. S. Variationen in G-dur über ein eigenes Thema, Variationen über ein schottisches Lied, Alles pikant; auch begleitete ich ihm aus der Partitur Mendelssohn's neues Violin-Concert, für ihn geschrieben. Es ist sehr schön, das letzte Stück Mendelssohnisch feenartig hüpfend; der ganze Abend war genussreich. Um 11 Uhr ging ich nach Hause, gab meinen Gedanken Audienz und begrüsste das neue Jahr mit dem Gedanken an Dich und die Unsrigen! — Es bedarf aller meiner Thätigkeit, um mir unsere lange Trennung erträglich zu machen, — aber wie gross, wie ungetrübt stelle ich mir das Wiederfinden vor! . . . 1845. Moscheies schreibt an'seine Frau: „Leipzig, 1. Januar 1845, Morgens 7 Uhr. Glück und Segen zum neuen Jahr! Gestern Nacht schrieb ich Dir, heute will ich noch Einiges nachtragen. 9* — i3 2 — Schleinitz sprach mit mir wegen der Annahme einer Stelle- am Conservatorium, gab mir auch zu gleichem Zweck einen Brief an den Minister von Falkenstein in Dresden; ich konnte natürlich, unvorbereitet wie mir die Idee kam, nur antworten, wir würden seiner Zeit darüber sprechen. — Ein Herr Preusser, der statt des kürzlich verstorbenen F. Kistner Concertdirector ist, hat als Vormund von K.'s Tochter bestimmt, dass die Musikhandlung nicht verkauft werde, und hat alle dabei betheiligten Künstler — auch mich — ersucht, unsere Beziehungen aufrecht zu erhalten. Es soll ein sehr blühendes Geschäft sein. Abends nach dem Concert. Erst jetzt kann ich fortfahren. Erst kamen Leute zu mir, dann machte ich musikalische Besuche, probirte mein Trio mit David und Wittmann bei Härtel, hörte Bach's herrliche Motette (G-moll s/ 4 ), ass bei David mit Gade, Hauptmann und Joachim und machte Toilette für's Gewandhaus-Concert. Saal übervoll. Mendelssohn's fünfundneunzigster Psalm herrlich. Ouvertüre zu Gluck's Iphigenie. C-moll-Symphonie Beethoven, vortrefflich mit Piano's. Miss Lincoln, die Verwandte von Dilke's, sang zwei Mal brav. Mein G - moll - Concert sehr gut begleitet und aufgenommen. Nach dem Concert bei -David mit Gade, Schleinitz u. A....." Das Tagebuch sagt am 2. Januar: „Besuche der Musiker empfangen und ihnen vorgespielt. Um 2 Uhr nach Dresden, Abends in Döhler's Concert. Er spielte alte "Sachen mit Ausnahme einer hübschen Ballade in H - dur. Piatti vortrefflich, Wieck, Reissiger, Fürstenau u. A. getroffen. Thee bei Kaskels, später zu Hiller." 3. Januar. „Interessante Besuche gemacht und empfangen, u. A. Mme. Schröder-Devrient, Wagner, R. Schumann. Um 2 Uhr zurück nach Leipzig. Concert-Anstalten für den 7. d. M. In der Kammermusik mein Trio gespielt mit Wittmann und David. Alle andern Stücke mit Andacht angehört und aufgefasst." — 133 — Am 4. Januar. „Zurück nach Dresden. Gutzkow's ,,Urbild des Tartuffe" gesehen, und mich köstlich unterhalten. Emil Devrient als Moliere ausgezeichnet." Am 5. Januar. „Mein Zimmer wurde so voll von Besuchenden, wie Du es in Wien kanntest, und da viele Kunstjünger und manche Wunderkinder darunter waren, so ist es gut, dass ich kein Ciavier habe. Hiller gab mir eine grosse Matinee, bei der alle Künstler und Kunstliebhaber zugegen waren; wir spielten meine Es-dur-Sonate, ich allein viele Stücke, Alles enthusiastisch aufgenommen. Abends mit Hiller's in die neue Marschner'sche Oper „Adolf von Nassau". Sie hat viel Schönes in dramatischer Beziehung, die Instrumentation ist ausgezeichnet, nur in zwei Stücken fand ich unverkennbare Plagiate von Spohr und Donizetti. Der Componist wurde zwei Mal gerufen, obwohl das Publicum gegen Ende zu erkalten schien. Nach dem Theater fand ich bei den Freunden G.'s eine grosse- Gesellschaft, in welcher Hofrath Carus eine Vorlesung über seine Reise nach England als Begleiter des Königs von Sachsen hielt." Am 6. Januar. „Lipinsky und Reissiger „steckten" es mir noch zur rechten Zeit, dass sich einige Kapellisten wegen Mangels an persönlicher Einladung zu meinem Concert beleidigt fühlten und schnell machte ich es gut. — Eine traurige Stunde verlebte ich bei Frau von Weber. Ich fand sie neuerdings in Thränen um einen erwachsenen Sohn, der vor Kurzem in ihren Armen starb. Die arme Frau! Ich konnte ihr meine tiefste Theilnahme nicht versagen — aber mein Besuch war ihr auch tröstlich..... Jetzt ist es */ 2 2 Uhr Nachts und die Fortsetzung folgt, wenn ich ausgeschlafen habe..... " . Am 7. Januar, wieder n Uhr Nachts. „Mein heutiges Concert fiel über alle Maassen brillant aus; der schöne Saal des Hotel de Saxe übervoll, der Hof in einer Loge, Alles was ich spielte, mit Enthusiasmus von Publicum und Kapelle applaudirt, ich jedesmal hervorgerufen (gleichbedeutend mit sechs Mal in Wien). Ich spielte heute mein G - moll - Concert mit doppelter Leidenschaft, — 134 — das Kindermärchen wurde stürmisch wieder verlangt. Ich improvisirte (dem Ort angemessen) über Tenorarie und Lach-Chor aus dem Freischütz und man sagt, es sei mir Alles besonders gut gelungen. Die Kapellisten umringten und ertränkten mich in Lob. Viel Aufsehn erregte das Bach'sche Triple-Concert, dessen Cadenz sich vortrefflich steigerte. Mme. Schumann spielte die von mir componirte, darauf improvisirte Hiller die seinige ausgezeichnet schön, und ich führte auch improvisirend den Schluss herbei, der effectvoll wurde. Die Schröder sang auch ganz begeistert, so dass man mir allgemein sagt, es sei eins der schönsten Concerte in Wahl und Ausführung gewesen. Bei dem Freunde Hiller zum Thee. Und nun auf baldiges glückliches Wiedersehen....." „Morgen habe ich hier noch vollauf zu thun, dann einen kurzen Aufenthalt in Leipzig und Berlin; darüber aber morgen aus Leipzig Näheres, damit ich mir die Freude Deines Entgegenkommens be-- reiten kann....." „Noch vergass ich zu berichten, dass mich Minister von Falkenstein auf den Brief von Schlei- nitz hin äusserst freundlich empfing und mir Alles bestätigte, was dieser mir schon über das Leipziger Conser- vatorium gesagt hatte: dass man Nichts sehnlicher wünsche, als Mendelssohn's Aeusserung zu bewahrheiten; er selbst Avürde gern Director des Instituts, und möchte, dass ich die Leitung des Clavierspiels übernähme. Bis jetzt, sagte die Excellenz, fehle es noch an Mitteln, um Mendelssohn und mir einen genügenden Gehalt anzubieten. Doch würden Beide, Falkenstein und Schleinitz, mich stets im Auge behalten, auch den König von ihrem Wunsch in Kenntniss setzen, mich auf diesem Posten zu sehen. Ich glaube, Beide sind mir wohlgesinnt und so habe ich Aussicht , wieder ein deutscher Künstler zu werden und das modische Schulmeistern abzustreifen....." Der nächste Brief von Moscheies an seine Frau ist aus Berlin, 10. Januar 1845, 2 Uhr Nachmittags. „Ehe ich Dir über die hiesigen Zustände berichte, sollst Du hören, wie ich meine Zeit zubrachte, seitdem ich Dir aus Dresden schrieb. Ich hörte ein schönes Gewandhaus- — i35 ~ Concert in Leipzig in der Loge der Directoren, die mir sämmtlich ihr Bedauern ausdrücken, mich nur im Fluge hier zu sehen. Freitag, früh spielte ich bei Härtel vor einigen Künstlern und Freunden die Manuseript - Etüden, die ich bei Kistner zur Herausgabe für die Mozart-Stiftung lasse. . . . Zur Theaterzeit in Berlin im Hotel du Nord und gleich in die Oper um Meyerbeer's „Feldlager in Schlesien" zu hören. Aus dem Brief von ihm," den ich Dir schickte, weisst Du, dass ich mich vorher gemeldet hatte; auch fand ich ein Balkonbillet im Hotel vor. Meine Ueberraschung über das magnifike Opernhaus lässt sich nicht beschreiben. Dieses und die pikante Musik, Costüme, Ballete, Decorationen Hessen mich nicht zu Athem kommen. Wahrhaft entzückt hat mich Jenny Lind. Sie ist einzig in ihrer Art, und eine Arie mit zwei concertanten Flöten vielleicht das Unglaublichste, was man an Bravour hören kann; ich muss Dir noch viel darüber erzählen. Der arme Meyerbeer musste vom Dirigentenpult an's Bett seiner Tochter Bianca eilen, deren kranker Zustand sich gerade während der Oper bis zur Gefahr gesteigert hatte; so konnte ich 4hn nicht mehr sehen. Alle Freunde haben mich mit offenen Armen empfangen und Niemand begreift mein Davoneilen. Aber der Zeitaufwand für ein Concert oder das Spielen bei Hof wäre enorm, wie ich aus Meyerbeer's und Graf Redern's Berichten sehe. Der König ist nach Strelitz gereist (NB. Rossi's auch), Prinz und Prinzessin von Preussen durch eine achttägige Reihenfolge von Bällen und Gesellschaften in Anspruch genommen, der Concertsaal für's französische Theater eingerichtet, ist nicht zu haben, der Saal der Singakademie nur nach achttägigen Vorbereitungen zu • benutzen, der Director des Königsstädter Theaters verreist (vielleicht zu meinem Glück, denn es soll schwer sein, mit ihm fertig zu werden). Lord Westmoreland und Witzleben verreist, nur Jenny Lind, die herrliche und doch so bescheidene Sängerin hatte ich das Glück, zu Hause zu treffen. Morgen muss ich noch, um nicht unhöflich zu sein, ein grosser Diner bei Graf Redern mitmachen und dieselbe Nacht geht's fort...." — i3 6 — „Meyerbeer's Tochter ist in der Besserung; er war liebenswürdig eingehend in meine Absichten, kann aber an den "Verhältnissen und meiner Eile nichts ändern. Er unterhielt sich auch mit mir über Mendelssohn's schönes Ver- hältniss zum König....." „Wenn Eisenbahn und Eilwagen ineinander passen, so habe ich das Glück, Dich Dienstag Abend zu umarmen, doch wer kann darauf rechnen? Dein Entgegenkommen wäre also unthunlich. . . ." Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg kehrt die Familie Moscheies nach London zurück. Von dort aus schreibt er: „Die Aufführungen in Exeter-Hall sind wieder geisterfrischend und erhebend; das französische Theater durch Mlle. Plessy, Lemaistre und Mlle. Ciarisse stets unterhaltend; Mendelssohn's Antigone in Coventgarden trotz der Unvollkommenheit der Chöre doch genussreich." Auch im eigenen Hause wird Mendelssohn gesungen, der Freund Hullah hilft mit seinem Chor, Frl. Schloss und Mrs. Shaw sind mächtige Stützen; man wagt sich sogar an einige Stücke der Matthäus-Passion. Sir Henry Bishop wird zum permanenten Conductor der Philharmonischen Concerte erwählt. Moscheies schreibt: „Wie ist es möglich, ihn Bennett vorzuziehen, der doch thurmhoch über ihm steht? Solche Erlebnisse befestigen in mir den Gedanken, mich dereinst nach dem musikalischen Deutschland zurückzuziehen. Bis es aber dazu kommt, halte ich mich in Dankbarkeit an old England. Habe ich doch auch in Deutschland meine Widerwärtigkeiten! Ich darf den inliegenden Artikel*) wohl dazu rechnen, weil *) Der betreffende Artikel lautet: „Moscheies hat bei seinem letzten Aufenthalte in Deutschland gerade so viel verloren, als er bei seinem ersten gewonnen, nämlich 800 st Sterl. (96c» fl. Conv.-M.). Diese Summe hat er theils auf der Reise verausgabt, theils bei schlecht besuchten Concerten zugesetzt. Er selbst schreibt an einen Freund in Prag: „Liszt kostet mich viel. Ich glaubte es nicht, dass man jetzt ein anderes Urtheil über Pianofortespiel gefasst, als mir meiner Zeit zu Ohren kam. Es ist leider wahr! Ich war in Deutschland, um zu erfahren, dass ich seit Liszt rococo geworden. Zum Glück besitze ich so viel Geld, dass mich der Verlust nicht genirt, und so viel Talent, dass .es für England noch immer genug ist. Dass ich in Wien nicht durchge- — 137 — Ich weiss, dass er Sie ärgert. Ich selbst fühle mich meinen Neidern gegenüber wie ein General, der kleine Wunden nicht scheut, wenn er nur das Schlachtfeld behauptet. Auch hätte ich nicht geantwortet, wenn der Hamburger Correspondent das Gewäsch nicht aufgenommen hätte; nun bitte ich Sie, ihm Artikel und Entgegnung*) zu schicken....." Eine tiefe Betrübniss war es, den lieben Freund Neukomm erblinden zu sehen; doch erlöste ihn später eine Operation von seiner Unthätigkeit. Gegen Moscheles' Bruder erwies sich das Geschick unerbittlicher; er erlag seinem chronischen Leiden und geliebt wie er war, schlug sein Tod den Seinigen eine tiefe Wunde. Moscheles schreibt: „Ahes was jetzt meinen Geist und meine Zeit notwendigerweise in Anspruch nimmt, ist von dem Trauergedanken an meinen Bruder durchkreuzt und doch fühlte ich mich gestern bei Alsager durch die Gewalt der Kunst über das Irdische erhoben. Ich musste vier Beethoven'sche Sonaten und eine Improvisation spielen und war froh, dass drangen, schmerzt mich am Meisten. Dort, wo ich so schön gelebt, hätte ich nicht zu sterben gedacht." *) Hier die Erwiderung: London, März 1845. Als mir umstehender Artikel von einem Freunde in Deutschland zugesandt wurde, hatte ich die Absicht, ihn mit dem Stillschweigen zu übergehen , das ich für die würdigste Entgegnung auf eine solche Fabrikation halte; da ich jedoch finde, dass er seit seiner Entstehung in einem obscuren Blatte auch den Weg in andere Publicationen gefunden hat, so betrachte ich es als meine Schuldigkeit, gegen alle die Höfe Deutschlands, ■die mich im vorigen Herbst und Winter mit so viel Auszeichnung aufgenommen, sowie gegen das Publicum der verschiedenen Städte, in denen .mir so reichlicher Beifall gespendet wurde, den Inhalt des ganzen Artikels hiermit für unwahr zu erklären. Ich habe im letzten September, October, November und December Concerte in Aachen, Frankfurt, Darmstadt, Carlsruhe, Stuttgart, Augsburg, München, Wien, Dresden und Leipzig gegeben" und dabei eben so wenig Gelegenheit gehabt, mich über den Eintrag zu beklagen, den mir mein Freund Liszt gethan haben soll, wie dies vor einigen Jahren der Fall war, als wir gleichzeitig in London unsere Concerte gaben! — Was den Ausfall gegen England betrifft, so wäre ich einer solch undankbaren Aeusserung gegen das Land, in dem ich seit 22 Jahren Anerkennung und Erwerb gefunden, als Mann von Ehre nie fähig, und wiederhole daher meine gänzliche Ableugnung des Umstehenden. I. Moscheles. - 138 - meine Kraft in der B-dur-Sonate nicht unterlag. Beim Adagio in Fis-moll war mein Gefühl am stärksten angeregt, aber in der Fuge bedauerte ich so viel extravagante Misstöne unter den Fingern hervorbringen zu müssen. Sie enthält mehr Dissonanzen als Consonanzen und mir scheint Beethoven darin zu sagen: „Ich will ein Thema gelehrt verarbeiten, es mag wohlklingen oder nicht." Der Freund, Professor Fischhof in Wien, schickt Moscheies das Bach'sche G-moll-Conccrt, in London gänzlich unbekannt, und er spielt es, sowie das in D - dur in einer seiner Matineen für classische Ciaviermusik, die wieder grossen Anklang finden. Auch lässt er es den Herzog von Cambridge auf dessen ausdrücklichen Wunsch im eigenen Hause hören. „Dieser kommt, nur von einem Groom begleitet, bei uns angeritten", schreibt die Frau, „hört mit Enthusiasmus dem Spiel zu, ist äusserst liebenswürdig gegen die Kinder.....Man kann nicht freundlicher für eine musikalische Stunde danken, wie der Herzog es that; er nannte sie eine der genussreichsten, die er seit lange verlebt." Moscheies wird in dieser Zeit auch zu einem Concert nach Buckingham-Palace befohlen und theilt die Ehre mit andern Künstlern. „Es. giebt deren eine Masse in dieser Saison", schreibt die Frau, „und wer bekommt die Palme? Vieuxtemps ist brav und Sivori ist es auch, aber freilich Teresa Milanollo ist erstaunlich. Pischek, Staudigl und Oberhoffer streiten auch um den Vorrang, Frl. Schloss. und Mlle. Meerti müssen einander Concurrenz machen, und auf dem Ciavier gab's erst einen Todtschläger; nun sind's aber auch schon zwei. Das singende Frankreich ist durch die Damen Garcia, Dorus Gras, Bertucat, Hennelle und Bochkoltz-Falconi vertreten. Alle sind uns empfohlen; denkt Euch das Uebrige. ..." Moscheies schreibt: „Ich hörte in- der Oper Musik von Felicien David, darunter die Wüste. Sie giebt das fremdartig nationeile des Orients pikant wieder. Der Marsch der Caravane mit der obligaten Clarinette und dem Sonnenaufgang gefielen mir, obgleich alle seine — 139 — Compositionen in der französisch leichten Manier gehalten sind. Auch eine Quadrillen- und Polka-Oper von Verdi für Singstimmen, Klappentrompeten, Posaunen und grosse Trommel habe ich. gehört; sie heisst Ernani. Am nächsten Abend als Contrast im Ancient-Concert, ein Concert von Emilio de! Cavaliere, 1600 componirt für "Violino francese, Chitarra, Teorbo, Arpa, Organo, Violino etc. Die bekannte Romanesca aus dem 15. Jahrhundert erinnerte mich an Reifröcke und Puder." Sir Henry Bishop hatte die drei ersten Philharmonischen Concerte dirigirt, die übrigen fünf wurden Mosche- les übertragen. Er redete in der Probe das Orchester ungefähr so an: „Meine Herren! Indem wir hier zusammen auftreten, möchte ich Ihre Leistungen mit den Fingern einer vortrefflich ausgebildeten Ciavierspielerhand vergleichen. Wollen Sie mir nun erlauben, die Hand zu sein, welche diese Finger in Bewegung setzt, darf ich diese durch alle Inspirationen zu beleben suchen, welche mir die Meister stets einflössen, und können wir uns in diesen Inspirationen begegnen, so werden wir Grosses leisten." — Ein andermal bei Gelegenheit einer Beethoven'schen Symphonie theilt er dem Orchester mit, „wie er in Wien diese und des Meisters andere grosse Werke als Novitäten gehört und wie er die Traditionen der Tempo's bewahre, die Beethoven damals in seiner Direction angab." Endlich erregt er noch grosse Heiterkeit, indem er Beethoven's Action beim Dirigiren nachahmt: das sich mehr und mehr Herabneigen bis zum Verschwinden bei Piano-Stellen, das allmähliche Erstehen beim Crescendo und das sich auf die Zehen Erheben und Aufhüpfen beim Fortissimo. Doch vergisst Moscheies nicht hinzuzufügen: „So wie ich aber den grossen Mann in seinen Werken nicht erreichen kann, so will ich mich hüten, seine Action nachzuahmen; bei ihm war es Originalität, bei mir wäre es Caricatur." Bei solchen Gelegenheiten drückten die Fidelbögen und die Klappen der Blasinstrumente ihre Zustim- — i 4 o — mung aus und in den Concerten herrschte Zufriedenheil und Anerkennung. Im letzten derselben spielt er das Bach'sche D-dur-Concert und freut sich über die im Orchester erzielten Piano's. „Mit der Zeit wollte ich mir die braven geschickten Leute schon zu mehr Schatten und Licht heranbilden." Dann reist Moscheies zum Musikfest nach Bonn und schreibt seiner Frau von Cöln aus: „Das Wetter mürrisch, glich meiner Stimmung, denn die Trennung hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Meine Philosophie muss helfen. . . . Meyerbeer habe ich hier besucht und ihn allein mit Pischek getroffen. Aller- seitiges Küssen war der Anfang, viele Fragen nach Dir die Folge, dann Festangelegenheiten. Meyerbeer brennen die Haare auf dem Kopf, denn von morgen an muss er hier in Cöln die Proben der Hofconcerte halten. Alle grossen Vocalsachen sollen ohne Orchester, nur mit Clavierbegleitung gegeben werden. Zwischen den Proben will Meyerbeer die Aufführungen in Bonn mitanhören.....•' Am 10. August kommt er in Bonn an und schreibt Nachts ii Uhr der Frau: „. . . . Im Hotel de l'etoile d'or, dem Sitz aller gekrönten Musikhäupter — braun, grau oder kahl — aller perükkirten oder lackirten Schädel, dem Versammlungsorte aller musik-verrückten Damen, alt und jung — aller Kunstrichter, aller deutschen und französischen Rezensenten und englischen Reporters, endlich des — vermöge seiner fürstlichen Gaben, Alles überstrahlenden Liszt — schreibe ich Dir. Kaum angekommen, traf ich Dr. Bacher aus Wien, den Abgesandten des österreichischen Musikvereins , der mir gleich anbot, sein bestelltes Zimmer mit ihm zu theilen; ein unschätzbarer Freundschaftsdienst, denn es sieht in den Strassen aus, wie nach einem grossen Brande, wo Jeder nur wieder unterzukommen sucht. Herren und Damen, darunter viele Engländer, mit einem Gefolge von Packträgern und Koffern jammern und betteln um ein Unterkommen in Hotels oder Privathäusern, — i4i — Freunde und Bekannte treffen und begrüssen einander, bunte Fahnen wehen, es ist ein geschäftiges Gewühl, Ich habe schon Collegen aus aller Herren Ländern gesehen und gesprochen, war auch bei Liszt, der mit Sekretären und Ceremonien - Meistern die Hände voll zu thun hatte, während Chorley still in einer Sophaecke sass. Liszt küsste mich, sagte mir eilig confus einige freundliche Worte, dann sah ich ihn erst im Concertsaal wieder, als er der Pleyel und andern Damen die Honneurs machte. Zu 400 Personen speisten wir an der table d'höte und nach 6 Uhr fand das erste Concert unter Spohr's Leitung in der neuen bretternen Beethoven-Halle statt. Die grosse Messe in D-dur gewährte mir zwar einen Hochge- nuss, doch ward er mitunter dadurch getrübt, dass die Composition vom ächten Kirchenstyl abschweift, daher nicht die Einheit der Farbe hat, die ich an andern Werken des Meisters so sehr schätze. Die darauf folgende neunte Symphonie wurde fast untadelhaft gegeben, der Sopran in den Chören besser nicht nur wie in London, sondern besser als ich ihn je gehört. Staudigl unübertrefflich , die Pauken wie in London nicht reingestimmt. — Herr Jäger vom Comite gab mir einen Ehrensitz unter den Künstlern. Liszt, wo er mir begegnet, besonders liebenswürdig. Ich schreibe Dir dies nach dem öffentlichen Souper im Gasthof, um mich für die Nacht gut zu stimmen. Einstweilen bleibe ich con amore, languendo, poco a poco agitato, ma sempre giusto dein . . . ." Aus dem Tagebuch. 11. August. „Ein neues Damptboot ward mit vielen Ceremonien Beethoven getauft. Der Zudrang zu seiner ersten Fahrt mit Unordnung, Gedränge, vielleicht Lebensgefahr verknüpft. Unter Kanonen - Salven machte das Schiff, in Begleitung eines andern, die lustige Fahrt nach Nonnenwerth, wo ein kaltes Frühstück bereit stand. Neben Spohr und Fischhof vortrefflich placirt. ■ Taschendiebe thätig, wir verschont." 12. Augu'st. Von 8 Uhr früh Lebendigkeit in den — 142 — Strassen. Versammlung der Studenten, Zünfte etc. Unter den Ehrengästen auf dem Rathhause gewartet, um 9 Uhr mit ihnen unter grossen Mühseligkeiten in die Münsterkirche. Beethoven's C-dur- Messe, ein erhebender reiner Hochgenuss. Vom Münster auf die Tribünen, die rings um das Beethoven-Monument errichtet sind. Bis I / 2 1 Uhr den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt; sehr lästig; endlich erlöst durch die Ankunft der hohen Gäste auf dem Balcon des Fürstenberg'schen Hauses. Es waren König und Königin von Preussen, Queen Victoria und Prinz Albert; grosser Hofstaat. Rede und Chor von, Professor Breidenstein." „Der Enthüllungs-Moment rührte mich tief im Innersten, besonders wegen der grossen Aehnlichkeit mit dem Verewigten, die Hähnel erzielt hat. An der table d'höte im Stern wieder dasselbe Gewühl, ich neben Bacher, Fischhof und Vesque; Liszt und seine Suite an Herren und Damen dominirend; Lola Montez unter letztern/' Um 5 Uhr Concert im Saal." „Dr. Breidenstein fragte bei mir an, ob ich im morgigen Concert die Adelaide accompagniren wolle; da Mme. Pleyel darin ein Concert spielen sollte, so fand ich es meiner Künstlerehre zuwider, einen geringeren Dienst darin zu leisten und schlug es ab." 13. August. „Letzter Tag des Festes. Liszt's dazu componirte Cantate begann. Sie hat manches Wohlgedachte und -gefühlte, wie z. B. die Einführung des Andante aus dem B-dur-Trio, die angemessen und geschickt gemacht ist. Sie hat auch gute Instrumental - Effecte, ist aber im Ganzen bruchstückartig. Stürmischer Beifall und Orchestertuch war sein Lohn. Der Hof kam nach der Cantate und sie wurde für ihn wiederholt. Der König wählte dann folgende Stücke aus dem Programm, die er mitanhörte: Ouvertüren Egmont und Coriolan, die Spohr vortrefflich dirigirte. Violoncellsolo, Ganz. Weber's Concert- stück — Mme. Pleyel. Arie aus Fidelio — Miss Sabilla Novello. Adelaide (schlecht gesungen) — Frl. Kratky. Liszt begleitete." — 143 — „Noch muss ich über Liszt sagen, dass sein Vortrag ■des Beethoven'schen Es-dur-Concerts mich grösstentheils befriedigte. Den energischen geistigen Theil des "Werks kann ich mir nicht besser denken, einiges andere hätte ich mir gemüthlicher gewünscht." „Als der Hof fort war, wurden noch einige Stücke gemacht, andere weggelassen! Um 2 Uhr Festmahl im Stern; Zudrang noch grösser als früher. Mit dem Beginn der Toaste gab es eine Reihe von Scenen, die an Rohheit und Zügellosigkeit mir und jedem Anwesenden merkwürdig bleiben werden. Gleich nach des Königs Gesundheit brachte der Improvisator Wolff einen Toast, den er das Kleeblatt nannte; es sollte den Dreiklang repräsentiren: der Grundton Spohr, die Terz, die Alles mit Liebe verbindet, Liszt', die Dominante, die Alles zur schönen Auflösung führt, Professor Breidenstein. Allgemeiner Jubel. Spohr bringt die Gesundheit der Königin von England aus, Dr. "Wolff die des Professors Hähnel, des Schöpfers des Monuments, und des Erzgiessers in Burtscheid; Liszt die des Prinzen Albert; ' ein Professor mit einer Stentorstimme wird verhöhnt, verlacht, man hört nicht, was er sagen möchte. Liszt spricht (etwas verwickelt) über den Gegenstand der Feier, alle Nationen wollen dem Meister ihre Verehrung zollen, alle sollen leben, Holländer, Engländer, Wiener (!!), diehieher wallfahrteten. Chelard erhebt sich mit Ungestüm und schreit Liszt zu: „Vous avez oublie les Francais." Viele Stimmen brechen wie Meereswogen darüber herein, einige dafür, andere dagegen. Liszt erlangt endlich das Wort, ■ sucht sich reinzuwaschen, scheint sich aber immer tiefer in ein Wortlabyrinth zu verstricken, bis er den Hörern endlich klar macht, dass er 15 Jahre unter den Franzosen gelebt und sie sicher nicht absichtlich hintangesetzt habe. Nun werden die Parteien noch ungestümer. Viele verlassen ihre Sitze, das Getobe wird betäubend und die Damen blass. Das Gastmahl bleibt eine Stunde lang unterbrochen. Dr. Wolff versucht es, auf dem Tisch stehend, wieder zu sprechen, wird drei bis vier Mal von seinem Platz verwiesen, und verlässt endlich den — 144 - Saal, das Babel seinem Schicksal überlassend. In allen Theilen des grossen Locals treten Parteien zusammen und durch ihr Toben wusste man nicht mehr, um was es sich handelte. Die französischen und englischen Journalisten mischen sich mit Klagen über Vernachlässigungen aller Art Seitens des Fest-Comite's in diese Wortschlacht. Als der Tumult an Thätlichkeiten grenzt, kommt der Wirth auf die gute Idee, die Musikbande aufspielen zu lassen; dies übertönt die Schreier, die sich auf den Hof zurückziehen; die Kellner serviren wieder, manche Gäste, besonders Damen, haben den Saal geräumt. Die streitenden Gruppen im Hof zeigten ihre zügellose Unverschämtheit und lächerliche Selbstsucht. Vivier und einige Franzosen nahmen Liszt in ihre Mitte und machten ihm die schmählichsten Vorwürfe: G. lief .von Partei zu Partei' und schürte das Feuer; Chorley war von einem französischen Journalisten angegriffen worden. Mr. J. J. wollte in dem englischen Gentleman Wentworth Dilke einen Deutschen sehen, der ihn vernachlässigt hätte; ich trat zwischen Beide, um wenigstens diese ungerechte Controverse zu enden. Ueber- haupt versuchte ich die geistig Blasirten zu versöhnen und hielt Leichenreden über die in Wortschwall Untergegangenen. Ich selbst blieb schussfrei und neutral; ebenso meine Wiener Freunde. Um 6 Uhr Abends verliess ich betäubt den Schauplatz des Skandals, der mir in den Ohren nachhallte. Zum musikalischen Kaffee bei der Gräfin Almäsy, aber nicht auf dem Festball, sondern lieber dies geschrieben und ein paar Stunden mit Fischhof verbracht,, der mir seine „Theorie des Transponirens" zeigte. . . ." Es giebt ein altes französisches Scherzgedicht: „Vous m'envoyez le lendemain un billet date de la veille." Etwas Aehnliches sollte Moscheies zu Ende des Bonner Musikfestes erfahren. Ihm war keine Einladung von Meyerbeer oder Liszt zu den Hofconcerten in Stolzenfels und Coblenz gemacht worden, zu denen manche seiner Kunstbrüder auf circulirenden Listen befohlen wurden; er reiste daher am 14. nach Cöln, traf dort mit seiner Familie zusammen, widmete zwei Tage den Schönheiten des Doms und — 145 — einigen Freunden. Erst am 17., also nach seiner Abreise, erreichte die folgende Sendung Cöln: „Verehrter Freund! Se. M. der König, der erfahren hat, dass sie in diesen Gegenden sind, hat befohlen, Sie einzuladen, dem Hof-Concerte beizuwohnen, welches der König in seinem Schlosse zu Coblenz morgen Abend, Sonnabend den 16. giebt. Diesen mir sehr verehrten Auftrag giebt mir diesen Augenblick der Herr Graf von Redern im Namen des Königs. Aber es ist Mitternacht, das Concert in Stolzenfels ist eben vorüber, und es ist daher nicht möglich, Ihnen diese Zeilen vor Sonnabend früh nach Cöln abzusenden, mögen sie nicht zu spät kommen. Auf jeden Fall werden sie Ihnen ein Zeichen der achtungsvollen und freundlichen Erinnerung sein, in welcher Ihr Name beim König steht. Herzliches Lebewohl, theürer Freund. Ihr ganz ergebenster * Meyerbeer." Herr Lefebre vom Hause Eck in Cöln hatte dies Billet mit einigen Zeilen des Bedauerns begleitet, da er voraussah, dass sie Moscheies nicht rechtzeitig zukommen würden. Als Moscheies dem Schwiegervater eine Copie derselben einschickt, schreibt er dazu: „Ich überlasse es Ihrem Scharfsinn, das „Warum" und „Wieso" dieser Transaction zu ergründen; warum ich nicht schon in Bonn zugleich mit den andern Künstlern zu den Hofconcerten geladen wurde? Wieso des Königs Befehl mich nicht rechtzeitig erreichte? Ein königlicher Bote, Sonnabend früh den 16. d. M. von Stolzenfels abgesandt, musste mich schnell in Cöln treffen, meint man....." In ihren Genüssen durch diesen Zwischenfall nicht gestört, macht, die Familie Moscheies die Rheinfahrt gleichzeitig mit der Prinzessin von Preussen, und geniesst auf dem Dampfer erst ihre huldvolle Unterhaltung, dann Abends den herrlichen Effect der für sie beleuchteten Berge und Ruinen, „ein feenhafter Anblick." Ein stilles, freundliches Eckchen des Lichtenthals bei iloscheles' Leben. II. . jq — 146 — Baden nimmt sie und die Familie Rosenhain auf, „und es ist kein Ende der Spaziergänge, der Picknicks in der reizenden Umgegend." Felicien David ist in Baden und spielt Moscheies seine Es - dur - Symphonie aus der Partitur vor. „Die Musik hat viel melodischen Fluss, ist nicht vulgär, auch farbenreiche Instrumentation hat sie, nur nicht immer Einheit im Styl." Aus dem Badischen geht es nach Paris, wo Mosche- les seine Sonate symphonique componirt und sie dann mit Halle, später mit seiner Tochter in befreundeten künstlerischen Kreisen zu Gehör bringt. Tags vor seiner Abreise wird er nach St. Cloud befohlen, wo man die auch in der Oeffentlichkeit besprochene neue Composition hören will. „Am 23. November", sagt das Tagebuch, „mit E. nach • St. Cloud, von der königlichen Familie freundlichst empfangen. Die Königin, Mme. Adelaide, die Herzogin von Orleans mit ihren Damen und Cavalieren beim Thee, der König kam aus einer anstossenden Galerie, um die Sonate zu hören, die E. sehr brav spielte; sie musste auch Solo spielen; ich phantasirte ä la Gretry, des Königs Lieblingsgenre. Alles machte den besten Eindruck." So schliesst der Pariser Aufenthalt. — Im December erreicht Mosche- les ein gewichtiger Brief • von Mendelssohn. „Wird er", heisst es darin, „die oft besprochene Uebersiedelungsidee wahr machen und am Leipziger Conservatorium mit ihm zusammenwirken? Welch' herrliche Früchte Hessen sich für die Kunst und für die Freunde von Deiner Annahme erwarten! DassDirdas Leben hier zusagen würde, bezweifle ich keinen Augenblick, da Du das Leben dort so ansiehst, wie Du mir sagst. Auch gestehe ich Dir offen, dass Alles, was ich von dem dortigen Treiben jetzt höre, was ich zum Theil vor ein und ein halb Jahren selbst mitansah, ' derart ist, dass ich wohl begreife, wie Dir der Aufenthalt von Jahr zu Jahr weniger zusagt, wie Du Dich von dem ganzen Wesen wegsehnst, . . . ." „Nun bitte ich Dich, wenn Du irgend etwas bei der ganzen Sache zu berühren hast, sage es mir, und gieb — 147 — mir Gelegenheit, in einer Unterhandlung thätig zu sein, die möglicherweise eine der segensreichsten werden kann, die je für die hiesige Musik geführt worden sind. . . ." Moscheies' Annahme wäre vielleicht sogleich erfolgt, hätte der wichtige Schritt nicht reifliche Ueberlegung erfordert. Er erbittet sich also Bedenkzeit von dem Freunde und tauscht berathende Briefe mit dem Schwiegervater aus. SIEBENTER ABSCHNITT. LEIPZIG. 1846—1870. 1846. Schon am zweiten Januar erreicht der förmliche Antrag des Leipziger Conservatoriums London; er ist in den freundlichsten Ausdrücken abgefasst und von den Herren Dr. Seeburg, Dr. Keil, Preusser und Schleinitz unterzeichnet, und wieder schreibt Mendelssohn, wie „die Aussicht der Annahme ihm sehr, sehr grosse Freude macht." Und dann: „Am Tage, wo Du zusagst, trinke ich meinen besten Wein und etwas Champagner obenein." Dann folgen in diesem Briefe eingehende Notizen über Einnahmen und Ausgaben in der neuen Stellung, und zum Schluss sagt er wieder: „Der allgemeine Wunsch der Hiesigen, und ihre allgemeine Freude bei dem Gedanken Deines Kommens ist doch an und für sich etwas Ehrenvolles, das freilich in keinem Verhältniss steht mit der Ehre, die Du den Hiesigen durch Deine Uebersiedelung erweisen würdest; — aber schon ein solches wechselseitiges Verhältniss ist gut und segensreich und bietet die beste Gewähr für eine frohe Zukunft. Kurz, ich möchte, Du kämest!" — Moscheies schreibt dem Schwiegervater am 21. Januar: „Die Fortsetzung meiner Leipziger Angelegenheit sehen Sie aus den beigelegten Copien der soeben erhaltenen Briefe. Ich bin mehr als je geneigt, meine hiesige Stellung aufzugeben__ Will man hier der Mann des Publikums sein, so muss man viele Concessionen machen und ich möchte weder in kaufmännischen Zwecken componiren, noch da als Lehrer fun- giren, wo man meistentheils ohne tieferes Eindringen in die Kunst, nur der Mode halber lernt. Natürlich bespreche ich die brennende Frage viel mit meiner Frau und wir sind uns ganz einig darüber, dass wir bei Entbehrung so — 152 — / mancher Comforts — die Grossartigkeit werden wir nie entbehren — nicht London in Leipzig suchen wollen. Finde ich dort die künstlerische Existenz, die ich mir erwarte, so weiss ich gewiss, dass wir — ich obenan und meine Charlotte in der Rückwirkung — vollkommen befriedigt sein werden. Bei einer Uebersiedelung würde ich auch das angenehme Bewusstsein mitnehmen in England, da wo ich konnte, durch Lectionen, Spiel oder Geldmittel ausgeholfen zu haben, auch viele Freunde zurückzulassen, die uns Alle ungern fortziehen sehen und deren Zuneigung - und Umgang wir in der P'erne schmerzlich vermissen werden. Dafür kommen wir manchen unserer Verwandten um soviel näher; das ist wieder ein Gutes. Vor der Hand spreche ich noch nicht von meinem Ruf nach Leipzig, über dessen Annehmbarkeit in pecuniärer Hinsicht ich mit mir erst einig sein muss; bin ich doch Familienvater. Halten Sie nur ferner als Präsident Familien -Conseil und theilen mir das Protokoll der Sitzung mit; lassen wir uns aber keine grauen Haare darüber wachsen; denn was das Schicksal auch bringen möge, immer sind meine Charlotte und ich ein so glückliches Paar, dass wir auch in einer Hütte zufrieden sein würden, immer werden wir versuchen, unsere Kinder so gut zu erziehen, dass sie keiner grossen Reichthümer bedürfen, und Ihnen gegenüber bleibe ich heute wie immer, in London wie in Leipzig, Ihr treuer Schwiegersohn I. Moscheies. Am 24. Januar kommt ein Brief von Mendelssohn, der durch seine Berechnungen die Zweifel über den pecu- niären Status beseitigt, und am 25. Januar, einem Sonntag, sagt das Tagebuch: „Heute fasste ich mein Annahme- Schreiben an das Directorium des Leipziger Conservato- riums ab. —Nun ist der Schritt geschehen." Mendelssohn jubelt: „Ich lasse die Häuser roth anstreichen." Noch ehe die Neuigkeit die musikalische Welt durchlaufen hatte, kam ein Antrag aus Birmingham an Moscheies, das dortige grosse Musikfest im September zu dirigiren. Nur Mendels- sohn's Elias sollte unter dessen eigener Leitung gegeben werden. Nichts konnte für Moscheies am Schlüsse seines — 153 — Aufenthalts in England ehrenvoller und erwünschter sein. Er schrieb sogleich an Dlle. Lind und Pischek, um ihre Mitwirkung für das Fest zu gewinnen, doch gelang ihm dies nicht. — Noch aber ist Moscheies in London; wie seither stets, ■stellen sich wieder die Mühen der Saison ein, auch ihre Gäste. Es giebt viel Musik, alte und neue. „Unter andern bekamen wir Benedict's neue Oper „the Crusaders" zu hören; eine angenehme, oft dramatisch efrectvolle Musik mit pompöser Ausstattung. Gramer, Beale & Co. verlegen sie und als ich Benedict gestern dort traf, sagte er, wie sehr er wünsche, dass ich etwas über die beliebtesten Balladen schriebe; da sie aber meine Sonate symphonique als ein zu grosses und ernstes Werk nicht haben wollten, so dankte ich." Moscheies' vier Matineen for classical pianoforte Music sind nun auch glorreich überstanden und das ist für den Vielbeschäftigten eine grosse Erleichterung, da das Aufsuchen und Wählen unter den grossen Massen alter Musik ein weit schwierigeres Geschäft ist, als das Spielen selbst am Concerttage. Merkwürdig ist der wachsende Einfluss von Jullien's Promenade -Concerts. Mme. D. sollte dort Beethoven'sche Solo's spielen, lehnte es jedoch ab, während Sivori und seine Performances auf einem grossen Karren mit Jullien's Concerts in ellenlangen Lettern bezeichnet, Regent Street auf- und abfährt, und den berühmten Geiger ankündigt. Nicht lange, so beginnen die Sorgen und Mühen des Farewell-Concert (Abschieds-Concerts). Moscheies will bei dieser Gelegenheit dem Publikum zeigen, dass er seine musikalische Laufbahn in England ebenso endet, wie er sie begonnen; es soll kein Monstre-Concert mit italienischen Sängern und einem Wettkampf von Instrumenta- listen sein; er will nicht der Mode fröhnen. Das Programm soll kurz aber inhaltsvoll werden; die vortreffliche Pianistin Mme. Pleyel will gefällig seine Sonate symphonique mit ihm spielen „und sie thut es mit einer Auffassung und einer Begeisterung, die mich beglückt", schreibt — i54 — er später. Den Sänger Pischek hat er engagirt und einige andere Freunde unterstützen ihn freundschaftlich. Er schreibt dem Schwiegervater am 19. Juni: „Der Ausbruch des Enthusiasmus bei und nach meinem jedesmaligen Spielen, das Tücherwehen, das Cheering — Alles auf den Bänken stehend, war ergreifend und bei meinen scheidenden Bücklingen konnte ich mich der Thränen nicht erwehren; dann blieb ich noch eine Stunde von Freunden und Bekannten umringt; ja brillanter hätte mein öffentlicher Abschied nicht ausfallen können." „Und", fügt die Frau hinzu, „es thut wohl zu sehen, wie unsere echten Freunde es so passend und würdig für Moscheies finden, von jetzt an im Verein mit Mendelssohn eine öffentliche Stelle zu bekleiden und von seinem hiesigen ermüdenden Leben auszuruhen." In diesen Sommermonaten ist aber noch an keine Ruhe zu denken. Die Programme für das Musikfest in Birmingham müssen gemacht werden, er hat in Concerten zu accompagniren, zu spielen und bringt wiederholt das Bach'sche Concert mit den zwei Flöten zu Gehör, das durch ihn ein Liebling des Publikums geworden ist. Die finishing lessons überdauern noch den Juli. Dazwischen giebt die Familie eine grosse Abschiedsfete; es sind 217 Personen anwesend, und Moscheies schreibt dem Vater darüber: „Gewöhnlich komme ich jetzt um ein oder zwei Uhr zu Bette und danke Gott, dass meine Constitution, die ich eisern nennen möchte, die Tages- und Nacht-Arbeit aushält. Gestern, oder vielmehr heute um 4 Uhr bei aufgehender Sonne zu Bette gegangen, schreibe ich Ihnen jetzt um acht Uhr von unserer gestrigen glänzenden Abschieds - Soiree. Musik von halb elf bis eins, dann Tanz bis drei Uhr; Charlotte und sogar ich Alter mit der Jugend unter den raschen Tänzern; doch ist auch sie schon auf und sitzt schreibend neben mir, während die Mädchen ausschlafen. Heute habe ich sechs Lectionen und um fünf Uhr muss ich im Freemason's Hall sein, um bei einem musikalischen Wohlthätigkeits - Diner musikalisch mitzu- — 155 — wirken; morgen giebt's ausser den Lectionen das ellenlange Concert einer Schülerin zu dirigiren....." Die Frau giebt viele Details über die Abschiedsgesellschaft und fügt hinzu: „Die Zeitungen hören seit dem Concert nicht auf, Moscheies' Lob zu posaunen und den Verlust zu beklagen, den die Kunst durch seine Ueber- siedelung erleidet. Chorley hat im Athenäum bei dieser Gelegenheit eine Frage aufgeworfen, die mir die einzig richtige scheint: „Warum hat die grosse Stadt London dem grossen Künstler nicht eine Anstellung geboten, die ihn eben so sicher und angenehm fesselt, wie es nun die small burgher town thut? Das hätte all' ihren Klagen über seinen Verlust abhelfen können......" Dieses Jahr sollte nicht nur durch die Uebersiedelung, es sollte ein in jeder Beziehung ereignissreiches * werden, da der Hausfreund, Mr. Roche, um die älteste Tochter anhielt, deren Lehrer er seit mehreren Jahren gewesen war. Die Neigung erwies sich als eine gegenseitige; so verlobte sich das junge Paar unter den Segenswünschen der Eltern und feierte am 10. September seine Hochzeit. Moscheies' Tagebuch berichtet, wie Mr. Bartholomew, der Uebersetzer des „Elias" die Partitur des ersten Theils bringt und „wie sich ihm schon am Ciavier die Schönheit desselben entwickele; immer mehr und mehr in den vorbereitenden Proben." Am 10. August ist die erste Probe unter Mendelssohn's Leitung im Moscheles'schen Hause. Dieser folgen zwei Orchesterproben in den Hanover-Square- rooms unter gleichem Entzücken der kleinen Hörerschaar, „aber die Sängerinnen machen Mendelssohn zu schaffen." Die Arie liegt nicht-gut in der Stimme, heisst es, er soll sie transponiren. Er widersteht höflichst, aber mir theilt er seine Herzensmeinung „über so ein Ansinnen" ungeschminkt mit, sagt Moscheies. Nun gehen Alle nach Birmingham, Moscheles hält sogleich eine Probe, ist aber am nächsten Tage so unwohl, dass Mendelssohn ihn in einer Abend-Vorprobe vertreten muss; wieder hergestellt, kann er die erste Morgenproduction, die „Schöpfung" dirigiren. Hierauf folgen einige Stücke aus Rossini's Stabat Mater. — 156 — mit den Damen Grisi, Bassano und Sigr. Mario. Darauf ein gemischtes englisch - italienisches Programm (dreistündig von elf bis zwei Uhr); „das befriedigte das Publikum vollkommen. Abends hatte ich noch Proben verschiedener Stücke". Die Frau meldet: „Wir flogen in drei Stunden hierher und gingen sogleich in die Town Hall. Dies noble Gebäude sieht über alle Beschreibung schön und grossartig aus, und als ich meinen Mann auf diesem prachtvollen Orchester mit Enthusiasmus empfangen sah, ergriff es mich tief und freudig. Nach der Probe las er noch in seinen Partituren, ich half Mr. Bartholomew bei der Cor- rectur des Textes, Alles bis gegen ein Uhr Nachts. Das Fest soll ein besonders ergiebiges werden, wie der ungewöhnlich starke Verkauf der Sperrsitze beweist. . . . Moscheies wird hier zerrissen und findet wohl kaum Zeit, um selbst zu grüssen." „Und doch will ich sie finden", setzt er hinzu, „bis ich später ausführlicher berichte." Am folgenden Tage schrieb er: „26. August. — Mendelssohn feierte bei der heutigen Aufführung seines Elias den grössten Triumph! Nach meiner Meinung hat dies Werk noch regere Schwungkraft, noch mehr dramatische Mannigfaltigkeit — aber im reinsten Oratorienstyl — als der Paulus, und stellt ihn auf eine noch höhere Stufe." Die Frau schreibt ergänzend: „Ja, Mendelssohn's Triumph bei der gestrigen Aufführung war etwas ganz Unglaubliches, Unerhörtes. Ich glaube, elf Nummern mussten wiederholt werden und zwar unter Klatschen und Beifallssturm, während sonst alles Applaudiren bei diesen Musikfesten streng verpönt ist. Soll etwas wiederholt werden, so erhebt sich der Präsident des Fest - Comite's und winkt mit seinem Programm dem Director zu — das ist das Zeichen. Diesmal aber war Alles so hingerissen, dass man dem Beifall keine Fesseln anlegen konnte, und es ging lärmend her, wie im Parterre eines Theaters. Staudigl war ein herrlicher Elias, der Bassist Phillips vortrefflich und an den Leistungen der beiden Miss Williams hatte Mendelssohn besonderes Gefallen. Nach dem Elias giebts in derselben Morning- — 157 — Performance wieder Arien aus Mozarts Davide penitente, Abramo von Cimarosa und Händeis Coronation-Anthem, die Moscheies zu dirigiren hatte. Das Abend-Concert, auch unter seiner Leitung, brachte Beethoven's A - dur - Symphonie und Ouvertüre von Spohr, „an denen das Publikum weniger Gefallen fand", sagt das Tagebuch, „als an englischen Glees und Songs, ,die wieder verlangt wurden; der Gesang .der anwesenden Engländer, Italiener und unseres deutschen Staudigl, so wie die „Recollections of Ire- land", die ich spielte, erregten grosse Zufriedenheit." Der 27. August brachte Morgens den Messias unter Moscheies' Leitung. „Der Veteran Braham", sagt das Tagebuch, „eröffnete ihn mit den Ruinen seiner Stimme, Staudigl erhob das Ganze." „Im Abend-Concert gab's Ouvertüre zu Preciosa, verschiedene Gesangstücke, mein „Honimage ä Händel" mit Mendelssohn und seine Musik zum Sommernachtstraum." „Am 28. August eine gewaltige Mischung, aber nur so wollte man es. Erster Theil: Mehul£ Ouvertüre zu Joseph; mein dreiundneunzigster Psalm für Soli, Chor und Orchester: das Kyrie, Gloria, Sanctus und Benedictus aus Beethoven's D-dur-Messe; das Hallelujah aus Christus am Oelberge. Dann unbedeutendes Orgelspiel, Hymne an die Gottheit von Spohr, wieder verschiedene Gesangstücke und ein Anthem von Händel. Dabei ereignete sich folgende Episode. Die Stimmen eines kleinen, in den Textbüchern gedruckten Recitativs waren nicht bei der Hand. Eine grosse Verlegenheit. Mendelssohn half aus, indem er in einem Nebensaale, während die vorhergehenden Stücke des Concerts gemacht wurden, das Recitativ componirte, instrumentirte und die Stimmen copirte; diese wurden dann — die Dinte nur halb getrocknet — ohne Probe von dem Orchester vortrefflich gespielt und das Publikum merkte Nichts. So macht's ein Mendelssohn." Am 29. August schreibt die Frau von London aus: „Gestern um vier Uhr endete ein Tactschlag unseres Moscheies das grosse Birminghamer Musikfest, das in der Meinung aller Anwesenden eins der brillantesten und - i 5 8 - schönsten war. Auch hat das Comite meinem Mann seine ganze Zufriedenheit in den schmeichelhaftesten Ausdrücken zu erkennen gegeben. Moscheies' kurzes, aber zur Zeit doch beängstigendes Unwohlsein war die einzige Fatalität: nur zeigte es uns Mendelssohn wieder im schönsten Licht." „Ja", fügt Moscheies hinzu, „seine Theilnahme war brüderlich , seine oftmaligen Besuche, während die ganze Welt ihn gerne gehabt hätte, se*ine Aufmerksamkeiten für mich, während er so Grosses vorhatte, waren off rührend. Als er aus der Vorprobe kam, die er statt meiner dirigirt hatte, schien er sehr erschöpft, Charlotte reichte ihm ein Glas Champagner und der Effect war magisch; es hatte ihn neu belebt. Jetzt sind die musikalischen Geschäfte beseitigt, aber wieviel andere stehen uns bevor. . . ." Es sind hauptsächlich die Uebersiedelungs-Geschäfte; denn am 15. September verlässt die Familie das Haus, in welchem sie sechszehn glückliche Jahre verlebt hatte. Alle Räume werden noch einmal und mit nassen Augen durchwandert. Hier sind die beiden jüngsten Kinder geboren, dort ist das Zimmer, wo allmorgentlich an ihrer Bildung gearbeitet, ihre Spiele geleitet wurden; hier sind die sorgenvollen Krankheitsnächte an ihren Betten durchwacht, dort die Genesungsfeste, die Geburtstage fröhlich und dankbar gefeiert. Manches Werk, das noch lebensfähig, entstand da unten im Studirzimmer des Meisters, ging hinaus in die Welt und brachte seinem Schöpfer Ehre: sein Fleiss, sein unermüdliches Streben gab ihm die Mittel an die Hand, der Familie in diesen Räumen die angenehmste Existenz zu bereiten. . . . In Frankfurt geniesst man das Glück, die hinreissende Jenny Lind zu hören. Dann geht die Reise weiter und man schwelgt in den Schönheiten des Rheins. Die Eisenbahn ging 1846 noch nicht bis Leipzig, sie kommen also am 21. October auf der Poststation in Leipzig an. „Dort", sagt das Tagebuch, „kam uns Felix Mendelssohn nicht nur freundlich, sondern mit warmer Theilnahme entgegen. Wie ein Kurier, den man vorausschickt, um die nöthigen Einrichtungen zu treffen, hatte er Alles für — i59 — unseren Empfang vorbereitet. Wir mussten seinen Wagen besteigen, der uns nach dem grossen Blumenberg führte. Dort hatte er uns Zimmer gemiethet, dorthin kam seine Frau und Beide waren eifrig bemüht, unsere temporäre Einrichtung bestens zu leiten." Am 26. October schreibt Moscheies den Verwandten: „Meine Theuren! Der neue, wahrscheinlich letzte Abschnitt meiner Kunst- und Lebens - Lauf bahn nimmt Euer Aller Theilnahme so sehr in Anspruch, dass ich Euch insgesammt darüber berichten möchte. Er hat unter Gottes Beistand, unter- den besten Auspizien stattgefunden, und wer ist die Triebfeder unserer Zufriedenheit? Mendelssohn, Felix Mendelssohn, den ich Bruder oder Sohn nennen möchte! Wie er uns am Posthof empfangen, wisst Ihr. Abends kamen drei Directoren des Conservatoriums, Hofrath Keil, Stadtrath Seeburg und Herr Preusser, mich mit vielen Wünschen zu bewillkommnen und die Hoffnung auszusprechen, dass es mir hier gefallen möge; sie gaben mir auch die Versicherung, dass sie Alles aufbieten würden, meinen Wünschen und Anordnungen im Conser- vatorium zu begegnen. Tags darauf machte ich Gegenbesuche. Abends hatten wir den Hochgenuss, ein Abonne- ments-Concert im Gewandhause auf den vom Directorium geschickten Sperrsitzen zu hören. Eine Symphonie von Haydn, Ouvertüren von Hiller und Lachner wurden unter Mendelssohn's Leitung mit einer Präzision gegeben, wie ich sie selten gehört; die Nuäncirungen ein längst entbehrter Genuss, Fräulein Schloss sang sehr brav und Mme. Schumann spielte Beethoven's H - dur - Concert so vortrefflich und gediegen, dass es mir nach dem phantastisch-koketten Spiel der kürzlich in London gehörten P. wohlthat, die reine Kunst ohne Flitterstaat zu gemessen. Ich begrüsste sie mit dieser meiner Ansicht zwischen den Acten und wurde von vielen der älteren Orchestermitglieder herzlich bewillkommnet. Nach dem Concert soupirten wir gemüthlich bei Mendelssohns. Gestern ging ich zu Schleinitz, der unwohl ist und nicht ausgehen konnte, um die Conservatorium - Angelegenheiten, die er — i6o — hauptsächlich leitet, mit ihm zu besprechen. Die Liste der Professoren, die er mir vorlegte, lautet: Dr. F. Mendelssohn-Bartholdy, Composition und Solospiel. Organist C. F. Becker, Orgelspiel, Uebung im Dirigiren. David, Kiengel, Sachse, Violinlehrer. Grade, Harmonie und Composition. Hauptmann, Harmonie, Contrapunkt. Moscheies, Oberleitung des Pianoforte - Studiums, Ausbildung im Vortrag und Pianoforte-Composition. Plaidy, Wenzel, Pianofortespiel. Böhme, Solo- und Chorgesang. Brendel, Vorlesungen über Musik. Neu mann, Italienisch. Richter, Harmonie und Instrumentation. Durch Schleinitz erfuhr ich, dass Mendelssohn sich ausgebeten hat, nicht obenan auf der gedruckten Liste zu stehen, sondern mit den andern Namen in alphabetischer Ordnung zu folgen. Gestern wohnten wir dem Gottesdienst in der Nicolai-Kirche bei, eine gute Predigt und vortreffliche Orgel. Dann war mir noch die Ehre eines Festessens vorbehalten, das mir sämmtliche Professoren, Felix an ihrer Spitze, gaben; es war in Aeckerlein's Keller. Die Gesellschaft war mir zum grossen Theil schon bekannt, und dem andern stellte mich Felix vor; sie empfingen mich Alle feierlich und herzlich, und ich musste obenansitzen, mit einem Blumenstrauss auf meinem Cou- vert. Das Diner konnte sich mit dem eines Pariser Cafe messen und als der Champagner einen freien gemüth- lichen Austausch der Gefühle befördert hatte, nahm Felix das Wort: „Er hätte nie das Talent und den Beruf in sich gefühlt, zu sprechen", sagte er, „bei dieser Gelegenheit aber müsse er sein Innerstes entfalten. Meine Niederlassung in Leipzig, mein Eintritt in's Conservatorium, seien längst sein Wunsch gewesen und er sähe mit grosser Freude, welchen Anklang die Verwirklichung dieses Wunsches bei den Kunstkollegen, sowie im Publikum fände. Er — i6i — würde nie den Eindruck vergessen, den mein Talent auf ihn als Knaben gemacht, wie ich den Götterfunken in ihm belebt und ihn zur Begeisterung hingerissen hätte. Stets hätte ich ihm ermunternd beigestanden, und er einen Stolz darein gesetzt, sich meiner dauernden Freundschaft zu versichern; er zweifle nicht, dass die Anwesenden seine Gefühle theilten und gern mit ihm auf meine Gesundheit anstiessen." Das Lebehoch ertönte im gesungenen Dreiklang und beim Gläserschall konnte ich meine Thränen nicht mehr unterdrücken. Ich stotterte hierauf Worte der Erkenntlichkeit hervor, und entschuldigte die Hemmung meiner Zunge durch das Gefühl, dass ein Mann, ein Freund, mir Ehre angethan habe, der mich als Kunstheros weit überflügelte, der als Mensch hochverehrt, ein Muster edler Denkungsart unter uns lebe." Nach und nach löste sich die ernste Stimmung in Humor auf, wir sprachen viel, und Hessen Alles leben; auch an Tabakswolken fehlte es nicht, und die Stunden von eins bis sechs waren gemüthlich verflossen. Dann machte ich noch einen langen Spaziergang mit Felix, auf dem er sehr mittheilend über seine hiesigen Verhältnisse war, und ich ihm die Frage vorlegte, wie er, dem die grössten Städte Europas Anerkennung zollten, sich grade von Leipzig fesseln Hesse? Es sei ein gewisser Sinn, eine besondere Kunstrichtung, erklärte er, die künstlerische Umgebung und Auffassung, die ihn hier so anziehe, und ■? das Conservatorium liege ihm so am Herzen, dass er selbst während der Composition seines letzten Oratoriums seine Stunden nicht versäumt habe. — Den Abend brachten wir bei Mendelssohn's mit ihren Geschwistern, Herrn und Mme. Schunck sehr gemüthlich zu. Nach dem Souper unterhielten wir uns auf zwei Ciavieren und endlich gab's einen improvisirten Wettkampf! Das war eine Geistesübung für mich-------ich musste ein paarmal unterliegen, weil ich dem Felix mit so viel Wärme und Bewunderung zuhörte, dass ich das Mitspielen vergass. Denkt Euch, als wir eintraten, erkannten wir den guten Mendelssohn kaum, da ihm ein Schnurr- und Moscheies' Leben, n. 1 1 — IÖ2 ---- Knebelbart angemalt war. Diesen hatte er aus dem „schwarzen Peter" davongetragen, den er kurz zuvor mit seinen engelschönen Kindern gespielt. Wir haben die zweite Etage in Gerhard's Garten ge- miethet, Schunck's bewohnen die erste und wir freuen uns auf die angenehme Nachbarschaft....." Am 26. October sagt das Tagebuch: „Felix hatte die zarte Aufmerksamkeit, im Locale meiner künftigen Wirksamkeit (dem Conservatorium) eine musikalische Aufführung der Schüler und Schülerinnen für mich zu veranstalten, wobei sie mir ihre besten Clavier-Leistungen vorführten. Stadtrath Seeburg hielt eine Rede, worin er meinen Beitritt zum Conservatorium ein wichtiges Ereigniss nannte. Ich erwiederte, dass ich mich nur als einzelnen Stein des schönen Gebäudes betrachte, das auf so solidem Grunde ruhe. Ich hoffe zur Befestigung des Ganzen mit beizutragen. Könnte ich es auch äusserlich zieren und verschönern helfen, so sei mir ein inniger Wunsch erfüllt." „27. October. Aufnahmeprüfung im Conservatorium. Mendelssohn dabei betheiligt. Sein Gefühl beseelte Lehrer und Schüler. Abends in seinem Hause, viel über musikalische Verhältnisse und häusliche Einrichtungen gesprochen und manchen guten Rath von ihm bekommen. Er zeigte mir seinen kürzlich componirten Chor ,.An die Künstler". Joachim spielte mit ihm die Kreutzer-Sonate." Aehn- liche Abende wiederholen sich; Moscheies bewundert neue noch unpublicirte Lieder ohne Worte, kann es kaum begreifen , dass Mendelssohn seinen Elias seit der Aufführung in Birmingham noch verändern will; „das schöne Werk soll also noch schöner werden, frage ich ihn, und er bejaht, ohne sich noch selbst über das Wie Rechenschaft geben zu können. Dein Genius verlangt zuviel, wendete ich ein, er hat sich in diesem Elias schon selbst übertroffen, wende Deine Kräfte nun neuen Werken zu. Aber meine Argumente schlugen nicht an, er blieb dabei, dass geändert werden müsse." Das Violin - Quintett in B-dur wird auch angesehen, und Mendelssohn behauptet, das letzte Stück sei nicht gut. „Auch das Lauda Sion — 163 — zeigt er mir." Später ist der grosse Genius voller Sorge für seinen Diener, den treuen Johann, der schwer erkrankt in seinem Hause verpflegt wird. Er selbst besuchte ihn täglich, las ihm vor und betrauerte aufrichtig seinen endlich erfolgten Tod. Moscheies und seine Frau gehen oft mit Mendelssohn's spazieren, man 'soupirt nach Abonnements - Concerten bei Aeckerlein, wozu sich David und Frau als drittes Ehepaar gesellen. Mendelssohn giebt Moscheies zu Ehren eine grosse musikalische Soiree: „Für einen Moscheies sagte er, macht man gute Musik, aber nicht für Jeden." „Wir besuchen hier", .schreibt die Frau, „alle unsere früheren Bekannten und lassen uns von Mendelssohn auf dessen "Wunsch bei den seinigen einführen. Das ist ein grosser und sehr lieber Kreis, der uns mit Gastfreundschaft und Artigkeit überhäuft." Zwischen den Diners, Soireen und Cafe's bringt das Tagebuch folgende musikalische Notizen: „16. November. Früh Probe, Abends Concert von i Schumann, worin Mendelssohn Schumann's Symphonie in C-dur auf dessen Wunsch dirigirte. Mme. Schumann spielte Mendelssohn's G-moll-Concert vortrefflich und die Instrumentation trat glänzend hervor. Mit ihrer jüngeren Schwester spielte sie mein Rondo in A und zum Schluss Lieder ohne Worte von Fanny Hensel, eine pikante Barcarole von Chopin und ein eigenes Scherzo." J „Am 23. November. Probe und Concert des Orchester-Pensionsfonds. Meyerbeer's Ouvertüre zu Struensee, Gade's Ossians Klänge (romantisch), Dithyrambe von Schiller für Chor und Solo's, ein gediegenes Stück von Julius Kietz; Quartett - Variationen von Gross, sehr pikant und "brillant gespielt von David und Consorten. Andante und Scherzo von David, vortrefflich vorgetragen von Joachim, meine „Erinnerungen an Irland" mit schönem Empfang und Beifall für Spiel. Dlles. Schloss und Vogel sangen." „Am26. November. Abonnements-ConcertmitSpohr's „Weihe der Töne" und andern guten Sachen." „Am 27. November. Erster Unterricht im Conser- vatorium von 9—11 Uhr. Hinterher Besuch von zwei 11* W — 164 — arpeggirenden Clavierspielern, W. aus England, P. aus- Wien." „Am 17. December. Einzug in unsere neue Wohnung." „Am 3. December spielte ich Beethoven'sC-moll-Con- cert im Gewandhaus mit improvisirten Cadenzen." „Am 7. December. Mendelssohn's erster langer Besuch in der neuen Wohnung, in der nun auch der Erard als liebes Familienglied seinen Einzug gehalten hatte. Er . ging händereibend in den Zimmern umher und sagte „hübsch, hübsch" wie das seine Art war, wenn ihm Etwas gefiel. Er gebrauchte dies einzige Wort, das bei ihm sovielsagend war, sogar einmal Angesichts einer wunderbar schonen Gegend und rief dadurch das Entsetzen eines- seiner Leipziger Freunde hervor, der ihm auf der Reise begegnet war, und der sich in Phrasen über das vor ihnen ausgebreitete Panorama erging und Mendelssohn's Gleichgültigkeit, wie er sie nannte, nicht begreifen konnte....." So verflogen die Tage bis zum 23. December im Ordnen des Hauswesens, „wobei", wie die Frau schreibt, „der allerbeste Mann mir stundenlang hilft", im Geniessen der Musik, welche die Oeffentlichkeit bot, vor allem'aber im pünktlichen Abhalten der Conservatorium-Stunden und im regen, stets anziehenden Verkehr mit Mendelssohns; nicht nur er, der liebenswürdige intime Freund, sondern auch die Frau immer lieber und herzlicher; die Kinder reizend. Und welch' angenehme Häuslichkeit! Die Mittel, die ihm so reichlich zu Gebote standen, wurden nie auf äusseren Glanz, wohl aber auf innere Behaglichkeit verwendet und in diesem Prinzip begegneten er und seine Frau den Grundsätzen des Moscheles'schen Ehepaars; eben so sehr in dem Wunsch, liebe Freunde oder ausgezeichnete Fremde ohne Ceremonie bei sich zu sehn. In diesem Winter 1846 konnten Moscheies' das ■ Weihnachtsfest mit den Lieben feiern, denen die Uebersiedelung sie näher gebracht hatte, und mit ihnen auch wurde das ereignissreiche Jahr beschlossen. - i6 5 - 1847. Ein Brief Moscheies' vom 15. Januar dieses Jahres rgiebt einen so vollständigen Einblick in sein und der Familie Leben, dass er hier statt der fast gleichlautenden Tagebuch-Notizen seinen Platz finden soll: Leipzig, 15. Jan. 1847. „Kaum von dem angenehmen Abstecher zu Euch, meine Theuren, glücklich heimgekehrt, so machten wir auch schon die Bemerkung, dass der häusliche Comfort in Leipzig dem häuslichen Comfort in London nichts nach- giebt. Unsere kleine Wohnung sieht immer so nett, so behaglich aus, dass wir uns wohl darin fühlen; auf die Grösse kommt es nicht an. Ich glaube auch, dass unsere Gäste — zufällige oder geladene — den Eindruck theilen, obwohl mir Manche die Bemerkung machen: Schade, dass Sie keinen Musiksaal haben, ein Mann wie Sie u. s. w. Aber ich denke, es lässt sich überall gute Musik machen, und ich habe immer einer Schule angehört, die mehr auf Klarheit undAccent als auf lautes Dreinschlagen — mehr auf richtiges Verständniss und dessen gute Wiedergabe, als auf überraschende Effecte hinzielte. Was die Menschen betrifft, so überhäufen sie uns mit Artigkeiten, und der gesellige Saus und Braus hinüber und herüber wäre ganz so wie in London, wenn nicht die früheren Stunden, die meist kleinen, immer durch interessante Persönlichkeiten belebten Gesellschaften, die Sache erleichterten. Und das brauche ich wohl kaum zu sagen, dass die häufigen Zusammenkünfte mit Mendelssohn's bei ihnen oder bei uns ■ein Seelengenuss bleiben; das letzte Mal hatten sie auch Joachim (unsern Liebling); Felix begleitete ihm sein Violin- ■Concert und beide spielten auswendig; und dann Hess Felix Lieder ohne Worte von seiner Schwester Fanny hören, ihm sehr nachgeahmt, aber doch mit echt musikalischer, interessanter Behandlung. Dann spielte er uns «den Theil des Elias vor, wo die Wittwe bei Elias Hülfe — i66 — sucht. Er hat ihn umgearbeitet, und ich muss gestehen r dass besonders der Elias darin viel gewichtiger und würdiger auftritt, als damals bei der Aufführung in Birmingham, wo ich das Ganze schon für vollkommen hielt. Auch das Engel-Terzett ist jetzt entzückend schön. — Bei uns hatten wir ausser Mendelssohn's und Mme. Frege, die seine Lieder unbeschreiblich schön sang, noch ** und Frau; nun das Zimmer war gross genug für seine fffissi- mos. Glücklicherweise machte Mendelssohn dem Tongeräusch ein Ende, indem er einige seiner Lieder ohne Worte aus dem ersten Heft spielte, dessen Manuscript er mir geschenkt hat. David's Umgang und Spiel bietet mir auch wahrhaften Genuss. Vorgestern Abend hörten wir in seinem Hause im Verein mit den Braunschweiger Müller's ein Quartett von Haydn, eins von Beethoven und Mendels- ' sohn's Octett. So gediegen hörte ich schon lange nicht musiciren. Dass wir bei alledem gesund sind, das bleibt die schönste Gottesgabe. Aber auch das freut mich, dass ich mich um meines Felix fernere Studien kümmern kann, das habe ich den hiesigen massigen Geschäften zu verdanken; 16 Stunden wöchentlich im Conservatorium, 8 an Privatschüler, was ist das nach der Londoner Hetzjagd?" ... Ein anderes Mal schreibt Moscheies: „Nachdem wir bei Mendelssohn gegessen, ging ich mit ihm zu dem Berliner Ciaviermacher Schönemann, der seine neue Erfindung hierher gebracht hat. Ein Pedal setzt jedem Ton seine Octave hinzu; da kann man sich die Bravouren eines D. bequem ersparen; eine kleine Tastatur an die grosse angeschraubt, lässt Einen sogar zwei Octaven spannen; doch fehlt es dabei an Ton, und überhaupt ist die ganze Erfindung noch in ihrer Kindheit. Wir unterhielten uns abwechselnd auf dem curiosen Ding und machten Octaven- passagen, die man acht Mal verdoppelt, wenn auch abgeschwächt, darauf hören kann. Kaum war dies ab- gethan, so stand Mendelssohn auch schon an seinem Dirigenten-Pult im Gewandhaus, und ich hatte den Genuss, seine Ouvertüre zu „Meeresstille und glückliche Fahrt" zu. — 167 — hören. Der älteste Müller aus Braunschweig spielte zwei Solo's; er gehört der Viotti-Fränzl-Baillot-Schule an, verschmäht das Paganini-Ernst-Phantastische und machte mir wieder grosse Freude in einem Concert von David und Variationen von Alard. Im zweiten Theil gab man eine neue Symphonie; alle Einzelnheiten interessant und schön instrumentirt, doch kein frappanter Hauptgedanke und in den Details Mendelssohn sehr nachgeahmt. Nach dem Concert kamen David und Müller gemüthlich zu uns." Immer sind die Auserwählten gern bei einander und auf dem Gewandhausball „tanzt man flott; es gab dort schöne Blüthen unter der Mädchenwelt." . . . „Am 14. Januar ist Antritts-Diner für die Professoren bei Moscheies. — Die Gewandhaus-Concerte sind meist im Tagebuch besprochen. „Mozart's G - moll - Symphonie herrlich. Mendelssohn dirigirte das letzte Stück mit seltener Mässigung, wodurch alle chromatischen Modulationen viel deutlicher wurden, als ich sie sonst in London hören musste. Dreyschock spielte Weber's Concertstück mit Vehemenz und Bravour. Und erst seine Stücke für die linke Hand! Er hat so viel Ausdauer wie ein Gladiator, da er aber Alles abstösst, so darf ich ihn auch wohl Fechtmeister auf dem Ciavier nennen; wirklich, er führt einen guten Stoss. C. M. ist auch aus dieser Schule. Virtuosität und Kraft erstaunlich, Composition des Con- certs nicht stylvoll, mehr einer italienischen Oper ähnlich. Hiller's Ouvertüre zum Prometheus des Aeschylus wurde zum ersten Mal gegeben. Merkwürdiges Schicksal! Merkwürdige Aufnahme! fünfminutenlange Todesstille nach dem letzten Aceord.-------Wie kann ein Auditorium so einstimmig fühlen? oder eigentlich nicht fühlen? und doch hat das Werk viel Geist und gute Instrumentation, und ich würde es gern wieder hören, um mir ein eingehenderes Urtheil darüber zu bilden. Die Fräuleins Schloss und Vogel sangen hübsch. Der Contrabassist Müller entsprach nicht meinen Erwartungen. Warum Cello-Passagen machen, statt den eigenthümlich kräftigen Ton des Rieseninstruments zu entwickeln?" In einem anderen Gewandhaus - Concert widerfährt einer neuen idyllischen Symphonie von dem Schweden H.....ein missliches Schicksal; „neu und doch alt, Tonart, Zuschnitt, ganz von der Pastoral-Symphonie geborgt, und doch war mir die Eiseskälte und Stille des Publikums schauerlich." Und wieder giebt es eine neue Symphonie von P. — „Schön war David's Spiel in de Beriot's fünftem Concert und seinen russischen Variationen. Die starke Hitze konnte ihm und seiner Geige nichts anhaben." Im nächsten Concert ist die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 „begeisternd" und muss wiederholt werden, „Mendelssohn's A-moll-Symphonie erwärmt das ganze Auditorium, mich insbesondere." Das nächstfolgende Concert ist ein historisches unter Gade's Leitung und Moscheies wird zur Mitwirkung aufgefordert, „lehnt jedoch ab, weil er kurz zuvor in der Kammermusik Beethoven's C-moll-Sonate mit David, und sein eigenes Septett gespielt hat." Bach's Orchester-Suite wird gegeben und „Joachim zeichnet sich in dessen Chiaconne, Adagio und Fuge in D-moll aus." „Und wieder ein historisches Concert, aber diesmal unter Mendelssohn's Leitung. Statt Johann Sebastian eine Symphonie von Philipp Emanuel Bach in Form eines Con- certinos. Vogler's Ouvertüre zu Samori gefiel mir besonders wegen der Verarbeitung der drei Pauken-Themen, die Ouvertüre zur Zauberflöte vortrefflich, weil nicht zu schnell. Ueberhaupt, wie sehr geniesse ich alle gute f Musik hier." Schumann's Paradies und Peri wird zum Besten der Nothleidenden im Erzgebirge gegeben. Das Tagebuch sagt: „Die Ausführung schwankend, dennoch j die grossen und schönen Momente des Werkes genossen." „Bei Frau Frege", heisst es weiter, „versammeln sich die besten Künstler und Kunstliebhaber Leipzigs so gern, um ihren herrlichen Gesang zu bewundern. Ihre Stimme ist immer schön, ihr Vortrag immer gediegen, aber in Mendelssohn's Liedern bleibt sie — auch nach seiner Meinung — einzig, unübertroffen. Gestern Matinee bei ihr; sie, Mendelssohn, David und ich machten die Musik." Mendelssohn will auch bei der Kindergesellschaft im — 169 — Moscheles'schen Hause nicht fehlen; „doch waren unsere •Gespräche rein musikalisch", sagt das Tagebuch, „während man die Kinder mit Thorheiten unterhielt. Ich hatte ihm einen Antrag zu machen von Chappell, der das Verlagsrecht seiner zu schreibenden Oper haben, möchte. Das Sujet englisch „The tempest" (der Sturm), aber die Oper echt italienisch für Lumley. Noch ist keine Note davon geschrieben, und doch ist das Werk schon für das Auftreten ■der Lind in kommender Saison angekündigt!" Später giebt Mendelssohn den Plan, diesen Text zu componiren, ganz auf, und schreibt dies dem nicht wenig betretenen Director. Mendelssohn's Geburtstag — wer hätte damals geahnt, dass es sein letzter sein sollte? — muss fröhlich begangen werden. Dazu vereinigt man sich mit Frau, Kindern und Schwägerin des zu Ueberraschenden. Ein Prolog, ein Scherz im Frankfurter Dialekt, das Wort „Gewandhaus" als Charade aufgeführt — Alles ergötzt den Gefeierten. Er wiegt sich, von Lachen erstickt, auf seinem Stuhl. Wer dächte an den grossen Musiker, der dem Heiligsten den richtigen Ausdruck in erhabenen Harmonien zu verleihen weiss? Wer an den Familienvater? Er ist der Schulknabe, der seinen Feiertag geniesst, jedes Wortspiel wird dankbar von ihm gewürdigt. Alles wird von ihm enthusiastisch beklatscht, vom ganzen Kinderchor unterstützt; es ist ein "wahrer Jubel. Die bevorstehenden Schrecknisse des neuen angetretenen Jahres sind noch in wohlthätige Schleier gehüllt. Wenn die eherne Hand des Schicksals diese unerbittlich lüftet, wird eine reine Künstlerseele, ein edler Mensch für die bessere Welt gefordert, Verwandte, Freunde und Kunstjünger in eine nie zu hebende Trauer versenkt, aber heute halten sie ihn noch, und kein Schatten fällt auf die allgemeine Heiterkeit. Sich so an den Freund zu erinnern, wie er an dem Abend war, ist für die Hinterbliebenen ein Trost. Am 17. Februar sagt das Tagebuch: „Mit Mendelssohn hatte ich eine wahre Herzensergiessung über mein Abschlagen des Spielens in Gade's historischem Concert. Ich will meine Leistungen nicht zu häufig dem jetzigen — 170 — Modegeschmack aufdringen, sagte ich. Im Gewandhaus hatte ich aus Gefälligkeit für die Direction gespielt, was ich dadurch bewies, dass ich das Honorar zurückschickte und dem Pensionsfonds bestimmte, auch in der Kammermusik hatte man mich gehört, das ist genug. Die Com- positionen müssen jetzt so und so viel Zoll italienischer Phrasen, das Spiel so und so viel Schock Octaven zählen, um zu gefallen, bedeutete ich dem Freunde, das ist mir zuwider, und er gab mir Recht. Seinen Entschluss, an der für den Charfreitag- beabsichtigten Aufführung des Paulus keinen Antheil zu nehmen, konnte ich aber nicht billigen, und es gelang mir, ihn zum Gegentheil zu bereden, so dass er bald die Proben begann; aber im Gewandhaus spielen wollte er auch nicht und hatte es dem Directorium abgeschlagen." Nach der zweiten Paulus-Probe sagt das Tagebuch: „Mendelssohn's Strenge mit dem zahlreich versammelten Liebhaberchor war eben so gross, wie sein Zusammenhalten des Ensemble durch seine Ciavierbegleitung ausgezeichnet." So besucht Moscheies alle Proben und schreibt nach der Aufführung am Charfreitag: „Durch genaue Bekanntschaft mit dem herrlichen Werk habe ich es erst vollkommen gewürdigt." ... „Hübsch, wie es hier ist, muss man auch Manches von durchreisenden Musikern erdulden. Ij. M. brachte Abends sein Instrument und ein fettes Portefeuille mit; C. C. fiel zufällig in den Strudel seiner Passagen- Sündfluth und der Redseligkeit, mit der er bei jedem neu aufgelegten Manuscript behauptete, es übertreffe das vorhergehende an Schönheit und Classicität. — Der Clavier- spieler * ist mir empfohlen, er spielte sein Arrangement eines Cantus von Haydn in der wohlbekannten Umkleidung von Arpeggien und getheilten Octaven. Die jetzigen Cla- vier-Compositionen tragen Alle die gleiche Uniform, als gehörten sie zu einem Regiment, obschon die Epaulettes oder Goldverbrämungen mehr oder weniger reich sind. Mit den mir nachgereisten englischen Schülern des Con- servatoriums habe ich auch meine liebe Noth. C, von — i7i — - dem man behauptet, er trinke, skisirte sich bei der Probeprüfung; die schönen jungen Damen Hess ich zusammen Czerny's Stück für acht Hände in der Hauptprüfung spielen, aber sie hatten wieder weissgepuderte Gesichter, worüber die Deutschen zischelten. Miss F. zeichnete sich durch ein enormes Haargebäude aus, und wodurch ausserdem? Sie hatte ihre Musik vergessen! Mendelssohn, ausser sich, fuhr sie Verdientermassen an: „Kleinigkeiten kann man vergessen, aber die Musik für eine öffentliche Pro- duction, das ist zu viel! Nun sitzt das Publikum und wartet, weil Sie Ihre-Musik vergessen haben" u. s. w. In diesem Dilemma holte ich mir den Stimmer aus seiner Ecke hervor: „Stimmen Sie an beiden Ciavieren herum und hören Sie nicht eher auf, bis Sie sehen, dass der ausgesandte Orchesterdiener die Musikpartie von Fräulein F. bringt." Er that es und die Pause war, wenn auch nicht angenehm, doch ohne Aufsehen ausgefüllt. Sie spielten nicht übel und wurden bewundert und beklatscht; wozu das hübsche Gesichtchen der Miss J. vielleicht nicht wenig beitrug." „Also der junge G. ist nach Paris gegangen, um republikanisch Clavierspielen zu lernen, und noch dazu von Chopin, der in seinen Mazurka's und Balladen die zerknirschte Freiheit seiner Nation beweint! Im Ernst, mag er ihm im Spiel manches Gute ablauschen, aber in der Composition beweist Chopin, dass er nur einzelne glückliche Gedanken hat, die er aber nicht zu einem gerundeten Ganzen zu verarbeiten versteht. In der soeben herausgekommenen Sonate mit Violoncell finde ich oft Stellen, die mir klingen, als präludire Einer am Ciavier und klopfe an allen Tonarten an, um zu erfahren, ob irgend wo ein Wohlklang zu Hause ist." Sodann: „Ich unterhielt mich mit David, indem wir Hiller's sechs Etüden für Ciavier und Violine probirten. Sie sind, selbst als Salonstücke, recht pikant und effect- voll. Auch die Pensees fugitives von Ernst und Heller, spielten wir." Moscheies componirt Lieder ein- und vierstimmig, unter den letzteren „Winternacht" und „Maifeier" — unter den ersteren „Freie Kunst", „Die Ge- — 172 — spielen", seine beliebt gewordene „Botschaft" u. A. Eine Phantasie- über einige von Jenny Lind gesungene schwedische Lieder, die er schreibt, interessirt ihn der reizenden Original weisen halber, sowie in Erinnerung an die gefeierte Künstlerin,, deren Charakteristik er darin wiederzugeben sucht. Eine grosse Sonate für Ciavier und Violine wurde skizzirt, blieb aber liegen. Am 7. April reist der liebe Freund Mendelssohn nach England, um "seinen Elias aufzuführen; als die Familie Moscheies am 14. Mai in London ankam, war er schon nach Frankfurt abgereist, wo ihn die Trauerpost über den Tod der geliebten Schwester Fanny ereilen sollte. Ein Schlag, der ihn fast tödtlich traf, konnte seine Freunde nur tief berühren. „Er schreibt mir von Baden-Baden aus", sagt die Frau, „auch bei dieser Gelegenheit wieder alles Schöne aus der Tiefe seines reinen Gemüthes. Ob sie nun noch in die Schweiz gehen oder nach Leipzig zurückkehren, ist unbestimmt. Der Arme ist tief betrübt, doch sind sie Gottlob Alle gesund." Die Geburt eines ersten Enkels hatte Frau Moscheies nach London gerufen. Moscheies begleitete sie. Er besuchte dort die alten Freunde, findet aber auch, wie er schreibt, musikalisch Alles bei'm Alten. „Ausser Lablache und Mme. Castellan noch viele -inis und -ettis mit ihren Trillereien, und nirgends ein voller Saal. Ich habe auf Benedict's Wunsch ein achthändiges Stück für sein Con- cert geschrieben, das gut ging und aufgenommen wurde; dennoch habe ich das Bewusstsein, dass das Damen- Publikum sich nur recht erwärmen kann, wenn man ihm Melodieen aus Lucia, I Lombardi, I Puritani u. a. auftischt, in denen die gewöhnlichen Rouladen der Italiener vorkommen. Und dabei das Herableiern der neunundvierzig Nummern in diesem Concert! Es giebt reuige Büsser, die sich durch einen fastenden Magen ihrer Sünden entledigen; hier büsst man, indem der musikalische Magen mit allen diesen Dingen, unter gewaltigem Zeitopfer, überladen wird. Benedict wünschte in seinem Concert ein Duett mit mir zu spielen, Willmers und Bennett — m. — . auch, doch lehnte ich alles öffentliche Solospielen ab. Ich hörte Spohr und Mozart im Philharmonie, aber seitdem ich das Gewandhaus kenne, haben diese Concerte viel von ihrem Reiz verloren; dagegen machte mir Joachim in Ella's Quartettmusik grosse Freude." Ueber die Oper berichtet ein anderer Brief, dass die Grisi, Alboni und Tamburini, selbst in der Lucrezia Borgia des Anhörens werth waren, da sie Ausgezeichnetes leisteten: „für Jenny Lind fmde ich keine Worte, denn wie lassen sich Eindrücke, die zugleich grossartig und wohl- thuend sind, durch wenige Worte wiedergeben? Ohnehin sind alle Epitheta schon für sie erschöpft, und sie steht mir viel zu hoch, um sie zur Banalität eines Lobes herabzuziehen, wie die Zeitungsschreiber es über sie ausgiessen. Sie hat hier einen unerhörten Eindruck gemacht. Jeder will sie sehen und hören, oder hat sie gesehen und gehört und möchte sie wieder sehen und hören. Ich wollte sie ausserhalb des Theaters auch noch sehen, da sie aber etwas entlegen wohnt, bat ich sie schriftlich, mir eine Empfangsstunde zu bestimmen. In der Mittagsstunde des nächsten Tages ward sie mir gemeldet. Schlicht und einfach kam sie selbst, mir zu sagen, dass sie meinen Besuch gern empfangen würde. So viel Bescheidenheit und so viel Grösse findet man wohl selten — wenn überhaupt — gepaart, und wenn ich auch durch Mendelssohn, der sie näher kennt, in die grossen Eigenschaften dieses Charakters eingeweiht war, sie überraschten mich schon durch ihre Aussenseite. Ich musste ihr meine Phantasie über ihre schwedischen Lieder vorspielen. Mendelssohn hatte die Themen mit mir gewählt; sie sagte mir viel Schönes über meine Auffassung und Wiedergabe derselben. Wir erwiderten ihren Besuch in Old-Brompton, wo sie fern vom Lärm der Hauptstadt und dem Glanz ihrer Leistungen wohnt." Der ganze fünfwöchentliche Aufenthalt mit seinen Notizen beweist uns, wie Moscheies und die Seinigen mit Genugthuung auf ihre Uebersiedelung blicken. Das Ver- hältniss zu den alten Freunden ist zwar dasselbe herzliche geblieben, die Freude an der Tochter und dem Enkelchen — 174 — wäre unbeschreiblich gross, könnte man mit ihnen zusammen leben; — „aber die Kunst", pflegte Moscheies zu sagen, „hat mir in Leipzig einen schöneren Wirkungskreis angewiesen." Und so finden wir ihn im Juli wieder unter seinen Conservatorium-Schülern, „fleissig und pünktlich", wie er sich's beim Antritt der Stelle vorgenommen hatte. Ebenso gewissenhaft ist er in dem Arrangement von Beethoven's Symphonie in A, die eigene Arbeit mit der von Hummel vergleichend. Das Tagebuch sagt: „Hummel nimmt sich alle möglichen Freiheiten, will Beethoven in Vortragszeichen wie in Noten verbessern, z.B. im Anfange des, ersten Allegro giebt er dem Bass einen veränderten Rhythmus: Die Stelle schreibt er so _ 11 ■*-■*- ■»"#- ■f WV *' # / 1 "W -• ' / v- y hi E3 Gegen Ende des Stückes schneidet er auf der elften Seite zehn Tacte ab!!! Im letzten Stück auf der dreissig- sten Seite zweiundzwanzig Tacte!!!? . . . Im August schreibt Moscheies: „Ein solcher Besuch, wie der von Ferdinand Hiller, war mir eine angenehme Zerstreuung. Uebrigens freut es mich, wenn sich mein hiesiges Leben so gestaltet, wie es mir Bedürfniss ist, wenn nichts Auffallendes meinen Geschäftsgang, meine Zeiteintheilung stört. Das Neue suche ich in den Blättern, das schon Bekannte in den schön geschriebenen Girondins und Dahlmann's vortrefflicher Geschichte der französischen Revolution. Die römische Conspiration, die englischen Parlaments-Wahlen und Isabellen's häuslichen Zwist, lasse ich ebenso unbekümmert an mir vorüberziehen, wie die junge Kunstwelt in ihren unnatürlichen Leistungen; nur die hiesigen Kunstjünger bewache und leite ich. — Der Redac- teur der hiesigen Zeitschrift für Musik hat eine Künstlerversammlung auf den 13. und 14. d. M. zusammenberufen, bei der das Wohl von Kunst und Künstlern besprochen werden soll. Ich halte von solchen Hebeln zu ihrem — 175 — ■Gedeihen nichts; wollte mich aber nicht ausschlies- sen." .... Am 13. August eröffnet Brendel die Versammlung, trägt auf das Spielen von klassischer Musik in Concerten an. Schumann sendet brieflich seinen Wunsch ein, man möge deutsche Titel auf Musikalien einführen. Andere^ sprechen. Nachmittags Concert. „Ich spielte S. Bach's D-moll- Concert mit improvisirter Cadenz, dann Etüden; David Beethoven's letztes Quartett B-dur, Andante und Variationen aus Schubert's Quartett. Mme. Brendel Sonate von Flügel. Fräulein Vogel und Andere sangen." 14. August. „Dörffel trägt auf Verbesserung des Ciavier - Unterrichts an und sagt, es müsse ein Leitfaden für Lehrer verfasst werden. Ich nenne meine Methode des methodes als solchen. Debatte zwischen mir und Herrn Knorr über seine Edition der Cramer'sehen Etüden, in welcher er seinen eigenen Fingersatz dem des Autors substituirt hat. Ich befürworte meine Ansicht dem Schüler lieber verschiedene Arten von Fingersatz zu zeigen, wie z. B. in meinen Etüden, Griepenkerl spricht blumenreich über antike Opernstoffe und die Bedürfnisse der Jetztzeit, bezieht sich auf Gluck und Spontini, nicht auf Mozart und Weber. In der Pauliner-Kirche ist ein Orgel- concert und Abends ein Festmahl im Hotel de Prusse. Es giebt Toaste, Reden und vierstimmige Lieder." . . . Es finden sich in diesen Sommermonaten gar viele •durchreisende Künstler ein. die spielen, singen und vorgespielt haben wollen. Sie befriedigen ihn selten, „aber anhören muss man doch Alles, und dann muss ich den Leutchen doch auch zeigen, dass man Ciavierspielen kann ohne dreinzuschlagen, und dass es ein pp. auch ohne das einsaitige Pedal giebt. Die Pedale sind Hülfsmittel; wer sie zur Hauptsache macht, giebt seinen Fingern ein Unfähigkeits - Zeugniss, und wer nur Polka du Diable, A r alse infernale und Menuet ä la Demon oder als Gegensatz Mondschein-Elegien, Sehnsuchts-Notturnos, und Aeols- harfen-Sonaten schreibt, der will durch Titel, nicht durch originelle Gedanken anziehen. C. L's. Frühlings-Nahen r — 176 — ist eher ein Herbststück, denn die Composition ist welk wie herabfallende Blätter." Während der Ferien wird ein kleiner Ausflug nach Dresden gemacht; man geniesst die dortigen Kunstschätze und verkehrt viel mit Schumann's, Hiller's u. A. Am 17. September erfolgt die Rückkunft der Familie Mendelssohn aus der Schweiz. Geistig ist der herrliche Freund ganz derselbe treue, körperlich scheint er verändert; er hat gealtert, ist matt, und sein Gang weniger rasch als früher. Sieht man ihn aber am Ciavier, oder hört ihn über Kunst und Künstler sprechen, so ist er ganz Leben und Feuer. Sein Freund Julius Rietz tritt soeben sein Amt als Kapellmeister in Leipzig an, das ist ihm eine wahre Freude. „Noch Einer", sagt Mendelssohn, „der es ernst mit der guten Musik meint, der selbst Tüchtiges leistet und die Leistungen Anderer zur höchsten Stufe der Vollkommenheit führen kann, das muss den Ge- wandhaus-Concerten erst die richtige Weihe geben. Und was wird Alles von und bei uns musicirt werden? Rietz spielt so gut Cello, es wird ein prächtiger Winter." . . , So extasirte er sich, setzte auch gleich einen Abend an, den alle Moscheies und Rietz zusammen bei ihm zubringen sollten. Dort gab das neue, für Benedict's Con- cert geschriebene, achthändige Stück von Moscheies An- lass zu einer lebhaften Discussion; es sollte „jadis et au- jourd'hui" heissen, und dem widersetzte sich Mendelssohn. „Die ernste Füge bezieht sich auf die gute alte Zeit", behauptete Moscheies, „die leichteren Sätze sollen unser musikalisches Heute vorstellen." „Aber warum das", meinte Mendelssohn? „Werden nicht jetzt noch interessante Fugen geschrieben? Unsere Zeit leistet auch noch Gutes." — „Aber der Modegeschmack ist verderbt", sagte wieder Moscheies, „sie wollen nur noch leichte Musik, in's Ohr fallende Rhythmen hören." „Ja sie wollen", unterbrach Mendelssohn lebhaft, „aber sie sollen nicht. Leben Du und ich nicht? Haben wir nicht die Absicht, gute Musik zu. schreiben? Wir wollen beweisen, dass die Zeit noch Gutes leisten kann, d'rum bitt' ich Dich, nicht den Titel." Dieser — i77 — Bitte war nicht zu widerstehen und so ward aus dem , Jadis et aujourd'hui" — les Contrastes, womit der Freund sich einverstanden erklärte. Lassen wir nun wieder das Tagebuch sprechen, am 3. October: „Nachdem Mendelssohn's mit uns gegessen hatten, unterhielten Felix und ich uns am Ciavier mit Fugen und Giguen von Bach; dann aber ahmte er, vortrefflich eine Polka der Frankfurter Stadtmusikanten nach, die er zu seinem Verdruss hatte unzählige Male hören müssen." . . . Am 5. October. „Den ganzen Nachmittag bei Mendelssohn bei freundlichster Aufnahme und gemüthlichen Mittheilungen über hiesige Kunstverhältnisse. Er spielte mir sein letztes Quartett vor; alle vier Stücke in F-moll. Der leidenschaftliche Charakter des Ganzen und die düstere Tonart scheinen mir ein Ausdruck seines tieferschütterten Seelenlebens; er kämpfte noch mit dem Schmerz über den Verlust seiner Schwester. Auch einige Manuscript-Lieder zeigte er mir. Alles gemüthlich, wenn auch nicht immer originell." Am 7. October. „Mendelssohn holte mich zum Spaziergang ab; obgleich es regnete, wandelten wir unter den interessantesten Gesprächen im Rosenthal. Die Zeit verfloss köstlich." Am 8. October. „Prüfung im Conservatorium. Mendelssohn schrieb mit Kreide Generalbass - Exempel, als Probestein für die Schüler, auf eine Tafel; während diese sie ausarbeiteten, skizzirte, er reizende Landschaften mit der Feder. Ein stets schaffendes Genie!" „Nachmittags und Abends waren wir in seinem Hause. Er spielte mit Rietz seine D-dur-Sonate mit Cello und die beiden Beethoven'schen Op. 102, mit mir meine Sonate symphonique, ich mit E. les Contrastes." Am 9. October holte Mendelssohn Charlotte und mich zum Spaziergang ab; wir sahen ihn matt und langsam durch den Garten in's Haus kommen. Auf die theil- nehmende Frage meiner Frau, wie es ihm gehe, antwortete er: „Wie es mir geht? Grau in grau geht es mir." Sie tröstete, dass das sonnige Wetter, der Spaziergang ihm Moscheies' Leben. II. to — 178 — gut thun würden. Und wirklich wurde er während unserer Wanderung durch's Rosenthal so frisch und belebt, dass wir sein Unwohlsein vergassen. Er erzählte von seinem letzten Besuch in London, seinem Besuch bei der Königin, wie sie ihm hübsch vorgesungen, nachdem er ihr und dem Prinzen vorgespielt; wie sie dann höchst liebenswürdig gesagt: „Er habe ihr so oft Freude gemacht, wodurch könne sie ihm nun eine machen?" Wie er gebeten, die Kinder zu sehen, und wie sie ihn dann in das vortrefflich gehaltene Kinderstuben-Revier geleitet, die kleinen Prinzen und Prinzessinnen so wohlerzogen und artig, dass es ihm wahre Freude gemacht. Dann sprach er über den bevorstehenden Geburtstag seiner Frau, zu dem er einen Mantel gekauft." Ein anderes unschätzbares Geschenk war ihr aber auch von ihm für diesen Geburtstag vorbereitet. Als er nämlich mit Klingemann eine Tour nach Schottland gemacht, führten Beide zusammen ein Tagebuch; Klingemann dichtend, Mendelssohn zeichnend. Diese flüchtigen Skizzen waren nun ausgearbeitet, vereinigt und gebunden; doch war er, der seine Frau durch dies Angebinde erfreuen wollte, schon todtkrank, als er es ihr überreichte! „Wir trennten uns", sagt das Tagebuch, „gegen i Uhr in heiterster Laune." Aber schon am selben Nachmittage ward er im Frege'schen Hause sehr unwohl. Dorthin war er gegangen, um die von ihm so hochgestellte Künstlerin auf's Neue zu bereden, sie möge in der bevorstehenden Aufführung seines Elias singen. „Sie scheut sich vor der Oeffentlichkeit, hatte er uns schon in den vorhergehenden Tagen gesagt, weil sie viel am Hals gelitten hat; aber so wie sie wird's doch keine singen; ich muss ihr Muth machen." Die wörtlich hier folgende Mittheilung über seinen Besuch bei Frau Frege_ am 9. October verdanken wir persönlicher Mittheilung: „Als er eintrat, waren seine Worte: „„Ich komme heute und alle Tage, bis Sie mir Ihre Zusage geben, und nun bringe ich wieder die veränderten Stücke (des Elias) mit. Eigentlich ist mir aber — 179 — miserabel zu Muth — ja so, dass ich neulich bei meinem Trio geweint habe. Heute müssen Sie mir aber vor dem Elias noch helfen ein Liederheft zusammenzusuchen, Här- tel's drängen mich so dazu."" Er brachte das Heft Op. 71, und als siebentes Lied das altdeutsche Frühlingslied „Der trübe Winter ist vorbei", was er schon im Sommer dieses Jahres componirt, aber am 7. October erst aufgeschrieben hatte, mit. Ich wusste, sagte Frau Frege, wie er ungefähr die Reihenfolge arrangiren würde, und legte sie so nach und nach auf den Flügel. Als ich das erste gesungen, war er sehr ergriffen, verlangte es noch einmal: „„Das ist ein ernstes Geburtstagsgeschenk am 1. October für Schleinitz gewesen, — aber es ist mir eben so zu Muth, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich in Berlin Fanny's noch unveränderte Zimmer wieder traurig gemacht haben! Aber ich habe ja Gott so viel zu danken — geht es doch Cecile und dem kleinen Felix (seinem jüngsten, oft kränklichen Sohne) so gut!"" Ich musste alle Lieder mehrfach wiederholen und blieb dabei, dass mir das Frühlingslied weniger in das Heft passe. Da sagte er: „„Nun gut! Ernsthaft sieht das ganze Heft aus — es mag so in die Welt gehen."" Obgleich er sehr bleich aussah, musste ich ihm zum dritten Male das erste Lied singen, und er sprach allerhand Liebes und Freundliches darüber. Dann sagte er: „„Wenn Sie nicht zu müde sind, wollen wir das letzte Quartett aus Elias noch singen."" Ich ging aus dem Zimmer, um Lampen zu bestellen, als ich zurückkam, sass er im anderen Zimmer in der Sopha- ecke und meinte, er habe ganz kalte steife Hände bekommen, er wolle doch vernünftig sein und lieber noch einmal um die Stadt laufen, denn er fühle sich zu schlecht, um gut Musik zu machen. Ich wollte einen Wagen holen lassen, aber er litt es nicht, und ging, nachdem ich ihm Zuckerwasser und Brausepulver gegeben, etwa um z j 2 6 Uhr. Als er in die Luft kam, fühlte er, es sei besser, gleich nach Hause zu gehen, setzte sich dort in die Sophaecke, ward aber von Cecile um 7 Uhr wieder mit einem solchen Anfall abgestorbener Hände gefunden. — Das arge Kopf- 12* — 180 — weh, an dem er den folgenden Tag litt, wurde vom Arzt mit Blutegeln behandelt; er hielt es für ein Magenleiden und erklärte es erst viel später für einen überreizten Nervenzustand. Mir war schon lange Zeit — noch vor Fanny's Tode — seine Blässe beim Dirigiren und Spielen aufgefallen — Alles griff ihn mehr an, als früher." Ein Schrecken durchflog die Stadt, die Freunde zitterten, als die Kunde seiner Krankheit erscholl, glaubten aber wieder an seine dauernde Besserung', als er anfing, sich zu erholen. „Am 15. October", sagt das Tagebuch, „Hess er sich viel über Hiller's Oper von mir erzählen, deren gute Aufnahme ihn herzlich erfreute." Dieser „Conradin, der letzte Hohenstaufe" war am 13. zum ersten Mal in Dresden aufgeführt worden. Moscheies, David und Benedict, letzterer eben aus London gekommen, waren zusammen hinübergefahren, um die Zahl der theilnehmenden Freunde zu vermehren, die das Haus brillant füllten. Das Tagebuch sagt: „Es ist ein verdienstvolles, schönes "Werk und Hiller fand auch verdiente Anerkennung, indem er wiederholt gerufen wurde. Die Musik ist leidenschaftlich, wahr und edel. An Cantilenen und rhythmisch klaren Phrasen ist jedoch Mangel, welches der Popularität des Werkes hinderlich werden könnte. Fräulein Wagner und Tichat- schek waren vortrefflich, Chore und Ensembles sehr gut." In den nächsten Tagen wird Mendelssohn von seinen Freunden besucht, ist guten Muthes und macht Pläne über Pläne. Sogar nach Wien wollte er reisen, um versprochener- massen seinen Elias zu dirigiren, doch reden ihm die Freunde von dieser Anstrengung ab. Zu Frau Frege, die ihn besucht, sagte er: „Na, Sie mögen über mich schön erschrocken sein, denn ich muss munter ausgesehen haben." Der Genesende fühlt sich immer wohler, darf am 28. einen Spaziergang mit seiner Frau machen, verspürt sogar Lust, noch einmal auszugehen; die vorsorgliche Frau beredet ihn, lieber der Ruhe zu pflegen, er willigt ein. Aber ach! gleich darauf sinkt er zusammen. Man nannte es Nerven- — i8i — ■schlag. Die Angst und Sorge der nächsten Tage lässt sich nicht beschreiben, die ganze Stadt theilt sie mit Verwandten und Freunden. Noch einmal tritt eine scheinbare Besserung ein, bald aber spricht er in grosser Erregung englisch und am 3. November 7*3 Uhr Nachmittags tritt der dritte Schlaganfall ein und umnebelt seine Sinne gänzlich. Das ausgelegte Bulletin wird belagert, die Nachrichten, die es bringt, wissen nichts von Besserung. So kommt der 4. November heran. Geben, wir Moscheies' eigene Worte, wie er sie am Morgen des verhängnissvollen Tages in Mendelssohn's Wohnung schrieb: „Natur, verlangst Du Deine Rechte? Engel, deren Heimath die himmlischen Sphären sind, wollt Ihr Euren Bruder, den Ihr als Euer eigen betrachtet, den Ihr zu hoch zum Verkehr mit uns gewöhnlichen Sterblichen haltet? Noch besitzen, noch umklammern wir ihn, wir hoffen auf die Gnade Gottes, den noch länger unter uns zu lassen, der uns stets als ein Muster alles Edlen und Schönen geleuchtet hat, der unser Jahrhundert ziert! Dir, o Schöpfer, ist es bewusst, warum, wie so Du in dieser Seele Schätze des Geistes und Gemüthes angehäuft hast, die die zarte Hülle seines Körpers nur auf beschränkte Zeit tragen, die sein Dasein zu verkürzen drohen! Kann unser' Flehen uns den Menschen, den Mitbruder von Dir erbitten? Welches Werk hast Du in ihm vollbracht! Du hast uns gezeigt, wie hoch sich der Mensch zu Dir erheben, wie er sich Dir zu nähern vermag! Keiner ist Dir näher gekommen, als er, für den wir zittern. Lass ihn auch den irdischen Lohn gemessen, lass ihn die Liebe seiner Lebensgefährtin, die Entwickelung seiner Kinder, die Bande der Freundschaft, die Verehrung der Welt gemessen!" — — Mittags. „Die Aerzte Dr. Hammer, Hofrath Clarus, der Chirurg Walther sind abwechselnd um den Kranken; das von Schleinitz geschriebene Bulletin erklärt den Zustand hoffnungslos. Herr und Frau Dr. Frege, David, Rietz, Schleinitz, meine Frau und ich bleiben angstvoll in der Nähe des Krankenzimmers. Die Aerzte sprechen die — 182 — einzigen Muth einflössenden Worte: „Wenn er nicht einen neuen Anfall von Nerven- oder Lungenschlag bekommt,, so könnte die scheinbare Ruhe zu einer glücklichen Wendung, zu seiner Rettung führen." — Aber diese- Ruhe war die Folge der Abnahme seiner physischen Kräfte!" Abends. „Von 2 Uhr Nachmittags an, wo eine Wiederholung des Schlaganfalles um dieselbe Stunde zu befürchten war, fing seine gänzliche Bewusstlosigkeit an. Alle feineren Organe und geistigen Kräfte waren dahin, er lag ruhig, laut und schwer athmend. Abends waren wir schon abwechselnd um sein Bett versammelt, ohne eine Störung zu befürchten; sein engelhaft ruhiges Antlitz war der Stempel seiner unsterblichen Seele, welcher sich tief, unverwischbar in unsere Seelen abdrückte. Seine Cecile trug das centnerschwere Gewicht ihres Schmerzes helden- mässig— sie unterlag keiner Hinfälligkeit, kein Wort verrieth ihren inneren Schmerz. Sein Bruder Paul, wie ein bewegliches Marmorbild, war unablässig an seinem Bette. Diese tragische Scene wurde noch dadurch erhöht, dass man die Ankunft seiner Schwester, Frau Dirichlet, oder der Geschwister, des Herrn und der Frau Schunck vergeblich erwartete. Dr. Härtel war nach Berlin gereist, um sie und auch Dr. Schönlein zu holen — aber sie kamen nicht. ------Von q Uhr Abends rückte die verhängnissvolle Auflösung heran! Seine Athemzüge nahmen ein langsameres Zeitmass an. Die Aerzte zählten sie, als wollten sie die Wissenschaft mit neuen Entdeckungen bereichern, seine Züge wurden verklärter; Cecile kniete an seinem Bette in Thränen aufgelöst; auch Paul Mendelssohn, David, Schlei- nitz und ich umringten sein Bett todtenstill, in Gebete versunken. Bei jedem Athemzug, der sich ihm entwand, fühlte ich den Kampf des grossen Geistes, der sich von der irdischen Hülle befreien will. Ich habe ihn viel 1 neben mir in Kunstbegeisterung athmen, wie auf einem Pegasus himmelan stürmen gehört, und nun mussten mir diese unvergesslichen Rhythmen in solcher Auflösung erklingen! Beethoven's Schauerlaute - i8 3 - aus dem Trauermarsch der Eroica, besonders diese Stelle ^Sfel Y L.LU ÜJ zogen mich hinüber in bessere Welten; nur das unterdrückte Schluchzen der Anwesenden und meine eigenen heissen Thränen knüpften mich an die Gegenwart." „Um 9 Uhr 24 Minuten hauchte er mit einem tiefen Seufzer seine grosse Seele aus. Der Arzt brachte Cecile in ein anderes Zimmer und stand ihr in ihrem stummen Schmerz bei. Ich kniete vor dem Bette, begleitete die Seele des Hingeschiedenen mit meinen Gebeten gen Himmel und küsste die hohe Stirn, ehe sie im Todesschweiss erkaltete. Noch mehrere Stunden bejammerten wir gemeinschaftlich den unersetzlichen Verlust; dann zog sich Jeder mit seinem Schmerz zurück. Seine Kinder waren um 9 Uhr zu Bette geschickt worden und schliefen schon sanft, als Gott ihren Vater zu sich rief. Alles, was die Begräbnissfeier schauerlich Erhabenes mit sich bringen kann, wird den Gefühlen nicht gleich kommen, welche ich für meine übrige Lebenszeit in Erinnerung des unersetzlichen Mannes, des geliebten Freundes mit mir tragen werde." . . . Die ganze Stadt trauerte, das Gewandhaus gab an diesem 4. November nicht wie gewöhnlich sein Concert; wer hätte auch hineingehen mögen? Die eine gesprungene Saite hatte alle Seelen verstimmt! — Moscheies wohnt in den nächsten Tagen den Conferenzen für eine Todtenfeier des geliebten Freundes bei; er instrumentirt dessen eigenes Lied ohne Worte in E-moll für die Gelegenheit. Die Leiche ward alsbald nach Berlin gebracht; die Todtenfeier findet am 7. November in der Paulinerkirche statt. Es waren schwere Stunden, schmerzliche Wochen! — Die Berliner Staatszeitung bringt folgenden Bericht: „Arn 6. November ward Mendelssohn's Leiche unter Be- — 184 — gleitung einer Bande von Blechinstrumenten, welche Beeth- oven's Trauermarsch spielte, in die Pauliner- (Universitäts-) Kirche getragen. Der Zug bestand aus den Mitgliedern des Gewandhaus - Orchesters, den Schülern des Conser- vatoriums, das der Verstorbene gegründet hatte; dem Sarge — das Leichentuch getragen von Moscheies, David, Hauptmann und Gade — folgten die Professoren des Con- servatoriums, Mendelssohn's Brüder als Haupt-Leidtragende, mehrere musikalische Gesellschaften aus Leipzig und Dresden. Nach der Rede des Pastors in der Kirche wurden ein Orgel-Präludium und Choräle aus dem Paulus und aus Bach's Passion unter Gade's und David's Leitung vom Orchester gespielt. Der Sarg stand während dieses Gottesdienstes offen da, der Todte einen Lorbeerkranz auf der Stirn, ward von den Malern Bendemann, Hübner und Richard aus Dresden gezeichnet. Nachts um 10 Uhr schloss man den Sarg, und er ward von den Schülern des Conservatoriums an die Station des Berliner Bahnhofes getragen. Ein Fackelzug von mehr als iooo Personen geleitete die Prozession durch die überfüllten Strassen Leipzigs, und gleiche Ehren mit Grabgesängen wurden der Leiche in Cöthen, Dessau und anderen Städten, durch welche sie auf ihrem Wege nach Berlin kam, zu Theil. Diese Stadt erreichte man am 7. um 8 Uhr Morgens. Dort ward der Sarg mit Eichenlaub und einem grossen Lorbeerkranz geschmückt und von sechs schwarz behan- genen Pferden auf den Friedhof der heiligen Dreifaltigkeit gebracht. Tausende folgten entblössten Hauptes und wieder ward Beethoven's Tra\iermarsch gespielt. Zwei Prediger und andere Freunde des Verstorbenen hielten Reden am Grabe und ein 600 Personen starker Chor sang eine Hymne von&j=eeber, „Christus und die Auferstehung." Es ist unmöglich, die Theilnahme zu beschreiben, welche sich unter den Anwesenden kund gab, während die Männer Erde, Frauen und Kinder Blumen auf den hinabgesenkten Sarg warfen. Mendelssohn schläft nun neben der geliebten Schwester, deren Tod einen so mächtig beklagens- werthen Einfmss auf ihn übte." - i8 5 - Der König von Preussen hatte Mendelssohn ein Schreiben gesandt, worin er ihm die grösste Befriedigung über die erste Aufführung des „Elias" in Berlin ausdrückte; leider aber erreichte dies Schreiben Leipzig einen Tag nach dem Tode des grossen Meisters. Im Gewandhaus- Concert des n. Novembers gab man: Erster Theil: Paulus-Ouvertüre; Motette, „Herr, nun lassest Du Deinen Diener in Frieden fahren"; Mendelssohn's Lied, „Vergangen ist der lichte Tag" von Frau Fjege rührend schön vorgetragen; Ouvertüre zu Melusine. Zweiter Theil: Beethoven's Eroica. Wer möchte die Gefühle bei diesem Concert schildern! Jeder kennt nur den eigenen Herzensschrein und verbirgt ihn gern vor dem Auge der Welt. Frau Moscheies, nach Frauenart ergriffen, meinte, an •ein Verbleiben in Leipzig sei nun wohl nicht zu denken. Der Verlust sei gar zu gross, der Zweck einer Thätigkeit im Verein mit Mendelssohn durch diesen Schlag zerstört. -------Aber Moscheies berichtigte bald ihre Ideen. „Er hat mich an das ihm so liebe Institut berufen, ein Wirken daran mit ihm wäre mir eine tägliche Freude und Genugtuung gewesen, das Wirken daran ohne ihn bleibt mir Pflicht und heiliges Vermächtniss. Ich muss nun für uns Beide arbeiten." So beginnt er seine Lectionen am Montag den 7. November von Neuem und findet in seiner Pflichttreue gegen die Schüler den besten Trost für seinen herben Schmerz. Der Verkehr mit den Lieben des Verstorbenen, das Lesen seiner wohlthuenden an Mann und Frau gerichteten Briefe, das Spielen seiner Musik — „von den Kinder stücken an, welche C. lernt, bis zu S.'s vierhändigem Spiel mit mir und meinem alleinigen Durchgehen seiner schönsten Cla- viercompositionen" — das sind lebendig tröstliche Vermächtnisse von ihm", schreibt Moscheies. Seine Compo- sitionen werden auch in befreundeten Häusern im kleinen Kreise gespielt, die Kammermusik giebt sein Octett; so lebt man den trüben Winter mit ihm fort. Der König von Sachsen wohnt einer Aufführung der — 186 — Walpurgisnacht im Gewandhaus bei; die Bruchstücke der Loreley werden aufgeführt und „oh", seufzt das Tagebuch, „warum sind es Bruchstücke? Warum durfte er die vielversprechenden nicht vollenden"? Es erscheinen zahllose Skizzen von Mendelssohn's Leben, keine schildert ihn so, wie seine eigenen Briefe es thun. Jeder seiner Freunde kann nur bezeugen, was er ihm war, was er an ihm verliert; die Welt muss es beklagen, dass dieser schöpferische Genius abberufen ward, ehe er Zeit hatte, alle Keime, die in ihm lagen, zur Reife zu bringen; man kann nur bewundernd lesen, wie er seine edle Gesinnung, seine Anhänglichkeit an Alle, die er liebte, aussprach. Keinem Menschen hat er je übel gewollt, die Kunst betrachtete er als ein Himmelsgeschenk; es war ihm verliehen, er musste es hegen und pflegen als ein herrliches Gut, und während so Manche seiner Zeitgenossen für die Welt, den Modegeschmack, das Publikum schrieben, trachtete er einzig und allein darnach, poetische oder göttlich erhabene Gedanken in die edelsten lieblichsten Harmonien zu kleiden. Auch seine Werke fanden ihre Tadler — wer fände diese nicht? Aber Keiner kann ihm vorwerfen, sich selbst und dem, was er für das Wahre, Richtige hielt, jemals untreu geworden zu sein! 1848. Das Jahr begann mit dem regen musikalischen Treiben, das die Stadt Leipzig noch heute charakterisirt. Zu den einheimischen Grössen Hauptmann, David, Rietz, Coss- mann, Joachim, gesellten sich als Mitwirkende in den Abonnements-Concerten und der Kammermusik Reinecke, Schubert, Lipinsky, und vor Allem das genialische Paar Robert und Clara Schumann, er mit den auserlesensten Novitäten für Orchester und Ciavier, sie einzig gross in Wiedergabe der letzteren. Auch der vortreffliche Or- - i8 7 - ganist Beiker kam, dann Friedrich Schneider aus Dessau l q mit einer neuen Symphonie für's Gewandhaus. Die Künstlerversammlung hielt Reden über den wahren Fortschritt der Kunst und Griepenkerl gab Vorlesungen über Poesie und Musik. „Immer aber leben wir dem Andenken Men- delssohn's", sagt ein Brief Moscheies', „und haben innigen Verkehr mit seinen Hinterbliebenen. Seine Frau hat den Muth, bei allen Aufführungen, welche die Freunde ihres Mannes veranstalten, zugegen zu sein, und solche tief ergreifende Compositionen, wie das letzte Quartett in F-moll und das Nachtlied so vorgetragen, wie es nur Frau Frege kann, mitanzuhören. Am 3. Februar, seinem Geburtstag, ist auch der „Elias" gegeben." „Ich habe allen Proben beigewohnt, E. und S. sangen mit. Leider war ja diese erste Aufführung zugleich eine Todtenfeier! Sein dazu angefertigtes Medaillon vom Bildhauer Knaur hing bekränzt über dem Orchester. Behr war ein braver energischer Elias, Frau Frege sang die Wittwe glockenrein und seelenvoll, Frl. Schloss die Alt-Partie vortrefflich. Gade's Leitung war fleissig und gut, bis auf einige Tempi, die Mendelssohn in Birmingham anders genommen hatte. Dort erhöhte die Orgel viele Effecte. Das Concert, zum Besten des Pensions-Fonds gegeben, konnte sich unbegreiflicherweise nur eines zwei Drittel gefüllten Saales rühmen; die ehrfurchtsvolle Stille, mit der das Werk aufgenommen wurde, liess einige Blätter behaupten, das Publikum sei nicht davon ergriffen gewesen. Die ganze Sache rief bei uns und einigen Gleichgesinnten viel Entrüstung hervor." Die Aufführung des „Elias" wird später wiederholt. Inzwischen begann es, nach dem Vorbilde Frankreichs, auch auf unserer heimathlichen Erde zu gähren. Hatten die Franzosen ihre Revolution, so mussten wir es ihnen nachthun, und man weiss, wie es aller Orten nicht an überreizten Köpfen fehlte. Der Vater in Hamburg nimmt sich alles so sehr zu Herzen, dass man besorgt um ihn wird. Die Tochter besucht ihn auf acht Tage, und hier folgen Auszüge aus den Briefen, welche Moscheies in dieser Zeit an sie richtete: 25. März 1848. „Schon bist Du sechs Stunden fort; es ist Zeit, dass ich ein wenig mit Dir plaudere, damit Dich diese Zeilen im Kreise der Unsrigen begrüssen. Sieh zu, dass Du ihnen etwas von unserer sächsisch-politischen Besonnenheit und meinem selbstbeherrschenden Gleichmuth beibringst. Ich hofle, Deine Gegenwart ermuthigt sie die herben Zeitereignisse mit Standhaftigkeit und Vertrauen auf Gott zu ertragen. Wenn Du nicht helfen kannst, wirst Du sie gewiss angenehm zerstreuen und somit wäre der Zweck Deiner Reise erreicht. Eben unterbricht mich ein neuer Clavierspieler A., ein halber Engländer, von Schnyder von Wartensee empfohlen. Er klopfte mein Ciavier ein bischen durch und machte mich mit einigen neuen schlagenden Effecten bekannt; sich möchte er hier bekannt machen." . . . Sonntag, 26. März 1848. . . . „Cecile bat mich gestern, die eben corrigirten Orchester-Stimmen von Felix' A-dur-Symphonie zu revidiren, weil sie vielleicht im letzten Concert gegeben werden soll. Ich bin auch im Theater gewesen, eine neue Oper zu hören; aber sie fiel durch. Die Musik war so alltäglich schlecht, dass sie mich sogar im Schlaf störte; besser vielleicht, dass ich zu keiner Ruhe kommen konnte, da das Theater doch nicht zum Schlafen gemacht ist. Prof. G. würde gesagt haben: die Composition entspricht dem Zeitgeist nicht. David sah mich vom Orchester aus in den drei Entr'acten betrübt an; ich bemitleidete ihn. . . . Robert Blum vom Arbeiter-Verein, den das Tageblatt als sehr vernünftig rühmt, zum Abgeordneten beim Parlament erwählt, nahm es freudig an." . . . Nachts 11 Uhr. „ Heute früh schrieb ich Dir und jetzt beginne ich meinen Brief für morgen, da das Conservatorium morgen nicht viel Zeit lassen wird. Wir assen behaglich bei David mit Gade und Coss- mann und tranken auf Deine Gesundheit...... Alle Bekannten fragen nach Dir, ich habe durch mein Strohwittwerthum allen Glanz verloren. Im Museum fand — iöa — ich gährende Berichte über Schleswig-Holstein; Du wirst dort mehr darüber wissen; Gott behüte vor einem nahen Krieg! — Besuch bei Cecile, über die Promenade bei heissen Sonnenstrahlen, dann Dein erster Brief. . . . Der Ciavierspieler A. kommt eben, noch vor meiner Siesta; der wird mich wach erhalten; aber er trennt mich von Dir."... 27. März, ii Uhr Nachts. ........Ich will nicht zu Bette gehen, ohne ein Wörtchen mit Dir zu plaudern. Ich sitze in meinem Zimmer bei ungeheiztem Ofen, die Cigarre im Munde. S. habe ich jetzt von ihrem Zeichnen weg, zu Bette geschickt, F. um 10, C. um 9 Uhr. Sie sind so gut wie der Dreiklang. S. der Bass, F. die Schalmei (Schelmerei), C. die Trompete. Bis 7 Uhr spielte mir A. seine quand meme-Stücke vor, ein Gemisch von interessanten Combi- nationen und chaotischen Phrasen. Ich höre, dass Gade ihm abgerathen, seine Sachen hier zu spielen, und da er gern Dienstag im Pensionsfonds-Concert auftreten möchte, so wird er sich in Hummel's H-moll-Concert hören lassen. Dann gab ich dem W. eine Lection. Kaum war der fort, so kam wieder ein fremder Ciavierspieler mit Manuscript, aber Behr's Besuch schützte mich, sonst hatte er mir auch vorgetrommelt. Behr war in Berlin gewesen und erzählte viel über dortige Zustände, dann probirte er drei Mal mein Lied „Freie Kunst". Endlich um 7 Uhr ging ich in's Museum und las über das Drama der Zeit, worin Petitionen, Cocarden, Barrikaden und dreifarbige Fahnen als Com- parsen auftreten. Dann trank ich mit den Kindern Thee, las wieder Zeitung und dann noch eine Stunde an's Ciavier."... Dienstag, 28. März. Abends nach dem Thee. „Ich will meinem Vorsatz getreu bleiben, Dir täglich zu schreiben, obwohl dies keine Uebereinkunft zwischen uns ist, ich Dir auch keinen Vorwurf mache, dass Du gestern nicht schriebst, da ich Deine dortigen Abhaltungen kenne. Komischerweise fand ich in der Wiener Zeitung einen Artikel, „der dem König von Preussen vorwirft, er habe — 190 — seinem Volk erst über den Leichen der Bürger Freiheiten und Aufklärung" gegeben." Und das von Oesterreich! Wohin es gekommen ist! Hast Du einmal in einer Ballet- Pantomime Figuren tanzen sehen, die von vorn wie altmodische Herren aussehen, indem sie sich umdrehen, aber junge, leichte, lachende Figuren vorstellen — so kommt mir Oesterreich vor." . . . Die Frau wird auf ihrer Rückreise schon in Berlin von Moscheies empfangen, „damit sie zusammen Mendels- sohn's Grab besuchen können." „Es war ein trauriger Gang, doch that er unsern Herzen wohl", schreibt sie. Die Politik nahm damals natürlich das grösste Interesse in Anspruch; sie bildete den Gegenstand des Gespräches, sie findet auch in Moscheies' Tagebuch selbstverständlich mehrfach Erwähnung, und seine Correspon- denz nimmt oft Bezug auf politische Vorgänge. Wir führen nur Weniges an, um darzuthun, welches Urtheil Moscheies sich über die staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bildete. Bieten derartige Aussprüche doch auch kleine Beiträge zu seiner Charakteristik dar. So schreibt er u. A. nach Hamburg: „Es ist als hätten die Staaten einen Krebsschaden und in Frankfurt fände die Consultation der Chirurgen statt. Künstliche Arme, Beine, Augen und Nasen werden dort in der grossen Versammlung dem verstümmelten Staatskörper angesetzt, und unser Zeitalter hat das traurige Loos, diesen Operationen zusehen zu müssen. Eine harte Prüfung; aber Gott hat sie uns auferlegt! Ich bin nicht vom Freiheitsschwindel ergriffen, wünsche mir ein monarchisches juste milieu, möchte aber nicht unter Nicolaus' Zuchtruthe kommen, und auch nicht meine Nebenmenschen darunter sehen." Die Prager Verwandten flüchten nach Leipzig — es geht dort zu schlimm her. — „Und mein altes Wien mit seinem durch Menschenblut errungenen Jubel! Mein leichtsinniges, musikalisches Wien! das kann ich mir noch weniger in seinen Gährungen vorstellen, wie Berlin, wo sich die Tragödie grässlich entwickelt. Gott behüte uns vor einer Wiederholung der — igi — 90er Jahre! Freitag Abend hörten all' unsere Bekannten und wir auch die Debatten des hiesigen Deutschen Vereins. Laube, eben aus Wien gekommen, sprach gut über die dortigen Zustände, Flathe schlug Auswanderung als einziges Hülfsmittel vor, um der Volksnoth zu steuern, Zestermann vertheidigte die Zittauer, seine Landsleute, deren Patriotismus man hatte verdächtigen wollen; das Alles ging unter Cigarrendampf vor sich; schlecht für die Damen, aber besser als Pulverdampf." „Mitten in die böse Politik hinein", schreibt die Frau, „bringen Kunst und Beruf ihre Tröstungen; letzterer in den Vorbereitungen zur Schüler-Prüfung. Abends vergeht uns manches Stündchen angenehm am Ciavier." „Wenn ich spiele, vergesse ich Alles", sagt Moscheies, „aber freilich zum Componiren kann ich mich in jetziger Zeit nicht sammeln. Die Natur bringt aber auch ihre Tröstungen. Sieht man. wie wir, bei unserer sonntäglichen Fahrt nach Lützschena die Schönheiten dieses Parkes, so wächst das Zutrauen zu Gott, der Alles so herrlich gemacht hat. Die zweihundert alten Bilder der dortigen Galerie gaben uns Geistesnahrung - und Genuss, dann besuchten wir mit Freude die Muster- wirthschaft des Gutes. Ja, es giebt noch schöne Winkel auf unserer Erde, und ich schliesse mich gern allen den Hoffnungen an, die uns die Freiheit nach überstandenem Elend verspricht. Möchten wir bald ihren Triumphzug sehen, wie wir das Auf- und Abtreten von Königen und Ministem gesehen haben." Frau Fregg giebt ein Concert zum Besten der noth- leidenden Arbeiter mit Hinzuziehung vieler Künstler — auch Moscheies wirkt mit. Es fällt brillant aus, und da der Kammerrath Frege grossmüthig die Kosten von .200 Thlr. übernimmt, so bleibt eine reine Einnahme von 640 Thlr. für die Fabrik-Arbeiter. Ein Brief Moscheies' sagt nach einer Aufführung von Beethoven's neunter Symphonie: „Mein Entzücken war gross. Sie entfaltete mir neue Herrlichkeiten. Es traten Einzelnheiten und Effecte hervor, die ich trotz aller Mühe und allem Fleiss mit dem Londoner Orchester nicht erreichen konnte. Die Instru- — 192 — mente verwebten sich in echt musikalischer "Weise zu einem Ganzen, zu einem Ideale, nach welchem ich in England lange geschmachtet hatte. Das Werk selbst steht in Verhältnissen zu anderen Symphonien wie der Kölner Dom zu anderen Kirchen; Rietz dirigirte und wusste den wichtigen Posten mit Sachkenntniss und Begeisterung zu behaupten."... Der 30. Mai, Moscheies' Geburtstag, ruft folgenden Brief hervor: „Eure Wünsche waren mir doppelt willkommen in einer Zeit, wo die Staatsbande locker, die Familienbande oft durch die .leidige Politik gefährdet sind; da lasst uns doppelt die Gunst Gottes gemessen, der uns den Tag wieder erleben liess. In meinem häuslichen Kreise geschah Alles, um mich die düstere Gegenwart vergessen zu machen; so liess ich mich denn auch ganz geduldig mit verbundenen Augen von den Kindern vor meinen Geburtstagstisch führen, um später mit offenen Ohren Alle spielen zu hören. Es gab aber auch eine hübsche Zeichnung von S., und was mir die grösste Freude machte, Mendelssohn's Studirzimmer, von Felix aquarellirt,. getreu so, wie er es bei seinem Tode verliess, jede, auch die kleinste Einzelnheit aufgenommen. Cecile schenkte mir ihres Mannes Zündmaschine. Ein theures Andenken, wie Alles, was von ihm kommt." . . . Herr Schletter eröffnet seine schöne Bildergalerie gegen einEntree von mindestens 2 z / 2 Groschen zum Besten der Nothleidenden. Die Frau schreibt: „Uns steht doch das unglückliche Orchester mit seiner geringen Bezahlung und den Lücken, die ihm die Zeit in seiner Einnahme verursacht, am nächsten. Sie spielen nun seit zweiundeinhalb Monaten ohne Gage am Theater und wollen deshalb im Verein mit der Truppe -gegen den Director processirem Diese Leute sind keine Schreier und Ruhestörer, sondern sehr honette Familienväter, die- ohne ihre Schuld Frau und Kinder darben sehen. Da will ich eine Lotterie von Handarbeiten für sie veranstalten, um doch wenigstens einen lindernden Tropfen in den Ocean ihrer Leiden zu träufeln. Die Kinder helfen mir tüchtig arbeiten, auch liefern die hiesigen Damen hübsche Sachen und die Loose — i93 — verkaufen sich gut." Die Lotterie trägt 213 Thlr. 10 Gr. ein und die kleine Austheilung verbreitet grosse Freude. Der berühmte Wiener Komiker Nestroy fällt mit seiner „Freiheit in Krähwinkel" gerade recht in die trübe Leipziger Zeit hinein, um Alles zu erheitern. Moscheies sagt: „Es gehört ein Nestroy dazu, um Staatsreform und Freiheit zu parodiren, ohne zu ermüden oder gar zu beleidigen. Früher hätte ihm das Stück einen freien Aufenthalt auf dem Spielberg eingetragen — jetzt darf er sogar einen Metternich ungestraft als komische Figur aufs Theater bringen. Gelungen ist auch der Moment, wo er als Aufwiegler vor der Bürgerschaft von Krähwinkel auf einen Stuhl steigt, um sie anzureden. Kaum aber hat er „Meine Herren", hervorgebracht, so unterbrechen ihn die lautesten Hurrah's und Bravo's — er versucht zum zweiten, zum dritten Mal, aber die Scene der bis zur Betäubung gesteigerten Bravo's wiederholt sich und er tritt ab, ohne gesprochen zu haben!" In einem Concert für die brodlosen Arbeiter spielt Moscheies sein E-dur-Concert und sagt: „Das Orchester unter Rietz und David folgte mir mit einer Uebereinstim- rnung, die ich dem einig zu werdenden Deutschland wünsche, und allgemein erkannte man, was ich wollte — Musik, nicht Seiltänzerei. Gottlob, dass ich jetzt nicht erst anfangen muss, mir mit meiner Kunst mein Brod zu verdienen, sonst müsste ich auch Seiltänzer werden..... Formes als Leporello war neulich sehr markig und kräftig, aber mich ärgerte, dass er in der Kirchhof-Scene ausrief: „das klingt ja wie Posaunen." Das Publikum fand Wohlgefallen daran, aber das Publikum, wenn es so etwas beklatscht, ist mit dem Irrlicht in der Wüste zu vergleichen; es führt den Künstler auf Abwege. Rietz nahm viele Tempi langsam, was mich an einem modernen Kapellmeister wunderte." Einmal schreibt Moscheies: . . . „Ich, der ich bisher nur von musikalischen Combina- tionen und Partituren umstrickt war, lebe jetzt ganz in der Politik, wenn ich mich von meinen Berufsgeschäften abmüssigen kann. Nur der Familienkreis mit seiner be- Moscheles' Leben. II. 1 7 — 194 — ständigen Harmonie hat Tröstliches. Wir musiciren oder lesen Abends laut vor, die Kinder werden unterrichtet, es ist ein wohlthätig reges Leben im Hause. Der Violin- spieler K. mit seinen Kunststückchen aller Art, mit seinem „Tongemälde" ohne Musik, dem vielen Orchesterlärm, hier und da durch ein weinendes Violin-Solo unterbrochen, zerstreut mich freilich nicht, aber Reinecke ist interessant, Bülow hat eine vortreffliche Technik und schon jetzt, trotz seiner Jugend grosse Herrschaft über das In- .strument." . . . Der Freiheitsrausch ergreift Leipzig immer mehr, •aber ehe der Sturm ungefesselt losbricht, konnte die Familie Moscheies noch eine Woche der Erholung in Dresden und der Sächsischen Schweiz gemessen. „Am Sonntag Vormittag in der Katholischen Kirche lernte ich auf dem Chor Wagner, den republikanischen Componisten und wirklichen Republikaner, kennen; ich besuchte Reis- .siger, der mir mehrere seiner gründlich gediegenen Com- positionen vorspielte, unter diesen eine Violin-Sonate, die _er mir dedicirt. Mit der Gräfin B. meine Es-dur-Sonate J probirt. Sie spielt ganz vortrefflich. Schumann's. hatten , viel von ihrem Streit mit *** zu erzählen, der gestern bei ihnen spielte und gegen Mendelssohn loszog. Unwürdig und undankbar! — Abends bei Hübner's und Bendemann's, die interessanteste und • erfrischendste Unterhaltung über Kunst, statt der Monotonie der ewigen Kannegiessereien. Ich spielte ihnen auch recht viel vor." Nach diesen Kunstgenüssen, zu denen noch herrliche Stunden in der Bildergalerie gehören, waren die Naturgenüsse doppelt erfrischend. „Wir wandern mit einem Führer durch Thäler und Schluchten, bergauf, bergab, aber Niemand ■ermüdet in der herrlichen Luft, im Anschauen der schönen Panoramen, durch die sich die Elbe malerisch schlängelt. Der junge Freund N. begleitet uns und treibt viel Spass mit den Kindern. Aber wir alten Kinder sind auch lustig." Es rückt der 4. Juli heran und bringt den Sturz des französischen Ministeriums; es kommt der 10. und mit ihm die Durchreise des Reichsverwesers; es bildet sich unter — 195 — den Bürgern Leipzigs eine Schutz-wache, der auch Mosche- les beitritt. Aber er selbst pflegte über seine geringen Talente zu kriegerischen Unternehmungen zu scherzen; als Waffe hat er sich die Pike gewählt, und als er von einem Nachtdienst heimkehrte, erzählte er, wie Brassin (der Bassist am Leipziger Theater), der auch auf Wache -war, sich gemüthlich mit ihm über die letzte Aufführung •des Don Juan unterhalten, „so dass die Zeit schnell und angenehm verstrich." Im September schreibt er dem Vater: „Die Privat- Prüfungen im Conservatorium, denen bald die öffentlichen folgen werden, nehmen mich jetzt sehr in Anspruch; es haben sich mehr neue Schüler gemeldet, als sich in diesem Jahre erwarten Hessen, und Schleinitz, Preusser und Dr. Seeburg sind die theilnehmendsten unter den Direc- toren. Ersterer dirigirt das Institut mit derselben Liebe, die ich ihm weihe, von derselben Triebfeder beseelt; es ist eine Gründung, ein Vermächtniss des Freundes Mendelssohn. Mendelssohn's musikalischer Nachlass-, unter dem sich noch einige nicht publicirte Werke befinden, ist in Schleinitz' Händen als Vormund der Kinder. Eins dieser Werke, „Reformations-Symphonie", wurde gestern ganz privatim probirt. Es athmet kirchlichen Ernst und gefiel mir, wie er selbst auch daran zu tadeln hatte. Kannte er doch die Tiefe und Würde des geistlichen Styls so gut wie den Spuk der tanzenden Elfen, oder die Genau thlichkeit der Lieder! Sein Genie wird meinen Geist nähren, so lange ich lebe." Auch der Gedächtnissfeier im Conservatorium an Mendelssohn's Todestage gedenkt er tief gerührt. „Nur die Professoren und ihre Frauen geladen und Alles in Trauer. Es wurde Musik gemacht, und Seeburg hielt vor Mendelssohn's Büste eine Rede, in welcher er die Schüler ermahnte, ihrem grossen Vorbilde, dem Gründer des Institutes nachzustreben. Uns ergriff die Feier sehr, besonders eines der letzten Lieder von Mendelssohn, das Frau Frege mit dem ihr eigenen rührenden Ausdruck und Schmerz vortrug; dann aber auch das tief aufgeregte 13* — 196 — leidenschaftliche F-moll-Quärtett, das Joachim, als Ersatz für David, der unwohl war, vortrefflich und im richtigen Geist spielte." Ausserhalb der Kunstwelt, am politischen Horizont, wird es immer düsterer. Moscheies schreibt: „Alle Reformen, die uns die Neuzeit bringen soll, scheinen noch unreif und ich möchte, wir könnten sie wie die Früchte in Stroh legen, damit sie reif würden. Vielleicht Hesse- sich dadurch das Düngen mit Menschenblut ersparen.".. . Ein ander Mal: . . . „Bedenken Sie nur, ein ewiger Friede wäre wie ein ewiger Frühling; Beides giebt es nicht in dieser Welt." Aber die politischen Stürme heulen mit erhöhter Wuth. Moscheies' „liebes altes Wien" hat ihre Verheerungen zu ertragen; die Freiheitsmänner wollen es von seiner langjährigen Bedrückung befreien. Litolff schliesst sich den Kämpfenden an, die weisse Binde um den kunstgeübten Arm; Robert Blum ist mit zahlreichen Gesinnungsgenossen zur Kaiserstadt gezogen, aber man bemächtigt sich seiner, gerade an ihm soll ein Exempel statuirt werden — er wird erschossen. Als die Kunde Leipzig erreicht, giebt es Trauer und Freude, Entrüstung und Jubel, die sich im Hause und auf der Strasse äussern. „Es sind herbe Prüfungen", sagt das Tagebuch am 27. November, „aber mit Gottes Hülfe sind sie mit der gestrigen Todtenfeier für Robert Blum er- mässigt. Ich wohnte ihr auf dem Chor der Thomaskirche bei, wo ich mich ganz in's Durchlesen der Cherubini'schen Partitur des Requiems in C-moll vertiefte. Der Phantast und Wühler Dr. M. unterbrach mich und Rietz in unserm Gespräch darüber durch sein Schimpfen über die Behörde, der er die Genehmigung zu einem Concert im Theater als Fonds zu einer Blumstiftung abdringen musste; dann polterte und lärmte er fort, unbekümmert um die Locali- tät, bis ich ihm die Seite in der Partitur zeigte, wo im Kyrie verdeckte Pauken angegeben sind. Das brachte ihn zum Schweigen. Wieder also hat die Kunst gesiegt." Sie bereitet Moscheies in diesen Tagen eine Freude, indem seine Ouvertüre zur Jungfrau von Orleans unter — i 9 7 — Rietz' Leitung mit grosser Sorgfalt im Gewandhaus- Concert gegeben, eine Mozart'sche Messe unter Hauptmann^ Leitung in der Nicolaikirche mit angehört wird. Johanna Wagner und Tichatschek bieten auch grosse Genüsse. „Aber ein Cellist spielt im Gewandhaus-Concert eine Phantasie über einen tragischen Walzer und regte mich auf, wie der unruhige Schlaf den Fieberkranken. Hiller's D-moll-Concert war pikant, die Leonoren-Ouver- türe Nr. 3 schloss glorreich. In der Thomaskirche Spohr's Oratorium: „Die letzten Dinge" mit S. und F. gehört. Die Musik, die mich vor 28 Jahren sehr interessirt hatte, kam mir monoton und zu manierirt vor. Im Anhören zogen mir alle Spohr'schen Werke am Ohr vorüber, dieselbe thematische, chromatische, enharmonische Behandlung wiederholt sich." .... Nach einem Gewandhaus-Concert finden wir die Notiz: „Ouvertüre und zweiter Entr'acte zu Cherubini's Medea hinreissend schön und begeisternd, Mendelssohn's „ Chor an die Künstler", seiner würdig. Aufnahme vortrefflich." ... Am 17. December sagt das Tagebuch: „Leider ist es mir trotz zehntägiger Bemühungen und vielen Betteins nicht gelungen, der blinden Sängerin A. Z. einen vollen Saal bei ihrer heutigen Matinee zu verschaffen. Joachim spielte vortrefflich, der neue Ciavierspieler P. trat zum ersten Mal auf (freilich alltäglich), die arme Sängerin sang ihre Schweizerlieder und einiges Andere ganz ge- müthlich und doch blieben ihr nur 26 Thlr. übrig." Zu Weihnachten schreibt Moscheies: „Meine Conser- vatoriumsgeschäfte endeten für dieses Jahr mit dem öffentlichen Prüfungsconcert der Schüler am letzten Donnerstag, das besonders befriedigend war. Alle Productionen warm aufgenommen und die Lehrer von den Directoren be- complimentirt." Als der Weihnachtsbaum angezündet wird, kann die älteste Tochter mit ihren beiden Knaben dabei erscheinen; der jüngste hat wenige Wochen zuvor im elterlichen Hause das Licht der Welt erblickt; „sein und der Mutter gedeihlicher Zustand unser schönstes Geschenk", sagt das — 198 — Tagebuch; „es eröffnet sich uns auch eine hellere Zukunft für das nächste Jahr; dafür und für die Segnungen der Familie sei dem .Lenker der Schicksale Lob und Dank gebracht." 1849. Ein Brief vom 2. Januar sagt: „Ich muss Ihnen ein für Leipzig bedeutendes Ereigniss melden; es ist der Tod einer 50jährigen Kunst-Mäcenin. Sie lebte zu Haydn's„ Mozart's und Beethoven's Zeiten in Wohlstand, und war im Auslande mit Ehren und Auszeichnung empfangen. Zuweilen war sie eine Neuigkeits-Krämerin, oft aber war ihre Unterhaltung belehrend. Sie reiste nie mit Species, nur mit Noten; ihr Name — die „Leipziger Allgemeine Zeitung für Musik." In ihrem Abschiedsblatt sagt die Redaction u. A.: „Die Kunst-Productivität ist jetzt so sehr im Stocken, dass der Stoff zu einer Musikzeitung fehlt." In dieser letzten Nummer veröffentlicht Schleinitz die Statuten zu einer Mendelssohn-Stiftung, von der er mir schon früher sagte, dass er sie zu gründen beabsichtige. Sie hat den würdigen Zweck in Verbindung mit dem hiesigen Conservatorium durch wohlthätige Kunstbeförderung das Andenken Mendelssohn's zu verewigen. Der König hat das Protectorat derselben angenommen, meine Wenigkeit mit nicht geringer Freude einen Platz als Mitdirector. Der König hat mich auch mit einem Schreiben und einer goldenen Dose für meine Dedication der „Contrastes" beehrt; aber ich spreche nicht darüber,, sonst geht es gleich durch die Zeitungen." . . . Das Tagebuch erwähnt Gade's Ouvertüre „Ossian's; Klänge"" als „pikant durch ihre eigenthümliche Instrumentation. Der Lobgesang war ein üppiger Genuss, obgleich die feineren Nuancen in Orchester und Chor nioht so gegeben wurden, wie unter dem Componisten; das erste Allegro übereilt. So wie in Birmingham mit der — 199 — Orgel war es nicht. Die ganze Aufführung damit verglichen, kam mir vor, wie ein Abdruck apres la lettre." Später schreibt er: „Es ist schön, dass uns gleich der ~7 erste Monat im Jahre solche Genüsse bringt, wie die Soiree der Damen Schumann und Schröder-Devrient. Frau Schumann spielte ihres Mannes Quintett (nach meiner Meinung seine beste Clavier-Composition). Frau ■ Schröder war nicht minder gross als früher; denn sie ersetzt durch dramatischen Vortrag, was ihr an Frische der Stimme fehlt. Im Gewandhaus hörten wir Schumann's ' C-dur-Symphonie. Er folgt genialisch Beethoven's Manier, ist ihm an Kühnheit ähnlich, doch nicht an Gemüth. Sein D-moll-Trio in der Kammermusik (mit David und Wittmann) erkannte ich als eine Composition vom leidenschaftlichsten Charakter. Dieser beruht nicht sowohl auf der Intensität der Gedanken, als auf einem Sichergehen in den entferntesten Tonarten. Das Scherzo ist das pikanteste Stück und musste wiederholt werden, das Adagio sehr trübe. Frau Schumann spielte ihres Mannes Sachen, Mendelssohn, | Chopin, genug, Alles als Meisterin. Joachim in Beet-^" hoven's und dem neuen Gade'schen Octett war nicht minder ausgezeichnet. Das letztere soll und will sich als Seitenstück zu dem Mendelssohn'schen hinstellen, verliert aber bei dem Vergleich. Es ist jedoch eine tüchtige Ar- —i beit, die bei öfterem Hören gewinnen kann. Wir sahen die Fremden viel; die Damen waren stets liebenswürdig, Schumann, dem ich mich gern in einem Kunstgespräch genähert hätte, stets abgeschlossen. Bei uns, als ich eben meine Es-dur-Sonate mit Frau Schumann spielte, nachdem uns Frau Schröder und Frau Fre ge schon durch die schönsten Lieder erfreut hatten, erscholl ein Ständchen vom Garten herauf. Es war ein Männerchor, der trotz des Regens die Fremden feierte." Das Tagebuch sagt: „Paul Mendelssohn besuchte mich, um mich im Namen seiner' Schwägerin zu ersuchen, im Verein mit Hauptmann, David und Rietz die Herausgabe der posthumen Werke seines Bruders zu leiten. Ein Dienst, den ich mit Liebe und Pietät verrichten werde." ---- 200 ---- — „Schon am nächsten Abend hörte ich bei David einige der posthumen Quartett-Sätze. . Am ausgezeichnetsten ist das Quartett in F-moll, bedeutend ein Quintett in B-dur." Die Athalia von Mendelssohn wird aufgeführt und Eduard Devrient spricht sein dazu gemachtes verbindendes Gedicht, „seiner und der Aufgabe würdig; die Athalie von Frau F£ege ebenso vortrefflich' aufgefasst, wie der Beethoven'sche Liederkreis. Felix hatte mir die Athalia in London am Ciavier vorgespielt, jedes Blasinstrument, besonders im Priestermarsch, getutet, wie er es nannte, und ich hatte die überraschendsten Modulationen im Kopf. Damals gefiel mir das Werk, jetzt, nachdem ich Proben und Aufführung mitgemacht, verehre ich es. Mein Ge- müth wurde bei gewissen Stellen wieder und wieder ergriffen. Wie muss es das seinige gewesen sein, als er das schrieb! Aber das Leipziger Publikum war es merkwürdigerweise nicht — sondern wie bei'm Elias kühl. Was soll man davon denken?" — Bei Mendelssohn's Geburtstagsfeier im Conservatorium spielt Moscheies dessen posthume Variationen in Es-dur. —■ Die Statuten der Mendelssohn-Stiftung werden vertheilt. Familienverhältnisse rufen Moscheies auf 14 Tage nach London. Der erste Brief von dort her an seine Frau beginnt in folgender Weise: „Ich bleibe Dein Dich liebender treuer Mann I. Moscheies." „Mit dem Ende fange ich an, so wie jadis mein C-dur- Concert mit der Schluss-Cadenz anfing, weil in beiden Fällen mein Hauptgedanke ausgesprochen ist: s -fr——t-J^-r-H------5 .... „Nun erst über hiesige Zustände. Exeter-Hall bot mir gleich bei meiner Ankunft ein' Engagement an; aber mit einem an Stolz grenzenden Wohlbehagen erklärte ich, nicht mehr öffentlich spielen zu wollen. — Alles empfängt mich mit offenen Armen." . . . —■ 201 . . . „Die Musiker und ihre Verleger sind noch immer ganz von ihren Geschäften absorbirt; ich traf einen Con- gress derselben in Chappell's Laden an. Osborne nahm mich sogleich in Beschlag, sein neues vierhändiges Stück mit ihm zu spielen, Es-moll mit 6 Be, aber ich wagte es, und es ging zu seiner Verwunderung. Es waren auch Theaterdirectoren dort im Laden, die mir Logen zu ihren Vorstellungen anboten. Von einigen Anderen ward ich mit Complimenten überschüttet, die mir widerlich wie Sy- rup waren. Endlich erschien Dulcken, erzählte mir, sein Concert am zo. (er vergass, dass seine Frau es gab) werde zu voll, alle Billette schon verkauft. Wären die Hanover- Square-rooms dreimal so gross, er würde sie füllen. Warum es nicht in Exeter-Hall geben, fragte ich? „Weil Fräulein Lind, deren Intimität mit meiner Frau aus Stockholm datirt, uns die Gunst erweist, zu singen, und es nicht gern in Exeter-Hall thut." Als ich später Frau Dulcken besuchte, bat sie mich, ein Duett mit ihr in demselben Concert zu spielen; doch musste ich aus den Dir bekannten Gründen es verweigern. Sogar bei Benedict in einer Privat-Soir6e wollte ich nicht spielen, musste aber dann doch mit ihm die Mozart'sche Fuge in F-moll zum Besten geben." „Beethoven's Messe in C-dur war ein Hochgenuss; Mendelssohn's Lobgesang auch. Costa's Herumwerfen mit dem baton hatte zwar etwas Störendes für mich, doch hielt er die 700 Ausführenden vortrefflich zusammen, wenn auch nicht immer in den von mir als richtig erkannten Tempi.' Mr. Gladstone, mein Nachbar, that mir viele musikalische Fragen. — Als der Saal fast leer war, sah ich noch den Veteran Lindley mit seinem Cello dasitzen, und das erinnerte mich daran, dass man mir früher erzählte, er habe sich, nachdem er in einer Postkutsche umgeworfen, auf's freie Feld gesetzt und sein Instrument probirt, ob es nicht etwa Schaden genommen hätte. — Dies ist ein langer Brief — nun bald mündlich mehr." Nach Leipzig zurückgekehrt, lernt Moscheies den Theologen Harless kennen und freut sich, „eine harmo- — 202 ---- irisch verbrüderte Seele in ihm zu finden. Er hatte sich der Kunst widmen wollen, es seinen Eltern zu Liebe aber nicht gethan. Er hat seit seiner frühesten Jugend meine Sachen studirt. Auch die Angelegenheit, die uns einander näher brachte — die Confirmation — besprach er mit einer Wärme und Theilnahme, die ihm unsere Herzen gewann. Seine Offenheit und Unparteilichkeit im Beleuchten der brennenden Zeitfragen war belehrend und interessant." Ueber musikalische Vergnügen berichtet ein Brief aus dem März: „Ernst hat eine Matinee gegeben, die spärlich besucht war. Er hat die ganze Kühnheit seiner Schwierigkeiten in seinem Fis-moll-Concert zusammengerafft; dies im Verein mit der Leidenschaftlichkeit seines Vortrages bilden ein .höchst interessantes Ganze. Sein skelettähnliches Aussehen, das an einen Florestan in der Kerkerscene erinnert, contrastirte merkwürdig mit seinem vollen Ton und energischen Strich. Die Othello-Phantasie und ungarischen Variationen mit ihrer brillanten Virtuosität, rissen zu stürmischem Beifall hin. Bei uns musicirte er besonders gut aufgelegt und "im Gewandhaus trat er mit Eduard Franck zugleich auf. Dieser trug sein A-moll-Concert brillant schön vor, und auch die Composition tritt aus dem Kreise der gedankenlosen Virtuosenstücke hervor; sie hat edle Haltung, poetische Ideen und gute Instrumentation; — eben deshalb vielleicht machte sie keinen allgemeinen Eindruck. Ich hörte viel unbedeutendere Künstler viel mehr applaudiren. Wie froh bin ich, keine solchen Richter mehr zu haben! — Noch eine Novität war F. Hiller's Symphonie in E-dur mit dem Motto: „Es muss doch Frühling werden." Ein Werk in grossem Styl mit vielen gediegenen Einzelnheiten, welches aber bei einmaligem Hören keinen Total-Eindruck auf mich machen konnte. Auch das Publikum verhielt sich flau dabei. Ich erkenne jedenfalls in Hiller einen nach dem wahren Schönen strebenden Componisten. Liszt, am Morgen des letzten Gewandhaus-Concerts angekommen, spielte das erste Stück eines Henselt'schen Concerts und seine Don Juan-Phantasie mit seiner gigantischen Bravour und seinen stets genialischen — 203 — Effecten. Merkwürdig bleibt mir noch immer sein Herumwerfen der Hände, welche sagen zu wollen scheinen: das ist Begeisterung. Merkwürdig aber ist es auch, dass ihm die gefahrvollsten Sprünge trotz dieses Herumwerfens nur selten misslingen. Seine überwiegende Virtuosität erwarb ihm den Täuschendsten Beifall. Sein Besuch bei uns war sehr interessant; er sprach liebenswürdig offen über alle seine Privatverhältnisse, und wer könnte besser sprechen und liebenswürdiger sein als er? Nicht Herr **, der eine neue Mundharmonika erfunden hat. Er macht die Augen zu, stopft die Fäuste in den Mund wie ein Kind, das zahnt, und hätte uns (ohne die nothwendige Bildung) mehr zum Lachen, als zur Bewunderung hingerissen." „Sprechen wir lieber von der Kunst. Das Fragment „Christus" aus Mendelssohn's Nachlass wird jetzt von unseren Schülern einstudirt; es besteht aus fünf oder sechs Chören, Recitativen und einem Terzett im erhabensten Styl, würdig des Gegenstandes. Ein Trauerchor der Töchter Zion's, einer des Volkes „Kreuziget ihn" sind Meisterwerke, die sich selbst als Bruchstücke einen Ehrenplatz erwerben müssen. Die Zeit der Herausgabe ist noch nicht bestimmt." . „Gestern sahen wir zum ersten Mal Halevy's „Thal von Andorra", eine echt dramatische Musik, welche mehr Melodienfiuss hat, als seine anderen Opern. Der Stoff ist geschickt verarbeitet und wirkt auf das Gemüth; die Aufführung war so brav, dass das ganze Personal gerufen wurde." . . . „Ich las Berlioz' Feuilleton über Meyerbeer's Prophet. Das Libretto ist grässlich, und Emotionen muss es darin geben, die Einem Haut und Knochen schaudern machen. Die Musik soll Meyerbeer's würdig sein und ich sehe ihr erwartungsvoll entgegen." Gleichzeitig-schreibt Moscheies an Frau von Lieben in Wien: . . . „Der Prophet hat nun seinen Triumph-Einzug bei Ihnen gehalten und wird sich gewiss als eine ausserordentliche Erscheinung im Gebiete der Kunst dort zu behaupten wissen. Sie erinnern sich gewiss, wie ich einst in Ihrem elterlichen Hause, als Sie noch Kind waren, mit — 204 — Meyerbeer Virtuosen-Kameradschaft geschlossen und gepflegt habe. Ich gönne nun dem genialen Meister seine Kronen." . . . „Lortzing's Oper, „Roland's Knappen", erinnerte mich an die emsige Biene, die ihren Saft aus vielen Blumen saugt. Seine zahlreichen Freunde riefen ihn und die Truppe." Der Winter hatte aber auch trübe Stunden gebracht. Das Tagebuch spricht sich wiederholt in wärmster Theil- nahme für die bedrängten Holsteiner aus, trauert über die blutigen Verluste der Kämpfer. „Und erst der Wonnemond mit seiner Blüthenpracht, seinen sonnigen Tagen und mondhellen Nächten — welche Aufregung, welches Elend bringt er uns in nächster Nähe! Eine Schröder-Devrient, ein Richard Wagner, die das Dresdner Volk haranguiren. Wozu soll das führen?" — Es führte zu den bekannten Vorgängen in Leipzig, die mit dem beklagenswerthen Tode eines hochgeachteten Mitbürgers, Herrn G., endeten. „Ich kann Euch unsern Kummer und die Theilnahme der Stadt nicht beschreiben", sagt Moscheies in einem Brief; „denn seine Liebenswürdigkeit, sein Wohlthätigkeitssinn waren allgemein anerkannt." Moscheies führt seinen jungen Sohn vor die Leiche, schliesst sich dem unabsehbar langen Trauerzuge an und hört „Harless' tief ergreifende Rede am Grabe." Man erinnert sich in der Familie gern eines liebenswürdigen Zuges des Verewigten. Als Frau Moscheies ihre Lotterie zum Besten von Musikern veranstaltet, begegnet ihr Herr G. „Nun, Sie haben mich ja nicht aufgefordert, Ihnen Loose abzunehmen?" — Ich wagte nicht. — „Nun gut, ich muss mich doch betheiligen." Er schickte ihr zehn Thaler. Als die gährenden Elemente beruhigt sind, führt Moscheies seine Familie nach Prag. „Sie sollen Alles kennen lernen", schreibt er, „den Geburtsort und das Geburtshaus des Vaters, die Grabstätten der Verstorbenen, die Stelle auf dem Ring, wo ich als kleiner Bub' so gern den Bläsern die Noten hielt, das Haus von Dionys Weber — ja sogar den Eckstein, woran ich die Weinflasche zer- — 205 — stiess, die ich in seinem Auftrage zu seinem Freunde, dem Prälaten trug. Endlich will ich die Kinder mit den noch lebenden Verwandten und mit den Sehenswürdigkeiten Prags bekannt machen." Nach Leipzig zurückgekehrt, finden wir, dass Moscheies Dessoir's Gastspiel „als echt künstlerisch geniesst", noch mehr aber Spohr's Anwesenheit. Ein Brief sagt: „Er spielte im Voigt'schen Hause, diesem Sammelplatz für gute Musik, sein Quartett in C-dur und Doppelquartett in G-moll, Beides aus den Probedrucken. Die Composition interessant wie immer, aber auch Spohr wie immer; das Spiel noch edel und frisch. — Im Conservatorium empfingen wir ihn vor seiner bekränzten Büste; er spielte Mehreres, brachte den Rest des Abends bei uns zu, und mitten in unsere Musik hinein erscholl ein Ständchen, das ihm unsere Schüler und Schülerinnen brachten." „Ein kurzer Besuch von Cecile (Mendelssohn) auf ihrer Durchreise brachte unvergessliche Erinnerungen. Ich musste ihr den Marsch aus Athalia vorspielen, seine Büste sah auf uns herab, und sie dankte mir mit einem stummen Händedruck." — „Kullak besuchte mich, spielte mir vor und bewährte sich als kräftiger, solider Künstler." Eine Krankheitsnachricht aus London veranlasst Frau Moscheies, ihrer Tochter zu Hülfe zu eilen. Dorthin schreibt er ihr: Leipzig, 12. Juli. „Dein eben aus London angekommener Brief, der mir in's Conservatorium nachgeschickt wurde, versetzte mich in eine so gute Laune, dass ich hinterher alle falschen Noten, alle schlechten Fingersetzungen gut hiess. . . . Ich las heute in der Times den Triumph unserer alten, noch jugendlichen Freundin Henriette Sonntag, Du wirst sie hoffentlich hören und sprechen; ein süsses Vergnügen. Ich habe ein Lied von unserm Hausherrn (Legationsrath Gerhard) componirt, das „Schmetterling und Liebchen" heisst. Er meinte, es solle ein Gegenstück zu meiner „Botschaft" werden. Der Text ist poetisch und heimelt mich an; Du wirst sehen, ob ich's so gut getroffen habe, — 206 ---- wie mit der „Botschaft". Meine Reisevorbereitungen schreiten fort." . . . Als Moscheies in London ankommt, wird „der Prophet gegeben; alle Plätze vergriffen, aber ich nehme lieber zwei schlechte Plätze, als gar keine." — Und am Tage nach der Aufführung: „Mme. Viardot ist nicht nur eine ausgezeichnete Fides, sie hat auch, wie die Franzosen sagen, cree le röle; sie ist Kapellmeister, Regisseur — mit einem Wort, die Seele der Oper, die ihren grossen Erfolg wohl zur Hälfte ihr verdankt. Es sind wieder vortreffliche Sachen darin, doch nach einmaligem Hören scheint sie mir die Hugenotten nicht zu erreichen. Ausserdem hört man ja mitunter nur mit einem Ohr; in der schauerlichen Kirchenscene, in der die Viardot unvergleichlich ist, nimmt die Situation ganz in Anspruch. Die Schlittschuhläuferei erregte unsern Neid bei der drückenden Hitze." Ein Monat der Erholung wird von der vereinten Familie in dem Seebad Treport zugebracht, dann Rouen und Paris besucht. Ein Brief Moscheies' sagt: „Sehr interessant war es mir, le mariage de Figaro von Beaumarchais zu sehen; das Original des Stoffes, der Mozart zu seiner unsterblichen Musik begeisterte. Die Aufführung war, wie ursprünglich, mit etwas eingeschobener Musik versetzt; statt der schönen Romanze des Pagen gab es ein sentimentales Vaudeville-Lied, bei der Hochzeit einen trivialen Marsch, der nichts weniger als spanisch war, aber als Entr'acte die echte Mozart'sche Romanze. Ich hatte einen grossen Genuss an allen Finessen der Sprache, während ich mir die schöne Musik hinzudachte; — Roger hat auch seinen Wiedereinzug in der „Favorite" gehalten; er ist ein vortrefflicher Sänger mit einer volltönenden Stimme; aber er und die ganze Truppe überlassen sich dem Tremoliren, das sie in der Fachsprache „vibrando" nennen; dazu gesellt sich dann oft noch ein wahres Schreien, und je mehr sie geschrieen haben, desto mehr werden sie ap- plaudirt. Das letzte Duett musste drei Mal gesungen werden; jedesmal steigerte sich das Schreien und somit — 207 — •der Applaus. Endlich flogen Blumen und Bouquets auf die Bühne." . . . „Leider hörten wir von Chopin's lebensgefährlichem Zustande, fragten selbst nach und fanden alles Traurige bestätigt. Seitdem er so darniederliegt, ist seine Schwester bei ihm. Jetzt sind die Tage des Armen nur noch gezählt, sein Leiden gross. Trauriges Loos!" Nicht lange, so tritt die gefürchtete Katastrophe ein und Moscheies schreibt: „Die Kunst hat viel an dem armen Chopin verloren, denn, war er auch nicht Classiker, hat er auch keine grossen Kunstwerke geschaffen, so be- sass er doch ganz seltene Eigenschaften: Gemüth, Empfindung und Eigenthümlichkeit. Jules Janin schreibt im Journal des debats, wie er sich kurz vor seinem Hinscheiden ein polnisches Lied und Mozart's Requiem vorspielen Hess." Auf der Rückreise lernt man im Hause der vortrefflichen Familie Naumann „den alten Arndt" kennen, „dessen heitere und nimmer stockende Unterhaltung dem ganzen interessanten Kreise einen noch höheren Schwung verleiht." Kaum nach Leipzig zurück gekommen, heisst es: ~] „Dasselbe Publikum, das sich für Schumann's grosses Werk, die B-dur-Symphonie mit Fug und Recht begeisterte, ward durch eine Harfenspielerin und Parish Alvars' Bravourstück auch zur Bewunderung hingerissen; das ist das sogenannte kunstgelehrte Auditorium!" Fräulein _j Nissen ist als Concertsängerin engagirt und zum ersten Mal aufgetreten. Sie gefiel allgemein und ist eine vortreffliche Acquisition, in jeder Schule zu Hause. Die Leonoren-Ouverture, Mendelssohn's A-dur-Symphonie, sein 42. Psalm, Alles war ergreifend schön, obwohl ich einige Tempi nicht in Uebereinstimmung mit meinen Traditionen fand. Und die Aufnahme? — Lauwarm. O Clique! Als / wenn in einer Stadt, wo man den Genius eines Schumann verehrt, Mendelssohn als schulmeisterlich verschrieen, unter ihn gesetzt werden müsste! Das Publikum verliert alle Initiative und steht mit seiner Auffassung und seinen Gefühlen unter einer Leitung, die es eben so berückt, wie die Wühler das deutsche Volk." — Eine nicht minder I — 208 — aufgeregte Notiz ist die folgende: „Was die Schüler betrifft, da verstehe ich keinen Spass! Ich habe einen Strauss für einige unter ihnen bestanden. Weder persönliche Rücksichten noch Zurücksetzungen dürfen beim Spielen in den Abendunterhaltungen stattfinden: Jeder und Jede müssen da gehört werden, wo sie es verdienen!" 1850. Das Leben in Leipzig mit seinem bestimmten Charakter, mit seiner Thätigkeit in und ausser dem Hause, ist freilich mehr geregelt als bewegt, nie aber einförmig. Moscheies überwacht nicht nur väterlich die Kunststudien seiner Kinder, er ist auch der Vater seiner grossen Schülerfamilie. Alle unter ihnen, denen dies Blatt begegnet, werden sich dadurch an kleine Feste erinnern, die für sie veranstaltet, durch seine Heiterkeit verschönert wurden. Hatte er doch für Jeden einen freundlichen Blick, ein gutes Wort und wie Viele haben bei solchen Gelegenheiten nach seinen Walzern, seinen Polka's getanzt! — Verliessen sie nach vollendetem Studium das Conservatorium, so rüstete Moscheies sie mit Zeugnissen aus, welche ihnen, fast ohne Ausnahme, ehrenvolle Anstellung - verschafften. Es ist wahr, sein Name stand nicht höher, als der so mancher anderer Künstler, die über ähnlichen Einfluss zu gebieten hatten, aber sein Wohlwollen, seine Besorgniss um die Ausbildung und das Fortkommen junger Talente, mögen wohl einzig in ihrer Art zu nennen sein, eine Behauptung, welche sich auf die noch vorhandene, über diesen Gegenstand geführte voluminöse Correspondenz und die grosse Anzahl der nach seinem Tode vorgefundenen Copien von ausgestellten Zeugnissen stützt. Wie sehr er aber auch jede ihm erwiesene Freundlichkeit der Schüler schätzte, das beweisen die Notizen des Tagebuches, in welchen die ihm gebrachten — 20g — Morgen- und Abendständchen, die Liebesgaben und alle anderen Aufmerksamkeiten anerkennend verzeichnet stehen. Die Leser müsste es langweilen, wollte man solche, oft wiederkehrende kleine Erlebnisse hier anführen, weshalb wir uns nur auf folgende Mittheilung beschränken. Bei Gelegenheit eines längeren Unwohlseins lesen wir: „Ich empfange meine Schüler zu Hause, und wie leicht die übrigen Stunden vergehen, die ich mit gemüthlicher Unterhaltung und Leetüre im Verein mit den Meinigen zubringe, können Sie denken; dabei spiele ich' mich so gründlich ein, als hätte ich die Absicht, eben eine Kunst- reise anzutreten. Ob mir nun meine Gesundheit erlauben wird, unsern nächsten i. März (den 25jährigen Hochzeitstag) wirklich mit Ihnen Allen in Hamburg zuzubringen, das hoffen wir noch, behandeln aber unsere Wünsche mit all' dem Vorbehalt, dem menschliche Pläne ausgesetzt sind. Was man Von der Zukunft nicht allzu sicher erwartet, das bekommt in der glücklichen Ausführung doppelten Werth. Wenige fühlen sich bei diesem Wetter behaglich, Wenigen aber auch gewährt die Unterhaltung am Ciavier so viel Freude wie mir. Ich spiele nicht nur meine Lieblingswerke, sondern auch alle Novitäten, muss hier aber gestehen, dass ich beim Lesen derselben auf grosse Hände mehr und mehr neidisch werde. Meine kurzen Finger reichen nicht aus, obgleich sie nicht eben steif sind und sich zu dehnen verstehen und Rietz mit seiner colossalen Hand scheint mir beneidenswerth. Er spannt drei Octaven in einem Accord; auch spielt er Octavenpassagen mit dem zweiten und fünften Finger." ... Geich im Beginn dieses Jahres wird die jugendliche Wilhelmine Clauss als „neuer Stern" am Pianistenhimmel Dezeichnet. Noch nicht zu der später erlangten Reife gediehen, war sie doch für Moscheies, diesen Beschützer junger Talente, schon bedeutend und anziehend, und im Tagebuch findet sich die Notiz: „Nach der Gewandhaus-"] probe in's Hotel zu Fräulein Clauss gegangen. Sie hatte viel mit den schweren Rhythmen des Schumann'schen Concertes zu kämpfen gehabt und war ängstlich geworden. , Moscheies' Leben. II. ™ 2IO Ich munterte sie auf und David bemühte sich so eifrig für den Erfolg der jungen Künstlerin, dass im Concert Alles vortrefflich ging und sie gerechten Beifall erntete." Einige Tage später rühmt das Tagebuch ihre Vielseitigkeit: „sie spielte Notturno von Chopin, meine G-dur-Etüde, ein Sommertag von W. — freilich nur brennende Hitze ohne erquickenden Schatten; eine Rhapsodie von D., freilich Musik ohne Gehalt, dann aber letztes Stück aus Beethoven's grosser F-moll-Sonate, Alles brav und fast alles auswendig." Im nächsten Gewandhaus-Concert hörte man Frau Schumann in einer Novität ihres Mannes, In- troduction et Allegro appassionato. „Es ist frappant in- strumentirt, aber beinahe Orchester-Musik zu nennen, denn als Ciavierstück sind die anhaltenden Arpeggien zu sehr von der Begleitung gedeckt; der Vortrag war ausgezeichnet." Die grosse Künstlerin ebenso vortrefflich bei Moscheies in einer ihr und ihrem Manne zu Ehren gegebenen Soiree. Schumann's laden das Moscheles'sche Ehepaar ein, die Genoveva, seine Erstlings-Oper, von Frau Schumann am Ciavier begleitet, bei ihnen zu hören. „Der Componist noch unentschieden", sagt das Tagebuch, „ob der versöhnende Schluss in der Einöde oder im festlichen Schlosse stattfinden soll. Die Oper ist jedenfalls sehr interessant für den Künstler; ob sie populär wird, kann mir diese Ciavierprobe natürlich nicht klar machen." Mehrere Monate später, im folgenden Sommer, nach der ersten Aufführung im Leipziger Theater, schreibt Mosche- les in's Tagebuch: „Erster Eindruck: Ouvertüre vortrefflich, leidenschaftlich. Chöre charakteristisch, der ganze Vocaltheil leidenschaftlich gefühlt, aber nicht ergreifend entwickelt. Mangel an fasslicher, messender, rhythmischer Melodie. Ich gehöre auch zu Schumann's Verehrern, doch kann ich mir diese Schwäche nicht verhehlen. Wir ap- plaudirten enthusiastisch, und riefen ihn am Schluss, doch kam es zu keiner Wiederholung irgend einer Nummer." Um zu den Winterberichten zurückzukehren, geben wir einen Brief an den Schwiegervater: „In der Quartett- Unterhaltung im Gewandhaus hatten wir merkwürdige — 211 Kunst-Extreme. Erst das Schumann'sche Quartett in A-dur, stark Beethovenisch, dann zurück zu einem Haydn'- schen — der Uebergang zur Mozart'schen Schule — und endlich Beethoven's Quartett in B-dur, Opus 130. Da hört man den Himmelsstürmer, fühlt aber hindurch, wie ihm das Herz kindlich pocht, wie er überwältigt in Thränen schmilzt." „Hier auch eine grosse musikalische Neuigkeit. Die Welt geht aus den Fugen, nein, sie geht vielmehr Avieder hinein. Thalberg hat am 20. Mai Mozart's D-moll- •Concert im Philharmonie gespielt. Welcher Triumph für die alte Schule! welche heilsame Reaction! — Ueber die F rege'sc he Soiree kann ich Ihnen nicht genug sagen. Der Saal war als Theater eingerichtet, das Orchester unter Rietz' und David's Leitung zählte Joachim und andere grosse Künstler unter seinen Mitwirkenden. Mendelssohn's Singspiel, „Die Heimkehr aus der Fremde", zur silbernen Hochzeit seiner Eltern geschrieben, ward gegeben. Frau F. in der Rolle eines naiven Landmädchens entzückend in Spiel und Gesang. Fräulein Bück und der Sänger Pögner gaben das alte Elternpaar, Widemann den Liebhaber, Stürmer die lustige Person- Scene und Decoration allerliebst. Wir sassen neben Frau Cecile, Paul und Frau Dirichlet, Alle zu der Vorstellung .herübergefahren. Die Erstere war abwechselnd ergriffen, gespannt und erfreut, die Gesellschaft entzückt und alles stimmte darin überein, dass diese kleine Idylle auf öffentlichen Bühnen einen ehrenvollen Platz einnehmen könnte. Das Bruchstück der Oper Lorelei, welches folgte, erschütterte uns tief, denn darin zeigt Mendelssohn so deutlich seine Befähigung als dramatischer Componist, dass sein früher Tod einen verschärften Stachel bekommt. Der schauerliche Pathos der Flussgötter steigert sich ebenso meisterlich wie die leidenschaftliche Tragik der Lorelei, von Frau F. grossartig aufgefasst und wiedergegeben. Müsste ihr grosses Talent nicht dem Publikum vorenthalten bleiben, es könnte noch jetzt wie der Phönix aus der Asche seiner früheren Kunstglorie erstehen. Ich werde der genialischen Frau vielleicht noch manche Melodie verdanken, denn die Art, wie sie 14* 7 — 212 — meine neuen Lieder auffasst und vorträgt, entzückt mich und wird mich zu neuen Versuchen anregen." Ueber die Mendelssohn'sche Musik zum „Oedipus" schreibt er: „Die Aufführung unter Rietz's Leitung war wie immer vortrefflich. Der Pathos der Männerchöre, die antike Klangfarbe dieses herrlichen Werkes umfassten meine Sinne zauberisch und führten mich in die antike Welt zurück. Das Publikum vergass zu applaudiren, ob aus Ignoranz oder Wonne, mag dahingestellt bleiben." Frau Cecile wohnte auch dieser Aufführung bei und am frühen Morgen des 26. Februar reiste die Familie Moscheies mit ihr nach Berlin zurück und fand sie in dem väterlichen Hause, Leipziger Strasse Nr. 3 eingerichtet, wo Alle so glückliche Stunden mit dem Heimgegangenen verlebt hatten. Das Tagebuch sagt: „Sie empfing uns mit der ihr eigenen Lieblichkeit, die reizenden Kinder umsprangen uns, der kleine Felix wiederhergestellt. Ich musste mich an den Erard setzen, dessen Tasten des Meisters Finger geweiht hatten, spielte Einiges, u. A. sein Frühlingslied; für die arme Frau war das zu viel, sie verliess das Zimmer, kam mit verweinten Augen zurück und drückte mir stumm die Hände." Am 27. P'ebruar reist die Familie Moscheies nach Hamburg und begeht dort mit den Lieben das schöne Fest, die silberne Hochzeit. Der Rückblick auf dies 25jährige eheliche Glück ein Lichtbild ohne Flecken. Das Tagebuch sagt am 1. März: „Der allgütige Gott liess mich nach überstandener Krankheit diesen schönen Tag — einen der wichtigsten — im Kreise der Unsrigen hier erleben. Eine Harmonie-Musik weckte uns mit dem Choral: „Nun danket Alle Gott"; dann folgte der Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum", ergreifend durch das Andenken an den verewigten Freund, der so grossen Antheil an unserm Glück genommen hätte." Moscheies kann dem Familienfeste nur zehn Tage widmen, es drängt ihn, trotz aller Freiheit, die man ihm lässt, zu. seinen Schülern zurückzukehren. Vier Briefe an die Frau zwischen dem 12. und 16. März geschrieben, enthalten viel Persönliches für sie, die er unwohl verlassen musste, dann schreibt er: „Ich habe Griepenkerl's „Robespierre" gesehen, er und Danton brüllten mir oft zu stark; das Stück hat aber gute Momente, auch wurden die Schauspieler nach jedem Act gerufen, aber gezischt wurde doch am Schluss. Es bleibt immer eine schwierige Aufgabe für den Dichter, eine historische Persönlichkeit redend und. handelnd auf die Bühne zu bringen. Der Beschauer hat sich je nach seiner Individualität ein Bild des Betreffenden entworfen und kann dies nicht so leicht mit der Anschauung des Autors vertauschen, das fühlte ich an mir selbst." „Du weisst, dass wir leider in diesen Tagen unsern Oppolzer verlieren, zu Nutz und Frommen der Kaiserstadt (Wien). Wie oft hat der herrliche Arzt, der liebe Freund uns in Krankheit beigestanden! Heute sah ich auf dem Corridor die Frau, die mir von 80 Uebersiedelungs-Colli sprach und mir ein „bleiben's fein g'sund" nachrief, als ich zu ihm eintrat. Man sah ihm keine Eile, keine Ueber- beschäftigung an, freundlich wie immer, die Augen funkelnd, wie Du sie kennst, gab er mir noch viele Ver- haltungsmassregeln, viele gute Wünsche mit auf den Weg. Den werden Studenten wie Patienten vermissen! . . . Ich hörte Paul David ein Rode'sches Concert spielen; der Junge machte seine Sache so gut, wie ein Kind, das auf einem hohen Gaul reitet, einige Male abgeworfen wird und sogleich wieder im Sattel sitzt. Der wird es weit bringen." . . . Von Leipzig aus schreibt er dem Vater: „Zwei sehr contrastirende Werke erhielten im Gewandhaus grossen Beifall. Schumann's zweite Symphonie, ein grossartiges - ] Werk, aber aus einem leidenschaftlichen, etwas umdüster- ten Gemüth entsprungen, und Rossini's Teil-Ouvertüre, der Erguss eines südlich blühenden Genies. Selbst Rietz 1 war entzückt davon. So ausgeführt habe ich sie noch~~~ nie gehört, die Kraft, das Feuer und die Nuancen dieses Orchesters sind und bleiben unvergleichlich. Auch bei einer Aufführung des „Propheten" musste ich mir sagen, — 214 — dass weder das Hamburger noch das Londoner Orchester so Grosses leistet, wie das hiesige. Ich schätze die Meyer- beer'sche Musik wegen ihrer ausgezeichneten dramatischen Effecte, weiss aber eben so gut, wie die Hyper-Kritiker v was ihre Schwächen sind." Später schreibt er: „Wohl dem, der jetzt in der Kunst lebt und nur mitleidvoll in der Ferne liest, wie die armen Franzosen einander mit Tatzen und Tigerklauen zerreissen. Sie schildern mir diese Zustände in ihrer ganzen Grässlichkeit, um dann Schlüsse für Finanzoperationen daraus zu ziehen, 'und ich stecke ganz in Liedern, ein- und vierstimmigen, die ich eben auch zeitgemäss componire, denn wir sind im Mai und das eine heisst „Mayfair." Auch eine Mazurka ap- passionata schreibe ich. Dennoch bin ich Ihnen dankbar für alle Winke, die mir mein kleines Besitzthum sichern können, bin ich doch E'amilienvater." . . . Der Juni ist ungewöhnlich belebt; Schumann's treffen mit Spohr in Leipzig zusammen. „Wir haben die grossen Künstler bei uns und im Conservatorium gefeiert, sind ihnen in dem ganzen Kreise musikalisch begegnet; David und Joachim, Gade auf der Bratsche u. A. als Mitwirkende. Frau Frege mit ihren Liedern und ihrer Innigkeit trat wohlthuend zwischen die Spohr'sche und Schumann'sche Instrumentalmusik hinein. Frau Schumann bleibt immer ) vortrefflich in ihren Leistungen. Spohr ist noch ganz Herr seiner Geige und dirigirte seine „Jahreszeiten" würdig und sicher. Die Erfindung darin ist schwach, aber die Behandlung und Instrumentation so künstlerisch vortrefflich wie immer. Das „ Erwachen des Frühlings " enthält nebst einer lieblichen Melodie der Streichenden eine Tonmalerei der gefiederten Thier- welt, künstlich, contrapunktisch berechnet, aber nicht poetisch. Es windet sich alles langsam fort wie durch tiefen Sand ein Wagen, von dem ein Rad noch dazu knarrende, ächzende Seufzer von sich giebt; der Herbst hat seine Lustigkeit und das Rheinlied mischt sich gelehrt hinein. Conträpunktische Zusammenstellung der verschiedenen Motive beschäftigt den denkenden — 215 — Künstler, erhebt ihn aber nicht, wie es ein gewisser Beethoven thut." Ein Sommeraufenthalt in „Bellevue" bei Kiel wird von der ganzen Familie als ein idyllischer geschildert. Doch bald trüben ihn die Kriegswirren. Zwar hat der erste Zusammenstoss des „Bonin" mit den dänischen Schiffen noch keine Übeln Folgen und man athmet auf, als plötzlich in der Nacht vom 25. auf den 26. Juli der ferne Kanonendonner die Fenster in Bellevue erdröhnen machte. Die unglückliche Schlacht bei Idstedt wurde geschlagen. In derselben verhängnissvollen Nacht erkrankte die jüngste Tochter, und da alle Aerzte in und um Kiel auf dem Schlachtfeld Dienst thaten, so entschloss man sich kurz, in Hamburg Hülfe zu suchen. Die Reise in einem Bahnzug, der Hunderte von Verwundeten mit sich führte, die entsetzliche Hitze, die das Elend der Unglücklichen, so wie das Fieber der Kranken steigerte, war eine peinliche, und die Aufregung und Ueberfüllung auf dem Kiel- Altonaer Bahnhof so gross, dass man eine mühevolle Stunde gebrauchte, um sich dem dichten Menschenknäuel zu entwinden, der sich gaffend, fragend oder jammernd an die Aussteigenden heranwälzte. Kaum in Hamburg angekommen, musste man die Auflösung der 02jährigen Grossmutter erleben. Sie war, von der ganzen Familie geliebt und geschätzt, geistig und körperlich frisch bis an ihr Lebensende geblieben; nun ward sie abberufen ! Nach Bestattung ihrer irdischen Hülle eilte die Familie Moscheies auf den dringenden Wunsch des Arztes mit der kranken Tochter nach Aachen, um dort lange, schmerzvolle Wochen mit ihr in der Cur zu verleben. Wieder bleibt die Kunst der Trost des mitleidenden Vaters. Er componirt Lieder und es schaaren sich Musiker und die Bekannten 'um ihn, denen er vorspielen, die er hören muss; an die Oeffent- lichkeit will er aber nicht treten und spielt nur einmal in der Liedertafel zum Besten einer verarmten Familie. Ein Ehrendiplom der Gesellschaft, gute Einnahme für die Bedürftigen und Dankbarkeit der Hörer ist sein Lohn. Dieser Sommer brachte die Trennung von dem ein- — 2l6 — zigen Sohn. Auf den Wunsch des Vaters sollte er das Abiturienten-Examen bestehen, ehe. er sich seinen Fachstudien in der Malerei widmete, welche er in Paris begann. Auch räumlich getrennt bethätigte der Vater seinen Einfluss auf den Sohn durch eine zwanzig Jahre lang ununterbrochen geführte Correspondenz, von der sich manches Bruchstück hier einweben wird. Auch für das Ehepaar giebt es eine Trennung. Moscheies kehrt zu den Schülern zurück, die Frau muss bis Mitte October mit der Genesenden in Aachen ausharren. In diese Zeit fällt Neu- komm's Besuch im Moscheles'schen Hause in Leipzig; die zweite Tochter ist eine sorgsame Pflegerin des halb erblindeten Freundes. Moscheies schreibt seiner Frau: „Abends gehe ich Neukomm's Messe mit ihm am Ciavier durch, er hält mich streng an die langwierigsten Tempi; um ein accelerando oder animato hätte ich ein Königreich gegeben. Das sind Opfer, die man nur einem alten erprobten Freunde bringt. Eine Geduldsprobe anderer Art bietet mir aber Chopin's Violoncell-Sonate, indem ich sie zu vier Händen arrangire. Für mich ist sie ein wild verwachsener Wald, in den nur mitunter ein Sonnenstrahl dringt. Frau Freg e hat neulich mir und Neukomm wieder einen grossen Genuss bereitet, indem sie uns den Beethoven'schen Liederkreis vorsang. Auch meine neuen Lieder, „Abends", „Dreifacher Schnee" und das „Abendlied" mit Cello-Begleitung las sie mit bewun- dernswerther Auffassung. David belebte Abends unsern kleinen Kreis, ich spielte sein Arrangement der Mendels- sohn'schen Cello-Sonate und seine „Bunte Reihe" mit ihm; frische geschmackvolle Stücke." Nach dem ersten Ge- wandhaus-Concert heisst es: „Die herrliche Eroica mit den feinsten Nuancen ausgeführt, hat mich aus meiner düstern Stimmung gerissen, indem sie mich in eine entfernte, ideelle Welt versetzte. Otto Goldschmidt spielte Mendels- sohn's G-moll-Concert, ein eigenes Caprice und Liszt's Lucia-Phantasie mit den Triller-Lawinen sehr brav." Der nächste Brief sagt: „Meine Collegen sind sehr gereizt durch einen Artikel, den Brendel (auch ein College) — 217 — in seine musikalische Zeitschrift aufgenommen hat; er heisst „Das Judenthum in der Musik" und sucht Mendelssohn und Meyerbeer auf jede Art zu verkleinern. Ich sage sucht, denn was kann ein boshafter Zeitungsartikel einem bedeutenden Menschen anhaben? Aber einerlei, Alle sind wüthend, ich bin es auch, blieb aber äusserlich ruhig. Rietz hat nun folgenden Brief an das Directorium con- cipirt: „„Dem geehrten Directorium des Conservatoriums kann es nicht entgangen sein, Avic die hier erscheinende sogenannte „ Neue Zeitschrift für Musik" seit längerer Zeit es sich zur Aufgabe gestellt zu haben scheint, nicht allein die hiesigen musikalischen Zustände und Leistungen in höchst einseitiger, geringschätzender, öfters höhnender Weise, und in einem, jeder wahren Kritik durchaus fremden Tone zu besprechen, sondern eben auch in der Weise über Männer abzuurtheilen, deren Verdienste in der ganzen musikalischen Welt anerkannt werden und deren Werke jedem mit klaren Augen sehenden Künstler vom Fach, so wie Laien, lieb und theuer sind. Diese Art und Weise, die musikalische Kritik zu missbrauchen, hat in neuester Zeit alle Grenzen des Schicklichen überschritten. Wir Unterzeichneten würden dergleichen gänzlich igno- riren, wenn nicht der Redacteur jener Zeitschrift, Herr Dr. Brendel, zugleich Lehrer an der musikalischen Bildungsanstalt wäre, welcher auch wir einen Theil unserer Kräfte widmen. Da aber unsere Ansichten in dem positivsten Widerspruch mit denen des genannten Herrn stehen und es mit der Zeit nicht ausbleiben kann, dass diese widersprechenden Ansichten von unheilvollem Einflüsse auf die unserer Leitung anvertrauten Zöglinge sind, und sie in Verwirrung setzen, so halten wir es für eine ernste Pflicht, das geehrte Directorium auf dieses Miss- verhältniss aufmerksam zu machen und geben uns eben der Hoffnung hin, dass das geehrte Directorium seine Missbilligung an jenem Treiben energisch, und zwar durch die sofortige Entlassung des Herrn Dr. Brendel von dem Konservatorium an den Tag legen werde. Gezeichnet: Becker, Böhme, David, Hauptmann, Hermann, Joachim, — 2l8 — Kiengel, Moscheies, Plaidy, J. Rietz, Wenzel." " Als dieser Brief dem versammelten Directorium vorgelegt ward, be- schloss es, Herrn Brendel über seine journalistischen Ausfälle zur Rede zu stellen, ihm aber sein Lehramt am Conservatorium nicht zu entziehen. Und so geschah es. Als Herr Dr. Brendel bestürmt ward, den Autor des Artikels zu nennen, hatte er die Ehrenhaftigkeit, dies standhaft zu verweigern *). — Das hiesige Orchester hat auch seinen Kampf zu bestehen und zwar mit dem Theater- Director Wirsing. Doch da tritt David als tüchtiger Advokat auf und wird's schon für die armen Leute ausfechten. Der Herr Impressario soll nämlich 10,000 Thlr. an „Prophet" und „Rosenfee" (von Halevy) verdient haben, und doch will er sein vortreffliches, ohnehin zu gering bezahltes Orchester auf Grund der schlechten Zeiten nicht ordentlich auszahlen und auf „warten" vertrösten; das erlaubt aber David nicht." Mendelssohn's Sterbetag wird wieder feierlich begangen, erst im Conservatorium, dann im Gewandhaus-Concert, wo man Cherubini's Requiem, Mozart's G-moll-Symphonie und den ersten Theil des Elias giebt. Kurz darauf schreibt Moscheies: „Siebentes Heft Lieder ohne Worte, drei Lieder für eine tiefe Stimme, sechs für eine höhere aus Mendelssohn's Nachlass für den Stich revidirt; die Composition des Goethe'schen Textes „Ein Blick von Deinen Augen", fremdartig auffallend im Rhythmus, doch aber beim Vergleich mit dem Manuscript richtig gefunden." Die Bachgesellschaft mit Becker, David, Härtel, Hauptmann, Prof. Jahn, Moscheies, Rietz constituirt sich in diesem Winter und beschliesst, als erste Lieferung die H-moll-Messe herauszugeben. Um diese Zeit sagt das Tagebuch: . . . „Als ich gestern Liszt's Illustration des Propheten las, fand ich die an ihm bekannten vollgriffigen Passagen mit den Gemsensprüngen von Einer Tonart in die Andere." . . . *) Erst nach Jahren erfuhr man, dass Richard Wagner ihn verfasst habe. — 2ig — Joachim, der schon begonnen hatte, der grosse Joachim zu werden, verliess Leipzig in diesem Winter und ging nach Weimar als Concertmeister, fand auch dort die ihm gebührende Anerkennung, während Raimund Drey- schock sich Leipzig zuwandte, um dort tüchtig und ehrenvoll bis an sein Lebensende als zweiter Concertmeister und Lehrer des Conservatoriums zu wirken. Die Frau schreibt: „Ich bin sehr glücklich darüber, dass die Com- position der neubegonnenen Cello-Sonate wieder alles Trübe verscheucht, was Moscheies eben jetzt erfahren musste, und ihm seine ruhige Heiterkeit wiedergegeben hat. Wer die Kunst so liebt wie er, dem bleibt sie auch eine hülfreiche Trösterin." Und er selbst schreibt im November, als Deutschlands politische Zustände in arger Gährung sind: „Ich danke Ihnen für alles Licht, welches Sie mir, dem Dilettanten in der Politik, über die düstern Weltzustände zu verbreiten suchen. Mir sind die ewigen Reibungen der Regierungsprincipien in unserm armen Deutschland gleich einer Flasche alten feinen Weines, man schüttelt ihn und der satzige Grund verbittert seinen edlen Inhalt. Ich lese alle möglichen Zeitungen und wünsche mir beinah' die alten bösen Zeiten zurück, wo Avir doch nur den fremden Feind zu bekämpfen hatten. Aber jetzt! Deutsche gegen Deutsche!! Pfui doch! Sie sollten's lieber durch Diplomaten oder gar durch Ad- vocaten in Perrücken abmachen, um ihre Annalen mit rother Tinte, statt mit Blut schreiben zu können. Hier hängen die Leute die Köpfe wie überall, aber ich klammere mich fest an meinen Kunstberuf und lasse mich von der Frau Musica aufrecht erhalten, schliesse auch das trübe Jahr mit dem Wunsch, dass uns das beginnende neue glücklichere Zeiten bringen möge." . . . —■ 220 — 1851. Das Tagebuch wirft am i. Januar einen Rücklick auf das vergangene Jahr: „Dankbar für den Besitz der geliebten Meinigen, für manche überstandene Krankheit, für die andauernde Arbeitsfähigkeit .... in dieser Stimmung war das Concert erhebend. „ Ein' feste Burg" von J. S. Bach, ein grosses contrapunktisches Werk; die Oboen, Trompeten und Posaunen hier und da effectvoll von Rietz verdoppelt; Mendelssohn's 95. Psalm gross und schön, mit einem merkwürdig pathetischen Canon in C-moll. Die ganze Aufführung ein würdiger Jahres-Anfang." Wir führen hier einige Urtheile an, die Moscheies gelegentlich fällte: z. B. über die Schubert'sche C-dur- Symphonie. „Schöne Motive und Verarbeitung, aber mir zu oft wiederholt; mit der Hälfte würde der doppelte Effect erreicht." „Die Haydn'sche Symphonie war wieder frisch und gesund, ohne dämonisches Element." — „Schon die Probe der Antigone riss mich zur Bewunderung hin (was die Musik betrifft); für den Concertsaal finde ich sie wenig geeignet." — „Mendelssohn's Finale zur Oper Lorelei ist hinreissend schön, schauerlich, dramatisch, melodisch, Alles edel, sogar die grosse Trommel hier veredelt. Der allgemeine Eindruck war elektrisch und selbst die Verfechter einer neuen Richtung bis zum Applaus begeistert, während sie doch sonst Mendelssohn und seine Schöpfungen als veraltet erklären möchten. Sollte dies Bruchstück nicht auf die Bühne kommen, so wird es durch seine Gediegenheit und Innigkeit stets von Werth für den Concertsaal bleiben, eine Zierde des Mendelssohn'schen Nachlasses." — „Beethoven's 9. Symphonie riss die Zuhörer im Sturm ihrer Leidenschaft mit sich fort. Die Ausführung begegnete kampflustig allen Schwierigkeiten und der Sieg war glorreich. „Freude schöner Götterfunken" erglühte in Aller Herzen. Die Sachen waren aber auch unter Rietz' Leitung mit David als Concertmeister möglichst fleissig und mit strengster Gewissenhaftigkeit einstudirt worden." — 221 — Ueber die Clavierspieler heisst es: „Alle die, welche süsslich italienische Sachen schreiben und sie halb donnernd, halb sentimental spielen, vertrage ich schlechter, wie einen Litolff mit seiner leichtfingerigen Bravour, seinen dämonischen Effecten und seinem nervösen Naturell, denn 'sein Vortrag, wenn auch ruhelos tobend, ist doch pikant." „In einer der wöchentlichen Aufführungen bei Frau Fregel 4iSo hörte ich „Requiem für Mignon" von Schumann. Es spricht mich weniger an als seine grösseren Sachen. Auch in den Waldscenen, die ich in diesen Tagen spielte, ist mir die Form zu skizzenhaft. Ich verstehe wohl, dass er wie ein guter Dichter, Etwas andeuten und die Ergänzung der Phantasie des Hörers überlassen will; aber ich liebe mehr Bestimmtheit, mehr Verarbeitung in der Musik, nicht das gewisse schwärmerische, scheinbar planlose Herumfühlen. In seinen Symphonien steht er gross da." — „Die Damen__[ Stranz und Heller hatten sich schon mit gerechtem Beifall in den Abonnements-Concerten hören lassen, als die vielbesprochene Castellan ihren Platz füllte. Schön, und von der italienischen Oper in Paris und London! Das waren Vorzüge, die den Arien aller „ini" und „etti" bei dem klassischen Leipziger Publikum Eingang verschafften; sie machte Furore. Der Enthusiasmus trotz abgeleierter Figuren in den Rodeschen Variationen bewies, dass der echt italienische Gesang in Deutschland noch als Neuheit berücken kann." Später schreibt Moscheles: „Ich habe mich ernstlich mit der Composition einer Sonate für Ciavier und Cello beschäftigt, und die Kunst, die liebe Kunst stand mir da wieder als Trösterin zur Seite. . \ . Im Arbeiten vergass ich alle Sorge; heiter wollte ich sein, frisch sollte die Musik werden. Nun habe ich sie schon mit Rietz und Grütz» macher gespielt, und David, der sie hörte, will sie sogar für Violine arrangiren. An die Herausgabe denke ich nicht; ich lasse meine Sachen gern etwas liegen, damit sie sich ausgähren, d. h. damit ich nach der ersten Hitze des Entstehens noch etwas feilen kann." Moscheies spielte die Sonate in der Kammermusik und sagt: „Ich hatte zuerst meine Bedenken, dann aber entschloss ich mich, trat am Abend beherzt an's Instrument und wurde freundlich empfangen. Die Sonate sprach sich frisch von der Leber weg aus, Rietz unterstützte mich vortrefflich im Cello-Part, Beifall und Hervorruf blieben nicht aus. Meinem Schöpfer danke ich es,- dass' er mir Kraft in Gemüth und Finger gelegt hat, um alles das, was ich musikalisch gewollt habe, mit Leichtigkeit auszudrücken." „Wir haben Mendelssohn's Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde", zwei Mal im Theater gehört. "Während der idyllische Charakter die Musik- Kenner und Liebhaber entzückte, gab es doch zum Schluss jedesmal einige dissentirende Stimmen; — etwa so wie bei den öffentlichen Hurrah's für ein gekröntes Haupt auch zuweilen einige ä bas ausgestossen werden." Als Antwort auf eine Frage, ob nicht Beethoven's „Christus am Oelberge" allzu weltlich gehalten sei, "antwortete er: „Freilich hat man ihm das wiederholt vorgeworfen, und wenn auch mit einigem Recht, wer möchte den grossen Mann tadeln? Wer mit Gottfried Weber in seiner „Cäcilia" selbst Mozart's „Requiem" als nicht streng genug im Styl angreifen? Bei so schöner Musik sollte man keine zu strenge Grenze zwischen dem Kirchlichen und Dramatischen ziehen; sie ist allzu schwer zu bestimmen " Die beiden folgenden Notizen beweisen Moscheies' regen Antheil an Allem, was die Familienglieder erfreut und bewegt. Einem jungen Ehepaar schreibt er: „Hurrah zum Ehrentage! Ich werde auf meinem Erard einen Tusch spielen, dass ihm die Saiten und Seiten erbeben sollen. Verzeiht den Anflug von Saphirschem Humor, ich bin nun einmal fröhlich angeregt durch den Gedanken an Euch, so habt Nachsicht!" Dem Vater schreibt er: ... „Ich hoffe, die obige Auseinandersetzung hat viel zu Ihrer Beruhigung beigetragen, und ich schmeichle mir, dass unsere verschiedenen Ansichten sich immer auf dem Wege der Liebe ausgleichen werden. Scheuen Sie sich ferner nicht, uns Ihre Meinung in Allem mitzutheilen; wenn wir auch im Gefühl unserer Mündigkeit und Verantwortlichkeit nicht immer beipflichten können, so verkennen wir doch den Werth Ihrer Erfahrungen und guten Absichten nicht. — Tausend Dank für Ihre herzlichen Geburtstagswünsche. Ich habe ■dem Schöpfer für viel Glück und grosse Gunst zu danken, und ergebe mich in jede Prüfung, die diese irdischen Güter begleitet." ... Eine Anfrage an Moscheies: „Ob man ihn solle als Dirigent des Musikfestes in Norwich vorschlagen", lehnt er ab, da er besonderer Umstände und Rücksichten halber England in diesem Jahre nicht besuchen konnte. Im Mai hört er mit seiner Frau den „Lohengrin" in Weimar. Das Tagebuch sagt: „Liszt dirigirte das gut geschulte Orchester; Fräulein Agthe, Milde, Beck, sehr brav. Von der Introduction an, mit ihren hohen Violinlagen und Gradations-Effecten fiel mir die Instrumentation als frappant originell (auch originell hart) auf. Ein dramatisches Leben ist in dieser Musik charakterisirt; dass dies aber 2um grossen Theil in Recitativen liegt, sagt mir nicht zu; ich möchte sie gern öfter durch rhythmisch melodische Phrasen oder formelle Stücke unterbrochen sehen. Wag- ner's Behandlung ermüdete mich oft, weil sie zu monoton und zu stark aufgetragen ist. Gern hätte ich für einen durchgeführten Hauptgedanken, für eine anhaltendere Empfindung manche schöne, aber zu schnell vorübergehende Einzelnheit, manchen schlagenden Effect entbehrt, dennoch interessirte mich das Werk sehr. Man muss es gehört haben und wieder hören, um genauer zu urtheilen." „Wir hatten vor der Abreise aus Weimar noch grossen Genuss an den Kunstschätzen des Schlosses, die uns durch die Herrschaften selbst in liebenswürdigster Weise zugänglich gemacht wurden." — „Die Aufforderung, Etwas für das Schiller-Album in Weimar zu schreiben, veranlasste mich, eine Phantasie für Pianoforte-Solo über Schillert Gedicht „Die Erwartung" zu componiren." — „Cranz aus Hamburg, der heute hier (in Leipzig) die „Erwartung" hörte, sprang auf und sagte: „Das Stück muss ich haben, .setzen Sie Ihren Preis darauf." — 224 — Das Pfmgstfest wird in Dresden mit Collegen und Freunden gefeiert und gleich bei der Rückkehr nach Leipzig ist der Besuch des „hochgeachteten Freundes Fischhof aus Wien" verzeichnet. „Er wollte viel hören und mit ihm tausche ich so gern die gleichgestimmten musikalischen Ideen aus." „Schade", schreibt die Frau, „dass der Strohfidelspieler Eben mitten in diese Zusammenkunft hineinfiel; aber mein Mann ist so gut, weist nicht gern Jemanden ab." Als Beweis aber, wie er auch fest auftreten konnte, mag die Tagebuch-Notiz des 21. Juni gelten: „Vorprobe zur zweiten Hauptprüfung. Es sollten Etüden von Chopin und Thalberg zu zwei Ciavieren gespielt werden; ich opponirte, und mit Erfolg. Nein, zum Ciavierspielen gehört mehr als Taktfestigkeit, und erst um Chopin zu spielen! Für die Geige, dies Orchesterinstrument, eignet sich die präcise Streichart; das Ciavier darf nicht unisono mit einem anderen Ciavier spielen, ohne von seiner Poesie zu verlieren." Und dann wieder: „Eine Probe für öffentliche Schüler-Leistungen Knall und Fall angesetzt, das Stück der Fräulein S. nicht bei mir einstudirt, das erlaube ich nicht. Ich bin allein verantwortlich für die Clavierschüler und werde mein Recht zu behaupten wissen." Wenige Tage später ist im Moscheles'schen Garten ein Fest für die Schüler. Es werden vierstimmige Lieder.gesungen, im Freien zu Abend gegessen, endlich getanzt. Das ist der Abschied vor der Sommerreise. Vom Harz aus, den die Familie nach allen Richtungen durchwandert, schreibt Moscheies: „Freilich haben manche der Wirths- haus-Claviere, der kleinen Orgeln die Lungensucht; aber probiren muss ich sie doch, und überall giebt's einen Cantor, einen Organisten, mitunter auch nur einen Kellner oder Geheimrath, der mir erstaunt zuhört; vom schönen, zuweilen auch hässlichen Geschlecht, gar nicht zu reden." In Alexisbad erreicht die Musik den Höhepunkt. Die Herzogin von Bernburg feiert den Künstler auf die liebenswürdigste Weise; ihm zu Ehren werden Tableaux im Kursaal gestellt, wir lesen von Illumination, einem Musikchor, für das Moscheies ein Bergmannslied schreibt, vor Allem aber von einer Familie, mit der man nachbarlich und zu gegenseitiger Freude verkehrt." „In Weimar war mir wieder ein hübsches Zusammentreffen mit Joachim bescheert. Der junge Mann spielte David's Arrangement meiner Cello-Sonate meisterlich vom Blatt." — „In Thüringen ist die Natur lieblicher als im Harz; auch die Menschen waren freundlich für meine Kunst und meine Familie. Einen Abend brachten wir bei der Herzogin Ida von Meiningen zu, einen anderen auf dem Altenstein, machten auch eine schöne Spazierfahrt mit den Herrschaften. Da ich mit dem Herzog allein fuhr, war unsere Unterhaltung eingehend, und zu meiner Freude gab er mir den Auftrag, ihm einen tüchtigen Conser- vatorium-Schüler als Lehrer zu schicken. Also wieder Einer gut placirt." Ein Befehl der Frau Grossherzogin ruft Moscheies nach Weimar, und er schreibt der Frau bei seiner Ankunft, 26. September 1851: „Ich benutze einige Minuten vor der table d'höte, um Dir Rechenschaft von mir zu geben. Joachim und Coss- mann empfingen mich mit Freude, sind aber heute Abend nicht bei Hof. Die Hoheit wünscht mich allein zu hören; nur Fräulein von Hopfgarten und einige Minister werden da sein und ich nehme mir vor, schön zu spielen. . . . Eben komme ich von der table d'höte, wo es leer an Menschen und guten Speisen war; acht Personen, den Wirth eingerechnet." . . . Nachdem die Gewandhaus-Concerte in Leipzig begonnen hatten, sagt das Tagebuch am 31. October: „Ein schönes Programm! Ouvertüre zur Zauberflöte, Orchester- Suite von Bach, Hallelujah von Händel und Lobgesang von Mendelssohn; was will man mehr?" Und wieder: „Es treten auch viele Solisten auf, sind es Clavierspieler, so höre ich ihre Arpeggiofiuthen und italienisirten Opernthemen meist vorher und bin bald von der Monotonie und Seichtheit der Arrangements gesättigt. Auch das Publikum ist eigen; Wenige gefallen und man entlässt sie kalt. Nur das Zischen sollte verboten sein, das gehört llosekeles' Leben. II. j - — 220 — ins Theater, nicht in den Concertsaal. Bei einer gemischten Leistung sollte man ein Ohr für das Gute, nicht blos für die Schwächen haben." — Ein ander Mal in einem Brief: „Die Geiger hatten ihren wohlverdienten Beifall in diesem Winter, besonders David in Mendelssohn's Concert, das er mit Wärme und Begeisterung spielte; auch Edmund Singer zündete. Van der Osten's Gesang entzückte mich und Marchesi war einer der Wenigen, die sich Lorbern errangen." „Ich fand Schumann's Ouvertüre zur „Braut von Messina" bei diesem zweiten Anhören kräftig charakteristisch, voll Leidenschaft; aber das Publikum, obwohl es viele Freunde Schumann's zählte, war unentschieden in seinem L Beifall." Am 4. November schreibt Moscheies: „Schon vier Jahre seit Mendelssohn starb! Der Gedanke an ihn erfüllt meine ganze Seele; — war er mir doch der Auserwählteste als Mensch und Künstler! Die Erinnerungsfeier im Con- servatorium war weihevoll; die schwarzgekleideten Schüler und Zuhörer zu meiner Stimmung passend." Am 8. November spielt er sein Pastoral-Concert zum Besten einer verarmten Familie: „Immer behält das Wohl- thun sein Recht, auch für den zurückgezogenen Pianisten. Mir selbst, spiele ich Liszt's neues Concertsolo, die Paganini-Etüden und andere moderne Sachen vor, zur Erlernung dieses Styls." — „Mit Liszt habe ich bei seinem unerwarteten Besuch eine schöne bevue gemacht. Ich hatte gerade vor seinem Eintreten den „Scudo" aus Paris geschickt bekommen und fragte ihn: „Kennen Sie das Buch? Der erste Artikel, sehe ich, trägt Ihren Namen." Ja, um mir gute Schläge auszutheilen, erwidert er. lachend und fängt an die Angriffe des Autors vorzulesen. Ich war zuerst bestürzt, da ich mir von dieser Publication das Gegentheil erwartet hatte, dann lachte ich mit ihm. Er kennt mich zu gut, um mir eine Absichtlichkeit dabei unterzulegen und er kann zu so Etwas lachen." Ein Brief Moscheies' vom 24. December sagt: „Es ist 5 Uhr Nachmittags und bald beginnt das grosse Fest, das — 227 ---- nicht nur alle Christen, nein, auch viele Juden mitfeiern. Hat sich doch das Licht unseres Zeitalters durch die Toleranz der gemischten Ehen sehr verbreitet; warum sollte nicht auch ein Rabbi Samuel seiner Marie ein Weihnachtsbäumchen anzünden? Alle socialen, moralischen -und merkantilen Verkettungen unserer Aera fallen mir natürlich vor dem Beginn unserer häuslichen Feier ein, die durch allseitiges Wohlsein und das erwartungsvolle Glück der Jugend einen erhöhten Reiz für uns bekommt." 1852. Ein Brief Moscheies' sagt: „Das Beste, was dies neue Jahr bringen konnte, ist die Gewissheit, unsern David zu behalten: Sie wissen, dass er uns ernstlich mit einer Uebersiedlung nach Cöln bedrohte? Nun hat er sich mit den Behörden geeinigt; weniger Dienst und eine Gehalts- 2ulage sind seine Errungenschaften. Ferdinand Hiller, der in Paris ist, wird, wie es heisst, zu seinen Cölnern zurückgehen; auch ein Gewinn für Deutschland. Das Wetter ist heute am 6. Januar so schön und klar, dass die heil, drei Könige selbst gern darin spazieren gegangen wären, unbeschadet des Sprüchworts: Wenn die Frommen wandeln, regnet's. Wir waren auch nicht fromm und wandelten viel und hinterher Hess ich die Töchter den Gradus ad Parnassum studiren, da ich sie doch gerne auf seinen Gipfel bringen möchte!" In einem späteren Briefe heisst es: „Es thut mir leid, aber ich habe beständig an den Solisten der Gewandhaus- Concerte zu tadeln. Viel Fertigkeit ist den Clavierspie- lern nicht abzuläugnen, aber Alles wird mit Raserei durchgejagt, die moderne Schule in ultramoderner Nachäffung repräsentirt; zuweilen giebt es statt der gehaltlosen Triller und Arpeggien eine gute Original-Melodie mit einer schlechten Sauce, ein liebes einfaches Volksliedchen in der beliebten Schlendrian-Manier aufgetischt; will das Publikum dann nicht begeistert thun, so höre ich Klagen gegen unsere kalten Leipziger und entschuldige sie mit der nordischen Lage ihres Landes. Der seelenvolle hohe Sopran der Fräulein Hiller enthusiasmirte Alles, was deutsche Musik liebt. Fern sei es von mir, einer Grisi, einem Rubini zu nahe treten zu v/ollen; sie sind grosse Künstler; nur sollen sie in der italienischen Oper bleiben; dorthin gehören sie. Wenn aber Sänger und Instrumen- talisten ihre Unarten nachahmen und fortpflanzen wollen, wenn sie auch tremuliren, kopfschütteln und Augen verdrehen , dann kann ich nur mit Achselzucken auf sie herabsehen. Die deutsche Schule muss unverfälscht auf ihrem eigenen Werth beruhen; bilden wir unsere Stimmen zu schönem Einklänge heran, ahmen wir als Instrumen- talisten den Melodien-Reichthum eines Beethoven, eines Weber und Andrer nach." Beide, Stighelli und Marchesi sangen mit Beifall, und für Letzteren componirte Moscheies eine Meditazione und eine Barcarole. Was ihn aber Moscheies ganz besonders zum Freund machte, war, dass er trotz seiner sicilianischen Abkunft ein aufrichtiger Verehrer klassischer Musik war *). Einmal beschreibt Moscheies einen heitern Abend und endet mit den Worten: „Die Lustigkeit nach dem Souper nahm so zu, dass David und ich abwechselnd den Rhythmus zum Tanz trommelten, aber auch abwechselnd mittanzten." „Auch die Sonntag erschien in diesem Winter in Leipzig", schreibt Moscheies, „etwas älter, etwas weniger sylphidenhaft, aber anmuthig, gut und anspruchslos mit wohlerhaltener Stimme und tadelloser Kehlfertigkeit. Der wachsende Enthusiasmus für sie schüttelt die Leipziger durch und durch, es ist ein Wonnerausch, eine Reihenfolge von Ovationen mit obligatem Fackelzug der Pauliner. Wir haben sie in allen ihren Vorstellungen gesehen; die Stimme genügt vollkommen für unser kleines Haus und immer noch kann sie wie in früheren Jahren von ihrer Kehle sagen: 's muss g'schmiert geh'n wie a Kuglhupf. Man soll zwar nicht *) Seitdem hat er sich in der Kinderwelt durch seinen „kleinen Hans" grosse Anerkennung erworben. — 22g — vergleichen, aber entzückt wie ich war, konnte ich nicht umhin, bei diesem ruhig kühlen Spiel an die tief gemüth- lichen Darstellungen der Lind, an die Leidenschaftlichkeit der Malibran zu denken. So undankbar ist der Mensch. Höre ich sie meine Lieder singen, was sie oft und gern thut, so entzückt sie mich." Später schreibt er: ... . „und nun muss ich gar ein Bravourstück für die Sonntag componiren. Ich spiele ihr auf ihren Wunsch nämlich oft vor, neulich meine ungarische Phantasie „Magyarenklänge", in der ihr eine Melodie so gefiel, dass sie sagte: die möchte ich singen, machen Sie mir doch ein paar Variationen dazu, Mosche- les! Natürlich war dieser Wunsch mir Befehl und so beschäftige ich mich damit, etwas unmögliche Bravour zu schreiben." — Als sie nach Dresden gegangen ist, schreibt Mosch eles: „Bis jetzt erfüllt sie noch ganz Leipzig, ja beinahe hätte man vergessen, die Bahnzüge abgehen zu lassen und die Thurmuhren aufzuziehen." Nachdem sie auch in Weimar aufgetreten war, erschien ein furioser Artikel von dorther in der „Neuen Zeitschrift für Musik". Die Sonntag und die Lind werden gleich beide zusammen mitgenommen und Gesang-Nixen genannt. Da der Artikel B... w unterzeichnet ist, so weiss man, von wem er stammt. Für Weimar hatte dieser Ausfall die schlimme Folge, dass Rossi dem Grossherzog den Artikel einschickte mit dem Bedeuten, seine Frau könne nie wieder in einer Stadt singen, wo man ihr so feindlich begegnet sei, deshalb müsse sie ihr Versprechen zurücknehmen, für die Goethe-Stiftung im Radziwil'schen Faust zu singen. Mich machte die allerliebste Frau lachen, als sie bei Gelegenheit dieses Artikels scherzend sagte: Der Neid hat nicht nur über meinen Gesang, sondern auch über meine Persönlichkeit beständig zu schwatzen. Was soll ich nicht Alles falsch haben! Falsche Zähne natürlich, aber sogar einen, falschen Hals!" Bei Moscheies hatte das Componiren von Vocal-Variationen neue Lieder wachgerufen, die sich eins nach dem andern an's Licht drängten. — 230 — Kurz nach der Sonntag gastirt die ausgezeichnete- Johanna Wagner in Leipzig. Stimme, Gesang, edle Haltung im Spiel, Alles erwirbt ihr gerechten, und man sollte meinen, auch dauernden Beifall. Aber nein — eine Madame Lagrange folgt ihr auf der Leipziger Bühne und die Frau schreibt: „Was doch die Welt für ein undankbares Institut ist! Jetzt lobt man die Lagrange auf Kosten der Sonntag und Wagner, denen man Stimme und Gesangskunst abspricht. Wie reimt sich das mit der Schwärmerei der letztvergangenen Wochen für die beiden nun hintangesetzten Künstlerinnen ?....- Am 18. März sagt das Tagebuch: „Ein Genuas seltenster Art wurde mir durch Frau Schumann's Spiel meines G-moll-Concerts zu Theil. Ich hatte es nie so __ richtig aufgefasst gehört als von dieser Meisterhand, f Schumann's Symphonie setzte ich wieder hoch über seine neue Sonate (A-moll mit Violine) und das M. S. Trio in G-moll. Die erstere gefiel mir besser als das letztere. Dies ergeht sich in einer beunruhigenden Leidenschaftlichkeit, in contrapunktischen Verstrickungen, rhythmischen Schwankungen und oft wiederholten Vorhalten. Das melodische Element geht dabei verloren wie der Sonnenstrahl im Nebel. Selbst den Humor im letzten Stück des Trios wünsche ich mir weniger tobend, dafür fröhlicher und ge- F müthlicher. — Die „Pilgerfahrt" der Rose hat viel edlen Schwung und glückliche Empfindungs-Malerei. In den Liebesergüssen ist er mir mitunter zu pathetisch, gränzt beinah an's Kirchliche." „Frau Schumann spielte meine Cello-Sonate mit Grabau und ich kann sagen mit Liebe. Seh. selbst blieb einsylbig; meine Bemerkungen über Kunst, in die ich ihn hineinziehen wollte, riefen nur ein einsylbiges Nicken hervor." Mit der Bach-Gesellschaft, deren Conferenzen Moscheies eifrig besucht, konnte er nicht immer Wellen schlagen. Sein Antrag, die erste Lieferung mit Ciavierauszug herauszugeben, ward überstimmt; das verdross- ihn. „Die Dorfschulmeister und nicht Gelehrten, die keine V 231 — Partitur lesen können, sollten den Meister durch den Ciavierauszug kennen lernen", meinte er — aber umsonst. Auch als Dr. Weber aus Cöln und mehrere dortige Musiker beim Comite anfragten: Warum ihnen der versprochene Ciavierauszug vorenthalten bleibe, ward die Sache nicht geändert. — Nachdem Moscheies der Bachfeier in der Thomasschule beigewohnt, sagt das Tagebuch : „Sie haben dort den alten Musiksaal ausgebaut, in welchem der Meister seine Uebungen mit den Schülern hielt. Der Neubau wurde durch den Vortrag vierstimmiger Gesänge unter Hauptmann's Leitung eingeweiht, und dabei sah das alte Bach-Portrait, neu restaurirt, auf uns herunter und einer der Schüler hielt eine begeisterte Rede." Zum Char- freitag giebt man die Matthäus-Passion. „Ich bin tief davon ergriffen", schreibt Moscheies dem Vater, „und habe meine Eindrücke über dies grossartigste Werk in der „Deutschen Allgemeinen" ausgesprochen. Aber was sind da Worte? Diese Doppelchöre, durch die sich der Choral erhebend hindurchzieht, der Moment, wo Petrus über den eigenen Verrath „bitterlich weint", die Arie „Ich will bei meinem Jesu wachen" und dann noch alle andern Arien und Chöre und jedes der herrlichen Stücke! Sie müssen es Alles bei erster Gelegenheit hören. Schneider war der vortrefflichste Evangelist, alle andern Sänger und Sängerinnen, Rietz und David ausgezeichnet. Wenn Sie dies Alles lesen und mich so in die Kunst vertieft sehen, werden Sie kaum mehr von mir verlangen, dass ich meine Meinung über Staatspapiere u. dgl. abgebe. Ist es doch, als sollten Sie mir Ihre Ansicht über eine Partitur geben, handeln Sie daher für mich — ich gebe mich gern in Ihre Hände. Wissen Sie denn schon, dass einer Ihrer Mitbürger, Otto Goldschmidt, das Glück gehabt hat, unsere grosse Künstlerin Jenny Lind heimzuführen? Er hat einen grossen Preis errungen, sie sich mit einem ehrenwerthen Mann und tüchtigen Musiker in der besten Richtung verbunden." Um Ostern begegnen wir wieder einigen Klagen über das Conservatorium: „Die Schülerinnen werden nicht an- gehalten bei meiner Auffassung, meinem Tempo zu bleiben; andre finde ich falsch — noch mehr aber wünsche ich, dass ihnen Zeit bleibe, sich für meine Classen vorzubereiten. Mit einem Wort, ich will Unterstützung in meinem Lehramt, aber keine fremden Einflüsse, darüber habe ich mich heute deutlich ausgesprochen." .....„Und was soll ich dazu sagen? Eine Schülerin spielt bei der Prüfung eine posthume Mscr.- Etüde in F-dur von Mendelssohn, die mir unbekannt ist: — ich höre auch bei dieser Prüfung so ganz nebenbei davon sprechen, dass noch manches von Bedeutung in Mendelssohn's Nachlass ist; und doch bin ich mit einigen Anderen von seiner Wittwe dazu ausersehen, seine hinter- lassenen Werke fü.r die Herausgabe durchzusehen, auch zusammenzustellen und wo möglich zu ergänzen. Also eine begünstigte Schülerin geniesst das Vorrecht, ein posthumes Werk von Mendelssohn vor mir kennen zu lernen, zu spielen! Das ertrage, wem's gefällt!" — War dieser Zwischenfall ein „ärgerlicher", so finden wir gerade in dieser Zeit Notizen über so manche Schüler, die gern gesehen werden, mit denen es sich gut lebt und musicirt. Obenan J. O. Grimm, der mit inniger Verehrung die Liebe des Meisters erwiderte; auch die Herren Radecke, v. Sahr, Jadassohn, Mertel u. A. hatte Moscheles gern um sich, erfreute sich an ihren Fortschritten und nahm das herzlichste Interesse an dem der Kindheit entwachsenden Gernsheim, so wie an den Gebrüdern Brassin. Es verjüngte ihn, mit diesen bildungsfähigen Jüngern zu verkehren, seine Schule, die musikalischen Erfahrungen seiner Künstlerlaufbahn durch sie fortzupflanzen. Nahte das Frühjahr heran und „die Künstler aus der Ferne" besuchten Leipzig oder berührten es nur kurz auf ihrer Weiterreise, so erfreute ihn der „anregende Verkehr", denn Alles sprach bei ihm vor. In diesem Jahre, wie uns das Tagebuch beweist, der hochgeschätzte Lindpaintner, Freund Rosenhain, Speidel, Cossmann, Königslöw, Bott u. a. m. Es fand auch eine freundschaftliche Annäherung an die gräfliche Familie * * statt, die zu vielen genuss- reichen Tagen des Landaufenthalts und zu interessanten Abenden führte, und diese wieder zu näherer Berührung mit dem Fürsten, dem, wie er sagte, sein grosser Vorfahr Carl August die Liebe zur Kunst als schönstes Erbtheil vermacht, ja der ihm die Pflicht auferlegt habe, nach besten Kräften damit zu wuchern." Wie sehr der Fürst das Erbtheil genützt, die Pflicht erfüllt hat, beweist die von ihm gegründete Maler - Academie, deren Zierden Pawels und Verlat sind, sowie die Berufung literarischer Grössen an seinen Hof. „In meiner Kunst", sagt Moscheies, „ist "Weimar stets reich an Novitäten und ist auch neu nicht immer gleichbedeutend mit gut, so bleibt es doch ein Verdienst, das Neue zu Gehör zu bringen, denn kennen sollte man Alles." Moscheies nimmt eine Einladung seines früheren Schülers Litolff an, dem Braunschweiger Musikfest beizuwohnen, wird mit Liebe und Pietät in seinem Hause empfangen. Er schreibt: „Ich habe Liszt und viele Bekannte getroffen; hörte den Elias, die neunte Symphonie u. A. Die Aegidienkirche ist ein herrlicher Raum, und die 700 Mitwirkenden füllten ihn gut aus, hätte nur Litolff etwas mehr Ruhe und Gelassenheit beim Dirigiren gezeigt! Diese Hand ist zu aufgeregt für den Commando- stab. Sein Spiel war vortrefflich. Mich beredete er, das „Hommage ä Händel" mit ihm in einem der Fest-Con- certe hören zu lassen." Ein schmerzlicher tief ergreifender Todesfall in der Familie und die gedrückte Stimmung, die" er zur Folge hat, scheinen eine Erholung in guter Luft und ländlicher Ruhe als nothwendig anzuzeigen und so durchwandert man die schöne Gegend zwischen Dresden und Friedland. Moscheies schreibt: „Heute habe ich eine komische Geschichte zu erzäl !en und Ihr müsst mit uns lachen, wie wenig Ihr auch da..u aufgelegt sein mögt. Wir kommen Abends spät nach Tetschen, hungrig und todtmüde und verlangen oben zu essen. Aber ach! im Nebenzimmer wird Ciavier geklimpert. Denkt Euch, nur eine dünne Thüre zwischen mir und Weber's invitation ä la valse von — 234 — ungeübter Hand als „langsames Presto", wie Mendelssohn zu sagen pflegte, abgeleiert. Ich klingle. Wer spielt da r donnere ich die Kellnerin an. O, es ist nur ein junger Mann, der den ganzen Tag in Geschäften aus ist; blos Abends spielt er ein paar Stunden. Eine schöne Aussicht! Ich versuche zu essen, aber der Bissen bleibt mir im Halse stecken, und plötzlich ist mein Entschluss ge- fasst. Ohne den erstaunten Meinigen ein Wort zu sagen, nehme ich meinen Hut, eile hinaus und klopfe an die- Nachbarthür. Das „Herein" bringt mich Aug' in Auge mit dem schuldlosen Delinquenten. „Ihr Spiel hat mich verlockt, Ihnen als Fremder meinen Besuch abzustatten",, sagte ich mit erheuchelter Freundlichkeit, „ich spiele auch ein bischen und habe dies Stück studirt. Würde es Ihnen angenehm sein, es mit meiner Auffassung zu hören?' 1 Somit trete ich an's Ciavier. Der junge Mann ganz verdutzt, räumt mir seinen Platz ein, ohne eine Antwort abzuwarten, jage ich das Stück im rasendsten Tempo durch und bringe alle nur möglichen Verdoppelungen an. Das wirkte. Ach, sagte er mit einem Seufzer, so werde ich wohl nie spielen! „Warum nicht, erwiderte ich, wenn Sie brav studiren, aber — ich empfehle mich Ihnen." Mein Zweck war erreicht, der nächtliche Spieler verstummte (ob auf ewig weiss ich nicht), aber ich konnte in Ruhe essen und schlafen. Die Andern hatten, das Ohr an die Wand gedrückt, die komische Scene mitangehört, mitgenossen; ich denke, Ihr geniesst sie uns nach." Im October hört Moscheies den „Tannhäuser" in Dresden unter Reissigers Direction: „Ich war oft überrascht durch genialische Einzelheiten, durch gute Instrumentation, auch durch Originalität. Im Ganzen geht's mir aber wie bei Lohengrin. Zuviel Recitativ, zuviel Bruchstückartiges und Monotonie durch Formlosigkeit herbeigeführt. Nehme ich auch die Erinnerung an geistreiche Stellen, an überraschende Effecte mit, doch bleiben Herz und Gemüth kalt bei dieser Anhäufung von leidenschaftlicher Musik." — Trotz dieses Mangels an Befriedigung — 235 — zieht ihn schon im November eine andere Novität an. Er geht nach Weimar, um Berlioz'sche Musik kennen zu lernen. Das Tagebuch sagt: „B. hatte einen warmen Empfang an seinem lorberbekränzten Pult; meine Erwartungen waren nicht hoch gestellt, aber er hat sie über-^ troffen. Manches ist zwar barock und unzusammenhängend, Vieles aber grossartig gelungen. Im Faust ist die Benutzung des Räkoczy-Marsches electrisirend; er wurde wiederholt, sowie auch Soldatenlied und Walzer. Königin Mab's Musik in „Romeo und Julie" ist auch reizend an Effect und Mendelssohn's Werken ähnlicher Art würdig an die Seite zu stellen. B.'s Leitung theilte der Aufführung ein Leben mit, das Alles mit sich fortriss und es freut mich, ihn als Componist und Dirigent kennen gelernt zu haben. Das Orchester mit zwei Paar Pauken war übervoll und kräftig; die Chöre vortrefflich von Herrn Montag einstudirt." Die betagte Frau Grossherzogin empfängt Moscheies am nächsten Morgen, ladet ihn zur Tafel mit Liszt und Berlioz und Abends findet die Vorstellung von Berlioz' „Benvenuto Cellini" unter Liszt's Direction statt. „Ich war überrascht von dem Melodieenfluss", sagt das Tagebuch, „von der mitunter sehr discreten Instrumentation; doch war mir Vieles unklar und das Finale, der Carneval von Rom, ganz unverständlich. Die günstige Meinung für die Musik war im Publikum vorherrschend, obwohl kein einziges Stück zum da capo reizte. B. wurde nach jedem Act gerufen. Nach der Oper vereinigte Liszt den ganzen musikalischen Kreis bei sich, der Ton ein sehr lebendiger und Berlioz der Gefeierte. Ich unterhielt mich viel mit ihm und fand ihn sehr geistreich." Der December bringt einen höchst fremdartigen Gast in's Leipziger Stadttheater, den Neger Ira Aldridge. Dieser reiste mit einer kleinen, höchst mittelmässigen englischen Truppe und gab einige Auszüge aus seinen Hauptrollen. „Im Othello gebrauchte er keine Schminke", sagt Moscheies. „Er spricht gut, hat eine Theaterfigur, doch — 236 — entbehrt sein Spiel aller feinen Nuancirung und die Eifer- suchtsscenen raste er auf haarsträubende Weise herunter. Schneider brachte ihn zu uns. Er ist schrecklich hässlich, eine in Kaffee getunkte Haut, von Pockennarben durchlöchert, eine platte Nase und wolliges Haar berechtigen zu dieser Aussage; die Kopfform ist gut, die Zähne sind blendend weiss. Sein Wesen ist offen und er sprach viel über die Emancipationsfrage, über den Abscheu der Amerikaner gegen die Neger, und fand die Zustände in Uncle Toms Cabin viel zu gelinde geschildert. Auch über seine Kunst und seinen Drang, sich auszuzeichnen, sprach er, gab uns aber in seiner Ausdrucksweise nicht Gelegenheit, den feingebildeten Mann in ihm zu erkennen." Bei einer geselligen Vereinigung der Leipziger Professoren (dem s. g. Professorium) trat Moscheies spielend und redend auf. Erst trug er Beethoven's Sonate Op. 53 vor, dann bevorwortete er sein Spiel der Solophantasie Op. 77 durch erklärende Worte über ihre Entstehung und ihren Charakter. „Diese Phantasie ist rhapsodisch, barock und deshalb nur wenig unter Liebhabern bekannt", sagte Moscheies. „Mir scheint, als habe Beethoven sich darin selbst wiedergeben wollen, wie er sich unvorbereitet, vielleicht gar übler Laune an's Instrument setzt und im Reich seiner Gedanken planlos herumfährt. Ich selbst habe ihn zuweilen auf solche Weise spielen hören und immer sind mir solche Momente beim Anhören dieser Phantasie unwillkürlich wieder eingefallen." Der Winter bringt wieder viele moderne Pianisten. „Der Eine spielt klar und hell wie eine Mondnacht, aber auch frostig wie diese, der Andere mit seinen ewigen Kraft-Akkorden, Trillern und Arpeggien greift meinen armen Erard gar zu sehr an." — „Endlich ist einmal ein Unglück geschehen, der Stimmstock hat einen Riss bekommen, ich weiss auch durch wen — es konnte nicht gut gehen." In Leipzig konnte man den Schaden nicht ausbessern, so schrieb Moscheies in grosser Bedräng- niss an das Haus Erard: Was zu thun sei? Sollte man den schadhaften Theil nach Cöln — nach Paris — 237 — schicken? Und wie lange müsse er ohne seinen Erard ausharren? * „Noch ein Weilchen", war die Antwort des stets freundlich gesinnten Hauses, „so lange, bis wir Ihnen einen unsrer allerbesten Flügel verpacken und zusenden lassen; den Ihrigen haben Sie bereits 7 oder 8 Jahre, seitdem haben wir viele Verbesserungen gemacht und Sie sollten stets das Beste haben." Moscheies' Freude über diesen Brief war gross, seine Dankbarkeit aufrichtig und was der heil. Christ auch diesmal bescheerte, die Erwartung des neuen Flügels blieb sein schönstes Weihnachtsgeschenk. 1853. „Es giebt manches Neue in diesem Winter", schreibt Moscheies. „Gade als Director der Gewandhaus-Concerte, seine Symphonie mit obligatem Ciavierpart — schön instrumentirt, aber das Ciavier eine unnütze Neuerung, da man es nicht hört; eine neue schwungvolle Ouvertüre zu ' Julius Cäsar von Schumann — neu ist aber auch mein | Erard, und ich habe grosse Freude daran. Er hat Orgel- und Flötentöne, Weichheit und Kraft, und dabei einen federleichten Anschlag. Bei seinem glänzenden Aeussern drängen sich mir Schülers Worte auf: In dem schönen Körper muss auch eine schöne Seele wohnen. Wirklich kann ich auf ihn einwirken wie auf ein Gemüth; den Ton ausspinnen wie auf einem Saiteninstrument, und das ohne Dämpfung, — ein pp. erzielen ohne einsaitiges Pedal, jeden Contrast im Anschlag hervorbringen. Kein Wunder, dass ich den neuen Ankömmling fetire, indem ich nicht nur allein oder mit den Meinigen darauf spiele, sondern auch Freunde und Bekannte einlade, ihn zu bewundern. David ergeht sich gern mit uns darauf." Später, als das alte Instrument zurückgeschickt wird, schreibt Moscheies, elegisch gestimmt: „Der treue, harmonische Freund, wie — 2 3 8 - ungern sehe ich ihn scheiden. Ist es doch, als verliesse uns ein geliebter Mensch. Als ich vom Fenster aus die Kiste fortrollen sah, war es mir, als wäre sie ein Sarg. Aber Gottlob (setzt die überwiegend heitere Natur hinzu): Wir haben keinen wirklichen Verlust zu beklagen im Gegentheil stehen uns tausend Freuden durch den Neugeborenen bevor." Ueber die Bachgesellschaft schreibt Moscheies: „Ich habe mich von ihr losgesagt, weil in einer Conferenz mit beiden Härteis, Hauptmann, Becker und Otto Jahn von Letzterem der Vorschlag gemacht und angenommen wurde, dass Becker die Ciaviersachen redigiren solle. Da halte ich mich für überflüssig im Ausschuss und zeigte es den Herren an. Desto mehr habe ich mich mit Bach's neu herausgekommenem Concert (mit concertanter Violine und Flöte) beschäftigt, denn ich wollte es zuerst in der Kammermusik spielen, doch bat man mich, es lieber im Abon- nementconcerte mit vollem Orchester zu Gehör zu bringen." Es gefiel sehr. Auch in einem Wohlthätigkeitsconcert in Halle spielt Moscheies, am meisten aber beschäftigen ihn. die Vorbereitungen zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Conservatoriums. Jetzige und frühere Schüler vermischen ihre Leistungen: Frl. Jacobi, Frau Dr. Reclam singen, Otto Goldschmidt spielt, H. Riccius und Concert- meister Jahn geigen; eine Ouvertüre von Büchner und der erste Satz einer Symphonie von Grimm werden gegeben, auch hört man zum erstenmal die Bruchstücke aus Mendelssohns unvollendetem Oratorium „Christus". Die Stimmung ist eine gehobene, alle Leistungen mehr oder minder ausgezeichnet und freudig anerkannt. Das gewöhnliche Ende solcher Festlichkeiten — ein Souper mit Toasten und Reden blieb nicht aus, und des Königs dabei verkündetes Geschenk von 300 Thlr. rief grossen Enthusiasmus hervor. Schalten wir hier, wenn auch etwas verspätet, ein, dass das Tagebuch am 23. April bemerkt „Den frühern jungen Offizier, Franz v. Holstein, geprüft. Seine Finger nicht gelenkig, aber viel musikalische Begabung scheint da zu sein. Er widmet sich der Musik und — 239 — tritt in's Conservatorium ein. Auch den jungen Schnorr aufgenommen." Ferner heisst es : „v. Sahr's Trio interesant componirt, hat auch Melodie/' — „Grimm's Symphonie, ein grosser Fortschritt." — „Werden meine Schüler dereinst denn auch solche Neuerungen ersinnen, wie Haberbier in seinem Fingersatz? Er will laufende Passagen von beiden Händen, einander ablösend, gemacht haben; die Finger sollen schleifend über die Untertasten • gleiten und doch dazwischen die Obertasten berühren. Das führt auf die S. Bach'sche Manier zurück; damals wollte man einer Hand allein nicht zuviel zumuthen. Ob das zu einem Fortschritt in der Kunst führen wird? — — Einstweilen spiele ich die Meister mit meinem Fingersatz and befinde mich wohl dabei, componire auch ein neues Stück, eine Phantasie und versuche darin neu zu. sein." Pleiss-Athen ist stark musikalisch bevölkert, das Hotel Moscheies eifrig besucht. ,.Ich laufe oft Gefahr, von den durch das Concertdirectorium Unbefriedigten in die Scylla ihrer Klagen mit hineingezogen zu werden, will aber nie in der Charybdis dieser Medisance untergehen, sondern stemme mich kräftig gegen den verheerenden Strudel." , Es wird der Familie Moscheies in diesem Jahre ein unschätzbares Glück zu Theil; ihre Bekanntschaft mit der Familie Geibel spinnt sich zu einer Freundschaft aus, die in einem sechszehnjährigen täglichen Verkehr wächst und gedeiht. Das Beisammenleben in einem Hause giebt Gelegenheit, den gleichen Geschmack in Kunst und Wissenschaft, in Grundsatz und Gesinnung darzuthun; man theilt Freude und Leid, man wird eine grosse Familie! Diesmal geht Moscheies' Sommerreise mit der Frau, den beiden Töchtern und dem Sohn südwärts über Nürnberg mit seinen Schätzen nach München, wo der Freund Hauser ihm collegialisch seine Schüler vorführt — nach Starenberg, wo die Familie Kaulbach weilt. Bei einer Aussicht auf den sonnenhellen See componirt Moscheies der lustigen Gesellschaft einen Canon, der sogleich ge- — 240 — sungen wird. Einen nächsten Halt macht man in dem von Schneebergen gekrönten Partenkirchen. „Wer könnte anders als bei diesem Anblick schwärmen? Dazu die ewig wechselnde Abendbeleuchtung und der Mond am tiefblauen Himmel!" Innsbruck hat wieder seine Sehenswürdigkeiten, Schloss Ambras seine Erinnerungen an die schöne Philippine Welser, „die dort mit ihrem Gatten, dem Erzherzog Ferdinand von Oesterreich glückliche Jahre verlebte." — „Hinter Innsbruck schäumt der Inn wild über grosse Steinmassen hin, grünbewachsene Bergkuppen, Tannenabhänge und die ehrwürdigen Schneehäupter der Tiroler Alpen in der Ferne." — „Der Abend in Mals ist erquickend; mächtige Giessbäche stürzen sich von den Bergen herab, rauschen wie Meereswogen, Alles ist überraschend, ergreifend.'" Hinter Kolman wechseln bald die wildromantischen Felsen, die Schneegebirge, die dunkeln Föhrenwälder mit den milderen Weinbergen und Gärten; Maronen, Feigen, Granat und Wallnuss gedeihen Lchon." Morgens in aller Frühe geht es nach Gries und gleich in die hübsche reich ausgeschmückte Kirche, wo viel reinlich gekleidetes Landvolk andächtig betet. Moscheies geht auf den Orgelchor. Ein Brief vom 14. Juli sagt: .... „Es war drollig. Der Organist begleitete gerade das Kyrie; ich griff ihm während seines Spiels zwischen die Finger und spielend erklomm ich auch die Orgelbank, von der er, erstaunt, herunterrutschte; ich fuhr da in der Musik fort, wo er aufgehört hatte; das Stück geendet, sagte er: „Jetzt müssen Sie präludiren, bis der Geistliche vorsingt", und dann wieder „Jetzt begleiten Sie den Schulkindern das Gloria". Ich gehorchte. Er ward immer ängstlicher und verlegener, sah mich fragend an und platzte endlich n.it den Worten heraus: Aber um Gotteswillen wer sind Sie? Ich schrieb meinen Namen auf die Musik. Er machte grosse Augen, fiel mir um den Hals, küsste mir die Hände und küsste sie wieder, als ich schon das Credo begleitet." .... „15. Juli. Der anhaltende Regen vereitelte gestern Abend unsern projectirten Spa- — 241 — ziergang und so Hessen wir uns zu einem Zither- und Ge- sangsconcert verlocken, das nationeil sein sollte und es zu wenig für unsern Geschmack war. Die Tracht war freilich echt tirolerisch, die Zither auch, aber der Wurm moderner Musik hatte sich in die gesunde Tiroler Frucht eingenagt. Wir mussten schon in der ersten Hälfte etwas „Martha", allerlei Walzer und eine „Strapazier-Polka" ausstehen; die zweite Hessen wir im Stich und liefen im Regen nach Hause." Weiter geht es nach kurzer Besichtigung Merans, über Botzen, Trient und Riva nach Venedig. Dort im Palazzo Mocenigo findet sich eine Wohnung für die Familie, vor ihnen wohnte kein geringerer als Byron in diesen Mauern,; einige ihrer Räume werden von der Contessa Mocenigo, der Aeltermutter des Geschlechts bewohnt. Die Dogen, ihre Vorfahren, sind von Giambellino u. A. an der Zimmerdecke portraitirt; sie selbst ein Bild aus alter Zeit, vornehm in Sprache und Wesen und dabei liebenswürdig zuvorkommend gegen den Künstler, den sie verehrt. „Wenn sie in dichte Schleier gehüllt, ihre reich vergoldete, mit Wappen geschmückte Gondel besteigt, sich auf ihren goldenen Sessel nieder- lässt, ein altes Dienerpaar ihre Gebetbücher tragend diesen umsteht, so eilen wir zum Balcon, um dies Bild mittelalterlicher Sitte zu betrachten." .... „Ich habe einen guten Flügel, der vielleicht durch den Marmorfussboden, auf dem er steht, doppelt gut klingt, und neue Empfindungen strömen unter meinen Fingern hervor, wenn ich an die Dichtungen denke, welche diese Mauern -mir wiederholen könnten; an die Lagune mit ihren Palästen, an den Mond auf der Piazzetta, an sein Spiegelbild in den Wellen und an die ganze magische Beleuchtung. Alles ein Rückblick in alte Zeiten und Zustände mit ihren grossen historischen Erinnerungen, ihrem Reichthum und ihren Greuelthaten." , Weiter schreibt Moscheies: „Gern hätte ich mich hier mit den Musikzuständen und Musiktreibenden bekannt gemacht; doch finde ich allenthalben Mittelmässigkeit und Seichtheit. Das Teatro Fenice ist geschlossen , der Director des San Samuele, der zugleich Moscheies' Leben. II. jß — 242 —■ "Wiener Claviere vermiethet, erzählt mir, dass es am 1. Sept. mit den Puritani und einem grossen Ballet eröffnet werden soll. Die wandernden Musikanten, die Abends auf dem Marcusplatz und in den Speisehäusern gegen Kreuzerhonorar auf Tellern spielen, sind mehr betäubend als belebend; nur der Ton der männlichen und weiblichen Violinisten hat oft etwas Eindringliches und erinnert an den Styl Paganini's, das heisst, wie etwa der Leipziger .Schneckenberg an den Montblanc. Tags über hören wir aus dem gegenüberliegenden Palazzo Foscari (jetzt eine Caserne) gellende Trompetensignale, die trotz des zwischen uns liegenden Canal's unsere Ohren beleidigen. Wir hören auch die Gondoliere des nahen Traghetto (Anhaltestelle für die Gondoliere) mit hübschen weichen Stimmen ihre nichtssagenden Barcarolen singen, was man aus den Fenstern vernimmt, ist Ciavier- und Guitarren-Geklimper und abgedroschene Gurgeleien (fioriture), die mir nicht so lieb sind wie gute Frittüre. Nur die österreichische Militärmusik spielt vortrefflich an drei Abenden der Woche auf dem Marcusplatz. Nun aber von meiner musikalischen Aventure. Ich gehe durch eines der calle (Gässchen), die hinterwärts an den Häusern herlaufen und höre fertig Ciavier spielen. Halt, denke ich, das ist kein Liebhaber, sondern ein Schläger von Profession. Ich klingle und frage dreist, ob der Professore di Cembalo zu Hause ist. Ja, ist die Antwort, und bald werde ich in ein Zimmer geführt; ein etwa dreissigjähriger Mann spielt eben eine Bravour-Mazurka von Fumagalli, deren Anfang ich schon unten gehört hatte; neben ihm sitzt ein junger Abbate. Ich bitte ihn durch Zeichen, sich nicht zu unterbrechen. Als er geendet, frage ich: Wollen Sie mir Lectionen geben? und er bejaht. Nun spielt er noch Fumagalli's Carnevale di piü und macht die Sprünge und Octaven recht artig, so dass ich ihn wiederholt durch ein Bravissimo unterbreche. Darauf soll auch ich das Instrument pro- biren und Lehrer wie Abbate folgen meiner Improvisation mit steigendem-Interesse; dann fragt Ersterer verlegen: Wessen Schüler sind Sie? — Von Moscheies. — O, diesen — 24.3 — berühmten Namen kenne ich. — Kennen Sie auch seine Compositionen? — In Venedig spielen wir solche ernste Sachen nicht. — Welche Musik wählen Sie zu Ihrer Ausbildung? — Wir studiren meist die Arrangements aus den beliebtesten Opern. — Ich will Ihnen eine Etüde von Moscheies spielen, sagte ich, und wählte dazu meine chromatische in G-dur. Nun wollte ich mich verabschieden, aber er Hess mich nicht. — Lectionen von mir gebrauchen Sie nicht, das ist klar, aber sagen Sie mir doch Ihren Namen — der meinige ist Carlo Fortunati. Als ich mich nannte, schloss er mich mit südländischer Vehemenz in seine Arme, es regnete Küsse und Epitheta und wir schieden als musikalische Freunde, werden uns auch als solche wiedersehen. Auch der Abbate ist ein Musik- Enthusiast." Fortunati kommt oft, zuweilen als Hörer, mitunter auch als Spieler. Als er die vierhändige Ouvertüre zu Nabucco von Verdi brachte, um sie mit S. zu probiren, hatte sie viel Aergerniss an seiner Tactlosigkeit, während er bei jedem Tanzrhythmus entzückt ausrief: „Oh che bella Sinfonia! Wir wollen für Venedig eben so wenig wie für die übrige Reise Beschreibungen ä la Murray oder Bädeker liefern; es versteht sich, dass man Alles sah, Alles genoss. Nur das sei erwähnt, dass italienische Gesangs- und Malerstudien für die Jugend damit verbunden wurden. Bei den letzteren war Carl Werner der hülfreiche Freund, sowie er und seine Schüler auch allabendlich eine musikalische Stunde bei Moscheies genossen. W. beschenkte sie auch mit einem von ihrem Balcon aus gemachten Aquarell und mit einem auf der Insel San Francisco getreu nachgeahmten Sonnenuntergang südlichster Färbung. Dann wieder schreibt Moscheies: „Ich spielte in einer Clavier-Niederlage auf einem Boisselot aus Marseille vor einigen Leuten, unsere 88jährige Hausfrau - Contessa darunter. Habe ich immer der deutschen Schule angehört, so versuchte ich hier, mich zu italienisiren, und kam 16» — 244 — doch einmal etwas vor, das sie nicht verstanden, so nannten sie es klassisch. Ich kann unmöglich alle Schätze beschreiben, die wir hier täglich sehen, aber sie werden "in's Tagebuch verzeichnet — nur das darf ich nicht verschweigen, dass ich bei Titian's Himmelfahrt in ihrer Farbenpracht versteinert stand . . . ." — „Gestern gab's eine Serenade. Ein grosser Holzbau, roth und weiss drapirt, von zwei mit Lampions behangenen Pyramiden beleuchtet, schwimmt bei einbrechender Nacht den Canal herunter; es ist ein Musikschiff' auf dem ein ganzes Orchester, zwei Flügel und die Solisten Platz haben; es wird gesungen, auf Geige, Flöte und Ciavier gespielt, aber Alles im gewöhnlichsten italienischen Schlendrian, nichts für das musikgebildete Ohr, für's schönheitsliebende Auge Alles; denn bengalische Flammen beleuchten den Canal, als wär's eine Scene aus Tausend und einer Nacht. Das helle Musikschiff ist von schwarzen Gondeln dicht eingerahmt, oft aber auch aufgehalten, so dass die vier, die es remorquiren sollen, in ihren Bestrebungen gehemmt werden. Um desto mehr genossen wir als Beschauer vom Balcon unsrer Wohnung den Blick auf die elegante Welt in den Gondeln und spät in der Nacht hatten wir noch von der Höhe des Rialto aus die Uebersicht auf das ganze Bild! ...'•' ... „Die Festa di San Rocco ward schon am Vorabend durch eine Musica a grand' Orchestra eingeläutet, aber wie? Schöne Walzer und Polka's auf der Orgel gespielt, dann eine Fuge, worin Quinten und Octaven schrieen, dazwischen des Priesters heisere Stimme am Hochaltar, die Orgel selbst nasal und unrein. Der Dirigent markirte jeden guten Tacttheil und schlug sein Pult so stark, wie nur der arme Santo mag bei Lebzeiten geschlagen worden sein, übertönte oft das scharfe Blech des Orchesters und tödtete den Effect des Solo's, das eine schöne wenn auch tremulirende Tenorstimme sang. Zuweilen klatschte es mitten in die Musik hinein wie Castagnetten, öfter wie eine Postillonspeitsche. Die arme Kirche hatte wieder den schönen Marmor ihrer Säulen unter einen rothen Damast- Ueberwurf verbergen müssen, ihre grossen Kerzen brann- — 245 — ten düster in der von der Fülle gepressten Luft und die Geruchsnerven litten von Schnupftabak und Knoblauch, den das versammelte Volk reichlich aushauchte." Ehe man Venedig verlässt, hat sich der Bekanntenkreis sehr vergrössert. Conte's und Abbate's, aber auch eine deutsche Familie, die des Generals Culocz gehören dazu. Bei diesem, der Gouverneur von Mantua ist, wird Halt gemacht; „doch kann das italienische Theater, und selbst die Giulio Romano's nicht Ersatz für Venedig bieten." In Brescia hört man die etwas ältliche aber doch sehr gute Barbieri-Nini, sieht die Denkwürdigkeiten und reist dann nach Mailand. Moscheies besucht das Conservato- rium der Musik, „früher ein Kloster, jetzt halb Kaserne, halb Pflanzschule junger Musiker. Die Professoren bezeigen mir grosse Ehre, meine Etüden sind eingeführt, sonst kennt man nichts von meinen Sachen, von Beethoven und Mendelssohn gar nichts. Ich spielte ihnen meine grande valse, um ihnen etwas deutsche Bravour vorzuführen ; Fumagalli spielte ein Lied von Gordigiani: „O santissima vergine Maria", sehr graciös von ihm behandelt und nett vorgetragen. Viel mehr Bravour und pikante Effecte hörte ich dann in seinem Carnevale di piü, die dem Humor und Uebermuth Paganini's nichts nachgeben. In der Damenwelt wird der hübsche junge Mann noch Aufsehen mit diesem Stücke machen. Am folgenden Tage spielten wir uns wieder gegenseitig vor, er u. A. eine Phantasie für die linke Hand über Casta Diva. Er behandelt die modernen Effecte mit vielem Geschmack, hat eine vortreffliche Execution und guten Anschlag." Das Teatro Radegonda ist zweiten Ranges, Orchester und Sänger meist roh und ungebildet; der unbedeckt sitzende Souffleur singt zuweilen mit; die guten Stimmen gehen in den detonirenden Schrei-Effecten unter, kommt aber die gewisse Stelle mit ausgestreckten Armen und verzückten Augen, so klatscht der Publicus. Die Oper war Luisa Miller (Cabale und Liebe) von Verdi und hatte keine Ouvertüre, nur abgedroschene Gedanken, blinden Lärm und nur hie und da ein paar gute Vocal- — 246 — effecte, die allein mich bei der drückenden Hitze wach erhielten." Der Comer See wird besucht. Man spricht in der Villa Pasta vor, um der in London bewunderten Künstlerin die Aufwartung zu machen. „Die Villa ist ver- miethet, sie selbst wohnt in einem kleinen Nebenhause, dessen Umgebung echt italienisch war. Schmutzige Casse- rollen und sonstiger Küchenrath zeigten den Abhub eines kürzlich verzehrten Mittagsmahls — drei Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren, an denen der Kamm nicht viel Arbeit verrichtet hatte, sassen nähend unter diesen. Auf meine Bitte trug eine derselben unsere Karten hinein und bald erschien die grosse Frau halb verschlafen, weil man sie in ihrer Siesta gestört hatte, dennoch freundlich dankbar für unsern Besuch. Der Mund und seine Zahnreihen sind noch lieblich, die grossen Augen seelenvoll, das Haar schwarz, aber ungeordnet wie das der Zofen; der Anzug höchst originell zusammengewürfelt. Sie konnte nicht aufhören, alte Zeiten zu besprechen. Die Villa bewohnt sie nicht, weilj sie Mutter und Mann darin verloren hat; das kleine Haus sollte für sie ausgebaut werden u. s. w. Dann schrieb sie uns Albumblätter und gab uns schöne Blumen." . . , Von Baveno aus wird der Lago maggiore in einer Barke befahren und die Wunder der borromäischen Inseln unter die schönsten Reiseerinnerungen gezählt. Ueber Magadino und Bellinzona geht es die Gotthardt- strasse herunter über Altorff nach Luzern und Zürich, wo man den Sohn des alten Freundes Nägeli aufsucht. „Er besitzt einen Schatz", sagt Moscheies, „das Manuscript von Bach's H-moll Messe, in dessen Besitz sein Vater durch Schwenke in Hamburg kam. Ich Hess es mir zeigen und zweifle nicht an seiner Echtheit, die Leipziger Bachgesellschaft hätte es gern von ihm erstanden, doch weigerte er sich standhaft. Ausserdem besitzt er noch ein unpublizirtes Concert für vier Claviere von Bach; es ist in A moll." Von Zürich aus kehrt Moscheies rasch zu den seiner — 247 — harrenden Schülern zurück. Das regelmässige Leben, unterbrochen von angenehmen Besuchen, beginnt wieder. Ein kurzer Aufenthalt Liszt's in Leipzig bringt ihn in die Abend-Unterhaltung des Conservatoriums. „Er schien mit den Leistungen der Schüler zufrieden und sagte ihnen manches verbindliche Wort, aber vorspielen wollte er ihnen nicht; das brachte unerfüllte Wünsche zu Tage. Wir hörten ihn bei David seine Phantasie über den Propheten, die eigentlich für Orgel ist, in einem Arrangement fürs Ciavier spielen. Hans v. Bülow half bei den Pedalbässen in der untersten Octave. Das erste und letzte Stück stürmt heftig fugirt daher, das mittlere ganz auf einer Saite gespielt hat ein ruhigeres Motiv und sagt mir besser zu. Auf meinen Wunsch, er möge uns noch Etwas geben, spielte er seinen pikanten Walzer in As-dur und brachte viele überwürzte Effecte durch die Verschiebung hervor, in dieser aber gab es wieder einzelne stark markirte Accente. Ich versäumte seinen Morgenbesuch, aber mit Charlotte hatte er eine zweistündige Plauderei, gemüthlich und interessant, wie sie sagt." Ein Brief vom 28. September sagt: „Heute schreibe ich Ihnen während der Prüfung des Conservatoriums. 118 Schüler, die in dieser Woche gehört werden müssen! Die Directoren und Lehrer sitzen als Richter um einen Tisch, erstere flüstern oft untereinander, letztere, wenn's sich eben nicht um eigene Schüler handelt, suchen sich einen Zeitvertreib, David zeichnet, ich schreibe Ihnen . . . Ich gehe viele Novitäten durch: Czerny's Op. 800, Gradus ad Parnassum mit bequem liegenden aber verbrauchten Schwierigkeiten, Liszt's Rhapsodie hongroise, interessant wegen ihrer richtig aufgefassten Nationalmusik — sogar Fumagalli's Carne- vale di piü suche ich so geschickt als möglich nachzuspielen .... In Grützmachers Trio lernte ich eine tüchtige Arbeit kennen." Die Gewandhaus - Concerte beginnen im October. Moscheies übernimmt in einem derselben aus Gefälligkeit die Ciavierpartie in Gade's Frühlings-Phantasie • er sagt im Tagebuch: „Ein sehr untergeordneter, vielleicht oft — 248 — ungehÖrter Part, mitunter aber durch die schöne Instrumentation gehoben; das Ganze hübsch und originell ..." In späteren Notizen heisst es: „Was der * * dem armen David für Plage durch seinen barocken sich ewig erneuernden Tempowechsel machte; er unterbrach alle Phrasen, plötzlichen "Windstössen gleich . . ." „C. weiss nicht mit der Sonate Op. 106 von Beethoven umzuspringen, doch ich musste ihm das thatsächlich beweisen, damit . er es glaubte. Alle verlangen Rath von mir, aber Rath soll Lob heissen . . ." „Nicht genug, dass der junge * * mit seiner Effecthascherei nicht gefiel, mir ist auch sein Aeusseres, seine Anmassung, sein beständiges Stock-beissen unleidlich; als wäre der Elfenbeinknopf eine Blume und er die Biene, die den Honig daraus saugt . . ." „Wie gern musicire ich dagegen mit Dilettantinnen, wenn sie so spielen wie Frau Br... r. Sie hat mein Concerto pathetique vortrefflich einstudirt und brav aufgefasst. Als ich es von ihr hörte, erzeugte es den Wunsch in mir, es selbst wieder öfter zu spielen. In dieser Composition glaube ich Form und Styl sehr erweitert und mich bedeutend entwickelt zu haben, doch blieb sie bis jetzt unbeachtet!" . . . „Hillers rhythmische Studien spiele ich viel, ohne mich mit seiner Intention aussöhnen zu können; ich schrieb ihm darüber . . ." . . . „Der Himmel geht in Sack und Asche. Soll ich es etwa auch thun, weil die Weltereignisse vom Orient her drohend aussehen, oder weil ich an einem Knieübel darniederliege? Nein, die streitenden Mächte werden schon für das Gleichgewicht Europa's sorgen, ich sorge für meine musikalische Pflanzschule, und für mein Knie sorgt Dr. Reclam. Ich glaube, er hat den Stein der Weisen gefunden; denn Homöopathie und Allopathie, nichts wollte anschlagen — und sein galvano-elektrischer Apparat scheint zu helfen. Mit den Fingern und dem Rath bin ich übrigens thätig wie immer, denn die Schüler kommen zu mir in's Haus und ich spiele viel; die Zehn sind noch gelenkig, weder altersschwach noch steif und ich habe auch sonst kein chronisches Uebel mit mir — 249 — herumzuschleppen" . . . Der galvano-elektrische Apparat stellte Moscheies bald her und seit jener Zeit blieb Professor Reclam der umsichtig freundliche Arzt der Familie; ein Pfleger und Helfer in schwerer, ein Tröster in den schwersten Stunden, stets der Freund des Hauses. Seine Gattin, von Moscheies als Künstlerin hochgeschätzt, Avar die Stütze der häuslichen Vocalmusik. Oft erfreute sie Moscheies durch den Vortrag seiner Lieder. Lassen wir wieder das Tagebuch reden: „Brahms' Compositionen haben viel Schwung und Schumann, den er sich zum Vorbild erwählt hat, empfiehlt ihn als „musikalischen Messias". Ich finde ihn oft pikant, wie Schumann, zuweilen zu gesucht. Unsre Schule, behauptet man, habe auch Beethoven beim ersten Erscheinen seiner Werke das Suchen vorgeworfen, ihn nicht gleich verstanden. Es ist wahr, Beethoven's Geist verlockte ihn in nie betretene Bahnen, die nicht Jedem zugänglich sind — und doch hat es sich seitdem erwiesen/dass er nicht nur gesucht, sondern auch gefunden hat, was er musikalisch ausdrücken wollte. Hoffen wir, dass dies auch bei dem jüngeren Componisten der Fall sein möge. B.'s Technik, sein „vom Blattlesen" machen ihm und seinem Lehrer Eduard Marxsen alle Ehre." . . . „Auch viel Berlioz gehört und aufmerksam verfolgt. Meine Meinung über seine Sachen unerschütterlich dieselbe; — anerkennend und doch oft unverstanden. Oder soll man so einen Hexen- Sabbath z. B. gar nicht verstehen?" . . . „Sonderbar! Jetzt hört man wieder mit Vergnügen die einfache Oper: „Doctor und Apotheker" von Dittersdorf, in welcher Behr und Schneider vortrefflich singen und prächtigen Humor entwickeln; man vergisst dabei, wie Rossini im Teil, Meyerbeer in seinen Opern, die Welt mit ihrem Reich- thum an Instrumentation, ihren scenischen Effecten überfüttert, wie Wagner beide überboten hat. Les extremes se touchent ..." Der Jahresschluss brachte ein frohes Ereigniss: die Verlobung der zweiten Tochter mit Dr. Georg Rosen, damals Consul für Preussen und die Hansestädte in dem J — 250 — fernen Jerusalem. Diese Ferne war für die Angehörigen der bittere Tropfen in dem Freudenbecher; giebt es doch kein vollkommenes Erdenglück. Das Brautpaar in Begleitung der Eltern und Schwestern reiste zu den bejahrten Familienhäuptern, um sich deren Segen einzuholen. Moscheies schreibt wenige Tage vor diesen Besuchen: . . . „Wundert Euch nicht, wenn der Brief etwas confus wird; ausser der Verlobung und "Wiedersehensfreude habe ich doch auch noch meine Berufsgeschäfte zu besorgen. Ich bin so erfüllt von dem Gedanken, bei Euch mit meinem charmanten Schwiegersohn in spe aufzutreten, dass ich gar nicht weiss, was ich thue, und den Schülern lauter falsche Fingersetzungeh vorzeichne; nur gut, wenn ich mich nicht taktlos dabei benehme. Den Gedanken an Jerusalem, der mir immer vor den Ohren klingt, kann ich mir aber nur erträglich machen, wenn ich mir Mendelssohn's Musik dazu denke . . ." Das in diesem Herbst erfolgte Hinscheiden von Cecile Mendelssohn, der innig verehrten Freundin, wird schmerzlich beklagt; sie hatte ihre siebenjährige Wittwentrauer würdig ertragen, für die unmündig verwaisten Kinder, die Verwandten und Freunde blieb der Verlust ein unersetzlicher. 1854. „Ein für uns Eltern gewichtiges Jahr", schreibt Moscheies, „durch die bevorstehende Trauung unserer zweiten Tochter." Und als diese vorüber ist: „Nun liegt die ganze schöne Zeit mit dem Familiencongress hinter uns. Unsere vier Kinder festlich bei uns zu sehen, war ein grosser Genuss, den alle unsere Freunde aufrichtig theilten. Die heiteren Tage haben uns Eltern verjüngt und müssen uns für die Bitterkeit der Trennung stärken. Wir haben viel an unsern Kindern und wollte Gott, wir könnten das beständig unter Augen haben." — 251 — Später, als die Tochter ihm schreibt, sie habe es übernommen, beim deutschen Gottesdienst in Jerusalem Orgel zu spielen, antwortet er der „Frau Dr. R., angestellten und zugleich sitzenden Organistin an der protestantischen Kirche der heil. Stadt. Der Kunstverwandtschaft wegen erlaube ich mir, Sie per Du anzureden." Nun giebt er ihr guten Rath, wie sie ihre Orgelstudien betreiben solle, legt auch ein für sie geschriebenes Orgel-Präludium und seine Harmonisirung der eingeschickten Kirchengesänge bei. In der Quartettmusik spielt Moscheies sein Trio und auf den ausdrücklichen Wunsch des Freundes Spohr dessen neues Septett, das ein Berichterstatter „besonders im Adagio zu den schönsten, liebenswürdigsten Compo- sitionen des melodieenreichen Kasseler Schwans — jetzt ein hoher Sechziger —■ zählt. Moscheies", fährt der Bericht fort, „ein gleichfalls Hochbetagter, hat bei greisem Haar sich und seiner Kunst die Jugendfrische in Spiel und Composition zu erhalten gewusst und errang sich bei Kennern und dem Publikum laute Anerkennung." Ein Brief der Frau an eine Tochter sagt über das Trio: „Alle spielten con amore; Grützmacher zart, David mit einer neu angebrachten Strichart bei der Wiederholung des Thema's im Scherzo, die grossen Effect machte. Der Erard war ganz so, wie Du ihn kennst." Moscheies fügt hinzu: „Nehmt, meine lieben Kinder, von mir als Nachzügler nur die Bemerkung, dass es mir sonderbar vorkommt, wenn mich die Blätter den „Nestor" oder „Altmeister" der Clavierspieler nennen, denn so lange ich noch mit jugendlicher Wärme spielen kann, vergesse ich mein Alter . . ." Aber auch die jüngeren Künstler regten sich. Eine neue Symphonie in C-dur von Gouvy ward im Gewandhaus vortrefflich aufgenommen. „Sie hat pikante Phrasen, künstlerische Verarbeitung", sagt Moscheies. „Das Andante mit obligater Harfe ist idyllisch; vielleicht zu idyllisch, da es mich an Beethoven's „Scene am Bache" erinnert. Die Ouvertüre zu Cherubini's Medea war wieder sublim; sie hören, ist für mich jedesmal ein Hochgenuss." „Die Umschreibung von Mendelssohn's Sommernachtstraum scheint mir nicht für's Gewandhaus zu passen; ja es kam mir vor, als wollte das Gyps-Medaillon über dem Orchester bei dieser unerhörten Bravour mit dem Geist im Don Juan ausrufen: Hier erwartet die Rache meinen Mörder." „Der Winter bringt uns tüchtige Kräfte in's Gewandhaus. Frl. Wilhelmine Clauss, Lacombe, Litolff, Speidel, Krüger, Joachim, Singer, Königslöw, — Alle diese und noch andere treten mit Ehre in die musikalischen Schranken^ viele bewähren sich als Lieblinge des Püblicums; Fräulein Stabbach, eine Engländerin, vertritt zur allgemeinen Zufriedenheit den Vocaltheil in einer Reihenfolge von Concerten." — Ein Ereigniss, und zwar ein freudig bewillkommnetes, war das Erscheinen des Lind-Gold- schmidt'schen Ehepaares, zum erstenmal nach ihrer Ver- heirathung. Sie trat im Pensionsfonds- und Abonnements- Concert auf: „Ihre Stimme klang wunderbar schön, und doch kann sie sie bis zu einem ungeahnten ppp. herabstimmen, dabei den leisen Ton in jedem, auch dem entferntesten Winkel des Saales hörbar ausspinnen. Hat sie durch ihre Coloratur Alles erstaunt, durch ihren seelenvollen Vortrag die Herzen bewegt, so ist sie auf einmal naiv und singt ein Taubertsches Kinderlied, oder den „Sonnenschein", so dass man wieder mit verjüngt wird. Goldschmidt Hess uns auch viel Schönes hören und war in Chopin's Concert, in Mendelssohn's Variations serieuses, in einem Präludium von Bach und eigenen Salonstücken, der tüchtige bewährte Künstler, ernst und gediegen, ohne Effecthascherei. Mir machte es grosse Freude, ihm durch das Darleihen meines Erard'schen Flügels beweisen zu können, wie viel ich auf ihn halte." Später heisst es: „Wir haben noch genussreiche Stunden mit Goldschmidt's verlebt: bei einem Familien- ■diner, bei einer Preusser'schen Matinee, wo mir sein Trio als klar-melodische gesunde Musik grosse Freude machte; endlich im Conservatorium. Sie zeigten grosse Zufrieden- — 253 — heit mit den Leistungen der Schüler; — besonders gefiel ihnen der kleine Fritz Gernsheim, der Mendelssohns Serenade und AHegro vortrefflich spielte; und sie drückte wiederholt „ihre Achtung vor dem musikalischen Institut aus, dem ihr Mann seine musikalische Bildung verdankt"; that dies aber nicht nur in Worten, sondern auch in Tönen, indem sie Mendelssohn's Hymne für Sopran und Chor wunderschön sang; eine Leistung, die gewiss allen Hörern einen unauslöschlichen Eindruck zurücklassen muss. Wir gingen begeistert nach Hause." Unter den Schülern giebt es ausser Fritz Gernsheim zur Freude des Lehrers die drei Brüder Brassin, denen er „eine schöne Zukunft auf Ciavier und Geige" prophezeit; „es giebt auch wieder ein vollkommenes Lied von Holstein: „„Ich fahr dahin „Leider sind auch Manche, die ihre Zeit nicht auf das Studium der Composition verwenden, sondern drastische Artikel für die musikalische Presse liefern, wobei ich immer wieder an Mendelssohns Wort denken muss: Was sprechen und schreiben sie denn soviel? Sie sollen gute Musik machen! Ich glaube nicht, dass er die Stücke voll Weltschmerz, die ich zuweilen mitanhören muss, unter die guten gerechnet hätte." — „Einer der Schüler "hat sich 4oliniges Notenpapier rastriren lassen, um eine Oper zu schreiben, aber ich fand nicht, dass ihm die 40 Linien vier Gedanken gebracht hätten! . . ." „Hauptmann schreibt die folgenden frappanten Worte über einen der lässigsten Schüler:. „„Die Früchte der Studienweise des Herrn * * zeigen sich in bedeutenden Fortschritten in der Unklarheit und Wirrniss!"" . . . „Eine neue Sonate — 32 Seiten lang — aber sie begeistert mich nicht. Welches Chaos! Gedanken, hochstrebende Gedanken schimmern mitunter durch; das Ganze ist aber so wüst, wie ein Gottesacker, auf dem ein Erdbeben Grabmäler und Gedenksteine zu einem Schutthaufen umgewandelt hat. Die Gräber sind geborsten, grinsende Schädel starren aus ihnen hervor; auch der irgend eines schulgerechten Contrapunktisten, der sich über alle gottlosen italienischen — 254 .— Rouladen lustig zu machen scheint. Die weiblichen Leichname stimmen ihr Hexengeheul an! Ich ging betäubt zu Bette und schlief unruhig — besser vielleicht, ich hätte die ganze Nacht geraucht und Kaffee getrunken, um nüchtern zu werden." . . . Ein Brief als Antwort auf die Beschreibung musikalischer Zustände in Jerusalem sagt: „Die unraffinirt'e asiatische Nationalmusik mit ihrer eintönigen Melancholie, wie Du sie mir beschreibst, steht freilich auf einem ganz entgegengesetzten Standpunkt. Sie mag den Eingeborenen eben so interessant sein wie uns Händel oder Mendelssohn, und bei der Eroica würden sie .sich langweilen. Die dortigen Europäerinnen, die nicht über ein Lied oder einen Choral herausgehen, sind auch charakteristisch. Sie werden sich schwerlich bis zu Beethovens letzten Werken aufschwingen, während unser junges Deutschland diesen Heros schon als Zopf betrachtet und die Flügel über ihn zu erheben trachtet . . ." Dann wieder sagt das Tagebuch: „Don Juan gehört — Mitterwurzer besonders interessant. Ich habe mich gefreut, dass statt des Dialogs die Original-Recitative gesungen wurden und die dumme Scene mit dem Gerichtsboten wegblieb. So oft ich beim Anhören dieser Oper an die Zukunftsmusik dachte, war mir zu Muthe, als träte ich aus einem nebelumschleierten Wald, in welchem Unken mit Kobolden concertirten, hinaus an's sonnige Tageslicht, und Apollo spielte mir „himmlische Melodien vor" . . . „David tritt von der Direction der Gewandhaus- concerte zurück und in sein Concertmeisteramt wieder ein; da er so Grosses in diesem leistet, so bleibt uns sein ganzer Einfluss erhalten; aber ärgerlich sind die rohen Angriffe auf ihn in öffentlichen Blättern und er hat Recht, wenn er sich ihnen nicht länger aussetzen will. Als wir darüber sprachen, konnte ich ihm ein auf mich bezügliches Seitenstück vorführen; nämlich Schindlers kürzlich herausgegebene Schrift „über die Entwicklung des Ciavierspiels seit Clementi." Immer tritt sein Ich darin hervor: Er hat mit Clementi, Cramer und Beethoven über das . i — 255 — Wohl der Kunst verhandelt; —' durch Hummel und Moscheies ist das Clavierspiel seinem "Verderben entgegen gegangen. Letzterer hat sogar die Anmassung gehabt, Werke von Beethoven, den er nie spielen gehört, zu metronomisiren, er, Schindler, habe ihm aber schon anderswo seinen gehörigen Lohn dafür gegeben. Liszt, den er auch gewaltig mitnimmt, habe sich drei Jahre von ihm zur Besserung ausgebeten (ein guter Witz von Liszt), er ihm vier Jahre zugestanden; nun gebe er ihn auf . . ." *) „Ich beschäftige mich", sagt Moscheies, „einstweilen mit Beethoven's Genius, da ich Cadenzen zu seinen Con- certen schreibe, die Senff verlegen will. Natürlich bedürfen selbstschaffende Künstler deren nicht zu ihren Leistungen; sie können ihren eigenen Inspirationen folgen; den hierzu weniger befähigten Spielern hoffe ich aber nützlich zu werden." . . . „Auch eine neue Auflage meiner Präludien muss ich eben jetzt vorbereiten." „Merkwürdige Titel zu Ciavierstücken habe ich kürzlich gesehen: Le torrent ? Meinetwegen, weil es wirklich ein Sturzbad von Noten ist, aber „Aus dem Hochlande"; „Sonnenuntergang" und „Unwetter" könnten auch irgend eine andere Benennung bekommen. Giebt man einen Titel, so sollte er passen wie der Punkt auf's i, sonst mache ich lieber einen Strich, wie durch's t!" . . . Die Sommerferien werden in München zugebracht, weil der Sohn dort seine Zeichen- und Maler-Studien macht. Moscheies schreibt: „Wir finden München in grosser Regsamkeit und man sieht ihm das schwerfällig machende *) Ferdinand Hiller Hess einen offenen Brief an Schindler als Entgegnung drucken, in welchem er seine Lächerlichkeiten als bekannten arai de Beethoven ins hellste Licht setzt und ihn fragt, ,,ob er es in seinem Leben so weit gebracht, die erste Etüde von Cramer spielen zu können? Ob er ihm irgend eine Spur von einer Schindler'schen Compositum irgendwo nachweisen könne? Ob er als Dirigent eine der "Welt unbekannte Vergangenheit habe? Ob er Ansprüche auf die Stelle eines Statthalters Beethovens mache? H. schliesst mit den Worten: Nur die Lumpe sind bescheiden, sagt Goethe; ich rechne daher auf eine aufrichtige unbescheidene Antwort. Ihr so viel wie möglich ergebener F. Hiller." — 256 — Bier (welches übrigens sehr gut schmeckt) keineswegs an. Alles putzt sich in und ausser den Häusern für die bevorstehende grosse Ausstellung; sogar Pflaster und Trottoirs werden ausgebessert, neu uniformirte Droschkenkutscher tragen ihre silberbordirten Hüte, rothe Kragen und sogar weisse Halstücher zur Schau. Während man sich aber mit der Aufstellung aller Gegenstände sputet, dringen noch hie und da heftige Gewitterregen durch die Bedachung des Gebäudes. Ganz so wie früher in London." „Das "Wetter ist und bleibt ungünstig", schreibt er später. „Proportion: 1 Loth Sonnenschein auf 1 Pfund Regen nur die Kunstgenüsse, die jetzt verdoppelt sind, entschädigen den durchnässten Sterblichen. Ausser den Museen, Maler-Ateliers und Privat-Galerien, die München immer besitzt, hat es jetzt seine Ausstellung und ein Theater, das seltene Genüsse bietet. Der Name „Muster"-Vorstellung ist wohl am Platz, wenn Frau Rettich und Frau Haizinger, die Frl. Seebach und Neumann, die Herren Devrient, Hendrichs, Döring u. A. miteinander wetteifern. So wusste man in der Minna von Barnhelm nicht, wem die Palme zu reichen: Louise Neumann als Franziska oder Julie Rettich als Wittwe bei ihrem kurzen Auftreten, Döring als Wirth oder Emil Devrient als Franzosen. — In „Dorf und Stadt" konnte man nur für die liebliche Frau Haizinger und ihre Tochter schwärmen, in Mendelssohn's Antigone war Kindermanns volltönende Stimme besonders effectvoll und so geht man von einem Genuss zum andern . . ." „Alle diese interessanten Persönlichkeiten, sowie Melchior Meyr, Wolfgang Müller von Königswinter, Bodenstedt und viele Fremde treffen wir an den Empfangsabenden bei Liebigs und Dönniges; bei Kaulbächs geht es Sonntag Abends gar gemüthlich zu; wir fühlen uns dort schon ganz heimisch. Gestern wurde zuerst der Garten, dann Musik genossen, darauf von Frl. Seebach mit grosser Begeisterung eine Scene aus Romeo und Julie gelesen. Sie schwärmt für Shakespeare und ist überhaupt „jeder Zoll eine Künstlerin". Zum Schluss wurde trotz asiatischen Klima's noch energisch getanzt, — 257 — aber nicht nur von der Jugend, nein, auch ich alter Papa drehte mich in einem Walzer mit der liebenswürdigen Frau vom Hause, eine Ehre, die ich mir durch mein Polkaspielen verdient hatte. Ueber einen Abend in der Künstlerkneipe (bei Schaff- rath) schreibt Moscheies: „Er war dem greisen Rauch gewidmet, dem man ein Ehrendiplom überreichte und ein donnerndes Lebehoch brachte. Er bewegte sich trotz seiner 71 Jahre mit Würde, Anmuth und Liebenswürdigkeit, und ich lernte nicht nur ihn, sondern alle Maler- Berühmtheiten bei schäumenden ßierkrügen und in einem Nebel von Cigarrendampf kennen." . . . „Was die Ausstellung betrifft, so überlasse ich es den Zeitungen, darüber zu berichten und erzähle nur von dem, was mich angeht — den Ciavieren. Die Commission ertheilte mir die Erlaubnisse sie vor Einlass des Publikums, also ohne Zuhörer zu prüfen. Doch wie früh ich auch ins Gebäude komme, ich finde schon ihre „Väter" aus den verschiedenen Gauen Deutschlands versammelt. Streicher ist nur Preisrichter, aber Seiffert, Rem seh und Schweighoff Claus Wien haben ausgestellt und unter diesen gebe ich dem letzteren den Vorzug. Vortrefflich sind auch Härtel, Blüthner und Irmler aus Leipzig, Schiedmayer aus Stuttgart, Ritmüller aus Göttingen, Klems aus Düsseldorf (von Clara Schumann gezeichnet) und Andre's sogenanntes Mozart-Clavier aus Frankfurt. Unter den Münchenern ist mir Bieber der liebste. Ich finde leicht die Eigenthüm- lichkeiten dieser verschiedenen Instrumente heraus und suche jedes durch meine Behandlung zur Geltung zu bringen. Sie kennen mein altes Sprichwort: Ein guter Reiter muss auf jedem Pferde gut sitzen können." . . . Moscheies' haben sich später mit den Familien Dön- niges und Bodenstedt in Egern am Tegernsee in nachbarlicher Ansiedelung zusammengefunden. Die stets lebendige Unterhaltung, die Vorlesungen des Dichters, das Spiel des Musikers erhöhen alle Naturgenüsse. Die Schrecknisse der Cholera, soeben über München hereingebrochen, erreichen dies schöne Fleckchen Erde nicht. Mosclieles 3 Leben. II. jy - 2 5 8 - „Nur schade", schreibt Moscheies, „dass die Berge die üble Gewohnheit haben, zuweilen ihre Nebelkappen aufzusetzen und dabei über ihre eigene Hässlichkeit zu weinen. Es giebt dann Güsse, gegen die kein Regenschirm hilft, Pfützen, die zu Untiefen werden, aber schnell, wie das Sturzbad kommt, macht es auch wieder einer lachenden Sonne Platz und wird vergessen. "Wir befahren den See, erklimmen die Berge, besuchen Sennhütten, essen Kaiserschmarren, singen vierstimmig und lachen unisono. Wüssten nur die Grillen, dass wir selbst musikalisch sind, sie würden uns vielleicht weniger vorzirpen." . . . Ein ander Mal heisst es: „Mierdel Jule und Liese, die dunkeln Kopftücher auf den blonden Köpfchen, die braunen Füsse malerisch unbekleidet, sind zugleich F.'s Modelle und meine Lehrerinnen in der National-Lyrik. Ich habe mir das hübsche Lied: ,,z' Lauterbach han i mei Strump verlor'n" u. A. aufgeschrieben, componire aber auch Texte von Bodenstedt (einer derselben war das sehr beliebt gewordene Frühlingslied: „Wenn der Frühling auf die Berge steigt")." . . . Im September geht es über den Kesselsberg und die Seen stadtwärts zurück in die Ebene, wo die Schüler harren. Wie gewöhnlich finden sich fremde Künstler ein. Moscheies schreibt: „Ich hörte schon eine „Fontaine", die nicht springt, ein „Spinnerlied", das nicht spinnt und eine „Polka", die einen sentimentalen Namen trägt, die aber weder säuselt noch tanzt, sondern blos stürmt. Die Bekannten nöthigten uns auch an einem Pepita-Abend ins Theater hinein; ich kann aber an diesen gierigen Augen, diesen mehr herausfordernden als graziösen Bewegungen, kein Gefallen finden." .... „Nun haben wir auch die talentvollen Flötisten Doppler gehört, deren Leistungen mich beinahe mit der Armuth ihres Instrumentes ausgesöhnt haben— Dietrich spielte begeistert ein Heft Charakterstücke von Kirchner, für die er schwärmt. — Jaell entfaltete seine grosse Technik auf meinem Erard und schonte ihn dabei, was ich ihm hoch anrechne. . . . Eilers hat im Concert gerechten — 259 — Beifall für seinen jugendlich frischen Bariton und seine gute Schule geerntet, machte mir auch viel Freude durch seine vortreffliche Auffassung meines Liedes „Freie Kunst" mit Uhland's schönem Text." . . . „Rubinstein, den wir vor 14 Jahren als Wunderknaben in London hörten, trat als Componist einer Symphonie auf, die er „Ocean" nennt. Die Klarheit des ersten Stückes wirkte wohlthuend wie ein spiegelglattes Meer auf mich; — dann aber kam das moderne Toben und Brausen und wurde mir zum unverständlichen, sturmbewegten Element, und meine Gedanken konnten in diesen gewagt harmonischen Untiefen nicht mehr Anker werfen. Dennoch erkenne ich in ihm ein hervorragendes Compositionstalent." . . . Später, als Moscheies den jungen Künstler im Gewandhaus gehört hat, schreibt er: „In seinem Concert sind wahre Schönheiten und poetischer Schwung, hier und da freilich auch tobende Extravaganzen, seine kürzeren Stücke haben meistens eine lobenswerth rationelle Form; an Kraft und Technik steht er Niemandem nach, und seine Züge, sein kurzes aufstrebendes Haar erinnern an Beethoven. Als Mensch ist er uns in seinem einfach aufrichtigen Wesen sehr lieb und werth und stets gern gesehen. Neulich traf er mit Arabella Goddard bei uns zusammen; auch diese hatte ich als Kind in Paris gehört und ihr eine glänzende Zukunft prophezeiht; wer wird mich "nicht künftig als Prophet gelten lassen? Sie beherrscht die grössten Schwierigkeiten mit bewunderns- werther Ruhe und Eleganz, und ihr Anschlag ist klar und hell wie eine Glocke. Hier fand sie die gebührende Anerkennung und wird überall, auch dem strengsten Kunstrichter, gefallen. . . . Uebrigens soll dies kein Brief, sondern nur einer der Grüsse sein, die stets in der Schatzkammer meines Herzens für Sie bereit liegen. . . . Mit meiner Politik will ich Sie verschonen, sie verhält sich zu der Ihrigen, wie' ein Stahlstich zu einem Oelgemälde. Nur so viel: dass ich mit Oesterreichs Haltung zufrieden bin und dass der König vonPreussen und ich mit gleichen 17* — 2ÖO — Gefühlen für Deutschlands Einigung beseelt sind. Möchte der Kaiser von Russland empfinden lernen, dass Bäder in der freien Mündung der Donau besser wirken, als Blutbäder! Dies der Wunsch, den ich dem scheidenden Jahre mit auf den Weg gebe!" . . . 1855. Moscheies, der sich sonst gegen jeden Aberglauben auflehnte, schreibt diesmal am Neujahrstage: „Ich lese- nur von Schiffbrüchen und Ueberschwemmungen, und als in vergangener Nacht Regen und Sturmwind gegen die Fenster peitschten, dachte ich, man könne dies Unwetter, gerade in der Neujahrsnacht für ein schlechtes Omen halten. Mit dem Morgengrauen kamen aber bessere Gedanken und ich fühlte, dass die Aufregung in mir selbst lag, ich hoffe auch heute wie immer, dass uns nicht allzu schwere Prüfungen bevorstehen; — auch dass der europäische Friede nicht mit allzu viel Blut erkauft werden muss!" — Wirklich ward das Jahr durch Krankheit und Todesfälle ein für die Familie schmerzliches, aber Moscheies zeigt es uns als Pfleger und Tröster seines kranken Sohnes. Er theilt dem Gefesselten alle Erlebnisse der musikalischen und politischen Aussenwelt mit, ganz so, wie er sie später in sein Tagebuch verzeichnet. „Rubinstein feierte Triumphe durch seine Virtuosität und Composition; seine Sachen haben eine logische Form." — „Hiller nennt seinManuscript-Trio „Serenade"; es ist pikant, fliessend und solid componirt, das Scherzo abwechselnd in 3 / 4 und 2 / 4 Takt klingt naiv; gleich spielten David und Grützmacher es in vortrefflicher Auffassung mit ihm. Frau Reclam sang seinen Psalm ausgezeichnet schön. Seine Symphonie „Im Freien" ist das Werk eines gediegenen Musikers und voll guter Intentionen, wurde auch gut aufgenommen, doch fehlte dem Publikum die eigent- ---- 2ÖI — liehe "Wärme, und ich fürchte, der Freund hat hier eine Partei gegen sich. Seine Ouvertüre zur „Phädra" ist eine tüchtige Arbeit, poetisch-pathetischen Inhaltes." — „Spohr'S' Symphonie für Doppel-Orchester, „Irdisches und Göttliches" genannt, geht die verschiedenen Empfindungen eines Menschenalters in seinen Abstufungen durch. Der Gegenstand ist eines Beethoven würdig; unter Spohr's Händen verdrängt der künstliche Bau den freien Ausfluss der Gefühle, und die Musik wird monoton." . . . „Merkwürdig war es gestern im Gewandhaus, dass sich nach der tobenden Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer" keine Hand regte, sich nicht einmal ein Zischer hören Hess. Es ist viel Geist, aber versengender, in dem Stück, und mir ist eine so massenhaft fortgeführte Instrumentation und eine solche Anhäufung von verminderten Septimen und Dissonanzen aller Art betäubend und ungeniessbar. Hat doch Gluck auch seine musikalischen Dämonen und Mozart im Don Juan seine Hölle; aber Kopfweh bekommt man nicht davon. Dennoch spricht sich oft in der Presse die Meinung aus: „So wie man Beethoven's letzte Sachen nicht gleich verstanden, so werde auch die Erkenntniss von Wagner erst mit der Zeit reifen." . . . „Jede Aufführung von Beethoven's Ouvertüre in C. Op. 115 ist mir besonders interessant, weil sie mich an die alte Wiener Zeit erinnert, wo er sie mir im Manuscript zu einem meiner Concerte lieh; diesmal ging sie ga'nz vortrefflich." . . . „Der Schlittschuhtanz im „Propheten" wurde nicht applaudirt; vielleicht nicht klassisch genug für Leipzig; in London und Paris ist das anders; doch giebt es Sachen in der neuesten Schule, die, obwohl nicht weniger trivial, doch Beifall finden." Den Verwandten schreibt er: „Die Krankheit steht noch wie eine schwere Gewitterwolke über unserm Hause, und Avir sind oft in einer Stimmung, in der wir Alles schwarz sehen. Dennoch dringen mitunter einige Sonnenblicke durch diese düstern Wolken, und wir haben das Vertrauen auf die Vorsehung nie verloren. Ich theile meine Zeit stets zwischen meinen Geschäften und dem — 2Ö2 -— lieben Patienten und jetzt will ich mich sogar zu einer öffentlichen Production heraufschrauben." Er spielt im Concert zum • Besten der Armen dasMozart'sche A-moll-Concert mit eigenen Cadenzen und schreibt Tags darauf: „Ich danke Gott, dass die Macht der Begeisterung die Uebelstande überwunden hat,, die mein Gemüth beschwerten, so dass man mir nichts anmerkte. Ich habe Alles gehabt, was man sich an Empfang, Hervorruf und solchen Aeusserlichkeiten wünschen kann und beim Adagio sagte ich mir selbst: Ei, wie reizend klingt das Stück und wunderte mich gar nicht, dass es den Leuten so ausnehmend gefiel; es ist mir auch lieb, dass ich mir selbst beweisen konnte, wie ich meine Kunst noch nicht an den Nagel gehängt; — doch reizt mich die Oeffentlichkeit nicht mehr. Für Mozart's Schönheiten werde ich hoffentlich bis an mein Lebensende die Wärme und Frische behalten, die ein Theil meines Selbst ist." Einige "Wochen später spielt er für eine verarmte Familie. „Der Wohlthätigkeit die Ehre", sagt er. „Ich wählte Beethoven's Trio in D und hörte dort zum ersten Mal Fräulein Tietjens mit ihrer prachtvollen Stimme."' Später bewundert er die Leistungen der grossen Künstlerin auf der Bühne, ist auch von Dawison's „Carlos" im Clavigo gebührend entzückt. „So wahr, so naturgetreu, man glaubt mit dem wirklichen Carlos zu verkehren." Unter den Besuchen von Fremden ist Auerbach „mit seiner angenehm anregenden Unterhaltung"; „auch Hänslick aus Wien, der durch und durch gebildete Kritiker. Er schenkte mir mehrere Stunden und ich musste ihm unendlich viel vorspielen. Ueber unsere Kunstgespräche konnte ich mich nur freuen, da er meine Ansichten meistens theilt und ich sie nun in seiner gewandten Rede mit einer Klarheit ausgedrückt fand, die mich ihre Tragweite besser verstehen Hess." . . . „Ja,. heute kam ich einmal verdriesslich vom Conservatorium nach Hause. Ich habe unumwunden meine Ansicht über den Vortrag von Schüler-Compositionen geltend gemacht. Diese sollten, nur dann in den öffentlichen Hauptprüfungen zu Gehör kommen, wenn die Lehrer sie aufmerksam durchgegangen — .263 — und angenommen haben, meinte ich, und nie sollte solch' unreifes Zeug aufgeführt werden, wie die Phantasie mit dem Motto: „Rührung passt nur für Frauen, der Mann aber muss Feuer aus dem Geiste schlagen." Grosser Beethoven! Du konntest Frauen rühren und Männer begeistern, aber Deine Nachahmer sind-kränker im Gemüth als Dich Deine Taubheit gemacht hatte! — Diese Phantasie in drei Stücken — Es-moll, A-dur, Es-moll nebst noch 23 andern Tonarten tobte und winselte, und was an Geist, Tiefe oder Poesie darin aufblitzte, ging in der gedehnten Länge und Monotonie, in der Formlosigkeit und dem Mangel an Ebenmaass unter. Ich möchte den jungen Componisten nicht dafür verantwortlich machen; er hat Talent und Einsicht genug, in einem Jahre etwas viel Besseres zu liefern. Warum ihn nicht belehrend auf seine jetzigen Fehler aufmerksam machen und ihn auf eine künftige Aufführung vertrösten? Man darf nicht gleich seine Jugendarbeiten herausgeben, sie sind wie ungegohrener Wein, schwer verdaulich. Erst mit der Zeit klärt man sich ab und versteht selbst, was man seinem Publikum verständlich machen wollte; dann soll man hervortreten und reden." Eine Kur in Cannstatt ist das Ziel der Sommerreise. Moscheies kann den musikalischen Verkehr mit den dortigen Künstlern geniessen, die schöne Umgebung durchwandern. . . . „Nur componiren kann ich nicht", schreibt er, und bewahre mir die von Dir ausgesuchten Gedichte für bessere Zeiten, lege sie als Samenkörner in meinen Hirnkasten, damit sie künftig darin aufgehen." — Später schreibt er eine Phantasie über „Die Sehnsucht" von Schiller und sagt darüber: „Es ist dies nicht eine kränkelnde Sehnsucht, sondern eine poetisch-philosophische, und der Spieler muss im Vortrag wiedergeben, was ich dem Dichter nachempfunden habe und eine Analogie zwischen dem „Du musst glauben, Du musst wagen" und meiner Musik herstellen." Im Herbst nach Leipzig zurückgekehrt, erfreut sich Moscheies an einem neuen Concert von David für Viola, ' — 264 — das er selbst spielte; „es ist pikant und originell." . . . ., „Wagner's Ouvertüre zum „Faust" stelle ich. höher als seine anderen Werke. Alles Dämonische darin ist gut motivirt und bessere Regungen durch klar-melodische Gedanken angedeutet. Für meinen Geschmack ist aber hier wie überall bei W. eine zu grosse Ueberladung an Instrumental-Massen." . . . Ein Brief sagt: „Auf Wunsch mehrerer Orchester-Mitglieder sollte im Pensionsfonds- Concert ein posthumes Werk von Mendelssohn gegeben werden; — die sogenannte „Reformations-Symphonie." — Er selbst war mit dieser Composition unzufrieden und wollte sie nicht herausgeben; sein Bruder, den wir wegen der Aufführung befragten, überliess die Entscheidung Rietz, David, Hauptmann und mir. Wir veranstalteten eine Probe, in der wir trotz vieler Schönheiten, die das Werk enthält, uns doch für Nichtgeben entschlossen, da das Ganze nicht auf der Höhe von Mendelssohn's andern Werken steht und wir fürchteten, die Kritik möchte das Andenken des Freundes verunglimpfen." . . . Gut, wie die Absicht war, führte sie doch zu einer unangenehmen Zeitungs-Polemik, da man sich von England aus bitter beklagte, dass dieses Werk dem Publikum vorenthalten bleibe; doch bedarf es hier nur flüchtiger Berührung dieser vielbesprochenen Discussion. 1856. Der 1. Januar brachte den Kapellmeister Rietz in einiger Verlegenheit zu Moscheies. — David, sagte er, sei verhindert im Beethoven'schen Triple-Concert, das er mit ihm und Moscheies spielen sollte, mitzuwirken; wolle Moscheies allein, als Helfer in der Noth eintreten? „Ich spiele Ihnen statt des Triple-Concerts ein anderes von Beethoven", sagte dieser, „wählen Sie selbst, welches." Die Wahl fiel auf das C-dur-Concert, das wenige Stunden — 265 — später probirt und dann Abends im Concert vorgetragen ward (das Honorar übermachte er seiner Zeit dem Pensionsfonds). — Mehr aber, als diese improvisirte Leistung" beschäftigte ihn der Wunsch, zu Mozart's Andenken mitzuwirken, und diesen theilte er dem Directorium schon im December mit. Man hatte nämlich am 27. Januar im Gewandhause eine Matinee zu Mozart's hundertjährigem Geburtstage veranstaltet, der Ertrag war zur Gründung eines Mozart-Stipendiums für einen talentvollen Schüler oder eine Schülerin des Conservatoriums bestimmt. Da das Programm durch seine historischen Daten interessant ist, so führen wir es hier an. Ein Prolog, von Herrn Behr gesprochen, eröffnete das Concert. Es folgten: Ouvertüre zum Re pastore. 1775 als Festoper in Salzburg com- Romanze und Duett aus derselben ponirt und zum ersten Mal aufgeführt, Oper. um den Besuch des Erzherzogs Maxi- Concert für Violine und Bratsche, com- milian beim Bischof Hieronymus zu ponirt im Jahre 1778, gespielt von feiern den Hrn. Dreyschock und David. Ouvertüre zu Idomeneo. Zum ersten Mal gegeben 29. Ja- Scene und Arie und Marsch aus der- nuar 178 1 in München. selben Oper. Priestermarsch, Arie und Chöre aus Zum ersten Mal aufgeführt 30. Sep- der Zauberflöte. tember 1791 in Wien. Ouvertüre zu Titus. Erste Aufführung in Prag 1791. Schlussscene, 2. Act Don Juan. Erste Aufführung in Prag 28. Oc- tober 1787. Symphonie C-dur mit der Schlussfuge, componirt im August 1788. Moscheies konnte nicht darüber hinwegkommen, dass man bei dieser Gelegenheit das Ciavier als solches übergangen und dass ihm persönlich nicht gestattet war, seine Pietät für den Meister an den Tag zu legen. Verstimmt durch diese „Zurücksetzung", wie er sie wiederholt im Tagebuch so wie in Briefen nannte, „schlug er den Antrag des Directoriums, im Armen-Concert zu spielen, aus, mit dem Bedeuten: „Er stehe in den Augen der Kunstwelt vielleicht im Verdacht der Gleichgültigkeit gegen den grossen Meister, und wolle im herannahenden Wohl- — 266 — thätigkeits-Concert nur unter der Zahl der Subscribenten erscheinen, nicht aber sich dem Publikum als Solospieler aufdrängen." Mozart ward, wie begreiflich, noch in der Kammermusik, im Theater und an andern Orten, aber auch in einer Soiree bei Moscheies gefeiert, wobei das „Bandl-Terzett" den heitern Schluss bildete. — Litolff trat im Gewandhaus auf. Wir kennen Moscheies' Meinung über dessen Spiel und Compositionen, aber noch sagt er über ihn: „Es ist sonderbar, dass er in einem offenen Brief Liszt und seiner Richtung huldigt, es doch aber nicht Wort haben will, dass er ihr angehört?" „Johannes Brahms spielte Beethoven's G-dur-Concert sehr brav." „An Frau Bürde-Ney bewunderten wir erst ihre mächtige Stimme in der grossen Arie aus Fidelio; dann überwogte sie in einem Bravour-Walzer, der Strauss aus dem Gesicht geschnitten ist, die starke Instrumentation, so dass das Piccolo bei ihren hohen Tönen unterlag und ihr Sturm von Trillern und Rouladen, die fff. des Orchesters beherrschte. Ich hätte diese grossen Mittel lieber in einer grossen Composition verwendet gesehen; so aber trug der Tanzrhythmus den Sieg über die Classicität davon, die doch eigentlich in den Gewandhausmauern eingewurzelt sein soll." — „In Fräulein Bianchi haben, wir eine tüchtige Künstlerin gewonnen. Sie kann von Leonardo Leo an bis zu einer italienischen Coloratur-Arie Alles singen ohne etwas zu verderben, singt auch Vieles ganz vortrefflich und ist dabei frei von aller Anmassung; ein stets gern gesehener Gast in unserm Hause. Sie hat zu unserer Freude durch unsere Empfehlung .an den Grossherzog von Weimar wiederholte Einladungen an seinen Hof und grosse Erfolge gehabt, und Joachim, dieser Grossherzog unter den Geigern empfängt sie eben so gern in Hannover." „Unsere Novitäten", erzählt ein Brief, „waren: Tau- bert's Symphonie in C-moll; erster Satz feurig, eigentümlich, hat gute Instrumental-Contraste; Scherzo recht pikant, Andante etwas verbrauchte Sentimentalität; letzter Satz auch feurig mit interessanten contrapunktischen Combi- — 267 — nationen. Die Aufnahme war beifällig, nur eine Partei blieb lau." „ Schindelmeisser's Ouvertüre „Mondnacht auf dem Wasser" gut gearbeitet." „von Sahr's Frühlings-Ouvertüre gut gedacht." „Singer's Variationen für zwei Cla- viere, der Gegensatz von trivial, dafür aber ultra-roman- tisch." „Dazwischen hörten wir die pathetisch-klassischen Chöre zum „Oedipus" und Schumann's vortrefflich gediegene, von Leidenschaft überströmende Ouvertüre zu „Manfred." „Ich studire jetzt wieder fleissig an einer meiner energischsten Compositionen, dem nun schon alten Concerto pa- thetique, das einen eigentümlichen Vortrag erheischt; aber auch Bach'sche Fugen spiele ich viel, und — — Litolff's viertes Concert, damit es doch Contraste gebe. Es kommt auch viel lieber Besuch: der verehrte Freund und Theoretiker Schnyder von Wartensee; — Auerbach, der zwar, wie er sagt, nicht Musik heucheln will, den Musiker aber dennoch zu dessen Freude aufsucht." Bei den öffentlichen Schülerprüfungen ist diesmal die Prinzessin Amalie von Sachsen zugegen, die sich den Winter über in Leipzig aufhält. Professor Coccius hat ihr durch eine gelungene Operation das Augenlicht wieder gegeben; nun empfängt sie vor ihrer Abreise die Spitzen der Behörden zum Diner, „wobei ihre Liebenswürdigkeit gegen die Gäste, ihr reges Interesse an der Kunst nicht genug gerühmt werden können." ... „Wir haben einen grossen Verlust in der literarischen Welt zu beklagen. Heinrich Heine ist in Paris gestorben und auf dem Montmartre begraben!" „Weniger fühlbar, aber doch traurig, ist das Ende des Amerikaners von Heringen; er erschoss sich in New-York und auf seinem Tische fand man einige Zeilen, welche die Schuld dieses Selbstmordes auf diejenigen wälzen, die sich weigerten, seine Erfindung anzuerkennen und zu verbreiten. Bekanntlich waren dies aber alle Musiker in aller Herren Länder diesseits und jenseits des Oceans. Denn wer wollte Herrn von Heringen zu Liebe eine neue Notenschrift einführen und gleich damit anfangen alle Verlagsplatten zu ---- 208 ---- zerstören, um sie auf die neue Art wieder stechen zu lassen? Und doch wollte er mir dies Verfahren plausibel machen! Ein musikalisch Verirrter." In einem Brief Moscheies' heisst es: „Was geht nicht Alles in der Welt vor! Halm und der Schulmeister Bacherl streiten sich um den Fechter von Ravenna; Lutze und Bock treten als Fechter in der Medicin gegen einander auf, die Azteken mit ihren Vogelgesichtern werden bestritten; man sagt, sie seien nur verkappte Cretins, keine unbekannte Menschenrace, und auch in der musikalischen Welt cursirt eine Anekdote — ob wahr oder unwahr weiss ich nicht —, die etwas unharmonisch klingt. Liszt, heisst es, Hess neulich zu Ehren von Litolff und Berlioz Tannhäuser ansetzen und lud auch Beide zur Probe ein. Dort langweilten sie sich und zogen die Gemüthlichkeit einer Flasche Wein im „Erbprinzen" vor. Als Liszt sie dabei antraf, gab es derbe Worte hinüber und herüber, und endlich behauptete dieser: „ Ihr Beiden zusammen genommen, macht noch nicht einen Wagner!" Möge Gott mir verzeihen, wenn ich Euch da etwas Unwahres erzählt habe! Meine harmonische Neuigkeit nach all'diesen Dissonanzen ist die Erscheinung von Julius Stockhausen. Wenn ich sage, man merkt seinem Gesang deutlich an, dass er der Sohn seiner Mutter ist, so mache ich ihm ein grosses Compliment, und das verdient er. Seine Aussprache und Stimmbildung sind tadellos und er erwärmte unser wenig demonstratives Publikum bis zum enthusiastischen Applaus und Her vor ruf, uns entzückte er ganz besonders an einem Abend bei uns, wo er und Frau Frege nicht müde wurden, einander Mendelssohn'sche Lieder zu gegenseitiger Bewunderung vorzusingen." Ein kurzer Aufenthalt der Familie Moscheies in Heidelberg bringt unter vielseitigen Genüssen auch ein freundliches Wiedersehen mit der dort angesiedelten Familie Bunsen, mit dem Freunde Neukomm, endlich mit Joachim, dem Moscheies oft und stets gern musikalisch begegnet. Von Heidelberg geht es wie im vorigen Jahre nach — 269 — Cannstatt, aber statt des kranken Sohnes hat sich eine verheirathete Tochter der Familie zugesellt, „so können wir die grünumrankte Veranda und den Rosenflor des malerischen Schweizerhauses doppelt gemessen." Die Eisenbahn bringt auch viel Besuch aus Stuttgart; es wird mit und ohne Caffee im Salon, zuweilen auch in der Kirche musicirt; Lindpaintner, Dr. Faisst, Lebert, Speidel und Hackländer unter den Gästen. Aber auch Kreisleriana werden erduldet. Im Stuttgarter Theater findet eine Fest-Vorstellung für einen' hohen Gast, den König von Preussen statt. „Kücken dirigirte Adam's abgedroschene Oper „Giralda", Fräulein Geishard, Schütky, Sontheim, sonst tüchtige Sänger, gefielen sich leider im Tremuliren." Auch im Cannstatter Theater ist eine Fest-Vorstellung. Lindpaintner dirigirte Monsigny's Oper „Der Deserteur", 1776 componirt. „Bei der Vorstellung des „Nordstern" fand ich die russischen National - Melodien geschickt übertragen und Riehl hat Recht, wenn er sagt, dass Meyerbeer es unter allen anderen Componisten am besten versteht, von vermehrten Blechinstrumenten Gebrauch zu machen. Wir hörten auch eine recht befriedigende Aufführung des „Messias" mit Neukomm, der uns hier besucht; die Orgel unter den künstlerischen Händen des Dr. Faisst." Neukomm componirte damals die 30 geistlichen Lieder aus Bunsen's Gesang- und Gebetbuch. — Moscheies componirt für die Clavierschule von Lebert und Stark seine grosse Terzen-Etüde in Es-dur, schreibt auch manche Lieder. Im September kehrt die Familie in ihre Heimath zurück. Ein musikalischer Herbst in Leipzig ist in keiner Weise mit dem Herzschlag einer Londoner Saison und seinen fieberhaften Wallungen zu vergleichen. Er ist, was die Orchesterwerke betrifft, ein gesund normaler Puls, dessen Aufregung zwar bis zur Begeisterung steigen, aber nie darüber hinausschweifen darf. Solche Musiker, welche das Gewandhaus mit seiner Vergangenheit und Gegenwart zopfig nennen und ihm eine vielversprechende Zukunft eröffnen möchten, bewerben sich um eine Aufführung 270 ihrer neuen Werke oder um ein Auftreten zu Instrumental-Vorträgen im neuen Styl; so finden die Klassiker ihre Contraste, das Publikum eine nie fehlende Abwechslung, die sich mit über das Moscheles'sche Haus ergiesst. Dorthin kommen die auf Engagement Harrenden, die nicht Zugelassenen, die kalt Aufgenommenen, die mit Lob Gekrönten. Junge Talente, wie die Geschwister Ratschek, dann wieder der erprobte Rubinstein, der Concertmeister Singer, Täglichsbeck aus Hechingen, Cusins aus London, Schiller aus Petersburg, Wüllner aus München, Abert aus Stuttgart, Reichardt aus Altenburg, das Ehepaar Nissen- Saloman, endlich neue Schüler aus allen Theilen von Deutschland, England und Amerika — sie Alle und noch viele Andere finden wir in diesem Winter als Besuchende, Musikmachende und Hörende im Moscheles'schen Hause. Moscheies beschäftigt sich viel „mit den beiden Bänden der posthumen Canons von August Klengel, die reich an Gediegenheit und Gelehrsamkeit sind." Er spielt im Pauliner-Concert, „weil sie so brave Sänger sind und Langer ein. guter Freund"; er besucht ein Concert der Schüler zu Ehren Schumann's und ergeht sich viel mit David in alten und neuen Compositionen. Nach einer Aufführung des Riedel'schen Vereins sagt das Tagebuch: „In dem Stabat mater von Palestrina (16. Jahrhundert) ist folgende harmonische Fortschreitung charakteristisch: i -? fei pE :b=: So wie im altdeutschen Choral von Steurlein (auch 16. Jahrhundert) diese: 4s =WEm^ — 271 — Moscheies schreibt die „humoristischen Variationen", die, wie das Tagebuch berichtet, in einer durchwachten Nacht entstehen. „Unwohl und schlaflos, wie ich war, half mir die geistige Beschäftigung über den unerquicklichen Körperzustand hinweg." 1857. Das Concertdirectorium hatte durch eine Preis-Erhöhung der Gewandhaussitze viel Unzufriedenheit unter den Abonnenten und eine Polemik in der Tagespresse hervorgerufen; doch legte sich der Sturm, sobald die Concerte begannen, und der Saal füllte sich wie zuvor. Auch die Künstler kamen wie in früheren Jahren herzugereist, Ernst Pauer einer der ersten unter ihnen. „Eine bedeutende Erscheinung", sagt Moscheies. „Er trägt den leichten Anschlag in den Fingern und die Gemüthlichkeit auf der Stirne. Uns ist er sehr sympathisch, sein achtundvierzig- stündiger Aufenthalt gar zu kurz, doch kann ein in London wohlbestallter Künstler nicht mehr Zeit auf die Ehre des Auftretens im Gewandhause verwenden. Er entfaltete in Beethoven's Concert in G seine ganze Technik, und es war mir besonders interessant zu sehen, dass Pauer wie ich selbst, im Besitz der Beethoven'schen Skizzen zu den Cadenzen dieses Concerts ist. Haslinger, der sie nie herausgeben wollte, lieh sie mir, und wie ich nun sehe, auch Pauer — zur Abschrift. Ich fand sie nicht auf der Hohe des grossartigen Concerts und benutzte sie daher nicht; Pauer spielte die eine, ohne besondern Effect damit zu machen, denn Niemand fragte, von wem sie sei. Sie hat auch nicht den Beethoven-Schwung." — Später schreibt Moscheies: „Wir stehen jetzt am Schlüsse der vormärzlichen — besser gesagt der vor-österlichen Musik und wie viel Schönes haben wir gehört und genossen! Den Prometheus von Beethoven, der freilich an seine früheste Zeit erinnert, in dem aber der edle Geist des Tonmeisters — 272 — schon hindurchweht; — eine posthume Ouvertüre zu Hermann und Dorothea von Schumann, die einen sehr poetischen Hauch hat; — Otto und Sabbath, zwei ausgezeichnete Sänger, frei von Affeetation, mit schönen Stimmen; — die Geiger Laub, Bazzini, Lauterbach, die Damen Mandl, Dolby, Krüger, Krall und viele Andere. Ja, und bei einer 9. oder C-moll Symphonie, dem Alexanderfest, dem Lobgesang, der Walpurgisnacht, der Coriolan- und andren Ouvertüren, die wir in diesem Winter hörten, ist die Kunst heiter; — wenn schön und heiter hier als gleichbedeutend gelten darf; — aber ernst ist das Leben, schwerfällig und ermüdend die Kunst in manchen öffentlichen und Privatleistungen, in denen sich Eitelkeit und Effecthascherei breit machen, — ärgerlich A^ar mir die Musik bei einer Aufführung von Hiller's Symphonie: „Es muss doch endlich Frühling werden"; denn angenommen, das Publicum verstand sie nicht, liebte sie nicht, so musste es doch dem Namen und den Verdiensten des Componisten die schuldige Achtung zollen. Ich finde viele grossartige Intentionen und tüchtige musikalische Verkettungen darin, wenn ich mir auch mitunter mehr Klarheit wünschte. Aergerlich ist mir auch die Musik als „Zeichen der Zeit", wenn so ein Zugvogel aus der neuen Ciavierschule bei mir in's Nest geht, gern selbst an der Futterkrippe meines Erard pickt, von mir aber keine Nahrung verlangt. Der Erard muss dabei manchmal eine Saite springen lassen, da er nicht wie ein Mensch aus der Haut springen kann. Mich macht es hinterher lachen, dass mich die jetzige Künstlergilde für todt hält, denn ich zehre noch theils von meinem eigenen Blute, theils nähre ich meine Kraft an dem alten Bach, dessen Toccaten und Fugen ich jetzt mit erneuter Passion spiele. Aber auch die Partituren von Liszt's Werken habe ich mir geholt, die Preludes und Mazeppa kommen hier nächstens zur Aufführung, da muss ich sie vorher gründlich durchstudiren." Moscheies muss seine nun beendeten „humoristischen Variationen" in der Kammermusik spielen, die ein Kritiker einen musikalischen Scherz, eine Parodie auf die Be- — 273 — strebungen der Neuzeit nennt. „Und doch wollte ich", sagt Moscheies, „nur zeigen, dass auch ich neu und barock sein kann, wenn mir daran gelegen ist. Vorzugsweise halte ich mich an die alte Schule und habe sie in diesen Tagen bei einer Aufführung des Beethovenschen Septetts in unserm Hause sehr genossen; ebenso, als ich mit David und Grützmacher das Triple-Concert des Meisters im Gewandhaus spielte. Dazu können sie mich „überwundenen Standpunkt" noch gebrauchen." Hier tritt uns eine Notiz entgegen, die das Mitleid mit den geistig Verarmten wohlthuend beleuchtet.....,Beide (es sind diesmal Literaten) haben mich mit ihren Narrheiten mehr gefoltert als das Publikum, denn dies soll nur hören, ich aber den eingebildeten Thoren zu grösserer Geltung verhelfen. Das kann ich nicht, denn das hiesse mich selbst zum Thoren stempeln. Aber bedauern muss ich Beide; ein langes mühevolles Leben liegt hinter ihnen und erreicht haben sie nur den Ruf, lächerlich zu sein. Trotzdem kann ich sie nicht mit auslachen. — Aber da hätte ich aus'der Haut fahren mögen,'als A. Dreyschock sein neues Concert und eine Musterkarte neuer Salonstücke zum Besten gab. Solche dilettantische Arbeiten sind die richtige Illustration einer zopfigen Vergangenheit. — Und was mache ich mit so einer neuen Erfindung, wie sie mir ein Herr Della Casa zur Beurtheilung aus Paris schickt? Ich kann mich mit seinem Art de dechiffrer und seiner Molltonleiter nicht einverstanden erklären." Die Herren Glöggl und Sohn in Wien bitten, Mö- scheles möge das Richteramt bei ihren Preisaufgaben mit übernehmen; — die schwedische Akademie der Musik ertheilt ihm ein Ehrendiplom; E. Hallberger in .Stuttgart beauftragt ihn, eine neue Auflage der Classiker für sein Haus zu machen; so wirkt er unermüdlich fort. Liszt's Erscheinung in Leipzig als Dirigent eigener Orchesterwerke unterbricht diese Thätigkeit, denn Moscheies macht Alles mit, Proben wie Aufführungen. Ein Brief von ihm sagt: „Die Weimaraner haben mit den Leipzigern eine Schlacht geschlagen; es gab keine Todte dabei, nur Moscheies' Leben. II. ig — 274 — einige Verwundete. Liszt soll vor dem Concert gesagt haben: „Sie werden mir wohl eine Niederlage bereiten", aber sie thaten es nicht. Er dirigirte seine Preludes, die manche grossartige Effecte, aber nicht genug Klarheit haben (Frau Pohl an der Harfe). Seine tobende Mazeppa-Musik und sein Pianoforte-Concert, von Bülow mit äusserster Fertigkeit gespielt, Alles wurde anständig wenn auch ohne Enthusiasmus begrüsst, und mir ist es lieb, dass die Träger dieser Richtung, zu der ich zwar nicht gehöre, nach der Erstürmung der heiligen Gewandhaushallen, mit klingendem Spiel abziehen durften, wobei ihre drei Flöten, extra Posaunen und türkische Musik wohl einen erhöhten Effect hervorbrachten. Behr gab zu seinem Benefiz den Tannhäuser unter Liszts Direction und der Mitwirkung der Weimar'schen Sänger. Man wollte meine Meinung über diese Oper und die ganze Liszt-Woche wissen und ich gestand, dass ich diese Richtung nicht durchaus billige, obgleich ich Gutes darin finde, und da, wo ich es finde, gern anerkenne. Möchten nur die Neuerer nicht über Beethoven hinausstreben, Haydn und Mozart aber, die bis jetzt als unsere Grundpfeiler galten, umstossen wollen. Wir kleinen Lichter sollen natürlich unter diesem Schutt begraben werden, und ich für meinen Theil mache mir eine Ehre daraus. Wer weiss auch, ob wir nicht dermaleinst ausgegraben werden wie Herculanum und Pompeji?" „Ein unerwarteter Besuch von Stephen Heller hat uns wahrhaft erfreut", schreibt die Frau, „gehört er doch zu unsern Lieblingen, mit und ohne Musik; er ist in's Pariser Leben verliebt und doch gemüthlich wie ein Deutscher. Wir hatten ihm -zu Ehren einen durchaus musikalischen Tag. Früh spielten Ferdinand David und Gefährten bei Härtel Quartett und das wundervoll. Dann kam der liebe Gast zu uns und Abends gesellte sich die Blüthe der Leipziger Dilettantenwelt dazu; die Musiker waren, wie Moscheies sagt, sämmtlich vom Teufel zu seinem Robert in's Theater geholt; die beiden Pianisten aber und die häuslichen Sängerinnen verschafften ■— 275 — uns einen sehr genussreichen Abend. Lustig waren wir auch und schade nur, dass Heller uns schon morgen wieder verlässt. Solche glückliche Stunden müssen Einem aber für andere, weniger erquickliche entschädigen, wie z. B. für eine Steeple chase, wie die folgende: Zwei Schülerinnen sind bestellt, um Moscheies vorzuspielen, aber kaum angekommen, so erscheint eine fremde blaubebrillte Dame mit einem Bruder Jüngling; sie sind weit hergereist, weil er Lectionen von Moscheies wünscht; dieser wie immer abwehrend gegen Privatschüler, räth ihm lieber in's Con- servatorium einzutreten, findet aber nicht gleich Anklang. Dazwischen kommt der Musikdirector R. aus Göttingen, der Ueberbringer des Doctor-Diploms an Hauptmann, der bei dieser Gelegenheit dies und jenes und Alles von Moscheies hören möchte. Doch was ist alles das gegen die zwei Leoparden — sagen wir Löwen — die jetzt das doppeltgeöffnete Thor ausspeit? Es ist der 13jährige 'Arthur Napoleon mit seinem Vater. Der Junge sieht betrübend schwächlich aus, hat aber herkulische Finger. An Haaren ist er ein Liszt, an Körperbewegung und Pedalgebrauch ein Vertreter der modernen Pianistenwelt. Alle Bewohner beider Etagen, besonders die Kinder, Avurden zusammen gerufen, um die staunenswerthen Leistungen dieses jugendlichen Napoleon des Ciavierspiels , zu hören. Zum ■ Beschluss kam Frl. Bianchi, die stets Willkommene!" . . . Das Pauliner-Concert, „der Rose Pil- ~~f gerfahrt" in der Euterpe, die Aufführungen bei Frau Frege, sind noch Glieder in der musikalischen Kette, die Moscheies' Leben einschliesst; ein Theaterabend, an dem die Hebriden-Ouvertüre, das Finale der Loreley von Frl. C. Mayer, und zum Beschluss die „bezähmte Wider- spänstige" von Frau Wohlstadt gegeben, wird recht musikalisch - poetisch genannt; — die Vorlesungen des Professor Möbius über Geliert, Klopstock und Lessing rufen die Bemerkung hervor: „dass Poesie auch Musik ist und dass die Logik oder Philosophie, die ihr zu Grunde liegt, der strengen Basis einer wohldurchdachten Tonschöpfung gleicht." — 276 — Als die Frau den Sohn, der in Antwerpen studirt, auf kurze Tage besucht, schreibt Moscheies ihr: . . . „Und nun will ich Dir beschreiben, wie ein Philosoph lebt, dessen bessere Hälfte belgische Luft athmet. Er hört die Euryanthe, geht zu David und trifft dort eine alte "Wienerin, die alle Seichtheit in der Kunst vertheidigen will: „Warum immer die Klassiker? Warum das ewig pedantische Wesen?" David erklärt, erhitzt sich endlich, ich bin meist still, wie Du mich kennst, als aber die Schwätzerin beim Weggehen über die Mode der kleinen Damenhüte herfällt, platze ich heraus: Also mit der Mode in der Kunst sind Sie nachsichtiger, als mit so einer Lappalie, der Mode eines Huts?" .... Die Umgegend von Hamburg ist das Ziel der diesjährigen Sommerreise. Dort spielt er viel auf einem Streicher und schreibt bei seiner Rückkehr nach Leipzig: „Meinen Erard hätte ich küssen mögen; er trat mir so freundlich entgegen, als wollte er sagen: Sieh, ich bin nicht verstimmt ob Deiner Intimität mit dem neuen Freunde, dem Hamburger Streicher . . ." Ein Brief an die Tochter nach ihrer Heimkehr in den Orient lautet: „Ein schöner Frühlingstag, eine Symphonie von Beethoven oder ein Chor von Händel hätte mir keinen grösseren Genuss gewähren können als die Kunde Eurer glücklichen Ankunft. Euer Brief enthält Bezügliches auf verschiedene Kunstwerke, als „Meeresstille und glückliche Fahrt" — „Kindermärchen" — „Dichtung und Wahrheit" — sogar Hoffmann mit seinem Meister F . . . lebt darin fort; und was mich betiifft, so wird Gegenstand meiner künftigen Träume sein: les adieux, l'absence et le retour (von einem gewissen Beethoven)." Gestern spielte Louis Brassin im Gewandhaus mein G-moll Concert mit so viel Rundung des Anschlags und Wärme der Auffassung, dass ihm grosser Beifall zu Theil ward, obwohl die übergrosse Technik im letzten Satz mit einem überschnellen Tempo davonlief. Concertmeister Müller aus Braunschweig und Director Stern aus Berlin, . — 277 — die zugegen waren, ertheilten ihm auch das Bürgerrecht in der Kunstwelt.....Könnte ich nur * * meine Absolution für seine Compositionsversuche ertheilen! Er wird .zwar mit allen Notenfressern um die Wette überall Glück machen, wo solche Kost beliebt ist; doch thut mir's leid um den jungen Menschen, denn er hätte besseres leisten ■können!" „Und," fügt der Sohn hinzu, „wäre dieser Brief die Strickleiter, auf der Du zu uns hersteigen könntest, Du sähest Vater am Ciavier und hörtest, wie er bei jeder nicht ganz orthodoxen Stelle stehen bleibt, und den schuldigen Akkord möglichst lange im Fegefeuer seiner Unzufriedenheit verharren lässt, bis endlich die Auflösung kommt und auch er in den Chor der Seligen mit einstimmen darf. Da kennst solche Zustände." „Was sich doch Alles bei uns zuträgt", schreibt Moscheies. „Sogar ein gewisser L. will mit seiner „Schöpfung der Welt" und seinem „jüngsten Gericht" ins Gewandhaus eindringen, kann aber natürlich nicht, da das Format der Werke grösser ist als deren Gedanken. Nun giebt es aber eine lustige Scene, denn L. hat einige Stadtmusiker, die er Orchester nennt, zusammengetrommelt und fuchtelt mit dem bäton, als wollte er ihnen die Knute geben, anstatt sie friedlich zu dirigiren. Alle zwei Minuten muss er anhalten, weil sie auseinander sind, die anwesenden Schüler lachen; der russische Consul und ich hätten es, glaub' ich, auch gerne gethan, aber die Seele klap- - perte uns im Leibe. Die sogenannte Aufführung (ohne Sänger) -findet nämlich im grossen Saal der Centralhalle statt, der während der Musik von zwei Frauen mit Waschfässern gereinigt wird. Ich hielt nicht lange aus, war a*ber mit dem Narren noch nicht fertig. Ich sollte nichts Geringeres, als seine Compositionen in der Conservatoriums- Bibliothek niederlegen, ihm als Austausch ein Ehrendiplom verschaffen und sein eingerahmtes Portrait in unserm Ciassensaal aufhängen. Da ich das Alles nicht konnte, so hat^er seinen Unwillen eingepackt und ist nach Dresden gereist." Der nächste Brief sagt: „Wenn Ihr Euch erinnert» — 278 — was ich Euch zuletzt schrieb, so kann ich heute nur sagen: Du ridicule au sublime! Wir haben wieder das Goldschmidt'sche Ehepaar genossen. Er spielte Beethoven's Concert mit eigner Cadenz, genossen. Etüden und Gigue von Bach. Sie sang ausser der Freischütz-Arie und Liedern noch Chopin'sche Mazurken von ihm begleitet und machte drei bis vier Mal hintereinander folgende electrisirende Cadenz: £: £ £ f-*-m^"P- Auch im 10. Gewandhaus-Concert trat sie auf und sang wie immer. Ich möchte ncch viel darüber schreiben, aber ein junger, mir empfohlener Pianist erwartet mich nebenan am Ciavier mit Octaven-Avalanchen; dabei kann ich keinen Gedanken fassen als den, dass er gute Chance hat, in die Leibgarde der Ciavierstürmer aufgenommen zu werden." Zum Jahresschluss schreibt er: „Möchte das alte kränkelnde Jahr mit seiner Handelskrisis, seiner Pulver- Explosion in Mainz und seinem Erdbeben in Neapel und Sicilien alle seine Krebsschäden zu Grabe tragen! Ich theile die Betrübniss, die Sorgen der vielen an diesen Schickungen Betheiligten, doch erhalte ich meinen Sinn an der Kunst, an den Meisterwerken der Vergangenheit und Gegenwart, so wie an dem eignen mir zuertheilten Wirken aufrecht und wünsche, dass das neue Jahr der Menschheit neue Vernunft, Moral und Liebe bringe- Amen." 279 1858. „Das Jahr fängt mit einer mir werthen Gabe an", sagt das Tagebuch. „Härteis schickten mir einen feinen Stahlstich — Mozart in seiner Jugend, nach einem in Italien befindlichen Bilde; gleich habe ich ihn meinem Album neben der Autograph-Cadenz des grossen Mannes einverleibt, und meine Freude daran ist aufrichtig. Das Gewandhaus begann seinen Concert-Cyclus mit grossem Ernst; der erste Theil lauter geistliche Musik, der zweite Mozart's C-dur Symphonie vortrefflich gegeben und doch — meinem Gefühl nach — die Tempi des ersten und letzten Satzes zu schnell. Ob ich älter geworden bin und mein Blut träger circulirt? Ob die Andern einer neuen, Alles auf die Spitze treibenden Richtung folgen? — Ich weiss es nicht — es ist eine Gefühlssache." Um nur der Novitäten dieses Winters zu erwähnen, nennen wir Herrn von Bronsart, einen Schüler Liszt's, der Moscheies' Concerto pathetique „sehr brav spielt" — später lässt er ein eigenes Trio, „eine tüchtige Composi- tion mit pikantem Scherzo hören, und in seiner Frühlingsphantasie fehlt es nicht an guten Effecten! .... „Vin- "cenzo Colosanti mit einem Solo auf der Ophicleide war eine Neuigkeit", schreibt die Frau; „aber was für eine! Der Unglückliche brachte die schwierigsten Variationen heraus, bis er dunkelroth im Gesicht war, und was that das Publicum? — es lachte. Das mag dem heissblütigen Italiener zu viel gewesen sein, denn mein guter Mann, der zwischen den Akten hinunterging, fand ihn wüthend, und musste all' seine italienische Redekunst aufbieten, um ihn zu beruhigen. Mich erinnerte er an eine vor Jahren in London gesehene Pantomime, auf der der Liebhaber seiner spröden Schönen eine Serenade auf der Ophicleide brachte und durch die Anwendung dieser musikalischen Harlekinade viel Glück machte." , Unter den Geigern war der vortreffliche Damrosch — 28o — neu; unter den Ouvertüren die „zur Sophonisbe von Reinecke; in der Kammermusik spielte Reinecke ein eigenes Trio und Variationen über ein Thema ?von Bach in etwas strengem Styl und sehr gelungen. Ueberhaupt ist er ein tüchtiger Künstler und Einer, mit dem ich gern Musik mache. Der Fond ist solide und er kann noch Grosses leisten." Das dreimalige Erscheinen der Frau Viardot in Leipzig in diesem Jahr im Gewandhaus, dann später auf der Bühne, war epochemachend, denn so hatte man Glucks Arie aus dem Orpheus, die Graun'sehe Coloratur in der Arie aus „Britannicus" noch nicht gehört; dazu nach der Classicität noch etwas Rossini, selbst begleitete spanische Lieder und die Zugabe einer. Chopin'schen Mazurka, Alles in höchster Vollkommenheit. Das begeisterte die Hörer und ein wohlgefälliges sonst seltenes Lächeln spielte um den Mund des Directors; das Orchester drückte der Gefeierten seine Anerkennung in einem Tusche aus, während sie selbst nicht aufhören konnte das Publicum, von dessen Kälte sie gehört hatte, für seine Freundlichkeit zu loben und oft auszurufen: „Oh mon bon petit Leipsic!" Von einer Sängerin, die nach diesen Leistungen „di tanti palpiti" im Gewandhaus hören liess, schreibt Moscheies: „Die Unglückliche! sie konnte nicht gefallen, und dazu palpitirte sie unrein, so dass der Hörer selbst das- tremolo bekam." Von einer Kammermusik heisst es: „Das hiesige Quartettspiel ist von David auf die höchste Höhe gebracht, Schubert's Quartett in A-moll eine fiiessende, höchst anmuthige Composition, Mendelssohn's Quintett in B-dur Viel schwungvoller als seine andern "Werke derselben Gattung, Beethovens Op. 132 durch seine Längen im Adagio und seine Mystik ein Irrlicht für die Zukunftsmusiker. Möchten sie sich lieber seine grosse Klarheit in so vielen andern seiner Compositionen zum Vorbild nehmen!" „Reinthalers „Jephtha" hat melodische und harmonische Reize: eine Novität, die jeder Musiker mit Freude bewillkommnen muss. Hiller kam zur Aufführung herüber." — 28l — „Ein junger Componist, Max Bruch, zeigte mir eine Menge' von ihm geschriebener Studien. Seine Lieder sind fein gefühlt und aus seinem Capriccio in Fis-moll und seinen Cantaten „Rinaldo" und „Jubilate" möchte ich ihm eine schöne Zukunft prophezeien, denn es ist viel Frische und Tüchtigkeit in seinen Sachen." „Heute habe ich mir von Herrn Arnim Früh seine neue Erfindung des Semeio- melodium zeigen lassen. Ein Lehr-Instrument, das die Tonverhältnisse nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar macht. Ich gab ihm'empfehlende Zeugnisse!" Ein Brief Moscheies' sagt: „Behr gab den Joseph von Mehul, eine meiner Lieblingsopern zu seinem Benefiz, und der Tenorist Rebling, früherer Schüler des Conser- vatoriums trat darin zum ersten Mal auf. Seine Stimme ist klar und kräftig, wenn auch noch unpolirt; gewiss wird er mit der Zeit ein brauchbares Mitglied unsrer Oper werden. * * treibt sich hier auch noch herum, möchte im Gewandhaus spielen und kommt nicht dazu; sein Verstand scheint fest eingenistet in seinen dichten- Haaren, die Eitelkeit gedeiht unter dem Knopflochbänd- chen und die Prahlereien hat er wohl mit der Muttermilch eingesogen. Oeffentlich giebt es wieder viel, musikalischen Streit, wozu Liszt's und Wagner's Panegyriker den ersten An- stoss gaben, die Graner Messe und ihre Lobredner das Weitere thun. Ein Herr von Wolzogen, der sich v. W. unterzeichnet, nimmt diese Schule in der Beilage der „Augsburger Allgemeinen" in seinem Aufsatz betitelt: „Musikalische Leiden der Gegenwart" übel mit; die Leipziger „Neue Zeitschrift für Musik" tritt für deren Häupter auf, und nun kommt eine Erwiderung, in der solche Kleinigkeiten 'vorkommen, wie: „sie haben es wie in ihrer Musik, so auch in ihrem literarischen Treiben lediglich auf's Ueberschreien angesehen", .... „so muss man den Mund aufthun und seine Lungen anstrengen." Zunächst handelt es sich bei dem Streit nur um Beethoven's letzte Schöpfungen, v. W. hat sie düster genannt, die Zukünftler nennen sie humoristisch. „Der Humor der Verzweiflung — • 282 - dem des Hamlet verwandt", sagt wieder v. "W. und „die Unbedeutendheit hängt sich hier wie überall an des grossen Mannes Blossen, um die eigene Unklarheit zu motiviren". Dann werden alle Meinungen der Zukunftspartei über Mozart und bis zu Bach zurück angeführt und beleuchtet, zuletzt die Graner Messe scharf kritisirt und der Artikel schliesst mit den Worten: „Diese Art der Composition ist doch auch kaum etwas Anderes als Arithmetik." Dazu schreibt Moscheies ins Tagebuch: „Wohl dem, der solchen Parteiungen fern bleibt, sie benehmen der Seele das künstlerische Gleichgewicht." .... „Ich habe jetzt ausser Beethoven's Sonate op. 106, Mendels- sohn's Variations serieuses und Rubinsteins G-dur Concert auch viel Liszt studirt. Zuerst seine Transcription der „Eroica", dann die Partitur seines A-dur Concerts, aber über manche Stellen kann ich nicht hinwegkommen." Ein Brief sagt: „Ein vielversprechender junger Mann ist aus London als Mendelssohn - Stipendiat hieher au's Conservatorium geschickt worden, er heisst Arthur Sullivan; überhaupt habe ich jetzt viel brave Schüler. Die Fräulein Hauffe und Hering und der junge Breunung sind mit gerechtem Beifall im Concert und der Kammermusik aufgenommen worden, Mills und Levi haben sich in der Prüfung ausgezeichnet, ebenso Begrow, Jadassohn, Euer Hamburger Krause, der bei seinem Augenleiden das Unglaublichste leistete, indem er den ersten Satz von Men- delssohn's C-moll Trio auswendig und in musikalischem Geiste spielte. Der Fleiss hilft bei ihm dem Gesichtsmangel nach; sie Alle gehören nicht zu jener Gattung, welche die Thierwelt in ihren Affensprüngen und ihren Bärentänzen nachahmt; sie sind vernünftig und versprechen gediegene Künstler zu werden. Weissheimer will nach Weimar gehen und den Zukunftsglauben annehmen, sowie er schon Liszt's symphonische Dichtungen als das einzig vernünftige Erzeugniss seit dem Erscheinen der 9. Symphonie bezeichnet, und dem Fortschritt in der Kunst nur von Weimar aus entgegensieht. Ich gebrauchte all' meine Geduld, um den fanatischen — .283 — jungen Mann mit Ruhe anzuhören. Sein Exemplar der 9. Symphonie hat er elegant einbinden und darauf in goldenen Lettern drucken lassen: „Wahres Evangelium der Kunst".....„Die zopfige und mir doch 'so lieb- werthe Kunst hat zwei grosse Verluste erlitten — ich bin zweier unvergesslicher Freunde beraubt. Neukomm starb am 3., J. B. Cramer am ig. April. Solche Lücken bleiben un- ausfüllbar .... War doch unser guter Neukomm ein liebes Familienglied!" Gewöhnlich schliessen die winterlich musikalischen Genüsse in Leipzig mit der Passionsmusik am Charfreitag der dann die öffentlichen Prüfungen der Schüler folgen. Diesmal brachte das zweite Wiedererscheinen der Madame Viardot neues Leben in die musikalischen Genüsse; war sie tragisch in ihrer Norma, ihrer Fides, so war sie gross in der Sonnambula, ergötzend in der Rosine, sublim als Donna Anna. Zu Moscheies' kam sie oft und bewährte sich wiederholt als ausgezeichnete Pianistin, „als sie ein Beethoven'sches Trio mit Begleitung von David und Rietz spielte, merkte man ihr die Sängerin nicht an", wie Moscheies sagt; „vielmehr erschien sie mir als ein hochgeschätzter College." Kaum hatte sie Leipzig verlassen, so stand dem Publicum schon ein neuer theatralischer Genuss in den ausgezeichneten Leistungen der Fräulein Johanna Wagner — als Fides, als Orpheus und in andern Rollen bevor. Auch sie fand die aufrichtigste Anerkennung. Endlich waren die Fremden alle, und auch viele der Einheimischen mit den Sommervögeln davongezogen; da schlössen sich die schon eng befreundeten Familien David und Moscheies noch fester aneinander; in der Frühstunde zu erfrischenden Gängen ins Rosenthal, nach dem heissen Tagewerk zu musikalischen Zusammenkünften. David hatte die Idee gefasst, Moscheies' 24 Etüden für die Geige zu bearbeiten, und führte sie mit gewohnter Meisterschaft aus; Moscheles schrieb die einfache Clavierbegleitung zu dem neuen Arrangement, arbeitete aber auch viel an den Clementischen Sonaten und dem Gradus ad parnassum für — 284. — Hallberger's Ausgabe. „Sie sollen mir aus Mangel an Fingersatz oder genauer 'Bezeichnung des Vortrags und der Tempo's nicht in Irrthum gerathen", pflegte er zu sagen, „deshalb ziehe ich jede schon vorhandene Ausgabe vergleichend zu Rathe." Ferner setzte Moscheies Mendelssohns E-dur Concert für zwei Claviere nach den Stimmen in Partitur. Ein Herr Moritz, Studiosus, war in dessen Besitz und lieh es ihm. Von seinen eigenen Werken wurde um diese Zeit ein Catalog von einem Herrn Schubert angefertigt, den er genau revidirte und der später in der K.istner'schen Musikhandlung erschien. Im Juli feiert das Prager Conservatorium der Musik sein Jubiläum, und die Schwester-Anstalt in Leipzig entsendet ihren David und ihren Moscheies mit Festgrüssen dahin. Letzterer schreibt den Verwandten: „Das Prager Fest fiel äusserst brillant aus. Es begann mit einem Hochamt in der Jacobskirche, Abends war Concert im Theater, in welchem jetzige und frühere, nun Meister gewordene Schüler mitwirkten; der Enthusiasmus für Alle und Alles zügellos. Der zweite Abend brachte Spohr's Jessonda von ihm selbst dirigirt; der Lorberkranz, der enthusiastische Empfang, der Hervorruf nach jedem Act, nichts fehlte, um den Meister in rührender Weise zu ehren. Am dritten Abend ward, unter Kittl's Direction, Gluck's Ouvertüre zur Iphigenie, ein Psalm von Händel und die '9. Symphonie gegeben, als Schülerleistungen brav, aber obgleich David und R. Dreyschock mitspielten, fehlte meinen verwöhnten Ohren viel. Am 4. Tag grosses Festessen im Baumgarten mit Musik und zahllosen Toasten. Ich wurde gebeten, den Dank im Namen aller Fremden auszusprechen; so nahm ich mich zusammen, zollte dem böhmischen Kunstsinn so wie allen durch ihn hervorgerufenen Instituten die schuldige Verehrung, sagte, wie stolz ich sei, dem musikalischen Lande anzugehören und sprach nicht ohne Rührung darüber, dass ich vor etwa 50 Jahren mein Vaterland verlassen, um kunstbeflissene fremde Länder zu durchziehen u. s. w. Alles schien mit mir zu fühlen, jeder Satz wurde mit überwäl- - 28 5 - tigendem Jubel_ aufgenommen. Des mit mir Anstossens war kein Ende, Herzens- und Champagner-Ergüsse gingen Hand in Hand und letztere flössen so reichlieh über meinen Rock, dass die vergossene Quantität Wein hingereicht hätte, um einen Korporal betrunken zu machen." Zwischen diesen Fest-Aufführungen gab es viel heitere Stunden mit David, Dreyschock, Rietz, Spohr und A., „besonders bei einer Keller-Kneiperei, wo alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue gemacht wurden. "Wir Leipziger überreichten eine Votiv-Tafel von Seiten unseres Instituts, und ich fand noch Zeit, in der Ciavier- Lehranstalt von Proksch vier- und achthändige Leistungen der Schüler zu hören. Ich geniesse hier manche Familienfreuden; zuerst war ich bei meinen Lieben in Podiebrad, dann bei den Meinigen in Prag. Es ist ein ganz eigenes seltsames Gefühl, dieselben Räume zu betreten, wo ich vor 50 Jahren meinen Jugendtraum durchlebte. Alle damaligen Zustände ziehen bunt wie in einem Kaleidoskop an mir vorüber; das Bild meiner seligen Mutter lächelt mir von der Wand entgegen; die Schwester hat ihre Züge und ihr liebendes Herz. Vorspielen muss ich ihnen auch und sie sind gebührend entzückt." .... Die Frau schreibt; „Unsere Rückreise hätte durch entsetzliche Regengüsse recht unang'enehm werden können, aber was machten sich die „wandernden "Virtuosen" aus dem Wetter? In der Kunst ist immer Sonnenschein. Wir verstanden uns mit dem Schaffner, hatten das Coupe allein und David, der seine Geige nie verlässt, spielte mit Dampf noch schöner als sonst; wir hörten ein Con- cert nach dem andern im Coupe und dann wurden Stellen aus Moscheies' Etüden probirt. „Gefällt's Ihnen so? oder lieber auf die Art?" Genug, die Zeit verflog uns, und auf einmal waren wir in Dresden; dort haben wir Vieles genossen; das Museum, das . grüne Gewölbe, den Tannhäuser, Dawison's Hamlet, Alles nahmen wir schnell mit und jetzt sind wir nur in Leipzig, um uns auf eine grössere Reise vorzubereiten." Diese geht überCöln nach Antwerpen zu dem Sohn. Da werden die Maler-Ateliers, die öffentlichen Kunstschätze besucht, und da wo Moscheies geniesst, verbreitet er auch wieder Freude durch seine Kunst. Dem soeben beendeten Bilde de Keysers gegenüber, das Weber's letzte Stunden darstellt, kann er nur über Motive des Meisters phantasiren, in der eigenen Wohnung werden die Künstler Leys, de Keyser, v. Lerius, Jacob Jacobs, Alma Tadema, Lies, Bource, Schaffels, Heyermanns stets gern empfangen. Ein kurzer Aufenthalt in Brüssel bringt musikalische AVechselwirkungen mit Fetis, Kufferath, Leonard u. A. „Ich hörte", sagt Moscheies, „einen Concours du Con- servatoire mit an und hatte den Muth, die Schülerinnen der Madame Pleyel sämmtlich den ersten Satz des Hum- mel'schen A-moll Concerts und Mendelssohns Andante und Scherzo in E-dur und -moll spielen zu hören. Ein junges Mädchen nach dem andern trat mit einstudirter Technik, aber mit Armuth an Auffassung und Vortrag auf; männliche Classen Hessen Charles Mayer und Weber hören und da sie noch mehr dreinschlugen als die Mädchen, so erschienen mir die Letzteren als die Marketenderinnen des Regiments, das die Ersteren bildeten." Man macht Ausflüge von Brüssel aus und setzt dann die Reise fort. Eine Fahrt von Namur nach Dinant bringt viele Naturgenüsse. In dem Städtchen Huy angekommen ruft das Tagebuch aus: „Welch reizende Fahrt! Zwei Wagen erster Classe durch eine offene Plattform verbunden, auf welche die Passagiere im Fahren hinaustreten können. Wir setzten uns bei lieblichem Wetter auf Feldstühlen dahin und hatten auf einer Seite die majestätische Felsenkette, auf der andern die reizende Maas mit ihren grünen Ufern, Dörfern und Villen. Bei schlechtem Wetter werfen grosse Spiegel im Innern des Wagens die schöne Gegend zurück. So eine Bahn ist, glaub' ich, ein Unicum." Das Städtchen Huy (10,000 Einwohner) ist es auch, so romantisch lieblich liegt es da und spiegelt sich in der hellen Maas. „In den Strassen", sagt ein Brief der Frau, „konnte man vor Blumen, Fahnen, Drehorgeln und — 287 — Draperien kaum fortkommen. Es war die fete septennale de la Vierge, der Schutzpatronin des Städtchens. Als wir die Ankündigungen eines Concours de chant und eines Concertes der berühmten königlichen Musikbande „Guides du roi", lasen, schickte Moscheies seine Karte zu dem Director, um Billette zu erlangen, die, wie man sagte, sämmtlich vergriffen waren. Fünf Minuten später kam der Mann selbst und ging nicht eher, als bis Moscheies zugesagt hatte, der Jury des Concours de chant zu präsidiren; dann kam der Präsident des Festcomite's Mr. Godin, ein reicher Papierfabrikant, um uns zu Tische einzuladen. Tags darauf mussten wir zu ihm und seiner Familie in ihr prachtvolles Schloss ziehen, das in einem grossen Park liegt, und als historische Merkwürdigkeit das Grabmal von Pierre Thermite birgt." „Mein Amt bei der Jury", schreibt Moscheies, „kostete mich manchen Schweisstropfen, da ich vier Vor- und vier Nachmittagsstunden zwischen dem Präsidenten und Bürgermeister den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt blieb. Wir sassen auf offnem Markte auf einer hohen Estrade, rings um uns her Musik, eine wogende Volksmenge und die ganze elegante Welt der Umgegend. Die verschiedenen Singvereine marschirten jeder einzeln mit sammetgestickter Fahne auf, um sich dann hören zu lassen. Kein einziger war schlecht, viele sogar gut zu nennen." Aus Spa schreibt die Frau: „Die vie de chäteau liess an Liebenswürdigkeit der Wirthe und ihrer Gäste, an Comfort und Luxus nichts zu wünschen übrig; aber nach all' dem bunten Treiben thut uns das ruhige Familienleben mit seinen Spaziergängen und Fahrten wohl." „Und ich", schreibt Moscheies, „werde hier nicht ärmer und nicht reicher, denn ich habe an dem elenden Anblick dieser Spielhöllen genug, ohne zu setzen. Die Menschen, die diesen grünen Tisch umstehen, kommen mir vor wie die Fliegen, die den Giftteller umkreisen; sie nippen daraus, bis sie ohnmächtig niederfallen. So soll es kürzlich dem berühmten Sänger T. ergangen sein; ich wollte seine Bekanntschaft machen, um ihn zu hören, doch war er plötzlich fort; er hatte Alles verloren." Auf eine Anfrage der Verwandten in Hamburg 1 , ob die Familie Moscheies sie nicht vor der Rückkehr nach Leipzig mit einem kurzen Besuch erfreuen wolle, erwidert Moscheies: „Ich widerstehe der Versuchung einer so freundlichen Einladung, um meine Schüler nicht länger zu verlassen. Die bekannte Gewissenhaftigkeit, höre ich Euch ausrufen, aber ich kann nicht anders, selbst wenn Ihr mich belächeln solltet." Zwei jugendliche Künstlerinnen — Frl. Ingeborg Stark in Moscheies' E-dur Concert, Frl. Mösner in Parish Alvars' und Godefroi's Harfen-Compositionen feiern in diesem Herbst grosse Triumphe im Gewandhause. „Frl. Stark (Frau v. Bronsart) schreibt auch tüchtige Fugen", sagt das Tagebuch, „und leistet viel in jeder Beziehung; Frl. Mösner auch, aber wenn ich diese Harfen- effecte höre, so werde ich mit Betrübniss daran erinnert, dass die Arpeggios, mit denen die Ciaviermusik jetzt überladen ist, zuerst der Harfe entlehnt wurden; bedenkt man aber, dass das Ciavier ein orchestrales Instrument ist, so kann diese Neuerung eher zum Verfall, als zur Hebung der Kunst beitragen." Und wieder finden wir zwei grosse Künstlerinnen, aber diesmal statt der jugendlichen Aspirantinnen schon bewährte Berühmtheiten, Madame Unger-Sabatier, Frau von Bock (Schröder-Devrient). Sie beide treten nicht öffentlich auf, aber der Moscheles'schen Familie wird der Genuss, sie privatim zu treffen. Ein Brief Moscheies' sagt: „Spohr war vom. Concertdirectorium eingeladen, hier einmal wieder einige seiner Compositionen zu hören; er erschien und war von dem Orchester unter Rietz mehr als befriedigt, meinte sogar, es hätte noch gewonnen. Es vergalt ihm dies Lob durch einen kräftigen Tusch, dem Publicum und Kunstbrüder jubelnd beistimmten. "Wir hörten seine C-moll Symphonie und Ouvertüre zur Jes- sonda. Am nächsten Morgen war wieder eine musikalische Aufführung im Gewandhaus, dem berühmten Gast zu Ehren. Mich electrisirte die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 wie gewöhnlich, und bei Mendelssohns A-moll Symphonie dachte ich: „Zukunftsmusik, was willst Du?" David lud seinen lieben alten Lehrer zu einem Künstler-Diner; wie behaglich sich dieser bei ihm fühlte, beweisen die Geschichtchen, die er uns bei Tische erzählte. Von dem Churfürsten meinte er, er plage den jetzigen Kapellmeister Carl Reiss ebenso sehr wie ihn selbst in früheren Jahren; sogar in der Aufstellung des Orchesters bleibe er Autokrat, was Wunder, dass man in so einem Theaterdienst manchmal ausser sich gerathe?" „Ich führte dem Meister im Conservatorium meine brave Schülerin Fräulein Albrecht aus Russland in seinem Quintett vor, David Hess seine Schüler das Octett für Streichinstrumente spielen und das Blumenduett aus „Jes- sonda" ward gesungen." Ein anderer Brief sagt: ... „Die „Eroica" und „Athalia" in einem Concert — das war schön! Und was auch das Rumpf-Parlament der Musiker leistet, Besseres leistet es nicht. Frl. Mösner brachte die Harfenpartie der „Athalia" so zur Geltung-, wie wir sie noch nicht gehört haben; Frau Reclam sang vortrefflich, echt musikalisch, sowie sie auch die Stütze der Soli im Riedel'schen Verein ist. — Ich bin ganz durch Zufall dazu gekommen, eine Phantasie über den „Tanz" von Schiller zu schreiben. Das Schiller-Comite liess mich fragen, ob ich am 11. November meine Ouvertüre zur „Jungfrau" bei der Festfeier wolle aufführen lassen? das fand ich des mittelmässigen Orchesters halber gewagt, und schlug daher vor, dass mein tüchtiger Schüler Mertke meine Phantasie über Schiller's „Sehnsucht" spiele und mit dem hinzucomponirten „ Tanz" brillant ende." Spätere Berichte aus der Oeffentlichkeit erzählen uns von dem Beifall, den Herr Mertke erntete, und wie schön Frau "Wohlstadt die betreffenden Gedichte declamirte. Das Schillerfest und des Königs Geburtstag reihen sich aneinander und für die Feier des Letzteren im Conservatorium hat Moscheies ein „Salvum fac regem" componirt. Die Frau schreibt: „Unsere häuslichen Abende sind genussreicher als je durch den jungen Davidoff, der so wunderschön Cello spielt, durch David ohne off, dessen Aloscheles' Leben. II. IQ —_ 2go — Geige und Persönlichkeit sich immer mehr bei uns einbürgert, durch Ludwig Strauss, H. Wieniawski, Fräulein Bondy und andere Künstler, die schon im Concert gespielt haben oder noch spielen werden; — durch Lind- hould, der im Zimmer wunderschön singt. Dann giebt es vierhändige Stücke mit dem jungen Sullivan, der unser Stammgast ist; es giebt aber auch Abende, an denen Shakespeare mit vertheilten Rollen gelesen wird. Bei dem Allen ist der Hausherr meist betheiligt, zuweilen aber auch lässt er uns gewähren und arbeitet an seiner Mozart - Ausgabe für Hallberger, in der verlängerte Bogen und hinzugefügte Vortragszeichen eine grosse Rolle spielen." Ein von Carl Werner gestifteter Künstlerverein wird bei seiner ersten Zusammenkunft von Moscheies als Mitglied besucht, und so „kunstbeflissen als heiter genannt", auch im Professoren - Verein gab's einen interessanten Abend zu Ehren des neuen Rectors, des Geheimen Rath von Wächter. Endlich im December erscheint Frau Viardot zum dritten Mal. Wie zuvor lässt sie alle Musik- Gattungen, von der Arie aus Lully's Oper „Persee" (1682) bis zu Chopin'schen Mazurken hören. „Mir fiel ein mexi- canisches Lied, das sie sang, durch diese eigenthümliche Begleitung auf: rm -r < öri^ijr * ■> ■ r.-'-ß j*— §.'■ i : - -.» -■■ g .g - fF^ ■ ■ £ - ■'■' III u U ! I üi* > > LLU > > und ich machte ihr ein kleines Notturno darüber für ihr Album. Die genialische Frau wird unserer Stadt mit dem scheidenden Jahr entführt." 291 — 1859. Es giebt nichts Neues unter der Sonne, sagt das alte Sprichwort, und dies schien sich in den ersten drei Monaten dieses Jahres an den Musikzuständen zu bewähren, denn die Gewandhausconcerte, die Schülerprüfungen, mit Sorgfalt vorbereitet, gehen in gewohnter Weise, auch mit dem besten Erfolg vorüber. Da Moscheies eben in diesem Winter findet, dass seine Mühewaltungen für Andere sich sehr gesteigert haben, so liest er mit besonderem Interesse einen Brief des greisen Alexander von Humboldt, der eben durch die Zeitungen geht. Der grosse Mann verbittet sich von nun an alle wissenschaftlichen Nachfragen u. a. derartige Zuschriften, „da ihre Zahl sich auf jährlich 2000 beläuft, er sich wie ein Adress-Comptoir gebraucht sieht, und seine abnehmenden Kräfte ihm solche Anstrengung nicht mehr erlauben." . . . „Es giebt mir zudenken", sagt das Tagebuch; „auch kleinere Lichter sollten sich nicht missbrauchen lassen; man muss eine Auswahl treffen." Nicht lange, so verkünden die Zeitungen den Tod des grossen Forschers im Gebiete der Wissenschaft. „Für's Erste aber", schreibt Moscheies, „läuft die musikalische Welt einen kühnen Wettlauf. Die „Neue Zeitschrift für Musik" feiert im Juni ihr 25Jähriges Jubiläum und die Partei, deren Interessen sie hauptsächlich vertritt, will hier um diese Zeit ein grosses Künstlerfest veranstalten; dies die Novität des Jahres. Der Riedel'sche Verein studirt mit grossem Eifer die Graner Messe dazu ein." Es bildet sich ein Comite, um den im Juni erwarteten fremden Musikern einen ehrenvollen Empfang zu bereiten, und Moscheies wird eingeladen, sich diesem beizugesellen. Festprogramme werden vertheilt und die Aufführungen vielfach angekündigt. Als Liszt im Mai zu kurzem Besuch in Leipzig erscheint, weiss er Moscheies zu bereden, sich mit dem Vortrag seines Hommage ä Händel bei dem Feste zu betheiligen. „Er nennt mich einen 19* ---- 2Q2 ---- der Pfeiler des Clavierspiels, der nicht fehlen darf, ich nenne mich den nothwendigen Contrast zwischen der alten und neuen Schule und willige ein. Ich habe meine Grundsätze, meine Ueberzeugungen, doch will ich mich der neuen Partei durchaus nicht schroff entgegenstellen." . . . In diesen Tagen fährt ein Künstler-Conclave nach Weimar, um eine neue einactige Oper von Rietz, „G. Neumark und die Gamba" zu hören. „Er dirigirte selbst",, schreibt Moscheies, „und das Werk ward mit Applaus und Hervorruf des Componisten aufgenommen. Orchester und Sänger zeichneten sich aus, vor Allen Frau von Milde. Noch vor der Oper bewirthete uns Liszt auf's Liebenswürdigste; volle Schläuche, Niederlagen von Cigarren, und als er sich an's Ck-tvier setzte, hörte ich zu meiner nicht geringen Ueberraschung mein altes Op. 42, Variationen über das österreichische Liedchen, •m- ii _________ _ _ _ g-a—»-p-F»- ^EEr^Etffi mm das ich seit vierzig Jahren ignorirt habe. Er spielte sie auswendig und legte Effecte hinein, die in ihrem Ueber- muth Aufsehen erregend waren, auch liess er uns eine eigene Orgelphantasie über die Buchstaben Bach hören; kühn geniale Verwickelungen, donnernd ausgeführt. In der Nacht fuhren wir Alle nach Leipzig zurück." . . . Einige Tage später heisst es: „ Ich gab Liszt ein Künstlerdiner, gemüthlich ungenirt. Xach Tische fand er, die Cigarre im Munde, unter Musikalien meinen Tanz und die humoristischen Variationen, beides vierhändig, und gleich musste ich es mit ihm spielen. Alles knallte und sprudelte prächtig; dann kamen wieder die alten Variationen und endlich meine Sonate melancolique mit wahrhaft künstlerischer Begeisterung; — es war ein Hoch- genuss. Schade, dass ich mich für die Richtung, die er in seinen Compositionen einschlägt, nicht begeistern kann; es ist das der Schleier, der über unsere künstlerische In- — 293 — timität fällt. — Bei David hatten wir auch eine musikalische Zusammenkunft, das Müller-Quartett, meine „Con- trastes" mit Liszt, Jaell und Bronsart, ausserdem Tausig, Frau von Milde u. A. Liszt spielte seine colossale Bachphantasie, und mit Bronsart seinen Orpheus auf zwei Ciavieren. Eine Anzahl der fremden Musiker, Liszt an der Spitze, kam auch zu mir, um mich spielen zu hören, sie wollten wissen, wo mir der Zopf hängt. Aber Zopf oder nicht, mein Verhältniss zu Liszt ist ein cordiales, wir wissen genau, was wir von einander zu halten haben, und wenn wir vierhändig spielen, so geben wir. trotz unserer verschiedenen Racen ein gutes Gespann, von Gott Apollo ohne Peitsche kutschirt. Liszt spielt noch immer gigantisch ergreifend oder idyllisch kosend. — Mein Hommage ä Händel mit Jaell in einer der Festmatineen ging auch gut und Frau Reclam sang vortrefflich." — „Das Concert ~] im Theater mit Compositionen von Mendelssohn, Schubert, Berlioz, Schumann, Wagner, Franz, Liszt war höchst interessant und vortrefflich ausgeführt, der Applaus enthusiastisch." — „In der Graner Messe ist ein achtbares J Streben unverkennbar, und sie ist theilweise erhaben' theilweise aber gesucht und erinnert mitunter an den Venusberg. Die Soli wurden von Herrn und Frau von Milde, Weixelstorfer und Fräulein Hinckel sehr gut ausgeführt." — „Bach's H-moll-Messe in der Thomaskirche war grossartig wie immer, aber all' unsere Genüsse im Schweisse unseres Angesichts erkauft." — „Der Genuss,""" Schumann's „Genovefa" im Theater zu hören, auch durch die Hitze verleidet." — „Bei dem grossen Souper, wo von Fremden und Einheimischen viel getoastet wurde, stiessen Manche in grosser Herzlichkeit ihr Glas an das meinige; doch sah ich auch Andere, deren Gesichter so lang waren, wie ihr Haupt- — oder .Barthaar, und die sich fern von mir hielten. Einerlei; — das Fest, durch viele Reden über Kunst-Förderung und künftige Künstler-Versammlungen beschlossen, hat ein glückliches Ende genommen; •die Fremden haben allen Grund zur Befriedigung, wir Leipziger aber auch, indem wir ihnen diese bereiteten. — 2Q4 — Nicht einmal der unselige Krieg, der jedes Gemüth beunruhigt, indem er Viele zu Grunde richtet und Alle gefährdet, trat störend auf, und hat auch der Federkrieg der verschiedenen Parteien schon begonnen: er wird kein bleibendes Unheil anrichten, denn im Ganzen war doch dieses Künstlerfest ein Friedenscongress. — Die Fremden sind nun nach Merseburg, wo ein Orgel-Concert im Dom stattfindet. Auch David ist dabei betheiligt, und wenn er so spielt, wie hier in der Matinee im Schützenhause, so kann man ihn nur ausgezeichnet nennen." Ein späterer Brief sagt: „In den Kriegswirren habe ich die Zukunfts-Musiker schon beinahe vergessen. Im Mai schrieb ich noch einen patriotischen Marsch zu vier Händen, in welchem ich das österreichische Volkslied und Lützow's wilde Jagd erst getrennt, dann vereint brachte, und nun sieht es schlimmer als je um die Vereinigung unserer Grossmächte aus! Sogar ich alter Musiker habe also nicht gut gezählt, heisst das gerechnet (der schlechte Witz bittet um Entschuldigung). Der Marsch wurde im Schützenhause von dem Orchester des Director Menzel gespielt." . . . „Wir sind sehr eifrig in unseren Frühpromenaden sowohl, wie in unseren musikalischen Abenden mit David, und bald gehen wir nach Thüringen, dessen grüne Ruhe uns wohlthun wird." Auf der Reise dorthin wird ein kurzer Halt in Halle gemacht, um der Enthüllung des Händel-Monuments von Heidel und der Aufführung seines „Simson" beizuwohnen. Die Monate Juli und August werden mit Verwandten und Freunden auf's Angenehmste verlebt. „Ein grün- umranktes Häuschen am Fusse der Wartburg mit der himmlischen Aussicht auf Feld, Wald und Berge" wird alsbald bezogen. Der Commandant, Freiherr von Arns- wald, nimmt die Familie mit grösster Herzlichkeit auf. Während diese für die Schönheiten der Burg und ihrer Umgebungen schwärmt, weiss Moscheies Jenem musikalische Genüsse — oben auf der Orgel, unten auf dem Ciavier — zu bereiten. — Gleich bei der Ankunft im Hotel, als die Familie Moscheies zu Abend isst, erlebt — 295 — man eine komische Episode. Man hört plötzlich im Nebenzimmer Moscheies' G-dur-Etüde in David's Uebertragung meisterlich auf der Geige spielen. Grosses Wunder! Moscheies springt auf undklingelt. „Wer wohnt daneben ?'•' ruft er dem Kellner entgegen. „„Herr Concertmeister Singer"" ist die Antwort. Nun war das Wunder erklärt, die Ver- bindungsthür blieb nicht lange geschlossen, und Alle freuten sich über das hübsche Zusammentreffen. — „Am Geburtstag der heiligen Elisabeth war es auf der Wartburg poetischer wie gewöhnlich", schreibt die Frau. Ich durfte Frau Arnemann und einigen anderen Damen helfen, riesige Laub-Gewinde für die Eingänge zu binden, um sie damit zu bekränzen. Die hier tagende Synode von Prälaten aus allen vier Himmelsgegenden — hatte sich in der dämmerigen Kapelle versammelt. Ort, Zeit und Stimmung waren Andacht erweckend, und Moscheies' Orgelspiel war es auch. — Eine weihevolle Stunde!" Moscheies com- ponirtauch ein vierstimmiges Wartburglied, das im grossen Sängersaal probirt wird und schreibt: „Den Spruch, den ich dort fand, muss ich mir als wahr hier verzeichnen. Er lautet: Das mag die rechte Musik sein, Wenn Mund und Herz stimmt überein." „Ich muss mein altes Sextett neu für Hofmeister ar- rangiren, und, o saure Arbeit! vierzehn Nonette für Blasinstrumente durchlesen und beurtheilen, die mir als Preisrichter die deutsche Tonhalle eingeschickt hat." Nach Verlauf eines Monats wird das schöne Thüringen heiter und in kleinen Absätzen durchkreuzt, bis man Friedrichsroda und den lieben Freundeskreis, David an der Spitze, erreicht, der sich dort häuslich niedergelassen hat. Nun ist des Musicirens kein Ende, aber auch der Vaterfreuden nicht, denn Sohn »und Tochter aus London besuchen die Eltern und Moscheies hatte nicht umsonst schon beim Entstehen dieses Reiseplans geschrieben: „Er ist schon als Luftschloss so schön, dass ich ihm nur ein marmornes Piedestal wünschen kann." ;— 296 --- Vor der Heimreise giebt er noch in Eisenach eine Matinee zum Besten einer Nähschule, für die sich Frau Arnemann interessirt, und Moscheles schreibt: „Es fehlte nicht an Beifall, ja nicht einmal an einem Lorberkranz! Vielleicht bekam ich ihn zur Würze meiner hiesigen Suppen, deren Hauptingredienz dem Brunnen entnommen zu sein scheint, sowie die Braten von irgend einem Schuhmacher verarbeitet werden könnten. Mit einem Wort, das Thüringische Essen ist ebenso miserabel wie der Thüringische Bauerngesang; diesen hörten wir neulich bei einem Feste. Die Mädchen standen auf der Bergkuppe im Kreise und sahen so apathisch aus, dass man nicht wusste, waren sie hübsch oder hässlich, doch glaube ich letzteres, und als sie sangen: Alles mit Jeduld, Jeduld ertra-a-a-agen, dachte ich: Ihr habt Recht; doch wer weiss, wie bald meine Geduld reissen wird! Denn an Euch hat der Herr Schulmeister kein Wunder gewirkt. . . . Schliesslich fiel mir ein, wie diesen Sängerinnen wohl unsere viele Musik missfallen mag, die sie täglich unten im Dorf hören und wie sie vielleicht auch mit Jeduld David und mich und die vortrefflichen Liebhaberinnen unserer kleinen Colonie ertra-a-gen!" Im Herbst, als die jüngste Tochter sich in Paris aufhält, um Gesangs- und andere musikalische Studien bei Mme. Viardot zu machen, schreibt ihr der Vater: „Dein erster Brief aus dem kunstgeweihten Hause hat mich erfreut, Deine Thätigkeit im Transponiren etc., über die Du berichtest, gleichfalls; nur springe nicht 'von einem zum andern, und bei Deinen Compositionsversuchen empfehle ich Dir, immer eine bestimmte Empfindung auszudrücken, eine ernste oder fröhliche, eine zufriedene oder ängstliche u. s. w. Wenn Dir das in kurzen Stücken gelingt, so kannst Du Dich an grössere wagen, in denen die Empfindungen gleichsam dramatisch wechseln. Immer denke Dir eine Scene aus dem menschlichen Leben und verschmähe die blos mechanischen Mittel, um Effect zu machen. Die Technik muss nur zu Hülfe kommen, um den Hauptgedanken zu steigern und ihm Kraft oder Cha- — 297 — rakteristik zu geben. Deine Notenschrift ist verbessert, aber ich setzte doch manchen Noten die Köpfe zurecht, wegen der Deutlichkeit. Avis au lecteur. . . . Alles was Du mir überBerlioz schreibst, interessirtmich besonders, denn er ist gewiss unter den strebenden Künstlern einer derjenigen, die viel Erfindungskraft haben und die Kunst nicht absichtlich zu verzerren suchen. Seine in Weimar gehörte Oper „Benvenuto Cellini" berechtigt mich zu den schönsten Erwartungen für die nun zu gebenden „Trojaner". Er hat mir nie viel Sympathie gezeigt, hält mich vielleicht für seinen Gegner, aber mit Unrecht. Dass Du Betrachtungen über modernes Clavierspiel anstellst — dass Du findest, die Charakteristik einer guten Composition werde durch die Sucht zu glänzen, entstellt, die Tiefe der Empfindung und die edle Leidenschaftlichkeit arte in Affeetation aus, Dein Vater aber habe nie solchen Götzen geopfert — gefällt mir natürlich. Du streichst mir damit, wie man sagt, Honig um den Bart und erregst meine Eitelkeit. Sei aber auch nicht ungerecht gegen strebsame Künstler, und was Dein eigenes Spiel anbetrifft, so suche in die Fusstapfen der schönsten weiblichen Vorbilder zu treten. . . . Unser Leben war zeither bunt; um 3 Uhr zu Bette und um 9 Uhr im Conservatorium. Nachmittags spielte ich dem amvesenden Schachner aus München auf seinen Wunsch meine drei Schillerstücke: „Erwartung", „Tanz" und „Sehnsucht" und das Concerto fan- tastique vor, und so geht's mehr oder minder alle Tage. Davidoff und der Rigaer Poorten sind zwei vortreffliche Cellisten und wie Vieuxtemps stets willkommene Gäste für die häusliche Musik, ebenso der junge Rudorff und Carl Rose, beide talentvolle jung'e Schüler auf Ciavier und Geige. — An dem kleinen Röntgen lernten wir ein wahres Wunderkind kennen. Er ist 5 Jahr alt, hat ein merkwürdiges Gehör und spielt schon allerliebst. Da er das Pedal mit seinen kurzen Beinchen nicht erreichen kann, so legt sich sein dreijähriges Schwesterchen unters Ciavier und drückt es an den richtigen Stellen nieder, ist also auch musikalisch begabt." Ein Brief vom 14. October sagt: „Ich war im Theater, um eine Oper ■ zu hören — xlie des perrückenhaften Rousseau, des Salzburger Wundermannes, des Bonner Himmelsstürmers, des Freischützen-Generals, des General Meyerhof-Intendanten bis herunter auf Marthe mit dem Milchtopf (aus dem viel Wasser füesst), kannte ich, aber eine herzogliche Oper hatte ich noch nicht gehört; also ging ich in „St. Chiara". Und wirklich vereinigt, diese Oper alle Eigentümlichkeiten der soeben genannten verschiedenen Epochen in sich; man begegnet darin aber auch der Zukunft. Ein Zopf, der das unter die musikalischen Sünden rechnet! Ein Regent muss alle Stände unter dem Gesammtnamen Volk berücksichtigen; — den dritten, welcher die Galerie füllt, so gut wie den ersten, der diplomatische Noten schreibt und die parfümirten Schönen, welche Italiens Süssigkeiten lieben, Allen muss er gerecht werden. Die Sänger wurden es seiner Musik nicht, aber die äussere Ausstattung war so glänzend, dass das Band im Knopfloch des Directors nicht ausbleiben wird. — Ein weniger hoher Dilettant, wenn auch ein hochgestellter Mann, der Präsident Veit aus Eger hat seiner Symphonie Eingang und Beifall im Gewandhaus verschafft; eine klar melodische Arbeit. Das Orchester und seine Führer ehrten ihn durch die. Privat - Aufführung einiger grossen Werke im Gewandhause." Als endlich Italiens Kampf beendet ist, heisst es: „Der Kladderadatsch bringt folgenden guten Witz über den bevorstehenden Friedenscongress: England ist für Hochkirch und Essen. — Russland stimmt für Wartburg, hat aber auch nichts gegen Erlangen; — Oester- reich würde sich zu Schonen verstehen, falls es ihm nicht gelänge, sich mit Geldern zu arrangiren; Preussen ist für Friedberg oder einen anderen sicheren Ort, für den sich auch Anhalt gewinnen liesse." Im November ist Leipzig ganz Schillerfeier; der 100jährige Geburtstag des grossen Dichters wird mit äusserster Pracht begangen und Moscheies als Mitglied des von Carl Werner gestifteten Künstlervereins, fünf — 2Q9 — Stunden mit im Festzuge. „Mehr aber als dieser oder die Theater-Festvorstellung", schreibt er, „interessirte mich das Concert mit der neunten Symphonie, die Solostimmen von Fräulein Dannemann und Hinckel, den Herren Bernard und Bertram gesungen. So ausgeführt hatte ich das Werk nie gehört; es electrisirte mich. Die Begeisterung war vom Dirigenten und Vorgeiger hinauf bis zu dem Pauker gedrungen, und Alle — Hörer so wie Mitwirkende — fühlten, dass man etwas nie Geahntes geleistet hatte. Man jubelte. — Nun sind die Festlichkeiten vorüber, aber die Symphonie soll noch einmal gegeben werden. Rietz hatte für die Feier eine Ouvertüre, Richter eine Cantate mit Text von Dr. Adolar Gerhard geschrieben. Ich habe mein Stück nach Schiller's „Tanz", zwei- und vierhändig, als einen kleinen Beitrag der Schillerstiftung Übermacht." Hatte der Anfang des Monats November in Erinnerung an Spohr's Tod und Mendelssohn's Sterbetag ein ernstes würdiges Gewandhaus-Concert mit Mozart's Requiem und Mendelssohn's 42. Psalm hervorgerufen, so brachte das Ende desselben eine Todtenfeier für Reissiger im Conservatorium. „Am 2. December", schreibt Moscheies, „feierte die Aula ihr 45ojähriges Bestehen im Beisein des sächsischen Königshauses. Rietz, dem eben die Doctorwürde ertheilt worden ist, hat eine^Composition im gediegensten Styl für die Feier gemacht, und der Rector, Professor von Wächter hielt eine »schöne Rede." Am 3. December finden wir die 'Notiz, „dass in der Abend-Unterhaltung des Conservatoriums besonders Gutes geleistet wurde. Die Herren Hegar, Rose, Albrecht und Grützmacher jun. spielten Beethoven's Quartett Op. 132 trotz seiner eminenten Schwierigkeiten ganz vortrefflich, und Herr Jadassohn liess sein von vielem Talent zeugendes E-moll-Trio von seinem Mitschüler Herrn Barnett vortragen." . . . Es sei uns vergönnt, hier zum Jahresschluss eine unmusikalische Notiz anzureihen, weil sie einen Charakter- — 300 — zug enthält. Moscheies schreibt einem jungen Manne in Bezug auf eine vorherrschende Empfindlichkeit: „Thue nur ja nicht böse mit Deinem Freunde, denn Du hättest Unrecht, wenn Du ernstlich schmolltest. Ein kleines Versehen oder eine Vernachlässigung könnte in der Ferne zu einem Bruche führen, und man sollte doch die Schwächen seiner Freunde entweder ertragen oder'mit Gelassenheit rügen. Dies mein Rath. Gott leite Dich zu allem Guten und Schönen!" 1860. Moscheles schreibt den in Paris weilenden Kindern: „Die Gewandhausprobe wurde mir durch die Aufführung der Melusinen - Ouvertüre und des Finale der Lorelei eine sehr aufregende, und als vollends Paul Mendelssohn in den Saal trat, da wurde mir schlimm zu Muthe. Die theuren Züge seines unsterblichen Bruders standen in ihrer Lieblichkeit vor meinem Geistesauge, trotz geringer Aehnlichkeit zwischen den beiden."..... „Frau Bürde-Ney mit ihrer grossen Stimme- leistete Grosses. Rietz, der uns nun wirklich verlässt, um nach Dresden zu gehen, war ganz,weich gestimmt, als er von seiner Uebersiedelung sprach und drückte mir zärtlich die Hände. Sein Abtreten ist ein grosser, noch unersetzter Verlust." .... Aber was sagt Ihr zu **, eben aus Paris kommend, den ich fragte, ob er den Orpheus gesehen? Antwort: „Ja, es ist ein nettes Lustspiel, welches viele Vorstellungen erlebt hat; die Oper kenne ich nicht." Und doch hat Mme. Viardot ihn nun schon 52 Mal gesungen .'• .... Ein anderer Brief sagt: „Ihr wisst, wie unersättlich ich im Hören aller mir gebotenen Musik bin; wie ich in die Euterpe gehe, obgleich sie mit dem unvergleichlichen Gewandhaus-Orchester nicht auf einer Stufe steht. Ich höre auch dort manches Gute, ja, wäre es nur Mittel- massiges, man könnte auch davon noch lernen, wie man — 3°i — es nämlich nicht machen soll! — Jetzt besuche ich auch noch den Dilettanten-Verein. Es sind eben Dilettanten, aber Herr von Bernuth, der frühere Conservatoriums- Schüler, dirigirt ihn tactvoll, das zieht mich hinein; sehe ich doch so gern die Schüler Carriere machen."...... Und in einem späteren Briefe: „Du sagst, J. und B. sind in Paris! Sie kommen mir vor, wie zwei Kunstreiter die sich im Galopp die Hände reichen; grüsse sie von mir. Ich hoffe, dass Keiner sich den Hals bricht und möchten sie unversehrt bleiben, wenn sie durch die Papierfässer — die Journale springen. Eine Auskunft möchte ich mir verschaffen: ob nämlich in der Ouvertüre zu Don Juan die erste Note im zweiten Tact eine halbe oder Viertelnote für den Contrabass ist? Ich möchte es durch die Partitur der Oper im Besitz von Mme. Viardot ermitteln. — Unser thätiges Leipzig ruft wieder einen neuen Verein ins Leben, diesmal unter den Israeliten; er soll „Moses und Felix Mendelssohn-Verein" heissen und hat den schönen Zweck, arme Studenten oder Conservatorium-Schüler zu unterstützen. Im Interesse der Letzteren wohnten Schleinitz und ich den Berathungen bei." — „Ihr wisst, wie ich stets gegen das „Recensiren" in musikalischen Zeitungen eifere, dem sich einig-e Schüler ergeben haben; auch wie sehr Mendelssohn dagegen war; so ist beifolgendes Gedicht "Wasser auf unsere Mühle. Ich fand es in Gutz- kow's „Unterhaltungen am häuslichen Herd." Dem Zukunftsmusiker von Ludwig Seeger. Welch tolle Laune plagt den Mann Beim Handwerk nicht zu bleiben? Wer singen und Laute spielen kann, Was braucht der Bücher zu schreiben ? Wer zu dem Schwerte greift, der fällt Durch's Schwert, das merk' sich Jeder. Wer durch die Feder sündigt, erhält Ein Urtheil durch die Feder. Die Zukunftsgrillen verscheuche sie, Lass Andre sich kritisch befehden! Dein ist die That, die Melodie, Die Andern mögen reden. — 3° 2 — In einem anderen Briefe heisst es: „Wir haben uns viel-unter berühmten Reisenden bewegt. Mit Gerstäcker, als er lebendig von seinen Erlebnissen erzählte, waren wir in der Prairie, mit Tischendorf auf dem Sinai, als er erklärte, wie er dort eine Bibel aus dem vierten Jahrhundert aufgefunden; mit Schlagintweit trauerten wir über die entsetzliche Todesart seines Bruders. Und Ihr wisst schon, nur so mache ich gern solche unternehmende Reisen, bequem auf meinem Sopha, oder beim Souper in einem befreundeten Hause; meine Einbildungskraft thut dann das Uebrige hinzu und den nächsten Morgen habe ich wieder die Schüler, Abends Concert, statt mich mit Wilden oder Mönchen bei Hitz' und bei Kälte herumzuplagen, und mir am Ende noch einen Finger abschlagen zu lassen." .... „Wir haben auch Emil Devrient viel Interessantes über seine Leistungen erzählen hören. Dass er stets den Souffleur zahlte, damit er schwiege, gefiel mir besonders, denn je weniger der Künstler sich auf Andere stützt, desto grösser steht er da; auch sein eigenhändiges Packen der sechs Costüme-Koffer, die er mit sich führte, begegnete sympathisch meinem ängstlichen Ordnungssinn. Um den Brief musikalisch zu schliessen, will ich noch erzählen, dass ich neulich einigen tüchtigen Schülern Vieles von mir, und zuletzt Beethoven's Phantasie mit dem herabstürzenden Lauf-Anfang spielte. Ich war recht gut „bei Fingern", da mein regelmässiges Lesen der neuen halsbrechenden Compositionen sie mir geschmeidig erhält. Die jungen Leute thaten überrascht, ergriffen, und schienen sagen zu wollen: „Du verstehst- es doch besser als wir dachten." Vielleicht werden sie mir künftig glauben, wenn ich ihnen predige, dass mehr Effect im Verständniss und Vortrag liegt, als in der blossen Ueberwindung von technischen Schwierigkeiten und Bravouren, dass diese letzteren nur das Mittel, nicht der Zweck sind." .... Moscheies bereitet in diesem Winter eine neue Auflage seiner Etüden Op. 70 vor, giebt seinen symphonischheroischen Marsch, sechs Lieder und vier Vocalduette — 303 — heraus, aber einen Vorschlag, progressive Stücke zu schreiben, verwirft er, „weil es beinahe unmöglich ist, mit solchen Sachen Phantasie zu verbinden." „Unsere Winter - Musik ist würdig durch die Aufführung der Passion am Charfreitag abgeschlossen; nun steht man vor den Blüthen und Knospen des Frühlings ,„und weiss doch selber nicht wie."" „Man steht aber auch im Moscheles'schen Hause vor einem beglückenden Fa- miliencongress, und als Alle von Ost,. West und Nord versammelt sind, schreibt Moscheies: .... „Das sind die häuslichen Freuden, aber künstlerisch sollen sie sich auch als meine Töchter zeigen." Von den Enkeln sagt er: „Ich machte mich zum Kinde mit ihnen, ich erlaube ihnen sogar auf den Flügeln zu klimpern; die kleinen Finger greifen sie nicht so stark an, wie die modernen Clavierspieler." . . . In "diese Tage fiel Schumann's sojähriger Geburtstag, / der durch die Aufführung seiner „Genovefa" im Theater gefeiert wurde. Das Tagebuch sagt: „Schumann's Oper fesselte meine Aufmerksamkeit dergestalt, dass ich während des ganzen Abends nicht müde wurde, der genialischen Musik zu folgen und mich daran zu ergötzen." — Auch im Conservatorium gab es dem Meister zu Ehren eine brave Schülerfeier. In den Ferien geht Moscheies nach Paris und schreibt seiner Frau:... „und nun so fort im musikalischen Depeschen- Styl, denn wo die Zeit zu einem ordentlichen Brief hernehmen? Mme. Viardot sang mir die zwei Orpheus-Arien mit den staunenswerthen Cadenzen vor; von Stephen Heller hörte ich sein neuestes Stück „Genrebild"; mit Damcke und seiner Frau wird viel musicirt, auch werden musikalische Ansichten mit dem Denker und feinfühlenden Componisten ausgetauscht. Die Verwandten, Mme. Erard, Cremieux, Alle nehmen mich gastfreundlich auf und zuletzt" muss ich vorspielen. Sie wollen wissen, wie der Moscheies aus der alten Zeit sich in der neuen ausnimmt. Bei dem Lobe denke ich mir dann: Rabattez la moitie et marchandez sur le reste. . . . Bei einer Künstler- — 304 — matinee, die ich gab, übersetzte ich mir die blumenreichen Epitheta, die man mir, wie einer Ballettänzerin dieSträusse, zuwarf, in die richtige Prosa." . . . „Herz hat seine Classe für den bevorstehenden Concours du Conservatoire mein Es-dur-Concert studiren lassen, aber o weh! in welcher Verrenkung oder Zusammenpressung. . . . Der Director Auber befiehlt, dass jedem Schüler nur 4 bis 5 Minuten für sein Spielen im Concours gestattet werden; also giebt es 8 Tacte vom Tutti, und dann die Hälfte des ersten Solos mit der zweiten Hälfte des dritten Solos zusammengezogen. Und darin sollen die Fähigkeiten der Vortragenden sich zeigen? Nimmermehr. Man lud mich ein, mit Auber, Ambroise Thomas u. A., in der Jury zu sitzen, aber ich dankte. Nun kommen viele preissüchtige Schülerinnen, um mir mein verstümmeltes Concert vorzuspielen. Sie warten auf den ersten Preis, wie die Jockeys beim Pferderennen und bitten um meine Protection, wie man um Votes zu einem englischen Parlamentssitz bittet." . . „Ich habe viele schöne Flügel in ihren Fabriken probirt, unter andern auch die Pleyel'schen Stutzflügel, die mich durch ihre Schönheit überraschten; die gütigen Besitzer wollen mir einen derselben nach Leipzig schicken. Der Associe, George Pfeiffer, ist ein vortrefflicher Pianist, der sehr hübsche Sachen geschrieben hat. Henri Wieniawski finde ich unendlich fortgeschritten in seinen Leistungen. Mme. Marjolin, die Tochter von Ary Scheffer, lebt ganz dem Andenken ihres grossen Vaters, von dessen Werken sie in ihren Salons umgeben ist. Ich durchflog im Gespräch mit ihr noch einmal die interessanten Stunden, die wir früher zusair.men in seinem Atelier zubrachten."... ... „Aber denke Dir, die Vorstellung der „Semiramis" war mir ermüdend; die Musik veraltet, die Sänger nicht nach meinem Geschmack, die Ballettänzerinnen hässlich, und da ich Auber den ganzen Abend in seiner Loge schlafen sah, so Hess ich den vierten Act im Stich, damit es mir nicht ebenso erginge." . . . Viel lieber begegnet Moscheies dem Maestro Rossini ausserhalb der Oper. Gleich in den ersten Tagen fährt — 305 — er mit dem Sohn nach Passy, wo dieser schon seit längerer Zeit freundlich empfangen war. „Man führte uns gleich beim Eintritt in die schöne Villa in den Parterre-Salon mit reich vergoldetem Ameuble- ment, und ehe Rossini selbst erschien, besahen wir uns seine Photographie in einem Kranz von Porzellan eingerahmt, dessen Blätter die Namen seiner Werke tragen. Der Plafond zeigt in seinen Malereien Scenen aus Pales- trina's und Mozart's Leben; in der Mitte des Zimmers steht ein Pleyel. Als Rossini erschien, war er südlich erglühend in seinem Kuss, in seinen Freudenbezeigungen über mein Wiedererscheinen, in seinen Complimenten über Felix. Seine, im Laufe des Besuches ausgesprochenen Ansichten über Gesangs-Richtung und Studien waren voll schlagender Wahrheit und geistreicher Satyre, besonders gegen die Neuzeit." „Ich mag nichts mehr davon hören", sagte er, „sie schreien! Nur eine sonore Stimme, keine kreischende, will ich sprechen oder singen hören, Alles muss melodisch klingen." Dann sprach er von seiner Lust, sich am Ciavier zu beschäftigen und wenn es nicht unbescheiden sei, für das Instrument zu componiren; nur wollten beim Spielen der vierte und fünfte Finger nicht recht ihre Schuldigkeit thun. Uebrigens werde das Ciavier jetzt misshandelt: „Ils enfoncent non seulement le Piano, mais encore le fauteuil et meme le parquet." Dann kam er auf die Natur der verschiedenen Instrumente zu sprechen und meinte, der Guitarrist Sor und der Mandolinespieler Vimercati führten den Beweis, dass man auch mit geringen Mitteln grosse Kunstleistungen erzielen könne. — Ich hatte die Genannten gehört und stimmte der Ansicht bei. Rossini erzählte mir, wie er eines Abends spät in einer kleinen Stadt Italiens angekommen, sich schon der Nachtruhe freute, als Vimercati, der dort Kapellmeister war, ihn zu der Vorstellung einer seiner Opern einladen Hess. Damals noch nicht so hartherzig wie jetzt, wo er sich standhaft weigert, einer Aufführung seiner Werke beizuwohnen, ging er ins Theater und ersetzte dort sogar den ausgebliebenen Contrabassisten. Dies erinnerte mich Moscheleg' Leben. II. -?o — 3<>6 — an die fehlende Bratsche und das zu tiefe Fagott in Mo- zart's D-dur-Symphonie, an denen ich einst in York gelitten hatte, und ich zeigte Rossini den Effect am Ciavier; dieser lacht herzlich, will dann aber etwas Ernstes hören. Ich improvisirte und Rossini fragt: „Cela est-il grave? C'est de la musique, qui coule de la source; il y a l'eau de reservoir et l'eau de source; l'une ne coule que quand vous ouvrez le robinet, eile sent toujours la vase, l'autre fraiche et limpide coule toujours." Ueber musikalische Gedanken sagt er: „Aujourd'hui on confond le simple et le trivial; un motif de Mozart, on l'appellerait trivial, si on osait!" Als das Gespräch auf das Leipziger Conservatorium kam, erfreute es ihn zu hören,, dass man dort das Orgelspiel mit Ernst betreibe; er klagte über den Verfall der Kirchenmusik in Italien und gedachte mit Begeisterung der sublimen Schöpfungen eines Marcello und eines Pa- lestrina. Ehe wir schieden, musste ich ihm versprechen, ihn noch vor dem Diner, zu dem er mich geladen, wieder zu besuchen." Moscheies hält Wort, und auf seinen Wunsch spielt Rossini nicht ohne bescheidene Vorrede ein Andante in B-dur, etwa s o anfangend: -h—r, ------ *»• ----------------------*-------1----- Mi-;*------ — ad ----- 1 -------1------------iH----- -„-< ------- gva. woran sich nach den ersten 8 Tacten folgende interessante modulatorische Wendung anschloss: f f f ¥ I „Das Stück ist, was wir Deutschen zahm nennen würden. Er holte dann zwei Manu^cript-Compositionen, eine Introduction und Fuge C-dur und eine Art Pastoral- Phantasie mit brillantem Rondo in A-dur, die ich ihm vorspielen musste. Von einem fehlenden 2, das ich dem Ma- — 3°7 — nuscript beifügte, behauptete er, das sei ihm Goldes werth! C, die mich begleitete, und die ihm schon zu seiner Zufriedenheit mein „Frühlingslied" von Hölty und meine „Botschaft" vorgesungen hatte (ohne vor Angst zu vergehen), musste beide Lieder vor den soeben eingetretenen Sängern Ponchard und Levasseur wiederholen, ich wieder spielen. Als er meinte, ich hätte genug melodischen Fluss, um eine Oper zu schreiben, erwiderte ich: „Schade, dass ich nicht jung genug bin, um Ihr Schüler zu werden." Ich muss nun auch seine Manuscripte spielen und das erhebt mich zum „König der Pianisten". „Was ich bin, verdanke ich der alten Schule, dem Altmeister Clementi", sage ich, und bei Nennung dieses Namens geht Rossini ans Ciavier und spielt auswendig Bruchstücke aus dessen Sonaten." . . . Moscheies muss ihm während seines Aufenthaltes in Paris noch viel vorspielen. In den „humoristischen Variationen" will er Barricaden gefunden haben, so sehr scheinen sie sich gegen das Althergebrachte aufzulehnen; den Titel der Grande Valse findet er zu bescheiden. Moscheies müsse mit einer engelschönen Dame getanzt haben, um ihn hervorzurufen und das sollte der Titel ausdrücken; der Titel müsse die Spannung des Publikums erhöhen. „Eine mir widerstrebende Ansicht", fügte Moscheies hinzu, „doch discutirte ich sie nicht." „Ein Diner bei Rossini ist ganz für Feinschmecker eingerichtet", schreibt Mosche- les, „und er selbst bewährte sich als solcher, indem er den ausgesuchten Schüsseln mit Verständniss zusprach. Als ich ihm nach Tische mein Album zeigte, begeisterte er sich für jeden darin verzeichneten Namen; zuletzt wurden wir sehr lustig, ich musste meine Scherze am Ciavier machen, F. und C. sich in dem Duett produciren, in welchem ich ihre Singstimme von seinem, rn.it dem Mund nachgeahmten Hörn begleiten lasse. Unser Scherz machte bei dem lustigen Italiener Furore und so ging die Heiterkeit fort, bis er mir einen' Kuss zur Gutenacht aufdrückte." . . . Bei dem nächsten Besuch, der zugleich der letzte vor — 3o8 — Moscheies' Abreise ist, „zeigt Rossini sein gestern com- ponirtes Manuscript, ein niedliches Lied ohne Worte, die bekannte technische Form, aus der die reizende Melodie angenehm hervorsticht. Ueber die Semiramis sagte er: Nicht wahr, Sie haben hübsche Decorationen darin gesehen? und dabei lächelte er spöttisch. Er hat die Mar- chisios nicht empfangen, aus Furcht, sie möchten ihm vorsingen, sie auch im Theater nicht gehört. Von der Pasta, Lablache, Rubini u. A. sprach er mit Wärme; dann meinte er, ich solle ja nicht mit Eifersucht auf sein aufkeimendes Clavierspieler-Talent blicken, vielmehr ihm in Leipzig einen guten Namen als solchen machen. Für meine Intimität mit Clementi zeigte er erneutes Interesse; mich als seinen würdigen Erben möchte er gern in Leipzig besuchen, nur könne er die Eisenbahn nicht vertragen. Das Alles ward scherzend hervorgesprudelt. Als- aber die Rede auf Chevet kam, der die Noten durch Ziffern bezeichnet haben will, sagte er ernst, beinahe gelehrt: die Notenschrift, wie sie sich seit Papst Gregor entwickelt, sei ausreichend für alle musikalischen Erfordernisse. Er könne zwar dem Chevet seine Anerkennung nicht versagen, doch habe er als Membre de l'Institut das Gutachten zu dessen Gunsten nicht bestätigt, weil er die Ausführbarkeit des Systems für unmöglich halte." So spann sich die nie versiegende Unterhaltung bis ii Uhr fort und dann folgte der nicht ausbleibende Kuss, dem sich diesmal noch Abschieds-Segnungen zugesellten." ... Als Moscheies abgereist ist, muss der Sohn Rossini über das Ergehen der Familie berichten, und dem Vater „soll er schreiben, dass Rossini ihm bei seinem nächsten Besuch in Paris besser eingeübt vorspielen wird." ... „Dann kam er auf deutsche Musik zu sprechen", berichtet der Sohn. „Ich fragte ihn, welche der Classiker er am meisten verehre." Von Beethoven sagte er: „Je le prends deux fois par semaine, Haydn quatre fois et Mozart tous les jours. Vous me direz Beethoven est un colosse qui vous donne souvent des coups de poing dans les cötes, tandisque Mozart est tou- jours adorable. C'est que lui a eu la chance d'aller tres — 3°9 — jeune en Italie ä une epoque, oü l'on chantait encore bien." Von Weber sagt er: „II a du talent a revendre celuilä." Auch das kam zur Sprache, dass man Rossini's Tancred in Berlin hatte von einer Bassstimme singen lassen, dass Weber heftige Artikel gegen das dortige Theater geschrieben, in denen auch gegen den Compo- nisten gesprochen ward. Genug, als Weber nach Paris kam, liess er sich durch diese Vorgänge abhalten, Rossini zu besuchen; dieser aber liess ihn wissen, er habe ihm seine Artikel nicht übel genommen, er möge nur kommen, und so lernten sie einander kennen. Ich fragte ihn, ob er Byron in Venedig gesehen? „Nur in einem Restaurant", war die Antwort, „wo ich ihm vorgestellt wurde, aber die Bekanntschaft blieb oberflächlich; il parait qu'il a parle de moi, mais je ne sais pas ce qu'il dit." Ich übersetzte ihm in etwas milderer Form die Worte Byron's, die mir gerade frisch im Gedächtniss waren: They have been cru- cifying Othello into an Opera, the music good but lugubrious, but as for the words all the real scenes with Jago cut out and the greatest nonsense instead, the handkerchief turned into a billet-doux and the first singer would not black his face. Singing dresses and Music very good." Der Maestro bedauerte seine Unkenntniss der englischen Sprache und erzählte: „Dans mon temps, je me suis beaucoup occupe de notre litterature italienne. C'est ä Dante que je dois beaucoup; j'ai plus appris de musique en lisant Dante que dans toutes mes lecons de musique. Aussi j'ai absolument voulu introduire des vers de Dante dans mon Otello — vous savez les vers du gondolier. Mon poete a eu beau me dire, que les gondoliers ne chantaient jamais le Dante, tout au plus le Tasse. Je lui ai repondu, je sais cela mieux que toi, car j'ai habite Venise et tu ne l'as pas habite — il me faut du Dante." .... Du sublime au ridicule kamen wir auf meine Zeichnung der Marchisios, und Rossini zeigte mir das Duett aus „Semiramis", worauf sie abgebildet sind. Er hat sich herbeigelassen, sie zu empfangen, sie haben ihm vorgesungen, er ihnen ein Stück componirt und nächstens — 3 10 — soll ich sie dort treffen. Er hat mir mit grosser Liebenswürdigkeit ein Stück für mein Mundhorn componirt und ins Album geschrieben. Oben darüber steht: „Theme de Rossini suivi de deux variations et Coda par Moscheies pere", und darunter schrieb er: „oftert ä mon jeune ami Felix Moscheies. G. Rossini, Passy, ce 20 Aoüt 1860." Als der Sohn dem Vater die Abschrift dieses Stückes einsendet, werden sofort die „bestellten 2 Variationen nebst Coda" geschrieben, dann bei dem Maestro angefragt, ob das kleine Stück ihm dedicirt erscheinen dürfe. Man erhielt folgende Antwort: Paris-Passy, 1861. „Mon Maitre (de Piano) et Ami! Permettez moi de vous remercier de votre aimable lettre. Rien ne pouvait ni ne devait m'etre plus agreable. plus flatteur qu'une dedicace de vous. Ce temoignage de votre affection est d'un prix inestimable ä mes yeux, je vous en remercie avec toute la chaleur qui me reste, et qui n'a point encore glace mon vieux coeur. Vous me demandez l'autorisation de faire graver le petit theme que j'ai note pour votre eher fils; — eile vous est aecordee. Rien de plus honorable, eher ami, que d'associer mon nom au vötre dans cette petite publication, mais helas! quel est le röle que vous me faites jouer en si glorieux mariage? Celui du compositeur vous octroyant k vous le grand patriarche, l'exclusif du pianiste. Pourquoi ne voulez vous donc pas m'admettre dans la grande famille un de plus hein! quoique je me sois place tres modestement (mais non sans vive peine) dans la categorie de pianiste de 4 öme classe. Voulez-vous donc, eher Moscheies, me faire mourir de chagrin? ( Vous y reussirez, vous autres grands pianistes, en me traitant en Paria, oui vous serez responsables devant Dieu et devant les hommes de ma mort. Veuillez me rappeler au Souvenir de Mme. et des chers enfants, en agreant pour vous l'affection sincere de votre ami de coeur ~ -,-, Cr. Rossini." — 3« — Hier ein Auszug aus Moscheies' Erwiderung:] „Mon eher Maitre! Savez vous, quel est mon numero favori? C'est le numero 4; nous lui devons l'harmonie la plus parfaite; 4 voix humaines, les quatre instruments du Quatuor, le pianiste enfin de 4err.e classe qui en lui seul represente l'harmonie de toutes les voix et de tous les instruments. N'allez pas me dire, eher Maitre, que vous detestez" le meine Nr. 4, puisque c'est la 4eme lettre que je vous ecris depuis peu, puisque c'est le 4eme protege que j'autorise de frapper ä votre porte hospitaliere" . . . Dem Pariser Aufenthalt folgen vier Wochen des Familienlebens in Boulogne; nur musicalisch gefällt es Moscheies dort nicht. „Ueberall in Frankreich verfolgt mich das leidige Tremuliren, die Alboni würdigt ihre prachtvolle Stimme dazu herab, Streich- und Blasinstrumente, Harmonium und Drehorgeln, ja sogar Claviere wollen diesen geschmacklosen Effect nachahmen; — bei einer Preisvertheilung spielt eine ordinäre Musikbande mit einäugigen Instrumenten und die grosse Trommel donnert dazwischen hinein; — bei einer kirchlichen Prozession werden die Cantiques unrein gesungen und vaudeville- artige Melodieen sind mit in die Musik hinein verflochten. In Wien muss sich auch Vieles verändert haben, wenn mir der Sänger R. wahr erzählt. Es soll nicht mehr so sein wie damals, als ich Beethoven in wachsender Glorie verehrte, ich selbst aber unter dem schützenden Maecenat der Familien Arnstein, Eskeles u. A. geborgen war." . . . Bei der Rückkehr nach Leipzig hat man zwei Trauerfälle verschiedener Art zu beklagen. Bunsen ist der Wissenschaft, und Zöllner der Gesangswelt entrissen. Moscheies gehört zu dem Comite, das dem Mitbürger und Kunstbruder ehrenvolle Aufführungen vorbereiten soll. „Reinecke tritt seine Stelle als Director der Gewand- haus-Concerte an", schreibt Moscheies, „und beginnt seinen Wirkungskreis würdig, indem er viel alte Musik zur Aufführung bringt. Die Musical Society of London sendet Moscheies ein Diplom als Ehrenmitglied, von einem schmeichelhaften Schreiben begleitet. Er componirt eine — 312 — Toccata in Fis-moll für das Mozart-Album, auch ein zweistimmiges Weihnachtslied und fügt dem Brief, in welchem er dies mittheilt, hinzu: „Ich würde grössere Sachen für mein Instrument schreiben, hätte ich nicht die Ueberzeu- gung, dass man sie doch nicht in die heutigen Programme aufnehmen würde. Nur Beethovens, Mendelssohns, Schumanns und Chopins Concerte werden gespielt. Mozart und Hummel bleiben gänzlich liegen, und von meinen acht Concerten erlebt das in G-moll eine immer seltener werdende Aufführung. Ich bilde mir ein, dass meine characteristischen Etüden, meine grande Valse und einige meiner andern Solostücke durch Bravour zünden, mein Kindermärchen und meine As-dur Etüde mit den modernen Notturno's um die Wette singen könnten. Doch versucht es keiner meiner Collegen, sie öffentlich hören zu lassen, — ich selbst spiele nicht mehr in Concerten, und — um mit Byron zu reden — for the sexton authorship, the trunkmaker — zu deutsch für einen Verfertiger alter Koffer-Maculatur, die darin begraben bleibt, halte ich mich denn doch zu gut. Wollen die Ratten und Mäuse solche Speise zum Zernagen haben, so soll.es nicht meine Musik schon bei lebendigem Leibe sein. So mache ich mitunter ein Stück für eine milde Stiftung oder schreibe Lieder und kleinere Stücke fürs Haus — auch für die Enkel; ich beschränke mich darauf, aber nicht aus Kraftlosigkeit, sondern aus Stolz. Dies meine musicalische Ohrenbeichte für Euch zum Jahresschluss." 1861. Leipzig feiert in diesem neuen Jahr -das 25jährige Jubiläum seines Concertmeisters David. Das Gewandhaus, die Schüler und die Freunde bringen ihm wohlverdiente Ovationen. „Als ich ihm gratulirte", schreibt Moscheies, „zeigte er mir den Brief, in welchem Felix Mendelssohn ihm die Concertmeisterstelle anträgt; er ist so schön und — 3*3 — herzlich wie Alles, was er schrieb. Er ist in seinen Briefen eben so gross an Seele wie in seinen Werken, und wie beglückt spricht sich das jugendliche Künstlergemüth bei seinem ersten Ausflug in den Süden aus. Dabei geniesst er Alles doppelt, weil er es in warmer Sohnesliebe von seinen Eltern empfangen hat. Welches Aufsehen werden diese Reisebriefe erregen! Ich 'möchte ihnen den Titel geben: Schule für den_Künstler und Menschen." „Danreuther, Lfenau, Miss Schiller machen mir viel Freude als Schüler; — die Prüfungsconcerte fielen brillant aus; — Sullivan's Musik zu Shakespeare's tempest klang frisch und klar, und er hatte den einstimmigen Hervorruf am Schluss wohlverdient, dennoch habe ich manche Plagen, was die Schüler betrifft. Ich möchte ihnen eine klassische Richtung geben, und es wird mir in diesem Vorhaben nicht immer in die Hände gearbeitet. Sehe ich aber wie kürzlich, dass Dieser Herz, Jener Thalberg studirt, um sie in der Abend-Unterhaltung zu spielen, so trete ich dagegen auf. Diese jungen Leute haben noch so manches grosse Vorbild kennen zu lernen, warum sollen sie ihre Studienjahre schon auf die Modetändelei verwenden? Dazu bleibt noch Zeit, wenn sie die Classiker inne haben; diese veredeln den Geschmack, jene ziehen ihn herab." „Die Gewandhaus-Concerte begannen mit der 9. Symphonie. Welch' schöner Anfang; es ist das Riesenwerk eines Riesengeistes." „Kömpel, Strauss und Lotto leisten Grosses auf der Geige, ja der Letztere ist eine Art Paganini". — „Frl. Ingeborg Stark zeigte ihr grosses Talent in dem reichen Programm ihrer Matinee. Mit den Verbrämungen in Liszt's Arrangement von Mendelssohn's Sommernachtstraum war ich wieder unzufrieden; sie passen ebensowenig dahin, wie die Crinoline für eine Venus von Milo." Bei David sah ich sechs oder acht M. S. Quartette und Quintette von Beethoven. Sie gehören Herrn Paul Mendelssohn, der sie ihm lieh, um eine neue Auflage für Breitkopf und Härtel danach zu redigiren. Sie enthalten — 3H — einen Schatz von Belehrung selbst in den weggestrichenen Stellen oder einzelnen Noten." In diesem Winter giebt es in Leipzig eine französische Vaudeville-Truppe und später eine italienische Operngesellschaft. „Die Damen Trebelli und Moriani, die Herren Galvani und Zucchi singen schön, aber die Opern Lucrezia Borgia, der Trovatore u. dgl. haben keinen Reiz für mich." Lieber beschäftigt er sich mit dem Altmeister Bach; spielt ihn aber nicht nur, sondern lässt sich durch Gou- nod's Beigabe einer Cellostimme zum ersten Präludium des wohltemperirten Claviers, zu einer ähnlichen Arbeit anregen. Es entsteht eine • Reihenfolge von zehn eigenen Melodien für Cello, welche zehn der Bach'schen Präludien begleiten, und später überträgt er diese Melodien mit erhöhtem Effect auf ein zweites Ciavier. Er selbst liebte diese Arbeit; von Einigen ward sie auf gehässige Weise getadelt und gesagt: „Wozu dem unverbesserlichen Bach diese Melodien unterlegen? Hätte er sie doch selbst schreiben können, wenn er die Lust dazu verspürt hätte." Die Mehrzahl der Kenner und Kunstrichter aber erfreute sich an den orchestralen Effecten und der contrapunk- tischen Verarbeitung dieser Composition, die sie „stylvoll und wohlklingend" nannte. Moscheies selbst sagt darüber: „Ich werde gerühmt oder arg mitgenommen wegen dieser Präludien; aber vielleicht werden sie doch Einigen durch meine Melodie bekannt, die das blosse Präludium als zu trocken nicht gespielt hätten, und dann bin ich zufrieden; eine genauere Kenntniss von Bachs Werken kann nur förderlich für die Kunst sein. Ich komme mir bei diesem Arrangement vor wie unsere Romanschriftsteller; sie können einer wichtigen Tagesfrage eher in einer romanhaften Umhüllung als in einer trockenen Abhandlung Eingang verschaffen." Ein Familienereigniss frühester Art ruft Moscheies und seine Frau nach Amsterdam, und dann gehen sie nach London. Von dorther schreibt Moscheies:.....Ja — 3'5 — so eine Londoner Saison ist anstrengend - ich geniesse wenig Nachtruhe und doch schreibe ich schon um 7 Uhr früh, und schon die Masse des hier Gehörten verdient diese Aufzählung als staunenswerth. Alle Nationen sind als Sänger vertreten. Mme. Miolan-Carvalho macht den Franzosen Ehre, die Tietjens und Formes uns Deutschen, von Engländern muss ich Sims Reeves, Mm. Parepa und Mrs. Lemmens-Sherrington loben; die Grisi macht eben dem neu aufgehenden Stern Adelina Patti Platz, indem sie ihre Abschiedsvorstellungen giebt; diese Patti mit ihrer biegsamen Stimme geht hinauf bis in's dreigestrichene F, ohne dass es ihr schwer fiele; ihr schönes, ja ausgezeichnetes Talent bei so grosser Jugend interessirte mich ungemein. Mitunter höre ich einen Sänger, der tre- mulirt wie ein geborstener Resonanzboden, dann möchte ich davon laufen." . . . . . . „Ein Tag bei Otto Goldschmidts war reich an Genüssen, nirgends drückender Luxus und doch Eleganz; nirgends äusserer Prunk, aber desto mehr innere Gemüth- lichkeit. Und nun erst die Musik. Mit Otto Goldschmidt hatte ich die Freude, mein Hommage ä Händel zu spielen und zwar ohne Concession meiner besseren Ueberzeugung, vielmehr in vollkommenem Einverständniss. Auch die Bachpräludien spielten wir und er bezeigte mir seine Befriedigung über die Idee und Ausführung. Seine Frau in ihrem eigenen Hause Lieder singen zu hören, ist ein unbeschreiblicher Genuss; ihre Stimme klingt noch so schön wie immer, sie begeisterte uns" . . . Eine Anfrage des Old Philharmonie an Moscheies, „ob dieser in einem ihrer Concerte spielen wolle", ruft die alten Bedenken wegen des „nicht mehr öffentlich Auftretens hervor; das einmal aufgestellte Prinzip sollte gewahrt werden und doch fällt der Wunsch, den alten Freunden und Collegen angenehm, vielleicht nützlich zu werden, so schwer in's Gewicht, dass er schreibt: „Ich habe doch eingewilligt, aber mit dem Bedeuten, dass ich nur aus alter Freundschaft, nicht um ein Honorar spiele." Moscheies fühlte sich bei diesem Auftreten — dem ersten - 3i6 - in England nach einer fünfzehnjährigen Pause — keinen Augenblick beunruhigt und sagte beim Eintreten in den Saal lächelnd zu seiner Frau, der er wohl die Spannung ansehen mochte: „Du ängstigst Dich doch nicht ? Ich denke schön zu spielen und Dir Ehre zu machen. Bei der Probe hast Du mich durch die Freundschaftsdemonstrationen überwältigt gesehen; — sie hatten mich überrascht — heute bleibe ich fest, wie sie auch klatschen und mit den Fidelbögen klappen — sei Du nur ganz ruhig." Und wirklich liess er sich durch den Beifallssturm, durch die lauten Bravo's, das Tücherschwenken nicht übermannen. Die Scene passte eher in's Theater als in den Concertsaal, und hinterher gingen die glück wünschenden Freunde, die dankbaren Directoren bei Moscheies ein und aus, und Alle behaupteten, er habe gespielt wie nie zuvor, habe sich selbst übertroffen. Ein späterer Brief sagt: „Ich will heute nur von meiner Bekanntschaft mit Mazzini sprechen. So hatte ich mir den oft verschrieenen Verschwörer nicht gedacht; denn er erscheint angenehm und anspruchslos, spricht selbst über Politik ruhig und scheinbar harmlos und interessirt sich lebhaft für Musik. Seine Guitarre begleitet ihn in alle seine politischen Verstecke, und Meyerbeer ist sein Lieblingscomponist. Cavour's Tod, Garibaldis Unwohlsein, die Quasi-Gefangenschaft des Papstes, Alles ward von ihm besprochen, immer aber zum Schluss hinzugesetzt: „die Vorsehung werde schon Alles zum Besten führen." . . . Die Londoner Kinder und Enkel begleiten Moscheies und seine Frau nach Boulogne und er wünscht sich gänzliche Ruhe, wird aber stets mit in die Musik hineingezogen, die ihm in allen Stücken missfällt. „Das Bou- logner Invalidenorchester", „die Musikbande, die den Saft aus Robert le Diable quetscht", „der mittelmässige Concours de Chant, bei dem sie mich in der Jury mit aufpflanzten", „ein Geiger geigt wie toll", „die Sänger tremuliren und cadenziren." Ein empfohlener Clavierspieler zeigt ihm ein „Notturno", das einen unruhigen Schlaf bringen müsste, - 317 - hörte man mit beiden Ohren zu, wenn er es spielt; sein Concert ist eine an Passagen überladene mechanische Arbeit. Er nennt sie zu gelehrt für Paris, ich unpassend für Deutschland. Ich gestand ihm und vielen seiner Collegen die Eigenschaft zu, das italienisch melodische Element geschickt auf's Ciavier übertragen zu haben, doch sei man davon übersättigt, und nur Liebhaber, die Ohr und Gefühl am dolce far niente verwöhnt, könnten das noch ertragen. Er meinte, die deutsche Musik sei trocken und gelehrt; ich spielte ihm Motive aus Mozart, Beethoven und Mendelssohn, das musste ihn schlagen." „Aber die waren Genie's", sagte er endlich. Und ich: „Ja, und nur Genie's sollten componiren, die Andern aber die Meister studiren, bis ihnen die richtige Erkenntniss kommt." Bei der Rückkehr in Leipzig findet der gute Grossvater Zeit, einem Enkel zu schreiben: „Weisst Du, lieber Fritz, dass seit Sonntag die Messe bei uns vorüber ist? Diesmal war Renz nicht da, nur die Affen spielten Komödie ; aber ich ging nicht hin, um sie zu sehen, weil mich kein kleiner Junge mitnahm, sondern blieb zu Hause und lernte meine Lection am Ciavier". Später schreibt er: „Viele verlangen Auskunft von mir, wie man wohlfeil zur Unsterblichkeit befördert, wie man, trotz leichten Calibers zur Kunstgrösse wird, und da ich ihnen nicht helfen kann, so halte ich mich lieber an die Bitte des Finanzraths M. M. von Weber, der seines Vaters Biographie schreibt und Notizen über seine letzten Tage von mir verlangt, die mein Tagebuch ihm liefern wird." „Rubinstein hat uns wieder mit seiner gigantischen Kraft vorgespielt; einige seiner Stücke barock, andere genialisch, oft beides in Einem. Jean Becker liess sich in Rubinstein's Violin-Concert im Gewandhaus hören; das Spiel meisterlich, die Orchester-Effecte pikant, besonders im Adagio. Meine Bachpräludien gefielen Rubinstein sehr, als er sie mit mir probirte, und er wünschte sie auch für Cello zu hören. Davidoff spielte sie und überraschte uns durch seinen seelenvollen Ton und Vor- - 3i8 - trag. Gut, dass die Kunst erwärmt; draussen ist es schon herbstlich, wir haben unsere Frühpromenaden eingestellt und die Leute drängen sich, um ihre Billette zu den Concerten einzulösen. Gounod's Faust wird hier und in Dresden gegeben und ich hörte die feine, pikante Musik in beiden Städten mit grossem Genuss. Sie wird eine Zugoper, wie auch die Kritik gegen die Verstümmelung des Goetheschen Meisterwerks eifert; denn es ist ein frisches interessantes Werk, das melodischen Fluss und schöne Instrumentation hat." Ein späterer Brief erzählt:.....Die Trebelli ist wieder da, und machte schon in der Gewandhausprobe Aufsehen, indem sie eine volle halbe Stunde auf sich warten Hess, während welcher das ungeduldige Orchester drei Fässer Bier schlürfte und 500 Cigarren rauchte. Aber auch ihre klangreiche Stimme, ihre Coloratur und ihr Vortrag machten Aufsehen, obwohl sie drei banale Stücke sang und einen kuriosen Triller auf e machte, der so klang, als würde eine Saite gestimmt, wo man Schwebungen von einviertel und eindrittel Tönen hört, und endlich etwas wie eine kleine Secunde. Ihre Triller auf anderen Noten waren correct und schön." Von einer andern Sängerin heisst es: „Sie articulirte den Text so schiecht, sie hätte eben so gut können tsing tsang tsu singen. Schöner Ansatz und reine Intonation konnten mir nicht den Mangel an declamatorischem Vortrag ersetzen. Die Singstimme soll nicht blos ein Instrument, sie soll ein sprechendes Organ sein." — „Ferdinand Hiller hat mir sein neues Concert in Fis-moll geschickt, das ich für eine der besten Compositionen unserer Zeit halte." — „Taubert's neue Sonate gefällt mir gut." . . . „Als Antwort auf Deine Frage sage ich: ja, ich glaube, dass Beethoven Katholik war, aber Freigeist zugleich. Fromm muss er aber auch gewesen sein, denn seine Musik spricht zu den Herzen aller Nationen, sowie Bach und die Alten, Mozart und Mendelssohn es in ihrer geistlichen Musik thaten. Ich hatte schon die Feder eingetaucht, um noch ein wenig zu plaudern, da kommen mir aufzunehmende — 319 — Schüler mit Vätern und Müttern in die Quere. So schicke ich nur meine Gedanken und Küsse; das Uebergewicht erhalten sie durch meine Liebe." Mendelssohn's Sterbetag wird diesmal wegen des Neubaues im Conservatorium nicht begangen, im Decem- ber ist dieser beendet. „Der neue Saal fasst 700 Personen", schreibt Moscheies, „und ist gut akustisch; er soll zu des Königs Geburtstag mit einer Schülermusik eingeweiht werden. Dies schreibe ich Euch, weil ich gern als guter Familien-Correspondent gelte, zwischen Conservatorium und Euterpe. Da Euch die Zeitungen vom mürrischen Vesuv, vom wackelnden Papst und Englands Trauer berichten, so will ich die wichtige Local-Neuigkeit mittheilen, dass wir kohlensaure Buden mit kohlensauren Jungfrauen und ein Packträger-Institut bekommen haben, und ist Euch das zu trivial, so erhebe ich mich gleich wieder in's Kunstgebiet, denn auch da giebt es Novitäten: 25 Variationen von Brahms über ein Händel'sches Thema, sehr interessant; die neue „Michel Angelo-Ouver- türe" von Gade, ansprechend; — Schumann's Fest-Ouvertüre über das Rheinweinlied, ein besonders klares freundliches Werk, das ich Wiederhören rüuss; aber als Gegensatz gab es auch eine neue Ton-Mosaik, von einem anderen Autor, die ich durch folgende Worte näher bezeichnen möchte: Mystik, Leichentuch, Verdammniss, Trommelfell ^j mit glühenden Zangen gekitzelt, Scheintod! — Ich fühlte mich beim Anhören in einem Fieberzustand" . . . Lassen wir auch den Vater in einigen Auszügen aus Briefen an seine Kinder auftreten. Er schreibt: . . . „Ich spreche Dir denselben Muth zu, den wir bereits gefasst haben. Ich bin ein Optimist und habe mich nie getäuscht. Das Schlimmste, das mir begegnet ist, hat doch noch immer ein gutes Ende genommen und so wird sich mein Glück segnend für Dich fortpfianzön. Wir wollen von Wünschen leben und an Hoffnungen zehren, bis wir uns gegenseitig zu unserer Ausdauer Glück wünschen können." Bei der Geburt seiner Enkelin Octavia schreibt er t : „Ihr habt uns durch den Klang der Octave "n — 320 — alle Tonstufen der Freude durchlaufen lassen. "Wir berührten alle Intervalle, die reinen waren vorherrschend, und die verminderten wurden durch übermässige ersetzt Die freudige Stimmung hat mich zu zwei kleineren Vocalduetten — Dankgebet und Wiegenlied — begeistert, die ich hier beilege." Und wieder einer Tochter: „Es macht mir Freude, wenn ich sehe, wie Du Dich für meinen in der Kunstwelt errungenen Namen interessirst und es nicht gern siehst, dass ich von einem musikalischen Schriftsteller kalt genannt werde, weil ich nicht der von ihm vertretenen Richtung angehöre. Ich finde mich recht glimpflich von ihm behandelt, weiss übrigens, dass die Kunst und ihre grossen Schöpfungen, sowie der grösste Kunstheros Beethoven, mich stets erwärmt haben. Es glüht Gottlob in mir fort, und das bis in die Fingerspitzen hinein; doch lasse ich die innere Flamme nicht zum Dache hinauslodern. Ich habe zu viel Ehrfurcht vor den klassischen Werken, um sie einem versengenden Vortrag zu unterwerfen. Als ich neulich beim Schillerfest über das Lied „an die Freude" phantasirte, muss ich r- recht warm gewesen sein, da man mir öffentlich und privatim Lob spendet." .... „Ich hatte versprochen, im Orchester-Pensionsfonds-Concert mit Frau Schumann und Reinecke ein posthumes Triple-Concert von Mozart zu spielen. Da dieses aber eine Jugendarbeit zu sein scheint, die sich beim Probiren als klein und unbedeutend erwies, so entschlossen wir uns, lieber das in Leipzig noch nicht gehörte Triple-Concert von Bach (C-dur) zu spielen. Es war mir ein erhebendes Gefühl, als ich vom Publicum, wie ein Vater mit seinen Kindern empfangen wurde, als wir dann unser Stück wie aus einem Gusse vortrugen und ich beim Hervorruf Frau Schumann an meinem Arm herausführte." . . . — 321 — 1862 — 1870. Wir finden Moscheies in diesen Sechziger Jahren noch in voller Geistes- und Körperfrische, unermüdlich im Lehren wie im Hören, und eben deshalb doppelt empfindlich gegen einige Uebelstände, welche ihm der Zeitumschwung nicht ersparte. Als Jüngling hatte er es, wie wir gesehen haben, • vermieden, seinem Dionys Weber untreu zu werden, indem er sich jedes andern Unterrichts enthielt; an seinen Lieblingsschülern aber musste er es oft erleben, dass sie zu andern Meistern übergingen, unter denen sein Legato, seine Weichheit des Anschlags gegen das moderne Martellato eingetauscht wurden. Statt seiner Gemessenheit erprobten sie die Kraft des losen Gelenkes, statt seiner Massigkeit im Gebrauch beider Pedale lernten sie deren fast unausgesetzte Anwendung. Das betrübte ihn. Nicht minder die Geschmacks-Richtung in der modernen Composition. Er klagte oft über die grellen Contraste: „Zu viel Weltschmerz und zu viel donnernde Effecte", mit denen man das grosse Publicum anzulocken und zu entzünden wusste; er konnte es auch nie anders als eine „Gewissens-Entlastung" nennen, wenn man in einem Concert den Bravour-Solostücken eine von Bach's grossartigen Fugen voranschickte, „und noch dazu prestis- simo"; dahingegen erfreute es ihn aufrichtig, wenn Haydn's Humor, Mozart's Cantilene, Beethoven's Grossartigkeit die gebührende Anerkennung fanden, „wenn Freund Mendelssohn noch fortlebte". Nur hatte er dabei oft an den Tempi zu tadeln; ihm fehlten überall die Traditionen seiner Jugend. „Die rasende Schnelligkeit, die manches Nötchen verschluckt", — „das Ausspinnen eines Andante, bis es zum Adagio wird", — „ein' Andante con moto, dem das moto fehlt", „ein Allegro comodo, das sich's gar nicht mehr bequem macht," das Alles störte ihm den Genuss. Im Anfang wagte er, den jüngeren Kunstbrüdern seine Ansicht darüber mitzutheilen, doch blieb sie unbeachtet, und da es nicht in seiner Geschmacksrichtung lag, sich Moscheles' Leben. II. 2I — 322 — einer Zeitbewegung entgegenzustemmen, so „nährte er sich" an solcher Musik, die er hebte, und in der Weise, wie er sie liebte — und schwieg. Er selbst hatte gleichmässig ruhig gelebt und geschrieben; — ein sanft dahingleitender Bach, in dessen erfrischender Kühle Vieles gedieh, an dessen Ufern liebliche Blumen entsprossen waren. Auch bewahrten ihm alte Freunde in dankbarer Erinnerung manches dort gepflückte Vergissmeinnicht. Dann aber breitete sich eine Riesenpflanze über das ganze Gewässer und umspann es wie mit einem Zaubernetz. Schon jedes einzelne fremdartige Blatt ward angestaunt, und als die Pflanze vollends erblühte, eilte Alles herzu, um sie zu bewundern. Da ward im Gedränge jedes Blümchen am Ufer des Baches zertreten. Ob auch in der Wurzel zerstört? — das muss ein neuer Frühling lehren. Einstweilen schien die Wintersonne des Jahres 1862 erwärmend auf das jugendliche Greisenhaupt des Meisters, denn es war ein der Familie theures Haupt. Die Liebe zu ihm, die in den älteren Mitgliedern ungeschwächt fortlebte, war von den Kindern auf die Enkel, von den Neffen und Nichten auf ihre Kinder übergegangen und wurde herzlich erwidert. Für diesen Kreis hatte er stets „eine hülfreiche Ciavierstunde" — „ein erleichterndes Arrangement" — ein „bischen Anweisung in guter Notenschrift." Für diese „braven Dilettanten" wurde bald eine Cello-Partie, bald ein Lied, ein Albumblatt, ein Tonleiterstück geschrieben, — bei den sich oft wiederholenden Familienbesuchen — „dies und das einstudirt, aber mit dem richtigen Fingersatz, wie er eben für die Hand passt." War man durch die unerbittliche Ferne getrennt, so hatte er „als guter Familien-Correspondent" Zeit zu brieflicher Erzählung oder musikalischer Aufklärung. So schreibt er dem Sohn als Erwiderung auf einige Anfragen: „Beethoven hat nicht weniger als drei Ouvertüren in C-dur zu seiner Oper Leonore geschrieben, deren erste 1805 zur Aufführung kam; als aber das Werk im — 323 — Jahre 1814 ganz umgearbeitet unter dem Namen Fidelio gegeben wurde, componirte er noch eine in E-dur hinzu. Das nennt man Gedanken-Reichthum." . . . „Rossini's Teil liebe ich eben so sehr wie Du; er hat darin sein Genie der deutschen Gediegenheit angepasst, und die sogenannten Coloratur-Knalleffecte weggelassen. Freilich vermindert das seine Popularität, aber als Musiker erhebt es ihn." . . . „Du weisst — ich habe die Gewohnheit, mir hier und da etwas aus den Zeitungen abzuschreiben, und so fand ich neulich folgendes auf beide Napoleons Bezügliche: L'oncle et le neveu sont des gloires egales, Mais ils ont parcouru des chemins inigaux. Si Tun de l'Gtranger a pris les capitales L'autre de son pays a pris les capitaux. Noch mehr aber schlägt es in mein Fach, dass im Programm des Concert du Conservatoire steht: „Ouvertüre de Jubel . . . Weber." . . . Ein andermal, als er grosse Freude an dem Spiel des spanischen Geigers Monasterio hat, „der im Carneval de Venise excellirt und trotzdem die Kreutzer-Sonate und Mendelssohn's Violin-Concert klassisch spielt", empfiehlt er ihn Rietz in folgenden Worten: „Ich erlaube mir Ihnen den Ueberbringer, Herrn de M. als einen der extrafeinsten Künstler vorzustellen. Seitdem das zahlende Concert- Publikum mit Paganini begonnen, seit uns die Bibel von David und Joachim erzählt und mangern mit Ernst concertirt, seit der Becker für einen Kreutzer Nahrung liefert, und unter Laub am fliessenden Lauterbach die schmachtende Violine singt, die Hazardspiele verpönt sind und man aufs Lotto hofft, seitdem die Virtuosen sich mehr als Dreyschock-weise mehren, ist kein so an- - muthiger Herzens-Eroberer erschienen, wie der junge Klosterbruder Monasterio." . . . Einer Tochter schreibt er: „Gestern Abend sahen wir im Theater Mendelssohn's Walpurgisnacht von Eduard Devrient scenisch eingerichtet. Wir hatten grosse Freude daran, Alles machte sich vortrefflich; Bertram's Druiden- — 324 — Priester war ausgezeichnet und das Publikum dankbar enthusiastisch. — Ich habe kürzlich Nahrung für meine Liebhaberei gefunden, interessante Autographen zu sehen. In der Sammlung des Freundes Gen.-Consul Clauss einen Brief von Beethoven an einen Herrn von Warena in Gratz, der wieder seinen Seelenadel bezeugt; ausserdem nichts Geringeres als die eigenhändige Partitur der Singstimmen zur Pianoforte - Phantasie mit der eigenen Abtheilungsweise Gö-tter, Gu-nst, und interessante Bach-Autographen. Dann wieder bei Breitkopf & Härtel 2 posthume Streich- Quartette von Cherubini, welche die Wittwe ihnen zur Herausgabe schickte und bei Peters eine Manuscript- Orgelfuge und die Ciavierstimme des B - dur - Concerts, beides von Bach. Wie gern halte ich solche Verkörperungen der edelsten Gedanken in den Händen!" . . . Nach seinem Geburtstage schreibt er: „Das war ein glorreicher reizender 68. Geburtstag! Vor Allem danke ich Gott für meinen vortrefflichen Gesundheitszustand. Die liebenswürdigen Gratulantinnen bekomplimentirten mich so einstimmig über mein gutes Aussehen, dass sie mich zum Gecken machen könnten, wenn ich nicht wünschte, ausschliesslich meiner Frau zu g'efallen, und mich in irgend einer Weltausstellung als Model-husband (Muster-Ehemann) sehen zu lassen. Spät, als ich die Feier schon beendet glaubte, erscholl vierstimmiger Gesang aus nicht weniger als 60 Schülerkehlen unter der Leitung des jungen Boas. Eine wohlgelungene Ueberraschung, die in einer Bowle Maitrank ihren Untergang fand." . . . Wenige Tage später reist Moscheies zum Musikfest nach Cöln und schreibt: „Die Aufführungen unter Hiller in dem imposanten Gürzenich waren glänzend; seine neue Cantate „Die Nacht" erwarb ihm mit Recht Tusch und Lorberkranz und Mozart's D-dur-Concert spielte er echt und gediegen. . . . Im Juli berichtet er: „Vor einigen Tagen beehrten die sächsischen Majestäten unser Conservatorium, wir führten ihnen unsere besten Schüler vor und sie bezeigten ihnen ihre Zufriedenheit; das wird ein neuer Sporn für — 325 — die jungen Leute sein. Mich erinnerte die Königin mit freundlichen Worten an mein Spielen bei ihrem Vater, dem König Max im Jahre 1819. Gestern sahen wir den König auf seiner Fahrt durch Abtnaundorf, wo wir seit einigen Tagen freundlich aufgenommen sind. Frege's hatten eine Ehrenpforte von Blumengewinden errichten lassen, unter welcher der königliche Wagen hielt; unsere liebe Wirthin überreichte ein Bouquet von seltener Pracht, lauter Orchideen — und später begünstigte der Himmel ein reizend ländliches Fest, an dem auch die Schulkinder des Ortes Theil nehmen durften. Wir alten Stadtkinder gemessen den Aufenthalt in dem schönen Park, bei duftenden Heuwiesen gar sehr und schwärmen gern bei Mondschein. Ich schwärme aber auch für unsere Unterhaltungen am Ciavier. Natur ohne Musik wäre nur eine halbe Existenz; gute Musik in schöner Natur ist ein doppelter Genuss." Auch aus Loschwitz, wo die Familie ihren bleibenden Sommer-Aufenthalt nimmt, ist wieder die erste briefliche Mittheilung eine musikalische. „Der Kapellmeister Dorn, der sich hier mit den Seinigen aufhält, hat mir kürzlich den Genuss verschafft, Mozart's eigenhändige Partitur des Figaro zu durchblättern. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass der Musiklehrer Schurig in Dresden sie von seinem Vater geerbt, dieser sie von einer wandernden Operngesellschaft um ein Geringes angekauft habe. Nun hatte ich die unsterblichen Züge vor mir, auf schlichtem i4linigen Papier leicht hingeworfen, der italienische Text und die Recitative von Mozart, die deutsche Ueber- setzung von anderer Hand hineingeschrieben. Warum bin ich nicht reich genug, um den hohen Preis, den der jetzige Besitzer verlangt, für diesen Schatz zu zahlen? — Der Ciavierauszug (bei Simrock) weicht mitunter von dem Original ab, wie z. B. in der Cavatine des Pagen: Non so piü"*). *) Da das Haus Simrock später diese Original-Partitur für 800 Thlr. erstand, so sind diese Abweichungen wohl längst ausgeglichen.^ — 32b — Ein anderer Brief Moscheies' sagt: . . . „und wieder schlürfte ich himmlisch musikalischen Genuss. Graf Bau- dissin schickte mir Mozart's eigenhändige Partitur der Zauberflöte zur Ansicht und Bestätigung der Echtheit für Graf Rantzau, der sie kaufen wollte. Ich hatte sie schon vor 40 Jahren bei Andre in Offenbach durchblättert. Alles darin deutet auf göttliche Eingebung und Wahrheit, die Aenderungen sind interessant. Zwei Solotacte in der Ouvertüre sind weggestrichen, in dem Duett „Bei Männern" ist die Tactart von 6 / 8 zu 3 /s Tact verändert." ... Später schreibt Moscheies: „Es giebt Spaziergänge mit Dorn, bei denen ich mich so in musikalische Gespräche vertiefe, dass ich sogar in's Bergsteigen gerathe, was doch sonst eben nicht meine Sache ist. ... Zu Hause habe ich auch grosse Freude an dem sich immer schöner entfaltenden Talent der kleinen Mary Krebs, der ich so gern einigen Rath über den Vortrag meiner Stücke ertheile.... Eine Hauptarbeit dieses Landaufenthaltes bleibt die Revision meiner frühesten Tagebücher. Charlotte widmet ihr die Vormittage, und Abends liest sie mir ihre Auszüge vor. So lebe ich meine Jugend noch einmal durch, und Gottlob ohne Reue; denn wie wenig ich auch erreicht habe, ich meinte es immer ehrlich und fleissig mit meiner Kunst. Bei unserm vierhändigen Spielen kommt auch das Burchardt'sche Arrangement von Händel's Feuer- und Wasser-Musik vor; erstere 1716 zu einer Themsenfahrt des Parlaments, letztere 174g zur Feier des Aachener Friedens und dem dabei veranstalteten Fest in St. James' Park componirt." Es wird auch ein Concert in der Loschwitzer Kirche veranstaltet, in dem Moscheies Orgel spielt und für seine Tochter und zwei Freundinnen den Psalm „Lobe den Herrn meine Seele" als Terzett componirt. Die Königin und eine zahlreiche Versammlung beehren das Concert, imd der Ertrag, an den Kirchthüren gesammelt, wird unter den Frauenverein und eine unglückliche Familie ge- theilt. Am 26. August lesen wir von einer Körnerfeier, „die mich", schreibt er, „ausser der patriotischen Anregung, noch besonders durch meinen persönlichen Umgang mit —' 327 — ihm interessirte. Damals schrieb er für die K. K. Hofschauspielerin Fräulein Adamberger sein Drama „Toni". Ich folgte dem Festzuge der jubelnden Zünfte bis ans japanische Palais, hörte dort die Festgesänge, die Festrede und dann folgende nicht festliche Mischung der eben ab- marschirenden Musikbanden, deren Tonwellen sich kreuzten: gjjjE^ ^ a ^jjg fe ff m =?«- -&- i -r i - 0—0 ------- 0 ----- 0- T=£ a-^rir-fc S0H -ß*m- u k¥i=^^= e -m%* $a- fa mm^ ^^^^EEE^l :p- 90r -0- > F^"~|— f— \~~P~ Betäubt drängte ich mich durch Menschenmassen und Staub nach der Altstadt zurück." ... Dieser Aufenthalt in Loschwitz wird durch die Nähe der Dresdener Freunde, das Besichtigen der Kunstschätze und den Genuss des Theaters' als ein besonders angenehmer gerühmt, doch vermeiden wir es, dies Alles eingehend zu besprechen, wollen auch die Leistungen der Leipziger Musikwelt nicht mehr in chronologischer Ordnung aufzählen. Das Alles steht der Jetztzeit zu nahe und möchte den Leser ermüden. Moscheies' Bericht über die 50jährige Feier der Völkerschlacht bei Leipzig im October dieses Jahres möge aber hier seinen Platz finden: » . .„Alle Veteranen waren in Privathäusern untergebracht; wir hatten deren zwei, Gratzer Feuerwerker, denen der gute Wein bei den abendlichen Festlichkeiten zuweilen arg zu Kopf stieg. Als alle die alten Leute im Zuge, — 328 - Jeder an der Hand einer weissgekleideten Jungfrau daher- schritten, hatte der Anblick etwas Rührendes: die sichere Jugend, die dem schwankenden Alter als Stütze dient. Bei der Heimkehr des Zuges beehrten mich die darin mitziehenden Pauliner und andere musikalische Körperschaften vor unsern offenen geschmückten Fenstern mit Fahnen-Schwenken und Zuruf. Die Musik auf dem Markt, der Fackelzug, die Illumination, Alles war vortrefflich angeordnet, gut ausgeführt und vom schönsten Wetter begünstigt." Und dann wieder heisst es: „Fast die ganze Stadt beging den Geburtstag unseres würdigen Cantors Hauptmann, den man Verdientermassen in jeder Weise feierte. Ich überreichte ihm das Manuscript meines C-moll-Trios. Möchte der Vortreffliche unserer Stadt und unserem Institut noch lange erhalten bleiben!" Moscheies schrieb in dieser Zeit seine „Variationen im Volkston" und arrangirte die „Sonate symphonique" zu acht Händen. Den wiederholten Anfragen des Herrn Zellner aus Wien, in dessen historischen Concerten zu spielen, konnte er nicht Folge leisten, denn wie schmeichelhaft und verlockend der Antrag war, er musste seinem Grundsatze des „Nicht öffentlich Spielens" treu bleiben." Aber auch anderen musikalischen Grundsätzen bleibt er treu. Er, der stets den Handleiter und andere mechanische Mittel verschmähte, schreibt: „Wie können chirurgische Abhandlungen über*die Arm-, Hand- und Fingergelenke den Weg zur Kunst des Clavierspiels bahnen, wie die soeben erschienene Schrift es beabsichtigt? Um diesen Preis wäre ich nie ein Ciavierspieler geworden. Die Seele muss durch die Finger zum Herzen reden, das ist die Hauptsache. Aber ich verschmähe es nicht, technisch schwere Passagen als Turnübung für meine Finger zu spielen und halte es mit Riehl's Worten: „Ein sojähriger Mann, der Leib und Geist schlaff hängen lässt, ist binnen zwei Jahren siebzig alt. Ein Siebenziger, der immer in Kraft und Arbeit hat jung bleiben wollen, ist ein Mann in seinen besten Jahren." Doch bin ich, fährt Moscheies fort, — 329 — in seinen sonst trefflichen Briefen über die musikalische Erziehung- des Volkes nicht darin mit ihm einverstanden, dass er die Geige vor dem Ciavier gelehrt haben will. Orgel und Ciavier bieten die beste Gelegenheit» die Ton- Verhältnisse und den harmonischen Zusammenklang zu fassen; die muss man erst studiren." Ein andermal schreibt er: „Wie ich es auch versuche, die Schüler für ein Stück — etwa Beethoven's Sonate pathetique zu begeistern, doch giebt es Fälle, wo mir dies nicht gelingen will. Sie bemeistern die Technik, aber es fällt kein zündender Funke vom Himmel auf sie herab. Dann wende ich noch mein letztes Mittel an. Ich suche irgend einen, der Musik sich anpassenden Satz zu finden, den ich mit greller Betonung herausstosse; als z. B. „ „Kennst Du die Götter in ihrem Zorne? Flehe zu ihnen."" Könnt Ihr mir das nachsprechen, sage ich, so drückt auch das Gefühl im Anschlag aus! Ich selbst habe immer am liebsten meine Gefühle in Tönen wiedergegeben. Uebrigens arbeitet meine Frau unermüdlich daran, alle meine im Tagebuche ausgesprochenen Ideen über Musik und allen Rath für junge Künstler zusammenzustellen, und wie würde es mich erfreuen, wenn sie der Jugend von einigem Nutzen sein könnten! Heute half ich ihr die Memoranda über das grosse Musikfest in der Westminster- Abtei aus den von mir damals so sorgfältig gesammelten Berichten zusammenzustellen," . . . In diesem Jahre werden zwei siebenzigste Geburtstage in Leipzig gefeiert. Der des geschätzten Klengel, seit 50 Jahren einer der Pfeiler des Gewandhaus-Orchesters, und der von Moscheies. — „Reinecke und sein Chor läuteten ihn schon am Vorabend durch vierstimmigen Gesang im Garten ein, wozu er Moscheies' Lied für eine Stimme „Das ist der Tag des Herrn" vierstimmig arrangirt hatte." Das Liebhabertheater producirt Abends das auf Moscheies anzuwendende Stück: „Weisse Haare, junges Herz" und den „Häuslichen Zwist" von Kotzebue als Jugend-Erinnerung für den Gefeierten, der 50 Jahre zuvor selbst darin aufgetreten ^war. Die sonstigen Beweise von Liebe und Achtung gipfelten in des Königs Verleihung des Albrecht- Ordens. Als von der Schlesinger'schen Musikhandlung in Berlin neue Auflagen seiner Sonate melancolique, Allegro di bravura in C-moll und Charmes de Paris gemacht werden, schreibt er: „Wohl mögen Manche diese neuerdings ans Licht der Welt tretenden Compositionen zopfig nennen; aber doch nicht so zopfig wie eine Transcription, die ich gestern hörte und die ich als Zopf mit Haarbeutel classi- ficire." Als die Musik in Leipzig nur noch in den Kehlen der gefiederten Sänger'fortlebt, reist die Familie Mosche- les nach Baden-Baden, und schon unterwegs, in Mainz, wird in Gesellschaft des Freundes Hiller und anderer Kunstbrüder einTheil des fünften mittelrheinischen Musikfestes mitgemacht, „um Mendelssohn's Lobgesang zu hören. Die Sänger leisteten Vorzügliches." Die Sommerwohnung wird in dem reizenden Lichten- thal bei Baden gewählt, „in der Nähe von Frau Schumann, Rosenhain und Mme. Viardot. Von Baden mit seinem Luxus, seinen sündigen Spielhöllen und der Schamlosigkeit seiner Sitten wollen wir nichts wissen, sind auch in diesem reizenden Fleckchen Erde fern davon. Als ich meinen guten alten Pixis aufsuchte, zeigte er mir ein ziemlich gut erhaltenes Ciavier von Clement!. Meyerbeer hat eigenhändig hineingeschrieben, dass er, als Pixis ihm dies Instrument geliehen, den grössten Theil seiner Hugenotten daran componirt hat. Als Reliquie von Mozart bewahrt Pixis ein Billet von dessen Hand, in welchem er einen Freund um einige Gulden anspricht, ihm aus der Noth zu helfen." „Unendliches Interesse bietet mir die Leetüre von Mozart's Briefen, die Ludwig Nohl herausgegeben hat. Ich copire viele Stellen daraus." Ein Brief Moscheles' sagt: „Es wäre lächerlich, die Natur - Schönheiten Badens zu rühmen. Sind sie doch weltbekannt; ebenso die hier versammelten Künstler, wie ich Euch durch die blosse Aufzählung ihrer Namen be- — 33i — weisen kann. Also ausser dem hier ansässigen Vieux- temps, Giehne, Cossmann, Levi und den Geschwistern Heermann noch Rubinstein, Brahms, Max Bruch, Mme. Szarvady, Jaell, Fräulein Trautmann, Bargiel, Ludwig Strauss, Marie Wieck u. A. Es versteht sich, dass wir uns gegenseitig sehen und hören, und ganz besonders genussreich waren uns zwei musikalische Abende in der Villa der Frau Schumann, in der die Künster-Phalanx / stark vertreten war. Ich erbat mir von unserer genialischen Wirthin die Noveletten ihres Mannes, besonders meinen Liebling in Es-dur. Mit mir spielte sie meine Variationen im Volkston und schmückte sie mit ihrem Geist. Wo eine Schumann, ein Rubinstein, eine Viardot und das Ehepaar Joachim musiciren, „da giebt es einen guten Klang". Aber auch mit einer lieben Dilettantin und Zeitgenossin, der Frau Beer, — derselben Eugenie Silny, für die ich vor 55 Jahren mein vierhändiges Rondo in A schrieb, die es im Jahre 1844 in Wien mit mir durchging, spielte ich es heute noch. Das sind Kunst- und Freundschafts-Reminiscenzen, die Einem das Altwerden lieb machen. Und noch etwas gutes Altes haben wir gehört: die Alceste von Gluck. Seine Grösse lag im decla- matorischen Ausdruck, in der Seele seinerj Musik; schöne melodische Form war seltener." Bei der Rückkehr im Herbst in die Leipziger Heimath wird ein freudiges Familienfest im Familienkreise gefeiert, die Hochzeit der dritten Tochter mit dem Advocaten Dr. Adolar Gerhard, und Moscheies componirt bei dieser Gelegenheit zwei Lieder, deren Texte aus der IFeder des neuen Schwiegersohnes geflossen sind. Im Jahre i£66 hatte sich eine' neue Gesellschaft in Leipzig gebildet; sie sollte an zwanglosen Abenden ernste gute Musik und scherzhafte Aufführungen bringen. Man nannte sie „Klapperkasten". Sie hatte ziemlich im Beginn ihrer Thätigkeit einen Hauptmann-Abend gegeben, dem bald ein Moscheies-Abend folgte. „Alles sinnig und ehrenvoll angeordnet", schreibt Moscheies, „Alles war so hübsch als freundlich und mancher rührende Moment in — 332 — dem Abend. Nicht genug, dass Fräulein J. V. einen Prolog in Versen sprach, Benedix und Reclam Reden hielten, in denen sie meine [musikalische Laufbahn durchgingen, Knaur mich in einer Büste verewigt hatte; — man wollte sich auch mit eigenen Ohren an meinem Thun von Sonst und Jetzt betheiligen. Dörffel zog meine Alexander-Variationen unter ihrer verjährten Schuttdecke hervor und spielte sie vortrefflich; dann nöthigte man mich als lebendige Reliquie ans Ciavier, wo ich über Bach, Händel und die Freudenode aus der neunten Symphonie phantasirte." „Schade, dass nicht mehr Einverständniss unter diesen musikalischen Potentaten herrscht, wie jetzt unter den Staatsmännern", schreibt Moscheies später. „Eine zweite Gesellschaft „Andante Allegro" genannt, meinen vortrefflichen Schüler Oscar Paul an der Spitze, bildete sich aus den |vom Klapperkasten ausgeschiedenen Elementen — und das leider nicht ohne Bitterkeit. Ich bin aber ein Mann des Friedens, und brachte auch in dieser Gesellschaft einen g'emüthlich musikalischen Abend zu." Moscheies lieh dem Hause Peters das Bach'sche Präludium und die Fuge in C, auch des Meisters Trio in A-moll — Alles aus seiner |Autographen-Sammlung — und freute sich, diese Stücke durch den Stich einem grösseren Publikum zugänglich gemacht zu sehen. — Als Beweis der bis ins Genaueste gehenden Kenntniss der Beethoven'- schen Compositionen theilen wir folgende Stelle aus Moscheies' Tagebuch mit: „In dem Quintett von Beethoven, das ich kürzlich im Gewandhaus hörte, hatte ich bei der Stelle Zfc=3hz Vi'/, «y i_______i___ a ___ I _______—_______ ^ i -—p eine Zwischen-Note gehört, die mir fremd war; so: — 333 — Ich Hess mir die Partitur zeigen und fand, dass Beethoven dieses Viertel für das Violoncell zusetzte." Hatte schon das Schicksal Holsteins Moscheies im Jahre 1864 sehr aufgeregt und er im Tagebuche stets den innigsten Antheil an seiner Bedrängniss verzeichnet, so geschieht dies im Jahre 1866 angesichts des sich entwickelnden Krieges zwischen Preussen und Oesterreich noch im erhöhten Massstabe. „Ich will, ich kann es nicht glauben, dass .Deutsche gegen Deutsche zu Felde ziehen wollen", und als nun endlich die Stadt Leipzig durch Preussen besetzt wird, und es immer kriegerischer aussieht, „da erfreut mich der Gedanke, dass es verabredeter- massen nun bald nach England geht, fern vom Kriegsgetümmel." Doch nimmt er seine Sorgen, seine Theil- nahme mit über's Meer, und kaum in London angekommen, so entsteht auch schon der Wunsch in ihm, sich für das Wohl der unglücklichen Brüder thätig zu erweisen. „Für s o einen Zweck spiele ich gern noch einmal öffentlich", — „dafür lasse ich mich gern veraltet nennen, wenn ich nur erst als gealterte Cüriosität habe brav Guineen einsammeln können. Das was ich persönlich geben kann, ist zu gering für diese Massen Unglücklicher. Also die Kunst gegen den Krieg, und wir wollen sehen, ob die friedliche es nicht mit [dem Zerstörer aufnehmen kann. Ein Concert statt des Schlachtenlärms." Frau Salis Schwabe in' ihrer bekannten Philanthropie hatte dieselbe Idee gehabt; Frau Jenny Lind-Goldschmidt in ihrer Grossmuth ihr jund Moscheies versprochen, den Unternehmungen die mächtige Stütze ihres Gesanges zu leihen. Um -diese aber nicht durch eine Zwiefältigkeit abzuschwächen, entschloss man"sich zu einer Fusion; an-, clere Künstler traten bereitwillig hinzu, die grosse St, James-Hall füllte und' überfüllte sich; Ausübende und Zuhörer schwelgten in einer Wechselwirkung von Genuss und Anerkennung, und Moscheies hatte die Freude, eine Summe von 1400 Thlr. als seine Hälfte des Reinertrages „for the suflerers by the war" an die betreffenden Behörden übermachen zu können. — 334 — Moscheies schreibt: „ Unsere Aufnahme in London war aber auch privatim eine prächtig herzliche und wir genossen abwechselnd die Gastfreundschaft der liebenswürdigen Familie Casella, sowie die der bewährten alten Freundin Mrs. Newman Smith. Wir wohnten dem Abschiedsdiner bei, welches Mrs. Schwabe unserm deutschen Freiligrath gab; er ist im Begriff, mit den Seinigen in die Heimath zurückzukehren. Ich habe das ganze Händelfest, Proben und Aufführungen im Crystallpalast mitgenossen und grossartige Momente erlebt. Costa steuerte sein Schiff geschickt durch die Riesenklippen dieser Localität und die Riesenstimme der Tietjens kam zur Geltung. Die Doppelchöre hatten mitunter mächtige Effecte und ich dachte mir: Wenn der alte Händel da oben stände und seine Riesenwerke in dem Riesenlocal dirigirte — — — ja und noch viel Anderes dachte ich mir dabei . . . wer könnte so viel Händel hören ohne viel dabei zu denken?"' In einem anderen Briefe aus London heisst es: „Ich höre alle Concerte, gehe in viele Theater und vertrage es gut. Die Hitze, die späten Stunden, nichts ficht mich an, und kommt ja einmal eine Uebermüdung, so macht ein gesunder Schlaf Alles wieder gut; dann kann ich wieder Wunderkinder — und was schlimmer ist — ihre Väter und Mütter — empfangen; kann mein Gutachten über so manche musikalische Begabung oder Nichtbegabung abgeben, Besuche empfangen, in Blumen- oder sonstige Ausstellungen gehen — und immer bleibt mir Zeit und Lust, mit meiner lieben talentvollen Wirthin Musik zu machen." „Mich wundert, dass ich gestern nach so einem Morgen noch das Stück von Boucicault „The strike" aushalten konnte, das jeden Abend gegeben wird, das Jeder sehen muss, also auch Moscheies. Es behandelt die schwierige Arbeiterfrage und durchläuft die ganze Scala der Greuel: Unverschuldete Armuth, Noth, Rachsucht, endlich Mord! Eine haarsträubende Geschichte, Eugene Sue in Fleisch und Blut dargestellt. Aber — esjst das alte Uebel — nur das füllt das Haus." — 335 — Ein Aufenthalt an der Seeküste mit den englischen Kindern und Enkeln ist geistig und körperlich erfrischend und dort componirt er sein vierhändiges „Familienleben". „Die kleinen Stücke sollen ein Andenken für die Enkel sein; zunächst für die meinigen, dann aber auch für all' meine Enkel in der Kunst, und ich hoffe, sie sollen Unterhaltung darin finden. Jedes Stück enthält eine Erzählung, eine mit den Kleinen durchlebte oder für das Kin- dergemüth anziehende Situation, so können sie sich Etwas dabei denken, etwas dabei fühlen, und thun sie das, so werden sie auch gut spielen." Moscheies fügte später den 12 Stücken des „Familienlebens" noch drei hinzu: „Die kleine Schwätzerin", „Der Grossmutter Nachtgedanken am Spinnrad" und „Des Knaben Schaukelpferd." Oft, wenn Moscheies Abends spielte, hatte er ausserhalb des Hauses eine dankbare Zuhörerschaar aus den untersten Volksschichten, und es machte nicht wenig Eindruck auf die Kinder, dass eines Abends ein Mann auf des andern Schulter steigend, mit einer Stentorstimme ins offene Fenster hinein rief: God grant that Gentleman for a long time the use of his hands! (Gott gebe diesem Herrn noch lange den Gebrauch seiner Hände!) In dieser Zeit begann auch der Sohn des Vaters Portrait zu malen, und es mag wohl ein günstiger Mo- -ment gewesen sein. Geistig durch die künstlerische Anerkennung gehoben, körperlich durch den. Aufenthalt an der See gestärkt, sah er heiter und lebensfrisch aus. Die Sitzungen waren so viele Stunden eingehender Kunstgespräche mit dem langentbehrten Sohn; — Vergleiche zwischen der Musik und Malerei, wie Moscheies sie stets zu machen liebte. So wirft uns diese Leinwand die Seele des Künstlers und den freundlich heitern Blick des Vaters als Spiegelbild zurück. Im Spätherbst bei der Rückkehr nach Leipzig empfängt man im Moscheles'schen Hause an Sonntag-Nachmittagen Künstler und Liebhaber, wie man es schon im letzten Jahre gethan hatte. „Und wie gern sehe ich den - — 336 — Sohn meines alten Freundes, des Kapellmeisters Schmitt dabei." — „Mit Dr. S . . . ., dem Orientalisten, musicire ich immer gern. Er liest vom Blatt wie Einer vom Handwerk und ist musikalischer wie so Mancher, den der Zeitgeist unterwühlt." .... „Das Jean Becker-Quartett hat mich entzückt und meinen Sonntagen Glanz verliehen, das vollkommenste Ensemble, das ich je gehört habe. Immer Wohlklang, strengste Pietät für die Meister, Vermeidung aller Koketterie, und dabei ein Bratschist (Chio- stri), der seine Partie oft zu einer noblen Selbständigkeit erhebt; ein Muster-Quartett." „Neben den musikalischen Genüssen, die mir meine Lieblinge Joachim, Frau Flinsch-Orville, Stockhausen und die Orchester-Aufführungen bereiten, suche ich auch den Mann im Monde", schreibt er, „in den populären Vorlesungen des Director Bruhns, bewundere das neue chemische Laboratorium des Professor Kolbe. Unser Leipzig wird immer grossstädtischer. Die rechte Gelehrsamkeit für mich bleibt mein Scarlatti, dessen Werke in allen Schlüsseln ich jetzt viel spiele. Meine Besuche bei Hauptmann sind mir stets interessant. Der Arme hat gefesselte Glieder, aber einen lebensfrischen Humor und gediegenen Geist." — Der 73. Geburtstag ruft folgende Worte hervor: „Wie könnte ich diese grosse Zahl von Lebensjahren zählen, ohne dem lieben Gott zu danken, dass er mich unter seinem Schutze so weit geführt hat, und das an der Seite einer liebenden, geliebten Frau! Altwerden ist etwas Alltägliches, aber sich dabei jung und empfänglich für alle Lebensgenüsse fühlen, ist ein Bewusstsein seltener Art!" .... Zu Pfingsten besucht Moscheies das Aachener Musikfest und schreibt seiner Frau: . . . „Schönes Wiedersehen mit Hiller, Rietz, Grimm u. A. gefeiert und Einen „aus der .grossen Schülerfamilie" in einer angenehmen Stellung gefunden; es ist der hiesige Musikdirector Breunung. Er hat eine obligate Orgelpartie zum Judas Maccabäus gesetzt, die er selbst spielen wird." . . . Und später: „Rietz hat seine vortreffliche Direction bei den Proben mit aller- — 337 — lei "Witzen gewürzt, wie z. B. „ „Pausen sind dazu gemacht, um sich im Zählen zu üben."" Fräulein Bettelheim in der Walpurgisnacht war hinreissend. Komisch ist es, dass im Fremdenblatt der Leipziger Redacteur ** als Restau- rateur aufgenommen ist. Ueber die Musik mündlich." . . . . . . „Heute schreibe ich Dir schon aus Cöln, wohin ich mit Gouvy gereist bin. Wir hatten in Aachen noch ein grosses Festessen mit Toasten und Reden, bei dem ich auch sprach. Gegen i Uhr Nachts zog ich mich von dem Champagner- und Redefluss zurück, froh, dass ich Kraft hatte an den vielseitigen Genüssen Theil zu nehmen, dazwischen noch privatim mit Einigen unter den Freunden zu musiciren. Im Hotel packte ich schnell und hatte kurze Nachtruhe, indem mich der Truthahn des Hauses mit seinem täglichen i^ül^^ hu - de hu - de hi schon bei Tagesanbruch weckte." In Cöln bei Hiller wird „gediegene Musik und gediegene Freundschaft" genossen, und d#nn geht es mit dem Nachtzug nach Leipzig. Im Juli finden wir Moscheies und seine Frau in Oesterreich, wo die aus Jerusalem angekommenen Kinder und Enkel aufgesucht, ein längerer Aufenthalt mit ihnen auf dem malerischen Rosenberg bei Gratz genommen wird. Die Fahrt dahin geht über den Semmering — „eine staunenswerthe beinahe übermenschliche Eisenbahn — so hoch, dass wir bis zur Region des „Edelweiss" gelangten, das uns in den Wagen hinein zum Verkauf gereicht wurde, wie das „Bier und Butterbrot und die Gnadauer Bretzel" bei Magdeburg." Vom Rosenberg schreibt Moscheies: „Es ist ein paradiesischer Aufenthalt. Die duftigen Morgenspaziergänge, das Panorama der Stadt von unserer Höhe aus, die smaragdgrünen Ufer des Sees, der Sonnenuntergang hinter Moscheies' Leben. IT. 22 - 338 — den Bergen, der silberne Mondschein, Alles entzückt mich. — An Frau , Flinsch und den Ihrigen haben wir die angenehmsten Nachbarn; der Finanzrath S., ein alter Freund und Meloman, gesellt sich mit den Seinigen dazu und was da Alles musicirt wird, könnt Ihr denken. Hier und da tauchen enthusiastische Wiener auf, die mich im Jünglingsalter gehört haben. Einer spricht nur von dem alten Rondo in A, der Andere von der vierhändigen Sonate in Es, damals neu, aber zu meiner Freude doch jetzt noch am Leben." Im September, als Leipzig kaum erreicht ist, „kommt schon ein russischer Ciavierlehrer mit einer gedruckten Polemik, zwei Amerikaner, die musikalische Antiquitäten suchen, und mich deshalb hören möchten', der Vater eines Trios, dem ich einen Verleger finden soll, endlich aber auch ganz überraschend ein Familienbesuch." .... „Nun haben wir unsere vier Kinder beisammen", schreibt der beglückte Vater..... Adolf Henselt, mit dem Moscheies sich bis jetzt stets verfehlt, kommt nach Leipzig und bringt einen musikalischen Tag bei Moscheies zu. „ Er spielte wieder Alles mit künstlerischer Auffassung und Ausschmückung und interessirte mich sehr." Ein Vergnügen anderer Art ist „ das Herumführen der Kinder und Enkel auf der Messe, und konnten mir der Kautschukmann und der Bajazzo auch kein Lächeln abgewinnen, die beglückten Kleinen wirkten wohlthuend auf mein Gemüth." Dies Gemüth wird durch die unverkennbaren, wenn auch wieder verschwindenden Anfänge eines schmerzvollen Leidens nicht verdüstert, im Gegentheil entlockt ihm die Trauerkunde, dass ein Jugendfreund im Erblinden ist, die Worte: „Wieviel habe ich vor ihm voraus, wieviel Grund zur Dankbarkeit!" Leider bringt dies Jahr eine Todtenfeier — die des hochverehrten Hauptmann, „dessen sinnig-freundliche Züge ich als Leiche betrachtete, dessen Ueberreste ich zu ihrer letzten Ruhestätte geleitete. Ein unersetzlicher Verlust. Er hatte mir noch kurz vor seinem Ende die Freude ge- — 339 — macht, mein „Familienleben" in der Oeffentlichkeit anerkennend zu besprechen." Das Conservatorium feiert im Jahre 1868 sein 25Jähri- ges Jubiläum und Moscheies componirt ein achthändiges Stück für die Gelegenheit. „Auch jetzige und frühere Schüler traten mit Compositionen auf, und wie freut es mich, wenn ich in solchen neuen Sachen eine Tendenz zur Oeconomie in den Uebergängen von Tonart zu Tonart finde; nur diese kann wirksam sein, nicht das Uebermass." Dringende Einladungen von Verwandten und Freunden ziehen Moscheies und seine Frau im Sommer wieder nach England. Das „bunteste Londoner Leben, alle Musikzustände unverändert" spinnt sich während einiger Wochen ab; dann kommt der Genuss von Wald- und Seeluft, durch die Gastfreundschaft der lieben Freundin, Mrs. Newman Smith geboten. „Ein schöner Erard und dabei die ewig wechselnde See, ihr Farbenspiel, ihr Rauschen, der silberne Mond, der sich in ihren Wellen spiegelt, vor allem aber die Freude, die ich der lieben musikalischen Wirthin durch meine Kunst, durch das mit ihr Musiciren bereite, sind erquickend. Ich habe ein Ave Maria und einige Stücke in der Fünffingerlage geschrieben." .... -... „Die Trennung wurde uns Allen diesmal besonders schwer.". . . Von London aus wird noch ein heiterer Landaufenthalt mit Kindern und Enkeln gemacht. „Heute habe ich die Neun wie Orgelpfeifen aufgestellt und sie zu meiner Musik tanzen lassen. Für mich der schönste Ball." Bei der Rückkehr in Leipzig ist viel die Rede von Franz von Holstein's Oper „Der Haideschacht", die in Dresden gegeben werden soll. „Die dürfen wir nicht versäumen", sagt das Tagebuch, und nach der Aufführung schreibt er: „Das Werk hatte mir schon am Ciavier sehr gefallen und jetzt fand, ich alle damals angedeuteten Vorzüge verwirklicht. Die Musik hat melodischen^ Fluss, effectvolle Instrumentation und dramatischen Schwung. Alle Künstler sangen mit Liebe, ja mit Enthusiasmus; ich 22* — 34° — erwarte mir noch viel von dem Componisten." Beweist diese Notiz Moscheies' Interesse an einem jüngeren Kunstbruder, so finden wir auch gleich daneben eine Aufzeichnung über einen alten Jugendfreund: „Einen Rückblick in meine Wiener Tage mit Castelli, Lenau, Komer, Grillparzer u. A. bringt mir folgender Artikel: . . . „ „Die Ritter von der grünen Insel feierten in ihrer düstern Bucht am Kohlmarkt den 77. Geburtstag ihres greisen Ehrenritters Zdenko von Bochotin, welchen andere Sterbliche gewöhnlich Grillparzer nennen. Ein junger Ritter, Romeo las dabei eine Anekdote über Grillparzer und Hebbel vor. Ersterer schlug eine Einladung aus, weil auch Letzterer gebeten war, und zwar deshalb, „weil es Einem passiren könnte, dass der Hebbel plötzlich fragt": „Sagen Sie, wie ist Gott entstanden?" und, setzte er weh- müthig hinzu: das wäre schlimm, denn der Hebbel weiss es, aber ich weiss es nicht." " Im Jahre 1869 gab es für Moscheies viele, durch Unwohlsein hervorgerufene, unbehagliche Stunden; noch folgte er aber seinem Beruf mit dem gewohnten Eifer, noch siegt die Kunst als Zerstreuungsmittel, wir finden ihn bei der 150jährigen Feier des Hauses Breitkopf & Här- tel, in Concerten, in der Oper; und als Frau Heinze geb. Magnus sein G-moll-Concert öffentlich spielt, macht sie ihm grosse Freude. Nach den anstrengenden Schülerprüfungen wird in Thüringen, in dem ruhigen Berka Erholung gesucht und im vollsten Masse gefunden. Der "Winterharm ist vergessen und Moscheies reiselustig wie früher. Man hört Wagner's Meistersinger in Dresden und Moscheies schreibt: „Ich fand in dieser Oper mehr Einheitliches als in den früheren; das Verhältniss des Orchesters zu den Sängern ist und bleibt ein eigenthüm- liches. Ersteres schreitet mit üppigen Modulations- und Instrumentations-Effecten voran, Letztere gehen recitirend declamirend, oft parlando mit. Ich fand einige Anklänge an Don Juan, da wo Leporello die „maschere" im Menuett-Rhythmus zum Ball einladet." Tags darauf heisst es: „Ich sprach viel mit Rietz über die Eigenheiten, sowie — 34i — über die anerkennenswerthen Eigenschaften der Meistersinger; auch nahmen wir die gedruckte Partitur zur Hand und bewunderten die wohlberechneten Instrumental-Effecte. Die alterthümliche Laute, deren sich Beckmesser beim Ständchen bedient, wird in der Vorstellung durch eine kleine Harfe mit Metall- und nicht mit Darm-Saiten bezogen, auf drastische Weise hergestellt." Von Dresden geht es über Wien nach Belgrad, wo fünf Wochen der Ruhe und Erquickung mit den dortigen Kindern und Enkeln verlebt werden. „Wir bewegen uns freilich in europäischer Gesellschaft", schreibt Moscheies, „machen auch europäische Musik; doch giebt es auch viel des Neuen und Fremdartigen zu sehen. Den Park von Topschidere, wo der Fürst Michael meuchlings erschossen ward; — den jungen Fürsten in seinem Schloss; — den Markt mit seinen Nationalitäten und ihren Costümen, — das türkische Stadtviertel mit dem halbzerfallenen Palast Prinz Eugen's und die Zigeunerstrasse mit ihren struppigen, wenig bekleideten bettelnden Bewohnern. Serbische Schneider, Weber und Schuhmacher treiben ihr Handwerk in offenen Buden, der Trödel florirt, an grünen Tischen hinter verkümmerten Oleandern wird Slibowitz getrunken, Früchte und Gemüse und heisse Thierhautstückchen werden verkauft und gegessen; wie fremdartig, originell!"... . . . „Nun haben wir auch einen serbischen Hochzeits- zng gesehen", schreibt Moscheies. „Ich zählte 20 offene Caleschen, alle Betheiligten im buntesten Costüm, sogar die Pferde hatte man mit geblümten Tüchern geschmückt, die zu den Hochzeitsgeschenken, der Neuvermählten gehören." — Die Familie macht die sechsstündige Fahrt nach Neusatz im Dampfer und besucht Peterwardein, „die uneinnehmbare Festung". Sie liegt auf hohem Felsen, zu ihren Füssen die Donau mit ihren grünen Ufern, Städten und Dörfern. Gegen Ende Juli wird die Rückreise über Ungarn angetreten, liebe alte Freunde besucht und eine ganz originelle Zigeunerbande gehört. „Die Augen funkeln, das lange Haar weht im Tact und die Bögen streichen mit — 342 — Vehemenz, während die Finger der linken Hand krampfhaft in die Saiten greifen." — In Pesth wird von dem Musikhändler Herrn Dunkel und von Professoren wie Liebhabern ein Bankett Moscheies zu Ehren veranstaltet. Frau Dunkel überrascht ihn durch den reizenden Vortrag seines Liedes „Am Bache", zwei seiner früheren Schüler, die jungen Therns spielen seine Musik, Brand, Volkmann u. A. ehren ihn in Toasten, die er mit Herzlichkeit und nicht ohne Rührung beantwortet. Der nächste Morgen bringt Moscheies ins Theater, wo man ihn mit Orchestertusch empfängt und ihm Verabredetermassen die Ouvertüre zu der Nationaloper Hunyady u. a. Stücke vorspielt. — „Bei einem Festball auf der Margaretheninsel sahen wir den Csardas, diesen reizendsten aller Nationaltänze, mit Grazie tanzen. Die Musik ist abwechselnd pathetisch und stürmisch und voller Originalität." Der nächste Halt der Reisenden ist in Podiebrad — „wieder eine schön verlebte Woche im traulichsten Familienkreise", und dann folgt ein Landaufenthalt bei Hamburg mit den Wundern der Gartenbau-Ausstellung. Herr von Bernuth, ein früherer Schüler des Conservatoriums, jetzt Director der. Philharmonischen Concerte in Hamburg, und sein Freund Herr Gültzow führen Moscheies in die Stadtbibliothek. „Dort", schreibt er, „konnte ich den Schatz der kürzlich angekauften Directions-Partituren von Händel durchblättern; eine schöne Acquisition für die Hamburger." — Als Moscheies Händel's Örgel-Concert durchspielt, fällt es ihm im Andante (B-dur) auf, dass eine grosse Aehnlichkeit mit der Gigue (G-moll) aus Händel's Suiten darin vorherrscht, die sich später wiederholt. „Ob Händel dies absichtlich oder unabsichtlich gethan hat?" Andante. |M . J2 -—-^3——i^-,—«——1_^—i-_- 0-0-0—^0— F-^""»—= £?—1 — E --f-T-* — * ------ g —1" > r~ | -^~h-^-w—w-'-^- rg ------ »— —'—1 !prtJ~~SS£ _»'_»— 0^*\ —-- 0-0 ----&»*3—Ö- etc. — 343 — spa etc. Nach der Rückkunft in Leipzig schreibt Moscheies: „Wie dankbar kann ich auf diese gelungene Reise zurücksehen! Liebe Verwandte, nah und fern, haben wir besucht, Kunst und Natur mit ihnen genossen, ein fremdes Land kennen gelernt, viel Anerkennung ist mir erwiesen und alle Reisebeschwerlichkeiten habe ich gut ertragen." Dennoch fanden die auswärtigen Kinder, die sich im October zu einem Besuch bei den Eltern einfanden, ihn oft matt und angegriffen. Sie waren wieder alle vier beisammen, aber sie verliessen ihn nicht ohne Besorgniss. Der November brachte Leiden und schlaflose Nächte und die Bemühungen des ärztlichen Freundes Professor Reclam, sowie des als Consulent hinzugezogenen Professor Wagner konnten erst im December einige Erleichterung verschaffen. Was ihm und seiner Frau der theure Freun-, deskreis in dieser Zeit war, das lässt sich kaum durch Worte ausdrücken. Man wetteiferte mit den in Leipzig wohnenden Kindern, mit den lieben Hausgenossen in Theilnahme und Aufmerksamkeiten. Jedes einzelne Glied dieser Kette schloss golden seinen Lebensabend ein, und erweckte bei ihr eine Dankbarkeit, die sein Grab überdauert. Möchten Alle, deren sie beim Schreiben dieser Zeilen gedenkt, sich darin wiedererkennen, ihr auch beim Lesen dieser Blätter in Liebe begegnen! Unterm 6. December finden wir folgendes Blatt von seiner Hand geschrieben: „Auflösung ist das Ziel unseres irdischen Lebens. Tempo ad libitum. |eE -0 —i— & ------*_ * —|— & — m * [ —-ig—-5 hSg— -P —— IgfefefBiii r—r &- n™ m — 344 dim. % & £ ■& u. a. ap—v ---- -&-— — P-— J -4- -1 ------- 1— *v Leipzig, 6. December 1869. I. Moscheies." Am 8. December 1869: „Zu meinem Tagebuch: In meinen fieberhaft aufgeregten nächtlichen Leidensstunden kam mir Mendelssohn's Capriccio (A-moll) Op. 33. Nr. i nicht aus dem Sinn, von der ersten bis zur letzten Note meinen Zustand ausdrückend. Dieses makellose Stück hat jedoch eine holprige Stelle in Beziehung auf harmonische Orthodoxie, die mir nicht entging. Es ist die Folge des 263. Tacts zum nächsten": Am 20. December, Dienstag, schreibt er in sein Tagebuch: „Nach einer unruhigen, beinahe schlaflosen Nacht hatte ich gegen Morgen folgenden höchst aufgeregten Traum: „Es kam mir zu Gehör (woher?!), dass seit dem Sterbetage Beethovens in "Wien ein altes Dienerpaar die Stätte seines Hinscheidens bewahrte und behauptete, dass jährlich an Beethoven's Geburtstage seine Gestalt heraufzubeschwören sei — aber nur für diejenigen, die Beethoven während seines Lebens persönlich gekannt hatten. Die Wächter hatten eine Beschreibung seiner letzten Momente drucken lassen und verkauften sie den sich Ein- — 345 — stellenden für ein geringes Honorar oder Trinkgeld. Dahin muss ich (sagte ich mir) und theilte es auch meiner Charlotte mit. Sie, voll der unwiderstehlichsten Theil- nahme, rief aus: „Du nimmst mich doch mit?" Ich (betroffen) erklärte ihr, wie unthunlich dies sei, da sie Beethoven nicht persönlich gekannt hätte. Sie wurde dring- lich-bittend sie mitzunehmen, damit sie die Manen des grossen Hingeschiedenen wenigstens sähe und dass ich ihm begreiflich mache, meine Frau dürfte sieb diese In- discretion erlauben. Nach'vielem Hesitiren gab ich nach! — Wir kamen an dem verheissenen Tage in Wien an und verlangten Einlass. Wir sassen an dem Bette, in welchem Beethoven die letzten Worte: „plaudite amici, comoedia finita est" ausgesprochen hatte. Die Wächter machten einige geheimnissvolle Bewegungen mit den Händen — und alsbald erhob sich langsam Beethoven's Gestalt in Lebensgrösse, gleich einer Statue von weissem Marmor, der Körper war in einen griechischen Falten- Mantel gehüllt. Die Gestalt näherte sich mir, streckte mir die kalten Hände entgegen — ich erfasste sie sogleich und küsste sie. Beethoven wendete mir freundlich sein Haupt entgegen, als wollte er mir Fragen thun! Ich bedeutete ihm durch Zeichen, dass* er meine Antworten nicht hören könne! Er schüttelte bedenklich den Kopf, zog seine Hände aus den meinigen zurück und verschwand nach oben — da erwachte ich." Am 31. December heisst es: „31. December 186g. Meine Gedanken waren dem Schöpfer zugewendet, der mich nach einem frucht- und saftreichen Leben dem Winter meiner Existenz zuführte. Geliebt, gepflegt von meiner treuen Charlotte, in Liebe gekettet an meine ganze Familie finde ich selbst als Invalide ein behagliches Befinden. Somit: Abschied vom Jahre 1869. F i n i s. — 346 — Im Januar und Februar kann er wieder Luft — und die für ihn geistige Luft — Musik gemessen. Das jugendliche Talent der begabten Emma Brandes erfreut ihn; er lässt sie sein Kindermärchen studiren, spielt ihr vor, labt sich an ihrer echt künstlerischen Einfachheit, ermuntert sie, fern von aller Mode-Tändelei zu bleiben und prophezeit ihr eine glänzende Zukunft. Eine seiner Lieblingsopern, die Medea von Cherubini muss er hören; als Grimm's Suite im Gewandhaus probirt wird, muss er in die Probe gehen, spielt auch mit einem befreundeten Brautpaar und seiner jüngsten Tochter noch zu acht Händen. Das geschah am i. März; dann kam ein Rückfall — der letzte! Vertrauensvoll, wie er im Jahre 1825 auf hoher See seinem Untergange ins Auge geblickt hatte, so auch in dieser Krankheit. Er hatte redlich mit der ihm anvertrauten Gottesgabe gewirkt; seine Liebe zur Kunst geleitete ihn bis in seine letzten Lebenstage hinein, und der Geist wollte noch hören, als dem erschlafften Körper schon die Kijaft dazu mangelte. Er war der beste Sohn, Gatte, Vater und Freund! Er hatte jede Minute seines Lebens zu Nutz und Frommen seiner Familie und seiner Schüler verwendet. Nun konnte er es ohne Reue verlassen. Auch die Freundlichkeit seines Wesens behielt er bis an sein Ende. Am 10. März 1870, als der Todesfittig schon das Gemach umdüsterte, hatte er noch sein liebevolles Lächeln für seine Umgebungen. Die Seele rang sich nicht los, sie entschwebte in einem tiefen Seufzer unter dem Kuss des Todesengels. Er starb, wie er gelebt hatte: friedlich und gottergeben! Verzeichniss sämmtlicher Compositionen von I, Moscheies.*) A. Compositionen mit Angabe der Opus-Zahl. Op. I. Variations sur un Theme de l'Opera „Une folie" de Mehul, pour le Piano. Leipzig, Kistner. Op. 2. Dix "Variations sur un Air favori de l'Opera „Der Dorfbarbier", pour le Piano. Wien, Haslinger. Op. 3. Polonaise pour le Piano. Leipzig, Hofmeister. Op. 4. Nouvelle Sonatine facile et agreable pour le Piano. Wien, Artaria & Co. Op. 5. Air favori de Weigl: „Wer hörte wohl" etc. varie p. le Piano. Wien, Spina. Op. 6. Variations pour le Piano sur un Air national Autrichien. Wien, Artaria & Co. Op. 7. Variazioni sopra una Cavatina dell' Opera „Trajano in Dacia". Ebend. Op. 8. Dix Valses pour le Pianoforte. Ebend. Op. 9. Fünf deutsche Tänze f. d. Pianof. Wien, 'Spina. Op. 10. Triumphmarsch nebst 2 Trios für das Pianoforte zu 4 Händen. Ebend. Op. II. Deux Rondeaux pour le Piano sur des Motifs introduits dans le Ballet „Les portraits - '. Leipzig, Kistner. Op. 12. Introduction et Rondeau pour le Piano sur une barcarole veni- tienne. Wien, Haslinger. Op. 13. Fantaisie heroique pour le Piano. Wien, Spina — Nouvelle Edit. Leipzig, Hofmeister. ■ Op, 14. Rondo brillante pour le Piano. Wien, Artaria & Co. Op. 15. Variations pour le Piano sur un theme de l'Opera ,,der Augenarzt". Wien, Spina. Op. 16. Drei erotische Lieder von E. Ludwig, mit Begleitung des Pfte. (Traum und Wahrheit — der Kuss. — das Unvergängliche). Leipzig, Hofmeister. *) Dies Verzeichniss wurde auf Grundlage ^des „Thematischen Verzeichnisses im Druck erschienener Compositionen von I. Moscheies", Leipzig, Kistner. 2 Thtr., dessen Benutzung freundlichst gestattet wurde, bearbeitet. —, 348 - Op. 17. Introd. et variations concertantes pour Piano, Violon et Violoncello. Wien, Haslinger. Op. 18. Trois Rondeaux p. 1. P. Wien, Spina. Op. 19. Polonaise precedee d'une introd. p. 1. P. Ebd. •Op. 20. Grand Duo concertant pour Piano et Guitarre. Wien, Ar- taria & Co. Op. 21. Six "Variations pour Piano et Flute ou Violon. Wien, Haslinger. Op., 22.' Sonate p, 1. P. Wien, Spina. Op. 23. Variations p. 1. P. sur un theme russe. Wien, Artaria & Co. Op. 24. Rondo espagnol p. 1. P. Wien, Spina. Op. 25. Caprice p. 1. P. Ebd. Op. 26. Triumpheinzug der verbündeten Mächte in Paris, ein chara.cter. Tongemälde f. d. P. Wien, Artaria & Co. Op. ,27. Sonate (caracteristique) p. 1. P. Ebd. Op. 28. Six divertissements p. 1. P. Wien, Spina. Op. 29. Variations p. 1. P. sur un theme de Händel. Ebd. Op. 30. Rondo brillant p. 1. P. ä 4 ms. Ebd. Op. 31. Trois Marches h^roiques p. 1. P. ä 4 ms. Ebd. Op. 32. La Marche dAlexandre, variee p. 1. P. avec accomp. de l'Or- chestre. Wien, Artaria & Co. Arrang. mit Quartett; Piano solo; Piano a 4 ms. (Leipzig, Breitkopf & Härtel.) Op. 33. Six Valses avec Trios p. 1. P. ä 4 ms. Wien, Artaria & Co. Op. 34. Grand Duo concertant p. 1, P. et Violoncelle ou Basson. Ebd. Op. 35. Grand Sextuor p. P., Viol., Fl., 2 Cors et Violoncelle. Leipzig, Hofmeister. Arrang. en Sonate p. P.; p. 2 Pftes.; p. P. a 4 ms.. Op. 36. Variationen' über einen österr. Walzer f. Pianof. und Violine. Wien, Haslinger. Op. 37. Grand Caprice d'un Potp. suivi p. P. et Violl, ou Violon, con- certants. Wien, Spina. Op. 38. Fantasie (im italien. Style), verbunden mit einem grossen Rondo f. d. P. Wien, Haslinger. Op. 39. Einleitung und Variationen f. d. P. über ein. österr. Nationallied. Wien, Haslinger. Op. 40. Les portraits. Ballet champetre et comique, arr. p. 1. P. Wien, Artaria & Co. Ouvertüre p. P. seul — p. P. ä 4 ms. ----- Trois Divertissements p. 1. P. Les motifs tires du Ballet: Les portraits. Leipzig, Hofmeister. Op. 41. Grosse Sonate für das Pianoforte (Beethoven gewidmet). Wien, Haslinger. Op. 42. Grandes Variations sur une melodie nationale autrichienne p. 1. P. avec 2 Violons, Alto, Violoncelle et Contrebasse ou sans accomp agnement. Wien, Artaria & Co. — 349 — Op. 43. Grand Rondeau brillant p. 1. P. avec Accomp. de 2 Violons, Alto, Violle. et Contrebasse (ad Hb.) "Wien, Artaria & Co. Pour le P. seul — a 4 ms. Leipzig, Hofmeister. Op. 44. Grande Sonate concertante pour Piano et Flute. "Wien, Artaria & Co. Op. 45. Concert de societe p. 1. Piano m. Begleitung eines kleinen Orchesters. Wien, Spina. Pur Piano solo. — Rondo daraus f. 4 Hde. Leipzig, Hofmeister. Op. 46. Fantasie, Variationen und Finale über das böhmische Volkslied: ,,To gsau kone" concertirend für Piano, Violine, Clarinette und Vio- loncell. Wien, Haslinger. Op. 47. Grande Sonate p. LP. ä 4 ms. (Es-dur-Sonate.) "Wien, Artaria & Co. Spätere Aufl. Hamburg, Cranz. Op. 48. Französisches Rondo concertirend für Piano und Violine mit kleinem oder ohne Orchester. "Wien, Haslinger. Op. 49. Sonate melancolique p. 1. P. Wien, Artaria & Co. Berlin, Schlesinger. Op. 50. Fantaisie et Variations snr l'air favori „Au clair de la lune" p. 1. P. avec acc. de l'Orchestre. Berlin, Schlesinger. Mit Quartett. Für Piano solo. Op. 51. Allegri di Bravura (la forza — la leggerezza — il Capriccio), Leipzig, Peters. Op. 52. La Tenerezza. Rondoletto p. 1. P. "Wien, Spina. Nouv. edit. Hamburg, Cranz. Op. 53. Polonaise brillante p. 1. P. Leipzig, Hofmeister. Op. 54. Les Charmes de Paris. Rondo brill. pour le Piano. Berlin, Schlesinger. Für P. zu 4 Hdn. arrangirt. Op. 55. Bonbonniere musicale. Suite de morceaux faciles p. 1. Piano. Paris, Schlesinger. Op. 56. Grosses Concert (Nr. 2 Es-dur) p. 1. P. m. Begl. d. Orchesters. Leipzig, Klemm. Mit Quartett. — f. Piano solo. — Rondo brill. alla Polacca p. P. 1 4 ms. Leipzig, Hofmeister. Op. 57. Fantaisie p. 1. P. sur trois airs favoris ecossais. Leipzig, Breitkopf & Härtel.' Op. 58. Jadis et aujourd'hui. Un Gigue et un Quadrille-Rondeau pour le Piano. Hamburg, Cranz. Op. 59. Grand Potpourri concertant p. Piano et Violon ou Flute (par Moscheies et Lafont). Berlin, Schlesinger. Op. 60. Drittes Concert (G-moll) für das Piano mit Orchester. Leipzig, Klemm. Mit Quartett, — Für Piano solo. Op. 61. Rondoletto sur un Nocturne favori de Paer p. 1. P. "Wien, Artaria & Co. Op. 62. Impromptu p. 1. P. Leipzig, Kistner. — 350 — Op. 63. Introduction et Rondeau ecossais concertants p. P. et Cor (ou Violon et Violle). Leipzig, Kistner. , Für P. ä 4 ins. arrangirt. Op. 64. Viertes Concert für das Piano mit Orchesterbegleitung. Wien, Steiner & Co. Op. 65. Impromptu martial sur l'air anglais ,,Revenge lie gries" p. 1. P. Leipzig, Kistner. Op. 66. La petite Babillarde. Rondeau pour le Piano. Leipzig, Kistner. Op. 67. Trois Rondeaux brillants p. 1. P. sur des Motifs favoris du Vaudeville: ,,Les Viennois ä Berlin". Berlin, Schlesinger. Op. 68. Fantaisie et Rondeau sur une marche autrichienne p. 1. Piano. Leipzig, Kistner. Op. 69. Souvenirs d'Irlande. Grande Fantaisie p. 1. P. avec Accomp. •d'Orchestre ou Quatuor. Leipzig, Hofmeister. Pour P. solo — p. P. ä 4 ms. Op. 70. Studien für das Pianoforte, zur höheren Vollendung bereits ausgebildeter Clavierspieler, bestehend aus 24 character. Tonstücken. 2 Hefte. Leipzig, Kistner. Op. 71. Rondeau expressif sur un Theme favori de Gallenberg p. 1. P. Leipzig, Kistner. Op. 72. Nr. 1. Fantaisie dramatique dans le Style italien sur des Airs favoris chantes par Mme. Pasta, p. 1. P. Leipzig, Kistner. Op. 72. Nr. 2. Bijoux a la Sontag. Fantaisie dramatique p. 1. Piano. Ebend. Op. 72. Nr. 3. Bijoux ä la Malibran. Fantaisie dramatique. 2 Hefte. Ebend. Op. 73. Fünfzig Praeludien in den verschiedenen Dur- und Molltonarten f. d. P. Ebend. Op. 74. Les Charmes de Londres. Rondeau brillant pour le Piano. Ebend. Op. 75. Anklänge aus Schottland. Fantasie über schottische Nationallieder für das Pianoforte mit Orchester oder Quartett. Leipzig, Hofmeister. Für P. solo arrangirt. Op. 76. La belle Union, Rondeau brill. prec. d'une introd. p. 1. P. ä 4 ms. Leipzig, Kistner. Op. 77. Allegro di Bravura p. 1. P._ (Mendelssohn gewidmet). Berlin, Schlesinger. Op. 78. Divertissements ä la Savoyarde p. Piano et Flute ou Violon. Leipzig, Hofmeister. Op. jföT Sonate concertante pour Piano et Flute (ou Violon). Leipzig, Kistner. Op. ,80. Fantaisie sur des airs des Bardes ecossais, p. 1. P. avec Or- chestre (ad Hb.). Leipzig, Kistner. Für Piano allein arrangirt. ~ 35; - Op. 81. Erste Sinfonie (in C-dur) für grosses Orchester. Leipzig, Kistner. Für P. zu 4 Hdn. arrangirt. Op. 82 a. Rondeau sentimental p. 1. P. Ebd. Op. 82b. Quatre Divertissements p. P. et Flute. Ebd. Op. 83. Souvenirs de Danemarc. Fantaisie sur des Airs nationaux danois p. 1. P. avec Orchestre, Ebd. Für Piano solo arrangirt. Op. 84. Grand Trio pour Piano, Violon et Violle., dediee ä Cherubini. Ebend. Op. 85. La Gaiete. Rondeau brill. p. 1. P. Ebd. Op. 86 a. Marche facile avec Trio p. 1. P. ä 4 ms. Ebd. Op. 86b. Souvenir de Rubini. Fantaisie dramatique p. 1. P. sur une Cavatine de l'Opera „Anna Bolena". Ebd. Op. 87. Fünftes Concert (C-dur) für das Piano mit Orchesterbegleitung. Wien, Haslinger. Mit Quartett — für Piano solo. Op. 87 a. Souvenir de l'Opera. Fantaisie dramatique pour le Piano sur des airs favoris chantes ä Londres par Mme. Pasta. Leipzig, Kistner. Op. 87 b. Duo concertant pour deux Pianos avec acc. d'Orchestre en variations brillantes sur la marche Bohemienne tiree du Melodrame Preciosa, comp, par F. Mendelssohn et I. Moscheies. Ebd. Für 2 P. ohne Begleitg. — Für P. zu 4 Hdn. Op. 88. Grand Septuor p. P., Violon, Alto, Clarinette, Cor, Vlle. et Contrebasse. Ebd. Für P. solo — für P. zu 4 Hdn. Op. 89. Impromptu p. 1. P. Ebd. Op. 90. Concerto fantastique (Nr. 6) p. Piano avec Orchestre. Wien, Haslinger. Avec quatuor. — Pour 1. P. seul. Op. 91. Ouvertüre ä grand Orchestre, de ,Jeanne dArc", Tragedie de Schiller. Leipzig, Kistner. Für P, zu 4 Hdn. arrangirt. Op. 92. m Hommage ä Händel. Grand Duo pour deux Pianofortes. Ebend. Für P. zu 4 Hdn. arrangirt. Op. 93. Concerto pathetique p. 1. P. avec Orchestre (Nr. 7.). Wien, Haslinger. Avec quatuor. — Pour 1. P. seul. Op. 94 a. Rondeau brill. sur la romance favor. de Dessauer „le retour des Promis". Leipzig, Kistner. Op. 94b. Hommage caracteristique ä la Memoire de Mme. Malibran de Beriot en forme de Fantaisie p. 1. P. Ebd. Op. 95. Characteristische Studien f. d, P. zur höheren Entwicklung des Vortrags und der Bravour. Ebend. Zorn — Versöhnung — Widerspruch — Juno — Kindermärchen — Bac- — 352 — chanal — Zärtlichkeit — Volksfest-Scenen — Mondnacht am Seegestade- — Terpsichore — Traum — Angst. Op. 96. Concerto pastorale (Nr. 8) p. 1. Piano avec acc. d'Orchestre. Wien, Haslinger. Op. 97. Sechs Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Piano. Leipzig, Kistner. Stumme Liebe — Der Schmied — Zuversicht — Das Reh — Im Herbste — Sakontala. Op. 98. Deux Etudes: L'ambition — l'enjouement, tirees de la Methode des methodes. Berlin, Schlesinger. Op. 99. Tutti frutti. Six nouvelles melodies pour le Piano. Paris, Pacini. Op. 100. Ballade p. 1. P. Braunschweig, Spehr. Für P. zu 4 Hdu. arrangirt. Op. 101. Romance et Tarantelle brillante pour le Piano. Leipzig, Hofmeister. Op. 102. Hommage ä Weber. Grand Duo p. 1. P. ä 4 ms. sur des motifs d'Euryanthe et d'Oberon. Leipzig, Kistner. Op. 103. Serenade p. 1. P. Ebd. Op. 104. Romanesca p. 1. P. Ebd. Op, 105. Deux Etudes p. 1. P., icrites pour l'Album de Beethoven. Wien, Spina. Op. 106. Fantaisie brill. pour le Piano sur une Cavatine de l'Opera „Zelmire" de Rossini et une Ballade de „l'Enlevement du Serail" de Mozart. Leipzig, Kistner. Op. 107. Tägliche Studien über die harmonischen Scalen zur Uebung in den verschiedenen Rhythmen. Ein Cyclus von 59 vierh. Ciavierstücken. 2 Hefte. Ebd. Op. 108, Deux Fantaisies brillantes pour le Piano sur des Airs favoris de l'Opera „la Bohemienne" de Balfe. 2 Hfte. Ebd. Op. 109 a. Fantaisie brillante sur des themes favoris de l'Opera „Don Pasquale" p. 1. P. Leipzig, Hofmeister. Op. 109 b. Melange p. 1. P. sur la Seränade et d'autres airs favoris de l'Opera „Don Pasquale". Ebd. Op. 110. Gondoliers Lied f. d. P. Rotterdam. Op. in. Quatre grandes Etudes de Concert p. 1. P. Leipzig, Kistner. Reverie et Allegresse. — Le Carillon. — Tendresse et exaltation. — La. Fougue. Op. 112. Grande Sonate symphonique Nr. 2 ä 4 ms. p. 1, P. Berlin, Friedländer. Op. 113. Album des chants favoris de Pischek transcr. p. 1. P. en forme de fantaisie brillante. Leipzig, Kistner. Op. 114. Souvenirs de Jenny Lind. Fantaisie brill, p. 1. P. sur des airs Suedois. Ebd. Op. 115. Les Contrastes. Grand Duo p. deux Pianos ä 8 ms. Ebd. Für d. P. zu 4 Hdn. arrangirt. — 353 — Op. II 6. Freie Kunst. Gedicht von Uhland für eine Bass- oder Altstimme mit Begl. des Pianoforte. Ebd. Op. 117. Sechs Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Piano. Ebend. Liebeslauschen. ■— Dem Liebesänger. — "Warum so stumm. — Botschaft. — Schäfers Sonntagslied. — Frühlingslied. Op. 118. Grande Valse p. 1. P. Ebd. Op. 119. Sechs Gesänge für eine Singstimme mit Begleitung des Piano.» Ebend. Abends. — Die Zigeunerin. — Strenge. — Jemand. — Der Liebenswürdigen. — Der dreifache Schnee. Op. 120. Mazurka appassionata p. 1. P. Ebd. Op. 121. Sonate f. P. und Violoncello. Ebd. Für P. und Violine — Für P. zu 4 Hdn. Op. 122. Die Erwartung (nach Schiller). Fantasie p. 1. P. Hamburg, Cranz. Op. 123. Magyarenklänge. Original-Fantasie für das Pianoforte. Braunschweig, Litolff. Op. 124. Sehnsucht (nach Schiller), Fantasie f. d. Pfte. Leipzig, Siegel, Op. 125. Frühlingslied für eine Sopran- oder Tenorstimme mit Pianof.- Begl. Cöln, Schloss. Op. 126. Grosse Concert-Etude f. P. Leipzig, Kistner. Op. 127. Scherzo f. d. 1*. Leipzig, Payne. Op. 128. Humoristische Variationen. Scherzo und Variationen f. d. P. Leipzig, Kistner. Op. 129. Der Tanz. Characterstück (nach Schiller), f. d. P. Leipzig, Breitkopf & Härtel. Op. 130. Symphonisch-heroischer Marsch über deutsche Volkslieder für d. P. zu 4 Hdn. Leipzig, Kistner. Für 2 Pianos arrangirt. Op. 131. Sechs Lieder für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte. Ebd. Gieb uns täglich Brod. — Frühlingsliebe. — Schmetterling und Liebchen. — Am Meere. — Inniges Verständniss. — Tanz-Reigen der donischen Kosaken. Op. 132. Vier Duette für Sopran und Alt mit Begleitung des Pianoforte. Ebd. Des Lilien-Mädchens Wiegenlied. — Am Bache. — "Winter und Frühling. — Unter den Bäumen. Op. 133. Reverie melodique für das Pianof. Stuttgart, E. Hallberger. Op. 134. Toccate f. d. P. (Im Mozart-Album.) Op. 135. Pastorale im Orgel-Style. Erfurt, Bartholomäus. Op. 136. An G. Rossini. ,,Am Bache". Lied mit oblig. Begl. f. Hörn (Violl.) u. P. Leipzig, Kistner. Op. 137. Melodisch-contrapunktische Studien. Eine Auswahl von 10 Präludien aus Johann Sebastian Bach's wohltemperirtem Ciavier Moscheies' Leben. 23 — 354 — mit einer hinzucomponirten obligaten Violoncell-Stimme. Leipzig, Kistner. Auch für ein 2weites Ciavier statt des Violle. arrangirt. . Op. 138. Feuillet d'Album de Rossini. Theme original pour Piano et Cor. Ebd. Für P. und Violle. — Für 2 Pianos. Op. 139. , Lied im Volkston mit "Variationen üb. e. Original-Thema. Leipzig, Klemm. Op. 140. Familienleben. 12 progress. Ciavierstücke f. d. P. zu 4 Hdn. 2 Hefte. Leipzig, Kistner. Op. 141. Marsch und Scherzo als rhythmische Uebungen (in den 5 Fingerlagen f. den Schüler) Nr. I. Marsch. Nr. 2. Scherzo. Hamburg, Cranz. Op. 142. Drei Charakterstücke f. d. P. zu 4 Händen. Leipzig, Kistner. B. Compositionen ohne Angabe einer Opus-Zahl. 1. Souvenir de Belisaire. Deux Fantaisies pour le Piano. Leipzig, Kistner. 2. Fantaisie p. 1. P. sur des motifs de „Falstaff de Balfe. Mainz, Schott's Söhne. 3. Fantaisie sur des Themes favoris de l'0p£ra „Oberon" p. 1. P. Berlin, Schlesinger. 4. Fantaisie ä la Paganini p. 1. P. seul. Leipzig, Kistner. 5. Fantaisie sur des motifs de l'Opera „Le Siege de Rochelle" de Balfe p. 1. P. "Wien, Spina. 6. Bouquet des Melodies. Petite Fantaisie sur des airs favoris. Hamburg, Cranz. 7. The populär Barcarolle „Or che in cielo" sung by Sign. Ivanoff in Donizetti's Opera „Marino Faliero" arrang. as a Fantaisie with Va- riations for the Pianoforte. London, Addison & Hodson. 8. Pens6es fugitives p. 1. P. Wien, Spina. Romance. — Impromptu. — Nocturne. — Rhapsodie. 9. Andante et Rondeau sur un theme allemand p. 1. P. Leipzig, Kistner. 10. Echo des Alpes. Divertissement p. 1. P. sur trois Airs past. 'de la Suisse. Ebd. 11. Die Tyrolerfamilie. 3me Divertissement p. 1. P. Leipzig, Hofmeister. 12. Divertissement sur des airs tiroliens chantes par la famille Rainer, p. 1. P. Leipzig, Peters. 13. Divertissement sur des airs suisses nationaux p. 1. P. Leipzig, Kistner. 14. Rondo üb. eine bei. schottische Melodie f. d. P. Wien, Haslinger. 15. Rondeau militaire p. 1. P. sur le Duo favori „Entendez-vous'' de la Fiancee d'Auber. Leipzig, Kistner. 16. Abschiedsmarsch des Infant.-Reg. Kaiser Alexander. Wien, Spina. 17. Zwei grosse Märsche f. d. Reg. Kaiser Alexander f. d. P. Ebd. — 355 — 18. Marsch des 2. Regiments "Wiener Stadtmiliz f. d. P. Ebd. 19. Favoritmarsch mit Trio (d. Regiments Kutschera und Max Joseph) f. d. P. auf 4 Hde. Ebd. 20. Rhapsodie champetre p. 1. P. Berlin, Schlesinger. 21. Der Abschied der Troubadours. Romanze mit deutschem und italienischem Texte. Unterhaltungsstück für Gesang, Pianof., Guitarre und Violine mit abwechselnden Variationen von Moscheies, Giuliani und ■ Mayseder. Wien, Spina.' Für 2 Pfte. arr. v. Czerny. — Für P. ä 4 ms. v. Lickl. 22. Musik bei der bei Anwesenheit der hohen Alliirten gehaltnen Schlittenfahrt, f. d. P. arr. Wien, Artaria & Co. 23. Drei Mcdewalzer f. d. P. Ebd. 24. Zwölf deutsche Tänze sammt Trios und Coda f. d. P. Wien, k. k. Hoftheater-Musikverlag. 25. Six Valses p. 1. P. Wien, Spina. • 26. Six Ecossaises p. 1. P. Wien, Artaria & Co. 27. Six Valses p. 1. P. Leipzig, Peters. 28. Verständniss. Ged. v. Probald, f. e. Singst, m. P. Leipzig, Payne. 29. Fantaisie p. 1. P. sur des airs de Neukomm. London, Cramer & Co. 30. L'Elegante. Rondeau p. 1. P. London, Chappell. 31. Variationen über G. F. Händel's Harmonious' Blacksmith f. d. P. z. 4 Hdn. Leipzig, Kisfner. NAMENS-VERZEICHNISS. Abert, J. 270. Adamberger, Frl. 327. Adams 46. Agthe, Frl. 223. 292. 293. Aguilar 188. '189. Aimemartin 41. Albert, Frl. 104. Albert, Prinz-Regent 91. 104, Alboni 173. 311. Albrecht 299. Albrecht, Frl. 289. Aldridge, Ira 235. Almäsy, Gräfin 144. Alsager 94. 103. Amalie, Prinzessin zu Sachsen 267. van Amburgh 33. Anderson, Mrs. 26. 48. Anschütz, H. 125. Arnal 42. Arndt, E. M. 207. Arnemann, Frau 295. 296. Arns-wald, Freiherr von 294. Arnstein 311. Asher 120. 121. Auber 40. 304. Auerbach, Berthold 118. 262. 267. Austin 49. Ayrton 53. 113. Bacher, Dr. 125. 140. 142. Bacherl 268. Balfe 4. 20. 29. 107. Bargiel 331. Barnett 299. Bartholomew 155. 156. Bassano, Mlle. 156. Baudissin, Graf 326. Bazzini 131. 272. Beck 223. Becker, C. F. 217. 218. 238. Becker, Jean 317. 323. 336. Beer, Frl. 38. Beer, Frau von, s. Silny. Begrow 282. Behr, Heinr., 188. 189. 249. 265. 274. 281. Belleville, Frl., s. Oury, Mme. Bendemann 184. 194. Benedict, J. 5. 19. 24. 29. 46. 48. 80. 86. 94. 98. 106. 113. 172. 180. 201. Benedix, Roderich 332. Bennett, W. Sterndale 36. 90. II 2. 136- I7 2 - de Beriot 4. 6. 7. 8. Berlioz 40. 235. 268. 297. Bernard 299. Bernuth, von 301. 342. Bertram (Baritonist) 299. 323. — 357 Bertucat 138. Bettelheim, Caroline 337. Bianchi, Frl. 266. 275. Bieber 257. Birch, Miss 75. Bishop, Henry 136. 139. Blagrove 90. Blum, Robert 188. 196. Blüthner 257. Bochkoltz-Falconi 138. Bock, Prof. Dr. E. 268. Bock, Frau von, s.Schröder-Devrient. Bodenstedt 256. 257. Böhme 217. Bohrer, Max 120. Bondy, Frl. 290. Bott 27. 232. Bouffe 42. 104. Braham 3. 6. 33. 55. 56. 107. 157. Braham, Charles 107. Braham, Hamilton 107. Brahms 249. 266. 319. 331. Brand 342. Brandes, Emma 346. Brassin (Baritonist) 195. Brassin, L. (Clavierspieler) 276. Brassin, Gebr. 232. 253. Braum 28. Breidenstein 142. Brendel, F. 174. 175. 216. 217. Brendel, Mme. 175. Breunung 282. 336. Broadwood 11. 16. Bronsart, H. von 279. 293. 313. Bronsart, Frau von 288. Bruch, Max 281. 331. Brunei, Isambard 100. Bruhns, Director 336. Brunnow, Baron 115. Büchner, E. 238. Buddeus 107. 110. Bull, Ole 10. 60. 61. Bülow, Hans von 194. 247. Bunsen 87. 89. 99. 102. 268. 311. Bürde-Ney, Jenny 266. 300. Burghersh 29. Busch, Frl. 21 1. Butler, Mrs., s. Kemble, Fanny. Buxton 116. Cambridge, Herzog von 25. 80. 138. Caradori-Allan 57. III. Carus, K. G. 132. Casella 334. Castellan, Mme. 112. 172. 221. Castelli 124. 340. Cerrito, Fanny III. Chelard 143. Cherubini 40. Chevet 308. Chiostri 336. Chopin 20. 31. 39. 43. 44. 207. Chorley 54. 57 ff. 73. 94. 112. 141. 144- ISS- Cibbini, Frau von 123. Cinti-Damoreau 4. 29. 104. Ciarisse, Mlle. 136. Clarus (Hofrath) 181. Clauss, General-Consul 324. Clauss-Szarvddy, "Wilhelmine 209. 252. 331. Clementi 307. Coccius, Prof. Dr. 267. Colosanti, Vincenzo 279. Corelli 111. Cossmann 186. 188. 225. 232. 331. Costa 201. 334. Cramer, J. B. 40. 77. 283. Cramer, F. 52. Cranz 223. Cremieux 41. 303. Culocz 245. Curtis, W. 35. Cusins 270. Czerny, C. 19. Damcke 303. Damrosch, L. 279. Dannemann, Frl. 299. Danreuther 313. David, Felicien 138. David, Ferdinand 34. 35. 62. 63. - 358 ' 66. 6y. 79. 131. 132. 163. 166. 168. 170. 171. 175. 180. 181. 184. 186. 188. 199. 210. 211. 214. 216. 217. 218. 220 ff. 231. 237. 247. 251. 254. 263. 264. 2 73- 2 74- 276, 280. 283. 284. 285. 289. 293—296. 312. 313. 323. David, Paul 213. Davidoff 289. 297. 317. Davison 111. Dawison, Bogumil 262. Deinhardstein 125. Dejazet 42. 104. Dessauer 124. Dessoir, Ludwig 205. Destin 28. Devrient, Eduard 200. Devrient, Emil 133. 256. 302. Dietrich, A. 258. Dietrichstein, Graf Moritz 126. Dilke, Wentworth 144. Dirichlet 182. 21 1. Döhler, Th. 28. 49. 117. 130. Dolby, Helene 115. 272. Dönniges, von 256. 257. Doppler, Gebr. 258. Dörffel, - Alfred 175. 332. Döring,- Theodor 256. Dorn, Heinrich 325. Dorus-Gras 42. 55. 79. 138. Doyle 101. Draxler 124. Dreyschock, A. 101. 167. 273. Dreyschock, Raimund 219. 265. 284. 285. 323. Dulcken 201. Dulcken, Louise 26. 35. 107. 113. 201. Dunkel 342. Duponchel 41. Duprez 41. 42. 94. Eben 224. Eicke 60. 61. Eilers 258. Elsler, Fanny 29. 104. 120. 128. 132. Erard, Mme. 303. Erdmann, Baronin 123. Ernst 102. 106. 110. 112. 114. 131. 202. 323. Eskeles 126. 311. Faisst, Dr. E. 269. Falkenstein, von 134. Fawcett, Helen 49. Ferdinand I., Kaiser v. Oestreich. 127. 128. Fetis 73. 286. Filtsh 104. Fink, G. "W. 67. Fischhof 125. 138. 142. Fleming 34. Flinsch-Orville, Julie 336. 338. Formes, Karl 193. 315. Fornasari 110. II r. Fortunati, Carlo 243. Franchomme 19. Franck, Eduard 41. 202. Franz Carl, Erzherzog von Oestreich 127. 128. Frege (Kammerrath) 191. Frege, Prof. Dr. 181. ^■ / liS Frege, Livia 68. 131. 166/178. 181. 185. 187. 191. 199. 200. 211. 216. 268. 275/ 325. Früh, Arnim 281. Fuchs, Aloys 123. Fumagalli 245. Fürstenau 132. Gade, Niels 131. 132. '184. 187. 188. 214. 237. 319. Galvani 314. Ganz 19. 142. Garcia,, Pauline 42. 78. 79. 206. 280. 283. 290. 296. 300. 301. 303. 330. Geibel 239. Geishard, Frl. 269. Georges, Frl. 107. Gerhard (Legationsrath) 205. Gerhard, Adolar 229. 331. Gerke 19. 359 Gernsheim, Fritz 252. Gerstäcker, Friedrich 302. Giehne 331. Gladstone 201. Glöggl 273. Goddard, Arabella 259. Godin 287. Goldschmidt, Otto 216. 231. 238. 252. 278. 315. Goldschmidt, Frau, siehe Lind, Jenny. Gounod 318. Gouvy 251. 337. Graumann, Frl. 117. Griepenkerl 175. 187. 213. Grillparzer, F. 125. 340. Grimm, J. O. 232. 239. 336. 346. Grisi, Giulia 8. 22. 49. 110. III. 156. 173. 3IS- Grote, George 49. 94. 100. Grützmacher, F., 221. 247. 251. 273. Grützmacher jun. 299, Gültzow 342. Gusikow n. Gutmann 39. Gutzkow 117. Habeneck 41. Haberbier 239. Hackländer 269. Hähnel 142. Haizinger, A. 79. 94. 119. 256. Halevy 41. 106. Hallberger, E. 273. 290. Halle 98. 103. 106. Halm, Friedrich 268. Hammer, Dr. 181. Hanslick, Eduard 262. Harless 20 1. 204. Härtel 62. 135. 182. 218, 238. 257. 274. 279. Haslinger 271. Hasselt-Barth 123. 124. Hauffe, Frl. L. 282. Hauptmann, Moritz 131. 132. 184. 186. 199. 217. 218. 231. 238. 253- 328. Hauser 125. 239. Hausmann 27. 32. Hebbel 340. Heermann, Geschwister 331. Hegar 299. Heindl 123. Heine, Heinrich 41. 267. Heinemeyer 27. Heinze, Frau Sara 340. Heller 221. Heller, Stephen 40. 106. 274. 303. Hendrichs 256. Hennelle 138. Hensel 100. Hensel, Fanny 2. A6$. Henselt, A. 31. 338. Hering, Frl. Jenny 282. Heringen, von 267. 268. Hermann 217. Herz, H. 11. 28. 41. 304. Hill, Rowland 101. Hiller, Frl. 228. Hiller, Ferdinand 117. 132 und ff. 174. 180. 202. 227. 255. 260. 280. 318. 324. '330. 336. 337- Hinckel, Frl. 293. 299. Hofmeister, Fr. 295. Holstein, Franz von 238. 253. 339. Hopfgarten, von 225. Horsley 98. Hoschek 129. Hübner, Jul. 184. 194. Humboldt, A. von 87. 291. Hummel 33. 174. Hummel jun. 120. Jacob, Maler 115. Jacobi, Frl. 238. Jadassohn, S. 232. 282. 299. Jäger 141. Jahn (Concertmeister) 238. Jahn, Otto 218. 238. Jaell, Alfred 123. 258. 293. Jameson 49. 115. — 3 6 ° Jam-hod-deen II. Janin, Jules 207. Jarret 49. Jeanrenaud, Cecile, s. Mendelssohn. Joachim, Joseph 10g. m. 112. 131. 132. 162. 163. 165. 173. 186. 196. 199. 211. 214. 217. 219. 225. 252. 266. 268. 323.331. 336. Irmler 257. Jullien 95. 108. Kalkbrenner 43. Kalkbrenner jun. 106. Kaskel 132. Kaulbach, W. v. 120. 121. 239. Keil, Dr. 151. 159. Kemble, Charles 78. Kemble, Fanny 78. 94. Kemble, Adelaide 78. 94. de Keysers 286. Kindermann, August 256. Kistner 62. 64. 66. Kittl 284. Klems 257. Kiengel (Violinspieler) 329. Kiengel, A. 218. 270. Klingemann 5. 24. 54. 112. 178. Knaur 187. Knorr, Julius 175. Knyvelt 6. 52. Kohl, J. G. 100. Kolbe, Prof. 336. Kollowrat, Graf 127. Komer 340. Kömpel 313. Königslöw, O. von 232. 252. Kratky, Frl. 142. Krall, Emilie 272. Krause, A. 282. Krebs, Mary 326. Kreutzer, Rudolf 323. Krüger 252. Kücken 269. Kufferath 286. Kuffner 125. Kullak, Theodor 205. Küstner 41. Lablache 6. 8. 22. 49. 55. 57. 92. 110. III. 172. 308. Lachner, Franz 120. Lacombe 252. Lafont 41. Lagrange, Mme. 230. Landseer 98. 100. Lannoy 125. Lansdown, Marquis von 80. Laub, Ferdinand 272. 323. Lauterbach, Concertmeister 272. Lax, L. 61. Lebert 269. Lefebre 145. Legier 119. Lehmann, Heinrich 105. Lehmann, Rudolf 106. Lemaistre 136. Lemel 69. 70. Lemmens-Sherrington, Mme. 315. Lenau 340. Leonard 286. Levasseur 307. Levassor 104. Levi 282. 331. Lidel 72. Lieben, Frau von 84. 122. Liebig, von 256. Lienau 313. Limburger 62. 64. Lincoln, Miss 132. Lind, Jenny 135. 153- 158. 173- ,228. 231. 252. 333. Lindhould 290. Lindley 25. 20 1. Lindpaintner 120. 232. 269. Lipinski 10. II. 133. 186. List, Frl. 63. 66. Liszt, Franz 16. 31. 50. 76. 77. 136. 140 u. ff. 202. 223. 226. 233- 235. 247. 255. 268. 273. 291. 292. 1. 233. 252. 266. 268. Litolff 17. 49.1 Lockhart 10. — .tfi Lortzing 204. Lotto, Isidor 313. 323. Louis Philippe 43. 44. Löwenstern 36. 62. Ludwig I. v. Bayern 121. Lutze, A. 268. Lwoff 51. Macfarren III. Macready 49. Magnus, Sara, s. Heinze. Magnus, Maler 115. Malibran, Marie 4. 5. 6. 7. 8. Marchesi, Salvatore 226. 228. Marchisio, Geschwister 309. Mario 42. 110. III. 156. Marjolin, Mme. 304. Mars 42. Marsano 124. Marschner, H. 133. Marxsen, E. 249. Masson, Mrs. 20. Mayer (Aachen) 60. 61. Mayer, Frl. Caroline 275. Mazzini 316. Meerti 79. 138. Meiningen, Herzog von 225. Mejean, Gräfin 120. Mendelssohn-Bartholdy, F. 12. 20. 24. 36. 45- 46. 53 ff- 92- 93- 99- in ff. 117. 155 ff. 158. 160 ff. 176 ff. 180 ff. (sein Tod). 195. Mendelssohn, Cecile 13. 14. 62. 93. 205. 211. 212. 250. Mendelssohn, Paul 182. 199. 211. 300. 313. Menzel, Director 294. Mertel 232. Mertke 289. Meyer, L. von II 1. 113. 117. Meyerbeer 21. 41. 106. 135. 140. 144. 145. 203. 269. 330. Meyr, Melchior 256. Milanollo, Teresa 138. Milde, von 223. 293. Milde, Frau von, s. Agthe. Mills 282. Miolan-Carvalho, Mme. 315. Mitterwurzer 254. Möbius, Prof. Paul 275. Mocenigo, Contessa 241. 243. Molique 49. 120. Monasterio 323. Montez, Lola 142. Moore 53. Morgan, Charles 29. Mori 36. Moriani 314. Moritz 284. Mortier de Fo'ntaine 130. Mösner, Frl. 288. 289. Mühlenfeld 19. Müller (Concertmeister) 276. Müller (Contrabassist) 27. 167. Müller (Posaunist) 63. Müller von Königswinter, Wolfgang 256. Müller, Gebr. (Violinquartett) 166. 293. Murray 51. v. Muth 70. Nägeli jun. 246. Napoleon, Arthur 275. Napoleon, Prinz Louis 35. 36. 37. 52. Naumann 207. Nesselrode, Graf 115. 116. Nestroy 193. Neukomm, S. 19. 24. 89. 137. 216. 268. 269. 283. Neumann, Louise 124. 256. Newman-Smith, Mrs. 334. 339. Nissen-Saloman, Henr. 104. 207. 270. Nohl, Ludwig 330. Nourrit 4. Novello, Clara 8. 45. 97. Novello, Sabilla 142. Oberhoffer 138. Oppolzer 213. Osborne 201. Osten, van der 226. 362 Otto (Domsänger) 272. . Oury, Mme. 27. Paganini 323. Palmerston 34. Parepa, Mme. 315. Parish-Alvars HO. Parry, John 7. 96. Pasta, Giuditta 246. 308. Patty, Adelina 315. Pauer, Ernst 130. 271. ■ Paul, Oscar 332. Persiani 79. III. Perthuis, Graf 43. Peters, C. F. 324. - Pfeiffer, George 304. Phillips 6. 12. 45. 55. 75. 97. 156. Piatti 130. 132. Pischek 120. 138. 140. 153. 154. Pixis, Peter 41. 330. Plaidy, L. 218. Plessy, Mlle. 136. Pleyel, Mme. 141. 142. 153. 286. Pocci, Graf 120. 121. Pögner, 21 1. Pohl, Frau 274. Poissl, Baron 120. Ponchard 307. Poorten 297. Preusser 132. 151. 159. 195. 252. Proch, H. 124. Proksch 285. Prume 124. 125. Puzzi 21. Rachel 41. 82. Radecke, Robert 232. Randhartinger 124. 125. Rantzau, Graf 326. Ratschek 270. Rauch 257. Rebling 28 1. Reclam, Prof. Dr. Carl 248. Reclam, Frau Dr. 238. 260. 289. 293. 332. Redern, Graf 135. Regondi 72. Reichardt (Altenburg) 270. Reinecke, Carl 186. 280. 311. 320. 329. Reinthaler 280. Reiss, Dr. 117. Reiss, Carl 289. Reissiger 132. 133. 234. Remsch 257. Rettich, Julie 124. 256. Richard 184. Richter, E. F. 299. Riccius, H. 238. Riehl 269. 328. Ries, F. 19. 26. Rietz, Julius 176. 181. 186. 192. 193. 196. 199. 212. 213. 217. 218. 220 ff. 231. 264. 283. 285. 292. 299. 300. 336. 340. Ritmüller 257. Roche 155. Rochlitz, F. 64. Roger, Gustave 206. Rogers, Samuel 100. Ronconi 22. Röntgen jun. 297. Rose, Carl 297. 299. Rosen, Dr. Georg 249. Rosenhain, Jacques 19, 28. 117. 146. 232. 330. Rossi, Graf 229. Rossini 304 ff. Rubini 22. 29. 42. 49. 308. Rubinstein, A. 90. 259. 260. 317. Rudolf, Erzherzog v. Oestreich 127. Rudorff 297. Russo 79. Sabbath (Domsänger) 227. v. Sahr 233. 239. 267. Sand, George 28. Sanklow 10. Sanson 42. Saphir 124. Sartoris 78. 96. 98. III. 114. Schaffrath 257. Scheibler 12. 363 — Schenck 91. Schiedmayer 257. Schiller (Petersburg) 270. Schiller, Miss 313. Schindelmeisser 267. Schindler, A. 60. 254. Schlagintweit, von 302. Schleinitz 66. 132. 151. 159. 181. 195- Schletter, S. 192. Schloss, Frl. 136. 138. 159. 163. 167. 187'. Schmitt, Aloys 117. Schmitt jun. 336. Schneider, Carl 231. 249. - Schneider, Friedrich 187. Schnorr v. Carolsfeld 239. SchnydervonWartensee 10.188.267. Schönemann 166. Schramm, Maler 66. Schröder-Devrient, Wilhelmine 4. 21. 69. I32. I34. 199. 204. Schubert 284. Schubert, Franz (Dresden) 186. Schumann, Clara 62. 66. 67. 68. J 34. 159- 163. 186. 194. 199. 2io. 214. 230. 257. 320. 330. 331. Schumann, Robert 15. 24. 62. 132. 175. 186. 194. 199. 210. 214. 230. Schunck 63: 64. 161. 162. 182. Schurig, Musiklehrer 325. Schütky 269. Schwabe, Frau 333. 334. Schwenke 84. 246. Seebach, Marie 256. Seeburg, Dr. 151. 159. 162. 195. Seiffert 257. Seinsheim, Graf 120. Senff, Barthqli 255. Servais 10. Shaw, Mrs. 20. 95. 97. III. 136. Silny, Frl. 123. 331. Sims Reeves 315. Singer, Edmund 226. 252. 267. 270. 295- Sivori 101. III. 138. 153. Smart, George 6. 29. Sontag, Henriette 205. 228. 229.' Sontheim 269. Sophie, Erzherzogin v. Oestreich 127. 128. Sor (Guitarrespieler) 305. Speidel, W. 232. 252. 269. Speier, "Wilhelm 117. Spohr, L. 81. 82. 90. 102. 103. 141. 142. 205. 214. 251. 261. 285. 288. Stabbach, Frl. 252. Stark 269. Stark, Ingeborg, siehe: Bronsart, Frau von. Staudigl 79. 80. 94. III. 138. 141. 156. 157- Stern 276. Stern (Geiger) 124. Stighelli 228. Stockhausen, Julius 268. Stöckl-Heinefetter 79. 94. Stranz 221. Strauss, Johann 28. Strauss, Ludwig 290. 313. 331. Streicher 257. Stürmer, Heinrich 211. Sullivan, Arthur 282. 290. 313. Sutherland, Herzogin von 30. Szärvady, s.: Clauss, "Wilhelmine. Szechenyi, Graf 128. Täglichsbeck 270. Tamburini 42. 173. Taubert, "W. 266. 318. Tausig, Carl 293. Thalberg, S. 5. 6. 8. 9. 16. iS. 19. 24. 28. 31. 36. 40. 46. 47. Thomas, Ambroise 304.; Tichatschek 180. 197. Tietjens, Therese 262. 334. Tischendorf 302. Trautmann, Frl. 331. Trebelli 314. 318. Unger-Sabatier, Mme. 288. Vaugham 6. 364 Veit 298. Verpre, Jenny 3. Vesque 124. 142. Viardot, Pauline, s.: Garcia. Vielhoursky, Graf 115. 116. Vieuxtemps 75. 79. 138. 331. Vigny, A. de 28. Vimercati (Mandolinespieler) 305. "Vi vier 144. Vogel, DUe. 163. 167. 175. Volkmann, Robert 342. "Wächter, C. G. von 290. 299. "Wagner, Prof. Dr. 343. Wagner, Johanna 180. 197. 230. 283. "Wagner, Richard 132. 194. 204. 261. 264. "Walther 181. "Warena, von 324. "Weber, Dr. (Köln) 231. Weber, Frau von 133. Weber, Dionys 70. 204. 321. Weber, Gottfr. 222. Weber, M. M. v. 115. 317. Weissheimer, Wendelin 282. Weixelstorfer 293. Wellington, Herzog von 100. Wenzel 218. Werner, Carl 243. 290. 298. Westmacott 98. 100. Westmoreland, Lord 135. Widemann (Tenorist) 211, Wieck, Friedrich 132. Wieck, Marie 163. 331. Wieniawski, Henri 290. 304. Wilkinson 48. 100. Williams, Miss 156. Willmers, R. 172. Winterhalter 100. Wirsing, Rudolf 218. Wittmann 132. 199. Witzleben, von 135. Wohlstadt, Frau 275. 289. Wolff, O. L. B. 123. 124. 143. Wolzogen, A. von 281. Wüllner, Franz 270. Zellner 328. Zimmermann 40. Zöllner, Carl 311. Zucchi 314. Druck von Bär & Hermarm in Leipzig. Ä- J M -**V .< : ^ V^ f.mpm *>** * ? . **1 ■ * fr-. ^ 0 • : \- jH^i / f3** 5f%-| |y% * .*"