Druckschrift 
2 (1873)
Seite
190
Einzelbild herunterladen
 

190

seinem Volk erst über den Leichen der Bürger Freiheitenund Aufklärung" gegeben." Und das von Oesterreich!Wohin es gekommen ist! Hast Du einmal in einer Ballet-Pantomime Figuren tanzen sehen, die von vorn wie alt-modische Herren aussehen, indem sie sich umdrehen, aberjunge, leichte, lachende Figuren vorstellen so kommtmir Oesterreich vor." . . .

Die Frau wird auf ihrer Rückreise schon in Berlinvon Moscheies empfangen,damit sie zusammen Mendels-sohn's Grab besuchen können."Es war ein traurigerGang, doch that er unsern Herzen wohl", schreibt sie.

Die Politik nahm damals natürlich das grösste In-teresse in Anspruch; sie bildete den Gegenstand des Ge-spräches, sie findet auch in Moscheies' Tagebuch selbst-verständlich mehrfach Erwähnung, und seine Correspon-denz nimmt oft Bezug auf politische Vorgänge. Wirführen nur Weniges an, um darzuthun, welches UrtheilMoscheies sich über die staatlichen und gesellschaftlichenVerhältnisse bildete. Bieten derartige Aussprüche dochauch kleine Beiträge zu seiner Charakteristik dar. Soschreibt er u. A. nach Hamburg:

Es ist als hätten die Staaten einen Krebsschadenund in Frankfurt fände die Consultation der Chirurgenstatt. Künstliche Arme, Beine, Augen und Nasen werdendort in der grossen Versammlung dem verstümmeltenStaatskörper angesetzt, und unser Zeitalter hat das trau-rige Loos, diesen Operationen zusehen zu müssen. Eineharte Prüfung; aber Gott hat sie uns auferlegt! Ich binnicht vom Freiheitsschwindel ergriffen, wünsche mir einmonarchisches juste milieu, möchte aber nicht unter Ni-colaus' Zuchtruthe kommen, und auch nicht meine Neben-menschen darunter sehen." Die Prager Verwandtenflüchten nach Leipzig es geht dort zu schlimm her.Und mein altes Wien mit seinem durch Menschenbluterrungenen Jubel! Mein leichtsinniges, musikalisches Wien!das kann ich mir noch weniger in seinen Gährungen vor-stellen, wie Berlin, wo sich die Tragödie grässlich ent-wickelt. Gott behüte uns vor einer Wiederholung der