Leipzig, i. October 1835,Um 10 Uhr Abends.Mein theures Weib!Ich habe heute Morgen halb 5 Uhr mein Tagewerkbegonnen, indem ich Dir einige Zeilen schrieb; so will iches damit enden, Dir noch vor dem Schlafengehen Rechen-schaft von meinem Thun und Lassen zu geben. Um 8 UhrMorgens sah ich meine Mutter und die liebe Schwägerinin ihrer Wohnung; heisse Thränen flössen allerseits. DieUnmöglichkeit Deines Mitkommens wurde viel besprochen;sie sind betrübt darüber. Kistner, der schon sehr thätigfür mich war, begleitete mich zu Mendelssohn, der rechtangenehm und angemessen vor der Stadt in ReicheisGarten wohnt. Er empfing mich so kindlich freundlich,wie immer, und fragte nach Dir mit Herzlichkeit, Respect,und Liebe, möchte ich sagen. Dein Geschenk versetzteihn in Entzücken.....Ich fand ihn nicht schöner ge-worden (halb Jüngling, halb Mann) und auch nicht blühendaussehend, jedoch muntrer, geistreicher und gescheidterals je. Er spielte mir drei neue Lieder ohne Worte vor, diesich den andern würdig anreihen; von meinen Sachen hater noch nichts gehört. — Ich kehrte zu der Mutter zurück,um mich etwas um ihre hiesige Einrichtung zu kümmernund empfing Geschenke für uns Alle, u. A. eine famoseTorte, von der ich Dir noch mitzubringen hoffe. DieMutter sieht gut aus, und obschon man sie allenthalbenhier eine schöne alte Frau nennt, kommt sie 'mir noch
J~viel jünger vor, als sie wirklich ist. Bei Wieck war ichauch und habe mir von Clara recht viel vorspielen lassen,u. a. eine Manuscript-Sonate von Schumann, die sehrgesucht, schwer, und etwas verworren, jedoch interes-
1 sant ist. Ihr Spiel war vortrefflich und gediegen. Sie hatscheinbar nicht soviel Feuer, wie die Pleyel, weil sie ganzohne Affeetation spielt; ihr kindlich bescheidenes Wesenist der Gegensatz zu der stürmisch bewegten Jugend dieserKünstlerin, von der mir Felix um 1 Uhr an der Tabled' hote! bei Kistner viele Details erzählte. Die arme Frau