Pip..; 4 .. wst % i*m s h ; ^ "< ^ *■■* m^CäJB : Jtü&m Li i AUS MOSCHELES' LEBEN. AUS MOSCHELES' LEBEN. NACH BRIEFEN UND TAGEBÜCHERN HERAUSGEGEBEN VON SEINER FRAU. ERSTER BAND. LEIPZIG, VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT. 1872. 0 Das Recht der Uebersetzung sowie alle anderen Rechte vorbehalten. Die Verlagshandlung. LA.NDES- UND STADT- BIÜLIOTHEK. DÜSSELDORF sM.MSH VORBERICHT DER HERAUSGEBERIN. Die Leser finden in diesen Blättern eine treue und wahre Skizze von Moscheies' Leben und Wirken, sowie von der Musikgeschichte seiner Zeit, da er vom Jahre 1814 bis an sein Lebensende alles, was ihm begegnete, mit sehr geringen Unterbrechungen in sein Tagebuch eintrug. Diese Notizen dienen als Grundlage und sind durch Briefe von ihm und seiner Frau an Verwandte und Freunde vervollständigt. Es war stets Moscheies' Wunsch, dass die Kunsterfahrungen, die er in seiner beinahe 60jährigen Laufbahn gemacht, sowie die Beziehungen zu seinen Kunstbrüdern nach seinem Tode veröffentlicht würden; er liess deshalb seine Frau, unter seinen Augen, eine Reihe von Jahrgängen im Tagebuche überarbeiten, manches mit eigner Hand hinzufügend. Auch pflegte er ihr seine Ueber- zeugungen und Anschauungen über alles, was ihn bewegte, mitzutheilen und zu begründen, so dass sie gar manches nicht Aufgeschriebene treu im G-edächtniss bewahrt. Er wollte sie auf diese Weise — falls er ihr voranginge — zur Erfüllung dieses Lieblingswunsches vorbereiten. Moscheies' Leben. i Der Wille eines geliebten Todten ist heilig, ist über persönliche Gefühle und kleinliche Rücksichten erhaben, und so übernimmt die Herausgeberin, wenn auch zaghaft, die schwierige Arbeit als sein Vermächtniss. Andere hätten sie wohl besser gemacht, Niemand mit so viel Liebe. Soll sie ganz in Moscheies' Sinne ausgeführt werden, so muss die grösste Unparteilichkeit vorherrschen. Er war streng gegen sich, mild im Urtheil über Andere, und' wer ihn und sein Wirken treu schildern und erfassen will, muss dies stets im Auge behalten. Dies Buch will und soll nichts anderes sein, als ein Gedenkbuch, das den Kunstgenossen das Streben und Schaffen des Künstlers Moscheies vorführen, den Freunden das Bild des Freundes in die Seele zurückrufen soll. ERSTER ABSCHNITT. JUGENDERINNERUNGEN. (PRAG UND WIEN. 1794— 1814.) Die Lücke von seinem ersten Sichbewusstwerden bis zum Beginn des Tagebuchs (1814) hat Moscheies durch Aufzeichnungen ausgefüllt, die hier grösstentheils ihrem Wortlaut nach folgen: „Mein Geburtstag fällt auf den 30. Mai 1794, meine Vaterstadt ist Prag. Meine Erinnerungen reichen bis zum Beginne des Jahrhunderts zurück. Ich hörte damals viel von der grossen blutigen Revolution in Frankreich reden. Militärische Neigungen hatten sich auch der Knabenwelt bemächtigt und das Soldatenspielen nahm kein Ende. Selten fehlte ich, wenn die Militär-Musikbande auf dem Ring vor der Hauptwache ihre Paradestücke spielte. Die Bläser pflegten sich kleine Jungen zum Halten ihrer Noten herbeizurufen, und immer war ich bei der Hand, dies Amt zu übernehmen. „Ich will auch Spielmann werden", pflegte ich zu sagen, wenn ich von diesen Strassencon- certen begeistert nach Hause kam. Meine Mutter war die Güte, Liebe und Freundlichkeit selbst; stets thätig für den Vater, mit dem sie eine glückliche Ehe führte und für uns fünf Kinder. Der Vater, ein Tuchhändler, fand bei aller Geschäftsthätigkeit Müsse genug, für Musik zu schwärmen, Guitarre zu spielen und zu singen. Ihm verdanke ich die erste Anregung zu meiner Künstlerlaufbahn; denn er sagte oft: „Eins meiner Kinder muss ordentlich musikalisch werden". Das liess mich schon damals wünschen, dass ich wohl das Eine sein möchte! Aber der Vater fing mit der ältesten Schwester an. Wenn sie Ciavierstunde hatte, stand ich gaffend und horchend am 3 gestrichenen c, womit das kleine Instrument endete, und bemerkte, dass der Schwester die Arbeit recht sauer wurde, denn nie konnte sie ihre Stückchen richtig herausbringen. Da ich, wenn ich allein war, schon versucht hatte, sie mir zusammen zu buchstabiren, — was' ich gar nicht schwer fand, — so ärgerte mich ihre Ungeschicklichkeit und ich vergass mich so weit, einmal in der Lec- tion auszurufen: „O wie dumm! das könnte ich besser machen." Der alte Lehrer Zadrakha lachte in den Bart, Hess mich aber doch auf den Stuhl springen und statt meiner Schwester spielen. Sein Bericht an den Vater muss günstig ausgefallen sein, denn einige Tage darauf wurde mir plötzlich eröffnet, dass nun statt meiner Schwester mit mir ein Versuch gemacht werden solle. Wer war froher als ich! Die Ciavierstunden begannen sofort und ich rückte rasch vor, vielleicht zu rasch für den alten Lehrer, in dessen eintönige Uebungen ich mich nicht fügen wollte. Ich abonnirte mich aus meinem Taschengelde in einer, musikalischen Leihbibliothek und holte mir nicht weniger als ein halbes Dutzend Stücke auf Einmal, von Kozeluch, Eberl, Pleyel u. A., die ich eilig durchflog. Ob der Lehrer dieses Verfahrens überdrüssig' wurde oder ob der Vater ihn entliess, weiss ich nicht; genug, er blieb aus. Hausfreunde glaubten meinem Vater und mir einen Dienst zu erweisen, wenn sie mich dann und wann in befreundete Familien führten, wo ich ob meiner Leistungen, die erbärmlich genug sein mochten, als ein rares Pflänz- chen bewundert und gehätschelt wurde. Natürlich schmeckten mir die Lobeserhebungen, Küsse und sonstigen Süssig- keiten, mit denen mich die Damen fütterten, doch mein Vater setzte diesem Unfuge bald Schranken, indem er ihn den leichtsinnigen Freunden verwies. Er hatte die richtige Ahnung, dass solches Gebahren nicht geeignet sei, mich vorwärts zu bringen. Je mehr sich der musikalische Instinct in mir regte, desto zärtlicher wurde er mit mir; schlich ich mich aber von den verhassten Fingerübungen fort, um Säbelscheiden, Helme und sonstiges Soldatenspiel- werk aus Pappe anzufertigen und unter meine Compagnie zu vertheilen, so machte ich ihm und mir bittere Momente. Ich hatte doch als Hauptmann meine Pflichten, und es er- — 7 — schien mir ungerecht, dass ich meine Rotte nicht mit neuen Monturen versorgen sollte. Unter meinem neuen Musiklehrer, Horzelsky, war ich inzwischen (in den Mussestunden, welche der Besuch der Teinschule mir übrig Hess) zum Studium grösserer Stücke vorgeschritten. Der kaum siebenjährige Knabe wagte sich sogar an Beethoven's Sonate pathetique. Man denke sich, wie er sie spielte, denke sich auch das Beethoven-Fieber, das mich damals befiel, und mich antrieb, auch die übrigen Hauptwerke des grossen Meisters zu radbrechen. Auch diesem Unfug steuerte mein Vater, indem er mich zu Dionys Weber führte. „Ich komme zu Ihnen, unserm ersten Musiker", redete er ihn an, „um mir aufrichtige Wahrheit statt Lobhudelei zu holen, um zu ermitteln, ob mein Junge wirklich so viel Talent hat, dass Sie einen tüchtigen Musiker aus ihm machen können!" Natürlich sollte ich nun vorspielen, und ich war Stümper genug, um es mit einigem Stolz zu thun. Die Mutter hatte mich in meinen besten Staat geworfen, ich spielte mein bestes Stück, Beethoven's Sonate pathetique. Wie- war ich aber erstaunt, weder durch Bravo's unterbrochen, noch mit Lob überschüttet zu werden; ja, wie ward mir erst bei Weber's Ausspruch zu Muthe: „Aufrichtig gesagt, der Junge ist auf ganz falschem Wege; denn er hudelt grosse Werke herunter, denen er nicht gewachsen ist, die er nicht versteht. Aber Talent ist da, und ich könnte schon etwas aus ihm machen, wenn Sie ihn mir auf drei Jahre übergeben und meinen Plan buchstäblich befolgen. Er muss das erste Jahr Mozart, das zweite Clementi und das dritte Bach spielen, aber nur das — von Beethoven noch keine Note; und fährt er fort, aus Leihbibliotheken zu lesen, so sind wir geschiedene Leute." Mein Vater ging auf alles ein, und ich bekam auf dem Heimwege noch manche goldene Lehre, den nunmehr beginnenden Ernst meiner Studien betreffend. Machte ich sie gewissenhaft durch, so würde ich Ehre auf mich selbst, den Vater und die ganze Familie häufen, hiess es. Ich hätte diese weit entfernte Aussicht nur zu gern für meinen Beethoven und die stets wechselnden Genüsse meiner Leihbibliothek hingegeben. Doch war ich nun einmal aus dem Garten Eden hinausgejagt und musste anfangen, im Schweisse meines Angesichts zu arbeiten. Mein Vater hielt strenge Nachfrage bei Weber, aus dessen Lectionen er mich meistens selbst abholte, und hatte ich ein recht gutes Zeugniss, so war allemal ein Besuch beim Conditor meine Belohnung. Weber und sein Zeitgenosse Tomaschek standen einander feindlich gegenüber, da Ersterer die deutsche, Letzterer die italienische Richtung vertrat. „Wen giebt es denn noch ausser Mozart, Cle- menti und Bach?" meinte Ersterer. „Lauter verrückte Narren, die den jungen Leuten die Köpfe verdrehen; der Beethoven, geschickt wie er ist, schreibt auch viel tolles Zeug,—bringt die Schüler auf Abwege". Für Mozart's Schönheiten konnte er sich mit jugendlichem Feuer begeistern; in Bach's geniale Verkettungen ging er gern mit mir ein und erklärte sie aus dem Schatze seines theoretischen Wissens. Seine eigenen Compositionen machten kein Glück. Es fand sich kein Verleger dafür; er Hess sie auf eigene Kosten lithographiren, und so lagen sie stossweise in seinem Studirzimmer. Als er anfing, sich über meine Fortschritte zu freuen, liess er sie mich bei den Grafen Clam-Gallas und Schlick in seiner Gegenwart spielen; doch verschaffte ihnen das eben so wenig Popularität, als meine späteren Bemühungen für ihn in Wien. Tomaschek dagegen war ganz verschiedener Ansicht; bekanntlich haben auch seine Compositionen nie durchgegriffen.- Eines Tages, als Weber meinem Vater wiederholt versichert hatte: es könne etwas aus mir werden, belohnte mich dieser, indem er mich zum ersten Mal in's Theater führte. Es wurde der „Achilles" von Paer gegeben, eine Oper, die eben damals neu war und in der mir der Trauermarsch besonders wohl gefiel. Ich spielte ihn beim Nach- hausekommen richtig nach und entlockte dem, guten Vater Freudenthränen. Der Opernbesuch, der mir nun öfters gestattet war, wurde mir eine Quelle der herrlichsten Genüsse. Wollte Gott, ich hätte den vortrefflichen, einsichtsvollen Vater noch lange "besessen! Aber ein Nervenfieber raffte ihn plötzlich dahin, und im vierzehnten Jahre stand ich weinend an seinem Sarge. Die Zeit hat meinen Schmerz gemildert, nicht aber meine Dankbarkeit und Liebe erkalten lassen. Sein Wunsch, meine erste Composition zu hören, den er noch wiederholt während seiner Krankheit aussprach, sollte unerfüllt bleiben; aber sein. Tod und die wenig günstigen Umstände, in denen er seine Familie zu- rückliess, wurden die Ursache meines ersten öffentlichen Auftretens in Prag. Weber meinte, ich könne und dürfe nun auf eigenen Füssen stehen; er Hess mich das Concert, das ich in Arbeit hatte, beenden, und dann eine musikalische Abendunterhaltung geben, die. mir viel Beifall und einige Sub- sistenzmittel eintrug. Die Mutter fand darin den grössten Trost. Ein alter Onkel aber behauptete, ich ginge meinem Ruin entgegen, würde doch nur zum Tanz aufspielen; ja, wäre ich Kaufmann geworden und hätte das Glück mich vielleicht nach der reichen Handelsstadt Hamburg geführt, wer könnte wissen, ob mir nicht ein grosser Kaufmann seine Tochter zur Frau gegeben hätte! Nun, ich bin kein „Bierfiedler" geworden, wie der gute Alte mich zuweilen auch zu nennen pflegte, bin auch nicht auf's Comptoir gekommen. Der zweite Theil seines Wunsches aber ist später doch in Erfüllung gegangen: ich bin in Hamburg gewesen und habe eine Hamburgerin heimgeführt." Nicht lange nach dem Tode des Vaters sandte die Mutter den kleinen Virtuosen, wie schwer es ihr auch ankommen mochte, auf den Rath der Freunde, nach Wien, wo er sich weiter fortbilden und sich eine selbständige Existenz begründen sollte. Dankbar gedenkt er der herzlichen Aufnahme und zärtlichen Obsorge, die er bei den Familien Lewinger und Eskeles und im Hause des Italieners Artaria fand (der später seine ersten Compositionen verlegte). Weniger liebenswürdig nahm ihn eine Verwandte des Eskeles'schen Hauses, Frau v. Pereira auf. „Wie die Baronin Eskeles, so gab auch sie grosse musikalische Gesellschaften, in denen auch ich mitwirken — 10 ---- durfte. Die Tochter des Hauses hatte bei Streicher Unterricht gehabt, beide — Lehrer und Schülerin — bildeten sich ein, sie allein seien die echten und rechten Clavierspieler. Frau von Pereira rieth mir, ihre Tochter recht oft zu hören, und von ihr zu lernen, dann aber auch bei Streicher Lection zu' nehmen. Erster es erschien mir ihrerseits anmassend, letzteres meinerseits undankbar. Ich hatte meinem Weber so viel zu verdanken; nun sollte ich als Ueberläufer zu einer anderen Fahne schwören? Das konnte ich nicht. Nein, ich wollte auf der Grundlage, die Weber so mühsam zusammengetragen, allein weiter bauen, Alles hören und prüfen, mir das Gute nach besten Kräften aneignen, aber immer sein dankbarer Schüler bleiben." So unterliess er denn nicht, Streicher aufzusuchen, und gern bekennt er, dass er manches von ihm gelernt habe, ohne sich jedoch an seine Vortragsweise zu binden. Ebenso ging er aber auch in die musikalischen Abendunterhaltungen der namhaftesten Dilettantinnen, an denen damals die Wiener Gesellschaft reich war. Viele dieser Damen waren trefflich geschult und hatten an Zartheit und Ausdruck im Anschlag gar manche Vorzüge vor dem jungen Moscheies voraus, die dieser bescheiden anerkannte und schon nach kurzer Zeit ihnen abzulauschen wusste. Gleichzeitig studirte er eifrig die Theorie der Musik beim Domkapellmeister Albrechtsberger, der ihm zum Schluss folgendes curiose Zeugniss ausstellte: ATTESTATUM. Endesunterschriebener bezeuget hiermit, dass der Ignatz Moscheies durch einige Monate bei mir die Musikalische Satzkunst so gut erlernet habe, dass er im Stande ist (indem er auch auf dem Fortepiano und auf der Orgel meisterlich spielt) sein Brod mit beyden Künsten überall zu verdienen. Und da er jetzt Willens ist Reysen zu machen, so finde ich's für billig ihn aller Orten bestens anzuempfehlen. Wien den 28. September 1808. (Siegel.) Georgius Albrechtsberger, Kapellmeister in der Domkirclie zu St. Stephan. II „Es versteht sich von selbst" (fährt Moscheies fort), „dass der grosse Beethoven der Gegenstand meiner heiligsten Verehrung war. Bei meiner hohen Meinung von ihm konnte ich es nicht begreifen, wie die (eben erwähnten) Damen der Wiener Gesellschaft den Muth fanden, ihn zu ihren musikalischen Vorführungen einzuladen und ihm seine Compositionen vorzuspielen. Ihm muss es aber gefallen haben; denn er war damals oft in solchen Abendunterhaltungen anzutreffen. Sein unseliges Gehörleiden mochte ihm schon damals das Selbstspielen verkümmern, und so vertraute er diesen Frauenhänden seine neuen Compositionen an. Wie erstaunte ich aber erst, als ich eines Tages beim Hofkapellmeister Salieri, den ich nicht zu Hause traf, einen Zettel auf dem Tische liegen sah, auf welchem in Lapidarschrift zu lesen war: „Der Schüler Beethoven war da!" Das gab mir zu denken. Ein Beethoven kann noch von einem Salieri lernen? Um wieviel mehr ich. Salieri war der Schüler und wärmste Verehrer Gluck's gewesen, nur Mozart und seine Werke wollte er nicht gelten lassen, das wusste man. Aber dennoch ging ich zu ihm, wurde sein Schüler, auch drei Jahre lang sein Adjunct in der Oper, und erhielt dadurch die Befugniss, alle Theater unentgeltlich zu besuchen. Es war ein heiteres vielbewegtes Leben in dem lieben Wien." ZWEITER ABSCHNITT. WIEN. (1814—1816.) 1814. Das Tagebuch, das am i. April 1814 beginnt, führt uns in ein fröhlich angeregtes, schaffenslustiges Leben ein. Der nunmehr zwanzigjährige Jüngling hilft sich bereits selbständig fort und erntet, zu grösseren Gesellschaften und öffentlichen Aufführungen hinzugezogen, seine ersten Lorbern als Virtuos wie als Componist. Am 8. April hört er zum ersten Mal Meyerbeer, der ein von ihm selbst componirtes Rondo vorträgt. „Ganz überzeugt von seiner Virtuosität, war ich dennoch begierig, welchen Effect sein Spiel in einer gemischten Gesellschaft machen würde, und bemerkte, dass Stellen, die vielleicht nicht verstanden wurden, doch grosses Staunen erregten, hauptsächlich wegen der so sehr gewagten Schwierigkeiten und der so sicheren Ueberwindung derselben." Am 10. April trifft die Nachricht von der Einnahme von Paris ein. Das Tagebuch verzeichnet den grossen Jubel, den diese Kunde in der Kaiserstadt hervorruft. Das Volk durchzieht in erregter Stimmung, Volkslieder singend, die Strassen. 11. April. „In einer musikalischen Unterhaltung im Römischen Kaiser in der Mittagsstunde ein neues Trio von Beethoven in B-dur gehört, von ihm selbst gespielt. Bei wie vielen Compositionen steht das Wörtchen „neu" am unrechten Platze! Doch bei Beethoven's Compositionen nie, und am wenigstens bei dieser, welche wieder voll Originalität ist. Sein Spiel, den Geist abgerechnet, befriedigte mich weniger, weil es keine Reinheit und Präcision hat; doch bemerkte ich viele Spuren — i6 — eines grossen Spieles, welches ich in seinen Compositionen schon längst erkannt hatte." Das grosse Ereigniss, die Befreiung Deutschlands durchzittert auch das sorglose "Wiener Völkchen und nicht nur seine Dichter, sondern auch die Musiker wetteifern in seinem Preise. Spohr schreibt sein „befreites Deutschland", — Hummel besingt die Rückkehr des Kaisers, — Moscheies schreibt den „Einzug in Paris",- später eine Sonate: „Die Rückkunft des Kaisers". Die jüdische Gemeinde, zu welcher er damals noch gehörte, bestellt bei ihm für diese Gelegenheit eine Cantate, welche mit grossem Pomp aufgeführt wird. Später, während des Wiener Cqn- gresses, überarbeitete er dieses Werk für die Zöglinge des Guntz'schen Institutes, die es in Gegenwart des Hofes und der fremden Monarchen „vortrefflich aufführten". Ausserdem schreibt er im Laufe dieses Jahres sechs Scherzo's, Variationen über ein Händel'sches Thema, sein vier händiges Rondo in A-moll, Menuett's und Trio's für Artaria's Sammlung von Nationaltänzen, mehrere österreichische Ländler u. s. w. Um diese Zeit entsteht ferner die Polonaise in Es, — eine Sonate für Ciavier und Violine, — eine andere für Ciavier und Fagott, die er für den vortrefflichen Fagottisten A. Romberg schreibt und häufig mit ihm zusammen vorträgt, endlich das Thema der Sonate melancholique, von ihm selbst, sowie von Kunstkennern als eines seiner besten Werke genannt. Dieses Thema steigt ihm in einer Lection auf, die er der Gräfin Haug- witz giebt, und wird mit besonderer Lust verarbeitet, wie mehrere Notizen im Tagebuch besagen. Dort ist auch seine Schülerreihe verzeichnet, die nun schon aus Grafen und Fürsten besteht und gegen Ende des Jahres so gross ist, dass er jede Vermehrung derselben ablehnen muss. Die zahlreichen glänzenden Gesellschaften, zu denen er geladen wird (beim Fürsten Esterhäzy, beim Grafen Palffy, beim Erzherzog Carl u. s. w.) halten ihn nicht vom Arbeiten ab. Er sucht die versäumte Zeit wieder ein- zubringen, indem er bis 2, auch bis 3 Uhr Morgens com- pönirt. „Schon um 7 Uhr eröffnen englische Lectionen das Tagewerk und nie werden die Clavier-Exercitien versäumt, auch Violinstudien nehmen Zeit in Anspruch." Dabei ist er ewig unzufrieden mit seinen Leistungen. „Heute wurde ich viel gelobt, besonders vom Grafen P., der sich enthusiasmirte, aber ich war nicht mit mir zufrieden." Und wieder: „Die Gesellschaft war entzückt, aber ich nicht, es muss noch viel besser werden," und ein ander Mal: „Ich liess mich nicht zum Spielen bereden, denn ich hätte heute nichts Tüchtiges geleistet und immer bereue ich es hinterher, wenn ich ohne Lust spiele." Am glücklichsten fühlte sich Moscheies in dem heiteren ungezwungenen Künstlerkreise der Familie Lewinger in Dornbach bei Wien. Dorthin kamen Salieri, Meyerbeer, Hummel und andere Freunde, dort wurden „an göttlich schönen Abenden Spaziergänge unternommen, später Tableaux gestellt oder allerlei Kindereien componirt und sogleich aufgeführt". Um dieselbe Zeit tritt er in nähere Berührung mit Beethoven. „Es ist mir der Antrag gemacht, den Ciavierauszug des Meisterwerks Fidelio zu bearbeiten. Was kann erwünschter sein?" Nun finden wir wiederholte Tagebuchnotizen, wie er zwei und wieder zwei Stücke zu Beethoven brachte, der sie durchsah; und dazu abwechselnd die Bemerkung: „er änderte wenig" oder „er änderte nichts", auch wieder „er vereinfachte" oder „er verstärkte." Einmal heisst es: „Als ich früh zu Beethoven kam, lag er noch im Bette; er war heute besonders lustig, sprang gleich heraus und stellte sich, so wie er war, an's Fenster, das auf die Schottenbastei ging, um die arrangir- ten Stücke durchzusehen. Natürlich versammelte sich die liebe Strassenjugend unter dem Fenster, bis er ausrief: „Die verd.....n Jungen, was sie nur wollen?" Ich deutete lächelnd auf ihn. „Ja, ja, Sie haben recht", rief er jetzt und warf rasch einen Schlafrock über. Als wir an das grosse letzte Duett „Namenlose Freude" Moscheies' Leben. 2 kamen und ich den Text „Ret-terin des Gat-ten" untergelegt hatte, strich er es aus und schrieb „Rett-erin des Gatt-en;" denn auf t könne man nicht singen. Unter das letzte Stück hatte ich „fine mit Gottes Hülfe" geschrieben. Er war nicht zu Hause, als ich es hintrug; und als er es mir zurückschickte, stand darunter: „„O Mensch hilf dir selber."" Am 29. November heisst es: „In Beethoven's Concert in der Mittagszeit im grossen Redoutensaal. Er g-ab seine herrliche A-dur-Symphonie, die Gelegenheits- cantate „Der glorreiche Augenblick" und „Die Schlacht bei Vittoria" — Alles seiner würdig." Im Winter wird Moscheies der Auftrag, die Carroussel- musik bei Anwesenheit der fremden Monarchen zu schreiben. „Die Reitschule war bei festlicher Beleuchtung durch mittelalterliche Verzierungen zu einer Art von Kampfbahn umgeschaffen. Vierundzwanzig Turnierritter machten ihre Sache vortrefflich und ihre Damen waren prachtvoll co- stümirt. So viel Schmuck sah ich noch nie vereinigt." Die classischen Schuppanzigh'schen Quartettaufführungen werden natürlich regelmässig von Moscheies besucht, und jedes mal rühmt er die vortreffliche Ausführung, hesonders der Beethoven'schen Quartette. Einmal heisst es: „Ich sass neben Spohr, wir tauschten unsere Meinungen über das Gehörte aus; Spohr sprach mit vielem Eifer gegen Beethoven und seine Nachahmer." Das Heranrücken desCongresses begleitet das Tagebuch mit Notizen über den Einzug der Monarchen, die stets vom Kaiser und seinem Hofstaat empfangen werden; eine enthusiastische Volksmenge geleitet sie, und unter dieser Moscheies mit seinen jungen Freunden, mitunter bis zwei und drei Uhr Morgens. Erst kommt der König von Würtemberg in Wien an, dann der von Dänemark, endlich der König von Preussen und der Kaiser von Russland, zu deren Be- grüssung das Regiment Hiller einen von Moscheies com- ponirten Marsch spielt. „Der Anblick des Burgplatzes wird mir unvergesslich bleiben, die kaiserliche Familie an den Fenstern, unten die fremden Monarchen und Alles in grösster Gala. Abends im Theater war es noch brillanter, — ig — Alle waren dort versammelt, grosser Jubel und festliche Beleuchtung. Man gab das Ballet „Zephyr und Flora" mit den aus Paris verschriebenen Tänzern". Einige Tage später ist Hof-Redoute für die Fremden. „Sie war in der grossen Reitschule, diese aber mit dem grossen und kleinen Redoutensaal in Verbindung gesetzt; letzterer zu einem Garten umgeschaffen, die Beleuchtung tageshell. Plötzlich trat unser Kaiser allein in schlichter Kleidung ein, sich wie ein Hausvater umschauend, ob Alles für die hohen Herrschaften bereit sei. Dann erschienen sie, die Monarchen meist in Uniform. Ich sah Alle und Alles und blieb bis drei Uhr Morgens". Zwei Tage später berichtet das Tagebuch über das Volksfest im Augarten: „Das Schönste war der Stephans- thurm im Feuerwerk, dann der künstliche Regenbogen die Nachahmungen des Brandenburger Thores und der russischen Kanonßnsäule. Eine der Festvorstellungen war die „Vestalin" von Spontini, eine andere Rossini's „Mose". Auch in Schönbrunn war Volksfest und im dortigen Theater ward für die Monarchen „Johann von Paris" gegeben. Die Orangerie war köstlich beleuchtet, der Tempel der Flora ausserordentlich schön." Am 16. October wird in der Reitschule der Händel'sche Samson aufgeführt. „Händel's Samson", ruft Moscheies mit jugendlichem Enthusiasmus aus, „der mir immer die Seelenkräfte stärkt. Das erste Mal zerschmolz ich bei seinem Anhören ganz in Wonne, seitdem habe ich jede Probe und Aufführung des Meisterwerks gehört und mich immer von neuem daran erquickt". Auch mancher tolle Streich wurde verübt, manch heiterer Schwank in Scene gesetzt mit den Kunstbrüdern Merck und Giuliani, den Dichtern Castelli und Carpani und anderen lustigen Gesellen. Förderlich wirkte Meyerbeer's Umgang auf seine künstlerische Entwickelung ein, mit dem er damals viel zusammen spielte und den er nicht müde werden kann, zu bewundern. Ein Mal über das andere heisst es: „Seine Bravour ist unerhört. Sein Spiel ist unübertrefflich. Ich bewundere seine ganz eigene Art, — 20 — das Instrument zu behandeln." Stundenlang sassen sie phantasirend und improvisirend zusammen vor einem Instrument; so entstand eine „Punscheinladung" und andere Duette. Schwer wurde es natürlich Moscheies, sich von Meyerbeer zu trennen, als dieser sich endlich anschickte, Wien zu verlassen. Meyerbeer war damals in einem Ueber- gangsstadium. Er fing an, sich der dramatischen Musik zuzuwenden, schrieb eine Operette für Berlin und ging bald darauf nach Paris, wo sich die Richtung seines Talents dauernd entschied. Noch mancher anderen Künstler und Virtuosen, die in den zahlreichen öffentlichen und Privatconcerten mitwirkten, erwähnt das Tagebuch in diesen letzten Monaten des Jahres 1814; aber nur wenige Namen sind darunter, die ihren damaligen Klang bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. 1815. Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet. Das Tagebuch wimmelt von Notizen über öffentliche und private Musikaufführungen, die aus Anlass des Congresses meist in sehr grossem Stile und mit mannigfaltigen und bedeutenden Kräften in Scene gesetzt werden. Fast überall ist Moscheies dabei, theils anregend und unterweisend, theils auch selbst mitwirkend. Das Wichtigste und für Moscheies Folgenreichste im ersten Monat dieses Jahres bleibt aber wol sein Besuch bei der Stiftsdame Gräfin Hardegg. „Sie liess mich rufen", berichtet er, „um mich zu fragen, ob ich am Aschermittwoch in einem Concert für die Wohlthätigkeits-Anstalten spielen wolle. Ich spürte nicht viel Lust, weil ich keine neuen Gompositionen hatte, aber sie liess nicht nach. „„Machen Sie schnell etwas, Mosche- les, aber recht brillant."" Ja, aber was? Endlich wurde ausgemacht, ich sollte Variationen über den Marsch schrei- — 21 — vi ben, welchen das dem Kaiser Alexander von Russland zugewiesene Regiment spielte." Er beginnt sie am 29. Januar — am 5. Februar sind sie beendet. Es sind dies eben dieselben Alexander-Variationen, von denen es durch viele Jahre hiess, nur Moscheies könne sie spielen, und die in Wien wie auf Kunstreisen seiner Bravour die Krone aufsetzten. Es gab gewisse Stellen darin, bei denen noch 20 Jahre später ein Zug von Erstaunen und Entzücken durch das Auditorium ging; ja, als er selbst sie gern „in eine dunkle Ecke gesperrt" hätte, damit man „so ein jugendliches Machwerk" vergesse, wurden sie ihm noch abverlangt, und wer sie in den zwanziger Jahren gehört, der wollte sie in den vierziger Jahren wieder hervorgesucht haben. J Das Tagebuch berichtet am 8. Februar: „Heute,"/ Aschermittwoch, hatte ich Probe zur Aufführung meiner Alexander-Variationen im Kärntnerthor-Theater; sie gingen gut mit dem Orchester zusammen und hatten schon da viel Beifall. Abends spielte ich sie in der Akademie, welche die adeligen Frauen zum Besten der Wohlthätigkeits-An- stalten gaben; die verbündeten Monarchen waren zugegen. Die Variationen wurden mir unerwartet gut aufgenommen; sie scheinen in dieser Akademie am meisten Gunst gefunden zu haben." In einem Concert, das er am folgenden Tage im Ver-^ ein mit Hummel gibt, ist die Grossherzogin von Weimar zugegen; sie sagt ihm viel Freundliches über sein Spiel und seine Compositionen und muntert ihn auf, nach Weimar zu kommen. Weit mehr aber freut ihn, dass Salieri sein Concert besucht und mit seinen Leistungen zufrieden war. Wie anhänglich Mosch eles diesem Meister war, beweist eine spätere Notiz des Tagebuchs: „Mein geliebter Lehrer Salieri schwebt heute in grosser Gefahr; er hat eine Lungenentzündung. Gott gebe, dass seine Krankheit eine glückliche Wendung nehme!" Nach mehreren Tagen der Besorgniss darf er ihn endlich sehen, aber noch nicht sprechen, und dann folgt die Freude über seine Wiederherstellung. Das lustige Wien fährt fort, die fremden Monarchen zu unterhalten. Glänzende Auffahrten zu Wagen und Schlitten wechseln mit Concerten, Theateraufführungen und Maskeraden, Moscheies betheiligt sich hier und dort, und findet bei allem „Studiren, Componiren und Lectionisiren" noch Zeit, lustige Abendstunden im Freundesverkehr zu verbringen. Kam irgend eine neue Composition heraus, so wurde sie von den jungen Künstlern sofort in Beschlag genommen, gehört, probirt, durchgesprochen. Leider begnügt sich das Tagebuch, gerade in Betreff der bedeutendsten Sachen mit einer kurzen Notiz. Beethoven's erhabene Grösse, Spohr's Meisterschaft standen ihm und den Genossen so fest, dass sie ihm keines Commentars zu bedürfen schienen. In ähnlicher Weise verläuft der Sommer in stetem Wechsel zwischen strenger Arbeit und fröhlicher Unge- bundenheit. Ein Ausflug jagt den andern. Eines seltsamen Concertes wird am 7. Mai erwähnt. Sie hatten einen Spaziergang hinaus nach Mödling (bei Wien) gemacht. Moscheies arrangirte im Freien die Tafelmusik. „Um Alles ins Feuer zu bringen, nahm ich dem Pauker die Schlägel aus der Hand, donnerte und wirbelte, während die Violinen zwitscherten, die Clarinetten dudelten, die Trompeten schmetterten, der Bass brummte. Alles das zusammen machte ein merkwürdiges Ganzes." Nicht immer ist die aufgeregt heitre Laune ohne Reaction; dem Tagebuche vertraut Moscheies an, dass er „übel aufgelegt, lieber die Gesellschaft verliess, um sich keine Blosse zu geben." Häufig wiederholt sich auch die Bemerkung: „Gespielt und gefallen, nur mir nicht." Dann arbeitet er nur um so fleissiger, und das Bewusstsein stetigen Fortschrittes und der fast immer ungetrübte Verkehr mit den Freunden ermuntert ihn. Die Composition seiner Es-dur-Polonaise, später das letzte Stück des Es-dur-Concerts, beschäftigt ihn; aber schon als sie probirt wird, klagt er über die nicht rein gestimmten 3 Pauken (es, b, ces) und diese Klage wiederholt sich fast bei jeder Aufführung, auch in späteren Jahren, so dass endlich im Jahr 1832 Mendelssohn sie in — 23 — einen Scherz verflicht, mit dem Bemerken: „Respect, sie sind eingestimmt!" Kaum ist die Polonaise beendet, so beginnt er sein Sextett. In späteren Jahren pflegte er zu erzählen, wie es ihn damals gedrängt habe, etwas in der Art des Hummel'schen Septetts zu schreiben. Doch endete er stets mit der Bemerkung: „Mein Bestreben blieb aber eine leichte Jugendarbeit, mit dem Septett nicht zu vergleichen." Von Interesse sind die Notizen, die das Tagebuch hier über die damals üblichen Serenaden („Nachtmusiken") einflicht. Graf Palffy gab in diesem Winter deren sechs (im botanischen Garten). Als Mitwirkende sind ausser Moscheies Mayseder, Merck, Giuliani und Hummel genannt. Gleich bei der ersten sind zugegen die Kaiserin Marie Louise, die Erzherzöge Rainer und Rudolf u. s. w. und das Programm enthält ein Arrangement der Ouvertüre zu Fidelio (die Hauptstimmen von Moscheies und Mayseder), Sonate von Beethoven mit Hörn (Moscheies und Radezki), Polonaise von Mayseder, Rondo von Hummel mit Quartett- Begleitung, gespielt von Moscheies. Dazwischen lustige Jodler, die aus den Gebüschen hervorklangen und ein noch lustigeres Souper. Die übrigen fünf Serenaden, die sich bis in den September hinein vertagen, sind nicht minder interessant. Dazwischen liegt noch eine für die Kaiserin Marie Louise veranstaltete, und wohl ein halbes Dutzend, welche Privatleute den Ihrigen zu ihren Namenstagen geben. Während eines Ausflugs nach Dornbach treibt ein Gewitter Alles ins Haus zurück, und Moscheies soll spielen, um die Gesellschaft für den Spaziergang zu entschädigen. „Ich improvisirte", sagte er, „aber mit den Elementen im Verein, denn bei jedem Blitz brachte ich mein Spiel zu einer Fermate, die den Donner selbstständig auftreten liess." Dass er dann im Herbst und Winter das Theater wieder fleissig besuchte und namentlich die Oper so regelmässig wie möglich, versteht sich von selbst. Aber auch auf andern Feldern sah er sich nach Anregung um. Von Oehlenschlägers Correggio heisst es um diese Zeit im Tage- — 24 — buch: „Es wird so viel Schönes in Bezug auf Maler und Malerei darin gesagt, dass ich mir es Alles für meine Kunst übersetzte, um es mir bleibend einzuprägen." In den Herbst fällt ein vierzehntägiger Besuch der Mutter, der er sich ganz widmet, um nach deren Abreise, beim Nahen des Winters, das alte arbeitsvolle und lustige Leben von vorn zu beginnen. 1816. In diesem Jahre spinnt sich unser Künstlerleben in der Hauptsache, wenige Unterbrechungen abgerechnet, in der geschilderten "Weise thätig und heiter fort. Zu diesen Unterbrechungen gehört zunächst eine Reise nach seiner Vaterstadt Prag, wo er glänzend aufgenommen wird und ein Concert für die Armen giebt, das eine Einnahme von 2400 Gulden liefert. Von da begab er sich nach Pesth, wo er unter grossem Zuspruch und Beifall mehrere Con- certe veranstaltete, alte Freunde vorfand und neue Verbindungen anknüpft. Die Batthyanyi'sche und andere Adelsfamilien luden ihn auf ihre Landsitze ein, und er kann den Kunstsinn und die Gastfreundschaft dieser Leute nicht genug rühmen. Hieran schloss sich später eine Reise nach Steiermark, über welche das Tagebuch leider sehr wortkarg hinweggeht. Kaum nach Wien zurückgekehrt, lebt er sich rasch in das frühere Treiben wieder ein. Er verkehrte damals fleissig in der „Ludlamshöhle", einer Künstlerkneipe, in der Dichter, Musiker, Maler und Schauspieler sich noch spät am Abend zu zwangloser Unterhaltung zusammenfanden und in der beim Klang der Gläser manch lustiger Schwank ausgeführt wurde. Jedes Mitglied hatte seinen (/frjßsiu Spitznamen: Castelli hiess „der Höllenzote", der Schauspieler Schwarz, ein sehr starker Raucher, war „Rauchmar, der Zigaringer" benamst, und Moscheies selbst, wegen seiner Vorliebe für Kalbsfüsse, die er öfters dort als Abendbrot verzehrte, „Tasto der Kälberfuss". Tasto com- ponirte der lustigen Gesellschaft einen Chor, in den alle diese Namen verflochten waren, und noch in späten Jahren erinnerte er sich mit lebhafter Freude der glücklichen Stunden, die er in diesem Kreise verlebt. Inzwischen war Moscheies in seiner Kunst durch anhaltendes Studium und durch bescheidenes Aufmerken auf die Vorzüge Anderer zu immer grösserer Sicherheit und Fertigkeit gelangt, sodass sich unter den Pianisten, wie das so oft geschieht, bald zwei Parteien bildeten, deren eine Hummel, die andere Moscheies den Vorzug gab. Glaubwürdige Zeitgenossen meinen, Hummel's Legato sei da-v mals noch nicht von Moscheies erreicht worden; Hummel habe „Sammet unter den Fingern gehabt, von dem sich seine laufenden Passagen gleich Perlenschnüren abrollten", Avogegen Moscheies durch eine übersprudelnde Bravour und den jugendlichen Enthusiasmus seines Spiels Alles unwillkürlich mit sich fortgerissen habe. Unter beiden Künstlern' selbst fand keine Rivalität statt. Wir haben gesehen, wie Moscheies das Hummel'sehe Septett seinen eigenen Compositionen dieser Art voranstellte. Umgekehrt gab Hummel Moscheies Zeichen der aufrichtigsten Anerkennung. Beim Antritt einer Kunstreise vertraute er ihm einen Schüler, auf den er grosse Stücke hielt, zum Unterricht an, der denn auch unter Moscheies' Leitung rasche Fortschritte machte und bald mit grossem Erfolg vor die Oeffentlichkeit trat. Noch vieler anderer Künstler und seines Zusammenlebens mit ihnen erwähnt Moscheies (Czerny*), Reichardt u. a.), fügt aber einmal hinzu: „Wir Musiker, wie wir auch heissen mögen, sind doch nur kleine unscheinbare Trabanten, Beethoven allein das grosse blendende Himmelslicht." — In diese Zeit fällt auch die Com- position seiner vierhändigen Es-dur Sonate, die er dem *) Von Czerny sagt das Tagebuch: Niemand hat es wohl besser verstanden, die schwächsten Finger zu stärken und in heilsamer Tongymnastik die Studien zu erleichtern, ohne den Geschmack zu vernachlässigen, als eben dieser Componist. — zb — Erzherzog-Cardinal Rudolf dedicirte, der sie mit Moscheies gut vom Blatt spielte. Ein Concert verdrängt das andere; sie alle aufzuzählen erlasse uns der Leser. Bei einem Concert, das er selbst gab, erwähnt Moscheles der Schwierigkeiten, die ihm die Censurbehörde in den Weg legte. Ja, die Censur erstreckte sich auch auf die Concertzettel. War irgend ein verpönter Liedertext, ein aufregender Titel (wie etwa „Freiheitsmarsch") darauf zu lesen, so passirte er nicht. Moscheies' Ruf ist im Aufsteigen. Trotz der Huldigung, die ihm von vielen Seiten in Wort und That entgegenkommt, lässt er im Eifer nicht nach und betreibt nach wie vor seine Studien in regelmässigem Gleichmaasse fort. Dem Drängen seiner Freunde, sein Glück nun auch in der weiten Welt zu versuchen, setzte er anfangs Widerstand entgegen. Kein Wunder! Er fühlte sich so behaglich in seinem Wien, wo er sich von Freunden umgeben und von der Gunst des Publikums getragen sah. Während seine hohen Gönner und Gönnerinnen in Wien nichtsdestoweniger alles in Bewegung setzten, um ihm eine grössere Kunstreise zu ermöglichen und alle entgegenstehenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen, folgte er vorläufig einer Einladung nach Prag, wo er ein fröhliches Wiedersehen mit den Seinen feierte. „Wie es prächtig ist", schrieb er ins Tagebuch, „wieder mit Mutter und Schwestern zu sein, und wie gern ich ihnen vorspiele! So hört doch Niemand zu, wie die." Und ein andermal: „Heute trieb ich wieder die alten Kin- derspässe mit den Schwestern, wir waren recht ausgelassen; ich glaube die Mutter hat es gern." Aber auch dem noch immer treu verehrten Lehrer Dionys Weber, wie nicht minder dessen früherem Rivalen Tomaschek, Kunstbrüdern und Freunden, die sich um ihn schaarten, musste er vorspielen und Alle waren von seinen Fortschritten freudig überrascht. Alle Familien, die den Knaben gekannt und Hoffnungen auf seine Zukunft gesetzt, zeigten ihm durch ihre herzliche Aufnahme, wie sie den fortgeschrittenen Jüngling ehrten und sich selbst — 27 — durch ihn geehrt fühlten. Ausflüge aufs Land führten manchen neuen Erfolg, manches neue und erheiternde Abenteuer mit sich, und endlich folgte er der Einladung der gräflichen Familie Wallis, den Sommer mit ihr in Karlsbad zuzubringen. Karlsbad war in jenem Sommer der Sammelpunkt einer glänzenden Gesellschaft von Fürsten und hohen Adeligen, bedeutenden Staatsmännern und Künstlern. Dort I waren ausser König Friedrich Wilhelm III. von Preussen Hardenberg und Gneisenau, Wittgenstein, Rostopschin u. A. Der preussische, österreichische und russische Adel überbot sich in glänzenden Festen und dabei gab es die angenehmste Mischung der Stände, da sich die hohen Herrschaften gern um die Künstler gruppirten und mit ihnen Musik machten. Die russische Baronesse Lunin sang vortrefflich und Fürst Galizin, der sich der Compo- sition ergeben hatte, componirte ihr Romanzen, die Moscheies revidirte und ihr beim Vortrag am Ciavier begleitete. Moscheies machte auch hier namentlich mit seinen Alexander-Variationen und seinen Phantasien Furore. Die Zeichen der Anerkennung, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurden, und die Gastfreundschaft, , der er überall begegnete, ermunterten ihn, und oft hat er r sie in späteren Jahrzehnten gepriesen, im Gegensatze zu der Nüchternheit und Gleichgültigkeit, mit der man in ' unseren Tagen aufstrebenden Talenten entgegenzukommen pflegt.*) . *) In Karlsbad war es auch, wo Robert Schumann zum ersten Male den Pianisten Moscheles hörte und hier einen unvergesslichen, seine Laufbahn mit bestimmenden Eindruck erhielt. R. Schumann sagt in einem Brief an Moscheles darüber Folgendes: „Freude und Ehre haben Sie mir bereitet durch die Widmung Ihrer Sonate (Opus 121, für Pianoforte und Violoncello); sie gilt mir zugleich als eine Ermunterung meines eigenen Strebens, an dem Sie von jeher freundlich Antheil nahmen. Als ich, Ihnen gänzlich unbekannt, vor mehr als dreissig Jahren in Karlsbad mir einen Concertzettel, den Sie berührt hatten, wie eine Reliquie lange Zeit aufbewahrte, wie hätte ich da geträumt von so berühmtem Meister auf diese Weise geehrt zu werden. Xehmen Sie meinen innigsten Dank dafür!' 1 — 28 — Von Karlsbad wurde ein Abstecher nach Eger gemacht. Moscheies sah das Haus, worin "Wallenstein ermordet worden, ebenso die alte verfallene Veste mit ihren merkwürdigen Säulen, endlich das „Mordgässchen", wo in den Zeiten der Finsterniss alle Juden bis auf die Familie Seligsberg, deren Nachkommen noch dort wohnten, grausam geschlachtet worden waren. Von hier gings nach Franzensbrunn und Mariakulm, ein Punkt, an den sich romantische Erinnerungen knüpfen. Nach Karlsbad zurückgekehrt, findet er die Stadt noch in dem Festjubel, dessen Mittelpunkt der König von Preussen und seine Umgebung ist. Er betheiligt sich noch hier und dort und nimmt dann überall Abschied, um nach Wien zu eilen. Auch dort machte er die Runde bei den Freunden und rüstete sich zu der grossen Reise, zu der er sich inzwischen endlich entschlossen hatte. Die Gräfin Hardegg und andere Freunde versehen ihn mit Empfehlungen an jeden Hof, dessen Residenz er berühren wird, an jede diplomatische oder kunstliebende Grösse. Das Haus Eskeles führt ihn in die Banquierwelt ein. Und es sind keine kalten förmlichen Briefe; nein, Jedem wird der junge Mann besonders ans Herz gelegt, sein Talent sowie seine Persönlichkeit ins glänzendste Licht gesetzt, seine Erfolge als unzweifelhaft hingestellt. In jener Zeit aber hatten Empfehlungsbriefe noch ihre Geltung, und so erklärt sich zum Theil das Glück, das Moscheies überallhin begleitete. Man nahm ihn zuerst auf Treu und Glauben an, dann kamen seine Kunstleistungen und seine anspruchslose Persönlichkeit hinzu, und machte den fremden Empfohlenen zum gerngesehenen Gast, zum Hausfreunde, oft zum Busenfreund fürs Leben. Folgen wir nun Moscheies auf diesen Wanderungen, die seinen Künstlernamen bald weit hinaustrugen und zu einem europäischen machen sollten. DRITTER ABSCHNITT. KUNSTREISEN. 1816—1821. ! i<*^ Im Herbste 1816 verlässt Moscheies Wien, indem er 'der „schönen Kaiserstadt" noch einmal ein wehmüthiges Ade in seinem Tagebuche zuruft und begibt sich über Prag zunächst nach Leipzig. Er fährt mit einem sogenannten Hauderer und notirt einige Stossseufzer über die schleppende Langsamkeit der Fahrt. Weder die Reiselectüre, noch eine stumme Claviatur, die er mit sich führt, um seine 7 v ^ uA " Finger wenigstens zum Schein zu beschäftigen, vermögen seine Ungeduld zu massigen. Endlich langt er an. „Begierig- Alles zu sehen, lief ich gleich aus, besah mir die Promenaden, den alterthümlichen Marktplatz und ging dann ins Theater. Die Studenten setzten mich, den Oesterreicher, mit ihrem lärmenden Ton und dem Trommeln ihrer Stöcke, wenn sie ungeduldig den Fortgang des Stückes verlangten, in Erstaunen. Noch mehr verdross es mich, dass man gerade eine Parodie auf Künstlers Erden wallen gab, worin sich tier Autor Julius Voss in beissender Satire über alle diejenigen erging, die mit irgend einer Schaustellung zur Leipziger Messe gekommen waren, um dort ihren Vortheil zu suchen. War denn das Stück für mich mitgeschrieben? Natürlich lachte ich mich bald über solche Gedanken aus und liess mir mein Abendbrod im Joachimsthal vortrefflich schmecken." Weiter blätternd finden wir manche Notiz über das Gewoge in den Strassen, die fremdländischen Trachten, die polnischen Juden im Brühl und die überfüllten öffentlichen Locale. Dann heisst es: „Das erste Concert, das ich in Leipzig hörte, ward von der Sessi gegeben; die Ouvertüre ging recht solide. Den Contrabassisten Wach muss ich mir besonders notiren, weil er mit seinem energischen Spiel und seiner Kraft das ganze Orchester zusamrren zu halten schien." Und wieder einige Tage später lesen wir: „Heute war ich bei Schicht, dem Cantor der Thomasschule, wir hatten ein langes Gespräch über Kunst, Kuhstfreiheit und Künstler, worin er mir seine ganze Meinung von Beethoven kund that. Unter andern wollte er behaupten, der „Christus am Oelberg" sei nicht im Oratorienstyl geschrieben, und erzählte, dass, als Beethoven das Werk hieher an seinen Verleger geschickt habe, dieser den Chor „Welchen Weg fliehen wir" wegzulassen für gut befunden habe. Beethoven, höchst beleidigt, habe dies eigenmächtig genannt und einen sehr derben Brief an den Verleger abgehen lassen. Schicht schien dies merkwürdig zu finden, worauf ich ihm den Standpunkt gründlich klar machte." „Beim Musikdirector Schulze hörte ich von seinen Schülern verschiedene Chöre und Motetten ohne Begleitung recht brav ausführen, und zwar in Gegenwart des gerade anwesenden strengen Richters Zelter. Auch hörte ich in der Thomaskirche die Schüler unter Leitung des Cantors Schicht achtstimmige Motetten und Fugen mit vieler Kraft singen". Am 6. October wurden die Gewandhausconcerte eröffnet. Moscheies ging natürlich hin. Es mag Leser geben, für die das Programm dieses Gewandhausconcerts Interesse hat; deshalb sei es hier aus dem Tagebuche copirt. I. Theil. 2. Theil. Symphonie, Mozart. Ouvert, Andr. Romberg. Arie, Mme. Sessi. Arie v. "Wild. Pianoforte-Conc, comp. u. gespielt Cavatine — mit Guitarre. von Zenner aus Petersburg. Lied „Vergissmeinnicht". Duett, Mme. Sessi u. Hr. Bergmann. Schweizer-Rondo v. Zenner. Zum Beschluss ein Chor aus Winter's „Gewalt d. Musik". Das Leben in Leipzig findet Moscheies „recht angenehm". In Classig's Kaffeehaus „trifft er täglich die angenehmste Gesellschaft, er hört Arrangements der besten Symphonieen, Ouvertüren und Opern mit einem fast com- pleten Orchester, das vortrefflich spielt." Aber die Thorsperre, eine ihm ganz unbekannte Institution, stört ihn — 33 — regelmässig, wenn er von Wieck's (die vor dem Halle'- schen Thore wohnten) in seine Behausung zurückkehrt. Am 8. October sollte sein eigenes Concert in Scene ö\l0 t -fö gehen. „Ich war in grosser Aufregung; gut also, dass meine dringenden Geschäfte schon um 7 Uhr früh anfingen. Ich zahlte, hiesiger Sitte zufolge, dem Cassirer im Voraus eine vom Directorium quittirte Rechnung von 66 Thlr. [12 Ngr. für Saal und Beleuchtung. Um 9 Uhr Vormittags begann die Probe. Meine Ouvertüre zu dem Ballet „Die -"ortraits" kam schon das erste Mal gelungen zur Ausführung; doch verlangte das Orchester, sie noch ein Mal !zu probiren, wo sie meine Erwartungen übertraf. Die f Hörner und Posaunen, vor Allem aber die vortreffliche •Leitung des ersten Geigers Matthäi kann ich nicht genug rühmen. Das kleine, im Saale versammelte Auditorium gab mir seinen ungetheilten Beifall zu erkennen, und die Alexander-Variationen lockten sogar manche der Mitspielenden von ihren Pulten weg an's Ciavier, um die Ausführung der Schwierigkeiten zu sehen. Trotz dieses Erfolgs war meine Nervenerschütterung in Erwartung des 1 heutigen Abends so gross, dass ich keinen Bissen essen ; konnte. Nachmittags fand ich mein Instrument im Saale ? gut gestimmt, als ich ihm den Puls fühlte; der meinige ging unruhig. Um 5 Uhr wurde der Saal eröffnet und '/beleuchtet und gewährte einen pompösen Anblick, und feine halbe Stunde später fanden sich schon die elegantesten Damen ein, um gute Plätze zu bekommen. Man ( kann sich nicht leicht einen schöneren, zweckmässigeren Saal denken, als diesen; auch fand ich das Arrangement der Sitze ; in einer mir ganz neuen Weise praktisch eingerichtet. Um b J [ 2 Uhr, nachdem ich eine Tasse Thee mit Rum getrunken hatte, liess ich anfangen und wurde schon beim Vor- s treten ehrenvoll empfangen — eine Auszeichnung, die hier nicht Jedem zu Theil wird. Meine Ouvertüre übertraf durch die eifrige Mitwirkung jedes Einzelnen meine Erwartungen. Das Publicum war so enthusiastisch und ungetheilt im Beifall, dass ich diese Momente zu den schönsten meines Lebens rechne. Ein Chor von Schicht Moscheies' Leben. i — 34 — folgte. Meine Concert-Polonaise, durch die zarte Begleitung der drei ausnehmend reingestimmten Pauken gehoben, wird vielleicht nirgends besser zur Wirkung kommen, als hier, und nirgends wird auch grösserer Beifall mich belohnen. Im Zwischenact bezeigten mir die Directoren ihre vollkommenste Zufriedenheit. Zweite Abtheilung: Capriccio für Violine, von Romberg, gespielt von Matthäi, Alexander-Variationen mit demselben stürmischen Beifall, Hymne von Mozart und dann einige Minuten Pause, nach denen ich meine Fantasie begann. Das Publicum, mehr und mehr gespannt, kam näher und näher und engte mich zuletzt förmlich ein, so dass ich der Mittelpunkt eines grossen Kreises war; als ich geendet, ergoss sich das vollste Maass der Zufriedenheit über mich." Solch ein Erfolg auf so schwierigem Boden musste doppelt überraschend und ermunternd auf Moscheies wirken. Es müsse bald ein zweites Concert folgen, hiess es nun allgemein, und der 14. October ward dazu bestimmt. In der Zwischenzeit lesen wir von Einladungen und Besuchen ohne Ende, und finden Auszüge aus den Tagesblättern, die einstimmig in die Lobesposaune stossen. Im 2. Concert wiederholt sich der Beifall. „Ich hatte mir vorgenommen," schreibt er, „heute nichts Fremdes in meine Improvisation zu mischen, als sich mir bei einer Fermate das Motiv „das klinget so herrlich" (Zauberflöte) beinah aufdrang. Zwei Applaus-Salven lohnten mir meine Durchführung desselben." Am nächsten Morgen giebt er Künstlern und Kunstfreunden ein Dejeuner mit Austern und guten "Weinen, wobei jedoch das Musiciren nicht vergessen wird. In den folgenden Tagen trieb er sich unter den Wundermenschen der Messbuden umher, besuchte interessante Theatervorstellungen und besichtigte das Schlachtfeld, die Gärten, Strassen und Dörfer, durch die sich das Kriegsgetümmel gewälzt hatte. Ein Rath Ludwig aus Altenburg wusste ihn zu einem Aufenthalt in seinem Hause zu bereden, übergab ihm seine Liedertexte zur Composition und veranstaltete ein Concert, „in welchem sich der Leipziger M ■ Enthusiasmus pflichtschuldigst wiederholte". Jene Lieder, ■sowie das Sextett nahm Hofmeister in Verlag. Mit seinen Erfolgen in der Musikstadt Leipzig unge- gmein zufrieden, tritt er nun getrost die Weiterreise nach p Dresden an. Ein anfangs unbedeutendes, später aber ■immer heftiger werdendes Halsübel macht ihm den langsamen Fortgang der Reise nur noch peinlicher. In Dresden angekommen, sucht er sich durch Musik zu zerstreuen. Er hört Spontini's „Vestalin", von einer italienischen ||Truppe. „Der Director heisst Polledro, die Sänger M. ^»andrini, Benelli u. s. w. Ihre echt italienische Manier und Htrosse Kehlfertigkeit erfreuten mich zwar, ihr beständiges |s§Retardiren am Schlüsse jeder melodischen Phrase und das ■verspätete Nachhinken des Orchesters belästigten mich aber so, dass ich nur an mein Uebel dachte und die drei Akte mit Anstrengung aushielt. Bei einer klassischen klassisch aufgeführten Oper hätte ich mich selbst und ■nein Leiden vergessen. Das Orchester, auf das ich sehr ■ gespannt war, Hess auch viel zu wünschen übrig, besonders der erste Hornist. Eine Stelle im Andante der IiSpuverture war ganz unkenntlich". Es folgte nun ein vierwöchentlicher Zimmerarrest, den ihm die Aerzte, die er wegen seines Leidens zu Rathe zog, auferlegten. In dieser etwas trüben Zeit instrumen- tirte er seine vier heroischen Märsche, schrieb das Andante der E-dur-Sonate, die er Beethoven dedicirte, überarbeitete auch die anderen Stücke derselben, und las viel in Goethe, Mendelssohn's „Phädon" u. s. w. Endlich ist er wieder hergestellt, und sofort benutzt i|er seine wiedergewonnene Freiheit, um sich in die Dresdener Kunstwelt einzuführen. Auf dem Chor der katholischen Kirche lernt er während der Messe Morlacchi, ■Polledro, Dotzauer, Benelli und andere Künstler kennen. I«,Den Effect der Messe fand ich grossartig", sagt das Tagebuch, „20 Violinen, 6 Violen, 4 Bässe und Cello's, Blasinstrumente bis auf 4 Fagotte einfach besetzt, die rlauptsolos von Sassaroli gesungen". Später heisst es: S.Die Bekanntschaft von August Klengel war mir interessant, 3.' sein Spiel Clementi'sch, seine Toccaten, Fugen und Giguen so solide, als kunstvoll und gründlich." Er und Zenner kommen oft zu ihm und sie spielen einander abwechselnd vor. Beim Besuche des nächsten grossen Concerts findet er den Concertsaal dem Leipziger in vielen Punkten nachstehend; aber „auch der Inhalt war mager und die Ausführung hatte die Abzehrung." „Ouvertüre von Humann anfängerisch, Arie gesungen von Löbl execrable, Fagott- Concert plump, aber gut geblasen von Humann, Symphonie in D von Mozart leidlich, Hr. Löbl wurde bei seiner zweiten Arie ausgelacht." Es folgen nun im Tagebuche mehrere nicht streng hierher gehörige Notizen, aus denen folgende ausgehoben seien: „Goethe schreibt in der „neuen Melusine": „Ich will nur gestehen, dass ich mir aus der Musik niemals habe viel machen können." „Was ich natürlich nicht begreifen kann", setzt Moscheies hinzu. Ferner: „Einen Beweis für die Gerechtigkeitsliebe Haydn's, von dem ich eben hörte, muss ich mir doch no- tiren. Haydn erfuhr, dass Beethoven sich missfällig über „die Schöpfung" geäussert habe. „Das ist unrecht von ihm," sagte Haydn, „was hat denn er geschrieben? Etwa sein Septett? Aber freilich, das ist schön, ja herrlich! setzte er mit inniger Bewunderung hinzu, die Bitterkeit des ihn treffenden Tadels vergessend." Doch zurück zu den Dresdener Angelegenheiten. Sie gingen nicht schnell vorwärts. Erst die Krankheit, dann allerlei Intriguen des Polledro, der selbst Concerte geben wollte, ■ und dazu die Alles erschwerende Hofetiquette. „Endlich," sagt das Tagebuch, „fasste ich Fuss — nein Hand; denn ich spielte und gefiel, erst beim österreichischen Gesandten Grafen Bombelies, dann beim Oberhofmeister Graf Piatti und beim Ober-Stallmeister Graf Vitz- thum und so kam es endlich dazu, dass ich am 20. De- cember mit entschiedenem Beifall bei Hof spielte. Es klingt barbarisch, dass die Herrschaften speisten und der Hofstaat auf den Galerien zuhörte, während ich und das j bleibt es auch; doch muss ich der Wahrheit gemäss hie- I herschreiben, dass Herrschaften und Lakaien sich mög- 1 liehst ruhig verhielten und dass erstere sich sogar bis zu % einer freundlichen Unterhaltung mit mir herabliessen." ■ Sein Erfolg bringt ihm die bisher vergeblich angestrebte I Erlaubniss zur Mitwirkung der k. Kapelle in dem von fem projeetirten Concert; sie werde jedermann verweigert, Biiess es, ihm aber aus Anerkennung seiner Verdienste g|zugestanden. Nun fingen auch die Musiker an, mehr Ge- lischmack an ihm zu finden. Morlacchi und Schubert ver- ||eitelten die Intriguen des Polledro, der ihm die schwäch- fisten Mitglieder der Kapelle geben wollte, Graf Piatti un- ||terhandelte mit dem „unangenehmen" Besitzer des Hotel ijjde Pologne wegen des Saales, und am 28. December kam IJder Concerttag heran. „Ich vertheilte nach hiesigem Brauch He ein und zwei Billette an die Mitglieder der Kapelle, ■wir probirten und Abends ging das Concert vor einem ^glänzenden, lebhaften Beifall zollenden Publicum vor sich." ■Ein Vergleich, den Moscheies bei einigen bereits in Leip- gPzig aufgeführten Nummern zu machen Gelegenheit hatte, Hpiel nicht zu Gunsten der Dresdener Kräfte aus. 1817—1820. In diesen Jahren, in die jedenfalls weitere Kunstreisen gfallen, ist (bis zur Ankunft Moscheies' in Paris) das Tage- gbuch nur lückenhaft geführt. Hier einige Notizen über ■das Jahr 1820. Moscheies beginnt das Jahr in Wien, von |wo aus er sich zunächst nach München wendet. Er be- Stheiligt sich dort an grösseren Aufführungen und lässt ■dann selbst zwei Concerte folgen. Seine Briefe führen ihn ■beim Prinzen Eugen von Leuchtenberg und bei Hofe ein. »Der alte König Max ist gut und liebenswürdig gegen »ihn; erst hat er Audienz, dann spielt er vor den Majestäten im Hofzirkel, wird nochmals in einer Audienz empfangen und mit einem Brillantring beschenkt. Eine Nadel mit einem brillantenem E. auf grünem von Brillanten ein- gefassten Grunde (ein Geschenk des Prinzen von Leuchtenberg) wird noch mit Pietät bewahrt. Nachdem er in Augsburg bei der Exkönigin Hortense gespielt, macht er einen Abstecher nach Holland. In Amsterdam giebt er vier Concerte, im Haag eins. Dort sah er zuerst die herrliche Nordsee und verzeichnete in sein Tagebuch die gewaltigen Eindrücke, die ihm dieser grossartige Anblick erweckt. Dort war es auch, wo er sein G-moll-Concert in Angriff nahm und glücklich beendete. Er sagt: „Da ich täglich [das melancholische Glockengeläute des nahen Kirchthurms hörte, so war es natürlich, dass ich die Moll-Tonart wählte und das erste Stück als Malinconia bezeichnete." Die erste Probe des Concerts.fand in der „Liebhaber-Gesellschaft" statt, und es gefiel; aber gewiss hat keiner der damals Anwesenden dieser Composition das lange Leben prophezeiht, dem sie entgegenging, ohne dass der Autor selbst es zu hoffen wagte. Es folgen als weitere Concertstationen Aachen, Frankfurt , Mainz und Coblenz. Ueberall wird musicirt und Musik gehört; Bekanntschaften mit Künstlern werden angeknüpft und erneuert. Dann geht's in's belgische Land hinein, nach Brüssel; „das ist die Vorbereitung für Paris, in Sprache und Sitte." Das musikalische Leben in Brüssel war damals ein sehr reges; Moscheies wurde freudig begrüsst und häufig zu Concerten herangezogen. Am 29. December 1820 erreicht er endlich Paris und steigt im Hotel de Bretagne ab. „Der Eindruck, durch das Gewoge von Menschen zu fahren, die die Strassen anfüllten und in den schimmernden Gewölben einkauften, wird mir un- vergesslich bleiben. Als ich am Morgen des 30. December ausging, wer trat mir entgegen? Freund Spohr. Gute Vorbedeutung! Die Freude war beiderseits gross, wir ver- liessen uns lange nicht und schlenderten selbander über den Boulevard des Italiens. Später ging ich mit ihm in's Palais royal, und am Abend in die italienische Oper, wo ..-■ — 39 — wir Don Juan hörten, und, was mich wunderte, unzer- stüekelt; die Mainville-Fodor war eine reizende Zerline, alles Andere brav. Es war aber auch schwer gewesen, Eintritt zu erhalten. Das Gedränge war so gross, dass wir einen Mann anstellten, um uns Karten zu nehmen." 1821. In den ersten Wochen dieses pariser Aufenthalts [wird die Stadt nach allen Richtungen durchlaufen und der Genuss an~ dem Neuen, nie Gesehenen in's Tagebuch verzeichnet. Ausserdem beschäftigt sich dasselbe hauptsächlich mit Spohr, Notizen, die wir jedoch grösstentheils unbenutzt lassen, da die seit Spohr's Tode publicirte Autobiographie über sein Leben und "Wirken in der musikalischen Welt so eingehend wie möglich Aufschluss giebt. Moscheies traf ziemlich regelmässig mit Spohr im Hause des Baron Poifere de Cere zusammen. Letzterer gab allsonntägliche • Morgen Unterhaltungen, bei denen die Aristokratie der Künstler ebenso sehr wie der grossen Welt zahlreich vertreten war. Dort spielte Spohr sein Nonett mit folgender mtadelhafter Besetzung: Guillon: Flöte, Doprat: Hörn, Voigt: Oboe, Baudiot: Cello, Bouffet: Clarinette, ■ Lärmes: Contrabass. Spohr hatte Moscheies für eine dieser Matineen sein Ciavier-Quintett in Es mit Blasinstrumenten anvertraut, das mit grossem Enthusiasmus angehört wurde. Ausserdem musste Moscheies improvisiren und that es mit besonderer Inspiration, da er auch Kreutzer und Reicha zum ersten Male unter seinen Zuhörern wusste. Spohr besuchte mit Moscheies die Reicha'schen Quintett-Unterhaltungen und Sina'schen Quartette, und beide freuten sich, in der französischen Weltstadt unsere grossen Meister Haydn, Mozart und Beethoven gut ausgeführt und sehr bewundert zu hören. Wie sehr es Moscheies am Herzen lag, die von — 4Q — ihm verehrten Kunstbriider auch von der "Welt anerkannt zu sehen, zeigt folgende Stelle im Tagebuch: „Warum kann Spohr hier keine allgemeine Begeisterung erregen? Will der französische Nationalstolz nur die eigene Geigerschule als die erste in der Welt gelten lassen? Oder ist Spohr zu wenig mittheilend, zu abgeschlossen für den pariser Weltton? Genug, er hat heute seine projectirte Abendunterhaltung wegen Mangel an Theilnahme aufgeben müssen, was mich wirklich verdriesst. Gestern hat er in einer Soiree (im Valentin'schen Hause) sein E-dur- Quartett ganz ohne den verdienten Beifall gespielt, ein Mann wie Spohr!" Später heisst es: „Bei Baillot, der für Spohr und mich eine echte Künstlersoiree veranstaltete, ward ihm der echteste Enthusiasmus zu Theil, Er spielte Quintett von Boccherini, Quartett von Haydn, sein q. Concert und Capricen, und wir beide theilten uns, nachdem auch ich viel gespielt und zum Schluss improvisirt hatte, in dieser, so wie in einigen anderen Künstlersoireen brüderlich in den Beifall." Es mag aber nichts Geringes um diesen Beifall gewesen sein; denn wir lesen im Tagebuche die Namen: Cherubini, Auber, Herold, Adam, Lesueur, Pacini, Paer, Mazas, Habeneck, Plantade, Blangini, Lafont, Pleyel, Jvan Müller, Strunz, Viotti, Ponchard, Pellegrini, Gebrüder Bohrer, die Sänger Nadermann, Garcia u. a. m. als Zuhörer. Martinville, Mangin, Bertin, die Hauptjournalisten, fehlten nicht bei solchen Gelegenheiten, auch die Verleger Schlesinger, Boieldieu, Lemoine sowie die Instrumentenmacher Pape, Petzold, Erard und Freudenthaler waren oft zugegen. Was diese Herren betrifft, so ward Moscheies oft unangenehm von ihren Rivalitäten berührt. Pape's Flügel sagten ihm am meisten zu, bei denen Erard's hatte er damals durch den leichten Anschlag der Wiener Instrumente verwöhnt, mit der Schwere der Hammerauslösung zu kämpfen. Die grosse Welt zog Moscheies immer mehr in ihre Kreise, theils, um sich Lectionen geben zu lassen, theils, um ihn bei ihren Soireen thätig zu sehen. Stets aber hielt er fest an seinen allmorgendlichen Ciavierübungen ■; — 4i — I und an den Compositionen, die ihn eben beschäftigten. |„Ist diese Arbeit gethan", sagt er, „dann stürze ich mich ■ gern in die Freuden dieser Weltstadt." Einladungen zu — Diners, Bällen und sonstigen Festen strömten ihm zu. H Besonders musikalische Häuser waren die der Princesse pVaudemont, der Marquise de Montgerault, die selbst spielte, £>ja sogar eine gediegene Clavierschule herausgab, der Fürstin Ouwaroff, der Mme. Bonnemaison, welche „hübsch ^■ang", und des M. Mesny, dessen Tochter Moscheies seine Variationen über das „Au clair de la lune" dedicirte. ^^.ber auch beim preussischen Gesandten Baron Goltz und ^anderen Diplomaten und Hochadeligen wurde musicirt und Hdinirt, und was die Finanzwelt betrifft, so wetteiferten Rlie Häuser Lafitte, Rothschild, Rougemont, Fould, ■Worms u. s. w. in einer Gastfreiheit, die mit fürstlichem ■!.uxus. auftrat. Auch die Familien d'Hervilly, Matthias Bind Valentin machten schöne Häuser. „Dort ist es iwRveniger grossartig, dafür aber gemüthlicher", sagt Mo- Utecheles. Bei Valentins lernte er deren Schwager August ■Leo, den Freund und Beschützer vieler Künstler intim Mcennen, ohne zu ahnen, in welche verwandtschaftlichen ■Beziehungen er später zu Beiden treten würde. Pankouke, der erste Herausgeber eines Goethe in französischer Sprache, sowie seine Frau nahmen ihn besonders herzlich auf. „Sie waren so enthusiastisch für mich, dass sie mich bei meinem Eintreten in ihre zahlreiche Gesell- ■f chaft am i. Februar mit Händeklatschen, wie bei einer : /öffentlichen Production, empfingen". Auch mit dem berühmten Phrenologen Gall kam er damals in nähere Berührung. „Er kannte mich nicht, Emtersuchte aber meinen Schädel auf Veranlassung einiger Freunde und fand ausser bedeutendem musikalischen Or- R-an noch Mathematik, Lust zum Reisen, Orts- und Per- Bbonengedächtniss!!" Entnehmen wir hier dem Tagebuch die Beschreibung ines Tages (des 28. Januar), der in seiner Geschäftigkeit ohl als richtiger Massstab für manche andere Tage dieses ariser Aufenthalts gelten kann. „Morgens führte Herr — 42 — Strunz den Ciavierspieler Rigel zu mir, dem ich vorspielte. Um ii Uhr probirte ich bei Paer für heute Abend mit Baillot mein Caprice und Potpourri, auch Variationen, die ich ihm begleitete. Nachher ging ich mit ihm, oder vielmehr wir liefen en carriere zur Hofkapelle in den Tuilerien, wo wir eine herrliche Messe von Cherubini meisterlich aufführen hörten. Die Aufführung, unter Mitwirkung eines Kreutzer, Baillot, Habeneck, konnte nur ausgezeichnet sein. Plantade dirigirte, und Cherubini, den ich sprach, war unter den Zuhörern. Von da aus ging ich mit Spohr zur Probe von Lafont's heutigem Concert im Theätre Favart. Ich begleitete Spohr nach Hause und wir discutirten lange und eifrig mit einander. Mit Schlesinger speiste ich in dem berühmten, aber theuren Restaurant Freres Provencaux (so luxuriös bin ich aber nicht immer). Dann machte ich Toilette zur Soiree bei der Herzogin v. Orleans, zu welcher ich mit; Paer, Levasseur und Mr. undMme. Rigaud-Pallard fuhr. Es war grosser Hofzirkel. Ausser den Vocalsachen von obengenannten Sängern ausgeführt, spielte ich mit Baillot mein Potpourri und musste meiner ersten Improvisation noch eine zweite nachfolgen lassen. Die Aufnahme war -eine äusserst günstige." Was nun Moscheies' öffentliche Unternehmungen betrifft, so machten sie ihm manche Schwierigkeit. Es wurde viel mit dem Marquis Lauriston und Mr. de la Ferte verhandelt, ehe es dazu kam, den 25. Februar zu seinem Concert im Theätre Favart bestimmen zu können. Ueber den Concerttag (25. Februar) findet sich im Tagebuche folgende Notiz: „Vormittags war ich noch beschäftigt, Posaunen zu meinem Concerte zuzusetzen. Mit Vertheilung der Logen und Freibillette war ich auch sehr beschäftigt. Nachmittags ging ich in's Theätre Favart, um mein Instrument von Pape zu probiren. Es war seit der Probe durch einen eigenen Wächter gehütet worden, damit der Neid der anderen Instrumentenmacher ihm keinen üblen Streich spielen könnte. Das Concert ging glücklich von Statten. Der Besuch und die Einnahmen waren ebenso glänzend, als der künstlerische Erfolg. Ein besonderer Vorfall, der — 43 — sich heute ereignete, Hess mich die Gefahr wahrnehmen, der ein Künstler hier ausgesetzt ist, wenn er die Formen der Artigkeit öffentlich verletzt. Der Sänger Bordogni wurde nämlich ausgepfiffen, weil er aus Vergesslichkeit [oder Absicht, nach seinem Duett mit Dlle. Cinti ihr nicht i-die Hand reichte, um sie zurückzuführen". Ausser diesem Concert gab Moscheies noch eins mit Lafont in der Salle Favart (18. März) und später noch vier Soireen mit ihm, die vierte und letzte am 20. Mai zum Besten einer armen Familie. Sie spielten wiederholt ein Potpourri über Gluck'sche, Mozart'sche und Rossini'sche Thermen, welches sie zusammen componirt hatten, und dieses ^Vorführen und Verschmelzen von Gedanken aus so verschiedenen Kunstschulen machte grosses Glück. Die feine Welt patronisirte die Unternehmungen beider Künstler in Paris so sehr, dass sie auch in Versailles zusammen Con- Icert gaben und höchst zufrieden mit dem Erfolg waren. BDer Graf Senzillon hatte dort Alles für sie arrangirt, sie ■kamen mit Ciavier und Geige an, hielten Probe, wander- |ten dann in Schloss und Park umher, spielten mit dem igrössten Beifall und strichen ihre Einnahme ein. Ueber jfjLafont bemerkt Moscheies: „Er war ein süsslich sentimentaler Sänger, nicht nur auf seiner Geige, sondern auch mit der Kehle, und wusste durch seine Romanze „La lärme" den Augen der Schönen gar manche Thräne zu entlocken. Seine Frau sang auch Romanzen, und da sie $so schön als stimmlos war, so schrieb die spitzige Feder eines Kritikers nach einem Concert, in dem sie aufgetreten war: „Mme. Lafont a chante; eile a de beaux yeux." Manchmal versammelte Moscheies das lustige Künstlervölkchen in seiner Wohnung, „wo denn bis 3 Uhr musicirt, Ipunschirt und soupirt wurde; wer nur spielen, blasen oder ■singen konnte, war da, und Alles spielte, blies und sang Inach Herzenslust." „Ueberhaupt ist's eine lustige Zeit", Ischreibt er einmal: „Freilich bei dem letzten Rothschild'- Ischen Staatsdiner, in Gegenwart von solchen Notabilitäten, Ivvie Canning oder Narischkin, musste ich sehr bescheiden ■auftreten." Die Einladung zu ihrem grossen, brillanten, — 44 — aber steifen Ball erscheint ihm als eine „höchst fragliche Ehrenbezeigung." „Schon das Hinfahren in der unabsehbaren Queue langweilte mich", sagt er; zuletzt stieg ich aus und lief hin. Dort hatte ich auch keine Freuden. Dagegen rühmt er die Aufführungen Gluck'scher Opern im Erard'schen Hause; die Concerts spirituels entzücken ihn. „Wer Avürde mich nicht um diesen Genuss beneiden. Sie sind mit Recht weltberühmt; dort höre ich mit dem gemessensten Ernst zu." Aber auch an heiteren Episoden fehlt es nicht: „Mein Essen mit Carl Blum und Schlesinger beim Restaurant Lemelle ist immer lustig genug. Gestern ging Schlesinger in seinen Neckereien über meine Langsamkeit beim Essen so weit, dass er die dumme Wette mit mir machte, er werde drei Dutzend Austern essen, während ich eins verzehrte, und er hatte Recht. Als ich aber sah, wie nahe er daran war, zu gewinnen, legte ich mich aufs Gesichterschneiden, und wusste ihn durch meine albernen Fratzen so in's Gelächter zu bringen, dass er nicht weiter essen konnte; ich gewann und er zahlte die Zeche." Am 20. März finden wir eine interessante Notiz. „Ich brachte den Abend bei Ciceri, dem Schwiegersohn des berühmten Malers Isabey zu, wodurch ich in einen der interessantesten Künstlerkreise eingeführt wurde. Im ersten Zimmer waren die berühmtesten Maler versammelt, die zu ihrer Unterhaltung Verschiedenes zeichneten, mitten unter ihnen Cherubini, ebenfalls zeichnend. Mir, wie jedem neu Eingeführten, ward die Ehre, sich in Carricatur portraitirt zu sehn; Begasse übernahm mich und führte sein Bild gelungen aus. Im andern Zimmer waren Musiker und Schauspieler, unter ihnen Ponchard, Levasseur, Dugazon, Panseron, MUe. de Munck, Dlle. Livere vom Theätre francais. Das Interessanteste unter ihren Leistungen, bei denen ich nur den Zuhörer machte, war ein Singquartett von Cherubini, unter seiner Leitung ausgeführt. Später bewaffnete sich die ganze Gesellschaft mit grösseren und kleineren Mirlitons und führte auf diesen eintönigen, aus hartem Holze, ja zuweilen aus Zucker fabricirten Pfeifchen, nach — 45 — Art der russischen Hornmusik die Ouvertüre zu Demophon | auf, wobei zwei Backpfannen die Pauken vertraten." Am ■ 27. März wiederholte sich dieses Mirliton-Concert bei Ciceri, I und diesmal betheiligte sich Cherubini activ daran. Mo- Ischeles berichtet über jenen Abend: „Horace Vernet unter- Ihielt uns mit seinem Bauchrednertalent, M. Salmon mit fdem nachgeahmten Hörn und Dugazon sogar mit einem Mirliton-Solo. Lafont und ich vertraten die ernste Musik, der schliesslich auch ihr Recht wurde." Ueber die Theater, die Moscheies der Reihe nach fast feile besuchte, finden wir manche interessante Notiz. In aFranconi's Cirque olympique, im Faubourg du Temple, sah |er Ugolino's haarsträubende Geschichte, in der ein Thurm leinstürzt und sonstige grausige Dinge vorgeführt worden, fdie die Maschinerie in Bewegung setzen. In der Porte SSt. Martin machte die Parodie „Les petites Danaides" und ^besonders Potier's ultrakomisches Spiel Furore. In den ^Varietes lachte man bei den Stücken aus Scribe's erster und bester Zeit (L'ours et le Pacha, die Champenoise, die ; Voitures versees u. a.) Im Gymnase dramatique bezaubert |ihn die Erscheinung und das Spiel der' schönen Schauspielerin Esther; Perlet's Komik ist /um Todtlachen"; und „für Talma's Mithridates giebt es keine Worte". Die jeune femme colere der Mars entlockt ihm die Bemerkung: „Diese grosse Künstlerin muss innig verehrt in der Erinnerung vdes Glücklichen leben, der sie gesehen hat". Mit dem grössten Interesse besuchte er die Gräber Rousseau's, Voltaire's; mit jugendlichem Enthusiasmus betrachtete er die zahlreichen Denkwürdigkeiten und Kunst- '. schätze der Weltstadt, sowie ihre Umgebungen bei heran- I nahendem Frühling. Das Alles ist im Tagebuch nur kurz [angedeutet. Ganz Musiker, macht er immer wieder mu- [sikalische Notizen. So z. B. „Früh fuhr ich mit Lafont fin's Hotel deVille, wo die neue Cantate von Cherubini und [das Intermede von Boieldieu und Berton, für die Taufe jdes Herzogs von Bordeaux geschrieben, probirt wurden, jErstere unter der Leitung des grossen Meisters. Sein schneidendes Stimmchen unterbrach während des Tactirens - 4 6 - zuweilen die Begeisterung, in die ich durch seine Nähe und Composition versetzt ward. Die ganze herrliche Kapelle mit all ihren Notabilitäten fungirte. Der Präfect Graf Chabrol und Gemahlin, die ich bei dieser Probe traf, waren überaus freundlich gegen mich und boten mir auf die schmeichelhafteste Art ein Billet zum Festball bei Gelegenheit der Taufe an. Abends wohnte ich der Generalprobe der Oper bei, welche Cherubini, Paer, Berton, Boieldieu und Kreutzer für die Taufe componirt hatten. Der Schlusschor von Cherubini machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich. Jeder Meister leitete seine eigenen Stücke und Cherubini wurde jubelnd applaudirt. 30. April. „Vormittags wieder bei der Probe des Inter- mede zur Taufe im Hotel de Ville unter Leitung der Verfasser Boieldieu und Berton. Die Damen Rigaud- Pallard und Boulanger, M. M. Ponchard und Huet sangen. Ein ungeheures Gewühl von Menschen und Equipagen zeigt heute schon auf interessante Weise den Beginn der grossen Festivitäten an." 1. Mai. „Heute wurde der kleine Herzog v. Bordeaux getauft und da sich ganz Paris auf den Strassen befand, konnte auch ich wenig zu Hause bleiben. Ich sah den Zug wie er sich nach der Kirche Notre Dame begab, dann war ich in den Tuilerien, wo die Herzogin auf dem Balcon den Täufling dem enthusiasmirten Publicum zeigte, Abends in Gesellschaft von Freunden bei der Illumination, die besonders im Garten der Tuilerien feenartig erschien." „Am 2. Mai geht endlich die Aufführung des Inter- mede in der Salle au St. Esprit im Hotel de Ville in glänzender Weise vor sich." 9. Mai. „Heute spielte ich im Hotel de Ville, wo die Stadt Paris den Deputirten der Provinzen (des bonnes villes) ein grosses Bankett gab. Cherubini, Boieldieu und Berton hatten die Direction des Ganzen. Das Intermede wurde wiederholt; auch Lafont wirkte mit." 13. Mai. „Heute ging ich mit Freunden nach der Villette, wo die Einweihung des Canals St. Denis als Fortsetzung der Feierlichkeiten stattfand. Der Hof fuhr in — 47 — buntgeschmückten Gondeln und kleinen Segelschiffen darauf hin und her, und Alles drängte sich herzu und ju- bilirte." Dieser Hof mit seinem Jubel, dem angebeteten Täufling und der glücklich stolzen Mutter sollte! wie so manche andere französische Dynastie, in Nebel zerfüessen. Mit den Festlichkeiten näherte sich auch Moscheies' Aufenthalt in Paris dem Ende. „Zum Abschluss kann ich," sagt er, „meiner Mutter das günstigste Resultat dieses pariser Aufenthalts in künstlerischer wie in materieller Hinsicht melden. Die soll es mit gemessen". Wir haben schon erwähnt, wie der frühe Tod des Vaters seine Witwe und die fünf jungen Kinder ganz unversorgt zurückliess. Von diesem pariser Aufenthalte an zieht sich durch Moscheies' Leben wie ein rother Faden die Freude, für seine Mutter und seine Schwestern zu sorgen; auch um den Bruder, dessen schwächliche Gesundheit ihn zu keiner gänzlichen Unabhängigkeit kommen liess und um dessen Geschäft war Moscheies unausgesetzt bemüht. Die intimsten pariser Freunde wetteiferten noch in Freundlichkeiten und Abschiedsdiners; Moscheies selbst gab ihnen eins bei den Freres Provencaux und traf dann seine Anstalten zur Abreise. Diese Abreise fand am Morgen des 23. Mai statt, und erst am 24. Abends erreichte die Mes- sagerie Calais bei ungünstigem Wetter. Der Wind war con- trair, so contrair, dass kein Segelschiff den Hafen verlassen konnte, und so durfte er sich erst anf 26. einschiffen. „Ein mir unvergesslicher Tag!" erzählt er. „Wir verbrachten vierzehn volle Stunden auf dem bewegten Meer, ich mit allem Leid der Seekrankheit beschwert. Als wir uns endlich um Mitternacht Dover näherten und der Steward das Geld für die Ueberfahrt von mir verlangte, hatte ich nur noch die Kraft, ihm den Weg zu meiner gefüllten Tasche anzudeuten." „For shame (welche Schande), rief der Mann aus, ein Courier und so seekrank!" Und woher ward mir dieser Titel eines Couriers? Man hatte mir auf der österreichischen Gesandtschaft das grosse Packet meiner Musikalien mit dem kaiserlichen Siegel und der Aufschrift „Depeschen" versehen, damit ich steuerfrei reisen und überall schnell - 4 8 - expedirt werden könne; so hielt mich der Steward für einen oft hinüber- und herüberreisenden Depeschenträger. Als wir in Dover landeten, erholte ich mich schnell und fuhr am folgenden Morgen in der Mail ab, die mich in zwölf Stunden nach London brachte. Er ahnte nicht, dass London in nicht langer Zeit seine zweite Heimat werden sollte. VIERTER ABSCHNITT. LONDON UND PARIS. 1821—1825. Moscneles' Leben. 1821. „Gestern", erzählt das Tagebuch am 28. Mai, „erreichte ich Abends den Golden Cross Gasthof in Charing Cross. Als ich heute früh den Platz bewunderte und dies dem Kellner mittheilte, meinte er ganz gelehrt, es sei auch ein historisch merkwürdiger Ort. Als man den Leichnam der Königin Eleonore, der Gemahlin König Eduard's L, in die Westminster-Abtei getragen, um ihn dort beizusetzen, habe man an allen Stationen, wo der Trauerzug gehalten, Kreuze errichtet; so sei aus dem Dorfe Charing, das damals diesen Platz und seine Umgebung'en einnahm, Charing Cross geworden. Mir war das neu, denn ich hatte mich damals noch nicht viel um die Geschichte Englands gekümmert." Aber auch das wusste Moscheies nicht — konnte er sich nicht träumen lassen, dass London künftig seine zweite Heimath werden sollte. Für's erste stürzte er sich hier in der Metropole des grossen Inselreichs, wie in der Weltstadt Paris, voll jugendlichen Feuers in das Musik- und Salonleben. Er wollte vor_ Allem hören und gehört werden — und dazu fand sich in London ebensoviel Gelegenheit, wie in Paris. Künstler auf seinem Instrument, wie J. B. Cramer, F. Ries, Kalkbrenner traten mit ihm in die Schranken; Männer wie Clementi sassen unter den Preisrichtern. (Moscheies spielte damals vorzugsweise auf •Clementi'schen Flügeln. Die Fabrik führte den Namen — 52 — Clement! & Co., und dieser Name bürgte für die Güte der Claviere, während zwei Brüder Collard die Geschäfte des- Hauses betrieben). Ueber den Collegen Cramer schreibt Moscheies: „Er säuselt seinen Mozart und seine eigenen Mozartähnlichen Compositionen, ohne mich und meine Bravour anzufeinden; ja, er zollt mir vielmehr öffentlich und privatim die aufrichtigste Anerkennung, die ich ihm ebenso aufrichtig vergelte. Ich bin Hausfreund bei ihm, und bin ihm sehr dankbar für das Interesse, welches er meinem öffentlichen i\uftreten und dessen Vorbereitungen schenkt. Cramer ist geistreich und unterhaltend und gleich vielen derart begabten Menschen, beissend satyrisch; ja er verschont seine eigene Sclvwäche nicht, indem er seine- Vorliebe für geistige Getränke dadurch persifürt, dass er von einer, sich über seine Nase schlängelnden, verdächtig rothblauen Ader sagt: „C'est Bacchus qui m'a mis son pouce lä; ce diable de Bacchus!" Er spricht nämlich vorzugsweise französisch, weil er lange in Frankreich gelebt hat, zeigt auch in seinem Wesen, dass er einen Theil seiner Jugend in diesem Lande zugebracht hat." Er hatte seine schöne Frau in ihrer frühesten Jugend geheirathet, nach ihrem Tode aber ein zweites Ehebündniss geknüpft, welches bis in seinen Lebensabend hinein ein glückliches blieb. Dieser war ein höchst bescheidener, weil er in seinem Alter mit seiner Frau viele Jahre von einer sehr kleinen Pension leben musste, die ihm das Haus Cramer, Beale and Co. auszahlte. Sein berühmter Name war für das- Musikgeschäft ein werthvolles Kapital. „Zur Warnung", fährt das Tagebuch fort, „will ich hier anführen, dass Cramer einer der leidenschaftlichsten Schnupfer ist. Gute Hausfrauen behaupten, man müsse nach jedem Besuch des grossen Meisters den Boden säubern, während ich als Clavierspieler es ihm nicht verzeihen kann, dass er seine aristokratisch langen schmalen Finger mit ihren schöngeformten Nägeln durch den Gebrauch des braunen Krautes verunziert, ja durch das Uebermass dieses Gebrauches die Tasten nicht selten in's- — 53 — Stocken bringt. Diese schlanken gut gebildeten Finger spielen vorzugsweise legato; sie pflegen bindend von einer Taste zur andern zu gleiten, und Oktaven- wie Staccato- Passagen womöglich zu vermeiden. Cramer singt auf dem Ciavier so, dass er ein Mozart'sches Andante beinahe in «inen Vocalsatz umwandelt; ich muss es rügen, dass er sich die Freiheit nimmt, seine eigenen oft recht kleinlichen Verzierungen hineinzuweben." Später heisst es: „Seine neu componirte Sonate in D-moll macht mir grosse Freude und unser freundschaftliches Verhältniss knüpft sich fester durch das aufrichtige Lob, das ich ihm dafür spende." UeberRies lesen wir: „Auch mit Ferdinand Ries habe ich sehr glückliche musikalische Stunden, da ich begierig die Gelegenheit erfasste, den Mann kennen zu lernen, dessen herrliches Cis-moll-Concert ich in "Wien der Oeffentlichkeit vorführte." Einer will nun immer den Andern hören, sich an seinen früheren und neuesten Werken erfreuen, und in vierhändigen Stücken die beiderseitigen Kräfte erproben. Die grosse Verehrung vor dem Meister Beethoven, dessen Schüler Ries war, musste sie zu einander ziehen und ein dauerndes Freundschaftsband zwischen ihnen knüpfen. Oeffentlich spielte Ries damals nicht mehr; er lebte ganz seinem Beruf des Musikunterrichts und des Componirens; Beides trug ihm Geld und Ehre ein, sodass er sich schon im Jahre 1824 als wohlhabender Mann und geachteter Künstler mit seiner liebenswürdigen Familie auf ein Gut in der Nähe von Bonn zurückzog. Auch dort componirte er viel, und seine Ciaviersachen, besonders die Sonaten mit Violine, waren in Wien sowie in anderen deutschen musikalischen Städten sehr beliebt. Was aber Orchesterwerke betrifft, so war er darin nicht glücklicher, als Cle- menti. Symphonieen von Beiden wurden in Philharmonischen Concerten in London ganz erfolglos aufgeführt; sie verschwanden spurlos vom Repertoire und wussten sich auch in anderen Ländern keine Heimath zu gründen. Den grössten Theil seiner Erholungfsstunden brachte — 54 — Moscheies mit Kalkbrenner, dem Harfenspieler Dizi und dem Musikhändler Latour, Associe des Hauses Chappell, zu. „Dizi", erzählt er, „hat ein allerliebstes Haus in Crabtree in der Nähe von London; eine hübsche Themsenfahrt führt dahin, und da mich die schwere Stadtluft plagt- und mir einen nie gekannten bösen Kopfschmerz verursacht, so veranlassen mich Dizi und seine Frau zu öfteren Besuchen, bei denen sie mir ein freundliches Schlafzimmer zu Gebote stellen." Dort waren auch Kalkbrenner und Latour als Stammgäste eingebürgert, und dort wurde nach Herzenslust musicirt. Dizi war ein tüchtiger Künstler auf seinem Instrument, Latour ein ebenso eifriger Ciavierlehrer als Componist kleiner Stückchen, die er in seinem eigenen Verlag erscheinen Hess. Und Kalkbrenner? Die Welt kennt ihn als einen der brillantesten Virtuosen seiner Zeit, und auch Moscheies rühmt ihn als „Octavenhelden"; doch kannte er ihn schon von Wien her als einen leichten, honigsüssen, wenig zuverlässigen Menschen, im Umgang nicht unangenehm, zur Freundschaft untauglich. Er hatte damals den dummen Streich gemacht, die Baronesse___, die Tochter eines der ersten Häuser Wiens, in das Moscheies ihn eingeführt, auf kurze Bekanntschaft hin mit einem Heirathsantrag zu beehren, war natürlich abgewiesen worden und hatte nun Moscheies gerathen, „es doch auch bei ihr zu versuchen", worüber dieser „nur lachen konnte". In London stellte Kalkbrenner eine Dame, mit der er ein Landgut bewohne, als seine Frau vor. Das Landgut lag in Frankreich und gehörte ihr, sie aber gehörte, wie man hinterher erfuhr, ihrem rechtmässigen Ehemann, und später wollte sie nur dem Himmel angehören, da sie ihre Tage reuig in einem Kloster beschloss. Damals — 1821 ward sie Mme. Kalkbrenner genannt, und Moscheles hatte gern eine Einladung auf das Gut nach beendeter Saison angenommen. Schon im nächsten Jahre indessen erschien Kalkbrenner in London in der tiefsten Trauer und beweinte den Tod der im Kloster Büssenden mit allen Zeichen des tiefsten Schmerzes vor seinen Freunden. Viele — 55 — sprachen dem trauernden Gatten Muth zu, Viele sahen ihn heisse Thränen vergiessen; einer seiner ausgezeichneten Schülerinnen schien es vorbehalten, ihn dauernd zu trösten; doch erwiesen sich seine Absichten als sehr schwankend, er verliess England und da ihr Vater in gerechtem Zorn drohte, Kalkbrenner'n vor Gericht zu belangen, sobald er sich in Albion sehen Hesse, so ist er nie wieder erschienen, und hat später in Paris die vermögende Tochter eines französischen Generals geheirathet, mit der er ein elegantes, aber nicht sehr gemüthliches Haus führte. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor, der Musiker ist und in Süd- Frankreich lebt. Der Vater starb Avohl früher als noth- wendig in Folge seiner Marotte, sich selbst homöopathisch zu behandeln, statt einen der Wissenschaft kundigen Mann zu Rathe zu ziehen. Kehren wir zu den Tagebuchnotizen über Kalkbrenner aus dem Jahre 1821 zurück. „Wir spielen oft vierhändig mit einander, zeigen uns gegenseitig unsere Com- positionen und leben künstlerisch kameradschaftlich. Ich ehre in ihm den Octavenhelden, wenn ich gleich seine Manier, Octavenpassagen mit dem losen Gelenk zu machen, nur schädlich finden kann." An einer anderen Stelle heisst es: „Das Logiersche System (das zwei Schüler ein und dasselbe Stück einüben lässt) macht hier einiges Aufsehen, und gern lasse ich es mir auf Kalkbrenner's Wunsch, der es sehr lobt, von dem verdienstvollen Erfinder und seiner geschickten Gattin praktisch exponiren. Ob ich es anwenden möchte? Ich glaube nicht. Der Geist soll mehr üben als die Finger; das ist die Hauptsache." Damals drängten sich in London die verschiedensten Künstler- grössen zusammen. Da war Kiesewetter, der treffliche Geiger, die sehr grosse Mara und die noch grössere Catalani, ferner Dragonetti, der viele Jahre hindurch den ersten Platz als Contrabassist mit Glanz behauptete. Letzterer war ein Original vom reinsten Wasser. Moscheies erzählt von ihm: „In seinem Salon in Leicester Square hat er eine grosse Gesellschaft verschiedener Puppen sitzen, worunter auch eine Mohrin ist. Kommt - 56 - nun Besuch, so sagt er, diese oder jene der Damen werde dem Eintretenden schon Platz machen, er möge nur näher kommen, fragt auch wohl die näheren Bekannten nach dem besseren oder schlechteren Aussehen der Lieblingspuppen seit ihrem letzten Besuch, und was der Thor- heiten mehr sind. Er schnupft entsetzlich viel aus einer Riesendose und hat auch eine Riesensammlung anderer Dosen. Das Sonderbarste an ihm ist aber seine Sprache — ein wahres Kauderwelsch, in dem sich sein eingeborenes Bergamasco mit schlechtem Französisch und noch schlechterem Englisch mischt". Gleich in den ersten Tagen seines Aufenthalts besuchte Moscheies His Majesty's Theatre (Haymarket), und war nicht wenig frappirt, dass man der lästigen Sitte gemäss, in Schuhen und Strümpfen und natürlich in Frack und weisser Cravatte erscheinen musste. „Es war gut, dass ich zum ersten mal nur den „Turco in Italia" mit seiner leichten seichten Musik zu hören bekam, denn nun konnte ich mich ganz meinem Entzücken über den herrlichen Gesang einer Camporese, eines Ambrogetti hingeben, konnte meine Augen von meinem Parterresitz aus an der glänzenden Gesellschaft in den Logen weiden. Der Kreis reizend schöner Damen in eleganter Toilette, in prächtigem Geschmeide, bei fast tagesheller Beleuchtung nahm sich aus, wie ein blendender Strahlenkranz". Die englischen Opern, welche im Drurylane-Theater gegeben werden, interessiren ihn sehr, besonders der Sänger Braham, dessen wunderbar schöner Tenor durch die Bildung, welche ihm seine Freundin Mme. Camporese gegeben, einen eignen Schmelz erhalten hatte. Aber auch die meisten übrigen Sänger findet er vortrefflich geschult, nur Miss Wilson, die Primadonna, weniger anziehend und die Besucher des Drurylane-Theaters weniger elegant und fashionable als die der italienischen Oper. Die Theater-Scala herniedersteigend, besuchte er nun das Surrey in der City und sah dort ein haarsträubendes Melodrama, das er jedoch unerquicklich fand; mit Genuss wohnte er dagegen an einem späteren Abend im eigent- — 01 liehen Concertsaal, den Argyll-rooms, der vortrefflichen Vorstellung" einer kleinen französischen Truppe bei, welche die Noblesse auf eigne Kosten, zu eignem Vergnügen unterhielt. Das mit Franconi rivalisirende Astley-Theatre gab den Gilblas mit grosser Pracht und vielem Beifall, und auch dahin führten ihn seine Freunde. Sie führten ihn aber auch in den Hyde Park, um die Stunde, wo die feine Welt London's dort promenirte. Im Tagebuche bemerkt er hierzu: „Meine Bewunderung der herrlichen Pferde und Equipagen, der lässig im Wagen zurücklehnenden Schönen und der kühnen Amazonen auf muthigen Rossen konnte.mich aber nicht verhindern, der Worte Byron's zu gedenken: Those vegetable puncheons called Parks "With neither fruit nor flower to satisfy Even a bee's slight munchings. Denn etwas Kahleres, Baum- und Strauchloseres als dieser Hyde Park ist mir nie vorgekommen." In späteren Jahren fand er Gelegenheit, sich an den mit Blumen verzierten und so unendlich verschönerten Parks zu weiden. Wie von den pariser Sehenswürdigkeiten, so gibt auch von London mit seinen oft beschriebenen Schönheiten und Schattenseiten, seiner Bilderausstellung im Somerset- house und anderen Kunstschätzen das Tagebuch nur flüchtige Kunde; ja nicht einmal bei seiner Bekanntschaft mit den berühmten Malern Gericault und Rochard verweilt er. Die Musik nimmt ihn ganz ein, und sorgfältig verzeichnet er alle grossen und kleinen Erlebnisse auf diesem Gebiete. 28. Mai: „Unter der Leitung Kiesewetters im Philhar- ■ monic Concert gab man Beethoven's Pastoral-Symphonie mit Würde ausgeführt; nur die donnernden Pauken von störendem Effekt; Arie aus Titus von Miss Goodall; Violinquartett von Mozart, gespielt von Spagnoletti, Lindley, Terzett aus Idomeneo, gesungen Mme. Salmon, Miss Goodall, W. Begrez; Ouvertüre Lodoiska. — 2. Theil: Symphonie in D von Mozart; Arie aus Judas Maccabäus, entzückend schön gesungen von Mme. Salmon; Septett für - 58 - Harfe und Streichinstrumente: Dragonetti Bass, Bochsa Harfe; Arie gesungen von Begrez; Ouvertüre Egmont. Die Ensemblestücke dieses Concerts gingen mit besonderer Präcision." Am 30. Mai. „Den ausgezeichneten Flötenspieler Tu- lon in seinem eigenen Concert (Argyll-rooms) gehört. Ein Gemisch von Gesangstücken der Damen Goodall, Vestris, Camporese, Salmon, des Herrn Ambrogetti u. A. Dme. Buchwald, eine sehr brave Schülerin von Kalkbrenner, spielte ein Septett von ihm." 1. Juni: „Mit Clementi Verabredetermassen in seiner Clavier-Fabrik zusammengetroffen und ihm Einiges vorgespielt, worüber er seine besondere Zufriedenheit äusserte. Dann Visiten bei Fürst Esterhazy, Prinz Leopold, Lord Lowther, Castlereagh u. A. Abends hörte ich Cramer im Concert des Sängers Vaughan wieder ein Mozart'sches Concert mit seltener Zartheit spielen. Die grossen Chöre und Gesangstücke aus Händel'schen Oratorien, die heute zu Gehör kamen, machten durch die Präcision der Aufführung, sowie durch die Begleitung der Orgel einen noch nie empfundenen Eindruck auf mich." 6. Juni: „Ancient-Concert (in den Hanover Sq re rooms), wo lländel's Messias in seiner ganzen Grösse und einfachen Würde gegeben wurde. Die Begleitung der Orgel in kräftigen Stellen durch Blasinstrumente ergänzt. Die vorzüglichsten Sänger waren: Mrs. Salmon, Miss Stephens, Mr. Vaughan. Auffallend war es mir, dass statt der Knaben im Alt bejahrte Männer diesen Part mit der Kopfstimme sangen. Das berühmte Hallelujah wurde äusserst langsam gegeben. Die obligaten Trompeten zogen wieder meine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich." 9. Juni: „Gegen Abend ging ich mit Cramer zum Diner der royal Society of musicians. Die Mitglieder dieser Gesellschaft, einer milden Stiftung für Wittwen und Waisen, speisen alljährlich einmal miteinander und laden zahlreiche Freunde dazu ein. Das Couvert kostet 1 Guinea, und irgend ein musikalischer Lord präsidirt. Sobald die Speisen abgetragen sind, wird das Tischtuch entfernt, der — 59 — schön gehöhnte Mahagoni-Esstisch mit frischen Dessertweinen besetzt. Alsobald sieht man auf einer oberen Galerie Damen erscheinen; es sind die Frauen und Töchter der vornehmsten Künstler mit einigen auserwählten Freundinnen. Weissbebänderte Herren, die Stewards (Ce- remonienmeister) des Diners, empfangen sie höflichst und weisen ihnen oben Sitze an. Von unten her erschallt das Non nobis Domine, ein vierstimmiger Canon im strengen Styl, von dem jeder englische Künstler seine Stimme auswendig kennt; — der Text besteht aus dem gewöhnlich gesprochenen DankgebetGrace after meat. Nun kommt eine vorgeschriebene Reihenfolge von Toasten, die von einem dazu bestellten Diener, der hinter des Präsidenten Stuhl steht, mit kraftvoller Lunge angekündigt werden. Der König und sein Haus, der Präsident, die Marine, die Armee, ihre Führer, die Gesellschaft, zuletzt auch die Damen, welche das Fest beehren, müssen hoch leben, und der Grad der Theilnahme den die Anwesenden diesen toasts bezeigen, besteht in einem stärkeren oder schwächeren Aufstossen der Messergriffe auf den Tisch, wobei denn Gläser und Flaschen den sinnverwirrenden Lärm completiren. Nur dann, wenn ein zum Musiciren eingeladener Künstler zwischen den toasts mit einem Solo hervortritt oder ein Redner solch ein Musikstück ankündigt und dadurch besondere Theilnahme erregt, bemüht man sich, mit den Händen zu klatschen. Die Hauptrede, welche bei jeder dieser Zusammenkünfte gehalten wird, ist der Jahresbericht über die Finanzen der Gesellschaft; ernst und sachverständig geht sie schliesslich dazu über, durch eine humoristische Wendung die anwesende, nun schon durch Wein und Musik belebte Gesellschaft, zu neuen Gaben für den wohl- thätigen Zweck anzuregen. Das Haus Broadwood steht bei diesen Gaben stets in erster Linie. Noch muss ich' der Galanterie der Festgeber erwähnen, die jedesmal ihre Damen durch die Stewards in ein besonderes Zimmer, vor einen mit Wein, Früchten und Kuchen bedeckten Tisch führen und mit diesen guten Dingen erfrischen lassen." ii. Juni. „Wichtiger Tag. Erstes Auftreten im letzten — 60 — Philharmonischen Concert und mit vielem Glück. Ich spielte mein Es-dur-Concert und die Alexander-Variationen. Dieses Stück bekam wegen der Aehnlichkeit des Thema's mit der Marseillaise von den Engländern den Beinamen the Fall of Paris, ein Umstand der mir später in t Paris unangenehme Auslegungen von den Blättern zuzog ~ Im 2. Theil spielte Kiesewetter mit grossem Beifall." 4. Juli. „Heute endlich war mein Concert in den Ar- gyll rooms, das mir so viel Plage und Lauferei gemacht hat. Das Concert und die Clair de lune-Variationen gingen gut und wurden sehr günstig aufgenommen; am günstigsten aber die freie Phantasie über: My lodging - is 011 the cold ground. Cramer begleitete die Gesangstücke am Ciavier, welche die Damen Salmon, Camporese, Ashes und Herren Corri, Begrez, Braham ausführten. Auch der Geiger Mori unterstützte mich." 11. Juli. „Grosse musikalische Soiree bei Rothschild auf seinem Landhause in Stamfordhill, für die jetzt wegen der bevorstehenden Krönung Georg's IV. anwesenden fremden Minister, denen ich grösstentheils vorgestellt wurde. Sie und der alte Fürst Esterhazy bezeigten grosse Zufriedenheit über mein mehrmaliges Spielen und Phantasmen. Dazwischen liessen sich englische Vocal-Talente, ein- und vierstimmig hören. Erst um 4 Uhr zu Hause angelangt." 19. Juli. „Heute am Krönungstage postirte ich mich schon früh in die Nähe der Abtei, sah die feierliche Prozession, den glänzenden Aufzug und das Bankett in West- minster Hall." Ehe er London verlässt, schreibt er noch sein Rondo für Ciavier und Hörn, arrangirt die Chöre aus Timotheus für Ciavier, hört die neue Cavatine di tanti palpiti aus Rossini's Tancred von der Catalani und ist Abends bei ihr zum Souper geladen. Endlich werden Abschiedsvisiten gemacht, und als dabei die Reihe an den Fürsten Esterhazy kommt, lässt dieser ihm einen neuen Pass mit dem Titel seines Kammervirtuosen überreichen. Von der Londoner Künstlerwelt nahm er ungern Abschied, desto — 61 — lieber von der Londoner Luft; „die schwere Londoner Luft", heisst es im Tagebuche, „die mir so oft Kopfschmerzen macht, ich verlasse sie gern!" Und so geht es nach Frankreich zurück, erst nach Boulogne, dann nach Schloss Pralin zu Kalkbrenner. Dort verbrachte er bis in den October hinein ein angenehmes, ruhiges Landleben, natürlich mit Musik verwebt ; die Frau sehr gebildet, war ihm eine liebenswürdige Wirthin und er schrieb für sie, als Dank für genossene- Gastfreundschaft, sein Rondo „la Tenerezza." Auch drei Allegri di Bravura, die er Cramer dedizirte, und eine Polonaise brillante in Es componirte er in dieser ländlichen Stille. Anhaltende Ciavierstudien, Partiturlesen und französische Leetüre füllen den Rest seiner Zeit aus. Kaum war er nach Paris zurückgekehrt, als ihn La- font beredete, eine tournee in die Normandie mit ihm zu machen, in den Städten Rouen, Caen, Havre und Amiens Concerte auf gemeinschaftliche Kosten mit ihm zu geben. Moscheies willigte ein. Beide wurden überall sehr fetirt und in der besten Gesellschaft freundlich aufgenommen, sodass die Geschäfte gut gingen. „Dabei hätten wir es bewenden lassen sollen", erzählt 'Moscheies. „Lafont aber hatte in meiner Abwesenheit zugesagt, auch in dem kleinen Hafen Honfleur mit mir zu spielen, was er mir im Saloneiner der ersten Damen von Havre mittheilte. Diese warnte sogleich und machte bemerkbar: es hiesse viel zu weit herabsteigen, in so einem Nest zu spielen. Ich aber wollte meinen Freund nicht im Stich lassen, und reiste trotz aller Zweifel mit ihm ab. Nun ist die See mir niemals hold gewesen und da ich mich auf der kleinen Fahrt von Havre nach Honfleur nicht eben gut befand, so brütete ich den für Lafont schwarzen Gedanken aus, mich gleich bei meiner Ankunft durch Anschlag Unwohlseins halber abmelden zu lassen, wusste auch Lafont zu diesem Schritte zu bereden, und sah ihn richtig in die Druckerei wandern, um die Absage-Zettel zu besorgen. So aber sollte die Sache nicht ablaufen; denn schon in der Druckerei widersetzten sich die hinzugekommenen Behörden und eilten zu. — 62 — mir in's Hotel, noch ehe ich Zeit hatte zu verbergen, dass mir mein Mittagmahl vortrefflich schmeckte. Nun schützte ich böses Zahnweh vor, wehrte mich, so gut ich konnte, musste aber doch endlich nachgeben und den Enthusiasmus von Honfleur für mein Spielen entgegen nehmen. Vielleicht verlieh ich diesem noch mehr Interesse als gewöhnlich, indem ich mich bemühte, die Rolle des „Souffrant" auch im Concertsaal vor dem Publicum weiter zu spielen. So lief die Sache leidlich ab." Am 10. December traf er wieder in Paris ein, war rasch wieder eingelebt und das frühere bewegte Musik- treiben begann von Neuem. Er nennt unter den mitgemachten Soireen besonders eine bei der Herzogin von Berry, welche Paer leitete, wo er viel spielte. Garcia, Galli, Bordogni und die liebliche Fodor sangen. Später heisst es: „Ein Besuch des jungen Erard rief mich heute in seine Klavierfabrik, um die neue Erfindung seines Onkels Sebastian zu prüfen. Sie bezweckt die raschere Auslösung der Hämmer und erscheint mir so wichtig, dass ich dem Klavierbau durch sie eine neue Aera prophe- zeihe. Der Anschlag ist mir immer noch zu schwer, die Papes und Petzolds angenehmer zu spielen, so bewunderte ich freilich, mäkelte aber auch und trieb ihn zu neuen Verbesserungen an. Den Jahresschluss bringt er „im engsten Freundeskreise bei August Leo angenehm" zu. - 6:, - 1822. Im Beginn dieses Jahres trat Mälzel mit seinem Metronom hervor, an dessen Erfindung er jahrelang gearbeitet hatte. Da er es aber unendlich schwer fand, ihm Eingang zu verschaffen, so musste er sich durch seinen Trompeter - Automaten und die Puppen, die Papa und Mama herausquäkten, die nöthigen Subsistenzmittel verschaffen. Dass diese nicht immer ausreichten, beweist eine spätere Notiz von Moscheies, „dass er die 500 Francs, die er damals im Jahre 1822 in Paris sich von mir lieh, zu bezahlen vergass". — Das Erscheinen eines neuen Werks von Beethoven war stets ein Ereigniss für Moscheies. Ein solches Ereigniss fällt in den Anfang dieses Jahres, in welchem zwei neue Sonaten von Beethoven, (op. 109 u. 110), herauskamen. Er studirte sie mit dem grössten Eifer, versenkte sich ganz in ihre Schönheiten und spielte sie den Kunstbrüdern vor, hauptsächlich dem Freunde August Leo, dem er wahres „musikalisches Verständniss und ein anmuthiges Compositionstalent" nachrühmt. Um ihn scharte sich ein deutscher Kreis, dessen musikalischer Mittelpunkt Moscheies wurde, und in welchem der Beethovencultus pietätvolle Pflege fand. Ein zweites Ereigniss war das Erscheinen von Weber's „Freischütz". Auch dieses Werk wurde in jenem Kreise mit freudiger Erregung begrüsst, seine Schönheiten im Klavierauszug genossen, die neue Aera, welche für die dramatische Kunst in Deutschland angebrochen schien, viel und eingehend besprochen. Moscheies selbst wollte als Novität in seinem grossen Concert, welches er mit Lafont zusammen vorhatte, die Beethoven'sche Phantasie mit Chor spielen; aber das hielt schwer! Ein deutscher Musiker, Lecerf, sagte zwar gern die Mitwirkung des unter seiner Leitung stehenden „Gesangvereins für Kirchenmusik" zu; es wurde auch probirt und wieder probirt, aber die Stossseufzer des Tagebuchs über die Arbeit, welche die Vorbereitung gerade dieses - 6 4 - Werkes bereitete, wollen nicht enden. Der von Theoion übersetzte Text war von Moscheies selbst mit Aufopferung mancher Mitternachtsstunde revidirt und geändert worden • dennoch war er hierdurch dem Publicum, das den Saal des Opernhauses überfüllte, nicht zugänglich gemacht; ebenso wenig die Musik. Moscheies klagt: „Ich weiss nicht, war das Stück für ein Pariser Publicum zu lang, war es die meist falsche-Intonation der Chöre, genug es ist quasi durchgefallen. Alles Andere was Lafont und ich allein und was wir zusammen spielten, die Cinti und Nourrit mit ihrem Gesang, Ivan Müller und seine Cla- rinette wurden enthusiastisch aufgenommen. Einnahme 8000 Francs". Es kam aber noch ein Aerger nach. Ein ignoranter Journalist des Miroir fiel über Moscheies herj warf ihm vor, er habe die Chöre selbst hinzugesetzt und dadurch der „Phantasie eine ungeniessbare Länge gegeben", und so musste er sich noch öffentlich rechtfertigen. Am Dimanche gras und Fastnachtsdienstag finden wir Moscheies im Carnevalsgetümmel. Die unabsehbare Anzahl von Equipagen, das bunte Durcheinander der drolligsten Maskenaufzüge, das tolle Gewimmel, das sich dem boeuf gras nachwälzte, belustigte ihn. Gleichwohl fand er am Fastnachtsdienstag Zeit, das am Morgen desselben Tages angefangene Adagio seines Es-dur-Concerts fortzusetzen und zu vollenden. Unter seinen damaligen Schülerinnen interessirte ihn am meisten Dlle. Mock (nachherige Mme. Pleyel), deren grosses Talent er mit wahrer Freude ausbilden hilft. Es war ihm aber auch schmeichelhaft, dass die unvergess- liche Catalani, die diesen Winter in den kürzesten Zwischenräumen vier überfüllte Concerte giebt, ihm ihre Nichte zum Unterricht anvertraute. Im März hält sich Moscheies 14 Tage in Rouen auf, wohin ihn einige einflussreiche Familien gelockt haben. Diese sind eifrig bemüht, ihm die interessante Stadt und ihre Umgebung, auch alle auf Jeanne d'Arc bezüglichen Denkwürdigkeiten zu zeigen. Pape bringt selbst das beste- - 6 5 - seiner Instrumente aus Paris und die Karten zu dem vorbereiteten Concert sind bald vergriffen. „Aber ohne Plackerei und Lauferei geht's doch nicht ab; dafür sorgen schon die Gottseibeiuns-Theaterdirectoren. Der hiesige heisst van Ofen und verweigert seine Sänger". Natürlich schlugen sich die einflussreichen Freunde in's Mittel und schliesslich gelang es ihnen, den missgünstigen Mann herumzubringen. Das Concert geht mit grossem Erfolg vor sich, und ein zweites wird verlangt und gegeben. Ein Versprechen ruft Moscheies nach Paris zurück; er leitet bei Leo, der die Chöre vortrefflich einstudirt hat, eine Aufführung von Mozart's Requiem. Am Ostersonntag spielt er im Concert spirituel auf Verlangen sein Potpourri mit Lafont, nimmt aber als Thema seiner Improvisation folgenden Kirchenchoral, der ihm „dem Tage angemessen" erscheint: l^^sm^^s^i^^ fi - li - i et li - ae, rex coe-les - tis rex ^ tr glo - ri - ae mor - te sur - rex - it ho-di - e al - le-lu - ja.- „Wieder gelang es mir diesmal" (schreibt das Tagebuch), „dem Publikum meine eigene Inspiration zündend mitzu- theilen". Die Pariser Saison ist zu Ende, und nun folgt Moscheies bereitwillig der Einladung der Freunde, wieder nach London zu kommen. „Dort fand ich eben J. B. Cramer im Begriff, sein jährliches Concert zu geben. Er zeigte mir zwei Stücke einer Sonate, die er darin mit mir spielen möchte, und sprach den "Wunsch aus, dass ich ein drittes als Finale hinzu componiren möchte; nur möchte ich ja keine meiner Octavenpassagen in seinen Part legen, die Moscheies' Leben. 3 — 66 — könne er nicht spielen. Ich kann ihm nichts abschlagen, werde mich also bemühen müssen, ihm, dem Mozart- und Händel-Jünger, etwas Analoges zu machen. Er liess mich einen Theil seines neuen, mir dedicirten Clavier-Quintetts hören; eine echt Cramer'sche Composition. Ich musste ihm die drei Allegri di bravura: ,,la force, la legerete et ■ le caprice" vorspielen, die ich ihm widme". Das Stück, welches Moscheies für dies Cramer'sche Concert als Anhängsel an dessen Sonate in aller Eile schrieb, ist das Allegro des allbekannten vielgespielten Hommage ä Händel, dem er später Selbstständigkeit verlieh, indem er die Introduction dazu componirte und es in dieser Form für zwei Claviere, dann aber auch für vier- händiges Spiel herausgab. Die Novität machte gleich bei der ersten Aufführung in Cramer's Concert am 9. Mai Furore. „Glorious" John und Moscheies, von dem die Blätter behaupteten, „that his execution is most wonderful and more wonderful because he always makes the right use of his genius" — diese beiden zusammen spielen zu hören und noch dazu in einer Composition, an der Beide gearbeitet hatten ■— das war „an unrivaled treat, an un- precedented attraction". Jeder hatte sich dazu ein Broad- Avood'sches Instrument gewählt, Cramer wie gewöhnlich, Moscheies nur für diese Gelegenheit. „Die starken Metallplatten, deren Broadwood sich in seiner Construction bedient, erschweren (wie Moscheies bemerkt), den Anschlag, geben aber dem Ton die Fülle und Sangbarkeit, die so lierrlich für Cramer's Legato, für seine sanft von Ton zu Ton gleitenden Pinger passt; ich hingegen brauche zu meinen repetirenden Noten, Sprüngen und Doppelgriffen Cle- menti's beweglichere Mechanik". Cramer's D-moll-Concert und das neue Quintett, von seinem Bruder Francois, dem behebten Cellisten Lindley, ferner Dragonetti und Moralt begleitet, gefiel unendlich. Dieser F. Cramer war ein guter Musiker, grosser Bewunderer seines Bruders, selbst aber nur massig ausübender Künstler, ohne Eigenes schaffen zu können. Seiner grossen Familie hinterliess er wenig mehr als den Namen eines kreuzbraven Mannes, der, man - 6 7 - -weiss nicht recht warum, niemals auf einen grünen Zweiggekommen war; denn an Fleiss Hess er es nicht fehlen. Er gab viel Lectionen und war gutbesoldeter Vorgeiger der Ancient- und Philharmonie-Concerts, sowie der provinziellen Musikfeste. Sein G-moll-Concert, das er neuerdings einer Veränderung unterzogen hatte, spielte Moscheies erst im Philharmonischen, dann in seinem eigenen Concert mit vielem Beifall. In letzterem unterstützte ihn die reizende Cinti, Kiesewetter und Dizi, der vortreffliche Harfenspieler. Alles ging gut und wirkungsvoll zusammen. „Wir haben aber auch ganz anders probirt, als man es hier gewöhnlich thut; oft giebt es gar keine Probe, oft läuft ein halbes Orchester die Sachen einmal durch. Was thun also die Sänger? Sie singen unaufhörlich die wenigen Stücke, die das Orchester kennt und die das Publikum zu hören nie müde wird." Einige Tage später heisst es: „Was sind alle Concerte gegen das des Harfenspieler-Charlatans Bochsa! Gehört habe ich nur ein Pröbchen davon, aber hier schreibe ich mir das Programm her, obgleich schon dies eine Riesenarbeit ist." Die unglaubliche Länge des Concerts verdient in der That als Merkwürdigkeit verzeichnet zu werden; hier ist das Programm: Erster Theil. 1. Ouvertüre aus dem Oratorium the Redemption, v. Händel. 2. Arie, ges. v. Bellamy. 3. Arie aus Josua, Miss Goodall. 4. Duett — Israel in Egypten. 5. Chor. 6. Arie aus Judas Maccabäus. 7. „ aus Semele. 8. „ aus Theodora. 9. Chor aus Saul. 10. Marsch aus Judas Maccabäus. 11. Arie aus the Redemption. 12. Chor aus Israel in Egypten. 13. Duett aus Figaro. 14. Alexander-Variationen (von mir selbst gespielt). — 68 — Zweiter Theil (zu welchem das Publicum'für den halben Eintrittspreis Einlass hatte.) 15- 16. 17. 6 Stücke aus einem musikalischen Drama: Bajazet, Musik von einem 18. < Lord Burghersh. 19. 20. 2X. Violin-Concert v. Viotti, vorgetr. von Mori. 22. Recit. und Chor aus Moses, v. Rossini. 23. Quintett. 24. Duett aus Figaro, ges. v. Mad. Camporese und Cartoni. 25. Arie aus Jephtah. 26. Duetto aus Tancredi v. Rossini, ges. v. Mad. Vestris und Begrez. 27. Recit. und Arie aus der Schöpfung, ges. v. Zochclli. • 28. Recit. und Arie aus: il Pensieroso v. Händel, ges. v. Miss Stephens, mit obligater Flötenbegleitung v. Nicholson. 29. Schlusschor aus Beethoven's Christus am Oelberge. Dieses Riesenprogramm stellt selbst Astley's Theater in Schatten, der an einem Abend „einen schottischen Herkules, verschiedene Seiltänzer, zwei Lappländer, zwei Hunde und einen Bären" producirt. Die grossen Soireen, zu denen Moscheies hinzugezogen wurde, um „für die hohen und höchsten Herrschaften aufzuspielen", waren durchaus nicht nach Moscheies' Geschmack. „Wie anders", ruft er aus, „ist das Musikmachen in diesen heissen, gedrängt vollen Localen mit Berücksichtigung des nicht kunstverständigen Publicums im Vergleich zu unseren Zusammenkünften unter Kunstbrüdern! Gottlob ist es mir nie so schlimm ergangen, wie dem armen Lafont, dem der Herzog v. Devonshire mitten in einem Stück auf die Schulter klopfte, mit c'est assez, mon eher; ich werde applaudirt, wenn ich ihre Ohren kitzele". Die Lichtseite der Sache war die gute Bezahlung und das Carrieremachen. Es hat auch etwas Ehrenvolles, zu einem Chateaubriand geladen zu sein; es bleibt immer höchst interessant, in den Soireen der grossen Welt mitgewirkt zu haben. Trifft man doch Alles dort, Prinzen, Staatsmänner und Männer der Wissenschaft, und hat Gelegen- - 6 9 - heit mit interessanten Persönlichkeiten in nähere Berührung zu kommen. Ganz besonders freute Moscheies die Bekanntschaft der berühmten Tragödin Mrs. Siddons und des ausgezeichneten Schauspielers Young, den er als einen höchst gebildeten, liebenswürdigen Mann rühmte. Als ein besonders prächtiges Fest wird der Ball für die nothleidenden Irländer erwähnt. König Georg IV., der zugegen war, hatte das herrliche Local der grossen Oper feenhaft ausschmücken lassen. Der Ertrag war aber ein ebenso glänzender, da 3000 Karten ausgegeben waren, die erst 2 Guineen kosteten, zuletzt aber auf 15 Guineen stiegen. Gegen Ende dieser Saison finden wir Moscheies mit [ einer gründlichen Revision mehrerer seiner Arbeiten, namentlich der Alexander-Variationen, beschäftigt. Zu letz-, teren wird eine neue Introduction geschrieben; die neue Auflage veranstaltete Boosey & Schulz. Auch von an-_J deren Werken werden neue Auflagen vorbereitet; das Rondo „Charmes de Paris", das eben beendet ist, wird herausgegeben, Moscheies' Ciavierauszug von Mehul's Oper Valentine de Milan gestochen, endlich die Herausgabe der Bonbonniere musicale eingeleitet, deren 1. Heft Moscheies der kleinen Tochter von Horace Vernet widmet, während der Vater ein reizendes Titelkupfer dazu zeichnet. Und nun geht es mit den Freunden J. B. Cramer, Sir George Smart und Kiesewetter zu kurzer Erholung nach Brighton an die See, deren Heranrollen und Ab- fluthen ein majestätisches Schauspiel bot, während die kräftige Luft und die Geschäftslosigkeit erquickend auf Leib und Seele wirkten. Die Musik war in Brighton durch den Director der königlichen Harmonie-Musik, Kramer (nicht zu verwechseln mit den erwähnten Brüdern Cramer), herrlich vertreten. Dieser führt den Freunden mit seinem Orchester die besten Sachen von Händel, Mozart und Beethoven in trefflicher Ausführung vor. Die Abende benutzt Moscheies zur Entwerfung einiger Canons, die er nach Wien sendet. — 7 o — Für den Herbst hatte Moscheies mit Kiesewetter so halb und halb eine Reise nach Schottland verabredet, gab die Idee aber wieder auf. Kiesewetter's Lebenswandel passte nicht zu Moscheies' Ansichten, passte aber ebenso wenig zu seiner eigenen schwachen Constitution und einer immer mehr über ihn hereinbrechenden Brustkrankheit, der sein wenig geregeltes Leben stets neue Nahrung gab. Dagegen vereinigte sich Moscheles gern mit Lafont, den er kurz darauf in Boulogne traf, zu drei brillanten Concerten, und ging dann nach Paris, um sich in der ruhigen Herbstzeit mit aller Müsse und allen Kräften dem Studium und der Com- position zu widmen. Auch im Winter wird die Arbeit neben der Betheiligung an grösseren Concerten (u. a. an einem von der Herzogin v. Berry veranstalteten) eifrig fortgesetzt. Gegen Jahresschluss, wo ihm die Londoner Academy of Music ein Diplom als Ehrenmitglied schickt, notirt er in's Tagebuch: „Ich fühle mich immer heimischer in England, denn augenscheinlich wünscht man mir Achtung und Freundschaft zu bezeugen; das ruft bei mir grosse Dankbarkeit hervor". 1823. Das Jahr beginnt mit den Zurüstungen zu einer neuen Reise nach England, die Mitte Januar angetreten wurde. "Wie im vorigen Jahre zwischen Paris und Versailles, Rouen und anderen französischen Städten, so bewegte er sich jetzt zwischen London, Bath, Bristol etc. hin und her, denn in der grossen Metropole wie in der Provinz begehrte man seiner. Junge Damen wollten in wenigen Lectionen einen Bruchtheil seines angestaunten Spieles erlernen. Sein Phantasmen konnten sie ihm freilich „in a few fmishing lessons" nicht abhorchen; denn dazu gehörte neben der grössten musikalischen Belesenheit noch sein angeborenes Talent,, das gegebene Thema in stets neuen überraschenden Wendungen kaleidoskopisch verschwinden und wieder auf- — 7i — tauchen zu lassen. Aber die repetirenden Noten, meinten die zarten Damen, und das gleichförmige Rollen der laufenden Passagen könnten sie auch erlangen, und so wollte die Provinz ihn gern dem grossen London streitig machen. Um ihn länger zu fesseln, bereiteten ihm die lernbegierigen Damen in Bath und in der Umgegend dieses grossen Badeortes, neben den Engagements der Concert- Unternehmer noch Soireen in den ersten Privathäusern vor; er brauchte nur zu kommen, zu spielen, seinen mit goldenen Blüthen beschwerten Lorbeer einzustreichen und bei der Gelegenheit einige Lectionen zu ertheilen. In Bath rühmt er besonders die Gastfreundschaft der Familie Barlow. „Ich bin Sohn in ihrem gastfreien Hause; stets ist mein Zimmer bereit, und dabei ist Miss Barlow wohl meine talentvollste Schülerin". Weiter finden sich Bemerkungen über ein Concert in E-dur, das er in diesem Hause begann und fleissig ausarbeitete. Aber auch an drolligen Notizen fehlt es nicht. So finden wir unter anderem ein spasshaftes Quid pro quo verzeichnet, das ihm, als einem Neuling in der englischen Sprache, an der Tafel der Familie Barlow passirte. „Ich wurde heute beim Dessert gefragt, welche von den auf dem Tisch stehenden Früchten ich wünschte. „Some Sneers", erwiederte ich unbefangen. Darauf folgte erst Erstaunen, dann helles Lachen der Anwesenden, die den Zusammenhang erriethen. Ich, der ich mein Englisch damals noch mühevoll aus Dialogenbüchern und Dictionnairen schöpfte, hatte gefunden, „not to care a fig" heisse „to sneer at a person" und meinte nun, als ich mir Feigen erbitten wollte, fig und sneer sei auch beim Dessert gleichbedeutend (während doch jenes in der ersteren Redensart nur figürlich gebraucht wird)". Ein Gemüth, wie das von Moscheies, konnte nicht anders wie durch die milden frühlinggleichen Februartage in der reizenden Gegend des Bristol Channel beeinflusst werden, und so finden wir den Ausruf: „Was kann schöner sein, als der erste Anblick der Welsh mountains vonClifton aus? Ein bezauberndes Panorama! Der richtige Ort, um !■* ein Adagio zu schreiben; die blaue Bergkette zieht sich so ruhig und majestätisch an dem grünlichen spiegelhellen Seearm hin!" Ueber Bath sagt er: „Die Assembly rooms sind der Sammelplatz der fashionablen Welt, die hierher eilt, um ein mildes Klima in den vortrefflich eingerichteten Häusern zu gemessen; diese, aus weissem Sandstein- erbaut, liegen terrassenförmig malerisch hingestreut. In ihren Räumen suchen die Schwachen und Leidenden, welche die warme Quelle zum Trinken und Baden benutzen, den Comfort, den wir in deutschen Badeorten nicht kennen; die Müssigen finden sich bald zusammen, um angenehm ihre Zeit zu verschlendern. Man versichert mir auch, dass speculative Mütter mit ihrem Töchter-Reich- thum hierher reisen, um ihn in g'uten Heirathen für Gold einzutauschen". Später finden wir Moscheies in London wieder. Er berichtet hierüber: „Ich war in einem sogenannten Ora- torien-Concert, ein Theil geistliche, ein anderer weltliche Musik; das Publicum mag die erstere überwiegender gefunden haben, als ihm lieb war, denn es tobte und wüthete, weil gewisse Stücke aus der „Donna del lago" ausblieben, die das Programm versprochen hatte". Er wurde für drei dieser Concerte engagirt und war mit dem Erfolg zufrieden. „Das Publikum", setzt er hinzu, „mag diesmal guter Laune gewesen sein, da man ihm nicht nur die neulich weggelassenen Stücke aus der „Donna del lago" auftischte, sondern sämmtliche Nummern der Oper". Ein ander Mal schreibt er: „Heute gab das Oratorien-Concert unter anderem neben viel weltlicher Musik das ganze Oratorium Palestine von Dr. Crotch. Wie sind nur die Nerven or- ganisirt, die so viel heterogene Musik ertragen können? Und noch dazu kam mir dieser Dr. Crotch, diese englische Berühmtheit, nur als ein sehr schwacher Abklatsch von Händel vor". Als Moscheies später die „Donna del lago" in der italienischen Oper hört, findet er, dass die Musik viel Schönes enthält, das Schönste „aber wohl unstreitig die reizende Ronzi de Begnis mit ihrem lieblichen Gesang bleibe". — 73 — un nicht unbedeutendes Unwohlsein, das er von Bath mit nach London brachte, konnte seinem Fleisse kaum Schranken setzen; er gehörte zu Denjenigen, denen unausgesetzte Beschäftigung Bedürfniss und Freude war; trat aber endlich die unausbleibliche Erschöpfung ein, so wusste er sie schnell durch das natürlichste Mittel, den Schlaf, zu beseitigen, um dann seine 'Thätigkeit mit erneuten Kräften wieder aufzunehmen. In dieser Zeit war die Composition des E-dur-Concerts seine Hauptbeschäftigung; daneben aber wurden die schottische Phantasie, das veränderte F-dur-Concert und die vier-: händige Sonate für den Stich vorbereitet. „Eine Gigue", sagt er, „schrieb ich als Beilage für die musikalische Zeitschrift „the Harmonicon", deren Herausgeber Mr. Walsh, Besitzer der Argyll rooms mich bittet, ihm zu schicken, was ich wolle; er zahlt 5 Guineen für so ein kleines Ding. Die Charmes de Paris tragen mir 20 Guineen, die erste Abtheilung der Bonbonniere musicale ebenso viel ein. Trotzdem lasse ich manches Manuscript liegen; die pecuniären Vortheile genügen nicht, ich selbst muss Fortschritte und keine besonderen Mangel in den neuen Sachen finden, sonst gebe ich sie nicht heraus". In Mussestunden machte er ein neues Arrangement der Egmont-Ouvertüre und pflegte so etwas seine „Handarbeit" zu nennen. Jeder, der Moscheies näher stand, kannte die Genauigkeit, mit welcher er den Stich seiner Sachen betrieb. Seine Stecher bekamen die gemessenste Anweisung, wo die Blätter gewendet werden durften; jeder Notenkopf musste genau an seiner Stelle stehen, jede Pause deutlich zu lesen sein. „Das Alles" pflegte er zu sagen, „trägt zum präcisen Spiel, a^so auch zum richtigen Verständniss des Stückes bei, und wenn Einer den grossen Geist spielt und so undeutlich schreibt, dass kein Stecher ihn lesen kann und sein Stück mit Fehlern herauskommt, so ist er darum doch lange noch kein Beethoven. Der darf Alles thun, hat aber auch seinen Stecher, der ihn zu lesen versteht. Sie sollen überhaupt nur Alle erst wie Beethoven componiren, dann mögen sie schreiben, wie sie wollen". — 74 — Bei den Correcturen war die Gewissenhaftigkeit vielleicht einzig" in ihrer Art, bei den Lectionen wohl nicht minder. Darum wollte ihm auch die alte Schülerin Miss H___ gar nicht behagen, die ihm dieser Winter brachte. Sie hatte bereits ihre 60 Sommer gesehen und war, wie ihr wenig älterer Bruder unverheirathet. „Beide sind streng nach der Mode ihrer Jugendzeit gekleidet, was dem untersetzten Pärchen allzu komisch steht. Ihr hoher Aufsatz, seine Nankinghosen, blauer Frack und goldene Knöpfe sind genug, um Einem den Lachkrampf zu geben. Besonders die Alte; lernen will sie eigentlich nicht, denn wie oft ich sie während der 45—50 Minuten, die ich ihr widme, zum Spielen antreibe, ich bekomme sie kaum dazu. Die Gute ist redselig, sie ist aber auch gastfrei, ich muss jedesmal bei ihr frühstücken, und während ich esse, erzählt sie, bis ich sie endlich zwinge, die gichtisch knorplichten Fingerchen an ein modernes Stück zu wagen. Mein Gewissen erlaubt mir nicht, die Guinee einzustreichen, die sie mir jedesmal sauber eingewickelt überreicht, wenn die Schülerin und ich nicht zusammen thätig waren." Moscheies war sehr erstaunt über die englische Sitte, in den Concerten mit Orchester irgend einen berühmten Musiker vorn hin an's Ciavier zu setzen, und wir finden bei Gelegenheit eines Philharmonischen Concerts die Frage: „Was heisst denn das „Conductor Mf. Clementi"? Er sitzt da und blättert die Partitur um, aber ohne seinen Marschallsstab, den Taktirstock, kann er doch seine musikalische Armee nicht anführen? Das thut also nur der Vorgeiger und der Conductor ist und bleibt eine Null. — Und nun erst dies Programm. C-moll-Symphonie von Beethoven, hier zum ersten Mal, und gleich nach diesem sublimen Werk, dieser Götterspeise eine Flöten-Variation, ein Violin-Concert und verschiedene Arien. Ausserdem Mozart's G-moll-Symphonie und zum Beschluss eine Rom- berg'sche Ouvertüre — ein Programm, das ich nur hieher schreibe, um es nie zu vergessen." Ueberhaupt ging's in der Philharmonischen Gesellschaft bunt her. Kiesewetter wollte nicht mehr in ihren — 75 — Concerten spielen, weil ihm die Bezahlung von £ 5 für einen Vortrag zu gering erschien. Moscheies und Kalk- - brenn er wurden zu Gratis-Leistungen aufgefordert, was der Erstere auf Grund seiner beschränkten Zeit, ablehnte. Kalkbrenner, der es lieber sah, wenn er im Philharmonischen Concert auftrat und Moscheies schwieg, nahm die Einladung der Gesellschaft an, spielte sein D-moll-Concert mit Rundung und Eleganz und erhielt gerechten Beifall. „Mir ist es zuwider," sagt Moscheies, „einer knickernden Körperschaft unterthänig zu sein, meine Kunstbrüder hingegen finden mich stets bereit, sie zu unterstützen." Durchblättern wir nun das Tagebuch, um diese Aussage zu bewahrheiten, so finden wir, dass Moscheies in dieser Saison nicht nur für seinen Freund J. B. Cramer und für den Harfenspieler Dizi, sondern auch für die Sänger Torri und Sapio, die Sängerinnen Caradori und Borgondio und andere unbedeutendere Künstler spielte. Im ganzen scheinen sich die Künstler bei aller Con- currenz, die nothwendig allerlei Eifersüchteleien mit sich führte, gut vertragen zu haben. Doch kamen auch peinliche Scenen vor, so auf einer Soiree bei Miss B., einer Schülerin Moscheies'. „Das war eine fatale Geschichte! Nachdem wir Alle viel musicirt, spielten Kiesewetter und ich noch Mayseder's lange Sonate. Cramers Ausruf „cela m'ennuie" wirkte wie ein Donnerschlag auf den leicht erregten Kiesewetter; er sprang beleidigt auf, und wir hatten Mühe und Plage, um die Zwei wieder zu versöhnen!" Zahlreich waren die englischen Dilettanten, die sich eine besondere Ehre daraus machten, mit Künstlern zu verkehren und sich mit ihnen um die Wette in ihren grossen Soireen hören zu lassen; so Sir W. Curtis auf dem Cello, Mrs. Oom auf dem Ciavier und ebenso Mrs. Fleming; Prinz Leopold und Prinzess Sophie, die Schwester des Königs Georg IV., waren stets aufmerksame Zuhörer für die Ausübenden. Doch klagt Moscheles: „Ich muss zu viel seichte Musik machen und hören." • Als ein eigentümliches und erhebendes Fest schildert er den (alljährlich wiederkehrenden) Kindergottesdienst - 7 6 - der 6000 Schulkinder in der Paulskirche. „Der Moment, wo die ganze Kinderschaar sich mit einem Mal erhebt, ist imposant! Aber (setzt er hinzu) wie konnten Alle bei der kräftigen Orgelbegleitung der Psalmen, die sie unisono sangen, auch unisono detoniren? Und zwar so, dass sie jedesmal um r /,Ton fielen! Man möchte daraus auf die geringe musikalische Begabung der Nation schliessen." Niemand hatte mehr Gelegenheit als er, junge Talente zu beurtheilen; denn Väter und Mütter brachten ihm ihre aufkeimenden Wunderkinder, von denen die meisten untergingen und längst vergessen sind; doch dachte er in späteren Jahren oft mit Freude daran zurück. Der Mo- r~ ment, wo der Knabe Ferdinand Hiller Moscheies zuerst vorspielte und dieser dem Vater die glänzende musikalische Zukunft seines Sohnes voraussagte, blieb beiden noch __lange in freundlicher Erinnerung. Auch die zehnjährige I Delphine Schauroth setzte ihn schon damals durch ihre Technik und Auffassung in Erstaunen. Mehr als alle musikalischen Wunderkinder entzückte ihn aber die jugendliche, fast noch kindliche Schauspielerin Maria Garcia, die nachherige Malibran, die er im Hause eines Mr. Hullmandel auf einem Liebhabertheater sah. „Das reizende Mädchen, noch halb Kind, spielte bezaubernd in „Chauvin de Rheims", „Coin de rue" und „L'ours et le Pacha". Gleichzeitig bewunderte er den Vater Garcia in der italienischen Oper, einen der vortrefflichsten Sänger jener Tage. Schon während seines Aufenthalts in Wien hatte Moscheies den Grund zu einer genauen Kenntniss der italienischen Sprache gelegt, die er stets mit Vorliebe trieb; in London hatte er sich darin noch vervollkommnet, und nie versäumte er die Pistrucci-Abende, wo er mit grosser Freude dem Improvisator zuhorchte, wie er das ihm aus dem Publicum heraus zugeworfene Thema in wohlklingenden Versen durchführte. „Es giebt mir über meine eigenen Improvisationen zu denken", fügt er hinzu; „ich muss beständig Vergleiche zwischen den Schwesterkünsten machen, sie sind Alle nahe verwandt." Das London von 1823 kannte nur zweispännige Kutschen als Fiaker und diese waren ebenso kostspielig als schwerfällig - ; wie angenehm Moscheies berührt war, als er sich zum erstenmal eines einspännigen beweglichen Cabs bedienen konnte, verzeichnet das Tagebuch. Der angenehme Wechsel fiel gerade in eine der thätigsten Wochen des ganzen Londoner Aufenthalts. Es waren die Vorbereitungen zu einem von ihm für den 27. Juni geplanten Concert, die ihn hierhin und dorthin riefen. Einen Theil der Vorarbeiten hatte ihm sein lieber Freund Sir George Smart abgenommen; dieser war stets bereit zu accompagniren, Proben mit Sängern und Solisten zu halten, mit einem Wort, ihm alle Mühen zu erleichtern. „Dieser treffliche Mann," sagt Moscheles, „leitet fast alle grossen Musikfeste in London, sowie in der Provinz mit der grössten Umsicht und Präcision; er ist eine jener seltenen Naturen, die trotz aller Geschäfte Zeit finden, ihre grosse Correspondenz ä jour zu halten. Stets ist er auch bereit, seinen Freunden, zu dienen, und manche nicht englische Sängerin hat es nur ihm zu verdanken, wenn ihre Aussprache in den Haydn'- schen und Händel'schen Oratorien zu untadelhafter Reinheit gelangt oder, wenn sie, seinen Winken folgend, in Styl und Vortrag die Traditionen fortpflanzt, ohne welche sie schwerlich ihre Erfolge errungen hätte." Moscheies' Aufenthalt in England, der auch diesmal wieder ungemein thätig und reich an neuen Bekanntschaften, Erfolgen, Arbeiten und Entwürfen war, schliesst mit dem Ende der Londoner Saison. Im August finden wir ihn bereits auf der Rückreise, zunächst nach Frankreich. Kaum aber in See gegangen, verschwindet er, vom Seeübel gepackt, und taucht erst in Calais wieder auf. Der erste Tag des Wiedersehens in Paris ist angenehmer als der zweite. „Ich habe bei Schlesinger einen Koffer mit Werthsachen gelassen, die sämmtlich gestohlen sind, nämlich: die Dose der Herzogin von Berry, ein silbernes Kaffee-Service, 12 Löffel, ein antiker Ring, eine Venetianer- kette und andere Werthsachen, mir doppelt werthvoll, weil ich sie als Andenken bewahrte. Wir haben einen Literaten in Verdacht, einen Bekannten von Schlesinger, der -I 7 8 - uns die Sachen verpacken sah und sich oft in dem Zimmer allein aufhielt, avo der Koffer stand. Es muss in der fatalen Sache mit aller Schonung zu Werke gegangen werden." Der Verdacht bestätigte sich, aber der reuige Brief, den Moscheies Von dem jungen Manne erhielt, veranlasste ihn die Sache niederzuschlagen und geduldig auf eine in Aussicht gestellte Wiedererstattung zu warten. Wir werden dem weiteren Verlauf der unerquicklichen Angelegenheit später begegnen. Es war diesmal nur ein flüchtiger Besuch von zehn Tagen, den er Paris zugedacht hatte; denn er beabsichtigte eine Kunstreise. In Spa, wo er zunächst auftreten wollte, führte er sich rasch ein, und seine Absicht, ein Concert zu geben, wurde vom dortigen musiksinnigen Publicum sofort mit Interesse aufgenommen. Schwer war es jedoch, die Flügel-Frage zu lösen. Es gelang ihm nicht den sehr gerühmten Flügel der Lady Northland, die er auf einem Balle kennen lernte, zu bekommen. „Sie macht mir einen gewaltigen Querstrich: sie behauptet, ich würde ihr Instrument zu stark angreifen, ich, dem alles Drein- schlagen so zuwider ist! Sie vertraute sogar einer auf dem Balle anwesenden Freundin, ich spiele jnit den Füssen!" Diess mag sich wohl missverständlich auf den Scherz bezogen haben, den Moscheies oft machte, anscheinend mit geballter Faust zu spielen, in Wirklichkeit jedoch mit dem unterwärts versteckten Daumen Terzen zu berühren, dabei aber immer den ihm eigenen weichen Anschlag beizubehalten. Genug, er bekam den Flügel der Lady Northland nicht, wohl aber half ihm eine Mrs. Bayham mit einem freilich etwas stark ausgespielten Broadwood aus der Noth. Doch that dies seinem Erfolge keinen Eintrag. In Aachen ging es eben so gut; dort stand ihm der Buchhändler J. A. Mayer, den er schon früher kennen gelernt, hülfreich zur Seite. Dieser, sowie seine ganze Familie blieben ihm für's Leben befreundet, und so wurde das leichtgeschürzte Band einer vorübergehenden Bekanntschaft, hier, wie so oft in Moscheies' Leben, zur dauernden Kette. — 79 — Eine eigentümliche, aufs bestimmteste ausgesprochene Neigung Moscheies', die sich bis in's späteste Alter bei ihm erhielt, war, dass er mit grösstem Interesse gerichtlichen Verhören beiwohnte. So sehen wir ihn denn auch' in Aachen inmitten des heitersten Künstlerlebens in den Gerichtssaal eilen, um dort der Criminalverhandlung über die Mörder Joseph Pakhard und Josephine Herzoginrath aufmerksam zu folgen. „Seine Gleichgültigkeit war mir schauerlich, ihr Schluchzen herzzerreissend". Aehnliche Notizen finden sich später häufig. Anfang September kehrt Moscheies nach Deutschland zurück. Zuerst finden wir ihn in Frankfurt, von wo aus er zum Hofrath Andre in Offenbach eilt, um in Mozart'- schen Manuscripten zu schwelgen. „Gleich notirte ich mir die 2 Takte, die Mozart als überflüssig aus seiner Ouvertüre zur Zauberflöte wegstrich". Ouvertüre. &-&- Was sollte ich, der ich jede Note von Mozart verehre, der ich ihn für das grösste Musikgehie halte, aber dazu sagen, dass der Hofrath Andre behauptete, Mozart habe die Declamation durchaus nicht verstanden, da Worte, die den entgegengesetzten Sinn seiner Operntexte hätten, ebenso gut unter seine Musik, als die von ihm componirten passen würden! Diese Beschuldigung schien mir keiner Vertheidigung würdig — ich schwieg! — Unendlich in- teressirte mich der Anblick der nur zur Hälfte beendigten Partitur der Oper: „L'oca del Cairo"; die letzten Nummern dieses vergrabenen Schatzes, leider nur für Singstimme und Bass notirt! Wer möchte da enden, wo Mozart begonnen? Auch sah ich einen Ausbruch seiner schalkhaften — 80 — Laune in einem Concert, das er mit folgender Aufschrift für den Hornisten Leitgeb geschrieben hatte: „W. A. Mozart hat sich erbarmt über den armen Leitgeb, den Esel, Ochs etc. und schrieb ihm ein Horn-Concert". Damals hörte er auch eine neue Textbearbeitung der Oper: „Cosifan tutte", die unter dem Namen: „Der Zauberspiegel" mit der unveränderten Mozart'schen Musik gegeben wurde und ihn wieder zur Bewunderung hinriss. Das Mozart'sche Requiem hörte er in der Domkirche und im Cäcilien- Verein unter Schelble's vortrefflicher Leitung; auch ergötzte er sich dort an den herrlichsten Bruchstücken IIändel'scher Musik. Es gewährte Mosche- les grosse Freude, mit dem geachteten Theoretiker Vollweiler zu verkehren, Aloys Schmitt wiederzusehen, und den durch das Rheinlied so rühmlich bekannten Wilhelm Speier kennen zu lernen. „Solch einen Dilettanten lobe ich mir", sagte er, „er ist mir so lieb wie ein Künstler". Inmitten des goldenen Künstlerlebens, das er auch hier führte, des Hörens und Gehörtwerdens, des neuen Erfolges, den er sich durch ein neu angekündigtes Concert auch in Frankfurt bereitete, war er aber auch auf das Wohlergehen anderer Künstler bedacht. Böhm und Pixis machten auch eine Kunstreise und waren eben in Frankfurt; „denen soll Freund Mayer ein gutes Concert in Aachen vorbereiten", meinte Moscheies, schrieb ihm und empfahl sie dringend. Das Concert in Frankfurt war vorüber, da wurde in Darmstadt Spontini's Olympia gegeben; Moscheies, Pixis und Böhm fuhren hinüber, sie zu hören. „Aber das war eine drollige Aventure! dreimal verloren wir ein Rad unseres Wagens, und da kein anderes Fuhrwerk als ein Leiterwagen aufzutreiben war, wir aber die Oper um keinen Preis versäumen wollten, so bestiegen wir diese elegante Equipage und hielten so unsern feierlichen Einzug in Darmstadt, zugleich mit vielen fürstlichen und anderen Wagen, deren Insassen uns gut bekannt waren. Bei diesem ersten Anhören der Olympia fand ich Vieles grossartig und genialisch, ohne mir die Schwächen mancher Stellen zu verhehlen. Zelter, der sich gern gegen jede modische Unart auflehnte, wie er die meisten Neuerungen nannte, fand, dass er von dieser lärmenden Musik genug auf dem Opern platz höre, er brauche nicht erst hineinzugehen". In München, wo Moscheies sich zunächst hören Hess, hatte er es künstlerisch und häuslich gar gut; häuslich, weil ihn die Familie Kaula höchst liebenswürdig beherbergte; künstlerisch, weil er sich schnell in der bekannten Birnbeck'schen Kneipe, in der die ausgezeichnetsten Musiker zwanglos bei Bier verkehrten, behaglich fühlte. Wer hätte nicht gern mit Winter, dem Componisten des „unterbrochenen Opferfestes", mit den trefflichen Mitgliedern der Kapelle verkehrt, welche dort anzutreffen waren (Molique, Andreas Romberg, Bohrer und Krebs)? Kaum hatte er Zeit gehabt, das Concert, das er geben wollte, einzuleiten, so ward er schon nach Nymphenburg zu einem Kammer- concert befohlen, das zur Feier der Ankunft des hohen Bräutigams, des Prinzen von Preussen, stattfinden sollte. Es verlief sehr glücklich, wie alle bisherigen Abende, nur dass dieser König, der gute König Max, sich ganz besonders leutselig gegen ihn zeigte. „In der Unterhaltung kam sogar die Frage vor: „Wie alt sind sie?" „Dreissig, Majestät". „Wenn Sie noch einmal so viel nehmen und sieben dazu legen, so haben Sie erst mein Alter", sagte der König behend, zog dann den nahestehenden Kronprinzen von Preussen mit in die Unterhaltung und stellte mich ihm aufs liebenswürdigste vor. Dieser bat mich, ihn recht bald in Berlin zu besuchen. Endlich meinte der König, der Genuss des heutigen Abends müsse sich bald wiederholen". Wirklich spielte er am 4. October wieder vor den Majestäten und dem Brautpaar. „Kaum eingetreten, trat der König mit der Frage an mich heran, ob ich mein eigenes Concert nicht verschieben könne? der Hof möchte es besuchen, müsste aber an dem von mir gewählten Abend eine Gala-Soiree beim französischen Gesandten mitmachen. Natürlich überliess ich dem König die Wahl eines Abends, und er bestimmte den 10. October. Die Moscheles' Leben. 6 — 82 — Königin fragte viel nach meinen künftigen Plänen und früheren Reisen und war für Alles herzlich theilnehmend. Aber o! ihr Schoosshündchen! Es^wurde zu wiederholten Malen aus den Salons verbannt, kam aber, auf seine Rechte trotzend, immer wieder zurück und wurde von den Majestäten lächelnd beobachtet, wie es sich, anscheinend der Musik horchend, zu ihren Füssen lagerte. Das hübsche Thierchen muss aber krank gewesen sein; es verging sich ■entsetzlich, nicht nur aller Hofetiquette, sondern auch allen Regeln der Schicklichkeit entgegen. Die Hofdamen .zischelten, lachten hinter den Schnupftüchern, die sie vor die Nase hielten, die Lakaien kamen und gingen, um die Spuren des unerhörten Zwischenfalles zu beseitigen. Der König befahl, den kleinen Verbrecher in den strengsten Gewahrsam zu bringen, aber ungeschehen war die Sache nicht zu machen, — ein Vorfall, wie ihn die Annalen eines Hofzirkels wohl kaum noch einmal aufzuweisen haben". Die Feste der Weinlese, die im Beisein des Hofes begangen wurden, waren Moscheies eine erwünschte Erheiterung nach den Anstrengungen, die seinem glücklich und ehrenvoll absolvirten Concert vorangegangen waren. Doch mischt sich ein Klageton mit hinein; er war leidend und konnte nicht so recht mitgeniessen, was die Tausende auf den umliegenden Hügeln und Wiesen ergötzte. Er konnte noch seine Musik zu dem Ballet: „Die Portraits" hören, das der Balletmeister Florscheit ihm zu Ehren geben liess; dann aber wurde er immer leidender, und eilte seinem lieben alten Wien zu, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen. Vivanot, Malfatti und Smethana thaten Alles, was Freundschaft und ihre Kunst thun konnten, um den kaum "in Wien Angekommenen von grossen Schmerzen zu befreien, sein Bruder kam von Prag - , um ihn zu pflegen, aber trotzdem vergingen drei trübe Wochen, ehe das Uebel gehoben werden konnte, und dann blieb ein Zustand von Schwäche und Unbehagen zurück, der seine Lebensgeister fast noch mehr in Fesseln hielt, als die Krankheit selbst. Er war und blieb melancholisch, ging selten an's Ciavier, fand einigen Trost in der Leetüre seines Shakespeare, - 8 3 - leonnte sich' aber durch die Besuche der theilnehmenden Freunde nicht zerstreuen, oder zum Wiedereintritt in die grosse Welt bereden lassen. Auch Barbaja's Anerbieten, im Kärntnerthor-Theater so viel Concerte, wie er wollte, gegen die Hälfte der Einnahme zu geben, blieb unberücksichtigt. Da kam Weber nach Wien, um seine Euryanthe in Scene zu setzen, und schon nach den Proben hörte man die dissen- tirendsten Stimmen der deutschen und italienischen Partei über das Werk, und bereitete sich für die erste Aufführung auf einen ernsten Kampf vor; ja einige Uebelgesinnte hatten es sich herausgenommen, die „Euryanthe" in „Ennuyante" umzutaufen. Bei dieser ersten Aufführung nun wollte Moscheles zugegen sein, um seine Stimme für den deutschen Meister und gegen das seichte italienische Geklingel zu erheben; so ward die Melancholie überwunden. „Die Oper passt nicht für unkundige Ohren", sagte er, nachdem er sie gehört; „sie ist zu gewagt in Rhythmus und Harmonie; der Text so entsetzlich gesucht, dass die Musik es auch einigermassen sein muss; doch hat sie der Schönheiten viele, und die Romanzen: „Glöcklein im Thale" und „Unter blüh'nden Mandelbäumen", vor Allem aber das Finale des ersten Acts müssen ihr bei dem grossen Publikum diesmal und künftig durchhelfen!" Die Besetzung war untadelhaft. Die reizende jugendliche Sonntag, der herrliche Tenorist Haitzinger, die vortreffliche Grünbaum und der nicht minder brave Sänger Forti waren die Träger der Hauptrollen. Als sich bei späteren Vorstellungen das Haus nicht mehr so recht füllen wollte und die italienische Partei zu jubeln anfing, wusste „Ludlam" (die wackere Kunstbrüderschaft, die wir bereits früher kennen lernten), den richtigen deutschen Geist über die Presse und ihre Kritiken auszugiessen. Diese Gesellschaft war auch ausserdem bemüht, Weber zu ehren, und gab ihm nach der ersten Aufführung der Euryanthe einen solennen Abend. Unter den Anwesenden waren Castelli, Jeitteles, Gyrowetz, Bäuerle, Benedict, Grillparzer und viele Andere. Es wurden Gelegenheits- - 8 4 - gedichte vorgetragen, die Weber jubelnd begrüssten, und die fröhlichsten Ludlamslieder gesungen. Der Erfolg des ersten Concerts, das Moscheies nach seiner Wiederankunft in Wien gab, erhob ihn auf's neue und verscheuchte die Schwermuth, die mit dem noch immer nicht ganz beseitigten Leiden wiedergekehrt war. Er musste sich nun auch entschliessen, einige Besuche zu erwidern, und mit Beethoven wollte er den Anfang machen. Moscheles' Bruder, der noch bei ihm war, brannte vor Begierde, den grossen Mann zu sehen, und so gingen beide miteinander hin. „An der Hausthür angelangt", erzählt Moscheies, „fiel mir's schwer aufs Herz, wie menschenscheu Beethoven sei, und ich bat den Bruder, unten zu warten, während ich erst sondirte. Als ich nun nach kurzer Begrüssung Beethoven fragte: „Darf ich Ihnen meinen Bruder zuführen?" erwiderte er hastig: „Wo ist denn der?" „Unten", war die Antwort. „Was? Unten?" rief er noch hastiger, lief die Treppe hinunter, packte meinen erschrockenen Bruder am Arm und schleppte ihn bis mitten in sein Zimmer hinein, wo er ausrief: „Bin ich denn so barbarisch roh und unzugänglich?" Dann zeigte er grosse Freundlichkeit für meinen Bruder. Leider konnten wir seiner Taubheit halber nur schriftlich mit ihm reden." Auch den armen Salieri, der altersschwach und dem Tode nahe im allgemeinen Krankenhause lag, wünschte Moscheies zu besuchen, und holte sich dazu die nöthige Erlaubniss seiner unverheirätheten Tochter und der Behörden, da man fast Niemanden zu ihm liess, er auch keine Besuche liebte und nur einzelne Ausnahmen machte. „Das Wiedersehen (schreibt Moscheies), war ein trauriges; denn sein Anblick schon entsetzte mich, und er sprach mir in abgebrochenen Sätzen von seinem nahebevorstehenden Tode; zuletzt aber mit den Worten: „Obgleich dies meine letzte Krankheit ist, so kann ich doch auf Treu und Glauben versichern, dass nichts Wahres an dem absurden Gerücht ist; Sie wissen ja, — Mozart, ich soll ihn vergiftet haben. Aber nein, Bosheit, lauter Bosheit, sagen Sie es der Welt, lieber Moscheies; der alte Salieri, der bald stirbt, hat es Ihnen gesagt". Ich war tief erschüttert, und als der Greis nun noch unter Thränen den Dank für meinen Besuch wiederholte, mit dem er mich schon beim Eintreten überhäuft, da war es Zeit, dass ich forteilte, um mich nicht überwältigen zu lassen. "Was das Gerücht betrifft, auf das der Sterbende anspielte, so hatte es allerdings circulirt, ohne dass es mich jemals berührt hätte. Moralisch hatte er ihm freilich durch Intriguen geschadet und ihm dadurch manche Stunde vergiftet." Nachdem Moscheies die Runde bei den Künstlern gemacht hatte, ging er zu den Ciavier-Fabrikanten, _deren Fortschritte er stets aufmerksam beobachtete; er fand, dass Graf und Leschin inzwischen sehr gute Fortschritte gemacht hätten. Im November und December gab Moschelec ein zweites und drittes Concert im Kärntnerthor-Theater, -und zu diesem letzteren hatte ihm Beethoven mit der grössten Bereitwilligkeit seinen Broadwood'schen Flügel geliehen. Moscheies wollte durch den abwechselnden Gebrauch eines Graf sehen und des englischen Instruments in einem und demselben Concert den Unterschied, die guten Eigenschaften beider, in's Licht stellen. Beethoven war aber eben nicht der'Spieler, der einen Flügel schonen konnte; seine unselige Taubheit veranlasste ihn meistens zu einem unbarmherzigen Zerhacken des Claviers, so dass Graf selbst, den für ihn günstigen Ausgang dieses Wettkampfs voraussehend, sich grossmüthig bemühte, das geschädigte englische Instrument für diese Gelegenheit in bessern Stand zu setzen. „Ich versuchte", erzählt Moscheies, „den breiten, vollen, wenn auch etwas dumpfen Ton des Broadwood'schen Flügels in meiner Phantasie zur Geltung zu bringen; aber umsonst, mein Wiener Publikum hielt zu seinem Landsmann, dessen hellklingende Töne gefälliger in's Ohr fielen. Noch ehe ich den Saal verliess, musste ich den dringenden Bitten vieler meiner Hörer nachgeben, indem ich versprach das ganze Concert übermorgen zu wiederholen, was denn auch geschah." — 86 — Die dringenden Aufforderungen, auch im Theater an der Wien Concert zu geben, schlug er standhaft aus; er war immer noch leidend und wollte fort, betheiligte sich jedoch noch an einem Concert zum Besten der Armen und unterstützte den Freund Mayseder an seinem Benefizabend, an welchem er das E-dur-Concert spielte. Aus Dankbarkeit für die frohen Abende, die er unter den Ludlamiten verlebt, componirte Moscheies ihnen, mitten in seinen Reisevorbereitungen, noch einen scherzhaften Chor; die Gesellschaft erhob ihn hierauf zum Ludlams- Kapellmeister, während der kleinere, aber sehr lebenslustige Schlaraffen-Verein ihn am 31. December unter den heitersten Scherzen zu seinem Ehrenmitgliede ernannte. „So traf mich der Jahresschluss (schliesst Moscheies die Aufzeichnungen dieses Jahres) freilich sehr aufgeräumt,, aber mit der Schlafmütze und andern Insignien des Schla- raffenthums angethan. Besser das Jahr auf diese Art zu enden, als ein neues damit zu beginnen". 1824. Am i. Januar schreibt Moscheies in sein Tagebuch: „Der Abschied von den lieben treuen Freunden und Beschützern, den Familien Eskeles, Lewinger und Artaria, wurde mir heute ungemein schwer. Mein Dank war stumm; aber ich weiss, was diese edlen Menschen seit dem Beginn meiner musikalischen Laufbahn für mich gethan haben! Ludlam mit seinen Possen passte kaum in meine Stimmung, doch musste ich natürlich bei dem Abschiedsfest, das sie mir gaben, erscheinen." Am 3. Januar trifft er in Prag ein, kann aber kaum die Freuden des Wiedersehens mit Mutter und Schwestern geniessen, als er ernstlich krank wird und vier Monate lang mit einer Unterleibsentzündung und ihren Folgen zu kämpfen hat. Man hatte ihn für den Winter in Bath, für das Frühjahr in London, als unfähig, seine Engage- ments zu erfüllen, abmelden müssen. Die Zeitungen sagten ihn todt, doch nach Gottes Rathschluss sollte die beste ärztliche Behandlung und die treueste Pflege, wie man sie eben nur im elterlichen Hause haben kann, ihn erhalten. Auch diesmal ist es die Musik, die ihn vollkommen wieder aufrichtet. Von Januar bis April hatte er sich nur durch Leetüre (namentlich des Goethe) zerstreut und den Flügel sehr selten berührt. Im Mai erging die Anfrage an ihn, ob er mit seinem Concert den Redoutensaal in Gegenwart der Majestäten, die soeben von Wien nach Prag gekommen, einweihen wolle? „Ich soll also (sagt er) mein Genesungsfest nicht nur mit dem Herzensdank gegen Gott und die Meinigen, sondern auch äusserlich brillant feiern"; und brillant war das Concert; denn der Oberstburggraf, der Stadthauptmann und die musikalischen Behörden Hessen sich alle Einrichtungen angelegen sein: so entstand eine neue Hof löge, das Haus wurde festlich beleuchtet, Chor und Orchester wurden verstärkt. Am 29. Mai schreibt Moscheies in sein Tagebuch: „Die Freude meiner Mutter an meinem gestrigen Erfolge entschädigt mich für den Winterharm." Am 2. Juni wurde er vom Kaiser in einer Privataudienz empfangen und mit den Worten be- grüsst: „Sie haben mir schon als Knabe gefallen und seitdem macht es mir immer neues Vergnügen, Sie zu hören." Zum peeuniären Erfolg des Concerts hatte übrigens ein ungewöhnlich splendider Beitrag des Kaisers viel beigetragen. Wenige Tage später giebt er wieder Concert, diesmal im ständischen Theater. Dann hat er die Freude, der Unterzeichnung des Heiraths-Contracts seiner Schwester Fanny beizuwohnen und diese, mit der er als kleiner Junge „Ehepaar" spielte, väterlich zu versorgen. Am 11. Juni reist der treue Bruder mit ihm nach Karlsbad, wo er die Kur gebrauchen soll; aber auch ein Flügel folgt ihm dahin, und aus der Badekur wird unwillkürlich wieder eine Kunstreise. Man will ihn hören, er giebt Concert und muss dasselbe an einem der nächsten Abende wiederholen, diesmal auf den ausdrücklichen Wunsch des Herzogs von Cumberland, der Fürstin Thurn und Taxis u. a. Aehnliche Erfolge und das Wiederholen des einmal gegebenen Concerts bleiben auch in Marienbad, Franzensbad und Teplitz nicht aus. An allen diesen Orten giebt er Concerte für die Armen und unterstützt die befreundeten Künstler in den ihrigen. Natürlich war in jedem der Badeorte ein Zusammenfiuss von Künstlern; besonders freut sich Moscheies seines Zusammentreffens mit C. M. von Weber. „Wie schön, dass die Reise von Karlsbad nach Dresden über Prag geht!" schreibt er am 26. August in sein Tagebuch; denn nach Dresden wollte er zunächst und konnte sich nun vierzehn Tage des innigsten Beisammenseins mit der Mutter, Geschwistern und Freunden gönnen. Wie bei jedem Aufenthalt in Prag, so spielt er auch diesmal dem alten Lehrer Dionys AVeber vor und hört mit aller Pietät dessen Bemerkungen über seine Compositionen an, er bleibt ihm gegenüber stets der Schüler, wie sehr auch Dionys Weber in ihm den Meister ehren will. „Eins ist mir merkwürdig", sagt er, „wie der gute Mann, der Beethoven zuerst als einen halb Tollen betrachtete und mich vor ihm warnte, allmälig umsatteln muss; aber er thut es" vorsichtig, denn es giebt gar Manches, was er noch heute nicht gut heissen will, und um ihn nicht zu verletzen, muss ich meinen Enthusiasmus ihm gegenüber sehr massigen." Aus diesen Worten spricht eine Ehrerbietung, die keines Commentars bedarf. Folgen wir Moscheies nunmehr nach Dresden. Der Bruder ist ihm noch immer zur Seite. Hülfbereit und selbstlos geht er ihm zur Hand, ohne sich in das bunte Künstlerleben zu mischen. In seiner grossen Bescheidenheit verehrt er den Künstler so sehr, ist so stolz auf ihn, dass er seinen eigenen vortrefflichen Eigenschaften nie Rechnung tragen will und gern still und unbeachtet zurückbleibt, während Moscheies ihn überall hervorzuziehen sucht. In Dresden waren damals Carl Maria von Weber und Morlacchi die Hof kapellmeister, Rolla Vorgeiger der vortrefflichen Hofkapelle; Herr v. Lüttichau war soeben In- tendant geworden, während Herr v. Könneritz diesen Posten niedergelegt hatte, um sich als Gesandter nach Spanien zu begeben. Wir hören nun von den vortrefflichen geistlichen Concerten in der katholischen Kirche unter Weber's gediegener Leitung, von den erlesenen Gesangskräften der Dresdener Oper (Sassaroli, Tibaldi u. s. w.), von Tieck, den Moscheies mit Bewunderung den Clavigo lesen hört, von August Kiengel, dessen kanonische Etüden er als Meisterwerke preist und mit dem er manchen genussreichen Abend verbringt. Weber und seine liebenswürdige Gattin laden ihn zu sich nach Hosterwitz (unweit Dresden), wo natürlich gleichfalls viel musicirt wird. Auch der Dichter des Freischütz, Friedrich Kind, ist dort, und eingehend wird Webers Absicht, einem Rufe nach London zu folgen, besprochen. „Natürlich konnte ich ihm Auskunft und Anweisung über die dort üblichen und notwendigen Maassregeln geben. Ungern aber sah ich ihn etwas schwächlich und leidend und fürchte die Anstrengung, die ihn London kosten wird." Leider sollte diese Befürchtung eintreffen, wie wir später (1826) sehen Averden. Schon in den ersten Tagen dieser Dresdener Wochen erhielt Moscheies die Einladung, in Pillnitz zu spielen, und zwar wieder bei Tafel! Es speisten an dieser öffentlichen Tafel ausser den Majestäten Prinz Friedrich mit seiner österreichischen, Prinz Johann mit seiner bayerischen Gemahlin, die Prinzessinnen Amalie und Auguste, Grossfürst Constantin und sein Gesandter, Herr v. Reitzenstein u. A. Moscheies spielte das E-dur-Concert und Clair de lune. Nach überstandener Oeffentlichkeit hatten die Künstler ein gemüthliches Diner, später wurde ihm eine goldene Dose, auf welcher der Königstein in Emaille abgebildet war, und ein Thaler überreicht. Ein verjährter Gebrauch hiess es, die Künstler sollten ihre Handschuhe dafür kaufen. „Passt zum Vandalismus des Tafel-Concerts! dachte ich." Schon am 8. October sass er mit seinem Bruder im — go — Reisewagen. Langsam, aber behaglich fuhren die Beiden nach Leipzig. Ehe wir sie aber in das Stadtthor einziehen lassen, machen wir ein wenig Halt und bleiben vor dem Zukunftsbilde stehn, das sich unsern Blicken entrollt. Moscheies ging damals einer neuen Phase seiner künstlerischen Entwich elung entgegen. Zum l'heil wohl in Folge der Anregungen, die ihm in Leipzig wurden, streifte er mehr und mehr das Virtuosenthum ab, in welchem er damals noch befangen war. Schon bei seinem nächsten Besuch in Leipzig (1826) tritt diese Richtung deutlich hervor. Später zu immer grösserer Ruhe und Gediegenheit im Spiel herangereift, werden wir ihn im Verlauf dieser Blätter noch oft als Gast in Leipzig antreffen, sich an dem Urtheil der dortigen, von ihm so hochgeschätzten Hörer und Richter erfreuend und fortbildend. Endlich sehen wir ihn auf Antrag seines geliebten Freundes Mendelssohn seine glänzende Stellung in London verlassen (1846), um vereint mit dem jungen Meister, dessen neue Schöpfung, das Leipziger Conser- vatorium, durch seine Erfahrungen im Lehrfach zu fördern. AlsMendelssohnjhm schon ein Jahr später durch den Tod entrissen ward, arbeitete er, durch diesen schweren Verlust gebeugt, aber nicht entmuthigt, weiter an dieser musikalischen Pflanzschule, arbeitete vier und zwanzig Jahre lang unermüdlich, bis er seinem früh dahingerafften Freunde nachfolgte. Kommen wir nun wieder auf das Jahr 1824 zurück. Moscheies kehrte im „Birnbaum" (jetzt Hotel de Pologne- genannt) ein, dessen musikalischer Besitzer, Herr Busch,, den Künstler mit aufrichtiger Freude aufnahm. Gleiclx der erste Tag wurde gehörig benutzt, wie das Tagebuch berichtet: „Zum Musikhändler Peters, mit ihm zu den Spitzen der Concertbehörde, Hofrath Küstner, Prof. Wendt und Baumeister Limburger. Diese Herren, sowie der Domkapellmeister Weinlich äusserst zuvorkommend. Abends mit Allen im Abonnement-Concert zusammengetroffen. Musikdirector Schulz dirigirt, Matthäi bewährt sich als tüchtiger Concertmeister, Dlle Veitheim singt Mozart'sche Arien und spielt Ciavierquartett von Kuhlau" u. s. w. — QI — Das Haus des Musikverlegers Kistner wird ihm bald ein ■ angenehmes Daheim, während er bei den Banquiers Seyfferth, Küstner und Reichenbach schöne Feste mitmacht. „Wie gern (sagt er) musicire ich bei Matthai und bei der ausgezeichneten Mme. Weitte, deren Gesang mich entzückt." Ein andermal erzählt das Tagebuch: „Bei Wieck spielte ich auf seinem Stein'schen Flügel und verzehrte mit ihm und den Seinigen Erdäpfel." Unter diesen „Seinigen" muss auch die kleine Clara gewesen sein, ohne dass er damals ahnte, welche innige Freude ihm die berühmte Clara Schumann wiederholt machen und wie ihn ihr Vortrag seines eigenen G-rholl-Concerts im Gewandhaus einst entzücken würde. „Es giebt keine bessere Auffassung und Ausführung des Werks", pflegte er später zu sagen, „ich selbst könnte es mir nicht mehr zu Dank spielen; es ist ganz so, als hätte sie es componirt." Später sagt das Tagebuch: „Ich habe in der berühmten Handelsstadt Leipzig auch Geschäfte gemacht, Probst hat meine Op. 62 und 63 für 35 :J£ gekauft (für das G-moll- Concert hatte er von Mechetti 40 $ bekommen), Hofmeister, Härtel und Peters sind auch freundschaftlich entgegenkommend , letzterer hilft mir bei meinen Concert-Arrangements. Peters führte ihn auch in die Harmonie in Classig's Caffeehaus und in die Liedertafel ein. "Von dieser sagt er: „Ihre Leistungen sind vortrefflich, es ist auch ein echt musikalischer Kreis dort." Dieser bestand aus den Hof- räthen Wendt und Keil, Rochlitz, dessen Kunsturtheil jeder echte Künstler sich gern unterwarf; den vortrefflichen Schauspielern Devrient und Genast und anderen Männern, deren Namen einen guten Klang haben. „Vor diesem Kreis musicire ich immer mit Lust und Liebe," sagt er, und Bernhard Romberg, so eben nach Leipzig gekommen, stimmte ihm darin bei. Ueber das Theater, das unter der Leitung des Hof- raths Küstner stand, ist Moscheies oft entzückt. Er sah dort Aufführungen Schiller'scher und Shakespeare'scher Stücke „in grosser Vollendung". Die Wranitzky-Seidler, deren erstem Auftreten er in Wien beigewohnt hatte, be- — 02 — wunderte er als Jessonda, Fanchon und Myrrha, Köckert „ganz besonders" im Spohr'schen Faust. Der Schauspieler Stein befreundet sich mit ihm und führt ihn beim Leg.- Rath Gerhard in einen heiteren interessanten Kreis ein, wo er einer reizenden Aufführung unter der Leitung des genialen Hausherrn beiwohnt. Ueber sein eigenes Con- cert bemerkt er: „Merkwürdig, dass ich es gerade in Leipzig am 18. October gab. "Wie es scheint, habe ich auch meine Schlacht gewonnen, denn gleich im Saal bestürmten mich die Herren Directoren, ein zweites zu geben. Ich bin aber noch nicht entschlossen." Das Tageblatt bringt ihm am frühen Morgen dieselbe Aufforderung; das bestimmt ihn, es am 23. zu thun; der Erfolg ist der gleiche, wie das erste Mal. Die Zeiten, in denen man die Künstler noch bestürmte, Concerte zugeben, sind freilich vorüber. Auf den Wunsch Friedrich Schneider's machte er einen Abstecher nach Dessau, spielte vor dem herzoglichen Paar und gab ein eigenes Concert, beides höchst erfolgreich. Hier lernte er auch Schneider's neueste Arbeit „Das verlorene Paradies" kennen. Am 31. October kamen Moscheies und sein Bruder in Berlin an. In den Notizen über diesen Aufenthalt ist eine gewisse Hast nicht zu verkennen. Es ist, als schöbe Moscheies Alles Uebrige als unwichtig beLSeite, um nur immer von seinen Beziehungen zur Familie Mendelssohn zu sprechen. Es ist ganz nebenbei erwähnt, dass Moscheies drei brillante Concerte gab, für die Ueberschwemmten, für Blinde und andere wohlthätige Zwecke, auch für befreundete Künstler spielte, und nur obenhin wird erzählt, dass die haute linance, die Dichter, die hochgestelltesten Staatsmänner ihm ehrenvoll entgegenkommen. Der Spontini'- schen Opern mit ihrer brillanten Ausstattung, der vortrefflichen Sänger Bader, Blum, Frau Milder-Hauptmann und Frau Seidler-Wranitzky, ja sogar der reizenden Schauspielerin Frl. Bauer wird nur flüchtig gedacht, und das grösste politische Ereigniss, die Heirath des Königs mit der Fürstin Liegnitz, vermag ihn nicht aufzuregen: — 93 — aber Seiten voll schreibt er über das Mendelssohn'sche Haus und seine Familienglieder. Lassen wir ihn selbst gleich nach dem ersten Eintritt in dasselbe reden. „Das ist eine Familie wie ich noch keine gekannt habe; der fünfzehnjährige Felix, eine Erscheinung, wie es keine mehr giebt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Mendelssohn ist schon ein reifer Künstler und dabei erst fünfzehn Jahre alt! Wir blieben gleich mehrere Stunden beieinander, ich musste viel spielen, wo ich eigentlich hören und Compositionen sehen wollte, denn Felix hatte mir ein Concert in C-moll, ein Doppelconcert und mehre Motetten zu zeigen und Alles war genialisch und dabei wie correct und gediegen! Seine ältere Schwester Fanny, auch unendlich begabt, spielte Fugen und Passacaillen von Bach auswendig mit bewundernswerther Genauigkeit; ich glaube, sie ist mit Recht „ein guter Musiker" zu nennen. Beide Eltern machen den Eindruck von Menschen, die den höchsten Grad von Bildung haben; denn sie sind weit entfernt, auf ihre Kinder stolz zu sein; sie machen sich Sorge wegen Felix' Zukunft, ob er wohl ausreichende Begabung habe, um Tüchtiges, wahrhaft Grosses zu leisten? ob er nicht, wie so viele talentvolle Kinder, plötzlich wieder untergehen werde? Ich konnte ihnen nicht genug betheuern wie ich, von seiner dereinstigen Meisterschaft überzeugt, nicht den mindesten Zweifel in sein Genie setze; doch musste ich das oft wiederholen, ehe sie es mir glaubten. Das sind also keine gewöhnlichen Wunderkinds-Eltern, wie sie mir so häufig vorkommen." Das Gefallen war aber gegenseitig, und je öfter Moscheies zu Mittag oder Abends zu Mendelssohn's kam, desto mehr erfreute er sie, desto herzlicher nahmen sie ihn auf. Die Eltern hatten ihn wiederholt um einige Lectionen für Felix gebeten, er aber hatte stets in bescheidenster Weise ausweichend geantwortet. In's Tagebuch schrieb er: „Der hat keine Lectionen nöthig; will er mir etwas abmerken, was ihm neu ist, so kann er's leicht." — 94 — Da schrieb ihm die Mutter am 18. Nov. 1824: „„Haben Sie auch gütigst unserer Bitte um Lehrstunden gedacht? Sie würden uns höchlich dadurch verbinden, wenn es anders geschehen kann, ohne Ihren Plan für den hiesigen Aufenthalt dadurch zu stören. Halten Sie diese wiederholten Anfragen nicht für unbescheiden und schreiben Sie sie lediglich dem Wunsche zu, mein Kind die Anwesenheit des prince des pianistes benutzen zu lassen."" Auch hiernach scheint Moscheies sich noch zu keinem Ja entschlossen, sondern nur von „zuweilen spielen" gesprochen zu haben; denn am 22. Nov. finden wir wieder folgendes Billet: „„Darf ich meine Bitte um Lehrstunden für meine ältesten zwei Kinder erneuen, werther Herr Moscheies, so sagen Sie mir» wohl gefälligst Ihren Preis, und wir fangen recht bald an, um von der Dauer Ihres Aufenthalts für Ihre Schüler so viel Nutzen als möglich zu ziehen."" Moscheies muss diese Zeilen mündlichbeantwortethaben; denn am 22. Nov. schreibt er in's Tagebuch: „Heute Nachmittag von zwei bis drei Uhr gab ich dem Felix Mendelssohn seine erste Lection, verkannte es aber keinen Augenblick, dass ich neben einem Meister, nicht neben einem Schüler sass. Ich bin stolz darauf, dass seine ausgezeichneten Eltern mir nach kurzer Bekanntschaft diesen Sohn anvertrauen, und glücklich, ihm einige Winke geben zu dürfen, die er mit der ihm eigenen Genialität auffasst und verarbeitet." Sechs Tage später heisst es: „Felix Mendels- sohn's Lectionen wiederholen sich von zwei zu zwei Tagen, für mich immer mit steigendem Interesse; er hat nun schon meine Allegri di Bravura, meine Concerte u. a. Sachen bei mir gespielt, und wie gespielt! Er erräth meine kaum angedeutete Auffassung." Immer enger schliesst sich Moscheies nun an die Familie an; er rühmt den Geist, der in diesem Hause herrscht, „hört so gern dem gediegenen Vater zu, wenn er bei Tische über Kunst spricht" und wohnt vielen ihrer musikalischen Morgen- oder Abendunterhaltungen bei, deren Programme er sorgfältig verzeichnet. Z. B. „23. November: Singakademie, Psalm von Nau- — 95 — mann, dann bei Mendelssohns. Die Geschwister spielten Bach. 26. Nov.: Mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy bei seinem Bruder. 28. Nov. (Sonntag): Morgenmusik bei Mendelssohns, C-moll-Quartett von Felix, D-dur-Symphonie, Concert von Bach, Fanny, Duett D-moll für zwei Claviere von Arnold. 30. Nov.: Bei Frau Varnhagen mit Felix. Höchst interessant." Frau Varnhagen war die berühmte Rahel, von deren weiblicher Liebenswürdigkeit und männlichem Verstand schon so viel und doch nie genug' gesprochen und geschrieben worden ist. Wo sie erschien, da scharte sich Alles um sie; Künstler. Gelehrte oder Staatsmänner, sie hatte für Jeden ein gutes treffendes Wort oder ein williges Ohr, nie merkte man ihr die berühmte Frau an; denn stets wusste sie mit unendlicher Herzensgüte die weniger Begabten hervorzuziehen. Ein Genie, wie Felix Mendelssohn war ihr in's Herz gewachsen, aber auch Moscheies wusste sie in jeder Weise auszuzeichnen, da sie die Musik unendlich liebte. „3. Dec. 12 Uhr: Musik bei Zelter. Fanny spielte D-moll-Concert von S. Bach, welches ich im Manuscript sah. Fünfstimmige Messe von Bach. 5. Dec. accompagnirte Felix bei Geh. Rath Crelle Mozart's Requiem zur Feier seines Todestages im Beisein von Zelter u. A. 11. Dec: Geburtstagsfeier bei Mendelssohn's, durch ein allerliebstes Haustheater verherrlicht. Felix zeichnete sich eben so sehr darin aus wie E. Devrient. 12. Dec: Sonntagsmusik bei Mendelssohn's. Felix' F-moll-Quartett; mit ihm mein Duett in G für zwei Piano- forte. Der kleine Schilling spielte Trio von Hummel in G." Auch Zelter, bekanntlich der Lehrer von Felix und seiner Schwester, fehlte nie bei diesen Morgenmusiken; er war nicht wenig stolz auf seine Schüler, wenn auch im Aeusseren barsch und abwehrend. Er gab Moscheies ein hübsches Souper, wobei dieser besonders bemerkt: „Die - 9 6 - musikalischen Gespräche mit Zelter, der so viel mit Goethe über Teltower Rübchen und andere bessere Dinge corre- spondirte, waren mir höchst interessant." 13. Dec: „Dem Felix sein Stammbuch zurückgegeben, in welches ich gestern das Impromptu Op. 77 Allegro. A * _ •*■ _ t --- ä*_£fc_t^ -----------iff-f&tzri--- ^r- f schrieb. Er spielte es vortrefflich vom Blatt." Am 15. Dec. nahm Moscheies mit Widerstreben Abschied von Berlin, und von dem ihm so liebgewordenen Mendelssohn'schen Hause. Er reiste mitT Frl. Bauer und deren Mutter und mit seinem Bruder nach Potsdam, um seinem Versprechen gemäss Abends in Blume's Concert in Gegenwart des Hofes mitzuwirken. Der 17. Dec. war ein trauriger Tag: Moscheies musste sich von seinem Bruder trennen. Dieser begab sich nach Leipzig, Moscheies mit der Schnellpost nach Magdeburg. „Der gute Bruder!" ruft ihm Moscheies nach, „er hat mich durch seine Hingebung verwöhnt!" Das Concert in Magdeburg am 20. Dec. musste am 23. auf Wunsch des Gouverneurs (General Haack) wiederholt werden; dann berührte er Braunschweig im Fluge, um ein Concert zu geben, und brachte den letzten Tag des Jahres in stiller Zurückgezogenheit in Hannover zu. 1825. Die Stadt Hannover gewährte damals dem Fremden wenig Zerstreuung, und Moscheles scheint sie auch nicht angeheimelt zu haben, obwohl ihn der Regent, der musikliebende Herzog von Cambridge, unter seine Protection nahm, was die gewöhnlichen Nachahmer unter den Platen's, Kielmannsegge's und Anderen, sowie zwei höchst gelungene Concerte zur Folge hatte. Die einzige Bekanntschaft, die einen bleibenden Ein- — 97 — fluss auf seine Zukunft üben sollte, war die des Banquier- hauses Jaques, da er durch den Chef desselben an seinen ältesten, in Hamburg etablirten Sohn und an dessen Schwiegervater, Herrn Adolf Embden empfohlen wurde (den Vater seiner zukünftigen Frau). Doch darauf kommen wir gleich zurück. Das nächste Concert fand in Celle statt, und am 16. Januar erreichte er Hamburg. Das Tagebuch nennt uns zuerst die Musiker, die er kennen lernte: den liebenswürdigen alten Ciasing, den tüchtigen Wilhelm Grund, die Geiger Lindenau und Rudersdorf, ferner Lehmann, einen Miniaturmaler von Fach, aber vortrefflichen Dilettanten auf der Geige, und Andere mehr. Unter den jüngeren Kräften interessirte ihn besonders die kleine Louise David (nachherige Frau Dulcken), die trotz ihres zarten Alters seine Alexander-Variationen schon sehr brav spielte. Unter seiner grossen Hörerschaar im Apollosaal war auch seine künftige Frau, Charlotte Embden. Sie, die selbst etwas Ciavier spielte, hing wie verzaubert an diesen Wunderfingern; er bemerkte das junge Mädchen nicht, doch wurden sie schon in den nächsten Tagen bekannt, waren am 2. Februar Bräutigam -und Braut, am 1. März vermählt. An diesem Tage findet sich folgende Notiz im Tagebuch: „Mein Ehrentag. In der glückseligsten reinsten Stimmung, mit Dank erfüllt gegen den Schöpfer, weihte ich mich an diesem Tage der feierlichen Verbindung, die ich heute vor Gott zu bekräftigen im Sinn habe." Alle anderen dem Tagebuch anvertrauten Herzens- Ergiessungen aus Brautstand und Flitterwochen hier anzuführen, möge uns der Leser erlassen. Im Entstehen glich diese Jugendliebe jeder anderen; — ein lockeres,, leicht zu lösendes Band; bald aber mischte sich gegenseitige Achtung hinein, um es fester zu schürzen, erhöht durch das Gefühl der aufrichtigsten Dankbarkeit. Die Frau fühlte sich gehoben durch die Stellung, die er ihr gab, er dankte ihr manche Hülfeleistung, die, wenn auch noch so gering, ihm doch seine täglichen materiellen Ob- Moscheles* Leben. 7 - 9 8 - liegenheiten erleichterte, sodass er ungestörter seinem Künstlerberufe nachleben konnte. Während einer 45jährigen Ehe der Liebe und Treue hatte sich das Gefühl gegenseitiger Unentbehrlichkeit so mächtig entwickelt, dass dies Band nur gewaltsam durch den Schwertstreich des Todes zu trennen war! Moscheies war der treueste biederste Gatte und gründete dadurch das Glück seiner Familie. Briefe und Gasse wollte er von vornherein als Gemeingut betrachtet haben. Durch dies Verfahren legte er stillschweigend der jungen Frau die Verpflichtung auf, nur vernünftige, für ihn geniessbare Correspondenzen zu führen und •ermuthigte sie durch sein Zutrauen zur weisen Verwaltung des gemeinschaftlichen Ehegutes. Sein nie rastendes künstlerisches Streben behütete ihn vor der Frivolität kleiner Eifersüchteleien und vor dem Tändeln mit Frauenherzen; er hatte an dem einen, das ihm in unwandelbarer Liebe anhing, sein Genüge. Auch die beiderseitigen Angehörigen des jungen Paares freuten sich des schönen Bundes. Moscheies' Bruder, der .zur Hochzeit nach Hamburg gekommen und dort herzlich aufgenommen worden war, fühlte sich sofort in der Familie heimisch, wie Moscheies umgekehrt die Geschwister Theodor und Emilie Jaques schon ganz als die seinigen betrachtete — ein Zusammenstimmen beider Familien, das sich seitdem ungestört erhalten hat. Möge der Leser selbst urtheilen, ob der weitere Verlauf dieser Skizze, ob die Auszüge aus den Tagebüchern und Familienbriefen, die man 45 Jahre hindurch regelmässig von 8 zu 8 Tagen ■wechselte, das Obige bewahrheiten, und ob Moscheies mit Recht behaupten durfte: „Wir handeln gewöhnlich unisono, kommt ja einmal eine Abweichung, so ist es eine durchgehende Note, die bald ihre Auflösung findet." Moscheies gab zwei eigene Concerte in Hamburg, im Apollosaal,. spielte drei Mal im Theater, dann in Lüneburg und Altona; hierauf wieder im Apollosaal zum Besten der Ueberschwemmten der Umgegend, in der Freimaurerloge, für verschiedene Künstler und endlich zum Beschluss in — 99 — Rudersdorfs Concert. Bei dieser Gelegenheit wurde „Der Abschied der Troubadours" mit einem der Gelegenheit an- gepassten Text vom Improvisator Prof. Wolff aus Jena gegeben. Das Alles drängte sich nebst Verlobung und Hochzeit in kurze 6 Wochen zusammen. Am 7. März sagt das Tagebuch: „Es war ein schwerer Moment, als ich gestern bei unserer Abreise meine Charlotte dem geliebten Kreise entriss. Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr die Geschichte von meinem alten Onkel, der mich durchaus zum Kaufmann, nicht zum Musikanten, machen wollte, damit ich die Chance hätte, eine Hamburgische Kaufmannstochter zu heirathen." In Bremen gab Moscheies Concert, dann in Aachen, dann ging es nach Paris, wo die Ehepaare Valentin und Leo, seine früheren Freunde, jetzt als Tanten und Onkel der Frau, den jungen Leuten den wärmsten Empfang bereiteten. „Wir sind wie Kinder des Hauses, sogar wie verhätschelte Kinder", schreibt Moscheies am 14. März. Die junge Frau, die ausser Berlin noch nichts von der Welt gesehen hatte, sollte mit den Tanten in alle Theater gehen. Rasch durchlief man nun alle Sehenswürdigkeiten der Weltstadt, bei denen Moscheies bereits den erfahrenen Cicerone machen konnte. Das Haus der Tante Valentin ward viel vom Maler Gerard, ihrem Lehrer, sowie von Benjamin Constant, Alexander Humboldt, Meyerbeer und seinem Bruder Michael, Hummel, F. Mendelssohn und dessen Vater (die sich damals vorübergehend in Paris aufhielten) und anderen interessanten Männern besucht. „Meine Frau", schreibt Moscheies an den Vater, „meinte vor unserer Ankunft in Paris, sie werde sich unbeholfen, wie das wirkliche „Lottchen am Hofe" benehmen; aber im Gegentheil, sie ist überall ganz zu Hause; die Tanten wundern sich, dass ihr Paris nicht mehr imponirt, d. h. die Boulevards, Kaufläden u. s. w. Wie sehr die Berühmtheiten es thun, bewies sie durch das Album, das sie mir heute schenkte, in das sie alle fremden und einheimischen Grössen der musikalischen Welt hatte schreiben lassen, — IOO — Rhode, Kreutzer, Lafont, Cherubini, Auber, Onslow, Paer, Adam, Catel, Peter Pixis und Andere.*) Am 28. März schloss Moscheies einen Vertrag mit der Academie royale de musique ab, demzufolge er sich verpflichtete, im letzten Concert spirituel zu spielen, wofür ihm die Anwartschaft auf die Salle des Italiens nebst Entr'- acte für seinen nächsten Pariser Aufenthalt zugesichert ward. Doch es blieb ihm diesmal keine Zeit, diesen Vor- theil zu benutzen. Er eilte nach London, wo er längst erwartet wurde. *) Dies Album wurde während 45 Jahren bei jeder Gelegenheit — und es gab deren viele — bereichert, und enthält jetzt höchst werthvolle Skizzen von Musikern nicht nur, sondern auch von Dichtern, Malern uud fürstlichen Personen. Es ging auf den einzigen Sohn über, der als Maler in London lebt. FUENFTER ABSCHNITT. LONDON. 1825—1835. 1825. Anfang Mai traf Moscheies mit seiner Gemahlin in London ein. Man kam ihm gleich mit Engagements nicht nur für London selbst, sondern auch für Bath, Bristol u. s. w. entgegen, sodass es viel Unterhandlungen gab; dazu kamen die Schülerinnen, alte und neue. „Meine Frau wird von allen meinen Freunden aufgesucht", schreibt er, „und mit der herzlichsten Zuvorkommenheit aufgenommen, ohne auf unsern Besuch zu warten; und ich scheine mit einer jungen Frau doppelt willkommen zu sein. Meine Freunde, die meine Berufsthätigkeit kennen, wetteifern miteinander in Artigkeiten gegen sie. Das ist doch nicht die Abgemessenheit der als steif verschrieenen Insulaner?" Seine Concertthätigkeit begann sofort; die Zeitungen wollten nicht aufhören, sich über Moscheies' Rückkehr nach England zu freuen, und ihre Lobpreisungen ergossen sich mit auf die nicht wenig darüber betretene junge Frau. Der Monat Mai bringt Concerte der Philharmonischen Gesellschaft, der Royal Academy u. s. w. und schliesst mit einem der „berüchtigt vollen" Concerte Mori's, bei welchem auch Moscheies mitwirkt. Von diesem Mori, einem gewandten Geiger, der häufig als Vorgeiger der grossen Provinzial-Musikfeste fungirte, auch Musikverleger war, hiess es, dass er stets mehr Billette verkaufe, als der Saal fassen könne, und wirklich schlug man sich an den Thüren um die Sitze, was arge Zeitungsartikel hervorrief; dennoch war Mori eine englische Berühmtheit, und seine Concerte, die Alles boten, was London nur musikalisch — 104 — Berühmtes aufzuweisen hatte, liefen allen übrigen in Bezug - auf Zulauf den Rang ab. Am i. Juni finden wir die interessante Notiz: „Pierre Erard zeigt und erklärt uns in seiner Fabrik an einer stummen Tastatur die vervollständigte Erfindung seines Onkels Sebastian, für welche das Haus soeben ein Patent genommen hat. Ich musste den ersten nach dieser neuesten Neuerung erbauten Flügel spielen, und da auf einem solchen Instrumente die, nur zur Hälfte ihrer Tiefe gesunkene Taste schon wieder anschlägt, so fand ich die Erfindung, deren Entstehen ich schon in Paris sah, von unschätzbarem Werth für die repetirenden Noten. Im Klang blieb mir noch Fülle und Weichheit zu wünschen übrig, worüber ich mich lange mit Erard besprach." Noch immer drängen sich Opern und Concerte in diese Junitage hinein; einem philharmonischen Concerte, in welchem Moscheies neue Lorbern erntet, folgt sein eigenes, in welchem ihm diese durch Guineen und durch die Lobpreisungen der Presse vergoldet werden. Die junge Frau beschreibt den Ihrigen alle diese Triumphe; doch sind diese Briefe in zu glühende Farben getaucht, um hier mit- getheilt werden zu können; nur den einen, der sie selbst als Novize in den ihr unbekannten Concertangelegenheiten hinstellt, wollen wir ausziehen: „Die Concertbillete werden numerirt, und das ist mein Geschäft. Mir kam es überflüssig vor, doch wurde ich bald eines Besseren belehrt. Eine feingekleidete Dame kam zu mir, bat sich drei Karten zu einer halben Guinee aus und steckte sie ein. Anstatt aber nun zu bezahlen, meinte sie, ihr Mann sei Arzt, hier sei seine Karte; nie wisse er vorher, ob es ihm möglich sein werde, in's Concert zu gehen. Am Tage nach dem Concert werde sie entweder die drei Billets oder das Geld schicken. Ich Neuling war damit einverstanden, mein Mann aber, als er nach Hause kam, lachte und behauptete, ich hätte mich anführen lassen. Er ging zu dem betreffenden Arzt. Dieser lachte auch. „Meine Karte ist das freilich", sagte er, „aber die kann irgend Jemand unter den vielen Menschen, welche mich besuchen, hier vom Tische weggenommen — 105 - haben: auch bin ich nicht so glücklich, eine Frau zu besitzen." So hatte Moscheies Recht, ich war angeführt. Nun aber schrieb er die bewussten Nummern übergross auf weisses Papier und gab sie dem am Concertabend an der Casse postirten Billeteinnehmer. Richtig kamen drei Damen, die auf Grund dieser Nummern eingelassen sein wollten. Sie wurden angehalten, und es hiess: „Zahlen oder nicht in den Saal gelassen werden!" Sie protestirten: Geld hätten sie nicht bei sich, sie würden es morgen schicken. Der Billeteur rief Moscheies hinzu, und da die Damen ein sehr zweifelhaftes Ansehen hatten, das vollkommen zu ihrer Lügenhaftigkeit passte, so mussten sie Kehrt machen. Es ist also doch nützlich, Concertbillete zu numeriren." Als dies Concert glücklich vorüber war, fing Mosche- les an aufzuathmen. Auch die Masse der Schülerinnen nahm mit Anfang Juli ab, und nun blieb ihm mehr Zeit für die Composition seiner Etüden, die sich trotz aller Beschäftigung gewaltsam an's Licht der Welt drängten. Auf den Gängen von einer Lection zur andern pflegte er sich die Themen auf irgend einen Brief, den er eben in der Tasche trug, oder sonstigen Papierstückchen aufzuschreiben. Abends wurden sie ausgearbeitet, und darüber alle Abspannung und Ermüdung vergessen. Seine Frau musste sie stellenweise probiren und am nächsten Tage während seiner Abwesenheit einüben. Zuweilen waren die spätesten Abendstunden ausserdem noch durch junge Talente in Anspruch genommen, die ihm vorspielten oder Compositionen zeigten. So legte ihm damals der junge, jetzt berühmte Sir Michael Costa seine Canzonetten vor, und andere mehr. Das junge Paar führte damals noch ein sehr bescheidenes Haus; doch auch in dieser Beschränktheit übten sie schon im Kleinen die Gastfreundschaft, die später in grösserem Maassstabe von so manchem Deutschen ein Trost in dem grossen London genannt wurde. Das Stundengeben führte neben seinen klingenden Ergebnissen auch manche Misslichkeiten mit sich. So notirt er: „Ich brachte versprochenermaassen der Miss — io6 — Ramsden eine Liste der ihr gegebenen Lectionen mit." „Ich will sie meinem Vater zeigen", sagte sie und verliess das Zimmer. Gleich darauf brachte mir ein Lakai £ 16 mit dem Verlangen, ich möge quittiren; die Schülerin, den Vater, Niemanden sah ich, sondern ward auf diese Weise vom Lakaien verabschiedet! Unerhört in Deutschland!" Ihre Sonntage brachten sie gewöhnlich bei Clementi's in Elstree unweit London zu, wo man stets ein Zimmer für sie in Bereitschaft hielt. „Clementi ist einer der rüstigsten Siebenziger, die man sehen kann, schon in aller Frühe beobachten wir ihn von unserm Fenster aus, wie er trotz des Morgenthaues, den Kahlkopf unbedeckt, im Garten umherläuft. Ueberhaupt lässt ihn seine Lebendigkeit nie ruhen. Bei Tische ist er unermüdlich im Plaudern und Scherzen; er kann aber auch heftig werden; es ist eben eine heissblütige italienische Natur. Zum Spielen ist er selten mehr zu bringen. Er behauptet, er habe von einem Fall aus dem Schlitten in Russland eine steife Hand zurückbehalten; es giebt Leute, welche meinen, er wolle nicht mehr spielen, weil die Bravour inzwischen so grosse für ihn unerreichbare Fortschritte gemacht hätte. Den grössten Contrast zu ihm bildet seine Frau (es ist seine zweite Frau), sie ist Engländerin und eben so gemessen ruhig, wie er sprudelnd lebendig." Clementi war damals mit den Gebrüdern Collard Besitzer einer schwunghaft betriebenen Pianofortefabrik. Moscheies rühmt den Instrumenten dieser Fabrik einen leichteren Anschlag nach, als den Broadwood's, weshalb er sie vorzugsweise zu seinen öffentlichen Produetionen gebrauchte; auch ihren Klang fand er heller, während Broadwood bei etwas dumpfem Klang und schwerer Auslösung mehr Fülle des Tons erzielte. William Collard, den jüngeren Bruder, nennt er „einen der geistreichsten Männer, die ihm vorgekommen". Dieser wurde der intime Freund und Rathgeber des jungen Paares; auch er fand sich regelmässig in Elstree ein. Wenn die Freunde beisammen waren, pflegte Clementi zu sagen: „Moscheies play me something." Dann wählte dieser irgend eine Sonate seines Wirthes, der während des Spiels — 107 — mit vergnügtem Lächeln, die Hände auf dem Rücken,, seine kleine untersetzte Gestalt hin und her bewegte, oft Bravo dazwischen rief und Moscheies, sobald er geendet hatte, freundlich auf die Schulter klopfte und ihn mit neuen Bravo's überschüttete. Endlich ist „die Saison durchgekämpft"; sie können London verlassen und sich die Ruhe gut schmecken lassen. Sie folgen zunächst einer Einladung der Familie Fleming nach Stoneham Park (Southampton). Die Frau des Hauses war eine Schülerin von Moscheies. Beide Gatten, bei allem Reichthum und Luxus, einfache und gemüthliche Leute, waren eifrig bemüht, ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Im persönlichen Umgang gelang ihnen dies auch vollkommen; aber das high life sagte Moscheies und seiner Frau nicht immer zu. „Wir können den wunderbar schönen Park nicht so recht geniessen, weil wir erst tief in der Nacht zwischen i und 2 Uhr zur Ruhe kommen, daher die Morgenstunden verschlafen und kaum vor n Uhr mit der ersten Toilette zum breakfast fertig sind. Nach diesem Mahl bleibe ich nur bis 2 Uhr, wo luncheon servirt wird, mir. selbst überlassen, um zu componiren oder zu üben. (Hier entstanden die Es-dur und A-moll-Etüden.) Meine Charlotte übt mit Mrs. Fleming in dem prachtvollen Musiksaal, wo der Flügel orgelmässig klingt, oder sie bringen die Zeit lesend und arbeitend in dem Boudoir mit hellblauseidener Tapete zu, in welchem alle neuen Erscheinungen der literarischen Welt aufgehäuft sind und ihnen die liebliche Gruppe, die sie mit den Fleming'schen Kindern bilden, aus acht Spiegeln zurückgeworfen wird. Beim luncheon wird gefragt, welche Wagen, welche Pferde man verlangt? Mrs. Fleming legt gern Beschlag auf meine Frau für ihr pony carriage, das sie selbst kutschirt; ich reite dann mit einigen Herren. Die zweite Toilette für das Mittagessen muss um 8 Uhr Abends beendet sein, wo es zu Tische geht." Später heisst es: „Jetzt wohnen Lord Palmerston, sein Bruder Mr. Temple, seine Schwester Mrs. Sulivan und deren Mann auch hier. Es ist interessant, so nahe mit dem Lord — 108 — zu verkehren und die parlamentarischen Gespräche zu verfolgen, die bei Tische geführt werden, natürlich alles in den Grundsätzen des reinsten Torysmus. Gut, dass die Kunst, die ich vertrete, auf neutralem Boden stehen darf". Und wieder lesen wir: „Heute neue Gäste, diesmal aus der Umgegend, aber nicht aus der nächsten; denn auf zehn englische Meilen in der Runde gehört Alles unserem Hausherrn; dazu hat er eine Besitzung auf der Isle of Wight. Wenn das Diner vorüber ist und die Herren allein bleiben, wird erst recht politisirt; aber um Mitternacht im drawing room gewinnt wieder die Kunst die Oberhand; da wird bis i, 2 Uhr musicirt; kein Wunder, dass uns die ersten Strahlen der Morgensonne nicht wecken." Im nächsten Monat gehen sie nach dem Bade Chelten- ham, welches Moscheies als Nachtrag zur vorjährigen Kur in Karlsbad empfohlen worden ist. „Hier gemessen wir unser tete-ä-tete von Herzen; der Palast war schön, aber das ruhige Leben, das erste seit unserer^ Verheirathung, ist köstlicher. Wir können immer beisammen sein. Während meiner Lectionen in der Reitschule sieht meine Frau mir von der Galerie herab zu;'sie begleitet mich früh an den Brunnen, ich sie auf den Markt, wenn sie Fische oder Geflügel kauft; so gut wird's uns in London nie werden." Und später: „Ich gebe meiner Frau nicht nur Ciavierstunden, sie muss auch Noten schreiben von mir lernen, und während sie sich darin übt, componire ich ein von der Harmonie Institution bestelltes Impromptu über den Marsch aus Tarare oder Axur von Salieri, welche Oper jetzt in London, englisch zurechtgekocht, grossen Beifall erhält. Dieser Marsch ist von Mr. W. Hawes in einen kriegerischen Song umgewandelt und erregt besonders bei den Worten: „Revenge he cries and the traitor dies", von Braham gesungen, den grössten Fnthusiasmus. Auch drei Rondo's über die „Wiener in Berlin" schrieb er damals bestelltermassen; ferner -la petite babillarde für Cramer, seine H-moll-Etüde u. s. w. Nachdem sie noch einige angenehme Ausflüge in die hübsche Umgegend gemacht und u. A. auch einige Ueber- bleibsel aus der römischen Zeit, z. B. vollkommen erhaltene Mosaik-Fussböden mit herrlicher Zeichnung, gesehen hatten, reisten sie am i. October früh nach Oxford, besuchten am Nachmittage, sowie am folgenden Tage die Collegien dieser merkwürdigen Stadt, stellten sich unter old Tom (die grosse Glocke) und sahen das Universitäts- Theater, wo dem Kaiser von Russland und dem König von Preussen kurz vorher bei ihrer Anwesenheit in Oxford die Doctorwürde verliehen worden war. Nach London zurückgekehrt, richten sie sich klein, aber behaglich, in dem Häuschen No. 77 Nortonstreet ein. Das schönste Möbel blieb ihnen stets Clementi's Geschenk, ein herrlicher Flügel, der, von seiner eigenen Hand geschrieben vornan, wo sonst der Name der Firma steht, die Inschrift trug: „Muzio Clementi e Socj all' in- gegnosissimo J. Moscheies ed alla sua amabillissima con- sorte." Das stille häusliche Glück, das Beide nun genossen, ward bald durch Anträge zu Concerten in Liverpool und Dublin gestört. Ohne das Zureden der Frau hätte er sie nicht angenommen; denn er musste allein reisen; das widerstand ihm; endlich siegten ihre Vernunftgründe, und er schreibt am 4. November: „Heute hatte ich die harte Probe des Abschieds von meiner Charlotte zu bestehen." Am 5. Nov. traf er in Liverpool ein, von der Musikergilde freundlich bewillkommnet. Abwechselnd speiste er bei den Kunstgenossen, die ihn in der Stadt umherführten und ihm unter den Denkwürdigkeiten namentlich 'die Town hall und Nelson's Monument von Westmacott zeigten. „Wenn mich die Grossartigkeit dieses Kunstwerks und jenes Gebäudes, jedes in seiner Art, frappirte, so setzte es mich vielleicht -noch mehr in Erstaunen, dass man mich mehrfach um Lectionen für die drei Tage meines Aufenthalts in Liverpool bat, ein echt englisches Ansinnen. Ich machte einen Besuch bei Roscoe, den ich sehr zu kennen wünschte und in welchem ich den liebenswürdigsten, zuvorkommendsten Greis fand. Der Herzog von Toskana hatte ihn kürzlich durch die Zusendung einer Prachtausgabe der Werke von — HO ---- Eorenzo Medici beehrt, die er mir zeigte. Dann durfte ich mit ihm sein neuestes botanisches Werk über westindische Pflanzen durchblättern, wobei er mir viele interessante Erklärungen gab." „Am 8. November Mittags war Probe im Concertsaal; aber was für eine! elend ist ein zu gelinder Ausdruck. Mori aus London that sein Möglichstes, aber was war zu erzielen mit einem Doppelquartett und vier hinkenden Wind-, nicht Blasinstrumenten als Orchester? Der Theaterdirector spielte nämlich dem Concertunternehmer Mr. Wilson den Streich, seine Orchestermitglieder nicht herzugeben, und so musste ich das erste Stück des Es-dur-Concerts und die Alexander-Variationen mit blosser Quartettbegleitung spielen. Meine Phantasie über „Rule Britannia" und ein irländisches Liedchen befriedigte das brillante und zahlreiche Publikum eben so sehr, wie mich das mir nachgeschickte Clementische Instrument. Diese Nacht, sowie alle vorhergehenden und folgenden auf meiner Reise, beschloss ich damit, dass. ich an meine Frau schrieb, sowie ich auch von ihr täglich so gute Berichte erhalte, dass sie mich zu meinen Productionen kräftigen." „Am 9. November früh fuhr ich auf der Mersey in einer Stunde nach dem gegenüberliegenden Ufer und von da in i J / 2 Stunde nach Chester, dieser uralten Stadt, merkwürdig durch die Mauer, die sie umschliesst. Das Concert, welches Abends im Royal Hotel stattfand, war dem des gestrigen Tages ähnlich; Mori dirigirte, das Publikum war eben so brillant und zahlreich, die Aufnahme gleich schmeichelhaft für mich." „Am 10. November früh ging ich mit Phillips auf den durch sein Alter merk^vürdigen Wall. Ein ziemlich con- servirter Thurm sagte uns durch seine Inschrift, dass im Jahre 1645 King Charles die Schlacht von da aus beobachtete, und dass er sich, als seine Armee geschlagen war, genöthigt sah, vermittelst einer Strickleiter zu entfliehen. Das Gefängniss (gaol) ist auch ein den Zeiten trotzendes Bauwerk. Ein Theil der Stadt liegt romantisch an dem Flusse Dee." — III — „ii. November. Concert in Manchester. Schon die bessere Organisation des Orchesters, die Oberaufsicht der Concertdirectoren Baker und Fletcher, das Mitwirken mehrerer deutschen geschickten Liebhaber gab dem Ganzen einen Schwung, den ich nur zu sehr in den letzten Con- certen vermisst hatte. Auch der Anführer des Orchesters, Mr. Cadmore, gehört zu den besseren Dirigenten. Ich erfreute mich des rauschendsten Beifalls, doch genoss ich ihn weniger als je auf dieser Reise." Auf Briefe der Verwandten hin bricht er bald darauf seine Reise ab und eilt nach London zurück. Am 19. Abends erreicht er sein Haus, und kurz nach Mitternacht wird ihm ein Sohn geboren, ein zartes, schwächliches Kind; die Mutter findet er in sehr leidendem Zustande. Vier bange Wochen lebte Moscheies in Angst und Sorge um sie. Mit dem herannahenden Ende des Jahres besserte sich Alles. „Jetzt", schreibt er, „kann ich wieder meinen Geschäften nachgehen; auch bei Erard war ich heute, sah seine nach neuer Construction erbauten-herrlichen Flügel, lehnte aber seinen Antrag, mich zum alleinigen Spielen derselben zu verpflichten, trotz der vor- theilhaften Bedingungen, die er mir stellte, gänzlich ab, und will mich ferner meiner Freiheit in dieser Beziehung erfreuen." Später schreibt er: „Ein komischer Vorfall machte uns herzlich lachen. In den Weihnachtstagen bläst, besonders Abends spät, eine Bande, die auch an meiner Thür sammelte. Ich wusste dies von früher her, und da mir alle Torturen und Störungen einfielen, mit denen sie mich durch ihre falschharmonisirten Choräle gefoltert hatten, so befahl ich der Magd, ihnen zu sagen: von mir würden sie nur dann bezahlt werden, wenn sie versprächen, nie wiederzukommen. Der beleidigte Bläser antwortete: „Teil your master, if he does not like music, he will not go to heaven!" Mit Ende des Jahres musste er auch eine Phantasie für den Verleger Collard vollenden, über die er bemerkt: „Die 25 Guineen, die ich dafür bekomme, sind das einzige 112 Verdienst, was sie hat. Gehört auch zu den Ephemeren, die keine Opusnummer bekommen." Und am 31. heisst es: „Wir beschliessen dies Jahr mit besonderem Dank gegen die göttliche Vorsehung, die uns so grosse Gefahr glücklich überstehen Hess!" 1826. Am 1. Januar hält Moscheies im Tagebuch folgendes Selbstgespräch: „Heute halte ich noch mein Glück mitHänden, morgen soll ich es verlassen, und doch ist die Reise nach Dublin (wo Moscheies sich zu mehreren Concerten verpflichtet hatte), eine Ehrensache. Charlotte ist sehr mit der Pflege des Jungen beschäftigt und voll glücklicher Erwartung, ihren Vater zu sehen. Also Muth!" Wirklich reist er am 2. Januar ab; zuerst nach Bath, wo wieder Alles mit dem gewöhnlichen Erfolg verläuft, sodass der ersten Improvisation eine zweite folgen muss. Die nächste Concertstation (3. Januar) war Liverpool. Es wird von Interesse sein, die Beschreibung dieser Reise in Moscheies' eigenen Worten ungekürzt wiederzugeben, weil sie die Beschwerlichkeiten, die damals mit einer grösseren Reise verknüpft waren und von denen unser Dampfzeitalter sich kaum mehr einen Begriff machen kann, eindringlich vorführt. „Am 4. Januar brach ich um 7 Uhr früh von Liverpool auf und fuhr bis 8 Uhr Abends nach Birmingham. Am folgenden Tage wurde von hier die Reise fortgesetzt, Tag und Nacht. Um 2 Uhr Mitternachts eine grosse Reisebeschwerlichkeit. Ich, der einzige Passagier, wurde aus der warmen Kutsche heraus, und in der rauhen Nacht bei Bangor über den reissenden Fluss im offenen Boot übergesetzt. Die Seele klapperte mir im Leibe, doch wiederholte ich mir mein Losungswort: Muthig' ausharren! Am anderen Ufer nahm mich Einsamen eine andere, schon bereit stehende Mailcoach auf, und so ging's weiter, den — 113 — übrigen Theil der Nacht durch Wind und Schneegestöber hin, bis ich endlich um 5 Uhr Morgens in Holyhead ankam. 6. Januar. Verhängnissvoller Tag; harte Prüfung; Gottes rettende Hand! Im Hotel fand ich eine respectable Reisegesellschaft, aus zwei Herren und einer Dame bestehend, zur Einschiffung nach Dublin bereit. Die Chester Mail wurde noch erwartet, und diese kam um 7 Uhr; dann aber hiess es, dass kein Dampfschiff zur Ueberfahrt da sei, der Wind habe in den letzten Tagen so stark hinwärts geblasen, dass alle Dampf boote drüben seien; ein Segelpacketboot werde aber sogleich die Mail in 6 bis 7 Stunden hinüberfahren. Wollten wir Passagiere das auch benutzen? Wir thaten es, indem wir uns kurz nach 7 Uhr einschifften, und dann des regnerischen Wetters und der hohen See halber, die Cabine und unsere respectiven Betten aufsuchten. Mich ergriff die Seekrankheit mit solcher Heftigkeit, dass ich schon nach einigen Stunden zum Tode erschöpft, wie ein Kranker da lag und wahre Martern aushielt. Das Element zürnte immer heftiger, ich zählte die Stunden, sie gingen auch vorüber, die Nacht brach an, aber wir landeten nicht. Eragten wir unsern Steward, wann wir erlöst würden, so murmelte er: „Wer weiss? es geht nicht gut." Und dies bewahrheitete sich mir nur allzusehr durch das Schleudern des Bootes. Eingewickelt in Decken und Mäntel, wie ich da lag, konnte ich mir das eisig abgestorbene Gefühl meiner Füsse nicht erklären, überwand aber meine Erschlaffung so weit, um hinzufühlen, und fand, dass das Wasser schon in mein Bett gedrungen war. Nun konnte es auch nicht mehr verhehlt werden, dass das Schiff leck geworden war; denn zischend stürzte das Wasser in die Cabine; der Sturm heulte fürchterlich, die Finsterniss war undurchdringlich. Der Capitain wusste uns nichts Tröstliches zu sagen, als dass wir in der- Nähe des Ufers wären — freilich nicht nahe genug, um zu landen, da Felsen und Sandbänke, in deren Mitte wir schwammen, uns unfehlbar zerschellen würden; auch nicht nahe genug, als dass ein Nothsignal Moscheies' Leben. 8 — H4 — von der Küste aus wahrnehmbar werden könnte. Endlich nach langem Kampfe mit den Wellen und den fürchterlichsten Stössen, die unser Fahrzeug erlitt, konnten wir Anker auswerfen und lagen nun ohne Stärkung und Erquickung gleich Opferthieren unser Schicksal erwartend, bis zum Anbruch des Tages. Den Muth hatte ich jedoch in dieser elenden Lage nicht verloren. Der Glaube an die allmächtige Vorsehung hielt mich aufrecht; ich dachte ohne Aufregung an Weib und Kind. Sie schlafen ruhig und theilen gottlob mein hartes Loos nicht; sie werden mich entweder froh wiedersehen, oder meinen Verlust mit Gottes Hülfe ertragen; ebenso wanderten meine Gedanken schmerzlich gefasst zu meinen anderen Angehörigen und Freunden hinüber. Der Schritt von da in die andere Welt schien mir sehr klein. Am Nachmittag hiess es endlich: „Wir werden erlöst, ein Boot hat unser Schiff erreicht und nimmt uns auf!" Da rafften wir unsere Effecten zusammen, Hessen uns mit ihnen sozusagen in's schwankende Boot werfen, und nach einem kurzen Kampfe mit der schäumenden Brandung, landeten wir im Hafen Howth. Dort miethete ich eine Postchaise, die mich (7 Meilen weit) nach der Stadt brachte. Der öde sandige Boden, die mit Ruinen besäete Gegend, das kümmerliche Aussehen der Landbewohner Hess mich auf die Natur und den ganzen Charakter des Landes schliessen. So kam ich denn endlich in Dublin an, fuhr über die schone Carlisle-Brücke, über den Liffey nach Westmoreland Street, wo ich mich in einer Wohnung, die mir der Musikhändler Pigott ge- miethet hatte, in wenig Stunden erholte." Am 8. Januar führt ihn Mr. Pigott in die Christ Church, wo er einen im alten Styl gearbeiteten Anthem von Dr. Spray brav ausführen hört, dann macht er bei den Künstlern und bei der Aristokratie der Stadt die Runde. Unter anderen lernte er bei dieser Gelegenheit Lady Morgan, von der er schon als Schriftstellerin gehört, „als äusserst liebenswürdige Wirthin und Gesellschafterin kennen." — H5 — g. Januar. „Heute bekam ich durch den Colonel Shawe, Adjutant des Lord Lieutenant Marquis of Welles- ley, den Bescheid, seine Herrschaft würde mein Concert am 13. Januar besuchen; es solle auch unter ihrer patron- age vor sich gehen; heute aber möge ich im Phönixpark im grossen Circle spielen. Ich bereitete mich so geschwind als möglich vor und sandte mein Instrument dort hin. Um 9 Uhr Abends fuhr ich in dem mir bereit gestellten Galawagen in einer halben Stunde hinaus und fand die ganze Noblesse Irlands im Phönixpark versammelt, da diese Soiree die erste der neu verheiratheten Marchioness of Wellesley war. Einige Gesangstücke, sowie ein Terzett für 2 Guitarren und Physharmonica (von Schulz und dessen Söhnen) gingen während der lebhaftesten Conversation der hohen Herrschaften, unbeachtet vorüber. Der Lord-Lieutenant unterbrach diese, indem er mich französisch ansprach, meiner schmeichelhaften Empfehlung von Seiten des Fürsten Ester- hazy erwähnte und mich zu spielen ersuchte. Da er sich mit der Marchioness in die unmittelbare Nähe des Claviers setzte, und da er, der fünfundsechszigj ährige Herr, sich an meiner Phantasie über irländische Melodien begeisterte, so begeisterte sich auch der ganze Kreis. Nach der Pause, in welcher Erfrischungen gereicht wurden, wiederholten sich die Vorgänge des ersten Theiles, und dann setzte, der Lord-Lieutenant seiner Gunst die Krone auf, indem er mir herablassend die Hand schüttelte (shook hands). Ich machte viele nützliche Bekanntschaften." 10. Januar. „Heute meldeten sich bei mir, trotz meines auf zwei Guineen festgesetzten Preises, zwei Schülerinnen." 11. Januar. „In die Anacreontic Society eingeführt, eine Dilettantengesellschaft, die die grössten Orchesterwerke brav ausführte; das übliche Souper folgte, und als sie mich durch Mitsingen eines Terzetts aus Cosi fan tutte treuherzig gemacht, lockten sie mich an's Instrument, wo ich, dem alten gebrauchten Kasten nicht trauend, nur die Ouvertüre zu Figaro spielte. Ein Toast mit irländisch hochfahrenden Lobeserhebungen und ein Speech meinerseits waren die natürlichen Folgen." — n6 — 13. Januar. „Erstes Concert in Dublin in der Rotunda. In der Probe marterte ich mich mit dem Orchester, besonders mit den Blasinstrumenten. Auch wurde ich der „Impressario in angustia", indem der Theaterdirector Mr. Abbot meinen Sängern Mr. Kean und Latham zu singen untersagte. Erst um 4 Uhr nach der Probe suchte ich ihn durch ein Billet zur Raison zu bringen, was mir auch gelang. Abends 8 Uhr begann das Concert. Es-dur-Con- cert und Alexander-Variationen wurden mit steigendem Beifall aufgenommen. Mrs. und Miss Ashe sangen. Meine Phantasie im zweiten Theil über irländische Themen wurde lärmend applaudirt." In den folgenden Tagen bewunderte er in der Schlosskapelle die alte herrliche Holzschnitzerei und hörte zugleich eine vortreffliche Predigt. Ferner wurde er in den Hibernian Catch-Club, eine seit 130 Jahren bestehende Gesellschaft, eingeführt. „Diner mit Speeches, viele Glees und zum Schluss eine Improvisation von mir, worauf die Gesellschaft mich einstimmig zu ihrem Ehrenmitgliede erwählte." Weiter heisst es: „Ein Mr. Allan, Schwiegersohn von Logier, veranstaltete eine öffentliche Production seiner Schüler, worin auch Stücke von mir herhalten mussten. Ja herhalten, denn das wird mir immer klarer: dieses Logier'sche System kann den Schülern zwar das präcise Tacthalten einbläuen, aber wo bleiben Verständniss und Auffassung der Composition, wo die Poesie ihrer Wiedergabe, wenn sie von acht Clavieren zugleich heruntergetrommelt werden? Im Ganzen finde ich die irländische Nation musikalisch wärmer, als die englische, obwohl mir der erste ihrer Componisten, Sir John Stevenson, kein besonderes Interesse abgewinnen kann." Publikum und Presse kamen Moscheies auch bei seinem zweiten Concert liebenswürdig entgegen. „Meine eigene Stimmung (notirt Moscheies) war eine sehr gehobene, da ich kurz vor Anfang des Concertes einen Brief von meiner Frau erhielt, aus welchem ihre helle Freude über die Ankunft ihres Vaters strahlte." Die Frau berichtet ihm getreulich den Inhalt der in — ii7 — seiner Abwesenheit eingehenden Briefe; einmal schreibt sie: „Es handelt sich zwar um eine Geschäftssache, aber lachen muss ich doch, indem ich dies niederschreibe. Denke Dir, der alte Nägeli in Zürich, der Dich bittet, eine Sonate für seine „Ehrenpforte" zu componiren, stellt Dir dabei die dreifache Bedingung, keine repetirenden Noten, keine De- cimen und auch keine Affectwörter als Bezeichnung hineinzuschreiben. Dabei ertränkt er Dich in einer Fluth von Complimenten über Deine Begabung und über die Ehre, die seiner „Ehrenpforte" durch diese Sonate angethan würde. Man sieht, der Mann ist nicht nur Verleger, sondern auch einer von jenen Zeitungsschreibern, denen die grandiosen Lobeserhebungen über Dich geläufig sind." Gegen Ende Januar fühlte Moscheies sich so erschöpft durch seihe Concerte und seine Privatproductionen in diesem oder jenem Hause, durch zudringliche Morgenbesuche dieses oder jenes Lehrers mit Schülerinnen, die ihn mit ihrem Geklimper langweilten, dass er die Einladungen zum Beefsteak-Club, sowie zu Diners und Soireen consequent abschlug, ernstliche Reisevorbereitungen machte und am 29. Januar Morgens 6 Uhr abreiste. Wieder schlechtes Wetter, wieder zehnstündige Seekrankheit, Aufenthalt hier und Aufenthalt dort, endlich aber am 1. Februar das Glück, Weib und Kind und den lieben Schwiegervater zu umarmen. Nur die fortdauernde Schwäche der Frau trübte die Freuden dieses Wiedersehens. Dem Schwiegervater suchte Moscheies nun auch seinerseits den Aufenthalt in London so angenehm als möglich zu machen. Zu beiden Parlamentehäusern, für deren Debatten er sich sehr in- teressirte, erhielt er Zutritt; er bewunderte Kemble und die Pasta, unterhielt sich köstlich bei den pikanten Vaude- villes des Tottenham-Street-Theaters, und besuchte fleissig die Concerte. Was aber die Hauptsache war, der gute Vater wurde Zeuge des häuslichen Glücks seiner Kinder, der unermüdlichen Thätigkeit, die Moscheies entwickelte, und der ehrenvollen Stellung, die er einnahm. Der Schülerinnen gab es viele, bald so viele, dass er eine grosse Zahl abweisen musste. Dabei componirte er im Laufe — n8 — dieser Saison die Es-moll-, H-moll- und D-moll-Etüden (Op. 70), sowie seine Phantasie, „Erinnerungen an Irland",, und des Corrigirens von Probedrucken war kein Ende, da er auch oft die von Freunden in England veröffentlichten Compositionen durchsah. Die erwähnten „Erinnerungen an Irland" trug er in dem grossen Concert, das er am 7. April veranstaltete,, zum ersten Male öffentlich vor; sie wurden warm aufgenommen. Ueber dieses Concert berichtet das Tagebuch ferner: „Kiesewetter spielte schön wie immer, ohne dass ich jedoch ein Wort mit ihm gewechselt hätte, da ich die Art, in welcher er kurz vor dem Concert die Bezahlung von 10 Guineen für diese Production verlangte, nur durch eine kurze Bejahung und das Abbrechen freundschaftlicher Beziehungen zu erwidern verstand. Der grosse Zudrang zu dem Concert war die Ursache, dass sogar die königliche Loge sich füllte, anstatt für den Fürsten Esterhazy als Patron des Concertes reservirt zu bleiben, ein Missgriff, den ich Tages darauf durch einen Besuch beim Fürsten wieder gut machen musste. Auch hochgestellte Personen der musikalischen Aristokratie mussten wegen Mangel an Platz den Saal verlassen." Man kannte damals noch nicht das bequeme Institut der Sperrsitze. Die Hauptursache jener Ueberfüllung mag wohl die Mitwirkung Carl Maria von Weber's gewesen sein, der eine eigene von Mme. Caradori gesungene Arie und die Ouvertüre zur Euryanthe dirigirte. Der grosse Mann war seit wenigen Wochen in London, als dies Concert stattfand; er wohnte bei dem Freunde Sir George Smart, und dort sah Moscheies ihn oft, während er der neugierigen Menge, die ihn besuchen wollte, nicht zugänglich war. Seine leider sehr zerrüttete Gesundheit bedurfte der Ruhe, der er aber wenig pflegen konnte. „Wie mag es ihn angegriffen haben, als er gestern zum ersten Mal vor dem englischen Publikum im Coventgarden-Theater erschien j der donnernde Applaus, mit dem er empfangen wurde,, ergriff uns tief; um wieviel mehr ihn, den Gefeierten, der Gegenstand dieses Enthusiasmus selbst! Weber dirigirte — iig — auf der Scene einen Auszug seines „Freischütz", die Ouvertüre wurde jubelnd wiederholt; Braham, Miss Paton und Phillips sangen die Hauptstücke der Oper mit Begeisterung. Weber reichte während des enthusiastischen Applauses den Sängern die Hände, um seine Zufriedenheit auszudrücken; am Ende der Vorstellung stand das ganze Parterre auf den Bänken, Hüte und Schnupftücher schwenkend und dem Meister entgegenjubelnd. Diesen sah ich später recht erschöpft im Foyer des Theaters; er war schon zu krank, um diesen ungewöhnlichen Triumph, den er noch dazu in fremdem Lande feierte, voll zu gemessen, wie wir Landsleute es für ihn thaten: ausser mir vor allem sein und unser Aller Dichter, Kind, der Flötenspieler Fürstenau, der mit ihm gereist war, der gute alte Harfenmacher Stumpff, seit Jahren in London ansässig, und der oft genannten Schulz." Am 12. März hörte Moscheies Weber in einer Gesellschaft bei dem Sänger Braham improvisiren. „Er verwebte einige Themen aus dem „Freischütz" auf die interessanteste jWeise, obwohl ohne besondere Kraftäusse- rung. Diese erlaubte sein physischer Zustand leider nicht mehr, und doch eilte er noch um n Uhr in eine zweite grosse Soiree der Mrs. Coutts, weil sie ihm gut bezahlt ward. Als er Braham verlasseh hatte, wurde sein bedauerlicher Zustand viel besprochen." Am 13. März ist Weber Tischgast im Hause Moscheies'. „Welche Freude! Doch auch da ward unser Mitleid auf's Innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in unser Wohnzimmer: die eine kleine Treppe, die dahinführte, hatte ihm den Athem gänzlich benommen; er sank in einen der Thür nahestehenden Stuhl, erholte sich aber bald und war dann der liebenswürdigste, geistreichste Gesellschafter. Abends fuhren wir mit ihm ins philharmonische Concert, das erste, welches er hörte, und wo eine Haydn'sche und eine Beethoven'sche Symphonie befriedigend gegeben wurden." Das nächste Philharmonische Concert am 3. April dirigirte Weber selbst. Das Programm lautete: ---- 120 ---- - Ouvertüren zu „Euryanthe" und „Freischütz". Arie von Weber (componirt für Mme. Milder), gesungen von Mme. Caradori. Scene aus dem Freischütz, gesungen von Sapio. I. Stück Cis-moll-Concert von Ries, 2.: Es-dur von Beethoven, 3.: ungarisches Rondo, von Pixis. (Dies Pasticcio spielte ein Deutscher — Schuncke — unter der Leitung des grossen deutscher Meisters!) „Am 11. April wohnte ich der Generalprobe des „Oberon" im Coventgarden-Theater bei, die ganz wie eine Vorstellung besucht war, auch keine Unterbrechung erlitt, und in der sich die Costüme sowohl, als die herrliche Scenerie mit beweglichem Mond bei der Ocean-Arie, vortrefflich ausnahmen. Diese Arie, die Weber in London für Miss Paton schrieb, machte grossartigen Effect, ebenso die für Braham (Hüon) componirte grosse Arie. Beiden Sängern war Gelegenheit gegeben, ihre mächtigen Stimmen zu entfalten und gewisse schlagende Effecte hervorzubringen, die das Parterre begeisterten. Weber muss an seinem Pult gefühlt haben, dass ihm die englische Nation aus dieser Versammlung entgegenjauchzte und dass seine Schöpfungen in ihr fortleben würden." lieber die erste Vorstellung berichteten die Blätter nur Herrliches. Der arme Meister selbst, den Moscheies fast täglich besuchte, wurde aber inmitten dieser Triumphe schwächer und immer schwächer; dennoch führte er sein bewegtes londoner Leben fort, und dirigirte in mehreren Concerten, in welchen auch Moscheies mitwirkte, seine Ouvertüren zu „Freischütz", zu „Oberon" u. s. w. „Am 18. Mai (sagt Moscheies) wirkten wir auf originelle Weise zu.Gunsten Braham's zusammen. Es war dessen jährliche Einnahme im Coventgarden-Theater, und er, der populärste der englischen Sänger, wusste stets bei dieser Gelegenheit seine dritte Galerie (wegen ihrer schwindelnden Höhe „Göttersitz" genannt) durch Matrosenlieder zu begeistern. Heute nun war es wie immer bei ähnlichen Gelegenheiten. Auch die populäre kokette Mme. Vestris fand ein williges Gehör vor diesen, das Haus beherrschenden „Göttern" in einer Operette „The Slave", und verschiedenen Ammenliedchen, wie „Goosie Goosie Gander, whither shall I wand er? Upstairs downstairs in mylady's cham- ---- 121 ---- ber" u. s. w. So weit war Alles herrlich; nun aber hatte sich Braham verrechnet, indem er dieser Gesellschaft ein Concert guter Musik als zweiten Theil vorsetzen wollte, das er „Apollo's Festival" nannte, und das nach allen vorhergegangenen Fadaisen mit der Ouvertüre zum „Beherrscher der Geister" begann. Ob Niemand bemerkte, dass Weber selbst dirigirte? Ich weiss es nicht, aber das Geschrei und Gepolter der Galerie, unter dem sie ungehört zu Ende gespielt wurde, empörte mich, und schon sehr aufgeregt setzte ich mich auf der Scene an mein Instrument und gab dem unter mir sitzenden Orchester das Zeichen zum Anfang meiner „Erinnerungen an Irland." Gleich während der etwas ernsten Introduction begannen die rohen Galeriebesucher ihr Unwesen, Pfeifen, Zischen, Applaudiren und Ausrufe wie: „Are you comfortable Jack", begleitet von Salven ausgesogener Apfelsinenschalen, — Alles sah und hörte ich durcheinander im abwechselnden Crescendo und Decrescendo, und mir war, als wären alle Elemente im Streit, und ich müsste ihnen erliegen. Gottlob aber erlag ich nicht; denn ich fasste in dieser mir neuen, unerwarteten Lage den Entschluss, nicht plötzlich abzubrechen, sondern dem besseren Theil des Publicums zu zeigen, dass ich bereit wäre, zu erfüllen, was ich versprochen. Ich bückte mich zum Vorgeiger herab und sagte: „Ich werde die Hände hin und herbewegen, als spielte ich; lassen Sie Ihr Orchester ungefähr dasselbe thun; nach einer Weile werde ich Ihnen ein Zeichen geben, dann hören wir zusammen auf." Gesagt, gethan. Als ich mich abtretend verbeugte, überschüttete mich stürmischer Applaus. Die Götter jubilirten, mich los zu sein. Nun kam Miss Paton mit einer ernsten Concert-Arie dran, und hatte gleiches Schicksal. Sie hörte dreimal auf, kam auf den Ruf der Besseren, die „silence" begehrten, immer wieder zurück, um zu singen, und trat endlich weinend mit den Worten ab: „I cannot sing". Auch dieser Demonstration folgte donnernder Applaus ■— und nun begannen neue Gassenhauer und Matrosenlieder, und neue Zufriedenheit und Aufmerksamkeit der Galerien trat ein." 122 Der Vorfall ging eine Woche lang durch alle Zeitungen und Moscheies ward sogar viel Lob für sein ruhiges Verhalten gespendet, während die arme Miss Paton um ihrer Thränen willen viel zu leiden hatte. „Der 26. Mai, der Tag des Weber'schen Concerts, bleibt mir ewig unvergesslich (schreibt die Frau); denn der Meister, dem Erlöschen schon nahe, hatte grosse Anstrengungen gemacht, um eine Aufführung in den Argyll- rooms zu veranstalten, und sein Concert ging dennoch vor einem leeren Saal vor sich! Musikfreunde und die Presse suchten in ihrer Entrüstung diese Vernachlässigung vom Publicum ab und auf äussere Umstände hinzulenken;. und da fanden sie, Begrez, der parfümirte Salonsänger habe an demselben Abend ein Privat-Concert bei der Herzogin von St. Albans gegeben, und die fashionable Welt absorbirt; Epsom races, dieses vielbesuchte Pferderennen sei gerade mit seinem Haupttag (the Derby) auf diesen 26. Mai gefallen, und den besuche unfehlbar die grosse Welt, während der Mittelstand sich an die Opern des so populär gewordenen Meisters halte, und keine Schuld an dieser Vernachlässigung seines Unternehmens trage. Genug, Weber musste vor leeren Bänken spielen! Er dirigirte die nie fehlende Ouvertüre zu „Oberon" und „Euryanthe", seine noch unbekannte Cantate „The festival of peace" und eine neue für Miss Stephens componirte, und von ihr gesungene Ballade; Braham effectuirte in der Freischütz-Arie, Fürstenau blies zum ersten Mal Variationen über ein Thema aus Oberon, Kiesewetter spielte seine unvermeidlichen Mayseder-Variationen in E-dur, und Moscheies nahm als Grundlage seiner Improvisation ein Thema aus der Cantate, das einen Hervorruf gehabt hatte und das er mit Motiven aus dem „Freischütz" verwebte. Mrae. Caradori und Braham sangen die Soli in der Cantate." Weber war durch diesen Abend so entsetzlich angegriffen, dass er seine Einnahme im Theater, wo der Freischütz unter seiner Direction zu seinem Benefiz gegeben — 123 — werden sollte, lieber einbüsste, und sich nur mit Reisegedanken und Reisevorbereitungen beschäftigte. Trotz der Besorgniss um Weber wollte die Frau doch auch diesmal Moscheies' Geburtstag nicht- vorübergehen lassen, ohne ihn durch einen kleinen Scherz zu erheitern. „Diesmal (so schreibt sie an die Verwandten), gab's ein Tableau, einzig in seiner Art; denn die Contraste waren schlagend. Dass ich als Engel mit fliegenden Haaren ihm einen Lorbeerkranz zuwarf, war abgedroschen, aber die beiden hübschen Cramer's als Schwestern der Flora mit herrlichen Blumen, machten sich gut und die Prosa setzte all dieser Poesie die Krone auf, indem Anne Barlow im Costüme einer Köchin eine dampfende Schüssel mit Kalbsfüssen brachte, zugleich aber auch eine Romanze, composed by a cook (natürlich sie selbst). Wenn Ihr mich über diese dumme Zusammenstellung auslacht, so bedenkt nur, dass er in der berühmten Ludlamshöhle Tasto der Kälberfuss hiess, wegen seiner frevelhaften Neigung für jenes scheussliche Gericht. Gut, dass wir keine anderen Zuschauer hatten als Adolf und Nurse, denen unser tableau sehr gut gefiel — von Moscheies gar nicht zu reden, der gebührend entzückt war." Leider ging es in diesen Tagen schlimmer mit Weber und am 4. Juni schreibt Moscheles in's Tagebuch: „Als ich Weber heute Sonntag besuchte, sprach er zwar zuversichtlich von seiner Abreise nach Deutschland; aber der entsetzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wiederkehrte und eine gänzliche Entkräftung zurückliess, spannte unsre Angst auf's Höchste, und als er mühsam hervorbrachte, er reise in zwei Tagen, ich möge ihm nur Briefe mitgeben, er hoffe mich morgen wiederzusehen, da wurde mir weh um's Herz, obwohl ich selbst nicht ver- muthete, dass ich ihn zum letzten Male unter den Lebendigen erblickte. Ich verliess ihn mit seinen Freunden Kind und Fürstenau und wechselte unten noch trübe, Worte mit seinem gastfreien Wirthe, Sir G. Smart, der mir bekümmert mittheilte, dass Weber keinen Wächter dulden wolle, jede Nacht seine Zimmerthür verschliesse — 124 — und dass er nur heute den vereinigten Bitten der Freunde nachgegeben und versprochen habe, nicht zuzuschliessen, das Wachen der Freunde in seinem Zimmer jedoch ebenso bestimmt ablehne, wie den besoldeten Wächter." 5. Juni: „Heute früh um 8 ward ich zu dem nicht fern wohnenden Sir G. Smart gerufen, und eilig gerufen. Fürstenau hat Weber Abends zuvor um 11 Uhr zu Bette gebracht; als man früh in sein Zimmer wollte — auf das Versprechen des Nichtverschliessens rechnend, fand man beide Thüren von innen verschlossen; um dies zu- thun, muss also Weber in der Nacht aufgestanden sein. Da er kein Klopfen, kein Rufen beantwortete, so schickte Sir George zu uns Freunden, und in unserer Gegenwart wurde eine Thür erbrochen. Es störte den Schläfer nicht, er schlief den ewigen Schlaf, den Kopf auf den linken Arm gestützt, sanft auf dem Kissen ruhend. ... Es wäre Ent- Aveihung, wollte ich meinen Schmerz durch meine Feder zu beschreiben suchen! Ich hielt ihn für den eigentümlichsten Componisten, für denjenigen, welcher ein zwischen Mozart, Beethoven und Rossini schwankendes Publicum, zu unserer deutschen Musik zurückführte — ein „unsterbliches Verdienst! Auf seinem Nachttischchen lag ein kleiner, von ihm geschriebener Zettel, diesen steckte ich zu mir, um ihn in meiner Brieftasche zu tragen. Ich half Sir G. Smart und Fürstenau Weber's Papiere versiegeln, wozu der Erstere, im Gefühle seiner g-rossen Verantwortlichkeit, mein eigenes Siegel holen liess." 6. Juni: „Heute Morgen, als der grosse Meister schon im bleiernen Sarge dalag, brachten wir, Alles öffnend, seine hinterlassenen Effecten zu Papier. Da waren £ 1000, die er in London verdient haben muss, ausser den £ 1000, die er von den Verlegern Walsh und Hawes für den Ciavierauszug des „Oberon" bekam. Wir fanden das Manu- script dieser Oper. Ein Lied, das er für einen Mr. Ward für £ 25 componirt hatte, lag mit unvollendeter Clavier- begleitung da. Sir George bestürmte mich, sie zu ergänzen, und ich that es später. A r on den Skizzen des „Oberon" durfte ich mir einige Blätter aneignen." — 125 — Nun bildete sich ein Comite zur Beerdigungsfeier, bestehend aus den Musikverlegern Chappell und d'Almaine, W. Collard vom Hause Clementi & Comp., Preston und Power, Sir G. Smart, seinem Bruder Mr. Smart, dem Componisten Sir John Stevenson, dem Organisten der Paulskirche Mr. Attwood, dem Sänger Braham u. Moscheies. Es wurde darauf angetragen, Mozart's Requiem in der katholischen Kapelle Moorfields zu geben, und zwar gegen Eintrittsgeld, für den Ertrag aber dem Todten ein Monument zu setzen. Als man vom katholischen Bischof die Erlaubniss hierzu nicht erwirken konnte, weil er den in der Kapelle habilitirten Besuchern freien Eintritt gestatten wollte, wendete man sich an die protestantische Geistlichkeit, um eine Aufführung' des Requiem in der Paulskirche zu erzielen. Diese wollte die katholische Feier in ihrer protestantischen Kirche nicht dulden, und so wurde nach vielem unnützen Hin- und Herreden und Schreiben der grosse Mann ohne Entree, also ohne Anwartschaft auf ein Monument durch dieses Mittel am 21. Juni in der katholischen Kapelle Moorfields beigesetzt. „Wir Musiker Alle versammelten uns zur Beerdigung um neun Uhr früh im Hause von Sir G. Smart, von wo aus wir in Trauerkutschen die Leiche begleiteten. Nach dem üblichen Gottesdienst ward Mozart's Requiem aufgeführt; dann trugen zwölf Musiker, unter denen ich war, die Leiche in die Gruft, während der Trauermarsch aus Händel's „Saul" gespielt wurde. Er klang in den Herzen Aller wieder, und kein Auge blieb trocken!" Am 12. Juni Hess die Philharmonische Gesellschaft denselben Trauermarsch vor Anfang des Concerts spielen und dabei auf dem Programm bemerken: „As a tribute to a departed genius". Am 17. d. M. gab man im Coventgarden- Theater den „Oberon" zum Benefiz der Familie Weber, doch waren nur zwei Drittel des Hauses gefüllt; wieder unerklärlich! In diesen Tagen schreibt die Frau den Ihrigen: „Alles was mein Mann öffentlich leistet, darüber posaunen Euch die Zeitungen genug vor, die schon so oft „wonderful, ---- I2Ö ---- , matchless, unrivalled" und was sonst geschrieben haben, so dass sie nun bald neue Worte für ihn erfinden müssen. Welche Freundlichkeiten er aber im Stillen mit Hülfe seiner Kunst übt, das kann nur ich Euch erzählen. Gestern z. B. sagte mir die gute alte Freundin Mme. Gr., mit Thränen in den Augen, sie habe seit ihrem Unglück zum ersten Mal eine glückliche Viertelstunde verlebt, als Moscheies ihr vorgespielt. Er ging eben deshalb mit mir hin und wir verbrachten den Abend mit der Familie ganz allein. So macht er es bei allen ähnlichen Gelegenheiten und doch ist jede freie Abendstunde ein Capital für ihn." Mosch el es wirkte im Laufe dieser Saison ausser in den schon erwähnten Concerten noch in neun andern zum Besten von Freunden und verschiedenen wohlthätigen Zwecken mit. Da er sich nicht viel Zeit zu Proben ab- müssigen konnte, so improvisirte er viel und wählte dazu meistens das Thema irgend eines Stückes, das an dem betreffenden Abend besonders gut gefallen hatte, doch musste er einige seiner Sachen, als das „Clair de lune", das Rondo in D-dur und zu wiederholten Malen die immer willkommenen „Recollections oflreland" zu Gehör bringen. Unter seinen Schülern zeichnete sich damals der noch jugendliche, aber schon recht Bedeutendes leistende Thalberg aus. Es war Moscheies eine hohe Genugthuung, diesen unter seiner Leitung emporgekommenen jungen Künstler nicht nur im Publicum, sondern auch von solchen Männern wie Cramer und Clementi anerkannt zu sehen. Die Freude des alten Fürsten Dietrichstein, der sich damals in London aufhielt, über die Erfolge deutscher Kunst und Künstler in England war grenzenlos; er blieb die ganze Saison dort. Die Frau schreibt: „Tout prince qu'il est, gefällt er sich doch in unserer einfachen Häuslichkeit, lässt sich's bürgerlich gut schmecken und verlebt gern frohe musikalische Stunden bei uns, wenn „die Musikanten" allein sind und so 'recht nach Herzenslust loslegen. Ich muss mit ihm für Deutschland einkaufen und wo er nur kann macht er uns Freude. Wir sollten auch mit nach Ascot races (zum Pferderennen); da aber Moscheies keine — 127 — Zeit hat, so dankte ich. Ohne ihn, auf einem race-course mit einem Prinzen, wenn auch einem alten — das ist mir zu hoch." Jede Soiree in grossstädtischem Style wurde im Hause Moscheies zu den häuslichen Störungen gerechnet, wegen der Vorbereitungen, die sie erforderte, und der Ermüdung, die sie hinterliess; dennoch wurden sie durch die Verhältnisse in solche Soireen bei Rothschild's und Anderen hineingezogen. Auch wollten sie es dem Fürsten Dietrichstein nicht abschlagen, dem grossen Costümball im Co- ventgarden-Theater beizuwohnen, der an Pracht und Fülle vielleicht einzig in seiner Art war. Parterre, Parket und Proscenium bildeten einen einzigen grossartigen Saal, in dem es durcheinanderwogte; da gab es Costüme aus aller Herren Ländern, in reichster Eleganz, viele mit Edelsteinen besäet. In den Logen sassen die Zuschauer in Balltoilette, auf der Bühne war eine Hofloge, in der sich die königliche Familie aufhielt und in den Nebensälen wurde lustig zu Tänzen im engeren Kreise aufgespielt. „Um einen Begriff von dem Zudrange zu diesem Balle zu geben, sei es notirt, dass wir den Saal um zwei Uhr verliessen, aber erst um vier Uhr den Wagen des Fürsten erreichten." Diesem rauschenden und geschäftigen Leben, das auch im Juli noch fort ging, entfloh Moscheles erst Anfang August durch eine Reise nach Hamburg. Den 7. August bezeichnet Moscheies jubelnd als die „Ankunft in Hamburg bei den Lieben mit Frau und Kind", und nun folgen sechs Wochen der Ruhe in schöner Ländlichkeit im glücklichsten Familienkreise. Unter den Hamburger Künstlern war besonders Bernhard Romberg ein häufiger gern gesehener Gast. Mit ihm spielte Moscheies fleissig, auch componirte er damals in der ländlichen Stille sein C-dur- Concert. Moscheies eilte weiter; er stand am Vorabend einer Kunstreise durch Deutschland und Oesterreich. Die Zeit verstrich nur zu schnell; der 17. September war der traurige Tag der Trennung. Die Frau, die er auf dieser — 128 — Reise durchaus nicht entbehren kann, muss sich ent- schliessen, das Kind bei ihrer Schwester zu lassen, wo es vortrefflich aufgehoben ist. Das nächste Ziel ist Leipzig. Am 25. September spielte er in seinem Concert zum ersten Mal das erste Stück des C-dur-Concerts, ebenso zum ersten Mal in Deutschland die „Erinnerungen an Irland"; dann das Rondo brillant in D' und die nie fehlende Improvisation. Das Publicum belohnte ihn durch grossen Beifall und bedeutende Einnahme. Nach dem Concert trafen sie noch Grillparzer bei einem Souper des Banquier Seyfferth. Hofrath Wendt, der auch unter den Gästen war, machte ein sehr schmeichelhaftes Impromptu auf das Zusammentreffen des Dichters und Musikers. Am 26. September wurde im Theater zu Ehren und im Beisein des Dichters „Medea" gegeben. Nachdem Moscheies auch im Gewandhaus (27. Sept.) sein C-dur- Concert mit bestem Erfolg gespielt, reiste er nach Dresden ab, wo er am 30. September ankam. Dort traf er manchen guten Bekannten aus früherer Zeit, unter Anderen Wolfram, den alten wiener Freund und Musiker, der immer zwischen der Jurisprudenz und Kunst geschwankt hatte, inzwischen teplitzer Bürgermeister geworden war und sich jetzt in Dresden aufhielt, um seine allerliebste Oper „Die bezauberte Rose" zum ersten Mal aufführen zu lassen. Hübsch ausgestattet und gut gegeben, machte Moscheies die, wenn auch leichte Musik, viel Freude. Einen genussreichen Abend verlebte er bei Tieck, der sein satirisches Spiel „Die verkehrte Welt" vorlas. Da Fürstenau eben im Begriffe war, in Dresden ein grosses Concert vorzubereiten, und da Moscheies weder seine Unternehmung stören, noch ihren Ausgang abwarten mochte, so gab er jedes öffentliche Auftreten in Dresden auf und reiste am 5. October ab. In Prag, wohin er sich zunächst wandte, ward Moscheies die doppelte Freude seine Verwandten wiederzusehen und ihnen seine Frau zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt eilten sie nach Wien, wohin Moscheies vom Director des Kärtnerthor- — 129 — Theaters eingeladen worden war, um dort zwei Con- certe zu halber Einnahme zu geben. Diese fanden am 21. und 25. October statt, und auch hier erfreuten sich das neue C-dur-Concert und die „Erinnerungen an Irland" der herzlichsten Aufnahme. In vielen grossen Häusern, wo Moscheies einst in seiner wiener Studienzeit ein- und ausgegangen war, wurde nun auch seine Frau mit vieler Freundlichkeit aufgenommen. So wollte die alte Frau v. E . . . . sie in ihrem kleinen Hofzirkel, den sie gewöhnlich zwischen dem Mittagmahl und dem Theater hielt, nie missen. Man speiste nämlich um drei Uhr, und von vier bis sechs Uhr empfing die alte Dame ihre Gesellschaft auf einem gelben Atlasdivan zurückgelehnt, von seinen vielen weichen Polstern getragen; sie verstand es noch recht gut, den Teint durch künstliche Mittel zu heben, und mit allen Waffen der Toilettenkunst gegen die Spuren der zunehmenden Altersschwäche zu Felde zu ziehen. Abbe's, Dichter und Gelehrte, z. B. Carpani, der Freund und Biograph Haydn's, fanden sich in diesen Nachmittagsgesellschaften ein, Stadtgespräche und politische Neuig- ■ keiten wurden von Beamten und Staatsmännern zugetragen; die Damen erschienen in Abendtoilette; gesprochen wurde französisch, und zwar ziemlich schlecht; und das Ganze trug den Stempel der Unnatur. Herr v. E . . . ., der gerade schlichte Geschäftsmann, erschien nie in diesem Zirkel. Er hatte abonnirte Logen in allen Theatern, die Moscheies und seiner Frau offen standen. MitCzerny, dem alten Abbe Stadler, Schindler, „l'ami de Beethoven" (wie er sich auf seiner pariser Visitenkarte zu nennen liebte), der Familie Blahetka, dem Kapellmeister Seyfried, May- seder, Merck, Schuppanzigh, Leidesdorf, den beiden Hornisten Lewy wurde viel musicirt, die Erinnerungen der alten Freundschaft wurden erneuert, und die Presse behandelte Moscheies wie einen zu kurzem Besuch heimgekehrten und daher hochzuhaltenden Sohn. Die Hochzeit seiner Schwester Nanny, die ihn Ende October nach Prag rief, hinderte ihn, den verlockenden Moscheies' Leben. c, — 130 — Anerbietungen zu längerem Bleiben in Wien Gehör zu geben. In Prag wurde der heitere Familientag würdig gefeiert. Am folgenden Abend gab Moscheies im Theater bei überfülltem Hause ein Concert, und diesmal erfreuten sich Frau und Mutter zusammen in einer Loge des freundlichen Empfanges und der wiederholten Hervorrufe, durch die Moscheies ausgezeichnet wurde; ebenso im zweiten Concert, welches am 2. November im Theater stattfand. „Wie es mir in der Improvisation glückte, die Melodie aus Cherubinüs Wasserträger: qS=Z=t :?=—ß: £=F - etc. mit dem böhmischen Volksliedchen: 3 W-4- w-ä -*- H—^■-r- : F-bj--rf T~i*+' 1 -"-TT-* 1 * - gz ±rj—^-1— etc. zu verknüpfen und in dieser Verbindung - durchzuführen, erregte Aufsehen, und brachte mir enthusiastischen Beifall." Am Morgen des 5. November mussten sie sich von den Lieben in Prag trennen und am 6. Abends schon in einer Soiree in Dresden erscheinen, in der Moscheies mit den ersten Sängern der Stadt wie Sassaroli, der Palazzesi und Anderen um- die Wette musicirt. „Am 9. November Concerttag. Ich wurde noch vor dem Anfang des Concerts um vier Uhr zur Prinzess Louise gerufen, von der ich eine schöne Nadel bekam, einen Saphir in einen Lorbeerkranz von kleinen Brillanten eingefasst. Die Prinzessin überreichte sie mir mit sehr liebenswürdigen Worten; dann bat sie mich noch, ihrem Gemahl, dem Prinzen Max, vorzuspielen, imd als dies fast eine Stunde gedauert hatte, musste ich noch das alte f Steckenpferd, die Alexander-Variationen vorreiten. End- L lieh (gegen sechs Uhr) eilte ich in das Concert, das mir gut gelang - '. 10. November. „Die unglückliche Frau v, Weber besucht und viel über ihren unersetzlichen Verlust, auch über so manche damit verknüpfte unangenehme Angelegenheiten — 131 — ■ ■gesprochen und ihr nach meiner Rückkehr nach London den thätigsten Beistand zugesagt". Am folgenden Tage ging's nach Berlin, und, dort angekommen, natürlich gleich zu Mendelssohn's. 12. November: „Geburtstag von Fanny, mit Musik und Tanz gefeiert. Wir tanzten mit, ich löste auch den jungen Componisten Dorn ab, indem ich zum Tanz spielte. Dazwischen ernste musikalische Unterhaltung mit A. B. Marx." Trotz aller freundschaftlichen Beziehungen zu den Künstlerkreisen brachte er die Tage vom 12.—19. November mühevoll, ja qualvoll unter Anstalten zu seinem Concert zu. Zwar gab es täglich einige angenehme Stunden in den Häusern Mendelssohn, Beer, Bendemann und anderen, doch musste ■er meistens unmittelbar nach Tische forteilen, um Sänger -einzuladen und sonstige Geschäftsangelegenheiten zu betreiben, bis es ihm endlich durch die Vermittelung seines Freundes Blume gelang, einige Sänger zu erobern. Blume selbst durfte eben so wenig mitwirken, als die Sonntag, die, stets gefällig, es für ihr Leben gern gethan hätte. Sie war am Königstädter Theater engagirt; Moscheies aber wollte im Königlichen Schauspielhause Concert geben und musste daher auf ihre Mitwirkung verzichten. Am 20. November notirt er: „Heute ist unser lieber kleiner Adolf ein Jahr alt geworden und wir haben ihn nicht hier, das thut weh; aber wir müssen uns durch die grösste Thätig- keit zerstreuen; meine Frau hat tausend Concertbillette zu zeichnen und zu numeriren, und ich habe Probe für morgen im Königlichen Schauspielhause." 1,21. November Concerttag. Viel auf dem Instrument von Erard geübt, welches seine Schwester, Mme. Spontini, mir mit der dringenden Bitte zuschickte, in meinem Concerte darauf zu spielen. Ich hatte mit seinem Anschlag zu kämpfen. Frl. Sonntag, die mir nicht positiv • helfen durfte, that es negativ, indem sie sich heiser meldete, statt im „Sargin" zu singen; sie ging mit meiner Frau in's Concert, wo beide sich in den Hintergrund einer Loge zurückzogen. Als ich der gefeierten Sängerin dankte, sagte sie mit dem ihr eigenen lieblichen Lächeln: 9* — 132 — „„Aber lieber Moscheies, sollte denn eine alte wiener Freundin nicht die Kabalen eines Theater-Directors vereiteln helfen? s'Jettl is immer noch's Jettl."" Trotz ihrer Liebenswürdigkeit war der Saal, wahrscheinlich der späten Ankündigung und anderer ungünstiger Umstände halber,, nur zu zwei Dritteln voll; aber der Hof war zugegen und Alles ging vortrefflich unter Moser 's Leitung." Durch und mit Felix Mendelssohn und seiner Familie gab es wieder die genussreichsten Stunden. „Wie gross- war meine Freude, als er mir mit seiner Schwester Fannyseine neue Ouvertüre zum Sommernachtstraum zu vier Händen vorspielte! Und wie gediegen fand ich seine Sonate in E-dur! Er spielte mir auch seine grosse Ouvertüre in C mit dem Haupt-Thema für Trompeten und ein kleines Caprice vor, das er „Absurdite" nannte. Dieser grosse noch so jugendliche Genius hat wieder Riesenschritte gemacht, die aber, o Wunder, ausser von seinen Lehrern Zelter und Louis Berger und einigen Auserwählten, noch wenig anerkannt werden. Auch dieser Prophet muss erst durch das Ausland seinen Ruhm gründen. . . . Mich freut es, dass er und Marx und noch einige Liebhaber viel Interesse an meinen Etüden zeigen, indem sie wiederholt zu mir kommen, sie sich vorspielen zu lassen;: Marx erklärt sich sogar bereit, die C-moll-Etüde, „Der Kampf der Dämonen" betitelt, die er allen anderen vorzieht, zu instrumentiren." Diese C-moll-Etüde entstand auf eigene Weise. Moscheies hatte für seine Frau sein „Rondo expressif" in ihrer Lieblingstonart As-dur compo- nirt, und sie übte es mit grossem Eifer, konnte aber den letzten rollenden Lauf nie ganz zu ihrer eigenen Zufriedenheit herausbringen und klagte ihm dies. „Gut", sagte er, „Alle, denen es so geht wie Dir, sollen eine ganze Etüde solcher Läufe zu üben bekommen, dann werden sie's schon lernen." Ritter Spontini war freundlich gegen Moscheies;. dieser gehörte nicht zu den Rivalen, Feinden und Neidern,, über die er beständig klagte; er zog ihn auch mit Fragen in's Vertrauen, zu welchen Preisen er wohl seine Opern. — 133 — in England verkaufen, durch welche Mittel er sie dort -zur Aufführung bringen könne. Im Königstädter Theater „ergötzte" sie die liebliche hinreissenda Sontag im „Sargin", in der „weissen Dame" und in der „Italienerin in Algier". Blum zeigte Moscheies -seine neue Oper „Der Bramine" im Manuskripte. Moser studirte eben die neunte Symphonie von Beethoven ein, und Moscheies konnte nur mit steigendem Interesse den Proben und der Aufführung beiwohnen, und das Riesenwerk immer mehr anstaunen. Das Tagebuch berichtet aus dieser Zeit auch über einen kleinen Austausch von Scherzen, den Saphir hervorrief, indem er ihm eine In- strumenten-Figur mit sehr witziger Erklärung für sein Album brachte, während Moscheies ihm als Erwiderung über das Motto seines Blattes „Die Schnellpost" einen vierstimmigen Canon schrieb: „Nur frisch, holpert es gleich, über Stock und Stein, rasch in's Leben hinein." Am 28. November findet ein zweites Concert im grossen Opernhause statt, das überfüllt war. Der ganze Hof wohnte ihm bei. Moscheies spielte unter Anderen das ■dem König dedicirte Es-dur-Concert. Noch an demselben Abend wurde die Rückreise nach Hamburg angetreten, wo sie am i.^December ein fröhliches Wiedersehen feierten, und Alles, auch den Knaben, im besten Wohlsein antrafen. Der letzte Monat des Jahres, während dessen Moscheies nur einige Mal öffentlich auftrat, verlief ruhig und in lustigem Beisammensein. Von wichtigeren Compositionen beendete Moscheies in diesem Jahre das zweite Heft der vierundzwanzig Etüden (op. 70) und die „Anticipations of Scotland" (Fantasie über .schottische Motive). 1827. Das Jahr 1827 begann mit einigen Concerten in Hannover und GÖttingen. Den Aufenthalt in letzterer Stadt benutzt Moscheies, um die Universität kennen zu lernen. Mit besonderem Interesse hört er einige Vorlesungen des — 134 — Staatsrechtslehrers Sartorius. Sowohl seitens der Einwohner als der Studentenschaft hatte er sich einer herzlichen Aufnahme zu erfreuen. Am 7. Januar meldet das Tagebuch die glückliche Ankunft in Cassel. „Das Wiedersehen mit Spohr erfreut mich gar sehr, das Bewusstsein, einen so grossen Mann zu verstehen, das gegenseitige Interesse an den Leistungen,, das Alles thut wohl. Sein Garten ist selbst im Winter reizend." Wie sehr Spohr sich Moscheies in diesen Tagen widmete, geht aus dem Tagebuch hervor. Am 8. Januar hilft er ihm Concertanstalten machen; am 9. Januar heisst es: „Heute war bei Spohr ein ausgewählter Cirkel von Musikern und Musikfreunden, unter ihnen Hauptmann, Gerke und Frau v. Malsburg. Spohr spielte mit bekannter Trefflichkeit seine zwei neuesten Quartette in D-moll und B-dur, ich das erste Stück meines C-dur-Concertes und das erste Heft meiner Etüden, die besonderes Interesse zu erregen schienen." „Am 10. Januar mit Spohr auf die Wilhelmshöhe und bei ihm gespeist. Am 11. Januar früh mit ihm in die Probe meines Concertes im Stadtbausaale. Dort empfing er zu Aller Erstaunen ein Rescript des Kurfürsten, das mein Concert von diesem Saal in's Theater verlegte, mit dem Bedeuten, der Kurfürstliche Hof werde es besuchen." Ein Brief der Frau ergänzt diese Notiz: „Der Kurfürst beliebt sonst kein Concert im Saale zu besuchen, weil es dort keine Loge giebt, verweigert gewöhnlich das Theater zu Concerten (wie z. B. selbst Hummel gegenüber) und hat, wie man hier sagt, noch keins im Theater besucht, beehrt also meinen Mann so sehr, wie^ ein Kurfürst von Hessen ihn nur beehren kann." Ueber das Concert selbst sagt das Tagebuch: „Ich wurde unter Spohr's Leitung herrlich accompagnirt, sodass ich mit Liebe mein G-moll-Concert und Clair de lune spielte, auch recht begeistert über das Frauenduett aus „Jessonda" und den „Vogelfänger" phantasirte. Die Ouvertüre zum „Berggeist" und „Lodoiska" wurden vortrefflich gespielt. Wild und die Heinefetter sangen sehr schön." Neben alledem finden sich noch ein paar ruhige — 135 — Stunden im Hotel. „Der Junge ist gottlob gesund und schläft", schreibt Moscheies, „wir machen die Titel zu den Etüden, ich schreibe die Bemerkungen zu jeder einzelnen, um dem Schüler das richtige Verständniss ihres Zweckes zu geben, meine Frau übersetzt sie sogleich in's Französische und Englische; denn sowie Probst sie für Deutschland verlegt, so Schlesinger für Frankreich. In England habe ich mir von Cramer Beale & Co. statt des Honorars ein Viertel. Antheil von jedem Exemplar ausbedungen." Der nächste Haltepunkt ist Elberfeld. Dort angekommen, «schickte Moscheies sogleich „zu dem musikalischen Schornstein (dem dortigen Musikdirector), um ihm sagen zu lassen, dass er nur durchreise; der aber rauchte von einer Subscriptionsliste, die schon für übermorgen circulire, und die Erwartungen der musikalischen Welt rege gemacht habe, und wollte keine Absage annehmen." „Endlich", schreibt Moscheies den Verwandten, „sah ich, dass es eine Ehrensache sei und willigte ein, Concert zu geben. Der Zettel wird oder sollte doch lauten: Symphonie von Beethoven, so gut als möglich von einer Musiker-Versammlung vorgetragen, die sich Orchester nennt; Es-dur-Concert, gespielt mit möglichster Vorsicht, damit das Orchester nicht zurückbleibe; Alexander-Variationen; Arie, gesungen von einer Sängerin, wenn es hier eine gäbe; Vocal-Männer- Quartett, das Solo repräsentirend; zum Schluss freie Phantasie, nach der mir erlaubt sein wird, frei ohne Hinderniss abzureisen. Die Kosten werden vom Gewinn abgezogen und der Reinertrag zur Deckung der Postpferde bestimmt. Verzeiht die Thorheiten, sie zeigen Euch, dass wir mit dem Jungen gesund und vergnügt sind."..... Aus Aachen, ihrer nächsten Station, schreibt die Frau: „Gerade am Concerttage in Elberfeld stand die halbe Stadt unter Wasser, ganz wie bei unseren Hamburger Sturm- fluthen, sodass nur die Hälfte des Orchesters zur Probe kam, was etwa ein Stück von einem halben Apfel re- präsentirt. Das Publikum kam aber Abends zur Aufführung in Kutschen angeschwommen und überfüllte den Saal. Hier in Aachen sind die alten Freunde so sehr um uns - 136 - bemüht, dass dies nur ein eiliges Wischiwaschi wird, was Ihr entschuldigen müsst."___ „Ich will auch ein bischen Wischiwaschi liefern", fügt Moscheies hinzu, „und meine Freude ausdrücken,, dass diese Reise, wenn sie auch keine besonderen pecuniären Vortheile bringt, doch dem Schwungrade meiner Künstlerlaufbahn neuen Antrieb geben Avird. Hier, wo man mich doch schon so oft gehört, erregt die erwartungsvolle Spannung des Publikums, die sich deutlich in der Sübscriptionsliste ausspricht, wahre Begeisterung in mir, und ich opfere ihr gern die in London versäumten Lectionen. Dass wir aber nun zunächst aus unserem lieben Häuschen in London schreiben werden, hat grossen Reiz für mich!"" Von Brüssel aus wird über die enthusiastische Aufnahme und den glücklichen Erfolg des Concertes in Aachen berichtet, über 'Brüssel und die angrenzenden Städte aber eilen sie trotz vieler Aufforderungen zu Concerten hinweg, und am 26. Januar erreichen sie London. Schon im Februar muss er wieder in Bath spielen und lässt sich diesmal zu Erard's nicht geringer Befriedigung eines seiner Instrumente dorthin schicken. Doch auch ihm macht es Freude, sich- auf diesem herrlichen Flügel zu ergehen. Moscheies schrieb in diesem Frühjahr seine fünfzig Präludien für Ciavier (op. 73), „Les charmes de Londres" (op. 74), und ein zweites Rondo, das im „Album des Pianistes" erschien. Ausserdem wurde er von gut zahlenden Verlegern zu einer Menge von kleinen Modesachen veranlasst, die, schnell entstanden, für ihn selbst so geringen Werth hatten, dass sie keine Opus-Nummer bekamen. Diese leichten Sächelchen gebrauchte er oft und immer mit Erfolg bei seinen Schülerinnen, die sich auch in diesem Jahre wieder in grosser Masse einfanden. „Sie fürchten sich vor jedem ernsten Studium; ich höre, •sogar dann und wann von den Müttern: „Will you give her something with a pretty tune in it, brilliant and not too difficult." („Wollen Sie ihr etwas geben, das eine gefällige Melodie hat, brillant und nicht zu schwer.") Um diesem - i37 — "Wunsche nachzukommen, suche ich alle Vollgriffigkeit und ungewöhnliche Modulation zu vermeiden, kann "aber eben deshalb diese Sachen nicht als legitime Geschwister anderer Geisteskinder betrachten." Kein Wunder, dass man bei dieser Hinneigung zu leichten, in's Ohr fallenden Rhythmen eine aus dem Ziller- thal nach London gepilgerte Sängerfamilie als angenehme Novität begrüsste. " Es waren die Rainer's, drei Brüder und eine Schwester. Wie fast alle vom Continent kommenden Musiker, waren sie an Moscheies empfohlen. Er richtete ihnen einige tägliche Productionsstunden in der Egyptian Hall ein, wo sie ihre wunderhübschen Tiroler- liedchen sangen und der eine Bruder mit der Schwester sich auch in einem phlegmatischen Ländler schwang. Ihr treuherziges Wesen, ihr reiner Gesang, ihre charakteristischen Lieder, ihre echte Tiroler Tracht, Alles gefiel und lockte mehr und mehr Zuhörer herbei, sodass sie trotz eines geringen Einlasspreises gute Geschäfte machten. Hierbei aber blieb die Sache nicht stehen; diese Tiroler wurden Mode. In den glänzendsten Soireen der vornehmsten Damen mussten sie die grössten Opernsänger mit ihren Volksmelodien ablösen. König Georg IV. hörte sie so gern, dass er sie mit neuen Exemplaren ihrer Nationaltracht begabte, worauf sie mit Recht stolz waren. Bei Moscheies gingen sie ein und aus, holten sich Rath oder erzählten von ihren Erfolgen. Ihm leisteten diese Rainer's ganz unerwartet einen grossen Dienst. Sein jährliches, wochenlang vorbereitetes Concert litt an entschiedenem Sänger-Malheur. Die eine Sängerin wurde heiser, die andere durch einen Unfall am Singen verhindert, und das Alles erst in dem Augenblick, wo das Concert beginnen sollte. Nun hatte er zwar noch Mme. Caradori, auch Frau Stockhausen, deren reizende Stimme und lieblicher Vortrag schon damals Aufsehen zu 'erregen begann; er hatte auch ein beliebtes Buffo- Duett zwischen Galli und de Begnis; de Beriot spielte ein Violinsolo, und er selbst, ausser seinen Solosachen, noch sein „Hommage ä Händel" mit Cramer; der concertbesuchende Engländer lässt sich - i 3 8 - aber nicht ohne Murren zwei Gesangsnummern abziehen, und Solisten waren in dieser elften Stunde nicht aufzutreiben. „Da fiel mir ein, dass die Rainer's in der nächsten Nähe meines Concertsaales eine fashionable Soiree hatten; ich eilte -zu ihnen: „Rainer's, wollt Ihr zwischen Euren Stücken bei Lady ** zwei Mal für mich singen? Ich bin in Verlegenheit." „„Ja gewiss"", ertönte es im Quartett, „„für Dich thun wir Alles"", und so kamen sie und sangen, und meine Lücken waren gut ausgefüllt." Von den Londoner Musikverlegern geplagt, musste sich Moscheies entschliessen, einige Stückchen über die Lieder dieser beliebten Gäste zu schreiben. Da er aber doch nur für einen schreiben konnte, so ward der so Bevorzugte von einem anderen Zurückgesetzten angegriffen; die beiden Herren processirten um die arrangirten Liedchen; aber Moscheles' - Verleger gewann; es war ihm nichts anzuhaben. In dieser Saison fand sich auch der junge Liszt in London ein. Er spielte wiederholt mit seiner allbekannten Virtuosität, die schon damals sehr entwickelt war, konnte aber dennoch den kleinen Saal, in dem er am 9. Juni Concert gab, nicht füllen. Von seinem dort gespielten Concert in A-moll bemerkt das Tagebuch, dass es „chaotische Schönheiten enthält"; von seinem Spiel, dass es „alles früher Gehörte an Kraft und Ueberwindung von Schwierigkeiten übertreffe." Die Anzahl der Concerte war ebenso bedeutend wie in früheren Jahren, und Moscheies spielte manchmal in zweien an einem Abend. Der Harfenspieler Labarre, der Cellist Poignie und der Flötenspieler Sedlatzek, sowie de Beriot waren neue Erscheinungen am musikalischen Horizont. Mitten in dieses gesunde heitere Leben fiel wie ein Donnerschlag die Nachricht von der Krankheit des grossen Heros Beethoven! Die erste Notiz im Tagebuch finden wir in folgenden Worten: „Heute zum Tode erschreckt durch Stumpff! Beethoven ist gefährlich krank, wollte er mir mittheilen; er hat einen Brief, der es meldet. Welch — 139 — entsetzliches Unglück für die musikalische Welt. Und welche Schmach, auch von Nahrungssorgen ist darin die Rede; es ist undenkbar." In diese Zeit, vielleicht in das Ende des vorhergehenden Jahres, scheint folgender Brief Beethoven's ohne Datum zu gehören. Mein werther Herr! Rode hatte wohl in allem Recht, was er von mir sagte. — Meine Gesundheit ist nicht die beste — und unverschuldet ist eben meine sonstige Lage wohl die ungünstigste meines Lebens — übrigens wird mich das und nichts in der Welt nicht abhalten, Ihren ebenso unschuldig leidenden Convent-Frauen so viel als möglich durch mein geringes Werk zu helfen. — Daher stehen Ihnen zwei ganz neue Sinfonien zu Diensten, eine Arie für Bassstimme mit Chor, mehrere einzelne kleine Chöre, brauchen Sie die Ouvertüre von „Ungarns Wohlthäter", die Sie schon voriges Jahr aufgeführt, so stehet sie Ihnen ohnedem zu Diensten. Die Ouvertüre von den „Ruinen von Athen", diese obschon in einem etwas kleinen Styl, steht Ihnen auch zu Diensten. — Unter den Chören befindet sich ein Derwisch- Chor, für ein gemischtes Publikum ein gutes Aushängeschild. — Meines Erachtens würden Sie aber wohl am besten thun, einen Tag zu wählen, wo Sie das Oratorium „Christus am Oelberge" geben könnten. Es ist seitdem an allen Orten aufgeführt worden. Dieses machte dann die eine Hälfte der Akademie, zur zweiten Hälfte machten Sie eine neue Sinfonie, die Ouvertüren und verschiedenen Chöre wie auch die obgesagte Bassarie mit Chor — so wäre der Abend nicht ohne Mannigfaltigkeit, doch reden Sie dieses am besten mit den dortigen musikalischen Rathsherren ab. — Was Sie von einer Belohnung eines Dritten für mich sagen, so glaube ich diesen wohl errathen zu können; wäre ich in meiner sonstigen Lage, nun ich würde geradezu sagen: „Beethoven nimmt nie etwas, wo es für das Beste der Menschheit gilt", doch — 140 — jetzt ebenfalls durch meine grosse Wohlthätigkeit in einen Zustand versetzt, der mich zwar eben durch seine Ursache nicht beschämen kann, wie auch andere Umstände, welche daran schuld sind, von Menschen ohne Ehre, ohne Wort herkommen, so sage ich Ihnen gerade, ich würde von einem reichen Dritten so etwas nicht ausschlagen. — Von Forderungen ist eben hier die Rede nicht, sollte auch das alles mit einem Dritten nichts seyn, so seyn Sie überzeugt, dass ich auch jetzt ohne die mindeste Belohnung ebenso willfährig bin, meinen Freundinnen, den Ehrwürdigen Frauen, etwas gutes erzeigen zu können, als voriges Jahr, und als ich es allzeit sein werde für die leidende Menschheit überhaupt, so lange ich athme. — Und nun leben Sie wohl, schreiben Sie bald und mit dem grössten Eifer werde ich alles nöthige besorgen — meine besten Wünsche für den Convent. — Mit Hochachtung Ihr Freund Ludwig van Beethoven. An Seine Hochgebohren Herrn Joseph von Warena in Grätz. Gleich in der ersten Aufregung schrieb Moscheies an seinen väterlichen Freund, Herrn Lewinger in Wien, um sich genau nach Beethoven und seinen Verhältnissen zu erkundigen; aber noch ehe diese ersehnte Antwort eintraf — die Postverbindungen waren damals langsam und im Winter besonders unsicher —, lief bei Moscheies schon folgender Brief von Beethoven ein, der keinen Zweifel über das Unglück des grossen Mannes übrig liess: Wien, 22. Februar 1827. Mein lieber Moscheies! Ich bin überzeugt, dass Sie es nicht übel nehmen, dass ich Sie ebenfalls wie Sir Smart, an den hier ein Brief beiliegt, mit einer Bitte belästige. Die Sache ist in Kürze — 141 — diese. Schon vor einigen Jahren hat mir die Philharmonische Gesellschaft in London die schöne Offerte gemacht, zu meinem Besten eine Akademie zu veranstalten. Damals war ich gottlob nicht in der Lage, von diesem edlen Antrage Gebrauch machen zu müssen. Ganz anders ist es aber jetzt, wo ich schon bald drei Monate an_ einer äusserst langwierigen Krankheit darniederliege. Es ist die "Wassersucht. Schindler wird Ihnen hier beiliegend mehr davon sagen. Sie kennen seit lange mein Leben, wissen auch, wie und wo ich lebe. An's Schreiben ist jetzt lange nicht zu denken, und so könnte ich leider in die Lage versetzt werden, Mangel leiden zu müssen. Sie haben nicht nur ausgebreitete Bekanntschaften in London, sondern auch bedeutenden Einfluss bei der Philharmonischen Gesellschaft. Ich bitte Sie daher, diesen so viel, als es Ihnen möglich, anzuwenden, dass die Philharmonische Gesellschaft jetzt von Neuem diesen edlen Entschluss fassen und bald in Ausführung bringen möge. Des Inhalts ist auch der beiliegende Brief an Sir Smart, sowie ich einen bereits an Herrn Stumpff abschickte. Ich bitte Sie, den Brief an Sir Smart einzuhändigen und sich zur Beförderung dieses Zweckes mit ihm und allen meinen Freunden in London zu vereinigen. Selbst das Dictiren wird mir schwer, so schwach bin ich. Empfehlen Sie mich Ihrer liebenswürdigen Frau Gemahlin und seien Sie überzeugt, dass ich stets sein werde Ihr Freund Beethoven. Antworten Sie mir auch bald, damit ich höre, ob ich was zu hoffen habe. Diesem Schreiben war folgende herzzerreissende Einlage von Schindler, seinem Freund und Pfleger, beigefügt: Wien, 22. Februar 1827. Theuerster Freund! Bei Durchlesung des Briefes unseres unglücklichen Beethoven werden Sie sehen, dass ich mir darin auch vorbehalten habe, einige Zeilen an Sie zu richten. Wohl' ■— I-P — hätte ich Ihnen sehr viel zu sagen, allein ich will nur bei Beethoven verweilen, weil das wohl für jetzt der wichtigste Gegenstand ist, der mir am Herzen liegt. In seinem Briefe an Sie werden Sie seine Bitte und seinen sehnlichsten Wunsch ausgesprochen finden, desselben Inhalts ist auch jener an Sir Smart, sowie ein früherer, auch von meiner Hand geschriebener, an den Herrn Harfenmacher Stumpff. Schon bei Ihrem letzten Hiersein schilderte ich Ihnen Beethoven's finanzielle Zustände und ahnte nicht, dass der Zeitpunkt so nahe sei, wo wir diesen würdigen Mann auf eine so jämmerliche Art seinem letzten Ende würden entgegen gehen sehen. Ja, wohl kann man sagen „seinem letzten Ende"; denn wie die Sache mit seiner Krankheit gegenwärtig steht, so ist an eine Genesung gar nicht zu denken, obwohl er dies gar nicht wissen darf, aber es selbst schon ahndet. Erst am 3. December kam er mit seinem nichtswürdigen Neffen vom Lande an. Auf der Hierherreise musste er des schlechten Wetters halber in einem elenden Wirthshause übernachten, wo er sich dermassen eine Erkältung zuzog', dass er augenblicklich eine Lungenentzündung bekam und in diesem Zustande hier ankam. Kaum war dieselbe beseitigt, so zeigten sich auch schon alle Spuren der Wassersucht, die so heftig überhand nahm, dass er schon am 18. December das erste mal musste operirt werden, sonst wäre er geborsten. Am 8. Januar folgte die zweite Operation und am 20. Januar die dritte. Nach der zweiten und dritten Hess man das Wasser jedesmal durch elf Tage aus der Wunde fiiessen; allein kaum war die Wunde geheilt, so war der Andrang des Wassers ungeheuer schnell, sodass ich öfters fürchtete, er musste, noch ehe es zur Operation kommen könnte, ersticken. Nur jetzt bemerke ich, dass der Andrang des Wassers nicht so heftig ist, als früher, denn es dürften jetzt, wenn es so fortgeht, wohl noch 8 —10 Tage bis zur vierten Operation vergehen. Nun, Freund! denken Sie sich Beethoven in einer so fürchterlichen Krankheit, mit seiner Ungeduld und über- — 143 — haupt mit seinem Temperament. Denken Sie sich ihn in diese Lage versetzt durch den niederträchtigsten Menschen, seinen Neffen, zum Theil auch durch seinen Bruder; denn "beide Aerzte, Herr Malfatti und Prof. Wawruch, erklären den Grund der Krankheit aus den fürchterlichen Gemüths- bewegungen, denen der gute Mann lange Zeit hindurch durch seinen Neffen ausgesetzt war, sowie aus dem zu langen Aufenthalt in der nassen Jahreszeit auf dem Lande, welches aber nicht leicht zu ändern war, weil der junge Herr nicht in Wien bleiben durfte, infolge eines Polizeimandates, und ein Platz bei einem Regiment nicht sogleich ausfindig zu machen war. Nun ist er Cadett beim Erzherzog Ludwig und beträgt sich noch stets gegen seinen Onkel so wie früher, obwohl er jetzt so wie eh', ganz von ihm lebt. Den Brief an Sir Smart schickte ihm Beethoven bereits vor vierzehn Tagen zu, zur Ueber- setzung in's Englische, allein bis heute ist noch keine Antwort zurück, obwohl er nur einige Stationen von hier, in Iglau ist. Sollten Sie es, mein herrlicher Moscheies, in Verbindung mit Sir Smart dahin bringen, dass die Philharmonische Gesellschaft seinem Wunsche willfahrt, so thun Sie gewiss dadurch die grösste Wohlthat; die Ausgaben in dieser langwierigen Krankheit sind ausserordentlich, so zwar, dass die Vermuthung, er werde in der Folge Mangel leiden müssen, ihn Tag und Nacht quält; denn von seinem abscheulichen Bruder etwas annehmen zu müssen, brächte ihm zuerst den Tod. Wie es sich jetzt schon zeigt, so wird aus der Wassersucht eine Abzehrung; denn er ist jetzt schon nur Haut und Knochen; allein seine Constitution wird noch sehr lange diesem entsetzlichen Ende widerstehen. Was ihn noch sehr kränkt, ist, dass sich hier gar Niemand um ihn bekümmert; und wirklich ist diese Theil- nahmlosigkeit höchst auffallend. In früherer Zeit ist man in Equipagen vorgefahren, wenn er nur unpässlich war; jetzt ist er ganz vergessen, als hätte er gar nie, in .Wien gelebt. Ich habe dabei die grösste Plage und wünsche — 144 — sehnlichst, dass es sich mit ihm bald ändern möge, wie immer, denn ich verliere alle meine Zeit, da ich blos allein mit ihm zu thun habe, weil er sonst Niemand um sich haben will, und ihn in dieser ganz hülflosen Lage verlassen, wäre doch unmenschlich. Er spricht jetzt häufig von einer Reise nach London, wenn er gesund wird, und rechnet schon, wie wir Beide am wohlfeilsten auf der Reise leben werden. Aber du lieber Gott! die Reise wird hoffentlich weiter als nach England gehen. Seine Unterhaltung, Avenn er allein ist, besteht im Lesen der alten Griechen, auch mehrere der ■ W. Scott'schen Romane hat er mit Vergnügen gelesen. Wenn Sie, mein theurer Freund, die Gewissheit haben, dass die Philharmonische Gesellschaft diesen schon längst geäusserten Vorsatz in Ausführung bringen will, so unterlassen Sie ja nicht, Beethoven direct hierüber in Kennt- niss zu setzen; denn dies wird ein neues Leben für ihn sein. Auch Sir Smart suchen Sie zu bewegen, dass er ihm schreibe, damit er eine doppelte Versicherung erhalte u. s. w. Gott befohlen denn! Ihrer vortrefflichen Frau Gemahlin melden Sie gütigst meine ganze Ergebenheit. Mit aller erdenklichen Hochachtung Ihr stets dienstfertigster Freund Ant. Schindler. P. S. Wenn die Sache für Beethoven mit der Philharmonischen Gesellschaft' zu Stande kommt, so sollten mehrere dieser Herren an Beethoven bei Uebermachung des Geldes ohne Rückhalt sich dahin aussprechen, dass die Gesellschaft den Wunsch habe, er möge dieses Geld zu seinem, und nicht zum Vortheil seiner unnatürlichsten Verwandten, am wenigsten für seinen undankbaren Neffen, verwenden. Dies würde sehr vortheilhaft wirken; denn sonst giebt er es wieder seinem Neffen, der es nur verlumpt, während er selbst Mangel leidet. „Krank und in Noth so vernachlässigt, — ein Beethoven?" ruft Moscheies aus. Die Aufregung im Hause war — 145 — gross. Moscheies eilte zu Smart, und ihr erster Impuls war, dem grossen Manne £ 20 zu schicken, um ihn vorläufig in die Möglichkeit zu versetzen, sich kleine Bequemlichkeiten zu verschaffen, und ihm zu zeigen, dass ein Beethoven nie Sorge haben dürfe. Da fiel es Mosche- les noch zu rechter Zeit ein, dass dies von Beethoven wahrscheinlich als eine Art von Almosen angesehen werden, ihn nur beleidigen, ja vielleicht in die höchste Aufregung bringen könnte, und sie unterliessen die Sendung, wandten sich aber unverzüglich an die Spitzen der Philharmonischen Gesellschaft. Diese, nicht minder entsetzt, waren auch nicht minder bereit, zu helfen, brauchten aber natürlich einige Zeit, um ihre Körperschaft einzuberufen und über das Wie und Was der Hülfe zu berathen. Unterdess kam schon Beethoven's zweiter, hier folgender Brief an Moscheies, mit Einlage von Schindler: Wien, 14. März -1827. Mein lieber guter Moscheies! Ich habe dieser Tage durch Herrn Lewinger erfahren, dass Sie sich in einem Briefe vom 10. Februar bei ihm erkundigten, wie es mit meiner Krankheit stehe, von der man so verschiedenartige Gerüchte ausstreut. Obwohl ich keineswegs zweifele, dass Sie meinen ersten Brief an Sie vom 22. Februar jetzt schon in Händen haben, der Sie über Alles, was Sie zu wissen verlangen, aufklären wird, so kann ich doch nicht umhin, Ihnen für Ihre Theilnahme an meinem traurigen Schicksale herzlich zu danken, und Sie nochmals zu ersuchen, sich meine Bitte, die Sie aus meinem ersten Brief schon kennen, recht angelegen sein zu lassen; — und ich bin beinahe im Voraus versichert, dass es Ihnen in Verbindung mit Sir Smart, Herrn Stumpff, Herrn Neate und anderen meiner Freunde gewiss gelingen werde, ein günstiges Resultat für mich bei der Philharmonischen Gesellschaft zu erzwecken. An Sir Smart habe ich seit diesem auch nochmals geschrieben, da ich Moscheies' Leben. 10 — 146 — zufällig die Adresse von ihm fand, und ihm auch nochmals meine Bitte an's Herz gelegt. Am 27. Februar wurde ich zum vierten Male operirt, und jetzt sind schon wieder sichtbare Spuren da, dass ich bald die fünfte zu erwarten habe. Wo soll das hin, und was soll aus mir werden, wenn es noch einige Zeit so fort geht? — Wahrlich, ein sehr hartes Loos hat mich getroffen! Doch ergebe ich mich in die Fügung des Schicksals, und bitte Gott stets nur, er möge es in seinem göttlichen Rathschlusse so lenken, dass ich, so lange ich noch hier den Tod im Leben erleiden muss, vor Mangel geschützt werde. Dies würde mir so viel Kraft geben, mein Loos, so hart und schrecklich es immer sein möge, mit Ergebenheit in den Willen des Allerhöchsten zu ertragen. So, mein lieber Moscheies, empfehle ich Ihnen nochmals meine Angelegenheit, und geharre in grösster Achtung stets jh r Freund Beethoven. Hummel ist hier und hat mich schon einige Mal besucht. Dazu schreibt Schindler: Mein theuerster Freund! Hier auch ein Fleckchen von mir. —" Wie es mit Beethoven geht, können Sie aus seinem Schreiben hier abnehmen. Dass es stets mehr dem Tode als der Genesung näher geht, so viel ist gewiss, denn die Abzehrung hat schon den ganzen Körper ergriffen. Jedoch kann es viele Monate so fortgehen, denn seine Brust ist bis itzt noch wie von Stahl. Suchen Sie es nur dahin zu bringen, dass, wenn die Philharmonische Gesellschaft ihm seine Bitte erfüllt, das Geld hier Jemand Solidem, z. B. einem grossen Handlungshause übertragen werde, von dem er dann nach und nach so viel, als er braucht, herausnehmen könnte. Die Philharmonische Gesellschaft soll aber ohne weitere Rücksicht — H7 — Beethoven erklären, sie ergreife diese Massregel nur zu seinem Vortheil, weil es ihr zu bekannt sei,, dass seine ihn umgebenden Verwandten nicht redlich jinit ihm umgingen u. s. w. Er wird zwar darüber stutzen, allein ich und Andere, zu denen er Vertrauen hat, werden es ihm ichon begreiflich machen, dass dies eine sehr wohlthätige Massregel ist, und ier wird damit zufrieden sein. Denn, was, er allenfalls hinterlassen sollte, kommt in die allere unwürdigsten Hände von der "Welt, und besser wäre es, es gehörte dem Zuchthause zu. Hummel ist mit seiner Frau hier. Er hat sich sehr beeilt, Beethoven noch am Leben zu treffen, weil es in Deutschland allgemein hiess, er sei schon zum Sterben. Das Wiedersehen dieser Beiden am vorigen Donnerstag war wirklich ein rührender Anblick. Ich machte Hummel früher aufmerksam, er solle sich über seinen Anblick fassen. Nichtsdestoweniger war er so davon überrascht, dass er. sich alles Kampfes ungeachtet nicht enthalten konnte, in Thränen auszubrechen. Der alte Streicher kam ihm aber schon zuvor. Das erste, was Beethoven dem Hummel sagte, war: „Sieh, mein lieber Hummel, das Haus, wo der Haydn geboren wurde, heute habe ich's zum Geschenk erhalten, und es macht mir eine kindische Freude. Eine schlechte Bauernhütte, wo so ein grosser Mann geboren Avurde!" So sah ich zwei Männer, die sonst nie die besten Freunde waren, alle Zänkereien des Lebens vergessend, in dem allerherzlichsten Gespräch miteinander, Beide haben sich nächsten Sommer ein Rendez-vous in Carlsbad gegeben. O weh! An Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin meinen alier- herzlichsten Gruss und nun Gott befohlen! Ihr unveränderlich ergebenster Freund Ant. Schindler. Indess aber hatte die Philharmonische Gesellschaft schon beschlossen und ausgeführt, was dem Unglücklichen frommen musste. Einmüthig hiess es bei den Berathungen, denen Moscheies als Mitglied beiwohnte, man wolle ihn - 148 - nicht warten lassen, bis man ein Concert veranstalten könne, wozu in dem grossen London vier bis sechs Wochen gehörten, überdies sei die Jahreszeit eine ungünstige; man wolle ihm unverzüglich £ ioo durch Moscheies übermachen, um aber sein Zartgefühl zu schonen, dabei bemerken, dies geschehe ä Conto des sich vorbereitenden Con- certes. Der hier folgende Brief von Rau (einem Wiener Freunde Beethoven's) *) beweist, dass diese Sendung Wien möglichst rasch erreichte: Wien, 17. März 1827. Lieber Freund! Nach einer sehr bedeutenden Augenentzündung, die mich drei Wochen hindurch zwischen den vier Wänden meiner Kammer gefangen hielt, bin ich Gottlob wieder so weit hergestellt, dass ich, obschon mit Mühe und Anstrengung, die Feder wieder führen darf. Errathe, was Du nicht lesen kannst und habe Nachsicht mit der Un- deutlichkeit meiner Schrift, Dein Schreiben, welches ich zugleich mit den für Beethoven überschickten £ 100 richtig empfing, setzte uns in ebenso grosses Staunen als Bewunderung. Der grosse, in ganz Europa mit Recht verehrte, hochgepriesene Mann, der edelste gutherzigste Mensch liegt in Wien in der grössten Noth auf seinem Krankenlager zwischen Leben und Tod! und dies müssen wir von London aus erfahren**), von dort eilt man, ihm sein Elend, seinen Kummer zu mildern, ihn mit Hochherzigkeit vor Verzweiflung zu retten. *) Rau war viele Jahre Erzieher des jungen Barons von Eskeles, dessen Eltern sich einst Moscheies' so freundlich angenommen . hatten. Diesem übersandte Moscheies st 100 mit der Bitte, selbst zu untersuchen, wie es mit Beethoven stehe. **) Im Originalbrief finden wir folgende Anmerkung von Moscheies' Hand: „Ich habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven's gefahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, und dass viele seiner Verehrer ihm mit Hülfe und Trost entgegengeeilt wären, wenn seine Zurückgezogenheit den Zutritt zu ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu sehr erschwert hätte." — 149 — Ich fuhr auf der Stelle zu ihm, um mich von seiner Lage zu überzeugen, und ihm die bevorstehende Hülfe anzuzeigen. Es war herzzerreissend, ihn zu sehen, wie er seine Hände faltete und sich beinahe in Thränen der Freude und des Dankes auflöste. Wie belohnend und beseligend wäre es für Euch, Ihr grossmüthigen Menschen, gewesen, wenn Ihr Zeugen dieser höchst rührenden Scene hättet sein können! Ich fand den armen Beethoven in der traurigsten Lage, mehr einem Skelette als einem lebenden Wesen ähnlich. Die Wassersucht hat so sehr um sich gegriffen, dass er schon vier bis fünf Mal abgezapft werden musste. Er ist in ärztlicher Beziehung in den Händen des Dr. Mal- fatti, also gut versorgt. Malfatti gibt ihm wenige Hoffnung. Wie lange sein gegenwärtiger Zustand noch dauern, oder ob er überhaupt gerettet werden kann, lässt sich nicht bestimmen. Indess hat die Anzeige der eingetretenen Hülfe eine merkwürdige Veränderung zur Folge gehabt. Durch die freudige Gemüthsbewegung veranlasst, sprang in der Nacht eine der vernarbten Ponctionen auf, und alles Wasser, das sich seit vierzehn Tagen gesammelt hatte, floss von ihm. Als ich ihn des anderen Tages besuchte, war er auffallend heiter, fühlte sich wunderbar erleichtert. Ich eilte zu Malfatti, um ihn hiervon in Kennt- niss zu setzen. Er hält dieses Ereigniss für sehr beruhigend. Man wird ihm auf einige Zeit eine Hohlsonde appliciren, um diese Wunde offen zu erhalten, und dem Andränge des Wassers freien Abfluss zu verschaffen. Gott gebe seinen Segen! Mit seiner häuslichen Umgebung und Bedienung, die in einer Köchin und einem Dienstmädchen besteht, ist Beethoven zufrieden. Sein Freund, unser bekannter braver Schindler, speist täglich bei ihm, und sorgt in dieser Beziehung sehr freundschaftlich und redlich für ihn. Schindler besorgt Beethoven's Correspondenz, und bestreitet, so viel möglich, seine Auslagen. Hier beiliegend, empfängst Du, lieber Freund, eine von Beethoven ausgestellte Quittung über die ihm ein- — 15° — gebändigten iooo Fl. C. M. Als ich ihm den Vorschlagmachte, nur 500 Fl. auf einmal zu übernehmen, und den Rest von 500 Fl. beim Herrn Baron von Eskeles in sicherer Verwahrung- zu lassen, bis er ihrer bedürfe, gestand er mir offenherzig, dass er, als ihm die Unterstützung- von 1000 Fl. gleichsam wie vom Himmel zufioss, eben in der peinlichen Lage war, Geld aufnehmen zu müssen. Ich übergab ihm also, seinem dringenden Wunsche gemäss, die ganze Summe von £ too oder 1000 Fl. C. M. Auf welche Art Beethoven der Philharmonischen Gesellschaft seinen Dank' abzustatten gedenkt, wird er in einem eigenen Schreiben an sie kund machen. Kannst Du Beethoven in der Folge nützlich sein, und ich Dir hierzu meine Hand bieten, zähle auf meinen Eifer und meine Bereitwilligkeit. Die ganze Familie Eskeles grüsst Dich, Deine Frau und Söhnlein ebenso herzlich, als ich Dein aufrichtiger Freund Rau. Wie aus Moscheies', dem Rau'schen Briefe angehängter Bemerkung, so ersehen wir auch aus Tagebuchnotizen, dass er an viele Wiener Freunde geschrieben hatte, wie es denn möglich sei, dass man einen kranken hilfsbedürftigen Beethoven so vernachlässige, überall aber dieselbe Auskunft erhielt, die er dem Briefe beifügt: Beethoven's abstossendes Wesen, die Eifersucht von Brüder und Neffe, die alle Freunde abweisen und dergleichen mehr. „Ich glaube, ich hätte mich doch nicht abweisen lassen" bemerkt Moscheies, und wohl mit Recht. Dem Briefe des Freundes Rau vom 17. März folgte ein weiterer bis zu Thränen rührender von Beethoven selbst. Er hatte ihn Schindler dictirt und eigenhändig' unterschrieben. Wien, 18. März 1827. : Mein lieber guter Moscheles! Mit welchen Gefühlen ich Ihren Brief vom 1. März; durchlesen, kann ich' gar nicht mit Worten schildern. — i5i — Der Edelmuth der Philharmonischen Gesellschaft, mit -welchem man meiner Bitte beinahe zuvorkam, hat mich in das Innerste meiner Seele gerührt. Ich ersuche Sie daher, lieber Moscheies, das Organ zu sein, durch welches ich meinen innigsten herzlichsten Dank für die besondere Theilnahme und Unterstützung an die Philharmonische Gesellschaft gelangen lasse. Ich fand mich genöthigt, sogleich die ganze Summe von iooo Fl. C. M. in Empfang zu nehmen, indem ich gerade in der unangenehmen Lage war, Geld aufzunehmen, welches mich in neue Verlegenheit gesetzt hätte. Rücksichtlich der Akademie, welche die Philharmonische Gesellschaft für mich zu geben beschlossen hat, bitte ich die Gesellschaft, ja dieses edle Vorhaben nicht aufzugeben, und diese iooo Fl. C. M., welche sie mir jetzt schon im Voraus übermachen liess, von dem Ertrage dieser Akademie abzuziehen. Und will die Gesellschaft mir den Ueberrest noch gütigst zukommen lassen, so verpflichte ich mich, der Gesellschaft dadurch meinen wärmsten Dank abzustatten, indem ich ihr entweder eine neue Sinfonie, die schon skizzirt in meinem Pulte liegt, oder eine neue Ouvertüre oder etwas anderes zu schreiben mich verbinde, was die Gesellschaft wünscht. Möge der Himmel mir nur recht bald wieder meine Gesundheit schenken, und ich werde den edelmüthigen Engländern beweisen, wie sehr ich ihre Theilnahme an meinem traurigen Schicksale zu würdigen wissen werde. Ihr edles Benehmen wird mir unvergesslich bleiben, so wie ich noch insbesondere Sir Smart und Herrn Stumpff meinen Dank nächstens nachtragen werde. Leben Sie recht wohl! Mit den freundlichsten Gesinnungen verharre ich Ihr Sie hochschätzender Freund Ludwig van Beethoven. Nachschrift. An Ihre Frau Gemahlin meinen herzlichen Gruss. — An Herrn Rau habe ich der Philharmonischen Gesellschaft und Ihnen einen neuen Freund zu danken. — '52 — Die metronomisrte Sinfonie bitte ich der Philharmonischen Gesellschaft zu übergeben. Hier liegt die Bezeichnung bei: Metronomische Bezeichnung der Tempi von Beethoven's letzter Sinfonie, Opus 125. Allegro ma non troppo e un poco maestoso 88 = f Molto vivace...........116 = f Presto.............116=^ Adagio molto e cantabile ...... 60 = * Andante moderato.........63 = f Finale presto...........96 = y Allegro ma non troppo.......88 — f Allegro assai...........80 = f Alla Marcia...........84 = f Andante maestoso.........72 = i p Adagio divoto..........60 = Allegro energico......... 84 = f Allegro ma non tanto....... 120 = f' Presstissimo........... 132 = p Maestoso......... . . . 60 = * Diesem Briefe Beethoven's lag eine sechs Tage später geschriebene, aber mit jenem zusammen expedirte Einlag-e von Schindler bei: Wien, d. 24. März 1827. Mein theurer Freund! Lassen Sie sich durch die Verschiedenheit des Datums der beiden Briefe nicht irre leiten, ich wollte den Brief absichtlich einige Tage zurückhalten, weil wir gleich Tags darauf, nämlich den 19. d. Mts., befürchteten, unser grosser Meister werde seine grosse Seele aushauchen. Indessen ist dies bis heute Gottlob nicht der Fall; allein, mein guter Moscheies, wenn Sie diese Zeilen lesen, wandelt unser Freund nicht mehr unter den Lebenden. Seine Auflösung geht mit Riesenschritten, und es ist nur ein Wunsch unser aller, ihn bald von diesen schrecklichen Leiden erlöst zu sehen. Nichts anderes bleibt mehr übrig. Seit acht Tagen liegt er schon beinahe Avie todt, nur manchen Augenblick — 153 — rafft er seine letzten Kräfte zusammen, und fragt nach etwas oder verlangt etwas. Sein Zustand ist schrecklich und gerade so, wie wir es kürzlich von dem Herzog von York gelesen haben. Er befindet sich fortwährend in einem dumpfen Dahinbrüten, hängt den Kopf auf die Brust, und sieht starr Stundenlang auf einen Fleck, kennt die besten Bekannten selten, ausgenommen, man sagt ihm, wer vor ihm steht. Kurz, es ist schauderhaft, wenn man dieses sieht; und nur noch wenige Tage kann dieser Zustand dauern; denn alle Functionen des Körpers hören seit gestern auf. Also will's Gott, so ist er, wie wir auch mit ihm, bald erlöset. Schaarenweise kommen jetzt die Menschen, um ihn noch zu sehen, obgleich durchaus Niemand vorgelassen wird, bis auf Jene, welche keck genug sind, den sterbenden Mann noch in seinen letzten Stunden zu belästigen. Der Brief an Sie ist bis auf wenige Worte im Eingange ganz wörtlich von ihm dictirt, und wohl der letzte seines Lebens, obwohl er mir heute noch, ganz abgebrochen, die Worte „Smart — Stumpff — schreiben —" zuflüsterte. Wird es möglich sein, dass er nur seinen Namen noch auf's Papier bringt, so wird es auch noch geschehen. — Er fühlt sein Ende, denn gestern sagte er mir und Herrn von Breuning: „plaudite amici, comoedia finita est!" Auch waren wir gestern so glücklich mit dem Testamente in Ordnung zu kommen, obwohl nichts da ist, als einige alte Möbel und Manuscripte. Unter der Feder hatte er ein Quintett für Streichinstrumente und die zehnte Sinfonie, deren er in Ihrem Briefe erwähnt. Von dem Quintett sind zwei Stücke ganz fertig. Es war für Diabelli bestimmt. — Die Tage nach Erhalt Ihres Briefes war er äusserst aufgeregt, und sagte mir viel von dem Plan der Sinfonie, die jetzt um so grösser ausfallen würde, weil er sie für die Philharmonische Gesellschaft schreiben werde. Ich hätte nur sehr gewunschen, Sie hätten in Ihrem Briefe bestimmt erklärt, er könne diese Summe von iooo Fl. C. M. nur theilweise erheben, und ich hatte es auch mit Herrn Rau. scT verabredet, allein Beethoven hielt — 154 — sich an den Schluss des Satzes aus Ihrem Briefe. Kurz, Kummer und Sorgen waren auf einmal verschwunden, wie das Geld da war, und er sagte ganz vergnügt: „Nun können wir uns Wieder manchmal einen guten Tag an- thun"; denn es waren nur noch 340 FL W. W. in der Cassette, und wir beschränkten uns daher seit einiger Zeit auf Rindfleisch und Zugemüse, welches ihn mehr schmerzte, als alles andere. Des anderen Tages, als Freitag, liess er sich sogleich seine Lieblingsgerichte von Fischen machen, um nur davon naschen zu können. Kurz, seine Freude über die edle Handlung der Philharmonischen Gesellschaft artete weilenweise in's Kindische aus. Auch musste gleich ein grosser sogenannter Grossvaterstuhl angeschafft werden, der 50 Fl. W. W. kostete, in welchem er täglich wenigstens eine halbe Stunde ruht, so dass er sich das Bett ordentlich machen lassen kann. Sein Eigensinn ist aber noch immer entsetzlich, und wirkt vorzüglich auf mich sehr hart, indem er durchaus Niemand um sich leiden will, als mich. Und was blieb mir anders übrig, als alle meine Lectionen aufzugeben, und die ganze Zeit, die ich nur immer zusammenraffen konnte, ihm zu widmen. Jedes Getränk und jede Speise muss ich vorher versuchen, ob es ihm auch nicht schädlich sein könnte. — So herzlich gerne ich dies nun auch thue, so dauert das für so einen armen Teufel, als ich bin, schon leider zu lange. — Doch wird sich dies, wenn ich gesund bleibe, nach und nach wieder finden, hoffe ich zu Gott! — Aus den 1000 Fl., was übrig bleibt, wollen wir ihn anständig beerdigen lassen, ohne Geräusch, auf dem Kirchhofe bei Döbling, wo er stets gern weilte. Dann kommt auch jetzt der Wohnungszins auf Georgi zu bezahlen, der muss noch für ein halbes Jahr berichtigt werden und noch mehrere kleine Ausgaben (die Aerzte), so dass die 1000 Fl. gerade ausreichen werden, ohne dass viel übrig bleibt. Zwei Tage nach Ihrem Briefe kam auch einer von dem würdigen Herrn Stumpft", der auch Ihrer mit dem grössten Lobe erwähnt, welches alles auf Beethoven zu — i55 — viel einwirkte, indem er durch den Ausfluss des Wassers aus der bereits vierzehn Tage zugeheilten Wunde schon äusserst geschwächt war. Da hörte man des Tages unzählige Mal ihn laut sagen: „Gott vergelte es ihnen allen tausend Mal." — Dass diese edle Handlung der Philharmonischen Gesellschaft hier allgemeine Sensation erregt hat, können Sie sich denken, und hoch preist man allgemein den Edel- muth der Engländer, und schimpft laut über das Betragen der hiesigen Reichen. — Der „Beobachter" hat die Anzeige davon gemacht, so auch die „Wiener Zeitung." Hier liegt es bey. — — — Pause von einigen Stunden. — Ich komme soeben von Beethoven. Er liegt bereits im Sterben, und noch ehe dieser Brief ausser den Linien der Hauptstadt ist, ist das grosse Licht auf ewig erloschen. Er ist aber noch bei vollem Bewusstsein. Ich eile, den Brief abzuschicken, um zu ihm zu laufen. Diese Haare hier habe- ich jetzt ihm vom Haupte geschnitten, und schicke sie Ihnen.-----Gott mit Ihnen! • Ihr dienstfertigster Freund Ant. Schindler. Wenige Tage später brachte ein Brief von Rau die traurige Gewissheit: Wien, den 28. März 1827. Lieber Freund! Beethoven ist nicht mehr; er verschied den 26. März Abends zwischen 5—6 Uhr — unter dem herbsten Todeskampf und schrecklichen Leiden. Er war jedoch schon den Tag zuvor ohne alle Besinnung. Nun ein Wörtchen von seiner Verlassenschaft. Au.« meinem letzten Schreiben hast Du erfahren, dass Beethoven nach seiner eigenen Aeusserung sich ohne Hülfe, ohne Geld, folglich in der grössten Noth befinde. Allein bei der Inventur, bei welcher ich gegenwärtig war, fand man in einem alten, halb vermoderten Kasten sieben Stück Bank-Actien. - 156 - Ob Beethoven sie absichtlich verheimlichte (denn er war sehr misstrauisch und hoffte eine baldige Wiedergenesung) oder ob er es selbst nicht wusste, dass er sie besitze, ist ein Problem, das ich nicht zu lösen vermag. — Die von der Philharmonischen Gesellschaft überschickten iooo Fl. C. M. fanden sich noch unberührt vor. Ich re- klamirte sie Deiner Erklärung gemäss, musste sie jedoch bis zur näheren Verfügung von der Philharmonischen Gesellschaft beim Magistrate deponiren. Dass die Leichenkosten aus diesem Gelde bestritten werden, konnte ich ohne Einwilligung von der Gesellschaft nicht zugestehen. Ich erlaube mir aber die Bitte, wenn dort etwas erwirkt werden dürfte, dass es zu Gunsten der zwei armen Dienstleute, die den Kranken mit unendlicher Geduld, Liebe und Treue pflegten, geschehen möge, da ihrer im Testamente mit keinem Worte erwähnt wurde. Der Neffe von Beethoven ist Universalerbe. — Ueber das von Beethoven der Philharmonischen Gesellschaft zugedachte Geschenk wird Dir Herr Schindler seiner Zeit das Nähere mittheilen. Schreibe mir bald und bestimmt, was ich zu thun habe, und sei von meiner Pünktlichkeit überzeugt. Den 29. dieses wird Beethoven begraben. Es erging eine Einladung an alle Künstler, Kapellen und Theater. Zwanzig Virtuosen und Compositeurs werden die Leiche mit Fackeln begleiten. Grillparzer hat einen äusserst rührenden Sermon verfertigt, den Anschütz am Grabe sprechen wird. Ueberhaupt ist die Einleitung zu einer feierlichen, des Verstorbenen würdigen Beerdigung getroffen worden. — Die Familie Eskeles grüsst Dich und die Deinigen, sowie ich von ganzem Herzen. Dein Freund Rau. In Eil' und mit anhaltenden Augenschmerzen. Unter Moscheies' Papieren fanden sich ferner noch folgende Erinnerungsblätter an Beethoven's Tod: '5/ EINLADUNG zu LUDWIG van BEETHOVEN's LEICHENBEGÄNGNIS, welches am 29. März um 3 Uhr Nachmittags Statt finden wird. Man versammelt sich in der Wohnung des Verstorbenen im Schwarzspanier-Hause Nr. 200 am Glacis vor dem Schottenthore. Der Zug begiebt sich von da nach der Dreyfaltigkeits-Kirche bey den P. P. Minoriten in der Aisergasse. Die musikalische Welt erlitt den unersetzlichen Verlust des berühmten Tondichters am 26. März 1827 Abends gegen 6 Uhr. Beethoven starb an den Folgen der Wassersucht im 56. Jahre seines Alters, nach empfangenen heiligen Sacramenten. Der Tag der Exequien wird nachträglich bekannt gemacht von L. van BEETHOVEN's Verehrern und Freunden. (Diese Karte wird in Tob. Haslinger's Musikhandlung vertheilt.) Bey LUDWIG van BEETHOVEN's Leichenbegängniss .am 29. März 1827. Von J. F. CASTELLI. Achtung allen Thränen, welche fiiessen, Wenn ein braver Mann zu Grabe ging, Wenn die Freunde Trauerreihen schliessen, Die der Selige mit Lieb' umfing. Doch der Trauerzug, der heute wallet, Strecket sich, so weit das Himmelszelt Erd' umspannt, so weit ein Ton erschallet, Und um diesen Todten weint die Welt- - 158 - Doch um Euch allein nur müsst Ihr klagen! — Wer so hoch im Heiligthume stand, Kann den Staub nicht mehr — er ihn nicht tragen, Und der Geist sehnt sich in's Heimathland. Darum rief die Muse ihn nach oben, Und an ihrer Seite sitzt er dort, Und an ihrem Throne hört er droben Tönen seinen eigenen Accord. Aber hier sein Angedenken weilet, Und sein Name lebt im Ruhmes-Licht, Wer, wie er, der Zeit ist vorgeeilet, Den ereilt die Zeit zerstörend nicht. .—----------- ::i nj;ii ■: : Am Grabe BEETHOVEN's (den 29. März 1827.) Es brach ein Quell vom hohen Felsen nieder, Mit reicher Strömung über Wald und Flur, Und wo er floss, erstand das Leben wieder, Verjüngte sich, die alternde Natur. Ein jeder kam zur reitzgeschmückten Stelle, Und suchte sich Erquickung an der Welle. Nur wenige von richtigem Gefühle, Empfanden seine Wunderkräfte ganz, Die übrigen erfreuten sich am Spiele Der schönen Fluth und ihrem Demantglanz: Die meisten aber fanden sein Gewässer Dem Andern gleich, nicht edler und nicht besser. Der Quell versank. Nun erst erkannte Jeder Des Bornes Kraft, nun erst, da sie zerstob! Und Pinsel, Klang, der Meissel und die Feder, Vereinten sich zum längst verdienten Lob; Jedoch kein Lied, nicht Sehnsucht, nicht die Klage Erweckten ihn und brachten ihn zu Tage. Du, der hier liegt, befreyt von Schmerz und Banden, Du warst der Quell, den ich zuvor genannt! Du grosser Mensch, von Wenigen verstanden, Bewundert oft, doch öfter noch verkannt! Jetzt werden Alle jubelnd Diqh erheben: Du musstest sterben, sterben, um zu leben! Schjechta. — 159 — Die folgenden Briefe von Schindler, Rau u. s. w. bringen noch einiges Nähere über Beethoven's Ende, drehen sich aber hauptsächlich um die Angelegenheit der Beethoven von der Philharmonischen Gesellschaft geschenkten £ ioo, die noch zu allerlei Erörterungen Anlass geben und schliesslich zu einer nicht eben erwünschten Lösung führen sollte. Schindler schreibt: - . Wien, den 4. April 1827. Mein edler Freund! Ich finde mich veranlasst abermals an Sie zu schreiben, um beiliegenden Brief an Sir Smart sicher zu wissen. Er enthält Beethoven's letzten Dank an Smart, Stumpff und an die Philharmonische Gesellschaft, sowie an die ganze englische Nation, um welches er mich noch in den letzten Augenblicken seines Lebens innigst gebeten hat. Ich bitte sie recht sehr, ihm denselben bald einzuhändigen. Herr Lewisey von der englischen Gesandtschaft hat die Güte gehabt, ihn gleich in's Englische zu übersetzen. — Also erst am 26. März um Dreiviertel auf sechs Uhr Nachmittags, während eines grossen Gewitters, hauchte unser unsterblicher Freund seine grosse Seele aus. A^om 24. gegen Abend bis zum letzten Hauche, war er beinahe stets in delirio. Doch vergass er selbst in dem furchtbaren Kampfe zwischen Leben und Tod der Wohlthat der Philharmonischen Gesellschaft nicht, wenn er nur einen lichten Augenblick hatte, und pries die englische Nation, die ihm stets so viel Aufmerksamkeit erwies. Sein Leiden war unbeschreiblich gross, vorzüglich seit dem, dass die Wunde von selbst aufsprang, und die Entleerung von Wasser so plötzlich erfolgte. — Seine letzten Tage waren überaus merkwürdig, und sein grosser Geist bereitete sich mit einer wahrhaft Sokratischen Weisheit zum Tode. Ich werde dies wahrscheinlich auch niederschreiben, und öffentlich bekannt machen; denn es ist für seine Biographen von unschätzbarem Werth. Das Leichenbegängniss war nur das eines grossen Mannes. Bei 30,000 Menschen wogten auf den Glacis und — i6o — in den Strassen, wo der Zug gehen sollte. Kurz, dies lässt sich gar nicht beschreiben, denken Sie an das Prater- fest beim Congress im Jahre 1814, und Sie haben eine Vorstellung davon. Acht Kapellmeister trugen die Enden des Leichentuches, darunter Eibler, Weigl, Gyrowetz, Hummel, Seyfried etc. Sechs und dreissig Fackelträger, darunter Grillparzer, Castelli, Haslinger, Steiner etc. Gestern war Mozart's Requiem in der Augustiner- Kirche für ihn. Die grosse Kirche fasste nicht alle Menschen, die sich hineindrängten. Lablache sang den Bass. Das Gremium der Kunsthändler veranlasste diese Todtenfeier. Sie haben den letzten Brief von Beethoven, den vom 18. März, und Schott in Mainz seine letzte Unterschrift. An mobilem Vermögen fanden sich sieben Bank- Aktien und einige hundert Gulden W. W. Und nun schreien und schreiben die Wiener laut und öffentlich „er bedurfte nicht der Hülfe einer fremden Nation" etc., bedenken aber nicht, dass Beethoven sechs und fünfzig Jahr alt und nervös, Ansprüche machen konnte, siebenzig Jahre alt zu werden. Wenn er nun Jahrelang nichts arbeiten sollte, wie es ihm seine Aerzte sagten, so war er ja gezwungen eine Aktie nach der anderen zu verkaufen, und wie viel Jahre konnte er denn von sieben Aktien leben, ohne in die grösste Noth zu kommen. Kurz, lieber Freund! ich und Herr Hofrath von Breuning ersuchen Sie recht sehr, wenn sich derlei abscheuliche Raisonne- ments bis nach England verbreiten sollten, es den Manen Beethoven's zu lieb zu thun, und die Briefe, die Sie von Beethoven hierüber haben, in einem der gelesensten deutschen Blätter, z. B. in der Augsburger Allgemeinen Zeitung, öffentlich bekannt zu machen, welches die Philharmonische Gesellschaft auf ihre eigene Veranlassung thun könnte; damit man diese Skribler hier eines Bessern belehre. Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, diesen grossen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben, denn ohne dieses konnten wir es nicht anständig thun. — i6i — Alles schrie; „Welche Schande für Oesterreich! Das soll man nicht angehen lassen, denn Alles wird dazu beitragen!" Allein es blieb beim Schreien. Der Musikverein beschloss den Tag nach der Beerdigung — — — — ihm ein Requiem halten zu lassen, und dies ist alles. Wir aber vom Kärntnerthor werden noch im Laufe des April eine grosse Akademie veranstalten, um ihm einen hübschen Leichenstein machen zu lassen. Noch muss ich Ihnen melden, dass der Todtengräber von Währing, wo er begraben liegt, gestern bei uns war, und meldete, dass man ihm mittelst eines Billets, welches er zeigte, 1000 Fl. C.-M. anbot, wenn er den Kopf von Beethoven an einem bestimmten Ort deponire. Die Polizei ist dieserhalb schon mit der Ausforschung beschäftigt. — Das Leichenbegängniss kostete etwas über 300 Fl. C.-M. Freund Rau wird Ihnen schon darüber geschrieben haben. Wollte die Philharmonische Gesellschaft das übrige Geld hier lassen, und z. B. mir auch einen kleinen Theil davon schenken, so würde ich es als Legat von meinem Freunde Beethoven betrachten; denn ich habe wirklich nicht das allermindeste Andenken an ihn, sowie Niemand, denn der Tod überraschte ihn und uns, die wir um ihn waren. Schreiben Sie mir doch nur einige Zeilen, ob sie die Briefe vom 22. Februar, 14. März und 18. März erhalten haben, und so auch Sir Smart. Die Verwandten Beethoven's haben sich gegen das Ende auf das Niederträchtigste benommen; er war noch nicht ganz todt, so kam schon sein Bruder, und wollte Alles fortschleppen, selbst die 1000 Fl. aus London, allein wir haben ihn gerade zur Thüre hinaus geworfen. Solche Scenen gingen am Sterbebette Beethoven's vor. Machen Sie doch die Philharmonische Gesellschaft auf die goldene Medaille von Ludwig XVIII. aufmerksam, sie wiegt 50 4^ und wäre das schönsteAndenken an diesen grossen Mann. —• Also Gott befohlen. A. Schindler. Hummel spielt morgen im Kärntnerthortheater. Mr. Lewisey grüsst H. Neate. Moscheles' Leben. n — IÖ2 — Nicht lange nachher lief folgender Brief ein: Wien, den n. April 1827. Mein edler Freund! Sie werden erschrecken über die vielen und noch dazu dickleibigen Briefe. Aber Bester! Leset! und staunet! — Um Ihre, unseres Freundes Beethoven und die Ehre der Philharmonischen Gesellschaft zu retten, blieb uns nichts übrig, als Ihnen Alles genau und umständlich zu berichten. — Schon in meinem letzten Brief habe ich Ihnen gemeldet, dass man hier schreit und schreibt über die edle Handlung der Gesellschaft. Nun aber enthält die „Allgemeine Zeitung" einen Artikel, der jeden auf s Höchste empören muss. Wir haben es für Pflicht gehalten, darauf zu - antworten, und Hofrath Breuning übernahm es, diesen hier beiliegenden Artikel der Wahrheit gemäss abzufassen, und Pilat schickt ihn selbst noch heute dem Re- dacteur der Allgemeinen Zeitung. — Ohne den Artikel der Allgemeinen Zeitung zu kennen, werden Sie beim Durchlesen unserer Antwort sogleich den Inhalt und den Zweck desselben errathen. Ihnen und Smart bleibt nun noch übrig, Ihre Briefe ebenfalls in der Allgemeinen Zeitung öffentlich bekannt zu machen, damit dieses Canaillenvolk recht tüchtig gedemüthigt werde. Unser Aufsatz, meint Rau und Pilat, ist zu höflich; allein wir Beide, Breuning und ich, dürfen keiner so die Wahrheit darüber sagen, wie wir wünschten und man es der Welt schuldig wäre; denn ohnehin habe ich mir schon als Freund Beet- hoven's und als Vertheidiger seiner Sache viele Feinde gemacht; allein es wäre niederträchtig von mir, dass ich stille schweigen sollte, wenn sein Andenken noch im Grabe beschimpft und seine wohlmeinenden Freunde für ihr edles Bestreben sollten öffentlich angegriffen werden. Ich schrieb Ihnen schon letzthin, dass die Philharmonische Gesellschaft in ihrem Namen sich durch die Bekanntmachung von Ihren und Smart's Briefen in die Schranken stellen sollte, und jetzt ist es nicht nur mein, sondern unser Aller Wunsch. — Die Philharmonische Gesellschaft soll sagen, dass man gut in London wisse, dass — iö3 — Beethoven nach seiner ersten Akademie im Kärntnerthor- Theater vor zwei Jahren, nach Abschlag aller Unkosten, wozu auch die iooo Fl. kommen, welche er der Administration für das Theater bezahlen musste, nur 300 Fl. W. W. übrig blieben; denn kein einziger der Abonnenten bezahlte ihm für seine Loge nur einen Heller, und nicht -einmal der Hof Hess sich in dieser Akademie sehen, obwohl Beethoven unter meiner Begleitung alle Glieder des kaiserlichen Hauses persönlich einlud. Alle versprachen .zu kommen und am Ende erschienen sie nicht nur nicht, sondern überschickten ihm auch nicht einen Groschen, welches doch bei dem allergewöhnlichsten Benefizianten nicht zu geschehen pflegt. Bei seinem zweiten Concerte im selben Monate im Redoutensaal, musste die Administration, die es für ihre Rechnung unternahm, bei 300 Fl. C.-M darauf bezahlen, und ich hatte die grösste Mühe, Beethoven abzuhalten, dass er nicht dieses Deficit von denen ihm von der Administration für dieses Concert garantirten 500 Fl. C.-M. bezahlte, indem es ihn aufs Tiefste schmerzte, dass die Administration durch ihn sollte einen Schaden leiden. Bei der Subscriptiön für seine letzte grosse Messe wollte hier Niemand, auch der Hof nicht subscribiren, und andere unzählige Niederträchtigkeiten und Erniedrigungen, die der arme Mann erfahren musste. Dies Alles sollte jetzt bekannt gemacht werden, weil jetzt die beste Veranlassung dazu ist. Ganz Wien wusste es, dass Beethoven schon zwei, dann drei Monate krank liege, und Niemand bekümmerte sich weder um sein Befinden, noch um seine ökonomischen Verhältnisse. Hätte er also nach solchen traurigen Erfahrungen hier noch Hülfe suchen sollen? Und bei Gott! hätte die Philharmonische Gesellschaft durch ihr edles Geschenk nicht den Impuls gegeben, und die Wiener aufgeregt, Beethoven wäre gestorben und so begraben worden wie Haydn, hinter dessen Bahre fünfzehn Menschen gingen. Mit der Akademie, die der gesammte Körper unseres Theaters für das Grab-Monument geben will, sieht es so — 164 — aus. Der Norma-Tag nach Ostern ist in diese Woche verlegt worden, folglich kämen mehr in diesem Monate. Das Concert am Mittag zu geben, räth Weigl nicht, sowie er auch vorschlägt, diesen Plan erst im nächsten Herbst auszuführen. Allein bis dahin ist der wenige Eifer ganz erkaltet und Niemand denkt mehr daran, etwas dafür zu thun. Auch über die ärztliche Behandlung muss ich Ihnen etwas sagen. Gleich am Anfange der Krankheit liess. Beethoven seine früheren Aerzte bitten, sich seiner anzunehmen. Dr. Braunhofer liess sich entschuldigen, da. ihm der Weg bis zu ihm zu weit sei; und Dr. Staudenheim kam endlich nach dreitägigem Bitten, aber er blieb aus, und kam nicht zum zweiten Male. Er musste sich daher einem Professor des allgemeinen Krankenhauses anvertrauen, den er noch auf eine höchst sonderbare Art erhielt. Nämlich der Kaffeesieder Gehringer auf dem, Kohlmarkte, hatte einen kranken Dienstboten, den er gern diesem Professor auf seine Klinik übergeben wollte; — er schrieb desshalb diesem Professor Wawruch, dass er ihn aufnehmen möchte, und ersuchte ihn zugleich, zu. Beethoven zu gehen, der eines Arztes bedürfe. Nach längerer Zeit konnte ich erst erforschen, dass der liebenswürdige Neffe, Karl v. Beethoven, während er eines- Tages dort Billard spielte, dem Kaffeesieder diesen Auftrag ertheilte. — Der Professor kannte weder Beethoven noch seine Natur und behandelte ihn daher ganz schul- mässig, liess ihn die ersten vier Wochen nur allein zwei- undsiebenzig Flaschen Medizin nehmen, manchen Tag drei verschiedene, so dass Beethoven schon in den ersten Tagen des Januar mehr todt als lebend war. Endlich konnte ich diesem Unheile nicht länger mehr zusehen, und ging ohne Weiteres zum Dr. Malfatti, der ehemals sein Freund war. Dieser liess sich lange Zeit bitten, und Beethoven selbst bat ihn bei dem ersten Consilio, um Gottes Willen sich seiner anzunehmen. Allein Malfatti wendete ein,, er könne dies aus Rücksicht für den anderen Arzt nicht thun, und kam die Woche ein, höchstens zwei - i6 5 - Mal zum Consilio, bis er in den letzten acht Tagen täglich kam. Kurz, zu Ihnen kann und darf ich es sagen: Beethoven ist als Opfer der abscheulichsten Niederträchtigkeit und Unwissenheit wenigstens zehn Jahr zu früh in's Grab gegangen. Doch die nähere Aufklärung über alles dieses bleibt einer späteren Zeit vorbehalten. Hummel ist am 9. wieder nach Weimar zurückgereist. Er hatte seine Frau und seinen Schüler, einen Hrn. Hiller aus Frankfurt, mit hier. Letzterer grüsst Sie recht sehr, ebenso auch Hummel. Die Auslagen für die Leiche sind denn jetzt beinahe beendigt, und betragen bei 330 Fl. C.-M. Ich hätte Ihnen noch sehr, sehr viel zu sagen, allein ich muss schliessen. Freund Lewinger grüsst Sie Beide herzlich; er ist so gütig, diesen Brief durch Rothschild zu ex- pediren. Auch Rau grüsst Sie. Schreiben Sie uns nur recht bald. An Herrn Stumpf alles erdenklich. Schöne und melden Sie ihm, dass es Beethoven's Wille war, ihm -eines seiner neuesten Werke zu dediciren. Dies soll auch geschehen, wenn wir nur einiges finden, was ganz ist. Uebrigens ein herzliches Lebewohl von Ihrem alten Freund Schindler. Nach einigen Monaten schreibt Rau über diese Angelegenheit: Wien, den 17. Juni 1827. Beschuldige mich nicht der Nachlässigkeit, lieber Freund! weil ich dich über Beethoven's Angelegenheit so lange ohne Nachricht lasse. Dass ich die von der Philharmonischen Gesellschaft dem Verstorbenen seiner Zeit überschickten 1000 Fl. C.-M. reclamirte, habe ich dir angezeigt. Der Testaments-Executor, Herr Hofrath Breuning, konnte und durfte hierüber nichts verfügen, bevor nicht i :> J) » 11 » Schütz und Frau . . „ 15 V V »s 2 )» }> 4 j> Ein hübsches Sümmchen für unsere deutschen Begriffe! Im Januar spielte Moscheies wie gewöhnlich in — 205 — Bath, worüber er sagt: „Wirklich hätte ich mir keinen Erfolg erwartet, ich finde mich nicht genug eingespielt, aber das Publicum war anderer Meinung." Nach London zurückgekehrt, musste er sich, um dem Uebermaass der Berufsarbeiten, das ihn dort wieder empfing, besser beikommen zu können, zur Anschaffung eines Wagens entschliessen. Die Rauhheit der Jahreszeit versetzte aber bald das Haus in grosse Sorge. Die Kleinen wurden von einem heftigen Keuchhusten ergriffen, der am 23. März den dreijährigen kräftigen erstgeborenen Knaben wegraffte und ihnen das kleine zarte sechsmonatliche Mädchen als einziges Kind zurückliess. Auch sie war den ganzen Winter im schwankendsten Gesundheitszustände. „Die arme Mutter", klagt Moscheies im Tagebuch, „kennt nur Angst, Trauer und durchwachte Nächte, da sie den einen Liebling bis in's Grab hinein pflegte, den andern nächst Gott einem ähnlichen Schicksal zu ent- reissen sucht. Ich als Mann und Künstler gehöre trotz tiefer Betrübniss dem Publicum an." Er empfand es aber bitterlich, alle Concerte und Gesellschaften jetzt wieder allein besuchen zu müssen und misslaunig, wie das Tagebuch berichtet, „ein Dilettantengeheul, ein paar von Herz und Czerny auf dem Ciavier getrommelte Stücke mit Gelee und Kuchen verschlingen zu müssen, um zum Schluss noch an's Ciavier und zu einer Improvisation genöthigt zu werden." Mitte Mai entschlossen sie sich, dem Kinde zu Liebe, zu einer getheilten Wirthschaft, indem die Frau mit der Kleinen auf's Land zog, während er selbst in der Stadt zurückbleiben musste, aber dennoch oft, den halbstündigen Weg nicht scheuend, zu ihnen hinauseilte. Der kleine Liebling erholte sich in der reinen Luft so sehr, dass sie schon im Juni ausser aller Sorge waren und die Berühmtheiten, die London in diesem Jahre aufsuchten, oft in ihrer ländlichen sonntäglichen Ruhe miteinander geniessen konnten. Nur so waren sie erfreulich. Sie hörten aus der Ferne von dem Wiederauftreten der Malibran nach vier- iähriger Abwesenheit und von ihren Erfolgen, von der berühmten, aber grundhässlichen Pisaroni, ebenfalls an — 20Ö — der italienischen Oper engagirt; Max Bohrer kam wieder, ebenso die Tyroler Rainer; de Beriot und Artot wetteiferten miteinander als Geiger. Auch die Sonntag erschien wieder und erntete neue Lorbern. Noch grösseres und freudigeres Interesse aber erregte der Besuch eines jungen Freundes aus Berlin. Es war kein Geringerer als der damals neunzehnjährige Felix Mendelssohn-Bartholdy. „Felix' Vater", sagt Moscheies, „hatte mir im Laufe des Winters geschrieben, ob ich wohl meine, glaube, rathe, dass sein Sohn mit einigen Compositionen, worunter die Sommernachtstraum-Ouverture London besuche? Wohl meinte und glaubte ich, dass der junge Mann ein Genie sei, wohl rieth ich ihm, zu Ostern zu uns zu kommen und versprach von ganzem Herzen, ihn in die fremde Welt einzuführen." Später heisst es: „Ich miethete ihm die Wohnung 203 Portland Street, und seitdem er hier ist, bieten mir sein Umgang und sein künstlerisches Wirken die reinsten Genüsse. Als Mensch ist er uns unendlich viel. Heiter und doch theilnehmend für den Schmerz um unser verlorenes, und die Sorge um unser noch erhaltenes aber schwächliches Kind, stets bereit, unsere ländliche Einsamkeit mit den anziehenden Genüssen London's zu vertauschen, weiss er heilsam auf unsere wunden Gemüther zu wirken, und scheint es sich zur Aufgabe gestellt zu haben, uns einigen Ersatz für unsere Leiden zu bringen." Und wie herrlich war es, wenn er seine neuen Compositionen mitbrachte, spielte, und in kindlicher Bescheidenheit erwartungsvoll an Moscheies' Lippen hing, um sein Urtheil zu vernehmen. „Jeder Andere", sagt Moscheies, „hätte es mir damals schon angemerkt, dass ich meinen Meister in ihm erkannte und da. nur hingerissen war, wo er sich eine scharfe Kritik erwartete; er aber ist und bleibt der sich mir unterordnende Schüler, wie ich es auch versuche ihm eine andere, richtigere Stellung mir gegenüber zu geben. Der Enthusiasmus, den seine Sommernachtstraum- Ouvertüre im Publicum hervorrief, machte ihn auch nicht schwindlig. Es muss Alles noch besser werden, meinte 20J — er; und meinem persönlichen Lob entgegnete er nur kindlich: „Gefällt es Ihnen? Ach, das freut mich." Er zeigte bei seinen ländlichen Besuchen die Manu- scripte seiner geistlichen Cantate über einen Choral in A-moll, einen sechszehnstimmigen Chor „Hora est", der nicht publicirt war, und ein Violin-Quartett in A-moll. Auch war er stets zu kleinen, musikalischen Liebenswürdigkeiten aufgelegt; in Moscheies' Album schrieb er ein reizendes Stück unter dem Namen: „Perpetuum mobile" (C-dur), er brachte der hübschen Miss M. C. eine für sie componirte englische Ballade u. s. w. Mit ihm zugleich erschien Neukomm, der Schüler Haydn's, ein eben so edler Character, ein ebenso fein gebildeter Mann, ein Freund, der sich später eben so treu bewähren sollte, leider aber kein Genie, sondern nur ein solider, wohldenkender, gutschreibender Componist, „dem das attische Salz oft störend fehlt", sagt Moscheies. Er Hess damals seine Oratorien „Die zehn Gebote" und „Christus" aufführen; für die beliebten Sänger Braham und Phillips hatte er einige - Effectstücke in Bereitschaft, wie die „Mid- night Review" nach der „nächtlichen Heerschau" von Zedlitz. Zuerst rissen diese Stücke die Hörer zu loderndem Enthusiasmus hin; dennoch aber konnten sie dem Com- ponisten nicht die dauernde Anerkennung des sonst eben nicht launenhaften englischen Publicums erringen. Mendelssohn und Neukomm, die sich oft in der stillen Moscheles'schen Häuslichkeit trafen, liebten einander herzlich, d. h. der vortreffliche Mensch den vortrefflichen Menschen; denn als Musiker fand der gelinde Neukomm den brausenden Mendelssohn zu heftig, zu kräftig, zu verschwenderisch im Gebrauch der Blechinstrumente, zu übertrieben in seinen Tempo's, zu unruhig in seinem Spiel, während dieser, sich in jugendlicher Ungeduld auf einem Absatz herumdrehend, zuweilen ausrief: „„Wenn nur der prächtige Neukomm bessere Musik machen wollte! Er spricht so gescheut und gewählt in Worten und Briefen, und mit Noten schreibt er solche Gemeinplätze!"" — 20S — Fetis und seine Vorlesungen über Musik waren eben auch nicht nach Mendelssohn's Geschmack. .,Wozu soviel darüber reden?" sagt er, „lieber gut schreiben; das ist die Hauptsache. Aber wozu die verkörperte „musique mise ä la portee de tout le monde", französisch docirt vor Engländern, die wohl nur die Hälfte der technischen Ausdrücke verstehen, vielleicht auch nur halb so viel in des Docenten Casse fliessen lassen, als dieser hofft?" Mit Moscheies entwarf Fetis damals den Plan zu der „Methode des me- thodes", die sie zusammen herausgaben und wobei Fetis' sprachliche Gewandtheit Moscheles' sehr zu Statten kam, da er mit Leichtigkeit dessen musikalische Grundsätze über Studium und höhere Ausbildung in gutes Französisch zu kleiden wusste. In der Gesangswelt gab es, wie Moscheles sagte, „ein wahres Cinquecento"; denn da waren die Malibran, die Sonntag, Mme. Stockhausen, die nicht mehr junge, aber noch vortreffliche Camporese, die Pisaroni, Velluti, Don- zelli u. a. Sänger, dazu eine deutsche Operngesellschaft unter -Schütz, der sowohl wie seine Frau sehr brav sang. Die Sonntag, immer gut und mildthätig, gab am 13. Juli ein Monstre-Concert für die überschwemmten Schlesier, worin Alles mitwirkte. Das Tagebuch nennt die. Damen Malibran, Camporese, Pisaroni, die Sänger Velluti, Pelle- grini, Zuchelli, Curioni, Donzelli, De Begnis, Torri, Gra- ziani, Bordogni. Puzzi spielte Hörn, Drouet Flöte, Max Bohrer und Lindley Violoncell. Mendelssohn's Ouvertüre zum Sommernachtstraum wurde zum zweiten Male und mit gesteigertem Beifall gegeben. Auch sein Doppelconcert in E-dur (Ma- nuscript), das Moscheles mit ihm spielte, ging gut und gefiel sehr. Die Einnahme betrug an £ 500. Der beliebteste Geiger in dieser Saison war unstreitig ' deBeriot, der damals auf dem Höhepunkt seiner Virtuosität stand. Auch seine neueste Compositum, sein H-moll-Concert, hatte durch die musikalische Nähe (vielleicht auch Mithülfe) seiner Frau, der genialen Malibran, eine interessantere Färbung bekommen, als seine früheren Virtuosenstücke. Pixis, der Begleiter der Sonntag, wollte auch Concerte geben, auch — 209 — öffentlich gehört sein, Brod den Ruhm seiner Oboe in Guineen verwerthen, die Familie Rainer wieder ihre Tiroler Lieder singen und ihre Shillinge einstreichen. Die clavier- spielende und -lernende Welt bekam eine werthvolle Zugabe an Frau Dulcken, der sehr begabten und ausgezeichneten Schwester des Concert-Meisters Ferd. David, die von Hamburg' nach London übersiedelte und von allen echten Künstlern und lernbegierigen Dilettanten nur mit offenen Armen empfangen werden konnte. In den unteren Schichten der Musikwelt gährte es gewaltig, wie die Rivalität gewisser Troubadours und sogenannter „Bohcmian Brothers" beweist; erstere drei ganz gewöhnliche französische, letztere ebenso gewöhnliche böhmische Dorfmusikanten. Im Grunde waren diese beiden Parteien aber nur die schlechtbezahlten Werkzeuge der Speculationen, welche der schlaue Bochsa mit den Franzosen in Egyptian Hall, Mr. Logan mit den Deutschen in den Argyll-rooms unternahm. Die „wonderful performers", auf mirabolanten Zetteln abgebildet, im buntesten Druck, von buntgekleideten Männern in den Strassen umhergetragen, zogen täglich Hörer an, und hielten eine reiche Shillings-Ernte, deren Hauptertrag in die Taschen ihrer Unternehmer floss. „Uns : Künstlern ergeht es schlimmer", fügt Moscheies diesen Mittheilungen hinzu, „wir suchen nicht blos schnöden Gewinn, wir betrachten unsre Concerte als das Mittel, vor einer grossen musikliebenden Versammlung, in der es auch nicht an Kunstrichtern fehlt, mit unseren neuesten Werken und deren Ausübung zu alljährlicher Beurtheilung aufzutreten, und die leidige Speculation des Opern-Direc- tors Laporte legt uns ein grosses Hemmniss in den Weg." Die Sache verhielt sich nämlich so. Es waren ihrer ■ Viele, die alljährlich Concert gaben, und da Jeder seinem Publicum beweisen wollte, wie gern er es mit dem Neuesten und Schönsten erfreuen möchte, so pflegten diejenigen, die auf gute Einnahme zählen konnten, häufig die beliebtesten italienischen Opernsänger gegen nicht geringes Honorar MoscheJes' Leben. 14 2IO für ihre Abende zu gewinnen, die dadurch für das grosse Publicum mehr Anziehungskraft erhielten. Dem war jedoch Laporte, der 1828 die Leitung von Her Majesty's Theatre übernommen, sofort hindernd in den Weg getreten und hielt, den Künstlern gegenüber, die ihn um seine Opernkräfte angingen, hartnäckig an der Alternative fest: „Miethet meinen Opern-Concertsaal oder ihr bekommt meine Sänger nicht!" Es hiess also mit Lafontaine in der Fabel: pour moi la bonne aubaine. Diese Pille ward freilich durch viele süssliche, französische Sprachwendungen überzuckert; doch wusste Bochsa, der Chordirector der Oper, sie auf Geheiss seines Chefs in gutes Englisch zu übertragen. Moscheies, dessen Concert am 7. Mai stattfinden sollte, opferte vergebens seine Abende, um mit Laporte und Bochsa während der Opern vor Stellungen zu parlamentiren, (denn nur da erhaschte man diese Herren); sie blieben bei ihrer Bedingung. Moscheies hatte zwar für sein Concert mehrere Novitäten bereit, eine neue Symphonie, seine neue Phantasie „Strains of the Scotch Bards", die schon durch den Umstand, dass sie Sir Walter Scott dedicirt war, grosses Interesse erregen musste; — „doch musste ich auch italienische Sänger haben und ergriff daher endlich das unangenehme und kostspielige Mittel, sie zu erlangen; ich miethete Laporte's Saal für theures Geld und bot dem Besitzer der Argyll-rooms, die ich schon gemiethet hatte, £ 10 als Reukauf, die dieser schnöde zurückwies, mich mit einem Process bedrohend. Vor Processen habe ich eine heilige Scheu und so consul- tirte ich einen Rechtsfreund, der mir durch seine Dazwi- schenkunft endlich die Annahme meiner £ 10 verschaffte." Laporte wusste nur zu gut, in welchem Grade seine Oper die musikalische Welt beherrschte, und wirklich waren die Genüsse, welche eine Malibran und Sonntag vereint boten, zu edler und reiner Natur, als dass das Publicum sie nicht hätte mit heissem Dank aufnehmen sollen. Keine Vorstellung auf den Nationaltheatern konnte mit der italienischen Oper rivalisiren, ja man beachtete ---- 211 ---- sie kaum. An einem der besseren unter ihnen hörte Moscheies die Oper von Ries „Die Räuberbraut", weiss jedoch von der Aufführung nicht viel Gutes zu sagen: „Wie kühl war Miss Betts, die übrige Besetzung, die Musik, die Hörer und ich selbst obenan." Am 22. Juni berichtet das Tagebuch über Bochsa's Concert in der grossen Oper wie folgt: „Einer der seltensten Genüsse dieser Saison war die dramatisirte Vorstellung von Händel's „Acis und Galatea", die Titelrollen vortrefflich gesungen von Miss Paton und Braham, der Po- lyphem von Zuchelli durch Aufsetzung eines Kopfes mit dem Riesenauge in der Stirn vortrefflich dargestellt." Zuchelli war nämlich trotz seines italienischen Namens ein Engländer reinster Abkunft, der seinen Händel getreu der Tradition, classisch in Wort und Ton wiedergab. Was brachte aber dasselbe Bochsa'sche Concert noch? Die Grabesscene aus „Romeo und Giulietta", von der Sonntag und Malibran hinreissend schön gegeben; denn die war ja italienisch und musste neben dem englischen Oratorium ziehen; zum Schluss aber gab's auch eine deutsche Kleinigkeit, die Pastoral-Symphonie, die ich aber im Stich liess; denn allzuviel ist ungesund." An der Königlichen Akademie der Musik, an der er als Professor thätig war, fand er nur bei sehr wenigen Schülern eine mehr als gewöhnliche Begabung und war mit ihren Leistungen selten zufrieden. Auch an den von ihnen veranstalteten Aufführungen hatte er viel auszusetzen. „Sie singen italienisches Zeug und das mit englischer Manier. In „Cosi fan tutte" konnten sie sich gar nicht hineinfinden, und ich noch weniger in ihre Aufführung." Als sie sich am 31. Juli mit ihrem kleinen Töchterchen einschiffen konnten, um die Ihrigen in ihrem ländlichen Aufenthalt bei Hamburg zu besuchen, sagt das Tagebuch: „Wer ist froher als wir, das chronische Uebel des Concerts und die ganze Saison hinter uns zu haben? Bei den Verwandten muss unser Schmerz um das verlorene Gut ausgeweint, dort aber auch Linderung für den Verlust gefunden werden." - 14* — 212 ---- Moscheies blieb bis zum 24. September mit Frau und Kind bei den lieben Geschwistern. Wieder entstanden in diesen Wochen gemüthlicher Erholung manche Skizzen zu späteren Compositionen. Das geliebte Kind gedieh in der reinen Landluft, und sie hatten das Glück, seinen zweijährigen Geburtstag am 10. September zugleich mit dem hundertjährigen Moses Mendelssohn's zu feiern. „Für diesen war lauter Jubel in der israelitischen Gemeinde; bei uns ist stilles dankbares Glück für den uns erhaltenen Schatz." Es ergingen an Moscheies dringende Aufforderungen zum Concertgeben, die er aber, als nicht zum Zweck seines damaligen Aufenthaltes passend, consequent ausschlug. Das Theater bot ihnen, den halben Engländern, gar manche Novität. „Die Stumme von Portici" mit Cornet und der jüngeren Fräulein Schröder, der Schwester der Devrient, als „Fenella", entzückte sie. Der Hamburger Aufenthalt sollte ihm auch als Etappe zu einer Reise nach Kopenhagen dienen, die er jedoch allein antrat, da das zarte Kindchen Aveder mitreisen, noch verlassen werden durfte. Einige Auszüge aus den Briefen, die er während dieser zwei Monate der Trennung an seine Frau schrieb, werden uns Auskunft darüber geben, wie seine Reise und seine Unternehmungen sich gestalteten. „Schleswig 27. Sept. 1829. Der ganze Weg hieher ist nahe verwandt mit der Lüneburger Heide, zuweilen fiel der Wagen beinahe um, er hätte mich aber nur sanft in den Sand gelegt. Jetzt habe ich schon meine Schritte in der meilenlangen Wurst Schleswig gemessen. Der Kammerherr Ahlefeld war sehr freundlich, aber hier für etwa 60—70 Thlr. Einnahme und bedeutenden Zeitverlust Con- cert zu geben, wäre lächerlich, so sind die Pferde angespannt und ich fahre nach Flensburg." Am 29. September fährt er über den kleinen Belt, muss den 30., weil kein Dampfboot abgeht, in Nyborg langweilig verbringen, geht am 2. October über den grossen Belt und kommt nach einer durchreisten Nacht endlich in Kopenhagen an. Natürlich werden die Schön- — 213 — heiten der Stadt und ihrer Kunstwerke eingehend beschrieben. Dann heisst es: „Erst hörte ich Weyse, den hier vergötterten Theoretiker, eine Fuge auf der Orgel in der Frauenkirche improvisiren; dann ging ich mit ihm nach Hause und las viele seiner sehr interessanten Werke durch. Auch Kuhlau, den überaus gewandten Räthsel- kanonbauer lernte ich kennen; er schmiedet musikalische Kunstschlösser, die unendlich schwer zu erschliessen sind, aber "zu meiner Uebung beredete ich sie Beide, mir die Räthselkanons zu zeigen, in denen sie von Haus zu Haus miteinander correspondiren. Ich habe Beide bei einem Herrn W. getroffen, in dessen Soiree sämmtliche fremde und einheimische Künstler vor einem Publicum von Liebhabern und Kunstrichtern Musik machten. Oehlenschläger war auch da. Kuhlau eröffnete den Abend mit seinem Quartett in G-moll. Es ist in grossem Style und vortrefflich gearbeitet, aber nicht frei von Reminiscenzen. Er konnte im Spiel nicht immer der Schwierigkeiten Meister werden. Dann spielten Funcke und ich mein Caprice mit Cello, das er sehr brav accompagnirte, die Gebrüder Anderson ein^Caprice für drei Hörner. Nun sollte ich Solo spielen, wollte aber, dass auch Weyse sich hören Hesse, drang in ihn, ward von der Gesellschaft unterstützt, aber umsonst, er wollte durchaus fnicht. So musste ich an's Ciavier, gleich war es wie von einem Walle umschlossen; Todesstille herrschte, während ich mich ein paar Minuten besann! IchJwollte versuchen, gelehrt wie Kuhlau und Weyse zu [sein, [dabei harmonisch interessant, zuletzt schmachtend, um endlich mit einem Virtuosensturm zu schlressen; es scheint mir Alles gelungen zu sein. Von dem Jubelgeschrei im Unisono, dem ein starres Einanderansehen folgte, kannst Du Dir keinen Begriff machen, weil Du etwas Aehnliches mit mir noch nicht erlebt hast. Der alte Professor Schall fiel über mich her und küsste mich |(for shame, würden die Engländer sagen), Kuhlau und Weyse bestürmten mich — ich kam nicht zu Athem, — for shame sag' ich mir selbst, so eine Relation von sich selbst zu schreiben; aber wem schreib' ich sie?.. — 214 — Dieser Abend sichert mir die brillanteste Aufnahme in meinem Concert. Apropos, Concert wirst Du sagen, wann endlich kommt es heran? Aber wegen des Geburtstages der Königin, der Vermählung des Prinzen Friedrich, der vorgemerkten Concerte von Guillou und der Milder muss ich ganze vierzehn Tage warten, somit gebe ich kein zweites oder drittes, da dürfte es bis 1830 dauern — na das thut's holt nit!" — Kurz nach seiner Ankunft wird er an den Hof geladen. Das Concert beginnt um sieben Uhr in einem schönen, antik aussehenden Saal. Der Hofzirkel ist äusserst brillant, die Majestäten gleich beim Eintritt liebenswürdig. Der vortreffliche Flötist Guillou spielt, und die Sängerin des Abends ist Frau Milder-Hauptmann, aber sie entzückt ihn nicht. „Eine Arie von Meyerbeer, so vereinfacht, dass aus Simplicität simpel wurde. Schade, dass die herrliche Stimme dieser Frau so spröde, ja monoton ist! Als sie gar „Dies Bildniss ist bezaubernd schön" sang und das im kläglichen Ton einer Alceste, nach D transponirt, das Unterste zu Oberst gekehrt, dachte ich bei den Worten „„Soll dies Liebe sein?"" Soll das Mozart sein? und dann kam noch, um meinem Degout die Krone aufzusetzen, der läppische „„Gruss an die Schweiz"". Dazu gehört ein musikalischer Magen, der Felsen verdauen kann. Ich hatte schon abwechselnd und zusammen mit Guillou gespielt, als es zu meiner Improvisation kam. Die bejahrte Königin setzte sich unter tausend Entschuldigungen, ob sie mir auch nicht lästig falle, zu mir; König und Flof- staat folgten. Ich Hess mich los wie ein racer (Rennpferd); alle Kraft, alles Feuer, ja sogar ein bischen Koketterie wendete ich an, um auf die königlichen Nerven zu wirken. Erst rossinirte ich ein bischen, weil ich weiss, dass dies Fieber auch hier bei Hofe grassirt, dann wurde ich gar ein Däne, und bearbeitete Volkslieder, endlich schloss ich, durch die lauten Bravo's übermüthig gemacht, mit dem dänischen „God save the King": „Kong Christian". Als ich geschlossen hatte — nun Du kannst Dir Alles denken — nur das war neu, dass der König bei den anwesenden — 215 — Musikveteranen herumlief, um sein Erstaunen auszudrücken und sich bei ihnen Bestätigung zu holen." Der nächste Brief ist aus Helsingborg auf dem Wege nach Gothenburg, wo er, statt in Kopenhagen zu warten, indess Concert geben will. „Ich legte die Fahrt von Kopenhagen nach Elsinör in 6'j 2 Stunden zurück und Nachmittags die Fahrt über den Sund in dreiviertel Stunde. Hier miethete ich auf Anrathen einen Wagen und einen sogenannten Husaren, der zugleich Kutscher und Bedienter ist, für die Reise nach Gothenburg. Glücklicher Prinz, kann ich mir diesmal auch wieder zurufen, denn ich habe das schönste klarste Wetter." Aus Gothenburg schreibt er: „Seitdem ich vorgestern meine Zeilen aus Helsinborg expedirte, habe ich die Reise hierher glücklich, wenn auch mit einigen Strapazen zurückgelegt. Der sogenannte Wagen, den ich miethete, war eine kleine Chaise, auf einen vierräderigen Karren gebunden; Koffer und Nachtsack hatte ich zwischen den Beinen. Da gab's tüchtige Püffe. Meinen sehr gesprächigen Husaren verstand ich nicht, desto besser aber die Natur, die in jedem Klima, unter jeder Zone zur Bewunderung hinreisst und die hier an den Ufern des Kattegat in romantischen Felspartien und herrlichen Waldungen einen stets interessanten Wechsel bietet. Die Wege waren meist gut und ein zwölf Stunden vor uns abgeschickter Bote hatte überall frische Pferde bestellt, bis wir ihn leider vor Kungsbacka drei Stunden vor Gothenburg einholten und es nun hiess: zwei Stunden warten! — Das Wirthshaus bot Nichts als eine Art grauen Zwieback und eine Talgkerze, zu der sich der Dampf meiner Cigarre gesellte. Endlich weiter in die dunkle Nacht hinein, die noch dazu Regen brachte. Um n Uhr ein Halt, aber nicht in Gothenburg, sondern nur um einen neuen Vorspann zu holen, da wir einen schweren Gebirgspass vor uns hatten, aber um i Uhr das willkommene Licht in der Laterne des Gothenburger Zollhauses. — Das Licht war willkommener als die Visitation, zu der ich aussteigen musste. Ein gehöriges Pochen an Blone's Hus weckte ein — 2l6 — Mädchen aus tiefem Schlaf, aber trotz eines vorher bestellten Quartiers, bekam ich nur eine Kammer im Himmelreich, wo ich mit dem Kopf an die Decke stiess. Meine Frage, ob ich nicht eines der leeren Zimmer im ersten Stock haben könnte, an denen wir vorbeigekommen waren, wurde nur durch ein schwedisches Achselzucken beantwortet, welches für mich einem böhmischen Dorfe glich. So Hess ich die Dachkammer heizen, den Rauch in's Zimmer schlagen und legte mich in meinen Pelz gewickelt in's Bett. Mein schlechter Humor ward durch den Gedanken an Dich überwunden; Th. Heils Gedicht „Macht der Frauen", das mir durch Zufall in die Hand kam, drückte meine eigenen Gefühle sympathisch aus." „Heute Morgen bekam ich die hübschen Zimmer, die ich in der Nacht sah; gerade die waren für mich bestellt. Mein Concert ist angezeigt und arrangirt für den 27., also in drei Tagen, und gleich darauf geht's wieder nach Kopenhagen. Ich bin stets mit Calculationen über das dänische und schwedische Postwesen beschäftigt, damit unsere Correspondenz nie zerrissen werde. . . In so einer fremden Stadt pflege ich immer gleich auf den Wall zu gehen, um einen Ueberblick zu bekommen. Wie romantisch schauerlich diese Klippen und abgerissenen Felsstücke um und selbst im Hafen! Der sich schlängelnde Fluss Gota-Elf (Gothen-Elbe) erinnerte mich an unsere Elbe und ich war nicht mehr allein. . . . Die Stadt hat geräumige Strassen und Plätze und sogar eine, die an die Linden erinnert. Das Wetter ist klar und schön." Nun erzählt er von zwei grossen Familien, welche den Ort musikalisch beherrschen, natürlich nicht ohne Rivalität, die eine hat ein Clementi'sches, die andere ein Graf- sches Instrument. Welches wird Moscheies zum Concert wählen ? Das ist für die streitenden Häuser eine brennende Frage. Er hilft sich, indem er beide nimmt und abwechselnd darauf spielt. Vor dem Concert aber macht er ein echt schwedisches Diner mit. „Der Wirth, ein Original, das an seiner Tafel von fünfundzwanzig Personen phantastisch, hogarthisch, ja abderitlich präsidirte. Ehe man — 217 — sich an dieser niederliess, wurde von den Herren Schnaps und Hering stehend an einem Seitentische genossen, wozu nur drei Gläser für Alle dienten; dann gab's Kalbfleischragout, Hecht und endlich Suppe, hierauf Gänsebraten, plum-pudding und herrliche Früchte zum Dessert. Mein Original ist ein untersetzter Sechsziger, dessen funkelnde Augen unter einer graubraunen Perrücke hervorsehen, die Oberzähne fehlen, vier Unterzähne beschützen als Palisaden die sehr grosse, hängende, stets Feuchtigkeit sprudelnde Unterlippe. Er weiss immer das Wort zu führen und that es, trotz der Anwesenheit aller Honoratioren; seine Frau hingegen muss eine Schweigsamkeitsklausel in ihrem Heirathscontract unterzeichnet haben. Herr S. war so voll von dem grossen Ereignisse, den Professor Moscheies in Gothenburg und in seinem Hause zu sehen, dass er beständig die Backen vollnahm und den Professor mit Lob übergoss. Er ist auch in seinen Flegeloder Lehr-, nein Leer-Jahren ä la Wilhelm Meister und Yorik empfindsam gereist, war auch in England, und fühlte sich gedrungen, auf den Professor zu toasten. Hier gebe ich Dir ein wahrheitsgetreues Pröbchen seiner verwickelt unsinnigen Rede, bis ich Dir mündlich mehr geben kann: „Meine Herren! Sollte es kühn sein, wenn ich mit einiger Zuversicht das Hausrecht ergreife und das Wort führe? Bewahre mich Gott, dass ich die Ehre geniesse und auch der Zufall — denn diese werthe Gesellschaft, die mich als schlichten Mann kennt, zu sprechen. Der Zufall sage ich, dehn was ist Zufall? Gothenburg geniesst die Ehre etc. etc." — kommen die albernsten Lobpreisungen und dann geht es weiter: „bewahre mich Gott, ohne der Bescheidenheit dieses Mannes zu nahe zu treten — der Zufall sag' ich, der uns diesen Mann — die Bewunderung bei Seite gesetzt — gewiss einen bleibenden Eindruck verschafft — Er lebe hoch, der Meister der Töne im Reiche des Schönen." Du kannst Dir denken, wie mir zu Muthe war; ich musste mir in die Zunge beissen, um nicht zu lachen. Der Gouverneur, die Räthe, 21« — der Platzcommandant und die anderen Gäste schienen gar nicht erstaunt, sie müssen ihn kennen. Als er seine Rede geendet, wurde von einem Dilettanten ein einstimmiger „Glee" gesungen, und die Gelegenheitsworte endeten immer mit dem Refrain: „Es lebe der Meister!" Die Gläser klirrten, ich stand auf, um mich zu bedanken; kaum aber hatte ich gesagt, dass es nicht Zufall sei, sondern der Wunsch, mich auch vor einem kunstliebenden Publicum in Gothenburg hören zu lassen, der mich hergeführt, als Herr S. mir das Ende ersparte, indem er mich bescheiden unterbrach, mit: „Bewahre mich Gott, dass der Professor meint, dass ich meine, der Zufall (denn Zufall ist Alles in der Welt) habe uns, nicht ihm das Glück zugedacht, einen Mann in unseren Mauern zu. sehen, dessen Bescheidenheit — bewahre mich Gott — ich nicht zu nahe treten möchte." Hierauf wieder Gesundheiten, dann standen die Damen auf, und die Herren blieben bei einem ungeheueren Napf kalten Bischofs sitzen, wobei das närrische Räderwerk unsres Wirthes nicht stille stand; auch Lieder wurden gesungen, ich hielt mich bei der ganzen Sache neutral. Nun ging es aus dem geräumigen Esssaal zurück, durch mehrere elegante Salons in einen, wo der Clementi stand und ich musste improvisiren; ich that es, meine Umgebung berechnend, und Du berechnest leicht das Resultat. — Der Ciavierlehrer Schwarz und der Organist der Kathedrale, Bärnroth, schlugen vor, ich solle Orgel spielen, und das geschah am nächsten Mittag im Beisein derselben Gesellschaft. Ich Hess mich da einmal wieder recht los und arbeitete im Pedalwerk, als hätte ich Vestris' Füsse. . . . In meinem Concert war Alles, was geschmeidige Ohren für Musik hat oder sich einbildet, welche zu haben, also der Saal überfüllt und brillante Toiletten. Der Zettel zeigt Dir das Programm. Laut Aufforderung bekam ich die Themen zur Phantasie im Publicum — es waren schwedische Lieder, die man mir aufgeschrieben gab und die ich dem Beifall nach zu urtheilen, nicht schlecht verarbeitete. Dann ward ich noch viel umringt. Alle Einladungen nach — 21g — dem Concert hatte ich standhaft ausgeschlagen, weil ich zurückeile. . . . Heute Nacht muss ich trotz aller Eile hier in Helsinborg, wo ich Dir schreibe, übernachten; ich habe Dir einen kurzen Auszug meines letzten Briefes auf einem anderen, vielleicht schnelleren Wege geschickt, damit Du nicht ohne Nachrichten bleibst." Er hat einer Aufforderung, nach Stockholm zu gehen r nicht Folge geleistet, obgleich er am Anfang dieser Reise einige Schritte gethan hatte, um sich dort ein Concert vorbereiten zu lassen. Das Alleinreisen ward ihm gar- zu unbehaglich. Aus Kopenhagen meldet er dann: „An ein zweites Concert hier kann ich nicht denken, weil es mich neue vierzehn Tage kosten würde. Der Andrang zu den Bestellungen für das einzige ist daher sehr gross. Die Milder giebt Sonntag das ihrige und reist Montag nach Berlin zurück. Sie will nach London — ich konnte ihr nur höflich abrathen; aber sie sagte: „Ich will's denn doch wagen; wenn die Tiroler so viel Glück gemacht haben, so wird auch noch Etwas für mich übrig sein!" „Aber Sie werden doch nicht für 3 sh. singen wollen?" sagte ich. Nein, (im tragischen Ton) ich werde nur in den höchsten- Cirkeln singen!" — Ich suchte das Gespräch auf anständige Weise abzukürzen." „Ich habe das beliebte Liederspiel „Elverhoy" im Theater gesehen; es ist auf eine altdänische Sage gegründet, die charakteristischen Lieder und Chöre von Kuhlau geschmackvoll dazu arrangirt. Die Ouvertüre, die ein Com- pendium des Ganzen enthält, gefiel mir sehr. Bei Weyse habe ich wieder einen zweistündigen Besuch gemacht, da er mir hier der Interessanteste ist. Er unterhielt mich mit gelehrten Abhandlungen über Kunst im technischen und ästhetischen Sinn; seine Fugen und besonders seine Räthselkanons sind meisterlich. Morgen kommt er zu mir und wir werden uns noch öfters besuchen. Guillou bekam am Tage seines Concerts (das der König nicht besuchte), 150 dänische Thaler von ihm und 20 Louisd'ors vom Prinzen Christian; ein Gleiches ist, wie ich höre, mir und der Milder „zur Vermeidung des Neides" — 220 ---- bestimmt; also würde sich meine Nase vergebens nach einer Dose rümpfen, vergebens meine Finger nach einem Ring, meine Brust sich nach einer Nadel recken, nicht einmal die ersehnte Stunde meiner Abreise kann ich nach einer Ho fuhr stellen — einerlei sie wird doch herankommen." Es wurde viel in Künstlerkreisen, bei ausgezeichneten Dilettanten wie Herr Gerson und Mme. Tutein (der Tochter des Sängers Siboni), in der kaufmännischen und diplomatischen Welt dinirt und musicirt. Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit wurden bei klarem Frostwetter einige Landpartien gemacht. Unter den vielen Einladungen zu Concerten, die ihm aus der Nachbarschaft zugingen, erschien ihm nur das eine in Helsinör annehmbar. Herr Consul Löbel hatte sich erboten, es auf Subscription zu organisiren. Die Aufnahme in seinem Hause war sehr angenehm, das Concert, das nur die zwei Tage der Hin- und Herreise in Anspruch nahm, verlief so günstig, als er nur wünschen konnte. Am 10. November schreibt er von Kopenhagen aus: „Welch' ein merkwürdiger Tag war mir der gestrige! Belagert, bestürmt war ich von acht Uhr früh bis Abends sechs Uhr; gerissen haben sich die Leute um die theuersten Logen, quasi gebettelt um einzelne Billette und Viele mussten ihr Geld wieder zu sich stecken, weil sie keine bekamen, so dass ich heute schon ankündigte, es gebe keine Casse. Dabei ist Alles zu doppelten Preisen verkauft, das Resultat 1500 Thlr. rein. Wollte ich aber nach diesem Erfolge ein zweites Concert geben, so würde es mich wenigstens drei Wochen kosten; denn die Milder ist nicht abgereist und sie und Guillou liegen sich um die wenigen freien Tage in den Haaren. Beide gaben ihre ersten Concerte zu den gewöhnlichen Preisen und hatten guten Zuspruch. Was soll ich Dir nun über meinen Empfang berichten? Nichts — weil Du es schon voraussetzest. Nur soviel, dass sich der Beifall immer steigerte. Trotz meiner Treulosigkeit gegen die Alexander-Variationen musste ich sie spielen, wie Du aus beiliegendem Programm — 221 — siehst, und die Phantasie — nun darüber lässt sich gar nicht schreiben. Guillou, der sein zweites Concert zu gewöhnlichen Preisen angekündigt hat, bot mir an, es nun mit ihm zu doppelten Preisen zu geben. Das kostet mich nur drei Tage Zeit, weshalb ich es annahm. Nicht wahr, die drei Tage lassen sich verschmerzen? Das Concert wird in G's. Namen, unter meiner Mitwirkung, angekündigt." Später schreibt er: „Dieselbe Scene wie bei meinem Concert hat sich nun nach der ersten Ankündigung wiederholt. Wieder Alles zu doppelten Preisen ausverkauft. Auf meinen Th'eil kamen 641 Thlr. Uebrigens werde ich nun doch ein Schnupfer, denn Seine Majestät beehrte mich mit einer goldenen emaillirten Dose, Prinz Christian schickte einen Brillantring, Frau — eine goldene Uhrkette; ausserdem war der Hof durch den Hofmarschall sehr complimentös." Die Rückreise wurde ohne Störung mit einem Halt in Flensburg und Schleswig zurückgelegt, wo einige vorher arrangirte Concerte stattfanden, und Ende November war die Familie wieder in Hamburg vereinigt. Die Tage bis Mitte December verflogen pfeilschnell in befreundeten Kreisen. Dann wurde das Ränzchen geschnürt, und beim Jahresschluss war man glücklich in Paris angekommen. 1830. Dies Jahr begann herrlich und in Freuden mit einem sechswöchentlichen Aufenthalt in Paris und erfolgreichen Soireen. Auch in London finden wir nach der Rückkehr das thätig musikalische Leben früherer Jahre. Leider blieben jedoch die Schatten nicht aus, die das Lichtbild, wenn auch nur vorübergehend, trübten. Ein Sturz aus dem Wagen, in welchem Moscheies von Lection zu Lection zu fahren pflegte, schien anfangs bedenkliche Folgen nach sich ziehen zu wollen. Man befürchtete ein Gehirnfieber. Zum Glück aber wurde das Uebel rasch überwunden; " — 222 — eine äussere leichte Stirnwunde war das Schlimmste, was ihm von diesem Fall zurückblieb. Bald darauf wird die Frau nach der Geburt eines zweiten Töchterchens von einer heftigen Krankheit erfasst, die sie neun Wochen an's Krankenlager fesselt und in verschiedenen Phasen fast an den Rand des Grabes bringt. Zu der Sorge um ihre nur langsam zurückkehrende Gesundheit kommt noch der Schmerz um den Verlust einer geliebten Schwester. Alles dies stürmt tief erregend auf sein Gemüth ein und findet sein Echo im Tagebuche. Dagegen ist die musikalische Ausbeute aus jener Zeit natürlich nicht sehr reich. Hier das Wenige, was sich aus dieser Saison an musikalischen Notizen findet. „Hummel ist hier, er will Concert geben, und ich bin so glücklich, ihm bei meinen Schülerinnen viel Karten unterbringen zu können. Ich möchte, er hätte sich von mir bereden lassen, die sonderbare Anzeige nicht auf seinen Zettel zu setzen," Er hatte nämlich darauf bemerkt: „man möge nicht etwa voraussetzen, er werde im Philharmonischen Concert spielen. Nur falls ihm ein sehr annehmbares Engagement angeboten würde, könne man ihn auch anderen Ortes, als in seinen eigenen Concerten hören." Auf diese Weise wollte er den Besuchern der Philharmonischen Concerte die Illusion benehmen, als könnten sie sich das Extra-Concert ersparen. Einige Tage später begeht er im Concert der Malibran den Missgriff über „God save the King" zu phantasiren, „während Georg IV. todt und noch unbegraben daliegt und man an William IV. noch kaum denkt". Publicum und Presse sprachen sich rügend darüber aus, und überhaupt wollte an Hummel's in Wien so wohlverdienten Lorbern in diesem londoner Aufenthalt sich kein neuer Zweig ansetzen. Einestheils war er schon etwas bequem geworden, er besass nicht mehr die Spannkraft, die dazu gehörte, sich mit Erfolg in diese londoner Sturmfiuth zu stürzen; anderntheils fand der Nationalstolz der Engländer, dass ihr Cramer ebenso geperlt, ebenso legato spiele, ihm daher in nichts nachstehe; warum da nicht lieber dem native talent (dem eingebornen — 223 — Talent) den Vorzug geben? Hummel, vielleicht durch diese Ansicht mancher Blätter übel gelaunt, schlug es Cramer ab, in dessen Concert ein Duo mit ihm zu spielen „und auch das wird dem alten Wiener Freunde übel genommen." Dagegen rief damals die Malibran durch ihr Talent nicht minder wie durch ihre traurigen Schicksale begeisterte Theil- nahme wach. Erst an den ihr aufgedrungenen Malibran gekettet, dann durch besondere Gunst des Papstes von ihm befreit, hatte sich ihr liebebedürftiges Herz mit echter Hingebung zu de Beriot gewendet, als dessen Gattin sie nun in London auftrat. Auch in dieser Ehe war sie der selbstlosere, opferfähigere Theil; denn ihm zu Liebe sang sie nicht nur in der Oper, nein, nach so mancher anstrengenden Vorstellung auch noch in Privat-Soireen oder öffentlichen Concerten. „Und immer singt sie schön," sagt Moscheies, „immer mit der höchsten Begeisterung; immer ist sie nicht nur Sängerin, sondern auch musikalisches Genie. Muss sie eine Cavatine wiederholen, was ihr meist geschieht, so improvisirt sie neue Coloraturen, schöner und origineller als die ersten, die schon Alles zu übertreffen schienen; dabei beherrscht sie lächelnd das Orchester und • seinen Dirigenten und zündet auch in dem kältesten der mitwirkenden Musiker ein Geistesfünkchen an; hat sie doch deren so viele, dass sie unbeschadet damit herumwerfen kann. Auch in de Beriot's glattes vollendetes, aber nicht immer erwärmendes Spiel, hat sie hineingeblitzt, und „besonders in seinem H-moll-Concerterkenne ich sie deutlich." Natürlich war in dieser „von häuslichen Sorgen be- ängsteten Zeit", an kein ernstes Schaffen zu denken, doch mussten einige der kleineren Modesachen laut Contract fertig gebracht werden; u. A. die „Gems ä la Malibran", eine möglichst leichte Zusammenstellung ihrer beliebtesten Stücke mit einer möglichst genauen Nachahmung ihrer originellen Coloratur, die Moscheies ihr abgelauscht hatte. Für sein eigenes Concert, das einmal angekündigt, gleichfalls gegeben werden musste, hatte er, um doch eine Novität zu bringen, innerhalb weniger Tage seine „Recollec- — 224 — tions of Denmark", als Nachklang der dänischen Reise, zusammengestellt und die hübschen nordischen Motive verfehlten ihre Wirkung nicht. Wir finden in diesem Jahr auch manche Klagen über Musikzustände. „Es ist ein Missbrauch, in jedem Philharmonischen Concert zwei Symphonien und zwei Ouvertüren zu geben, dazu noch zwei grosse Instrumental- und vier Gesangstücke, ich kann immer nur die eine Hälfte gemessen." Ein andermal heisst es: „Beethoven's neunte Symphonie durchgefallen! Was soll ich davon denken? Liegt die Schuld am Dirigenten, an den Ausführenden oder am Publicum? Ich weiss es nicht, aber so darf es nicht bleiben." Und wirklich blieb es nicht so; denn nachdem die Herren Directoren beschlossen hatten, sie nach diesem und einem im Jahre 1824 missglückten Versuch nie wieder zu geben, nachdem sie sich eingeredet, „der taube Componist habe das tolle Zeug geschrieben, weil er es nicht gehört", schlug die deutsche Presse so gewaltig Lärm und ging mit den Verächtern dieses Riesenwerkes so streng in's Gericht, dass es Ehrensache wurde, es auch in England zu würdigen und vorzuführen. Freilich dauerte es einige Jahre, bis die richtige Erkenntniss zum Durchbruch kam. Wie wir später sehen werden, wandte sich die Philharmonische Gesellschaft an Moscheies, der die Symphonie mit Erfolg einstudirte und dem Publicum zugänglich machte. Von da an behauptete sie ihren Platz auf den Programmen der Gesellschaft. Weiter im Tagebuche blätternd, finden wir folgende Notiz: „Was es alles für musikalische Thorheiten täglich für ein Entree von 1 sh. in EgyptianHall giebt: 1) Michael Boai, ein Deutscher, der mit Fäusten an sein Kinn schlägt und eine Melodie, ja sogar allerlei Variatiönchen daraus hervorbringt, und 2) ein Engländer, der vorgiebt, zwei Töne auf Einmal zu produciren, indem er, einen Clarinettenton summend, zugleich einen Basston brummt. Eine effectlose Geschichte!" Ebenso wenig Effect erzielte die russische Hornmusikcapelle durch das staunenswerth präcise Einfallen des einen Tones, den jedes ihrer Hörner hergab. **0 Wichtiger für die Geschichte der Kunst und namentlich für die des Ciavierspiels ist es, dass die Erard'schen Flügel sich in diesem Jahr zu einer grossen Vollkommenheit erhoben und sehr viel gespielt werden. „Sie haben sich namentlich im Anschlag sehr vervollkommnet und ich fange an, mich viel und gern darauf zu ergehen." Der Aufenthalt der Familie in Ryde auf der Insel Wight, wohin man nach beendeter Saison reiste, brachte bei zunehmender Gesundheit der Frau einen interessanten Abstecher nach Portsmouth, wo man die im Hafen liegende königliche Yacht, sowie das abgetakelte Schiff besichtigte, auf dem Nelson fiel. Eine Metallplatte bezeichnet genau die Stelle, und trägt die Inschrift der letzten Worte des grossen Seehelden: „England expects every man to do his duty." Eine fernere Notiz besagt: „Unsere Absicht nach Frankreich zu gehen, war durch die dortige grosse Staatsumwälzung vereitelt worden. Charles X. durch Louis Philippe ersetzt, und als Flüchtling mit seiner Familie in Castle Lulworth. Welcher Wechsel!" In Ryde componirte Moscheies u. a. die „Recollections of England", die er der Königin Adelaide dedicirte. Die befreundete Familie Fleming, die auch in Ryde eine reizende Besitzung hatte, lud zu täglichen Excursionen im Southampton-Water in ihrer eigenen Yacht ein, in der es an nichts, ja nicht einmal an einem Ciavier fehlte. Hieran schloss sich ein kurzer Aufenthalt in Stoneham Park, „dessen geschäftige Nichtsthuerei wir jedoch bald aufgaben, um in einem nahe bei Southampton gelegenen Häuschen still, aber fieissiger und unabhängiger zu leben." Dort spielte er sich tüchtig auf dem nachgeschickten Erard ein und componirte dann in ländlicher Ruhe sein Cherubini dedicirtes C-moll-Trio. Die Volksbewegungen unter den unzufriedenen Arbeitern, welche Maschinen zerstörten und Sägemühlen abbrannten, trieben Moscheies endlich nach London zurück. Dort wurde das neue Trio von Laien und Künstlern mit Wärme aufgenommen. Moscheles' Leben. is — 226 — Im Spätherbst bezog die Familie das neue Wohnhaus (3 Chester place Regents Park), das sie über sechszehn Jahre, bis zu ihrer Uebersiedelung nach Leipzig bewohnte. Das Haus erhielt bald seine musikalische "Weihe, indem das neue Trio mit Lindley und Cramer probirt ward. Seitdem blieb es ununterbrochen der Schauplatz musikalischer Thätigkeit und Unterhaltung' und ein neutraler Boden im künstlerisch geselligen Leben London's. 1831. Das Jahr beginnt mit einer kleinen Kunstreise in die Provinz (nach York, Leeds, Derby). Moscheies erhielt einen Einblick in die mangelhaften Musikverhältnisse in der Provinz und trug manches zu deren Verbesserung bei. Nach der Rückkehr in die Hauptstadt wurde wieder fleissig studirt und unterrichtet und das Familienleben in gewohnter Herzlichkeit und Heiterkeit wieder aufgenommen. Um diese Zeit wird eine grössere Vertiefung in Moscheies' künstlerischem Streben, in Composition und Spiel bemerkbar. Als Hummel, der damals noch in London war, Moscheies das Trio spielen hörte, meinte er: so ein Adagio könne keiner der modernen Clavierspieler schreiben. Eben damals trat in Moscheies' Spiel die bis dahin fast ausschliesslich gepflegte Bravour in den Hintergrund, und ein tieferes Gefühl wurde vorherrschend im Anschlag und Vortrag ebensosehr wie in der Composition. In letzterer Beziehung mag das in jener Zeit entstandene Adagio des C-dur-Concerts als Beleg dienen, und namhafte Ohrenzeugen der damaligen Zeit haben dasselbe in Bezug auf das Spiel bestätigt. Ohne hier den inneren Gründen dieser Wandelung nachzuspüren, sei nur hervorgehoben, dass sie äusserlich durch den Fortschritt der Erard'schen Flügel sehr begünstigt wurde. Ihr Orgelton, ihr langaus- haltender Klang waren stets ein Gegenstand so hoher Bewunderung für Moscheies, dass er sich ohne Zweifel — 227 ---- angeregt fühlte, diese Vorzüge in seinen Adagio's geltend zu machen. „Ein wahres Cello", pflegte er zu sagen, und stets lobte er den Ton, den er ohne die Dämpfung aushalten konnte, während ihm das viele Pedalnehmen, sei. •es die Dämpfung, sei es das einseitige Pedal, bis an sein Lebensende widerwärtig blieb. Ein guter Spieler, hiess es, muss solche Hülfsmittel nur selten gebrauchen, sonst missbraucht er sie leicht. Oft auch, wenn er einen braven Clavierspieler hörte, pflegte er ihn in vielen Stücken zu loben, aber hinzuzusetzen: „Wenn er nur nicht beständig die Füsse auf den Pedalen hätte; alle i Effecte sollen jetzt durch die Füsse hervorgebracht werden, wozu hat man denn Hände? Es ist, als wollte sich ein guter Reiter immer der Sporen bedienen!" Unter seinen damaligen Schülern befand sich auch •der zehnjährige Henry Litolff, der ihm als armer talentvoller, aber ziemlich verwahrloster Knabe von seinem Freunde Collard übergeben wurde, und dessen Talent er sofort erkannte. Sein Vater, ein Elsässer, der seine zahlreichen Kinder nur spärlich durch seine Tanzmusik ernährte, konnte kein Ciavier für seinen Henry beschaffen; dieser übte aber in der Collard'schen Fabrik und war bei jeder Lection so vorbereitet, dass er Moscheies durch das Spielen seiner Etüden und Concerte erfreute und erstaunen machte. Der erste musikalische Stern am diesjährigen nebeligen Winterhimmel Londons war Neukomm. Von diesem war für die bevorstehenden Philharmonischen Concerte eine neue Symphonie in Es-dur ausgearbeitet worden, der „das attische Salz fehlte". Dennoch sollte er sich im Laufe dieses Jahres die grösste Popularität erwerben, wozu «inige von ihm componirte zündende Texte des Dichters Barry Cornwall wohl den Grundstein legten. „David's Schmerz um Absalon", von Braham hochtragisch vorgetragen; „The Sea" von Phillips, ganz im Geiste des nationalstolzen Textes gesungen, mussten beständig auf dem Programm stehen. Namentlich aber machte die schon besprochene „Nächtliche Heerschau" (nach Zedlitz) einen — 228 — . so gewaltigen Eindruck, dass Moscheies eine Phantasie darüber schreiben musste, die, wenn auch von ihm selbst nur als Stiefkind betrachtet, doch von den Schulerinnen „charming" and „delightful" genannt wurde, so dass gar manche zarte Hand „Nachts um die zwölfte Stunde" den grossen Kaiser die Trommel wirbeln liess. Aber auch die grösseren und ernsteren Werke Neukomm's wurden gegeben, und sein Oratorium „Die zehn Gebote" für das Musikfest in Derby im September angenommen, nachdem es zuvor in der Classical Harmonie Society in London mit dem grössten Beifall gegeben worden war. Auch im Moscheles'schen Hause veranstaltete man eine Aufführung im Kleinen mit Quartett und Contrabassbegleitung und einem zweiundzwanzig Sänger starken Chor (unter den Solosängerinnen Frau Stockhausen und Clara Novello). Moscheies, der die vortreffliche musikalische Bildung und Richtung des Freundes schätzte, sagt über ihn: „Es thut mir leid, dass er so unendlich viel schreibt und beständig den Grundsatz im Munde führt, dem er auch nachlebt: man müsse täglich etwas machen. Wo bleibt da die Inspiration, die allein vor Banalität schützt?" Als Mensch war Neukomm im Hause Moscheies' überaus geschätzt und man nannte ihn dort die Ency- klopädie; wollte man über irgend etwas belehrt sein, gleich fragte man ihn; er wusste Alles. Die Philharmonischen Concerte kommen heran, und Moscheies findet wiederum manchen Missbrauch zu rügen. Noch immer sitzt der Conductor am Ciavier, seine Partitur umblätternd, ohne Taktirstab, also ganz ohne die Aufführung zu beeinflussen, die der Vorgeiger allein leiten muss; daher das öftere Schwanken bei der Aufführung grösserer Orchesterwerke. Auf den Programmen sind die verschiedenartigsten Dinge oft zu einem seitsamen Allerlei zusammengerüttelt. Zwischen die Orchesterwerke ist Kammermusik eingeklemmt. Dann wieder der erste Theil. von Spohr's „Jüngstem Gericht" und ein gemischter zweiter Theil. Das ist nichts für ein deutsches Ohr, was würde Spohr dazu sagen? — 229 — Im Februar hat Moscheles Engagements im Norden Englands zu erfüllen. Er klagt über die schlechten Orchester, ist aber mit dem Erfolge seiner Unternehmungen zufrieden. Diese Reise war zugleich seine erste Eisen- Vst* bahnfahrt, über die .wir ihn-selbst sprechen lassen wollen: „Am 18. früh um 6 Uhr fort, um I j 2 i Uhr in Manchester, um den berühmten Railroad zu sehen und die Tour von sechsunddreissig englischen Meilen nach Liverpool in anderthalb bis zwei Stunden -zurückzulegen. Der Platz kostete 5 Shilling. Um 5 / 2 2 Uhr stieg ich in einen der Omnibusse, die alle Reisenden gratis bis zum Abgang der Dampfwagen in die Vorstadt brachten. Dort führt der Weg durch ein grosses Gebäude, in welchem die Bureaux sind. Acht bis zehn Wagen von der Länge der Omnibusse sind eng miteinander verbunden, und zwölf Plätze in bequemen Lehnstühlen in jedem Wagen. Auf ein gegebenes Signal nimmt jeder Reisende den Platz ein, der die Nummer seines Billets trägt. Die Wagen werden von den Guards verschlossen; dann erst wird die Dampfmaschine an den vordersten Wagen gehängt. Die Bewegung, obwohl pfeilschnell, ist kaum fühlbar und nur dann überraschend, wenn man zum Fenster heraussieht und bemerkt, wie man sich dem entferntesten Gegenstande mit unglaublicher Schnelle nähert und plötzlich daran vorüberfliegt. Welch einen Eindruck diese Dampffahrt auf der ersten Eisenbahn Englands auf mich machte, in welche Extase ich durch diese an Zauberei grenzende Erfindung versetzt wurde, können Worte nicht schildern. Ihr berühmter Ingenieur, Sir John Stephenson, hat sie unter unsäglichen Kämpfen und Schwierigkeiten in's Leben gerufen." Nach London zurückgekehrt, berichtet er über die Theater: „Eine neue Oper von Pacini, aber nur die herrliche Scenerie beachtenswerth. Sie heisst „Pompeji" und die Schrecken der Untergangsnacht sind meisterhaft dargestellt." Dann wieder: „Klean als „Richard theThird" gesehen, Mark und Bein erschütternd! Er überschreit sich, vielleicht weil er zu alt ist und doch Effect machen will." — 230 — Mit Enthusiasmus gedenkt er der Pasta und ihres grandiosen Spieles. „Die Stimme, zuerst bedeckt, tritt später siegreich hervor, wie die Sonne hinter einer Nebelwolke." „Lablache mit seinem mächtigsten aller Organe, dem Voce sul labbro und seiner Komik, besonders im „Barbiere" und dem tauben Alten in „Matrimonio segreto" ist immer unübertrefflich, Rubini in der Oper ausgezeichnet. Das Ballet „Kenilworth", das den ganzen Scott'schen Roman in "vortrefflicher Inscenirung darstellt, ist höchst interessant, die Taglioni in jedem Ballet eine Verkörperung von Grazie und Anstand, eine Tänzerin, die ganz allein dasteht und Alles entzückt." TJeber Field, der nach fünfundzwanzigjährigem Ausbleiben in London erscheint, sagt Moscheies: „Sein Legato entzückt mich, aber seine Compositionen können mir nicht, zusagen. Nichts kann übrigens in grellerem Contrast stehen, als ein Field'sches Notturno und die Field'schen Manieren, die oft cynisch sind. War das eine Aufregung unter den Damen, als er gestern in einer Gesellschaft das Miniaturbild seiner Frau aus der Tasche seines Beinkleides zog, und laut mittheilte, wie sie seine Schülerin gewesen, und er sie nur geheirathet, weil sie nie bezahlte und er wohl wusste, es wäre doch kein Geld von ihr zu bekommen." Am i. September schreibt Moscheies: „Gestern speiste Field mit Collard bei uns. Field ist ein gutmüthiger, aber nicht gebildeter Mensch, vielmehr ist er possirlich. Mit einer gewissen Nonchalance erzählt er, wie er sein Leben dahingeschlendert und durch zweideutige Abenteuer gewürzt habe, wie er in Petersburg, den Damen Lection gebend, eingeschlafen und sie ihn mit der Frage geweckt, ob sie ihm zwanzig Rubel zahlen sollten, daniit er bei ihrer Musik einschlafe? Er spielte uns Abends recht viel vor, wobei ich wieder seine Zartheit und Eleganz, sowie seinen vortrefflichen Anschlag bewunderte; doch fehlt es ihm an Geist und Accent, sowie an Schatten und Licht, und man vermisst das innige Gefühl." — 231 — Hummel kehrte zurück, obgleich seine Geschäfte in letzter Saison nicht sehr brillant gewesen waren. Auch in dieser Saison war er nicht sehr gut auf England und die Engländer zu sprechen, da seine beiden ersten Con- certe, in denen er nur sich und einige uninteressante Nummern gab, mangelhaft besucht waren. Er machte in der Folge die Concession, die Truppe der italienischen Oper mit in sein Interesse zu ziehen, eine Massregel, die sich vollkommen wirksam erwies. In den Soireen gab es manche Kreisleriana an Liebhabergesang auszustehen, und Moscheies spielte oft zu eigener Erlösung, wo er's sonst nicht gethan hätte. Dagegen war ihm zeitlebens das- Musikmachen mit Kunstbrüdern eine Herzensfreude. Das eigene jährliche Concert führte dem dichtgedrängten Publikum zu grosser Befriedigung die „Recollections of Denmark" mit ihren schönen nordischen Volksweisen vor, und das Ganze verlief mit gewohntem Glück. In diesem Concert bediente sich Moscheies zum -ersten Male eines Erard'schen, nicht wie bisher eines Clementi'schen Flügels. Der Ehtschluss hierzu war ihm schwer geworden, da Collard, der Associe des Hauses Clementi, einer seiner intimsten Freunde, ja oft sein Rathgeber war. Die Kunst aber verlangte ihre Rechte und die in diesem Jahr von Erard gebauten Flügel waren allen anderen an Ton, Kraft und biegsamem Anschlag so weit überlegen, dass Mosche- les ihnen ebenso offen die Ehre geben wollte, wie er sie bis daher oft als zäh im Anschlag und dumpf im Ton getadelt und gemieden hatte. Auch stellte er seinen eigenen Erard'schen Flügel in den Salon, den Clementi'schen in sein Studirzimmer. "Wie gesagt, des Freundes Collard halber that ihm dies leid; aber dieser, so gescheidt als treu ergeben, änderte in keiner Weise das gute Verhält- niss, das ihn an die Familie Moscheies knüpfte, und sie blieben Freunde bis an ihr Lebensende. Paganini war in London erschienen und Alles auf ihn gespannt. Eine Masse von Anekdötchen über ihn hatten schon in England wie auf dem Continent circulirt; er war muthmasslich der Mörder seines Weibes, und hatte in den Jahren seiner Gefangenschaft auf der einzigen G-Saite, die seiner Violine blieb, alle die Kunststückchen gelernt, mit denen er erst den Continent, jetzt auch England in Erstaunen setzte. Dabei sollte sein Geiz an's Fabelhafte grenzen und sein Aussehen an eine Figur der Märchenwelt erinnern. So war er dem englischen Publikum angekündigt, Moscheies speciell noch durch den Schwiegervater, der ihm in Hamburg ein vortheilhaftes Engagement mit dem befreundeten Theaterdirector zu Stande gebracht hatte. Der italienischen Sprache mächtig, konnte er eine Verständigung zwischen dem Künstler und den Unternehmern herbeiführen, als diese eben ihre bis dahin fruchtlos geführten Unterhandlungen abzubrechen dachten. „Die grossen Einnahmen und der noch grössere Beifall, den Paganini erntete (sagt Mosch eles), brachten meinem Schwiegervater eine Superlative Dankbarkeit ein, wie sie nur der Italiener auszudrücken weiss, und mit dieser überschüttete er auch uns, die Kinder des Onoratissimo, bei seinem ersten Besuch; er nahm das Miniaturbild des guten Vaters, das über dem Kamin hing, herab, bedeckte es mit Küssen und gab ihm die überschwenglichsten Epitheta. Wir hatten indess Zeit, diese olivenfarbenen, scharf ausgeprägten Züge, diese glühenden Augen, das spärlich dünne, aber lang herabhängende schwarze Haar und die ganze hagere Figur, auf der die Kleider schlotterten, diese tiefeingefallenen Wangen und diese langen, aber scheinbar nur mit Haut bedeckten Finger zu betrachten. Während dieser Beschauung hatte die unwürdige Lobhudelei ernsteren Gesprächen über Paganini's Unternehmungen Platz gemacht. Die erste derselben (noch ehe wir uns kannten), zu doppelten Preisen in der italienischen Oper zu spielen, war gescheitert. Der Herzog von Devonshire soll Propaganda dagegen gemacht haben; genug, nur zwei Logen waren verkauft, und das Concert musste abgesagt werden. Jetzt theilte er uns seinen Entschluss mit, zu den gewöhnlichen Preisen in der Oper zu spielen." Später sagt Moscheies: „Meine Hülfe, die ihm hier und da nütz- — 2 33 — lieh ist, verschafft mir ebenso viel zuckersüsse Epitheta, wie sie mein Schwiegervater bekam; ich werde auch in natura ebenso viel geküsst, wie er in effigie.'' Er kam beständig in's Haus und wurde stets gut empfangen. Aber sie trauten ihm nicht recht, er war gar zu süsslich. Nun kam sein erstes Concert heran. Der erste Eindruck war ein überwältigender, ja geradezu berückender. „Das Opernhaus war in einem Aufruhr, er musste fast Alles zwei Mal spielen, und wurde nicht allein wüthend beklatscht, sondern alle Damen lehnten aus den Logen hervor, um mit ihren Schnupftüchern zu wehen, und das ganze Parterre stieg auf die Bänke und schrie „Hurrah!" und „Bravo!" aus Leibeskräften. Einen solchen Eindruck haben nicht einmal die Sonntag und die Pasta hier gemacht, geschweige denn andere Künstler." Moscheies beklagt sich in seinem Tagebuch über den Mangel an Ausdrücken, die ihm eine Schilderung seiner Leistungen, wie er sie in Paganini's Concert bewunderte, möglich machen würden. „Dieser lang gezogene Ton, der bis in die innerste Seele dringt, wäre bei Ueberschreitung einer Linie in den unangenehmen Grad des Miauens verfallen, überschritt diese Linie aber eben nicht, sondern blieb der Ton des Paganini, einzig in seiner Art. Die dünnen Saiten, auf -denen allein es möglich war, diese Millionen Noten und Nötchen seiner Passagen und Ca- denzen hervorzuzaubern, wären mir bei jedem anderen Geiger fatal gewesen, bei ihm waren sie eine unentbehrliche Zugabei Und endlich waren seine Compo- sitionen so ultraoriginell und eben dadurch mit der ganzen phantastischen Erscheinung so im Einklang und so hihreissend durch seinen Vortrag, dass sie weder den Mangel an Tiefe noch an ernster Arbeit, noch irgend einen anderen Mangel an's Licht treten Hessen." Die Zeit des Enthusiasmus dauert fort; um dem ihrigen Luft zu machen, übersetzt ihm die Frau die Lobpreisungen der Zeitungen, die, hochtrabend, wie sie sind, von seinen Dankbilleten überflügelt werden, Moscheies hört — 234 — ihn in befreundeten Häusern, wo er in seinen eigenen Quartetten abwechselnd Bratsche und Violine spielt, Alles hinreissend schön, und schreibt für Mori sein erstes Buch „Gems ä la Paganini", aber nicht, ohne den Verleger ge- nöthigt zu haben, sich die Erlaubniss dazu von dem als geizig verschrieenen Italiener zu verschaffen. Moscheies und Mori gehen zusammen zu ihm. Moscheies spielt ihm sein in anderthalb Tagen gemachtes „musikalisches Portrait" vor. Paganini umhalst ihn, überschüttet ihn mit Lob. „Diese Auffassung seiner Manier, diese Wiedergabe seiner Cadenzen fand er stupend. Es gab in diesem Augenblicke natürlich nur einen Moscheies. Was war Hummel dagegen? Hummel und Andere hätten auch Phantasien ä la Paganini geschrieben, aber sie hätten ihm missfallen, er habe dagegen protestirt; diese Bearbeitung sei die einzige richtige, ihm eine Ehre", — und wie die Lobpreisungen alle hiessen, die sich später so wenig wahr erwiesen. Natürlich hörte Moscheies ihn öfter, um ganz sicher in seiner Bearbeitung zu gehen. Nach dem sechsten Concert spricht er jedoch bereits folgendes Urtheil aus: „Es geht mir ganz sonderbar mit ihm; zuerst fühlte ich die höchste Ueberraschung und Bewunderung. Sein Reichthum an den kühnsten Passagen, seine neu entdeckte Quelle von „sons harmoniques", die Genialität, mit der er das Heterogenste zu verbinden und effectvoll wiederzugeben versteht, überwältigte meinen musikalischen Sinn so sehr, dass mein Kopf noch mehrere Tage nachher, gleich einer eben gelöschten Brandstatt zu dampfen schien. Auch das innige Gefühl, das er seiner Geige schmelzend wie ein italienischer Sänger zu entlocken wusste, hatte einen unendlichen Reiz für mich, und ich nahm es ihm in meiner Verblendung gar nicht übel, dass er sich dabei jener maniera del gatto bediente, welche, wie der Spottname bezeichnet, bei den Italienern verpönt ist, und der ich stets so abhold war, dass ich sie nur einmal in jedem Schaltjahr hören möchte. Genug, meine Bewunderung für dies Phänomen, bei dem Natur und Kunst gleichen Schritt gehalten haben, kannte keine Grenzen. Jetzt, nach öfterem Hören, ist das Alles — 235 — anders geworden. In allen seinen Compositionen sind dieselben Effecte, welches Mangel an Erfindung beweist, in seinem Styl und seiner Spielweise entdeckte ich Monotonie. Seine Concerte sind schön, haben auch grossartige Momente, aber sie erinnern mich an einen Sommerabend, wo auf grüner Wiese ein brillantes Feuerwerk abgebrannt wird: die Schwärmer und sonstigen Stücke immer effect- voll und bewunderungswerth, aber immer dieselben. Seine „Sonate militaire", und wie die anderen Stücke nochheissen, haben südlichen Schmelz, aber in allen commandirt dieser Violinheld durch den unerlässlichen Trommelwirbel, und ist er auch jetzt der Todtschläger seiner Collegen, ich wünsche mir doch ein bischen Spohr'schen Ernst, Bail- lot'sche Kraft, ja sogar Mayseder'sche Pikanterie. Möglich auch, dass der mir immer mehr zuwider werdende Mensch dem Künstler in meiner Anschauung Eintrag thut. Er ist gar zu schmutzig geizig. Ob es wahr ist, dass er seinem Diener, der ihn um ein Galleriebillet bat, nur unter der Bedingung den Einlass gestattete, dass er ihn einen Tag umsonst bediene, weiss ich nicht, aber das steht fest, dass Lablache ihm £, ioo anbot, damit er in seinem Benefiz spiele, dass Paganini sie jedoch ausschlug, und dass der grosse Sänger ihm ein Drittel der Einnahme bewilligen musste. Als die Concerte in der Oper aufhörten, sich zu füllen — er hatte deren dreizehn gegeben —, begann er eine Serie in London Tavern in der City, was auch eines so grossen Künstlers unwürdig erklärt wird, — ihm einerlei; denn er macht dort Geld." Der Brief, dem wir diese Worte entnehmen, war im Juli geschrieben. Einige Wochen später erscheint das zweite, dann das dritte Buch der „Gems", und kaum sind sie heraus, so thut Paganini gerichtlichen Einspruch, nennt das Werk einen musikalischen Diebstahl. Natürlich betrifft dies meistens den Verleger, aber Moscheies geht zu ihm und fragt. „Hatten Sie mir's nicht erlaubt?" Antwort: „Ja, das erste Buch, aber das zweite und dritte nicht." Die Unterhandlung führt zu keinem Resultat; Paganini reist nach Schottland, der Process geht weiter. Nach seiner Rückkehr endlich sucht er Moscheies aut. Mit grossem Umschweif bietet er ihm den ferneren freien Verkauf der drei Bücher „Gems" an, wenn er ihm zu seinen z\fcölf soeben componirten kleinen Stücken eine Clavierbegleitung machen wolle. Moscheies willigt, wenn auch ungern, ein, weigert sich aber, seinen Namen zu dieser Bearbeitung herzugeben, was Paganini verlangt. Endlich muss dieser nachgeben, dann wird um die Process- kosten debattirt; endlich ist Mori froh, ein verhältniss- mässig kleines Opfer zu bringen, während Paganini früher von £ 500 Entschädigung gesprochen hatte, und Mosche- les ist „ganz glücklich, die fatale, eines Künstlerlebens unwürdige Episode und die abscheulichen Advocaten los zu sein." Nun konnte er wieder mit doppeltem' Eifer studiren und sich in seine Kunst vertiefen. Wie oft aber diese Studien und die ruhigen Abende mit den Hausfreunden gestört wurden, beweist folgende Notiz: „Alle seinsollenden Kunstgenies des Continents suchen mich heim, und es sind deren kürzlich so viele angekommen, dass ich beinahe ein Orchester mit ihnen zusammenstellen könnte. Heute Morgen kam ein Violinist, der an Schönheit und Anstand dem Flötenspieler S. nichts nachgibt, und beide, zu einer Mixtur verbraucht, wären bitter wie Rhabarber. Dabei schreibt mir ein Herr Steinmüller aus Frankfurt, dass sein siebzehnjähriger Sohn, ein ausserordentlicher Pianist, sich in London wolle hören lassen. Er ist sechs Fuss gross, heisst es, hat ein Muttermal mit auf die Welt gebracht, welches aussieht wie ein Schnurrbart, aber nur auf der rechten Seite, also nur ein halber. Auch heisst er hier allgemein „der musikalische Schnurrbart", und unter diesem Namen wird er sein Concert in London ankündigen". Zu den Hausfreunden gehörten in diesem Jahre noch Paul Mendelssohn, Felix' Bruder; der Professor Fritz Rosen, des letzteren und Klingemanns intimer Freund — eine nicht zu trennende Trias; dann der Prof. Grahl, der das Portrait der Königin Adelheid malte, und sich Abends während der häuslichen Musik gern damit beschäftigte, — 237 — die Portraits des Moscheles'schen Ehepaars zu zeichnen; ferner der junge Phrenologe Holm, der die Charaktere und Geistesanlagen in der Schädelformation der Anwesenden entdecken wollte. Neukomm hatte ihn eingeführt, und war gläubiger als das Moscheles'sche Ehepaar, das sich aber doch gern von dem jungen Arzt die Schädellehre erklären, Thieraugen und Hirn als Beleg seciren Hess. Der böse Gast aus Asien, die Cholera, hatte ihnen wegen der wiener Freunde und der hamburger und prager Verwandten bange Sorgen gemacht, und Moscheies schreibt den Letzteren: „Ja,, wir haben manche trübe Stunde; aber die Kunst und das Gottvertrauen müssen darüber hinweg helfen." Und wirklich blieben Alle gesund und die Wolke, die plötzlich den heiteren Himmel beschatteta, war bald dem hellsten Sonnenschein gewichen. Die grosse politische Reform, die in dieser Zeit England bewegte, Hess auch das Moscheles'sche Ehepaar nicht unberührt, und es wird viel darüber hin- und hergeschrieben. Als die Reformbill verworfen und infolge dessen das Parlament aufgelöst war, finden wir folgende Notiz bei Gelegenheit eines Balles in Camberwell: „Das Interessanteste daran war das Hin- und Herfahren. Ihr wisst aus den Zeitungen, dass Viele der „dissolution' halber illu- minirten; Viele aber wollten es nicht, und die kamen übel weg; denn man zerbrach ihnen die Fensterscheiben.. Auf dem ganzen Wege nach Camberwell, sieben englische Meilen weit, war doch fast Alles illuminirt, und viele Transparents mit den lächerlichsten Inschriften zu sehen, z. B. „The bill, the whole bill and nothing but the bill!" Ein patriotischer Fleischer stolzirte in Flammenschrift mit „The enemies of reforme tobe sentto the dominions ofDon Miguel"; „William the Restorer" und „William the patriot king" war wohl hundert Mal zu lesen, während wieder einige Häuser ganz dunkel und verschlossen dazwischen standen. Eine Menschenmasse, so gross wie ich sie nie gesehen, belagerte die Hauptstrassen und hemmte den Verkehr". Ausser den stets fortlaufenden musikalischen Genüssen - 2 3 8 - bot London, boten die Freunde noch manche andere. Die Eröffnung der New London Bridge ist Veranlassung zu einer grossartigen Procession auf der Themse. König und Königin, Lord Mayor und Aldermen fahren in mittelalterlicher Pracht über den Strom, und bilden mit dem Hofstaat und der Dienerschaft ein Costümbild, wie man es zur Zeit Heinrichs VIII. und der Königin Elisabeth auf der Themse gesehen haben mag. Auch Schloss Windsor und die königlichen Privatzimmer wurden dem Ehepaar gezeigt und von dort aus ein reizender Ausflug über das alte Runnymede, wo King John die Magna Charta gab, nach Eton unternommen, auch das College besehen, wo ein Byron seine Studien machte. Museen und Bilder- gallerien stehen ihnen an Privattagen offen, und als die Frau mit den Kindern im September auf einige Wochen nach Richmond Hill zieht, wird ihnen sogleich durch Lord Sidmouth, den Vater zweier Schülerinnen, der sonst für Wagen verschlossene Park zu Spazierfahrten freigegeben. Wir erwähnen dies als Beleg für die Pietät der Eng - - länder. In Erinnerung der Freuden, die der Künstler bereitet, wollte man sich dankbar gegen ihn und die Seinen erweisen, und war es nicht nur während ihres mehr als zwanzigjährigen Aufenthalts in England, sondern auch.später bei jedem noch so kurzen Besuch. Während des Aufenthalts in Richmond geht Moscheies auf einige Tage zum Musikfest nach Derby und schreibt seiner Frau hierüber: „Im Abendconcert gab man die Mo- zart'sche Symphonie in C mit der Fuge (in England „The Jupiter" genannt). Draussen war ein heftiges Gewitter, so dass der Saal durch die leuchtenden Blitze doppelt erhellt ward und die Composition durch den krachenden Donner eine mächtige Zuthat bekam. Das übrige Con- cert war ein Mischmasch, in dem jedoch viel Gutes war. „King Death" gefiel sehr, und „The Sea" musste wiederholt werden (beides Lieder von Neukomm). Gestern war Neukomm's „Prophecy of Babylon" sehr effectvoll, er steht in dieser Gegend hoch in Ansehen. Mme. Stock- — 239 — hausen sang ein „Magnificat" mit Oboe-Begleitung, sehr schön, nur etwas schwächlich, weil sie leidend war. Miss Masson war ausgezeichnet, die Chöre sind es auch. . . 30. September 12 Uhr Nachts. Man ist mit dem Zuspruch zum Festival noch nicht recht zufrieden, und hofft, es werde morgen besser werden. 200 Guineen-Plätze, 200 ä 12, und 200 a 7 sh. — das ist Alles, was abgesetzt wurde. — Das Concert, was ich eben verschluckt habe, sollte das Motto tragen: Allzuviel ist ungesund! Erster Theil: Neukomm's Symphonie — massiger Beifall. Glee von Horsley, den wir in London hörten. Drei englische sentimentale, etwas schleppende Songs und das schöne Violinconcert von Spohr, sehr unvollkommen von Mawkes gespielt, dazwischen der gewöhnliche italienische Schlendrian aus dem „Barbiere", „Turco in Ita- lia" etc. Neukomm's „Midnight Review", mit ungeheurem Pathos gesungen, machte grossen Effect. Zweiter Theil: Wieder allerlei Songs — worauf die Engländer wie besessen sind; ebenso das Trio „Papataci'' aus der „Italiana in Algieri"; aber Miss Masson sang ihre Aufgabe schön, die Ouvertüre zu „Euryanthe" ging sehr gut, Mme. Stockhausen musste ihren Jodler wiederholen, und dann o weh! kam das versauerte Trio von Corelli (Lindley, Dragonetti, Lucas). Zu meinem grossen Genuss sang Phillips einen „langhingsong" mit Chor aus Händel's „Allegro" und musste ihn wiederholen. Du siehst, ich muss hier viel unnützes Zeug verschlucken, um mir einige wahre Genüsse zu verschaffen. Unter diesen steht natürlich der einzige Messias oben an." Zum Weihnachtsfest wird nach guter deutscher Sitte ein Baum angeputzt und als die Thür sich der überraschten Jugend öffnet, spielt der Hausherr einen Tusch, ein Mirli- ton-Marsch von Neukomm wird von drei Freunden geblasen, der kleine Litolff setzt die Gäste durch sein vortreffliches Spiel der Moscheles'schen Variationen „Clair de la lune", in Erstaunen. Dann folgt ein Lied, „Nonsense" betitelt, Text von Barry Cornwall, Musik von Neukomm: — 24° — der Text, ganz heiter, ist gleich der Musik zu Anfang tragisch gehalten, und wird von einem Seufzerchor unterbrochen, bei welchem Mirlitons einfallen, ein Mirliton-Solo und ein lustiges Lied folgen! Das Ganze wird unter mühsam unterdrücktem Lachen, auf Verlangen viermal wiederholt; dann phantasirt Moscheles über die Nonsense- Themen so humoristisch, dass ein neuer Beifallssturm folgt; es wird getanzt, soupirt, und man trinkt nicht nur auf die Gesundheit der Wirthe, sondern einige Gäste nehmen ihnen das Wort ab, sie stets bei ähnlichen Abenden einzuladen. Beim Punsch muss der Nonsense wiederholt werden. Der Jahresschluss, der eben so heiter sein sollte, ward durch Moscheies'- Unwohlsein ein stiller, aber darum nicht minder glücklicher. 1832. Dass der Geist, der damals in der Philharmonischen Gesellschaft und im londoner Musikleben überhaupt herrschte, nicht der beste war, zeigen die Notizen, denen wir an der Schwelle dieses Jahres begegnen. Moscheies schreibt: „Man hat mich zum Mitdirector der Philharmonischen Gesellschaft gemacht, und wie ich höre, ohne eine einzige schwarze Kugel. Aber wir sind im Directorium unser sieben, sechs unter diesen begegnen sich in ihren Ansichten, sie sind conservativ, für alles Althergebrachte; ich allein trachte nach musikalischer Reform und dringe nicht durch. Symphonische Werke und Quartette werden in einem und demselben Concert gegeben; mittelmässige Sänger werden zum Gesang zugelassen. Das veraltete Trio von Corelli, das nun schon seit einer Reihe von Jahren nicht fehlen darf, wird von den alten Matadoren Cramer, Lindley und Dragonetti siegesgewiss mit selbstgefälligem Lächeln vorgetragen. Unser Einem reisst die Geduld da- — 241 — bei. Bei Lindley's unvermeidlicher Cadenz steht man zehnmal am Schluss und wird zehnmal zu dem Einerlei von Arpeggien und Flag-eolettönen zurückgeführt; er erinnert mich an eine Fliege, die den mit Zucker bestreuten Teller nicht verlassen will, ist mir auch so lästig wie diese. Und doch hat das Trio für gewisse alte Subscribenten seinen Reiz (?), hat grössere Berechtigung, in dies „classische" Institut einzudringen, als Mayseder's neues Sextett und Neukomm's Septett für Blasinstrumente, die sich jedoch des grossen Beifalls halber einer zweiten Aufführung erfreuten. An Beethovens letzte Quartette wagt man sich nicht." Moscheies gab seine neue Symphonie, spielte sein neues C-dur-Concert, sagt aber im Tagebuch: „Auf den Beifall, den meine neuen Sachen erlangten, bilde ich mir nicht viel ein, da auch das Mittelmässige diesem Publicum gefällt." Die Symphonie ward später einige Male wiederholt, aber Moscheies, der immer streng über sich und seine Compositionen zu Gericht sass, sah bald ein, dass gar manche seiner Zeitgenossen ihn in Orchesterwerken übertreffen würden, sein geliebter Mendelssohn ihn längst darin überflügelt hatte. Die Instrumentation von Moscheies' G-moll-Concert, die sich noch heute so wirksam erweist, hatte wohl der Vermuthung Raum gegeben, dass der damals noch sehr junge Componist Grösseres für Orchester schaffen würde; auch sein in der frühesten Zeit in Wien componirtes Ballet „Les deux portraits" hatte die Kunstrichter in dieser Voraussetzung bestärkt. Er selbst aber sah, trotz einiger späteren Versuche, ein, dass das Ciavier sein eigentliches Feld bleibe, dass er auf diesem zu Nutzen und Freude Anderer schaffen könne, und, objectiv wie er sich und sein Thun beobachtete, hat er sich auch meist auf sein Instrument beschränkt, auf dem er oft gelungene Orchestereffecte hervorzubringen wusste. Meister Clementi war in einem Alter von 84 Jahren gestorben, sein Leichnam, von Kunstgenossen getragen, in der Westminster-Abtei beigesetzt; natürlich wollte ihn Moscheies' Lebea. 16 — 2+2 — auch die Philharmonische Gesellschaft ehren und führte zu seinem Gedächtniss das „Recordare" von Mozart auf. Wie schlecht aber nahm sich dies in einem Rahmen weltlicher Musik aus! Und während die Cinti unmittelbar hinterher mit der Cavatine aus dem „Barbier" Furore machte, ward Mendelssohn's Hebriden-Ouvertüre augenscheinlich nicht verstanden und kühl aufgenommen. Eine Gedächtnissfeier, die weder Clementi noch die Nachlebenden ehrte! Neukomm's wenig andauernde Triumphe hatten in dieser Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Seine Lieder, seine Oratorien, Alles gefiel, Alles ward vortrefflich honorirt. Die Theater brachten auch in diesem Jahre die übliche Pantomime. Diese gab aber nicht blos die vielbewegte Geschichte des Däumlings mit ihren sehr drastisch dargestellten Wald- und Menschenfresserscenen, sondern wusste auch geschickt die Tagesfragen und Tagesthor- heiten in ihre Harlekinaden einzuflechten. So z. B. erschien eine Legion kolossaler Ochsenzungen, deren eine sich bewegte und unverständliche Laute ausstiess, als Parodie auf den berüchtigten Methodisten Irving, der damals in unbekannten Sprachen zu predigen vorgab, und dadurch von dem lustwandelnden Publicum, das er in den Parks andonnerte, viel kleine Münze erpresste. Auch ein ultrahagerer Paganini in ultraschlotternder Kleidung erschien mit der Geige, und führte eine Masse kleiner und immer kleinerer, ihm genau nachgebildeter Paganini's vor, und dgl. mehr. Das Singspiel „Rob Roy", dem Walter Scott'schen Roman nachgebildet, hatte Erfolg, während der arme Dichter todtkrank in einem Hotel London's lag. Braham gab trotz seiner vorgerückten Jahre noch immer einen vortrefflichen Fra Diavolo, wie die unverwüstliche Mars noch immer als Valerie excellirte. Herrlich war die deutsche Oper mit der Schröder- Devrient, Haizinger, Hauser und anderen ausgezeichneten Kräften, die in ihren Vorstellungen von Erfolg zu Erfolg schritten. Der Fidelio der Schröder ist zu bekannt, als dass sein Lob nicht ausser aller Frage stünde, aber ein Echo alles schon Gerühmten dürfen diese Blätter wohl — 243 — "hinaustragen in die musikalische Welt. Die liebenswürdige Künstlerin sang oft im Moscheles'schen Hause zum Entzücken des Ehepaars, und dankte man ihr, so hiess es: „Ach, Kinder, für Euch singe ich ja gerne, aber denkt Euch eine steife englische Soiree, wo ich stockstill stehen muss und die Ladies mich darauf ansehen, wie ich mich benehme; das quetscht mir die Kehle zu, die Conductors accompagniren auch nicht immer, wie ich will; genug, ich fühle mich nicht frei, wie bei Euch." Die italienische Oper hatte einen neuen Director, Monk Mason, der sich über den nie geahnten Glanz seiner Unternehmung in grosssprecherischen Reden erging. Seine erste mittelmässige Truppe ward freilich später durch die Cintiund den unübertrefflichen Lablache abgelöst; dennoch endete die ganze Prahlerei in einem Bankerott. Der Mann war Irländer; die englischen Theater spielten ihm übel mit. Er hatte die Partitur von „Robert le Diable" für England gekauft; doch kaum war der Ciavierauszug erschienen, als englische Theater-Directoren darüber herfielen, ihn von englischen Arrangeurs instrumentiren, mal- traitiren und von englischen Sängern singen Hessen. „Ich wohnte einer solchen Aftervorstellung bei", sagt Moscheies, „und fand in dem Machwerk „The Demon" betitelt, Meyer- beer's beste Intentionen gründlich zerstört. Nur die schöne Scenerie und die Unkenntniss des Publicums konnten diese Vorstellungen vor einem gänzlichen Untergang schützen. In Coventgarden wollten sie nun wieder mit Drurylane rivalisiren und brachten eine bessere Nachahmung mit besseren Sängern zu Stande, aber Meyerbeer war es immer nicht." Am 31. März wurde Haydn's hundertjähriger Geburtstag durch ein grosses Festessen gefeiert, worüber das Tagebuch berichtet: „Zweiundneunzig Männer, grösstentheils Musikprofessoren wohnten dem Feste bei; die Damen nahmen von der Gallerie aus theil. Barry Cornwall hatte eine Arie zum Preise des "Verewigten gedichtet, Neukomm in seine Festcomposition eine Auswahl der schönsten Motive seines Meisters eingefloch- — 244 — ten; J. B. Cramer, Field, Bohrer und ich spielten, man gab Chöre aus der „Schöpfung" und die Feier war musikalisch eine würdige. Die Toaste aber verdarben Alles. Man trank nicht nur auf den unsterblichen Haydn, nein, auch auf alle anderen heimgegangenen und lebendigen, an- und abwesenden musikalischen Berühmtheiten, und so erschienen einige der ausübenden Finger schon etwas schwer, als es zum zweiten Theil kam; wir Deutschen waren bei dieser Gelegenheit entschieden im Vortheil." In diesem Jahre nahm Lord B., der Componist von viel adliger Musik, den Präsidentenstuhl beim Festmahl der Royal Society ein, und man musste mit dem Dessert auch ein Terzett von ihm hinunterschlucken. In seinem Hause gab es grosse Soireen mit Hinzuziehung von Künstlern; die Musik, grösstentheils aus den Opern Seiner Lordschaft, die wenig begeisterten, die Steifheit des Tons und die entsetzlich späte Nachtstunde machten diese Soireen zu einer der unangenehmsten Geschäftsangelegenheiten der londoner Musikergilde. Dagegen führt Moscheies Männer auf, in deren Häusern man nach guter ernster Musik auch für andere Unterhaltung Sinn hatte und manchmal herzlich lachen durfte. Er erwähnt hierbei des berühmten Komikers Matthews, der in einem Privathause über die Eröffnung der neuen London-Brücke mit gewandtem Tonwechsel und unter Einmischung von allerlei witzigen Ausfällen und "Wortspielen improvisirte. Ein besonderes Interesse hatte für Moscheies das Haus des ihm befreundeten torystischen Parlamentsmitgliedes Fleming. Am 14. April sagt das Tagebuch „Gestern war die Reformbill durchgegangen; heute dinir- ten wir bei F's. mit mehreren members und hörten die Herren gern ihre politischen Ansichten auskramen. Aber leider folgte eine grosse musikalische Soiree, in der die ganze Partei vertreten war, der Herzog von Wellington an der Spitze. Vor diesen Herren ist aber schlecht mu- siciren, denn sie schenken höchstens einer italienischen Sängerin einige Aufmerksamkeit. Ciavier, ob von mir — 245 — oder einem anderen Künstler gespielt, interessirt sie nicht. Werde ich in solchen Soireen applaudirt, so denke ich, ■es geschieht aus Freude über mein Wiederabtreten, sie haben mich überstanden. Wir opfern solchen Soireen möglichst kurze Zeit und eilen heim, sobald es der Anstand erlaubt." Ja, die Häuslichkeit, sie war ihr eigentliches Element; immer mehr liebe und manche ausgezeichnete Freunde verschönerten sie, und jetzt, wo so manches Band gelöst ist, bewahren die Ueberlebenden das warme Gefühl, das sie damals aneinander fesselte. Wir nennen die Namen der Privatpersonen nicht, um ihnen nicht die Oeffentlichkeit eines solches Verhältnisses aufzudringen, doch werden Manche, welche diese Skizze lesen, sich darin wiederfinden. Sie werden sich an gute Trio's und Quartette erinnern, die sie den Hausherrn spielen hörten, der nie ermüdete, wenn es galt, vor echten Musikliebhabern gute Musik zu machen. Zuweilen auch werden sie seiner gedenken, wie er, an der belebten Unterhaltung theilnehmend, zugleich für den Notenstecher arbeitete, umgeben von einem Wust von Correcturen, nicht nur seiner eigenen Arbeiten, sondern auch der Probedrucke mancher in London publicirenden Freunde. Chorley, der bekannte Kunstkritiker des Athenäum, kam in diesem Winter nach London, wurde bald Hausfreund und blieb der vieljährige hochgeachtete und stets dienstfertige, ja unentbehrliche Anhänger der Familie. Auch der geschätzten Schriftstellerin, Mrs. Bowdich Lee, müssen wir gedenken. Von Cuvier eine der grössten Naturforscherinnen genannt, war sie im Moscheles'schen Hause ganz Freundin, oft belehrend, stets liebenswürdig, und überaus empfänglich für- musikalische Genüsse. Auch •dies Verhältniss konnte nur der Tod lösen. Das Tagebuch erwähnt der Ankunft Meyerbeer's und mancher interessanten Zusammenkünfte mit dem liebenswürdigen, geistreichen Gesellschafter, der, ein alter Freund, sich bald heimisch im Hause fühlte. Die herzlichsten Sympathien schlagen wieder Mendels- — 246 — söhn entgegen, der zur grossen Freude des Hauses Moscheies am 23. April in London erscheint. „Wir hatten ihn längst erwartet, aber ein leichter Cholera-Anfall hielt ihn in Paris fest. Jetzt ist er zu uns Insulanern mit seinem Schatz neuer Compositionen herüber geschwommen, nun kommen wieder herrliche Tage." Wollen wir diese näher beleuchten und uns die grosse Intimität der Beziehungen vergegenwärtigen, so dürfen wir nur das Tagebuch reden lassen, welches das fast tägliche Zusammenkommen mit ihm bezeugt. Gleich am 24. April speist er mit Klingemann bei Moscheies. „Er spielte zum erstenmal seine sogenannten Instrumental- Lieder für Ciavier, später „Lieder ohne Worte", und das Capriccio in H-moll; Alles athmet Geist und Leben, die Lieder eben so tief gemüthlich und innerlich, wie das Orchesterstück dem Concertsaal angepasst. In meinem neuen C-dur-Concert, das er zum erstenmal hörte, gefiel ihm besonders das Adagio." 25. April: „Zu Tische Mendelssohn und Klingemann mit Meyerbeer und der so eben zur deutschen Oper angekommenen Schröder-Devrient. Felix und ich spielten seine vierhändige Symphonie, ich mein C-dur-Concert. Die Schröder sang die Scene aus dem „Freischütz" ganz vortrefflich." 28. April: „Probe des Philharmonischen Concertes und Künstlercongress. Mendelssohn, Meyerbeer, Lablache Field und J. B. Cramer dort; Abends mit Meyerbeer in seiner Loge den „Barbiere" von der Cinti und Lablache gesehen; ausgezeichnet." 30. April: Heute spielte Mendelssohn uns seine Can- tate „Die erste Walpurgisnacht" vor, die ich früher in Berlin gehört und bewundert, die mir nun aber in ihrer Ueberarbeitung und mit ihren bedeutenden in Italien gemachten Veränderungen als ein prägnanteres Ganze erschien. Auch das zu der silbernen Hochzeit seiner Eltern componirte Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde", diesen reizenden musikalischen Scherz, spielte er, endlich die Ouvertüre zu den „Hebriden". Auch ich musste ihm — 247 — viel vorspielen. Die Einladung zu diesem Abend beantwortete er der Frau in folgenden Zeilen: „Ich danke Herrn Moscheies sehr, dass er von meinen neuen Sachen etwas sehen will und wenn er mir verspricht, zu sagen, sobald es ihm zu viel wird, so schleppe ich einen Cab voll Manuscripte herbei und spiele Sie sämmtlich in Schlaf." i. Mai (Sonntag). Mendelssohn und Klingemann schon um ein Uhr. Ersterer schenkte mir die Partitur seiner Ouvertüre zu den „Hebriden", die er in Rom am 16. De- cember 1830 beendet, später aber für die Herausgabe veränderte. Oft schienen mir seine Sachen schon in der ersten Anlage so schön und abgerundet, dass ich mir keine Veränderung denken konnte und diesen Punkt dis- cutirten wir auch heute wieder. Er blieb aber bei seinem Princip des Aenderns. Ein herrlicher Spaziergang im Park mit Mendelssohn und Klingemann brachte Frühlingsahnungen." Weiter heisst es in einem Briefe der Frau: „Unsere interessanten Tischgäste waren Haizinger's: er, der herrliche Tenorist, auf den die hiesige deutsche Oper stolz sein kann, sie, schön und liebenswürdig wie immer, ferner unsere grosse Schröder und unser noch grösserer Mendelssohn. Natürlich war die Unterhaltung lebendig und die beiden Damen so heiter, dass sie viele Anekdoten zum Besten gaben, und durch charakteristische Geberden illu- strirten. Als nun eben die Schröder erzählte „wie er sein Schwert zückte" und dabei ihr Tischmesser drohend gegen Haizinger erhob, flüsterte mir Mendelssohn zu: „„Was wohl John (der Diener) bei solcher unenglischen Lebhaftigkeit denkt? Einer, der so etwas ansieht und nicht versteht, was es bedeutet, bedenken Sie nur""..... Der Abend brachte die schönste Musik, Einer übertraf den Andern." 7. Mai: „Heute mit Mendelssohn bei einem Diner, wo er nicht spielen wollte und Field es recht ungenügend that." 8. Mai: „Gemüthlicher Abend mit Mendelssohn und Klingemann, das Programm für unsere Soiree am 10. Mai unter tausend Scherzen, zusammengestellt." — 248 — 9. Mai: „In Meyerbeer's Loge der ersten deutschen Vorstellung im italienischen Opernhause beigewohnt; es war der „Freischütz": Mme. Meric, Frl. Maschinka Schneider, Haizinger und Hauser die Hauptsänger, Chelard Kapellmeister. Alles ging gut, das Publicum rief enthusiastisch die Sänger wiederholt hervor. Uns machte die deutsche Vorstellung grosse Freude." 10. Mai: „Unsere eigene grosse Soiree, bei der deutsche und englische Musik sich glücklich vermählt hatte." Zwischen dem 11. und 16. Mai finden wir allabendlich Zusammenkünfte, die der Freundschaft und den Musen geweiht sind. 18. Mai: „Erste Vorstellung des „Fidelio", als Debüt der Schröder-Devrient, sie und Haizinger unübertrefflich und das Publicum den ganzen Abend so enthusiasmirt, dass es die Ouvertüre, den Canon, den Chor der Gefangenen und zuletzt sogar, als die Sänger gerufen und schon wieder abgetreten waren, noch das ganze Finale wiederholen Hess". Nicht allen unseren Lesern wird folgende komische Episode bekannt sein: „Die Schröder-Fidelio reicht ihrem Florestan-Haizinger in der tragischen Kerkerscene das Stückchen Brod „das sie schon seit drei Tagen" für ihn im Busen verbirgt, er macht nicht Miene, es zu nehmen; da, mit einem derben Zusätze, während das Publicum in Rührung zerfliesst, flüstert sie ihm wüthend zu: „Nehmen Sie's doch, wollen Sie Butter drauf?" 20. Mai (Sonntag): „Mendelssohn zum Frühstück, und gleich den Tag mit Musik begonnen, sodann ergingen wir uns gemeinsam im Park. Abends kamen Haizinger's, ich probirte mit ihm die neue Variation, welche ich ihm zum „Abschied der Troubadours" für mein Concert schreibe, und hörte dazwischen die reizenden Anekdoten in den verschiedensten Mundarten, die seine Frau der meinigen erzählte!" J. B. Cramer's langweiliges Concert am 21. Mai ward nur dadurch geniessbar, dass auch Mendelssohn es mitmachte. In den folgenden Tagen finden wir Moscheies — 249 — mit Vorbereitungen für das auf den ersten Juni anberaumte Concert beschäftigt. 24. Mai: „Zweite Vorstellung des „Fidelio", womöglich noch schöner, als die erste. Begreift man es aber, dass die Direction den braven Cellisten Lee aus Hamburg nach dieser Oper Variationen spielen, dass sie auch noch einen Act aus „Othello" geben Hess? Wir konnten einer solchen Geschmacklosigkeit nicht beiwohnen." 25. Mai: „Nachdem ich die während der Saison un : vermeidlichen neun Lectionen hinter mir hatte, durfte ich mich endlich an Mendelssohn's Gegenwart bei Tische erquicken; Abends war ich mit ihm, Klingemann und Hauser in Mori's Concert, wo er sein reizendes phantasiereiches Capriccio in H-moll spielte. Das Publicum, das sich im vorjährigen Mori'schen Concert an den Thüren um Einlass geschlagen, weil der Beneficiant mehr Karten verkauft, als der Saal fassen konnte, kam, hierdurch zurückgeschreckt, diesmal nur spärlich." 28. Mai: „Vormittags Probe für mein Concert (des Mozart'schen Concerts für zwei Claviere) mit Mendelssohn in Erard's Fabrik. Er zu Tische bei uns und Abends zusammen in's Philharmonische Concert. Der Triumph, den er beim Spielen seines neuen G-moll-Concerts feierte, war ein vollständiger. Erfindung, Form, Instrumentation und Spiel, Alles befriedigte mich vollkommen, das Stück sprudelt von Genie." 29. Mai: „Mendelssohn zu Tische, und die deutschen Künstler mir überraschend zu einer von meiner Frau längst vorbereiteten Feier versammelt. Erst ein Prolog, von Klingemann gedichtet, von Mme. Haizinger wunderschön gesprochen; er erklärte, dass mein morgender Geburtstag schon heute gefeiert werde, weil man für morgen den allseitigen Pflichten in der Vorstellung des ;,Fidelio" obliegen müsse. Ein Postpacket, das man mir brachte, enthielt ein Blatt, auf dem Mendelssohn einen thematischen Katalog meiner Werke mit humoristischen Randzeichnungen angebracht hatte. Man Hess mir aber keine Zeit, dies interessante Geschenk zu studiren; denn es er- — 250 — scholl vierstimmiger Gesang. Neue Ueberraschung. Die Schröder, Haizinger's und Hauser sangen einen Canon von Mendelssohn über vier von Klingemann für diese Gelegenheit gedichtete Zeilen, die Motive meines C-dur-Concerts immer darin vorherrschend; es war eine reizende Feier für den Künstler und Menschen." 30. Mai: „Eine Nachfeier mit erster Handarbeit meines fünfjährigen Töchterchens. Das Lectionenjoch blieb nicht aus; Field's Morning-Concert als Intermezzo. Zu Tische aber Mendelssohn, Klingemann und ihr beiderseitiger Freund, Dr. Fritz Rosen." (Dieser, ein an der Universität von London habilitirtcr Orientalist, der leider frühzeitig verstarb, war der Bruder des nachherigen Schwiegersohn's von Moscheies, Dr. G. Rosen. Letzterer, von Alexander v. Humboldt schon früh zu wissenschaftlichen Reisen und Zwecken verwendet, wurde später preussischer General- consul in Jerusalem, dann in Belgrad.) Auch im Juni brachte die Anwesenheit Mendelssohn's noch mannigfache künstlerische Genüsse. Er spielt mit Moscheies in dessen eigenem Concert, dann Orgelfugen in der Paulskirche ganz meisterlich und muss sein G-moll-Concert unter erneutem Beifallssturm zum zweitenmal im Philharmonischen Concert vortragen. „Die ruhigen Abende (bemerkt Moscheies), wo wir zusammen plaudern und musiciren, sind und bleiben unvergleichlich; heute gingen wir sein vierhändiges Arrangement des „Sommernachtstraums" sehr aufmerksam durch; es soll eben im Druck erscheinen. Die Diners, die wir mit ihm besuchen, sind nicht immer so interessant, wje das heutige bei Sir George Smart. Der gute Freund hat sich trotz seiner sechszig Jahre mit einer viel jüngeren vortrefflichen Frau verheirathet, die die Einweihung der neuen Häuslichkeit wohl verdiente; die Musik war der Gelegenheit würdig." Weiter notirt Moscheies: „Mendelssohn ist, wie ich, ein Verehrer von Horsleys' glee (vierstimmiger Gesang) „Cold is Cadwallo's tongue". Besser und der Situation gemässer hätte der celtische Held nicht besungen, sein Tod nicht tragischer betrauert werden können, als in die- — 251 — sem Gesang . . . Wieder sind wir einer Meinung über Paganini; er ist eben nach London zurückgekehrt, und spielte, übte aber nicht den früheren Zauber auf uns aus. Endlich wird Einem die ewige Süsslichkeit doch zu viel." Am 2;. Juni kommt der Freund zum Abschied. „Wir waren sehr lustig, sprachen in Räthseln, mussten dann aber doch traurig Lebewohl sagen." In diesem Monat wirkte Moscheies auch in einem der fashionablen Privatconcerte mit. Beliebte Sänger oder Instrumentalisten erhalten mitunter von einer Dame der höchsten Gesellschaft die Vergünstigung, in ihrem Hause Concert geben zu dürfen. Sie selbst sucht ihre Bekannten hineinzuziehen, der Concertgeber verzichtet auf das kostspielige Orchester und begnügt sich mit einer Clavierbe- gleitung und den Guineen, deren eine für jedes Billet erlegt werden muss. Unter dem Einfluss der hohen Wirthin sind solche Concerte stets von der eleganten Welt überfüllt und der Ton dem einer Gesellschaft ähnlich. Oft hört man da die grössten Künstler, oft aber haben sie auch einem armen Schlucker aufgeholfen oder einen Wohl- thätigkeitszweck gefördert; man sah daher gern über ihr mitunter abgedroschenes Programm, oder über die unter ihnen verborgene Eitelkeit der Modenwelt hinweg. Um einen Einblick in das geschäftige Leben Moscheles r zu gewähren, greifen wir folgende Tagebuchnotiz vom 24. Juni heraus: „Als Sonntagsfreude einmal bis acht Uhr geschlafen; dafür aber schon während des Anziehens den kleinen Litolff üben hören, der gekommen war, um seine versprochene Lection zu nehmen. Also schnell gefrühstückt; aber schon bei der ersten Tasse Caffee erschienen die Damen B., die so lange blieben, dass ich mich ent- schliessen musste, dem Litolff seine Lection in ihrer Gegenwart zu geben. * Zum Ueberfluss kam noch der Pianist L. aus Wien mit dem Beinamen „der Hässliche" hinzu, in Gesellschaft seines vierhändigen Rondo, das denselben Beinamen verdient. Es zeichnet sich durch ein Rossini'- sches crescendo aus. Die Familie Eichhorn, die sich eben meldete, erbot sich, zu warten, während ich mich einer — 252 — längst anberaumten zahnärztlichen Operation unterzog. Gleich nach dieser genoss ich die Freude, mir von den beiden Knaben Eichhorn vormusiciren zu lassen, und zum Schluss trat ein musikalischer Freund ein, dem ich bis in die Nacht hinein vorspielen musste." . Der Juli gleicht einigermassen dem Juni, nur dass ein „poco a poco decrescendo" eintritt. Vom 14. August an verlebte man- bei Hamburg mit lieben Verwandten eine glückliche Zeit in ländlicher Ruhe. Glücklich leben hiess aber für Moscheies componiren und musiciren und dies geschah privatim mit den besten Kräften der Stadt, öffentlich zum Besten des Pensionsfonds verarmter Musiker. Am 4. October ging es weiter nach Berlin, um dort ein Wiedersehen mit Moscheies' Mutter zu feiern, die dorthin gereist war, um die Familie zu treffen. Die vortreffliche Frau, die mit ganzer Seele an dem Sohn und seiner Frau hing, hatte hier zum erstenmal das Glück, sich ihrer Enkel zu freuen und genoss es in vollen Zügen. Der grösste Anziehungspunkt war natürlich für Moscheies Felix Mendelssohn und sein elterliches Haus. Dort waren sie täglich zu irgend einer Zeit, dort wurde Musik für das Herz gemacht, dort vertraulich über Geschäfte mit Felix' Vater berathen. Moscheies sagt: „Jch übe mich täglich auf Felix' prächtigem Erard, den er mir auch zum Concert leihen will; wir phantasiren oft zusammen darauf, und Jeder von uns sucht die von dem Andern untergelegten Harmonien blitzschnell aufzufangen und darauf weiter zu bauen. Dabei hat Felix die Sucht, jedes Motiv aus einer seiner Compositionen, das ich bringe, so schnell als möglich durch eins der meinigen zu unterbrechen und abzuschneiden, was uns Stoff zu herzlichem Lachen gibt. Es ist oft wie ein musikalisches Blindekuhspiel, bei welchem die Tappenden zuweilen mit den Köpfen gegen einander rennen!" Am 11. October wohnte Moscheies einer genussreichen Aufführung der Walpurgisnacht in Felix' elterlichem Hause bei; die Soli wurden von Mantius, den Devrients und — 253 — Frau Thürschmidt ausgeführt. Auch die vierhändige Beethoven-Polonaise und Moscheies' Sonate in Es durften nicht fehlen; Mantius und Devrient sangen aus dem Liederspiel: „Die Heimkehr aus der Fremde". „Es war ein reizender Abend." Am 14. October gedenkt das Tagebuch einer ähnlichen Soiree im Mendelssohn'schen Hause. Zu allseitiger Freude war auch Neukomm in Berlin angekommen, und man hörte mit Felix, eine Aufführung seiner „Zehn Gebote" in der Singakademie, so wie die erste Vorstellung des Crociato, am Geburtstage des Kronprinzen. Leider war der Crociato ganz heiser, Frau Kraus -Wranitzky aber eine vortreffliche Palmyra, die Männer nicht ausgezeichnet, Chöre und Decorationen prächtig. In der so eben eröffneten Gemäldeausstellung bewunderte man das Meisterwerk des einundzwanzigjährigen Eduard Bendemann „Die trauernden Juden"; das Interesse an dem Kunstwerk wurde noch durch die persönliche Bekanntschaft des liebenswürdigen bescheidenen jungen Künstlers erhöht. Später sagt Moscheies: „Ich zähle es auch zu den Genüssen dieses kurzen berliner Aufenthalts, dass ich Schleiermacher predigen hörte, aber leider nur einmal." Am 17. d. M. fand Moscheies' Concert in der Oper bei überfülltem Hause statt, worüber- er berichtet: „Mein Drittel der Einnahme beträgt 301 Thlr. netto. Graf Redern, Intendant der königlichen Oper, kam mir dabei sehr freundlich entgegen, und das Publicum beehrte mein C-dur-Concert, die dänische Phantasie und eine Improvisation über „che farö, voi che sapete" und „namenlose Freude", mit einem Enthusiasmus, der mich rückwirkend begeisterte ... Es war mir auch ein wonniges Gefühl, Mutter und Frau in einer Parketloge zu sehen. Felix soupirte mit uns bei Jagor sehr heiter." Am folgenden Tage, dem letzten in Berlin, war noch eine Morgenmusik bei Mendelssohn's. Felix spielte die C-moll-Sonate von Beethoven mit dem Geiger Ries, Moscheies sein Trio, dessen Scherzo er wiederholen musste. Bei Tische redete die ganze Familie ihm zu: noch einmal — 254 — in der Oper zu spielen, so dass Felix aufsprang und zu Redern lief, um ihn zu fragen, ob sich bis Sonntag etwas arrangiren Hesse? Der Bescheid aber, es ginge erst nach Mittwoch, befestigte Moscheies' Entschluss, sogleich abzureisen; doch nahmen sie Felix' Versprechen mit, er wolle im Frühjahr in London bei ihnen zu Gevatter stehn, und schenkte der Himmel einen Knaben als Ersatz für den verlorenen Liebling, so sollte er Felix heissen. Nun ging's die Nacht durch nach Leipzig, wo im Hotel de Baviere abgestiegen wurde. Die Subscription für das dortige Concert trug bereits 200 Unterschriften, so dass Moscheies sogleich bei Wieck ein gutes englisches Instrument probirte, welches er ihm zum Concert zu leihen versprach. Das Tagebuch erzählt hierauf von gastfreundschaftlichen Zusammenkünften; dann heisst es: „Bei Wieck geübt und mir von seiner kleinen überaus begabten Clara vorspielen lassen." Am 22. October fand das Concert unter grossem Zu- drang und enthusiastischem Beifall statt, und bereits am folgenden Tage wurde um 9 Uhr Vormittags davon gerollt. Das reizende Wetter machte die Reise nach Weimar zur wahren Lustfahrt. Am 24. October verzeichnet das Tagebuch Besuche bei J. N. Hummel, Frau v. Goethe und Anderen. Am 25. wurden sie zum Dejeuner bei Frau v. Goethe geladen. „Da gab es viel besternte und betitelte Personen, die viel aus mir und meinem Spiel machten, während meine Frau und ich es beklagten, dass der grosse Genius des Orts, Goethe, vor einigen Monaten gestorben war. • Zwar befanden wir uns in seinem Hause, doch nicht einmal seine eigenen Zimmer konnten wir sehen, da Alles darin noch ungeordnet und desshalb Niemandem zugänglich war. So konnten wir zum Andenken an den grossen Mann nur einige Facsimile's, die letztgeprägte Medaille und eine Haarlocke, die Frau v. Goethe uns schenkte, erhalten. Die Damen des Hofes in der Goethe'schen Gesellschaft meinten: „Die Hoheit werde mir den Sonntag ■03 zu einem Concert frei machen, sie sei mir sehr huldvoll gesinnt." Der Grossherzog aber wollte zwei fremde Gesandten empfangen, was hinderlich dazwischen trat. Es blieb daher bei dem einzigen Hofconcert, zu dem ich mich vor meiner Ankunft engagirt hatte; die Herrschaften waren äusserst gnädig und überreichten mir einen mit Brillanten besetzten Amethystring." 26. October: „Zu Tische bei Hummel's; mit ihm vierhändig phantasirt; die Zuhörer entzückt. Aber mir war's kein Felix. Schnell in unsere Reisekleider geworfen und nach Erfurt gefahren." Am 28. October Abends langten sie in Frankfurt an, wo sich neue Schwierigkeiten wegen eines rasch zu veranstaltenden Concerts fanden. „Meine Kunstbrüder Schelble, Schnyder v. Wartensee, Rosenhain, Wolff, Guhr und Andere wussten mich aber zu bereden, bis zum 7. November zu warten, was ich ungern that." Mittlerweile geniesst er, was sich ihm bietet und besucht unter Anderen auch Hofrath A. in Offenbach, über den A*Jtt er sagt: „Er drang mir seine Gelehrsamkeit scheffelweise auf und wollte mir aus jeder Zeile seines soeben erscheinenden Lehrbuchs beweisen, dass noch Niemand vor ihm die musikalische Setzkunst verstanden, viel weniger darüber zu schreiben gewusst habe. Noch zeigte er mir eine von Mozart unbeendigt gebliebene Oper Bettulia Liberata. Das gedruckte Textbuch ergiebt, dass Gassmann 1786 Musik dazu geschrieben hat. A. hat es unternommen, das Werk zu ergänzen und zeigte mir die Partitur seiner Ouvertüre, die ich spielte und die Werth hat." Am 7. November ging endlich Moscheies' Concert glücklich von statten; er hatte ihm mit Ungeduld entgegen gesehen, weil ein in London gut gestellter Künstler für Continentalunternehmungen gar zu grosse Geldopfer bringen muss, selbst wenn sie so vollkommen gelingen, wie die seinigen auf dieser Reise. Von Frankfurt aus hatte er noch ein Concert in Köln zu geben, lehnte dann aber alle ferneren Anträge ab und — 256 — eilte nach London zurück. Das Tagebuch ergeht sich in Dank für die glückliche Heimkehr der Familie, in Freude über den musikalischen Besuch, den er den Kunstbrüdern in Deutschland abgestattet, und in Befriedigung über ihre Anerkennung und schliesst mit den Worten: „Sollte man es glauben? heute am ersten Tage nach meiner Rückkehr schon einer der längstharrenden Schülerinnen eine Lection gegeben!" Klingemann, F. Rosen und andere Freunde fanden sich rasch ein. Der kleine Litolff spielte viel bei Moscheies und machte bedeutende Fortschritte. Moscheies schreibt: „Meiner Gewohnheit getreu, am Geburtstage meiner Frau etwas neues zu componiren, begann ich auch dies Jahr — aber nicht, wie früher, eine Kleinigkeit, sondern mein Septett, welches ich im Auftrage der Philharmonischen Gesellschaft componire. Zwei Jahre lang soll es ihr ausschliessliches Eigenthum bleiben, dann kann ich es einem Verleger überlassen." Da er allabendlich viel arbeitete, so war es ihm keine angenehme Unterbrechung, als man ihn aufforderte, nach Brighton zu reisen: Der Hof sei anwesend, ein dortiger Freund habe Alles vorbereitet, er werde sogleich bei seiner Ankunft vor den Majestäten spielen, die ihn zu hören wünschten. Um das Gegentheil dieser Aussage zu bekräftigen, geben wir das Tagebuch, wie Moscheies es damals schrieb: „11. December 8 Uhr Abends nach Brighton — mit Goethe's Götz allein inside. — Um zwei Uhr angekommen, Brief abgegeben, Niemanden getroffen. Grosses Leben in den Strassen wegen bevorstehender Wahlen. Die Parteien durchzogen die Strassen mit Musikbanden und Hurrahgeschrei. Einsam ins Theater, leer und kalt, es wurde die Farce „Harvest Home" gegeben; das Tanz- Divertissement war einschläfernd, aber Mr. und Mrs. Keeley in Master Rival ausgezeichnet. 12. December. Trotz eines Rendezvous, welches mir der Oberkapellmeister Sir Andrew Barnard um zehn Uhr im Pavillon (dem königlichen Schlosse) gegeben hatte,. — 257 — traf ich ihn zu keiner Stunde. Auch Dr. Davis, der mich durch eine Karte auf zwei Uhr zu sich bescheiden Hess, war nicht zu sehen. Meine grosse Anhängerin, Lady C., der ich dies klagte, musste, wie ich, befürchten, Sir Andrew sei mir feindlich und nur Italienern freundlich gesinnt. Sie schrieb ihm, und verlangte Aufklärung. Dies verschaffte mir die Ehre seines Anblicks. Ich wüsste längst,- sagte ,er, dass ich heute Abend bei Hofe spielen sollte. — „Wieso?"-fragte ich. — „„Hat Ihnen Dr. Davis Nichts gesagt?"" — „Nein!" — Hierauf einige höfliche Phrasen seinerseits, und der Antrag, den Erard im Pavillon zu probiren; ich fand ihn angequollen und steif, weil er lange in einem kalten Salon gestanden, musste mich aber doch über Hals und Kopf zu seiner Benutzung vorbereiten und fand nicht einmal Zeit mit der königlichen Kapelle zu probiren. Mit dieser traf ich nun Abends bei magischer Beleuchtung in dem phantastisch decorirten Musiksaal des Pavillons zusammen. Das Ganze machte einen feenartigen Eindruck. König William IV. und Königin Adelaide erschienen mit der königlichen Familie und setzten sich ans entfernteste Ende des Saales, der Hofstaat auch weit vom Ciavier weg, und ich wurde nicht vorgestellt. Ich spielte meine neue Phantasie über englische Nationallieder, die der Königin dedicirt waren. Der König allein näherte sich während dieser dem Ciavier und schien zuzuhören, nickte sogar herablassend, als ich aufstand; sein Mund blieb aber stumm. Die Gesellschaft unterhielt sich laut. Sir Andrew forderte mich auf, Orgel zu spielen, und später musste ich die Kapelle (ein ziemlich ungeschultes Doppelquartett), in einigen Vorträgen aus der „Schöpfung" begleiten. An meinen Alexander-Variationen und der Improvisation nahmen nur die Princess Augusta und die Marchioness of Cornwallis, trotz grossen Geräusches im Saal, Antheil. Noch wurden Stücke aus „Robert le Diable" von der Kapelle ausgeführt und endlich mit „God save the King" geschlossen. Der Hof zog sich zurück, nachdem Sir Andrew der Königin das Exemplar meiner englischen Phantasie überreicht, eine Ehre, Moscheies' Leben. 17 - 2 5 8 - um die ich für mich angehalten, die er mir aber verweigert hatte. Er fertigte mich wieder mit einigen höflichen, höfischen Phrasen über die Zufriedenheit Ihrer Majestäten ab', und die Gesellschaft wechselte kein Wort mit mir." Kein Wunder, dass Moscheies Brighton ärgerlich ver- liess, aber die Freude, wieder bei den Seinigen zu sein, verwischte bald diese unangenehmen Eindrücke. Mr. Gri- mal, ein grosser Musikenthusiast brachte ihm Beethoven's Messe (op. 123), die er noch nicht kannte, und die auch in London noch nicht gehört war, mit der Bitte, sie bei einem Mr. Alsager zu dirigiren. Dieser, ein Mitarbeiter an der „Times", schrieb nicht nur seinen City-Artikel sehr gut, sondern trieb auch die Beethoven-Verehrung bis zum Fanatismus. In seinem grossen Musiksaal wurden Beet- hoven'sche Werke mit ganzem Orchester gegeben. Am 23. December schwang Moscheies zum ersten Mal bei einer Aufführung den Dirigentenstab über dieses freilich zum Theil aus Dilettanten bestehende, aber doch sehr gut eingespielte Orchester. Von da an musste er es öfters dirigiren. „Ich hatte mich", schreibt Moscheies, „in das kolossale Werk (die Missa solemnis) durch Studium ganz versenkt. Zuweilen erschienen mir einzelne Phrasen nicht auf dem Höhepunkt kirchlicher Musik; doch diese fielen gegen den Geist, der das Ganze belebt, wie Arabesken einer Zeichnung weg. Der Enthusiasmus meiner englischen Freunde fachte auch meinen Eifer an, die Compo- sition in gehöriger Auffassung zu geben. Miss Novello sang ganz vortrefflich, auch Miss H. Cawes that ihr Bestes. Das „Benedictus" mit dem himmlischen Violin- Solo (Mori) entzückte Alles." Nachdem sie am 24. December wieder das schöne Weihnachtsfest gefeiert, beendete Moscheies am 25. in der Festtagsruhe die Skizze des Septett-Adagio's, instrumen- tirte," copirte die Stimmen in den nächsten Tagen und hatte die Freude, es am 31. December vor einigen musikalischen Freunden mit grossem Erfolg probiren zu können. — 259 — Das alte Jahr wird musicirend beschlossen und das beginnende neue mit dem Punschglase in der Hand und tausend guten Wünschen begrüsst. 1833. Der Jahresanfang ward der Fortsetzung des Septett gewidmet, von dem Moscheies bis dahin nur zwei Sätze beendet hatte; dann besorgte er die Copirung der Stimmen mit der ihm eigenen Genauigkeit. Später ward ihm das Stück besonders lieb, weil Mendelssohn, dem es gefiel, in seiner kindlich bescheidenen Art fragte: „Erlaubst du ; dass ich es zu vier Händen arrangire?" Und dann wieder, während der Arbeit: „Gefällt es dir auch? Hättest du es ■doch selbst besser gemacht"___Wir pflegten solche Reden wohl lächelnd seine „frevelhafte Bescheidenheit" zu nennen, waren aber doch überzeugt, dass der grosse Künstler, den eigenen Werth verkennend, aufrichtig meinte, was er sagte. Ein Engagement zu Concerten im Norden Englands bringt uns folgende Auszüge aus Briefen an die Frau: „York, 4. Februar Nachts halb zwölf Uhr nach dem Concert. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich behaupten, ■dass ich heute der Einzige war, der mit Beifall beehrt wurde; denn es war nichts da, als ein Sänger W. W„ •einige glees, nebst einigen miserablen Ouvertüren, in welchen die Flöte allein Trägerin der Harmonien war. O Jammer!! Eine andere Haut, als ich, ginge drauf — aber ich konnte sie anhören, ohne in Ohnmacht zu fallen. Ich versichere Dich, dass ich meine Nerven so zusammenhalten musste, wie ich es etwa zu thun hätte, wenn ich «iner Hinrichtung beiwohnte. Ich ward nicht nur mit Beifall aufgenommen, sondern musste zweimal phantasiren. Der Sänger Mr. W. wollte die Midnight Review mit Orchester singen, und ich gab mir bei der Probe alle 17* — 2ÖO — mögliche Mühe, sie in Gang zu bringen — aber da war so wenig Lebensgeist herauszubringen, wie aus Kieselsteinen. Ich rieth ihm, das Orchester aufzugeben und erbot mich die Composition vom Tode zu retten, indem ich sie accompagnirte. Früh um sechs fahre ich mit der mail nach Sheffield, und da ich noch meinen Concertanzug packen muss, so muss ich schliessen .... Sheffield, 5. Februar Nachts elf Uhr nach dem Con- cert. Heute hatte ich einen bewegten Tag, und während ich Dir schreibe, fühle ich mich wie ein Stagecoach - Pferd, dem nach vollbrachter Arbeit bei der Ankunft an der Station alle Muskeln dampfen. Also um fünf Uhr stand ich auf, um sechs Uhr fort, halb zwei Uhr hier, schon an der Kutsche empfangen, gleich in die Probe, dann zu Tische zu Barker (ein Freund, Besitzer eines Marmorbruches). Grösser Enthusiasmus im Concert. Den „Fall of Paris" sollte ich wiederholen, spielte aber nur das Finale zweimal und Hess mich durch das gewaltige Klatschen doch nicht zu zweimaligem Phantasiren verlocken,, sondern verbeugte mich nur pflichtschuldigst. Mittwoch Nachmittag. Ich komme eben aus der Kirche, wo Neukomm's „Zehn Gebote" zum erstenmal aufgeführt wurden. Ich sage Dir nichts Ausführliches darüber — nur dass es allgemein angesprochen hat — weil ich mir in meinem Textbuch viele Notanda gemacht habe, um Dir Alles mündlich mitzutheilen. Der Brief muss fort". . Er selbst eilte ihm bald nach, und kaum war er nach London zurückgekehrt, so ward ihm ein Sohn geboren. Unendliche Freude in der Familie! Moscheies schreibt: .,Ich blieb die halbe Nacht auf, um den Verwandten und dem zukünftigen Pathen Felix die frohe Nachricht zu melden und letzterem unsere Hoffnung auszusprechen, dass er kommen und das Kind selbst über die Taufe halten werde.'' Der hier folgende Brief Mendelssohn's, mit der beigegebenen Federzeichnung geschmückt, beantwortete umgehend die Meldung des Freundes: 26 1 — *£c£s ^MßOrA(Aj Da sind die Blasinstrumente zu den Geigen; denn so lange darf der Stammhalter nicht warten bis ich hinkomme, sondern er muss ein Wiegenlied mit Pauken und' Trompeten und Janitscharenmusik haben, die blossen Geigen sind lange nicht lustig genug. Viel Glück und Freude und Segen für den neuen Menschen; es soll ihm sehr gut gehen, und er soll gut werden, was er wird, und es möge ihm wohl in der Welt zu Muthe sein. Also Felix soll er heissen? Das ist sehr lieb und schön von Euch, dass er nun mein ordentlicher Pathe in forma wird, und mein erstes Pathengeschenk ist obiges ganze Orchester, das soll ihn sein Leben durch begleiten: die Trompeten, wenn er berühmt werden will, die Flöten, wenn er sich mal verlieben wird, die Becken, wenn er einen Bart bekommt, das Ciavier erklärt sich selbst, und wenn ihm die Leute einmal übel mitspielen, wie sie das jedem wohl einmal thun, so stehn die Pauken und die grosse Trommel im Hintergrund. Ach Gott verzeih das dumme Zeug; aber mir ist gar sehr lustig, wenn ich an Euere Lustigkeit denke, und an die Zeit, wo ich viel davon abbekommen — 2Ö2 — will. Ende April spätestens will ich in London sein und dann wollen wir dem Jungen einen ordentlichen Namen und Eintritt in die Welt geben, eine Lust soll's werden. Auf Dein Septett freue ich mich aber nicht wenig; Klingemann hat mir elf Noten daraus geschrieben, nämlich:: ----- m —T£-1^-ß — "-0 "fT^'f 7 — und die gefallen mir g-ar sehr — ^-------------^------------ gut; ich kann mir denken, wie das ein lebendiges, heiteres, letztes Stück geben muss. Auch hat er mir das B-dur- Andante gut beschrieben und erzählt, aber wenn ich's selbst höre, ist es doch noch besser. Erwarte nicht zu viel von meinen Sachen, die ich mitbringen werde. Du wirst die Spuren des Missmuths, aus dem ich mich erst langsam und schwer herausarbeiten kann, gewiss oft finden; es ist mir oft gewesen, als hätte ich noch gar nicht componirtund müsste erst wieder anfangen, alles zu lernen; doch bin ich jetzt schon mehr darin und die letzten Sachen werden besser klingen. So war es auch hübsch, dass- Dein Brief mich wirklich so recht im Componiren und allein und ruhig auf meiner Stube traf, wie Du sagtest und so wünsche ich, dass Dich meine Antwort hier froh und heiter Abends in Deinem Hause, im Kreise der gesunden Deinigen antreffen möge; nun wollen wir sehen, ob.ich so viel Glück mit Wünschen haben werde, als Du~ Ich bin in Eil und werde schliessen, ich hatte nur eine halbe Stunde Zeit, Dir zu schreiben, und die schöne Malerei hat mich fast die ganze Zeit aufgehalten. Aber ich weiss auch weiter nichts Neues zu sagen, als: Glück und Fortdauer, und auf Wiedersehen. Die Meinigen sind sämmt- lich wohl und grüssen Dich und freuen sich über Dein Glück. Nur mein Vater leidet fortwährend sehr an den Augen, und wir sind darüber sehr betrübt, da es auch ihn oft verstimmt; wenn er nur bald Besserung spürte. Meine Schwester und ich machen jetzt viel Musik, und alle Sonntage Morgen mit Begleitung, und eben habe ich vom Buchbinder einen ganzen grasgrünen Band Moscheies. - 263 - bekommen, weil nächstes Mal Dein Trio gespielt wird. Aber lebewohl, lebewohl und bleibe glücklich. Dein Berlin, 27. Februar 1833. Felix Mendelssohn-Bartholdy. Der Frau schreibt er: Berlin, 17. Februar 1833. Liebe Madame Moscheies! Wenn ich Ihnen heute auch nur wenige Zeilen schreiben kann, so muss ich doch meinen Glückwunsch und meine Freude Ihnen bringen und Ihnen sagen, wie ich mich in Thre Seele hinein über das frohe Ereigniss freue. Wie schön ist es, dass ich nun den neuen Ankömmling bald persönlich kennen lerne, und dass er meinen Namen bekommt; bitte, warten Sie nur ja, bis ich da bin, damit ich Ihre damalige Einladung zur Taufe auch wirklich annehmen kann; ich eile mich gewiss so viel ich kann, und komme so früh es geht. Auch das ist gut, dass es ein Knabe ist; der muss ein Musiker werden, und was wir Alle machen möchten und nicht können, das möge ihm vorbehalten bleiben, oder auch nicht. Es ist einerlei, denn ein guter Mensch wird er werden, und das ist die Hauptsache. Ich sehe freilich schon jetzt, wie ihn die beiden älteren Schwestern, die erwachsenen Misses Emily und Serena tyrannisiren; wenn er erst vierzehn Jahre alt ist, da wird er manchen Seitenblick zu leiden haben über seine' langen Arme und seinen zu kurzen Rock und seine schlechte Stimme, aber nachher wird er ein Mann werden; dann protegirt er die beiden wieder und erweist ihnen mancherlei, und muss sich, auf manchen Soireen ihretwegen als Begleiter ennuyiren. — Sie haben auf mich wohl ein wenig oder gar sehr gezürnt wegen meiner Schreibträgheit, aber verzeihen Sie mir nur, ich will mich auch gewiss bessern. Zumal freilich, wenn ich erst in London bin und meine Antworten und Fragen immer selbst hintragen und im- provisiren kann; aber auch sonst. Meine Schwestern lassen Ihnen tausend Wünsche und Grüsse sagen, ebenso meine Eltern, und wir Alle freuen uns herzlich und gratuliren — 264 — sehr zum ersten Sohn. Ich muss jetzt das letzte Stück von meiner Symphonie anfangen, und das liegt mir in den Fingern und verdirbt mir meinen Styl, und*nimmt mir die Zeit. Entschuldigen Sie die eiligen Worte, wie Sie gemeint sind, wissen Sie. Ihr ergebener Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Philharmonische Gesellschaft erging sich in diesem "Winter in den heftigsten Debatten über eine Local- veränderung. In den Argyllrooms waren Logen für den bessern Theil des Publicums, im Hanover Square Saal nur die eine grosse (königliche Loge genannt, weil man sie für den Hof reservirte). Ein heftiger Streit entbrannte für und gegen die Einrichtung von Sperrsitzen und wurde endlich mit Nein entschieden. „Das Orchester, das in dem neuen Saal neu aufgestellt worden war, indem wir die Bässe mehr vertheilt und in den Hintergrund gebracht hatten als früher, probirte die Ouvertüre zur „Zauberflöte", und es ergab sich eine gute Wirkung." Das Tagebuch giebt einige der Programme wie folgt: 25. Februar: Symphonie von Mozart und Haydn; "Wilkmann, Clarinett- Concert von Spohr; Mori, Quintett von Beethoven (nicht grossartig genug) Ouvertüre zu „Oberon", und „Demophon" von Vogel u. s. w. II. März: Symphonieen von Spohr und Beethoven (in A), Miss Masson und Mr. Horncastle sangen. 25. März: Symphonien, Mozart (D), Beethoven (Pastorale). Chelard's Ouvertüre zur „Mitternacht", von ihm selbst dirigirt, war eine massig anziehende Novität; moderne Knall-Effecte und ein vierstimmiger Choral mit Orgelbegleitung wechseln darin ab. Spagnoletti geigte ein Quartett von Beethoven; Nicholson, Flötist, eigenes Concert (massiger Nordostwind). Am 15. April spielte ich mein, für die Gesellschaft geschriebenes Septett mit Dragonetti, Lindley. Mori — genug, mit den ersten Kräften und herzlicher Anerkennung, die ihr Echo in der Presse fand. Am 13. Mai war Mendelssohn der Juwel des Concerts, indem er seine herrliche A-dur-Symphonie zum ersten Mal mit dem Täuschendsten Beifall gab, und Mozart's Concert in D einfach schön und edel vortrug. De Beriot's Violinconcert war aber mindestens eine Perle zu nennen und — 2Ö5 — ■die Cinti und Rubini sangen so schön, dass dies Concert das interessanteste der Saison genannt zu werden verdient. 27. Mai: Symphonie von Potter, und Neukomm's Orchesterphantasie über einige Stellen von Milton's Paradise lost, waren die Orchester-Novitäten, wurden gut ausgeführt und gefielen. Auch Humrael's F-dur-Concert von ihm selbst gespielt, war neu und ward gut aufgenommen. Die Pasta und Tamburini sangen herrlich. Der Gesang - der Malibran und eine erste Aufführung von Mendelssohn's Ouvertüre zu „Ruy Blas" wurden noch zum Schluss der diesjährigen Concerte gehört und Moscheies für das nächstfolgende wieder zum Mit- director erwählt. Ein zweites Institut „Societä Armonica" genannt, fand in dieser Saison seinen Untergang. Von einem braven Schüler Moscheies', Mr. Forbes, gegründet, konnte es sich trotz der Tüchtigkeit des jungen Mannes doch nicht halten. Auch in Privatunternehmungen wirkte Moscheies wieder vielfach mit. So spielte er bei den Aufführungen des Mr. Alsager die Beethoven'schen Sonaten Op. 109 und in vor einem Kreise von Verehrern des grossen Compo- nisten. „Ich fand andächtige Zuhörer, während ich in meinem eigenen Hause bei den Musikern kein rechtes Glück damit mache. Theilweise ist man freilich ergriffen, theilweise aber auch erstaunt über die Extravaganzen des Meisters, und herzlich erfreut erst dann, wenn ich etwa die fassliche D-moll-Sonate zum Besten gebe." In der „Royal Society of musicians" gab es eine originelle Leistung. Der alte Parry sang, die Bardenharfe im Arm, seine Nationalmelodien (Welsh songs) mit einem Pathos, das sie mir interessant machte; wir Musiker gaben dem braven Alten ein musikalisches Diner mit Ueberreichung eines Silbergeschirres in Anerkennung seiner vieljährigen Verdienste und Leistungen in unserer Zunft und seiner Bemühungen um verarmte Musiker. Seine Dankbarkeit und Rührung war ergreifend." Die Grippe, welche in diesem Frühjahr ihren ersten verheerenden Einzug in London hielt, befiel das Mosche- les'sche Haus mit grosser Heftigkeit, ihn selbst am andauerndsten. Dabei war man schon in der Mitte des April, — 266 — sein jährliches Concert für den i. Mai war angekündigt und noch fehlte die gewisse unerlässliche Novität, die er hätte componiren müssen, um mit gutem Gewissen vor sein Publicum hintreten zu können. „Wer weiss", schreibt er in sein Tagebuch, „ob mir'die Finger nicht den Dienst versagen werden, ob ich nicht besser thäte, das Concert aufzugeben." Da kam Mendelssohn nach London. Der erste Besuch im Krankenzimmer heilte den Patienten freilich nicht, doch mag die Freude, den „Felix" wiederzusehen wohl mit zur Genesung beigetragen haben; denn einige Tage später reift der Entschluss, das Concert zu wagen, weil die Freunde verabreden, zusammen ein Stück für zwei Claviere zu schreiben und zu spielen. Es sollte sehr brillant werden — am besten Variationen über ein beliebtes Thema — aber welches? Viele wurden vorgeschlagen, endlich der Zigeunermarsch aus Weber's „Pre- ciosa" gewählt. „Ich mache mir eine Variation in Moll, die unten im Bass brummt", rief Felix aus, „Du oben eine brillante in Dur, nicht wahr?" und so wurde denn verabredet, dass die Introduction, die erste und zweite Variation Mendelssohn, die dritte und vierte mit verbindendem Tutti Moscheies zufallen sollten. „In das Finale wollten wir uns theilen; er begann also mit dem Allegro-Satz, den ich durch ein piu lento unterbrach." In zwei Tagen waren sie fertig und gingen vom Philharmonischen Concert aus in später Stunde nach der Erard'schen Ciavierfabrik, um dort eine erste Probe zu machen. „Wir fanden zwei Flügel bereit und unser eiliges Machwerk gefiel unserer einzigen Zuhöferin, meiner Frau, ausnehmend gut." War diese nächtliche Ciavierprobe aber eine eilige gewesen, so ward es die Orchesterprobe am Morgen des 30. April noch mehr; denn eine lange Opernprobe hielt die Bläser fest, bis endlich wenige übermüdete Leute das neue Stück flüchtig probirten. „Dennoch ging es am 1, Mai im Concert vortrefflich und Niemand merkte, dass das Ganze nur andeutungsweise skizzirt und dass Jeder von uns in seinen Solo's improvisiren durfte, bis er an gewissen verabredeten Stellen seinem Mitspieler harmo- — 267 — nisch wiederbegegnete. Die ganze so unsicher scheinende Unternehmung ward eine höchst gelungene, vielfältig gepriesene." Mendelssohn, der die Leitung des Düsseldorfer Musikfestes übernommen hatte, ward den Freunden in London auf kurze Zeit entrissen, doch kehrte er bald zurück und diesmal mit seinem herrlichen Vater. Nun fing wieder das reiche musikalische Leben mit dem Freunde an, und bei der Taufe des kleinen Felix überreichte ihm der grosse ein Album, das er trotz des bewegten londoner Lebens mit einer Zeichnung und Composition geschmückt hatte. „Es ist eine Ansicht unseres eigenen Hauses und eine reizende Baumpartie des Regent's Park; die Composition ist ein Wiegenlied mit Text von Klingemann. (Es ist das seither so bekannt gewordene „Schlumm're und träume".) Eine glücklichere Tauffeier, als die heutige, ist wohl nie begangen worden. Die Freunde Neukomm und Barry Cornwall verherrlichten sie auch durch Composition und Dichtung." Es schliessen sich nun weitere Notizen über das Zusammenleben mit Mendelssohn an. Einmal beantwortet er eine Einladung folgendermassen: „Ach Gott! Wir können ja leider nicht! Denn wir geben selbst ein dinner heut, ich habe eben für fünf Personen Fisch mit lobster bestellt (nämlich salmon), und so muss ich Ihnen unsre regrets präsentiren. Im Ernst aber haben Rosen und Stenzler und Klingemann versprochen, heut den Abend bei uns zuzubringen, und darum können wir ja leider nicht! Mein Vater hofft Sie heut Vormittag noch selbst zu sehn und zu danken." Ein Billet von Mendelssohn an die Frau lautet: „Liebe Frau Moscheies! Es ist zwei Uhr, ich komme eben vom Lande zurück, erhalte Ihre Zeilen, und ich sollte um zehn Uhr in Grosvenor place gewesen sein. Das hätte ich gern gethan; aber Sie müssen gestehen, dass das Schicksal eben nicht will, dass ich fashionable sein oder scheinen soll. Sie waren so gütig neulich zu sagen, wir möchten alle drei heut Mittag kommen (denn Dr. Franck ist wirklich eingetroffen), aber nun — 26£ — möchte ich wissen, ob Sie es auch im Ernst meinen, oder ob es Ihnen nicht recht ist, oder ob wir doch kommen sollen? Bitte — sagen Sie dem Ueberbringer Ihre mündliche Entscheidung." Dass diese ihm eine Bejahung brachte, ist selbstverständlich. Am 6. Mai klagt das Tagebuch: „Wie narkotisch langsam und eintönig H. bei uns phantasirte und Mendelssohn obligat dazu gähnte! Der eben angekommene Peter Pixis führte uns seine Pflegetochter Francilla und viel italienische Musik vor." Der Tagesbericht schliesst jedoch mit den Worten: „Als Alle fort waren, wurden wir lustig — Felix und ich phantasirten tüchtig zusammen." Pixis gab auch im Namen seiner Pflegetochter Fran cilla ein Concert, worin sie ihre schöne Altstimme in italienischer Musik hören Hess und bei welcher Gelegenheit er nicht nur sein Glocken-Rondo spielte, sondern auch den Zusammenfiuss verschiedener Clavierspieler zum Vortrag zwei- und vierhändiger Ciavierarrangements benutzte. Während in dieser Saison Pixis' Stern in Albion zu erlöschen schien, tauchte gleichzeitig der Clavierspieler H. Herz am musikalischen Firmament auf. Seine Fingerschnelligkeit in laufenden und überschlagenden Passagen, seine grelle Accentuirung und seine an Gehalt so leichte, süssliche, aber Jedem verständliche Musik mächten allgemeinen Effect. Das Tagebuch klagt: „Mich übertönte Herz ganz mit seinem schlagenden Bass in dem Duett von ihm über Themen aus Auber's „Philtre", das ich aus Gefälligkeit in seinem Concert mit ihm spielte." Dennoch muss es in Privathäusern wiederholt werden. Sehr komisch war der Contrast, als J. B. Cramer, der Alles beherrschenden Attraction zu Liebe in seinem Concert vierhändig mit Herz spielte und zwar die brillante Polonaise von Beethoven. Moscheies vergleicht letzteren mit einem „jungen, ausgelassenen Mutterpferdchen", erste- ren mit einem „wohlgehaltenen, wenig an Arbeit gewöhnten Isabellenpferd der königlichen Staatscarosse". Dass in demselben Concert Cramer mit Hummel die Mozart'sche Phantasie in F-moll spielte, war weit mehr im Einklang- und machte besseren Effect." Die Concerte folgen nun Schlag auf Schlag. In dem des jungen Schulz muss Moscheies die zwölfhändig arran- girte Zauberflöten-Ouvertüre mitmachen. In Mori's über- fülltem Saal spielt er mit Mendelssohn das neue Stück über den Preciosa-Marsch. Am 10. Juli geben die Künstler alle ein grosses Concert für eine verunglückte Familie. Mendelssohn und Moscheies wirken in einem Stück für vier Claviere von Czerny mit. Am 12. Juli leiht Mr. Hope, der Besitzer der herrlichen Gemäldegallerie sein Local und die vortrefflichsten Erfrischungen zu einem Concert zum Besten des Kinderhospitals her. „Die Musik, zu der auch ich mein Schernein beitrug, ward im Saal der italienischen Schule gemacht, und wollte man etwa fern von dieser bleiben, so konnte man sich in dem Saal der niederländischen Schule bewundernd ergehen, da aber unter Andern auch die Malibran und Paganini mitwirkten, so drängte sich Alles zum Hören hin." In einer anderen Privatsoiree Hessen sich H. und Paganini in der Kreutzer-Sonate von Beethoven zusammen hören und Moscheies kann nicht umhin, „diese Leistung als einen Frevel zu bezeichnen". Paganini ward in dieser Saison nicht weiter gehört, da der Unglückliche nur nach Lohdon gekommen war, um sich einer Operation seiner Kinnlade zu unterziehen, wobei er den grössten Muth zeigte; er wurde auch vollkommen hergestellt. Gelegentlich einer Aufführung des Händel'schen „Messias" heisst es: „Ich hatte mein Mittagbrod überstürzt um keine Note des Meisterwerks zu versäumen; nachdem ich aber eine Zeitlang angespannt zugehört, stellte es sich mir mit Wehmuth heraus, dass das bischen Geistesfrische, welches mir im Strudel der Saison noch geblieben war, nicht ausreichte, um ein solches Riesenwerk künstlerisch in mich aufzunehmen. Solche Betrachtungen aber waren es, die mich immer wieder auf den Gedanken zurückführten, meine durch Thätigkeit in Eng- — 270 — land errungene Independenz dereinst in Deutschland zu gemessen." Einstweilen aber war er noch in London inmitten einer brillanten Saison und er sollte deren noch dreizehn mitmachen, ehe sein Plan zur Ausführung kam. Immer wieder musste ein Stückchen Nachtruhe geopfert werden, um durch die bezahlten Soireen der Lady Mary Bentinck, der Rothschild's und Anderer wieder ein Stückchen Independenz zu erwerben. Oft aber opferte er auch gezwungen Tag- und Nachtruhe, „um sich langweiliges Zeug vorspielen und vorsingen zu lassen", das er Mühe hatte wieder zu vergessen. So spricht er unter andern von dem Goethe'schen Liede eines Herrn E. in zwölf Versen, „die er ausstehen musste". „Und wie ärgert es mich" sagt er, „dass mein lieber genialer Freund D., den ich seit der wiener Jugendzeit nicht gesehen, jetzt complet italieni- sirt in London erscheint. Er setzt Weber's „Euryanthe" den italienischen Modeopern nach, componirt Lieder „en amateur", der er auch ist und bleibt, und legt selbst einen zu hohen Werth auf diese Productionen. Seine spätem Opernversuche sind auch missglückt, und so ist aus einem frischen geistreichen Jüngling ein kränkelnder, melancholischer Mann geworden." Die Mutter der Sonntag machte vergebliche Versuche, ihre jüngere Tochter Nina in London zu poussiren! Sie war keine Henriette, und ist endlich Nonne geworden. „Einen traurigen Abend machte mir heute die Pasta", schreibt er später, „ich hörte sie im „Romeo" und sie sang erbärmlich falsch. Die grosse Frau ist zu alt geworden, um ihre Stimme zu erhalten, will aber gern ihren Ruhm gegen einen Haufen Guineen eintauschen; das entsetzt mich.'' Die erste Aufführung der „Euryanthe" am 29. Juni im Coventgarden-Theater und der herrliche Gesang der Schröder und der Haitzinger wussten ihn für solche Unbill zu entschädigen; übrigens gab es sehr grosse Mängel in dieser Vorstellung. In Drurylane machte die sprudelnde, merkwürdig, ja, — 271 — einzig singende und spielende Malibran Furore in „The Devil's bridge" und der in's Englische übersetzten „Somnam- bula". Sie war durchaus realistisch und verachtete alles Conventionelle in Bewegungen und Costümen. So trug sie in der nachtwandelnden Scene nicht das gewisse Mull- negligee grosser Darstellerinnen, das an Form und Stoff in jedem Salon figuriren könnte; nein, es war das richtige Nachtmützchen des Bauernmädchens, das formlose Gewand einer Schlafenden, und das Tricot der Strümpfe war so unsichtbar, dass man unbekleidete Füsse zu sehen wähnte. Ihr Spiel in dieser Oper war herzzerreissend und ihr in Thränen ausbrechender Schmerz so natürlich, dass der Beschauer all ihr Leid mit ihr durchkämpfen musste. Die Beschäftigung mit Chopin regt Moscheies zu folgender Bemerkung an: „Ich benutze gern einige freie Abendstunden, um mich mit Chopin's Etüden und seinen anderen Compositionen zu befreunden, finde auch viel Reiz in ihrer Originalität und der nationalen Färbung" ihrer Motive; immer aber stolpern meine Gedanken und durch sie die Finger, bei gewissen harten unkünstlerischen mir unbegreiflichen Modulationen, so wie mir das Ganze oft zu süsslich, zu wenig des Mannes und studirten Musikers würdig erscheint." Dazwischen finden wir weitere Notizen über den Umgang mit Mendelssohn. In einem Briefe von Moscheies heisst es: „Was haben wir nicht Alles zusammen musicirt! Er musste mir wieder und immer wieder seine Sachen vorspielen, die ich in der Partitur nachlas, wobei er dann stets irgend ein Blasinstrument nachahmte, auch wohl mit seiner hübschen hellen Tenorstimme einen Choreinsatz angab. Und hat er eine seiner Ouvertüren vierhändig arran- girt, so probiren wir sie, bis sie uns ganz spielbar vorkommt." Oft spielen sie sich gegenseitig Beethoven'sche Sonaten vor, denen sich aber häufig gemeinschaftliche Improvisationen der tollsten Art, musikalische Caricaturen anschliessen. Einmal muss sogar das Ammenliedchen .„Polly, put the kettle on, we'll all have tea", den Stoff hergeben und dies den beiden kleinen Mädchen zu Liebe, mit denen Felix gern lachte, spielte, in den zoologischen Garten ging und allerhand Possen trieb. Auch sie mochten es schon fühlen, dass in dem Schwärm von Menschen, die das Künstlerhaus aufsuchten, viele herzlich gute Freunde waren, aber Mendelssohn unter diesen der beste. Dass beide, er und Moscheies, gute, treue und gemüth- volle Menschen waren, das hat sie wohl ebenso sehr zu einander gezogen als die Musik. Moscheies kannte ihm gegenüber nur Bewunderung, nie regte sich in ihm ein Anflug von Neid über des jungen Componisten, des früheren Schülers, wachsende Grösse; ni® beneidete er ihn um die glücklichen Lebensverhältnisse, die ihm erlaubten, ganz und ohne jenen Broderwerb, den Moscheies mühsam suchen musste, seiner Kunst zu leben. Mendelssohn wiederumwar ganz Pietät, ganz Dankbarkeit für den reichen Schatz von Erfahrungen, den der ältere Meister in seinen Ciavierwerken niedergelegt hatte. Sie liebten und achteten einander, und diese Gefühle übertrugen sich auf die beiderseitigen Familien. Bis jetzt haben wir sie meist heitere, sonnenhelle Tage miteinander verleben sehen; es gab deren auch trübe und in diesen bewährte sich die Freundschaft. Als Mendels- sohn's alter Lehrer Zelter stirbt, eilt er am frühen Morgen zu Moscheies und tritt mit der Bitte ein: „Ich kann nicht arbeiten, ich möchte den Tag hier zubringen." Ist Frau Moscheies unwohl und darf ihren Mann, der ausgehen muss, nicht begleiten, — Felix leistet ihr den Abend Gesellschaft, wie sie entzückt ihrem Vater schreibt. War Felix ermüdet und kam er es ihr zu klagen, so hiess sie ihn sich ruhig in die dunkle Sopha-Ecke setzen. Er pflegte dann ein paar Minuten zu ruhen, während welcher sogar die lebhaften Kinder mäuschenstill blieben; dann musste er eine kleine Stärkung nehmen und gleich war er wieder frisch, so dass er mit seiner gewöhnlichen Lebendigkeit über irgend eine anstrengende musikalische Probe oder ein Morning-Concert oder ein politisches Meeting berichtete, deren er viele besuchte. Sie durfte sich auch er- — 273 — lauben, ihm vorzuwerfen, dass er gestern als ein störender Besuch zu ihnen gekommen, sich recht ungeduldig auf dem Absatz herumgedreht, dass er recht unliebenswürdig gewesen, — worauf er dann zu sagen pflegte: „Ja, aber warum kommt auch der gerade, wenn ich mich so darauf gefreut hatte, mit Moschel°s Musik zu machen?" Er bittet sich bei jedem Abschied Briefe von ihr aus; sie soll ihm über dies und jenes berichten, wozu Moscheies keine Zeit hat. Sie verspricht es, indem sie sagt: „Aber keine Antwort; Sie sind ein berühmter Mann; Sie haben Besseres zu thun!" was er nie zugeben wollte. Die rothe Nelke spielte zwischen ihm und der zweiten Tochter eine grosse Rolle; sie ist seine Lieblingsblume, also muss sie ihm stets eine bringen. Mitten in den Mühen eines Musikfestes oder auf den Reisen, die Moscheies und er zusammen machen, schreibt und zeichnet er an den Briefen, die der Gatte und Vater nach Hause schickt. Manche seiner später publicirten Lieder sendet er, zierlich in den Brief hinein geschrieben, gleich nach ihrem Entstehen an Frau Moscheies. „Es ist mir wieder ein Liedchen gekommen", oder „hier ist ein Lied — es passt leider gar nicht in Ihre Stimme (es war das Tenorlied „Leucht' heller als die Sonne"), aber ich schicke es doch, Moscheies brummt es vielleicht". . . Man pflegte solche Blätter den Familienschatz zu nennen. Leider hatte Felix' Vater während dieses Londoner Aufenthalts ein wochenlanges Beinleiden auszuhalten und man war sehr besorgt um ihn. Sein schwaches Gesicht machte ihm anhaltendes Lesen unmöglich, und so brachten Freunde, besonders Frau Moscheies, alle ihre freie Zeit bei ihm zu. Sie schreibt ihrem Vater: „Ich lese ihm die Times vor, wie früher Dir, und er theilt mir seine gediegenen Ansichten über Kindererziehung mit, — hoffentlich zu Nutz und Frommen der meinigen. Wie viel ich aber auch bei ihm bin, die Stunden verfliegen mir in seiner Unterhaltung." Auf die Anfrage der Frau Moscheies, ob Felix' Vater heute wieder Moscheies' Einspänner zu einer Fahrt benutzen möchte, erwidert Felix: Aloscheles' Leben. 18 — 274 — „Mein Vater bittet, ihm heute nicht den Wagen aufzusparen, die Miss Alexander's leihen ihm den ihrigen, wenn Sie aber Zeit hätten, ihm diese zu schenken und sie zu Fuss bei ihm zuzubringen — dies ist sehr schlecht styli- sirt; aber es ist wenigstens nicht plattdeutsch oder vielmehr berlinisch — ohne Anzüglichkeiten Ihr Felix Mendelssohn-Bartholdy. P. S. Gestern waren die Aerzte sehr erbaut, Brodic will nicht wiederkommen. Zweites P. S. (die Hauptsache) Wie geht es Ihnen? Erst als der Vater vollkommen genesen war, kehrte Felix' Arbeitsfähigkeit und seine heitere Stimmung zurück. Wie schwer dem Hause die Trennung wurde, als die beiden lieben Freunde endlich am 4. August abreisten, lässt sich leicht denken. Unter den vielen, meist gleichgültigen, ja langweiligen Soireen hebt das Tagebuch eine höchst interessante bei dem Schriftsteller Lockhart hervor. „Seine Frau, Walter Scott's älteste Tochter, hat ganz die Liebenswürdigkeit ihres Vaters, während ihr Mann — ich weiss nicht, ob schwärmerisch absorbirt, ob stolz erscheint, genug, er that wenig für die Gäste, denen die Wirthin auf's Angenehmste entgegen kam. Wir sahen dort zum erstenmal den Dichter Thomas Moore, einen kleinen, lebendig sprudelnden Irländer, der auf Grund seiner Musikliebe sogleich Bekanntschaft mit mir machte. Er sang seine eigenen Texte, hatte diesen gewisse Irish melodies untergelegt, sie harmonisirt, und begleitete sich dazu auf der Guitarre. „Le genre est petit", dachte ich, die Neuheit machte uns die Sache aber doch interessant. Auch der achtzigjährige aber noch frische und heitere Dichter Coleridge war dort, und die Ladies Stepney und Charlotte Bury repräsentirten die weibliche Autorschaft. Als Mr. Moore's Irish melodies verklungen waren, musste ich an's Ciavier und mit dem — 275 — Dichter die überschwenglichen Lobeserhebungen der Gesellschaft theilen." Im August ging die Familie Moscheies, in Begleitung eines Clementi'schen Claviers nach Hastings. „Schade", schreibt Moscheies, „dass mir die im Hause wohnende Mädchenschar mit ihrem Gestümper jeden musikalischen Genuss — geschweige denn Gedanken, verdirbt. Sie spielen auf Ciavier und Guitarre „la ci darem" als Presto, und Reissiger's Walzer als sentimentales Andante." Das war nicht lange zu ertragen, und da sie in Hastings keine passende Wohnung fanden, so zogen sie nach dem nahegelegenen St. Leonard's, wo die Wochen ihnen ruhig und behaglich verflossen undLecture und Musik mit erfrischenden Ausflügen abwechselten. Um das staatliche Leben der Engländer etwas näher kennen zu lernen, besuchen sie bei ihrer Rückkehr nach London das House of Commons. Moscheies hatte sich einen guten Platz auf der Stranger's Gallery verschafft, während die Frau unter den Damen aus dem Luftloch des Lustre herabsehen musste, vorn die ganze Hitze, die die Versammlung und das Gas ausströmten, hinter sich die äussere Luft, die durch Latten werk Eingang in das Haus fand. Bessere Plätze gab es damals nicht für Damen, die das Parlament besuchen wollten. Die Debatten waren nicht ohne Interesse. Mr. Wallace brachte Klagen gegen die Postoffice-Einrichtungen, es würden Briefe im office erbrochen und gelesen, wollte er beweisen; Mr. Stanley, Lord Althorpe und Andere nahmen sich aber des Postmaster General kräftig an und brachten die Kläger und ihre Klage zum Schweigen. Dann wurde von Stanley, Cobbett, Sir E. Codrington und O'Connell viel zu Gunsten eines von Murray gebrachten Antrags gesprochen „for the abolition of the foreign enlistment act". Capitain Napier sollte nämlich wegen eines für Don Pedro erfoch- tenen Sieges von der navylist gestrichen werden. Ueber diesen Antrag wurde vier Stunden hin und her debattirt. Weit ungünstiger trafen sie es im House of Lords, wo gerade eine ganz gleichgültige Sitzung abgehalten wurde. - 2~b - Am ii. November schreibt Moscheies in sein Tagebuch: „Bei der gestrigen Aufführung des „Hamlet" in Drury Lane fühlte ich mich bei einer Stelle lebhaft an das erinnert, was ich meinen Schülern so oft predige: das Sich-Bewusstbleiben inmitten einer schwierigen Leistung, die Ruhe und Beherrschung seiner selbst. Der grosse Dichter lässt seinen Hamlet sagen: „Nor do not saw the air too much with your hand thus, but use all gently, for in the very torrent, tempest and as I may say, whirl- wind of ycur passion, you must acquire and beget a tem- perance, th it may give it smoothness." Ueber die erste Aufführung des „Maskenballes" von Auber, schreibt Moscheies: „Die Musik oft sinnbetäubend, oft aber auch pikant, der Ball über alle Massen brillant." Die Hauptbeschäftigung in diesem Winter blieb für Moscheies an häuslichen Abenden die Composition des B-dur- Concerts (fantastique). Nebenher machte er das Impromptu in Es-dur und die leichte Waare, Operatic Reminiscences, für die Herausgabe fertig. Dazwischen kamen aber auch manche unliebsame Unterbrechungen. Als er einem alten Freunde zu Liebe sein „Swiss divertimento" revidiren soll, schreibt er: „Ich verfuhr damit, wie Kotzebue's Briefschreiber in „Sorgen ohne Noth". Der Hess nur die Worte „Mein lieber Freund!" oben am Blatte stehen und setzte das Uebrige hinzu. Das Zusetzen kostete mich zwei ruhige Abende; einen dritten musste ich dem ungarischen Baron Rathen opfern, der mir durchaus seine „musikalische Liebes-Scene, durch einen Sturm unterbrochen", vorspielen wollte. Auf seiner englischen Karte nennt er sich „Lehrer der Orgel, des Cla- viers, des Gesangs und des Doro-Bass (Thorobass)." — Auch den Flügel, den Herr R. in der Welt herumführt, musste ich sehen, sollte ich bewundern, konnte es aber nicht. Es ist ein Wiener Flügel mit doppelter Tastatur; die untere gewöhnliches Ciavier, die obere soll wie Quartett und Blasinstrumente klingen, ist aber schwach; sie wird mit Hülfe eines Pedals gespielt. Mir war die Ehre — 2 "7 — zugedacht, das Instrument zu taufen; doch wusste ich bescheiden abzulehnen und mich vom titelfreigebigen, süddeutschen Original, das ich „Staberl als Instrumentenmacher" nenne, möglichst ferne zu halten." Eine dem deutschen Geschmack wenig zusagende musikalische Erscheinung war der italienische Geiger Ma- soni. Er hatte lange in Südamerika gelebt, und war mit seiner zarten Frau und zehn Kindern zur Winterszeit über die Cordilleras nach England gezogen, wo er als zweiter Paganini das grösste Aufsehen zu machen gedachte. Es gelang ihm aber nur th eil weise; denn er spielte Beethoven italienisirt und Paganini eben nicht schmelzend italienisch genug. Er hatte übrigens eine grosse Technik und bedeutende Kenntniss der klassischen, für sein Instrument geschriebenen Werke. Am 31. December schreibt Moscheies in's Tagebuch: „Laut angestellter Berechnung gab ich in diesem Jahre 1457 Lectionen, das ist 1328 bezahlte, 129 gratis. Unter letzteren waren mir die des stets fortschreitenden Litolff die interessantesten." 1834. Moscheies schreibt zu Anfang des Jahres: „Wir sind im Januar und schon spricht man hauptsächlich von dem grossen Musikfest, das im Juni in der Westminster-Abtei stattfinden soll; es ist das musikalische Ereigniss des Jahres." Wieviel aber hatte man bis dahin noch zu durchleben! Die Sterne der italienischen Oper, Grisi, Rubini und Tamburini, machten mit Recht Aufsehen. Zwar spielte die Grisi nicht, wie die hochtragische Pasta, sie war kein musikalisches Genie wie die Malibran, hatte auch weder ihr Feuer, noch die Anmuth und Leichtigkeit der Sonntag, doch übte die jugendliche Kraft und Frische der Stimme und die schöne Erscheinung einen mächtigen — 2/0 — Zauber auf das Publicum. Rubini behauptete seine schon anerkannte Meisterschaft, und Tamburini's weicher, klangvoller Baryton, gehoben durch sein schönes, echt römisches Profil trugen nicht wenig zu den Triumphen dieses weltberühmten Ensemble's bei. Die Malibran kam ,in diesem Jahr nicht; sie war in Mailand auf fünf Jahre engagirt, bekam 14,000 £, freien Tisch und Equipagen. Sie war nur auf drei Tage nach London gekommen, um in dem Concert ihres Bruders Garcia zu singen. Iwanoff, ein italienisirter Russe, zog das grosse Publicum durch seine Kehlfertigkeit an, gebrauchte aber die Kopftöne zu häufig und konnte deutschen Ohren nur missfallen, wenn er Schubert's „Leise flehen meine Lieder" mit seiner Auffassung vortrug. Er sang so ermüdend süsslich, dass es einem Witzbold gelang, das Wortspiel: „I've enough, is his proper name" in Umlauf zu setzen. Moscheies spielte in der Philharmonischen Gesellschaft sein neues Concert pathetique und dirigirte an demselben Abend Mendelssohn's noch unbekannte Ouvertüre zur „Schönen Melusine". Beides wurde kühl aufgenommen. Die Frau berichtet dies dem fernen Freunde, und seine Antwort mag hier als charakteristisch eingeschaltet werden: „Haben die Leute im Philharmonie meine „Melusine" nicht gemocht? Ei was, ich sterbe daran nicht. Zwar that mir es doch leid, als Sie mir's schrieben, und ich spielte mir geschwind die ganze Ouvertüre einmal durch, um zu sehen, ob sie mir nun auch nicht gefiele — aber sie macht mir doch Vergnügen, und somit thut es mir nicht sehr viel zu Leide. Oder meinen Sie, dass Sie mich deshalb weniger freundlich bei meinem nächsten Besuch aufnehmen würden? Das wäre schade und sollte mir sehr — leid thun; aber ich hoffe es doch nicht. Und vielleicht gefällt sie anderswo, oder wo nicht, so mache ich wieder was anderes, und das gefällt besser. Ueberhaupt aber ist meine Hauptfreude bei alledem, wenn solch ein Ding geschrieben dasteht, und wird mir's nachher noch so gut, — 279 — dass mir so freundliche Worte darüber zu Theil werden, wie von Ihnen und Moscheies, so ist es auch gut aufgenommen worden, und ich kann ruhig weiterarbeiten. Dass Sie mir aber dasselbe von Moscheies' neuem Concert schreiben, ist mir unbegreiflich; ich dächte, das müsste sonnenklar sein, dass ihnen das gefiele, und noch dazu, wenn er's ihnen spielt. Aber wann kommt es heraus? Von wegen darüber herfallen". Wie sehr es auch im Interesse der Künstler lag, die Berühmtheiten der italienischen Oper in ihren Concerten mitwirken zu lassen, immer Aviderstrebte es Moscheies, und eben aus dieser Zeit haben wir einen Brief an die Verwandten, der seine Ansichten darüber enthält: „Ich will doch sehen, ob ich nicht im Stande bin, ohne die Hülfe der italienischen Sänger und der Prellerei eines Impresario meinen Saal zu füllen. Gelänge das nicht, es wäre eine Schande für mich, und ich müsste mein Clavier- spiel sammt meinen Compositionen an den Nagel hängen." Aber es gelang; einige Kunstbrüder unterstützten ihn, auch der neuangekommene und bald anerkannte holländische Tenorist de Vrugt sang, er eng-agirte Frau Stockhausen, der Saal war voll, das Publikum enthusiastisch. Mit Beginn der Saison stellte sich eine Kimstlerschaar ein, in der namentlich der Wunderknabe Vieuxtemps auf seiner Geige Grosses leistete und sehr anerkannt wurde. Aber auch zwei Damen, die Geigerinnen Filiepo- wicz und Paravicini, machten viel von sich reden. Mrs. Anderson, die beliebteste unter den englischen Pianistinnen, war von der Herzogin von Kent zur Lehrerin der Prinzessin Victoria erwählt und gab ihr diesjähriges Concert „in the presence and under the patronage" der hohen Damen, was es zu einem der brillantesten dieser Saison machte. Die Presse beschäftigte sich aber in diesem Jahr fast ausschliesslich mit dem bevorstehenden Musikfeste und wir verdanken es der musterhaften Ordnung, mit welcher Mosche- les solche Notizen sammelte und autbewahrte, dass wir sie unsern Lesern nach achtunddreissig Jahren noch wahrheits- — 280 — getreu überliefern können. „Händel", hiess es, „hat das Oratorium in England eingeführt. Was Wunder, dass man dies Fest nach ihm benennt, es in die Westminster-Abtey verlegt, wo seine irdischen Ueberreste beigesetzt sind, und seine Manen dem Feste die rechte Weihe geben werden?" Ferner ward der früheren londoner Musikfeste unter dem König Georg III. in den acht Jahren 1784 bis 91 gedacht, alle zu wohlthätigen Zwecken und mit einer Totaleinnahme von £ 50,000 abgehalten; es ward auch des Erb- theils erwähnt, das Händel der „Society of decayed musi- cians and their families" hinterlassen, und nun der jetzige König William IV. und seine Gemahlin Queen Adelaide rühmend genannt, da sie zuerst nach fünfzig Jahren dies neue Fest zu ähnlichen wohlthätigen Zwecken unter Zeichnung reicher Gaben in Anregung gebracht und dadurch den Adel des ganzen Landes zu ähnlicher Betheiligung veranlasst hatten. Ueber das Fest selbst schreibt Moscheies an die Verwandten: „Das Fest fand im Schiff der Kirche statt, das mit starken Holzdielen überdeckt war. An einem Ende der Abtei erhob sich die königliche Loge, mit dem Wappen, der Rose und andern Emblemen und Orden, kunstvoll geschnitzt auf azurblauen Feldern. Die Loge war mit ihren schweren, kirschrothen Atlasvorhängen, reichen Verzierungen und üppigen Sammetteppichen und Kissen von oben erhellt. Gleich unter der königlichen Loge sassen unter einem Thronhimmel die Directoren des Festes. Das Publikum hatte diesmal, wie 1784, die amphitheatra- lischen Sitze inne, welche bis an die Capitäle der Pfeiler reichten. 2700 Personen fanden dort Platz; es gab Sitze zu 2 Guineen, der Rest zu 1 Guinee. Diese Sitze, roth beschlagen, mit goldgelber Ausschmückung, ferner die weiss-goldenen Leiern auf rothen Draperieen rings an den Wänden waren geschmackvoll und malerisch. Der königlichen Loge gegenüber war diesmal, wie früher, das Orchester aufgebaut und zwar in folgender Weise: Vorn die Solosänger, dann der kleine Chor, vierzig Personen stark, unmittelbar neben ihm ein Flügel für den Dirigen- — 28t - ten der Musik, Sir George Smart; hinter ihm das Orchester, amphitheatralisch aufgestellt, die Cellos zu beiden Seiten, die Geigen in der Mitte, dann' die Blasinstrumente und endlich das herrliche Orgelwerk, das Gray für diese Gelegenheit erbaut und mit einer reichgeschnitzten gothi- schen Facade geschmückt hatte, während eine sinnreiche Vorrichtung des weiter unten befindlichen Manuale den Spieler desselben so stellte, dass er dem Dirigenten, nicht der Orgel gegenüber sass. Durch die Stellung des grossen Chors hatte man das Publicum sehr beeinträchtigt, indem man ihn in gewisse Seiten und Nischen der Abtei steckte, wo er nur für einen Theil der Hörer zur Geltung kam und von den Instrumenten verdeckt wurde; auf anderen Sitzen war der Effect ein umgekehrter; und nur in einem kleinen Theil des mächtigen Baues konnte man Alles gemessen." Wir lassen hier eine Liste der Kräfte folgen, die an den zwei Musikfesten 1784 und 1834 mitgewirkt (die Notizen über ersteres nach Aufzeichnungen des Musikschriftstellers Dr. BVney): Instrumental. 1834 1784 Violinen 80 95 Bratschen 32 26 Violoncelli 18 21 Contrabässe 18 15 Flöten 10 6 Oboen 12 26 Clarinetten 8 Fagotte 12 27 Hörner 10 12 Trompeten 8 12 Posaunen 8 6 Ophicleiden 2J Serpenten 2] Pauken 3 4 223 250 Vocal. Sopranstimmen Sopran, Knaben Altisten Tenöre Bässe Opernsänger Die obigen Instrumente Totale 1834 1784 H3 11 32 47 74 48 70 83 103 84 5 2 223 250 625 525 Das Tagebuch berichtet weiter: „Am 20. Juni, um 12 Uhr Mittags, schwang Sir George Smart zum ersten Mal seinen Directörstab und der Effect des „Coronation Anthem" von Händel in diesen Räumen, mit diesen Massen war ein herzergreifender, nie zu vergessender. — 282 ---- Von der Damenwelt sagen die Blätter, Vielen seien die Thränen über die Wangen gerollt, Andere gar in Ohnmacht gesunken. Für mich waren diese Klänge tief erschütternd; ich musste mir gestehen, etwas Aehnliches noch nicht gehört zu haben. Man gab die ganze „Schöpfung" und einen Theil des „Simson"; als Solosänger wirkten der alte Bellamy, der 1784 schon gesungen, ein junger Schüler der Royal Academy of Music, E. Se- guin, und der vortreffliche Phillips; der Tenor war durch Hobbs und den unübertrefflichen Braham vertreten; Miss Stephens und Mme. Caradori-Allan, beide ausgezeichnet, sangen die Sopran-Partieen; Chöre und Orchester thaten das Ihrige und so war schon dieser erste Tag ein vollkommen gelungener zu nennen. Den zweiten Tag eröffnete wieder ein Krönungspsalm (Coronation Anthem) von Händel, dessen Hallelujah elek- trisirend wirkte- Ausserdem hatte man, weniger auf ein grossartiges Ganze als auf gewisse Effecte bedacht, eine Auswahl von Arien aus geistlichen Musikstücken getroffen in denen sich die Sänger, sowie die Blasinstrumente zeigen konnten. Alles sollte mitwirken, Alles glänzen. Rubini, Zuchelli mit obligater Cellobegleitung von Lindley, Braham, durch Harper's Trompete unterstützt, Phillips mit obligatem Fagott, Miss Stephens, Mlle. Grisi füllten diese l gemischte Abtheilung aus. Dann folgte das vielleicht schönste Handel'sche Oratorium „Israel in Egypten", vor- f" trefflich und effectvoll ausgeführt. Die Blätter schwelgten in Entzücken. Ueber die letzten durch Chorgesang unterbrochenen recitativischen Sätze sagte das Athenäum: „Man fühle sich durch sie so gehoben, als lebe man in jenen grossen Tagen, wo der Herr den Seinigen als Wolke oder als Feuersäule voranging, seien aber die himmlischen Weisen beendet, so erwache man zu der blassen Wirklichkeit unseres schattenähnlichen Alltagslebens." Mein eigener Eindruck (fügt Moscheies hinzu), war ein grossartiger, fast ungeahnter und ich glaube ihn wohl mit fast allen Anwesenden getheilt zu haben." Der dritte Tag brachte leider wiederum Gemisch von - 283 - Arien, Chören und Ensembles mit Sprüngen von der antiken Welt in die moderne, und umgekehrt. Für den vierten Tag hatte die Königin die Aufführung des „Messias" angeordnet (wie dieselbe schon 1784 von der Königin Charlotte angeordnet worden war). Einem deutschen Musiker konnte es nur natürlich erscheinen, dass sich das Hauptinteresse auf dieses grossartige Werk concentrirte; die Karten zur Aufführung, sowie zu den Proben waren bald vergriffen und das Publicum suchte sich deren wieder durch hohe und höhere Preise zu bemächtigen. Auch war kein leeres Fleckchen in der Abtei und die Aufmerksamkeit eine wahrhaft religiöse zu nennen. Die Times, die nie die Geschmacklosigkeit der zerstückelten Werke in den vorhergehenden Tagen dieses Musikfestes gerügt, fand es doch am Platze, eben jetzt, am Schlüsse des Festes den Rath zu ertheilen: „man würde den Effect solcher Aufführungen noch erhöhen, indem man die Oratorien ganz im Geiste des Componisten, d. h. unzerstüekelt wiedergäbe." Moscheies schreibt darüber: „Der Rath kam für diesmal freilich zu spät, es versteht sich, dass dem deutschen Musiker gar Manches in diesen Programmen anstössig war, doch blieb der To- taleffect ein so grossartiger, dass es undankbar gewesen wäre, Einzelheiten zu grell zu beleuchten. Die im englischen Nationalcharakter liegende Pietät fand in diesen geheiligten Räumen in diesen für sie geschriebenen Werken neue Nahrung und drückte sich in der gehobenen Stimmung der Menge aus. Die Abtei hatte ihr Festgewand, die Damenwelt ihren Schmuck angelegt, aber festlicher noch war es in den Gemüthern; ein Zug von Ehrfurcht ging durch diese heterogenen Massen, beredter als Bravoruf oder Händeklatschen. Auch sah man in dem täglich anwesenden Königspaar die Träger eines grossen Wohlthätigkeitswerks, das von der Nation gebührend unterstützt wurde. Ich weiss nicht wieso, aber das Alles habe ich in dem Verhalten der anwesenden Menge gelesen; nennen Sie es meine Einbildung, wenn Sie wollen." - 28 4 ->: Kaum war Moscheies von einem Aufenthalt an der Seeküste neu gestärkt nach London zurückgekehrt, als er sich wiederum zu einem grossen Musikfeste rüsten musste, das in Birmingham begangen wurde. Man hörte Werke von Händel, Haydn, Beethoven, Neukomm und Spohr, aber, wie der Spectator rügte, unbegreiflicherweise nur die alier- bekanntesten, „abgedroschensten". Das neue Neukomm'- sche Oratorium „David", nennt das Tagebuch verdienstlich in Behandlung der Singstimmen, jedoch in Form und Entwicklung verbraucht und veraltet und fügt hinzu: „Neukomm hat von dem Zeitgeiste nur die starke Benutzung von Hörnern und Posaunen angenommen, zwei Ophicleiden und sogar einen Tamtam hinzugezogen. Letzteres Effectmittel hätte er lieber verschmähen sollen, die Aufführung, unter Leitung des Componisten, war befriedigend und Hess bei den massenhaft herzugeströmten Hörern ein gutes Andenken zurück.- Diese wurden dann hinter dem Oratorium her noch an demselben Morgen mit einer Auswahl Händel'scher Musik regalirt. Dass Neukomm in einem dieser Festconcerte, wo er Orgel spielte, ein Gewitter durch herabfallende Balken und ähnliche Mittel vorstellte, that ihm grossen Schaden; denn das gehörte unstreitig in ein Vorstadttheater. Der dritte Morgen brachte den ganzen „Messias", jedoch mit Hinweg- lassung der Mozart'schen Blasinstrumente, was scharf getadelt ward. Am vierten Morgen folgte „Israel in Aegypten", leider aber nicht rein und ganz, sondern durch Hinweglassungen und Einschiebungen arg verstümmelt. Dass man diesem herrlichsten Oratorium erst eine Auswahl verschiedener Stücke aus geistlichen Tonwerken vorangehen Hess, konnte ich in meinem Sinn nur mit der nordischen Sitte vergleichen, dem Magen der Gäste, die man zu einem splendiden Mahl ladet, erst verschiedene stimulirende Genüsse zu bieten, ehe man sich zur Suppe und der Phalanx der darauf folgenden Gänge niedersetzt." Ausser diesen allmorgendlichen, geistlichen Aufführungen ward auch an den Abenden concertirt und zwar, sehr — 28 5 - weltlich. Zu einem dieser Abende war Moscheies mit seinen „Recollections of Ireland" und dem „Alexandermarsch" engagirt. Der mächtige Ton des Erard überwand die kolossale, nicht auf Soloinstrumente, sondern auf Massen berechnete Grösse der Halle. Ja, der Specta- tor meinte: nicht nur die grosse Halle hätte er genügend gefüllt, nein auch auf dem äusseren Platz eine dankbare Zuhörerschaar aus dem Volke gehabt. Das Concert ergab eine Einnahme von £ 14,000. Während des ruhigen Aufenthalts an der Seeküste in Broadstairs hatte Moscheies sich viele Skizzen zu seiner Ouvertüre zur „Jungfrau von Orleans" gesammelt und machte sich bei seiner Rückkunft nach London an ihre Verarbeitung. Das Tagebuch gedenkt mehrerer Unterbrechungen, unter denen diese Arbeit vor sich ging, darunter einer von allgemeinerem Interesse. „Am 16. October Abends war ich ganz in die Arbeit vertieft, als plötzlich die erschreckende Nachricht erscholl, das House of Lords brenne. Nur zu bald bestätigte die Feuermasse, die sich am Horizont unserer von den Parlamentshäusern sehr entlegenen Wohnung zeigte, die traurige Nachricht. Das Haus wurde ein Raub der Flammen; es war nicht so dauerhaft und widerstandsfähig angelegt, wie das jetzige." Die Ouvertüre wurde trotz dieser und anderer Störungen bald fertig, und von ihm selbst für Ciavier (zu vier Händen) arrangirt. Sie bekam statt des brillanten lärmenden Schlusses, einen sanft verschmelzenden, den er der Todesart der Johanna angemessener fand. Moscheies schreibt darüber in einem Briefe: „Ich habe in dieser Ouvertüre nach Schwung, Haltung und Einheit der Gedanken gestrebt; bekomme ,ich die richtigen Hörer, so könnte das Werk befriedigen; aber freilich, wer italienische, leicht fassliche Tändelei sucht, der wird Nichts darin finden; wer eine engere Verarbeitung einzelner Theile, das Eintreten einer wenig vorbereiteten Modulation schon zu gelehrt findet, den kann sie nicht ansprechen. Für den in den Contrapunkt Eingeweihten sind das Leckerbissen. Ich halte Gesangführung und Klarheit, so wie Einheit und geniale Verwicklung- der Hauptgedanken für die wichtigsten Ingredienzien einer Composition, und nach diesen will ich immer streben, . . Mendelssohn's Octett, in dem Sie Abwesenheit von „Melodie" finden, neigt mehr zum Künstlichen hin, jedoch lohnt es sich der Mühe, das herrliche Werk wiederholt und mit forschendem Sinn zu hören — zu hören, bis man dessen Originalität, die nie in Bizarrerien ausartet, verstehen und würdigen lernt..... Für Spohr's „Weihe der Töne" ist hier nicht viel Sympathie. Haslinger trug das Eigenthumsrecht derselben auf i oder 2 Jahre durch mich der Philharmonischen Gesellschaft an, diese aber dankte!" In diesem Winter wurde als Novität Byron's „Manfred" mit Chören von Bishop im Coventgarden Theater gegeben. „Der Aufwand an Scenerie und Decorationen war grossartig, die Musik 'nicht viel geniessbarer als die zum „Bravo" von Marliani, ein Mischmasch von Rossini's, Pacini's und Mercadante's abgedroschensten Gedanken. Besser hätte sich die schöne Ausstattung ohne den Ohrenzwang angesehen." Nicht ohne Interesse dürften ferner noch folgende Notizen sein: „Meine Frau", schreibt Moscheies, „die mir vorliest, während ich Correcturen mache, bekam in diesen Tagen Uhland's Gedichte in die Hand, wodurch mir Veranlassung ward, die Gedichte „Der Schmidt", „das Reh" und „Des Gärtner's Lied" für eine Singstimme zu com- poniren." v Gegen Ende des Jahres war man mit den Vorbereitungen zu einer häuslichen Aufführung von „Israel in Aegypten" beschäftigt. Man hatte einige Chorknaben aus der Westminster Abtei und einige gut geschulte Liebhaber hinzugezogen. Die Hauptstützen aber waren: Mme. Caradori-Allan, Röckel und Taylor. Die Proben gewährten grossen Genuss und leiteten zu einem tiefern Eindringen in die Schönheiten dieses Riesenwerks an. Die Aufführung selbst war gelungen und schloss das Jahr würdig ab. — 287 — 1835. Das Jahr beginnt mit der alljährlichen Reise nach Bath. Der Erfolg des dreitägigen Aufenthalts ist der gewöhnliche; eine reiche Erndte von Lob und Guineen. Wiederum finden ferner die alljährlichen Probeabende neuer Compositionen in der Philharmonischen Gesellschaft statt. Spohr's „Weihe der Töne" wurde von Sir G. Smart diri- girt. „Dieser meinte", erzählt Moscheies, „er könne das chronische Uebel englischer Orchester, den Mangel an genügenden Proben, durch eine Anrede an seine musikalische Armee, den Commandostab in der Hand, beseitigen. „„Die Deutschen"", sagte er, „„haben unzählige Proben gebraucht, um dies schöne neue Werk aufführen zu können; sehen wir, was wir schon in dieser einen Vorprobe werden leisten können."" Hierauf brach der englische Nationalstolz in das hergebrachte „Hear! hear!" aus, und die Musik begann; das Werk wurde auch richtig heruntergespielt, nur von Nuancen war keine Rede. Ich folgte in der Partitur, erfreute mich an der Gediegenheit des Ganzen, sowie an seinen einzelnen Schönheiten; fand jedoch die bekannte Form und Farbe Spohr'scher Musik zu vorherrschend, um mich zu begeistern. Zünden kann nur erfindungsreiche Genialität. Das Andante mit seinen gemischten Taktarten — 3 /s und 9 / X 6 — blieb auch in der Probe des ersten Concerts ein Stein des Anstosses; die eine Vorprobe und der britische Nationalstolz hatten nicht ausreichend gewirkt, und bei der Aufführung ging's, wenn auch besser, doch gewaltig steif und holprig. Die Mo- zart'sche Symphonie in D war schön in ihrer classischen Einheit. Mendelssohn's Hebriden-Ouverture litt leider an schleppendem Tempo; der vierundsechszigjährige J. B. Gramer aber machte mir Freude durch seinen zarten Anschlag und seine geperlten Läufe, wenn ich auch das markige Element in seinem Spiel vermisste. Leider war es wieder eine Geschmacklosigkeit, dass er das erste Stück und Andante seines eigenen C-moll-Concerts mit dem letzten des Mozart'schen gleicher Tonart vortrug. Die Stockhausen sang" in ihrer reizendsten Weise, Braham aber überschrie sich in Neukomm's „Midnight review" so sehr, dass er viel detonirte. Ich selbst spielte mein G-moll-Concert, aber auf einem zähen Erard mit stockenden Tasten, der mir viel zu schaffen machte." Im dritten Concert, das Moscheles dirigirte, brachte er auch seine Ouvertüre zur „Jungfrau von Orleans" mit Beifall zum Vortrag. Von der Beethoven'schen Symphonie in B-dur wollten die Blätter einstimmig behaupten, sie habe unter seiner Leitung nie geahnte Schönheiten entwickelt. Rubini und Lablache sangen herrlich; doch rügte man die Wahl Rossini'scher Stücke, als nicht clas- sisch genug für dies Publicum. Endlich trat der junge Bennott, ein Schüler von Potter, in einem Clavierconcert eigener Composition auf, das Moscheies den besten deutschen Meistern nachgearbeitet, tüchtig und bedeutend fand, wenn er ihm auch wünschen musste, er möchte sich bei künftigen Arbeiten weniger an seine Meister anlehnen, und an Energie zunehmen. H. Herz, der Pianist, spielte auch ein Concert, von dem Cramer bissig bemerkt hatte: „c'est Paris tout crache"; auch musste er sich gefallen lassen, dass die Morning-Post es „music fit for a panto- mime" nannte. Wie Bath im Süden, so verlangte auch Manchester im Norden nach seinem Lieblingspianisten. Ueber den Aufenthalt in letzterer Stadt mögen einige Auszüge aus Briefen, die er von dort aus an die Frau richtete, Auskunft geben. Während fünftägiger Abwesenheit geschrieben, enthalten sie nicht viel künstlerisch Interessantes;/doch mögen sie hier ihren Platz finden, um den Familienvater ins richtige Licht zu stellen. Schon unterwegs, aus Leicester, schreibt er einige Zeilen in liebender Besorgniss um Frau und Kinder. Dann heisst es: „Drei stillschweigende, dünne, in sich gekehrte Engländer waren meine Reisegesellschaft. Ich schlief vortrefflich, so oft ich aufwachte, dachte ich an Dich und das war Einmal, aber ich dachte auch im Traum an Dich. Küsse mir die Kinder-und sei ruhig und vergnügt." — 289 — • Aus Manchester schreibt er: „In Gesellschaft von Beale's, die mich mit Aufmerksamkeiten überhäufen, beginne ich diese Zeilen. Wenn sie kurz und waschzettel- rnässig werden, so hat das drei Ursachen: das Geschwätz im Zimmer, meine Müdigkeit und Deine Ermahnung Dir nicht spät in der Nacht zu schreiben und nur zu sagen, dass ich wohl bin. Das bin ich vollkommen. Du hast hoffentlich meinen Brief aus Leicester erhalten. Wir kamen hier bei gutem Frostwetter um 5 Uhr an und gingen nach Tische Alle zur Probe, wo ich auf einem Broadwood „Recollections of Ireland" spielte. Willert, einer der Di- rectoren war dort. Holm, müde, wie er gewöhnlich wird, wenn ich Chopin spiele, blieb zu Hause und ging um acht zu Bette. Mit meinen Lustfahrten nach Liverpool oder zu Grundy's wird's wohl nicht viel werden, da sich schon mehrere Schülerinnen bei Beale auf meine Anwesenheit pränumerirt haben, also wird lectionisirt werden, comme chez nous. Vor der Hand aber siegt Morpheus über mich. Gott bewahre Dich und die Kinder." Und am folgenden Abend: „Das erste Concert ist eben vorüber — vortrefflich, ganz zu meiner Satisfaction. Der Brief muss morgen früh 7'Uhr auf der Post sein, deshalb schreibe ich wieder Nachts bei Beale's, während im selben Zimmer das supper auf den Tisch gesetzt wird, und Jeder etwas über's Concert zu sagen hat, wobei Holm's helle Stimme oft über Alle hervor tönt. Denke Dir, ich habe heute fünf Lectionen geben müssen, aber der alte Beale hat es sehr gut für mich eingerichtet, indem er Allen im Voraus sagte, dass es mir nicht möglich sein würde, auszugehen, und so hat er mir ein comfortables Zimmer überlassen, wo Eine nach der Andern kam, um sich ein wenig Fingersatz zu holen und sich ein bischen Tact schlagen zu lassen. Dazwischen sah ich nur einmal nach dem Saal um das Instrument zu probiren, welches Beale sehr vorteilhaft regulirt hat. Verschiedene Visiten raubten mir bis zur Tischzeit (4 Uhr) jeden Moment. Um diese Zeit ward ich ungeduldig nach Deinem Antwortschreiben und dadurch mein Gaumen sehr gleichgültig gegen Braten, Moscheies' Leben. xg Gemüse etc. Ich fragte wohl zehnmal, ob noch Briefe zu erwarten wären? Mr. Beale sagte: Nun ist es zu spät. Ich verschluckte diese Pille, und 5 Minuten nachher ward ich durch Deinen herrlichen Brief erlöst. Ich las ihn noch über Tische und freute mich von Herzen. Gleich nach Tische in's Concert ■— der Saal, übervoll, machte einen glänzenden Effect. Die „Recollections" wurden gut aufgenommen. Gern hätte ich den Plan der Phantasie, den Du mir vorschlägst, genau befolgt, wenn nicht einer der Directoren mir Rubini's eben gesungenes vivi tu, ein anderer Beethoven's Andante in A-moll als Themen gegeben hätte, wozu ich endlich: Es war anfangs eine der ruhigen, überlegten Phantasien, die sich bis zu einem Feuerwerk steigerte. Rauschender Beifall. Da ich morgen und übermorgen eben so viel Lectionen geben muss, lasse ich Holm allein nach Liverpool gehen." Am folgenden Tage schreibt er: „Das angenehmste Finale meines Tagewerks ist heute wieder der Brief an Dich. Ich konnte ihn nicht eher als jetzt beginnen, weil ich einen londoner Geschäftstag verbrachte. Denke Dir, ich habe sieben Lectionen gegeben und morgen hab' ich dieselben Schüler. Ich komme eben von Leo's nach Hause, zu denen ich nach der Probe ging, weil ich das Diner bei ihnen wegen des bei Beale nicht annehmen konnte. (Hier folgen Einzelheiten über die Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft dieser und anderer Freunde in Manchester.) Die Hauptfreude des Tages war wieder Dein Brief. Er kam bei Tische und die Art, wie ich danach griff, machte wohl, dass mir gleich von den Gästen eine Erlaubniss — sogar eine dringende Aufforderung — votirt wurde, ihn sofort beim Diner zu lesen, so dass ich keinen Anstand nahm, es zu thun, und mich vortrefflich dabei amüsirte. Dein Bulletin, Zeiteintheihmg, Bericht über die Kinder, — 291 — Alles befriedigt mich. Ich befinde mich wohl, wie ein Fisch im Wasser, obgleich das Wetter schauerlich ist. Mögest Du's besser haben. Es wird spät und ich höre Dich sagen: „Willst Du denn die halbe Nacht aufbleiben?" Darauf antworte ich: „Nein, aber ich möchte gern ein wenig mit Dir plaudern; denn ich schreibe dies in meinem comfortabeln Schlafzimmer, vor einem prächtigen Kaminfeuer, welches auch Du loben würdest!" Aber die "Vernunft siegt, und Dein Ruf erklingt mir wieder, daher: gute Nacht! und guten Tag! während Du dies liesest." Vor der Abreise endlich schreibt er: „Nachmittag 4 Uhr. Ich fange diesen Brief jetzt an, weil ich nach dem Concert wenig Zeit haben werde. Dies ist der letzte Brief, den Du vor meiner Nachhausekunft empfangen kannst; aber trotz aller Erkundigungen kann ich Dir noch nicht sagen, wie und mit welcher Kutsche ich reise. Ich habe heute wieder die Lectionen gegeben und eben das Instrument im Saale probirt. 11 Uhr Nachts. Das Concert ist für mich glänzend abgelaufen, ich wurde stürmisch applaudirt und musste zweimal phantasiren; ich habe auch einmal Schnurren ä la Paganini gemacht, die sehr wirkten. Anhaltendes Regenwetter und die Spärlichkeit der Kutscher in dieser Stadt war der Grund von allerlei ernst-komischen Aven- turen nach dem Concert; doch davon mündlich. Auch den Dank für Deinen köstlichen Brief von gestern bringe ich Dir selbst. Wüsste ich nur, mit welcher Kutsche ich nach London reise! Du glaubst mir, wie gerne ich mir ein Rendezvous mit Dir in Islington gegeben hätte, aber bei der Unsicherheit müssen wir es mit Resignation aufgeben. Schade uach, dass ich Dir morgen von Sheffield nicht mehr schreiben kann, weil der Brief erst Montag in London ausgegeben würde, aber auf den Deinigen freue ich mich, den bekomme ich dort. Wenn Du dies liesest, bin ich hoffentlich schön auf der Reise zu Dir begriffen. Auf baldiges Wiedersehen!" In London angelangt, konnte er sich nur wenige Stunden der Erholung widmen. Die Geschäfte dräng- ---- 2Q2 ---- ten sich sofort wieder heran. Giebt es doch in London, wo man keine mündliche Bestellung - kennt, stets Billets zu schreiben, und haben diese sich 5 Tage lang angehäuft, so sind sie nicht mehr leicht zu bewältigen. Da Moscheies nun berechtigt war, mit dem Figaro im „Barbiere di Seviglia" auszurufen: „Tutti mi chiedono, tutti mi voglino", so war bald hier eine Lection zu bestimmen, bald dort eine Einladung, eine Artigkeit, ein Geschenk dankend anzunehmen. Den so Verwöhnten mochte irgend eine Hintansetzung doppelt unangenehm berühren; kein Wunder also dass er brieflich in Klagen darüber ausbricht. Es ist ein Stückchen Culturgeschichte, das wir unsern Lesern ohne Commentar mittheilen wollen. „Ich hatte", sagt er „in der letzten Saison zwei heranwachsende Ladies, Töchter des Lord L. unterrichtet und mich weder mit ihnen, noch mit der Frau Mama oder den gepuderten betressten Dienern behaglich gefühlt. Die Mädchen hatten nicht einmal guten Willen zum Lernen, und waren, so wie die Mutter, hochmüthig, die Diener machten's ihnen bei meinem Ein- und Ausgang nach, und ich musste in und ausser dem Salon fest auftreten, um meine Rechte als Gentleman zu wahren. Nach beinah 9 Monaten schicke ich meine Rechnung von 35 £ ein, worauf nach geraumer Zeit ein Stewart bei mir erscheint, meine Frau in meiner Abwesenheit spricht und die Rückseite meiner Rechnung producirt, worauf der edle Lord geschrieben hatte: „Pay this man '£ 15, on account of bill," („Zahlt diesem Manne £ 15 ä Conto der Rechnung"). Sie, in gerechter Entrüstung weigert sich, diese anzunehmen, worauf der Stewart theilnehmend erwidert: „Well ma' am, I advise you to take them, while you can get them." („Ich rathe Ihnen, das Geld anzunehmen, solange Sie es noch bekommen können"). Nun fällt ihr ein, dass die Familie als schlecht zahlend verschrieen ist, und sie nimmt das Geld an. Bald darauf sendet Lady mit der Bitte zu mir: ich möchte die Lectionen an ihre Töchter wieder aufnehmen. Ich lehne es ab. Darauf kommt eine äusserst höfliche Anfrage des Lord nach den Gründen meiner Weigerung, ob ich über etwas zu klagen habe? Ich gehe — 2Q3 — hin und klage mündlich, Lord und Lady L. überhäufen mich mit Artigkeit, ich bestimme wieder meine vier Stunden wöchentlich. (Er wurde von da an durch eine Reihe von Jahren rücksichtsvoll behandelt und pünktlich bezahlt). So muss man diese Leute erziehen. Das arme Frl. A. verliess das Haus, weil die jungen Damen sie, die feingebildete Erzieherin, wegwerfend behandelten. Sie hatte sich hineinzufinden gesucht, klagte aber zuletzt meiner Frau, die Stellung sei unaushaltbar." Am 21. März musste Moscheies dem Director der italienischen Oper, Laporte helfen, sein Haus zu eröffnen. Nicht, dass er plötzlich italienischer Sänger geworden wäre. Die Primadonna, Madame Trinklohr, hatte in der elften Stunde die Masern bekommen; so setzte man mit dem Rest, der um diese Jahreszeit immer noch beschränkten Truppe ein Concert zusammen, und erhöhte seinen Reiz durch ein hinterher gegebenes Ballet. Moscheies bekam für seine Gefälligkeit, die „Recollections of Ireland" zu spielen, den Opernsaal für den i. Mai gratis und gab an diesem Tage ein sehr erfolgreiches Morning-Concert. Die Ouvertüre zur „Jungfrau" und der erste Satz des Concert pathetique waren die Novitäten, die er dem zahlreichen Auditorium bot. Komisch war es, dass die Times nichts weiter an dem neuen Concertsatz zu tadeln fand, als dass sie keine Pauken und Trompeten in einem Concert pathetique wünsche. Mit Mori und Lindley spielte er Beethoven's Tripleconcert; und schliesslich noch eine freie Phantasie, die nie fehlen durfte. Als die Saison weiter vorgerückt war, gab Laporte seinen Abonnenten das unnachahmlich grosse Quartett, die Grisi, Rubini, Lablache, Tamburini, die besonders in den „Puritani" entzückend sangen. Der liebliche, jugendliche Sopran der hübschen Grisi und die Contrabasstöne des Lablache contrastirten auf die interessanteste Weise, wie das Tagebuch lobend schreibt, wogegen die abgeleierten Lieblingsstücke der süsslichen Oper Moscheies schon nach wenigen Monaten wieder gründlich zuwider waren. „L'Estocq" von Auber war eine neue Oper des Covent- — ^94- — garden Theaters; sie erhob sich aber als Composition zu wenig über die Alltäglichkeit, um sich, trotz des Aufwandes an Costümen und Decorationen, lange auf dem Repertoire halten zu können. Im französischen Theater hatte man durch Jenny Vertpre, Lemaistre und später durch das Ehepaar Volnys (Frau Volnys war die frühere Leontine Fey) grosse Genüsse. An den Stücken war freilich viel auszusetzen. Ueber sich selbst schreibt Moscheles in einem Briefe: „Der Drang zum Componiren ist immer da; aber wo die Zeit hernehmen? So ein paar Liedchen wie Byron's: „There be none of beauty's daughters" und „Im Herbste" von Unland habe ich zwar in die Welt gesetzt; aber ich komme nicht dazu, ganz ungestört mein Concert pathetique zu beenden. Ausserdem möchte ich dem im Jahre 1822 componirten „Hommage ä Händel" eine neue Introduction geben." Die letztere entstand denn auch um diese Zeit und ist seitdem dem Publikum häufig vorgeführt worden. Später sagt das Tagebuch: „Heute brachte Klingemann uns zwei vierhändige Orgelfugen von Mendelssohn, über die ich sogleich mit meiner Frau herfiel. Herrlich, wie alles, womit er die musikalische Welt beschenkt." Eben damals Hess Kalkbrenner seine „Etudes prepa- ratoires" erscheinen, die eben nicht viel Eindruck machten. Litolff brachte gar manche vielversprechende, wenn auch noch jugendliche Compositionsversuche zur Beurtheilung. Gleichzeitig erschienen Chopin's graziöses Scherzo und seine grossen Etüden. „Ich bin ein aufrichtiger Bewunderer seiner Originalität", sagt Moscheies „er hat den Clavier- spielern das Neueste, Anziehendste gegeben. Mir persönlich widersteht die gemachte, oft gezwungene Modulation, meine Finger straucheln und fallen über solche Stellen, ich kann sie üben, wie ich will, ich bringe sie nicht ohne Anstoss heraus." V Über die „Symphonie fantastique" von Berlioz, die ihm der Verleger im Ciavierauszug schickte, schreibt das Tagebuch: „Ich möchte kaum darüber urtheilen, ehe ich die Partitur kenne, aber ich kann mich nicht mit den ewigen Unisono's, Octavengängen und Tremulando's aussöhnen. — 295 — Ich finde nicht die Basis einer gesunden Harmoniefolge; vielmehr scheint mir das „Dies irae" und der Hexensabbath von einer krankhaften Phantasie zu zeugen; auch schürzt sich die Entwickelung der aufeinander gehäuften Figuren oft zu einem gordischen Knoten; wer zerhaut ihn? Aber "Wärme und Poesie hat der junge Mann, und einzelne Stellen erinnern mich in ihrer Grossartigkeit an einen antiken Torso." Zur Kennzeichnung des damaligen Musik- und Musikerlebens in London theilen wir einige Stellen aus Briefen Moscheles' mit: „Will ich unsere musikalischen Leiden so gut wie die Freuden aufzählen, so muss ich gestehen, dass der fremde Musikantenschwarm zuweilen den Horizont verfinstert, wie die Heuschrecken den Himmel Aegyptens. Der Eine treibt die deutsche Einfachheit so weit, dass er keine andere Sprache, als die seinige spricht, doch aber hierher gereist ist, um von den Engländern anerkannt zu werden; er gleicht dem Dominie Sampson auf ein Haar, spricht auch mit seiner Pedanterie. Dazu bringt er immer seinen Schüler, einen langweiligen jungen Holländer, mit. Treffen die Beiden wie gestern mit dem deutsch französir- ten, parfümirten H. zusammen und finden Beide den Urengländer H, der eben nur seine Sprache spricht und componirt, so giebt das keinen guten Klang. Bei Tische lässt sich der Deutsche zwar Alles schmecken, sagt meine Frau, aber der Französirte rümpft jdie Nase bei jedem Körnchen Pfeffer, während der Engländer ehe er gekostet hat, den Rand seines Tellers mit Senf, Cayenne u. a. Schärfen belegt, einer Malerpalette gleich. Wir selbst kamen vor lauter Dolmetschen kaum zum Essen, zuletzt aber auch vor innerem Lachkrampf nicht; denn endlich glaubten der Deutsche und der Engländer, ihrem Drang nach gegenseitiger Mittheilung Genüge zu leisten, indem sie lateinisch sprachen; aber auch da hatten sie sich verrechnet, die verschiedene Aussprache verwickelte sie in ein Labyrinth, das ihre Ideengänge zu lauter Irrwegen machte." In einem andern Brief heisst es: „Ich soll Ihnen den — 296 — eigentlichen Zweck, der von Sudre erfundenen langue musicale nennen? Aber ich fürchte, sie hat gar keinen, und der Unglückliche verrechnet sich nur. Er meinte, alle Nationen sollten miteinander durch das musikalische Scalen-Alphabet verkehren, ein Clairon durch diese Töne aufweiten Land-und Seestrecken, durch den dichtesten Nebel hin, Befehle verkünden, ein Taubstummer mit einem Blinden verkehren können, u. s. w. Er hat mit seinem Schüler viel bei mir vor musikalischen Freunden experi- mentirt, ohne Jemanden von der Tüchtigkeit der Erfindung zu überzeugen. Einen ganzen Berg von hochtönenden Ankündigungen hat er um theures Geld drucken lassen aber der Berg gebar nicht einmal eine Maus; denn als der Drucker bezahlt werden sollte, musste ich ihm mit etwas Kleingeld unter die Arme greifen, um ihn vor dem Schuldthurm zu bewahren. Dem Ciavierspieler S . . . . y, ■dessen nicht allzugrosses Talent ihm wohl auch keine goldne Ernte gebracht hätte, erging es besser, weil er Pole ist und als solcher die Sympathien der Lady Dudley Stuart für sich hat. Sie räumte ihm ihre Salons für ein Privatconcert ein und füllte sie durch ihre Freunde." Dort sowie bei Mori und vielen Andern wirkte Moscheies mit. Ein Epoche machendes Concert war das von de Beriot und der Malibran; denn dies vielbegabte Ehepaar schien sich selbst zu übertreffen und leistete das Unglaubliche. In diesem Jahr trat Julius Benedict als ein neues werth- volles" Mitglied in die grosse Londoner Musikergilde ein und zeigte sich sogleich als tüchtiger Musiker und Clavier- spieler. Er war durch seinen längeren Aufenthalt in Italien ganz besonders befähigt, die italienischen Sänger zu begleiten. Im Moscheles'schen Hause ward er als ausgezeichneter Landsmann mit aller Herzlichkeit empfangen. Der gute altgewordene J. B. Cramer wollte sich nach München zurückziehen, gab ein Abschieds-Concert, und ward von seinen Freunden zu einem musikalischen Festessen geladen. „Wir Clavierspieler", sagt Moscheies, „hatten zu unsern Leistungen C.'sche Compositionen gewählt; er selbst trug Mozarts Concert in D zart und graziös vor; — 297 — als ich zum Schluss noch improvisiren musste, that ich es über Themen aus seinen Werken, was ihn zugleich erfreute und rührte." Cramer blieb nicht lange in München, sondern zog es vor, seine Tage in England in grosser Zurückgezogenheit zu beschliessen. Braham, vielleicht der Reichste in der Musical profes- sion, machte ein grosses Haus, das vom Adel besucht wurde, ob vom untadelhaftesten, das wurde oft in Zweifel gezogen. Es war auch allbekannt, dass die Frau gern erzählte, ihr Mann habe £ 60,000 zur Disposition gehabt, nicht recht gewusst, wie er sie anlegen solle und deshalb das Colosseum gekauft. Dieses wurde nun durch ihn zu einem Ort vielseitiger Belustigung umgewandelt. Seine Haupt-Attraction blieb das Riesenpanorama von London, früh Morgens, ehe die Essen dampften, auf der Höhe der Paulskirche gemalt. Dazu gab es Bauchrednerei, Fantas- magorie, Schweizerhäuschen, von Alpen umgeben, die Adlersgrotte mit ihren Stalactiten, den Abguss eines An- tikencabinets, Orgelspiel, Beleuchtung des Gartens, und sonst dergleichen. Diese Mischung schien zuerst viel Publikum anzuziehen; schliesslich aber machte Braham so schlechte Geschäfte damit, dass ihn die Verwendung seiner £ 60,000 wohl nicht weiter behelligte. Ein erster Ball beim neuen Lord Mayor wird in, einem Brief als besonders brillant beschrieben. „Die Guildhall mit ihren herrlichen Räumen, Spiegeln und Bannern erglänzte in sonnenheller Beleuchtung, die ganze Noblesse war dort und die Damenkleider mit Diamanten besäet." Im Juli schreibt Moscheies: „Die Saison geht zu Ende, und bald brauche ich nicht mehr Damenfinger zu curiren; die Ohren meiner Schülerinnen curire ich doch nicht". Die ganze Familie reist nach Hamburg und geniesst die Freude des Beisammenlebens mit den lieben Verwandten. Moscheies' Mutter und seines Bruders Frau treffen ihn später in Leipzig, wo Mendelssohn eben seinen ersten Winter verlebt. Es sind wieder herrliche 14 Tage mit der Mutter, mit dem Freunde, und andern musikalischen Berühmtheiten, und wir lassen Moscheies selbst, in seinen Briefen an die Frau darüber reden. Leipzig, i. October 1835, Um 10 Uhr Abends. Mein theures Weib! Ich habe heute Morgen halb 5 Uhr mein Tagewerk begonnen, indem ich Dir einige Zeilen schrieb; so will ich es damit enden, Dir noch vor dem Schlafengehen Rechenschaft von meinem Thun und Lassen zu geben. Um 8 Uhr Morgens sah ich meine Mutter und die liebe Schwägerin in ihrer Wohnung; heisse Thränen flössen allerseits. Die Unmöglichkeit Deines Mitkommens wurde viel besprochen; sie sind betrübt darüber. Kistner, der schon sehr thätig für mich war, begleitete mich zu Mendelssohn, der recht angenehm und angemessen vor der Stadt in Reicheis Garten wohnt. Er empfing mich so kindlich freundlich, wie immer, und fragte nach Dir mit Herzlichkeit, Respect, und Liebe, möchte ich sagen. Dein Geschenk versetzte ihn in Entzücken.....Ich fand ihn nicht schöner geworden (halb Jüngling, halb Mann) und auch nicht blühend aussehend, jedoch muntrer, geistreicher und gescheidter als je. Er spielte mir drei neue Lieder ohne Worte vor, die sich den andern würdig anreihen; von meinen Sachen hat er noch nichts gehört. — Ich kehrte zu der Mutter zurück, um mich etwas um ihre hiesige Einrichtung zu kümmern und empfing Geschenke für uns Alle, u. A. eine famose Torte, von der ich Dir noch mitzubringen hoffe. Die Mutter sieht gut aus, und obschon man sie allenthalben hier eine schöne alte Frau nennt, kommt sie 'mir noch J~viel jünger vor, als sie wirklich ist. Bei Wieck war ich auch und habe mir von Clara recht viel vorspielen lassen, u. a. eine Manuscript-Sonate von Schumann, die sehr gesucht, schwer, und etwas verworren, jedoch interes- 1 sant ist. Ihr Spiel war vortrefflich und gediegen. Sie hat scheinbar nicht soviel Feuer, wie die Pleyel, weil sie ganz ohne Affeetation spielt; ihr kindlich bescheidenes Wesen ist der Gegensatz zu der stürmisch bewegten Jugend dieser Künstlerin, von der mir Felix um 1 Uhr an der Table d' hote! bei Kistner viele Details erzählte. Die arme Frau — 299 — hat jetzt die Gelbsucht, sagte Chopin, der hier vor Kurzem,' aus irgend einem Bade kommend, wenige Tage auf der Durchreise nach Paris zugebracht hat. Nach Tische wieder zur Mutter, dann mit Felix zu Hauser zum Caffetrinken Wir unterhielten uns ernst und spasshaft an seinem Streicher, den ich mir vermuthlich zum Concert ausbitten werde, obschon mir Felix sein Ciavier anbot. Dieser führte mich zu Dr. Härtel in sein neues Landhaus, nahe am Wall gelegen, — für Leipzig eine Merkwüidigkeit, da der Besitzer, der für Italien schwärmt, es ganz im italienischen Styl erbauen Hess. Wie wunderschön, reich und doch einfach diese Villa ist, werde ich Dir besser mündlich, als schriftlich klar machen. Abends bis 9 Uhr war ich wieder"! bei Wieck, um Schumann zu treffen, der ein stiller und doch interessanter junger Mann ist. Wieder Hess ich mir von Clara viel vorspielen, vortrefflich, wie ich schon sagte._j Ich gab ihnen auch ein Pröbchen meines Phantasirens". Am 2. October schreibt er: „8 Uhr Morgens. Ich erwarte Felix und will indessen den Tag gut beginnen, indem ich Dich frage: Wie hast Du geschlafen, liebes Weib; was machen die Kinder? Componirt Emily, lernt Serena ein Epos auswendig und erstürmt Felix irgend eine Festung? Ueber alle diese Punkte ist hoffentlich schon Nachricht für mich unterwegs." 9 Uhr. „Felix ist da, und jetzt gehe ich mit ihm in seine Wohnung, um mir sein Oratorium vorspielen zu lassen". „Und nun (schreibt Mendelssohn dazu) klemme ich zwischen das Couvert und die Oblate noch geschwind meinen herzlichen Gruss und Dank; ich hoffe Ihnen Beides ausführlich in diesen Tagen zu sagen, heut ist noch alle Eile des ersten Tages da und ich muss heute Vormittag viel Neues hören — da können Sie denken, wie ich mich darauf spitze. Sie verderben mich aber wirklich, dass Sie mir schon wieder ein so wunderhübsches Geschenk gesandt haben. — Aber wir wollen gehen! — Leben Sie denn wohl für heut und grüssen Sie mir die Ihrigen Kleinen, womit Emily schon nicht mehr gemeint sein kann". Am folgenden Tage (3! Oct.) berichtet Moscheies: — 3°o — „Kistner begleitete mich zu dem lieben ehrwürdigen Greise, Hofrath Rochlitz; dieser empfing mich äusserst freundlich, und war sehr mittheilend; nachdem er sein Interesse an meinem jetzigen Besuch, an meinem Spiel, und meiner. Compositionen ausgedrückt, recapitulirte er die verschiedenen Eindrücke, die ich ihm, seit meinem ersten Erscheinen mit dem Alexandermarsch im Jahr 1815 hinterlassen, und sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine Entwickelung in der Kunst; er war mir ebenso interessant wie seine Aufsätze für Freunde der Tonkunst, die wir so gerne lasen. Gegen Abend ging ich wieder zu meiner Mutter, die eben ihre Gebete aus dem mir wohlbekannten Familienbuch beendet hatte. Ich leistete ihr ein Stündchen Gesellschaft, und machte sie sehr heiter durch Erzählungen aus unserm Leben. Dann ging ich zu Felix (Mendelssohn), der mich für heute und jeden Abend zum Thee gebeten hat; es ist recht gemüthlich bei ihm, und rief mir meine Junggesellenwirthschaft zurück. In der Mitte des Zimmers steht sein Erard, in einem Bücherkasten sein schön eingebundener Händel und sein Partituren-Reichthum, auf einem Tische sein silbernes Tintenfass, Geschenk der Philharmonischen Gesellschaft, an der Wand zwei reizende Kupferstiche, Titian's Tochter und das Portrait der Schätzel, auf dem Clavier eine liebliche Unordnung von Partituren und Novitäten — aber übrigens Alles nett und rein. Wir tranken Thee und plauderten, bis der Advokat Schrey (einer der Concertdirectoren) sich zu uns gesellte. Dieser ist Musikenthusiast, hat eine herrliche Tenorstimme und sang ein paar neue Lieder von Felix, die vortrefflich sind. Ich hoffe sie Dir abgeschrieben mitzubringen. Ich spielte mein Concert fantastique und das pathetique, und hörte viel Angenehmes darüber, dann Felix' mir dedicirtes Rondo. Mit ihm spielte ich vierhändig meine Ouvertüre und sein Octett; das ging wieder wie geschmiert — Du kannst Dir das am Besten denken. — So wurde es 11 Uhr und er lieh mir seinen Mantel, damit ich im Nachhausegehen — nach den vielen heissen Noten — mir keine Erkältung zuzöge. Er ist ein herrlicher Mensch. Apropos, Felix — 301 — hat sich mit aller Leichtigkeit dazu verstanden in meinem Concert mein neuestes Duett mit mir zu spielen, doch hat es das Concertdirectorium davon in Kenntniss zu setzen. Gestern wünschte er die Mutter und Regina zu besuchen. Wir gingen hin, und sie freuten sich sehr darüber, gaben ihm auch von dem Prager Kuchen zu naschen. Es steht ein Wiener Flügel in ihrem Zimmer, und auf den Wunsch der Mutter musste ich Etwas spielen; Regina hätte gern auch Felix gehört, aber er wollte nicht — seine gewohnte ultra capriciös demüthige Bescheidenheit. Er versprach nächstens wiederzukommen und zu spielen." „Jetzt sollst Du Alles erfahren was mir heute begegnet ist. Früh die Mutter verfehlt.' Felix holte mich früh zur Probe. Mendelssohn's vortreffliche Leitung, seine Reden, seine Bemerkungen, kurz sein ganzes Betragen gegen das Orchester flösst Liebe "und Achtung ein. Seine Ouvertüre zu „Meeresstille und glückliche Fahrt", von der man sich im Ciavierauszug keine Idee machen kann, sowie Beetho- ven's B-dur Symphonie gingen ausgezeichnet brav. Die Probe dauerte bis % i Uhr. Dann ging ich verabredeter- massen zur Mutter, und fand sie sehr munter. Felix ass wieder mit mir an der Table d'hote. Dann waren wir "| bei Wieck eingeladen, mit Schumann, Banck, Hofrath Wendt u. A. Clara Wieck spielte Beethoven's grosses Trio sehr brav, dann ich das meinige, welches sehr gefiel und gut accompagnirt wurde (von Gerke und Knecht). Dann überraschte mich Dein Brief; ich lief gleich damit zur Mutter." . . . „Ich ging in's Theater um „Das eherne Pferd" von Auber zu hören, aber o Jammer! welche schlechte Musik, Sänger und Sujet! Schade um meinen Abend! Ich musste meine Neugierde theuer bezahlen" . . . n Uhr Nachts. „Es ist mir Bedürfniss, Dir täglich zu berichten; daher wähle ich diese Stunde, die einzig freie. Früh zur Mutter und brachte ihr feine Bäckerei, weil ich bemerkte, dass die Wirthsleute ihr keine zum Frühstück boten; mit Kistner machte ich Concertanstalten, dann zu Felix, mit dem ich das „Hommage ä Händel" aus dem Probedruck probirte, aber auf eine komische Art. Er hat ja nur den Erard; da fiel ihm ein, dass er durch die Thüre, die sein Zimmer von dem seiner Nachbarin, einer ältlichen Frau trennt, zuweilen ein Ciavier gehört habe; ein nicht leicht zu versetzender Schrank steht vor dieser Thür. Er ging zu ihr, erbat sich die Erlaubniss, in ihrem Zimmer zu spielen, während ich es in dem seinigen thäte; sie wurde ihm gern ertheilt. Die Thüren wurden geöffnet, aber der Schrank blieb stehen, die Instrumente stimmten zufällig, und das Ding ging prächtig. Kistner und ein Organist Reichard waren dabei und schienen sehr erfreut. Wir haben uns nun fest entschlossen, dieses Stück bei meinem Concert zu spielen. Unter-den neuen Sachen, die ich wieder von Felix hörte, sind zwei Clavier-Capricen und eine Fuge in schnellem Tempo in F-moll, die alle vortrefflich in ihrer Art sind. Bei Hauser (dem Basssänger am Theater und Felix' intimer Freund) assen Avir zu Mittag und unterhielten uns wieder nach Tische ernst und launig an seinem Streicher, den er mir zum Concert leiht. Felix spielte mir ein Concert von J. S. Bach aus Hauser's schöner Sammlung vor; dann sang dieser ein gar drolliges Lied von dem alten Componisten Hiller, worin das Wort Nase eine Hauptrolle spielt; ich will's Dir abschreiben und mitbringen (Hauser wünschte es selbst zu thun, und sandte es der Frau, die es noch besitzt). Ich führte die Mutter und Regina in's Abonnementconcert und blieb den ganzen Abend bei ihnen. Felix wurde sehr gut empfangen. Seine Meeresstille war köstlich und ward mit grossem Beifall aufgenommen. Vom Uebrigen mündlich. Nach dem Concert brachte ich meine Damen vergnügt nach Hause, traf Felix und Hauser beim Souper im Hotel, begleitete dann Beide bei klarem Mondschein über den Wall nach Hause, und jetzt sage ich Dir gute Nacht." 5. October x / 2 n Uhr Nachts: „Ich betrete eben mein Zimmer, welches ich seit heute früh nicht gesehen habe. Ich konnte nicht einmal ein Ciavier darin haben, so eine Noth an guten Instrumenten ist in Leipzig! Dein Brief kam mir früh zu Händen. Ueber Dein Spielen des Men- delssohn'schen Octett's haben sich Felix und ich sehr gefreut. Er spricht mir von seiner Verlegenheit, dass er noch nicht dazu gekommen, Dir schriftlich zu danken, und sich Dir schwarz auf weiss zu Füssen zu legen; kurz er spricht ebenso wie seine Briefe über diesen Gegenstand. Mein erster Morgenbesuch war heute wieder bei der Mutter, die vollkommen wohlgemuth, heiter und zufrieden ist. Dein Brief erregte auch bei ihr wahre Freude. In einigen Privathäusern probirte ich Instrumente, um ein zweites zum Duett zu haben, konnte meine Wahl aber noch nicht fixiren. Felix begleitete mich zu Fink, dessen Tochter ein bedeutendes Talent hat und uns vorspielte. Felix speiste mit mir an der Table d'hote, mit Schumann, dem Sänger Naumburg, Banck, Knecht und Wild. Dieser, so- *"" eben angekommen erzählte mir, dass er nur einmal in Teplitz zum Auftreten kam und zwar in der Norma — so drängten sich dort die Festlichkeiten. Thalberg, der ein Ciavier hingeschickt hatte, kam gar nicht zum Spielen, weil kein Hofconcert stattfand." Eine Mlle V. wünschte in meinem Concert zu singen; aber wie erstaunte ich trotz des italienischen Namens eine klotzige; derbe Deutsche mit gellender Stimme zu finden; sie blökte die Variationen der Catalani über „nel cor" heraus- und ich gab ihr einen diplomatisch ausweichenden Bescheid. So halte ich mich blos an die Grabau und Hauser. Den Abend verbrachte ich wieder bei Felix mit Thee und Musik, in Gesellschaft von Hauser und Kistner. Da wurde ein Concertzettel gebacken. Ich hatte der Mutter zwei Sperrsitze für's Theater' gebracht; sie sah mit Regina den Freischütz. Um 10 Uhr war ich wieder bei ihr, um über den verbrachten Abend zu plaudern. Gute Nacht. 6. October. „In der bedeutungsvollen Stunde von 12—1 Uhr Mittags, wo aller gesellschaftlicher Verkehr in Leipzig stockt, um dem Magen zu fröhnen, setzte ich diese Zeilen fort. Ich wollte einen so eben erhaltenen Ciavierpart vom — 3°4 — S. Bach'schen Concert für drei Claviere auf heute Nachmittagdurchgehen, fand aber alle Clavierniederlagen verschlossen. Zu Felix zu gehen, blieb mir vor dem Essen um i Uhr nicht Zeit: mein Magen wird für dies empfänglich sein, so wie ich mich überhaupt hier vortrefflich befinde. Heute, als ich die Mutter besuchte, unterhielt ich sie mit meinem Album. Ich habe hier ein Bändchen gesehen, welches unter dem Namen „Bettina's Tagebuch" ihrer Correspon- denz mit Göthe vorangeht. Wenn Du neugierig darauf bist, so kannst Du es Dir gewiss leicht verschaffen." Nachmittags 5 Uhr. „Ich komme eben von Wieck, wohin mich Regina begleitete. Die Clara spielte ein Trio von Schubert, sehr brav. Das Concert von Bach für drei Claviere, von ihr, Felix und mir gespielt, folgte, und war sehr interessant. Ich lasse mir es für London abschreiben. Die V. sang wieder, und Felix begleitete sie zu einer Arie aus „Macbeth" und den Variationen über „nel cor". Aber es war ein jämmerliches Geheul! Den armen Felix hättest Du sehen müssen, wie er in einem Cirkel von 30 Personen dasass, wie auf einem Armsünderstuhl. Seine Augen funkelten, wie die eines gereizten Tigers, und an seinen Wangen hätte man Licht anzünden können, so brannten sie. Eben soll ich meine neugedruckten Concert- billete zeichnen. Deine hülfreiche Hand geht mir dabei ab; aber ich kann bei jeder Zeichnung ruhig an Dich denken, und das ist mir ein angenehmes Gefühl. Felix theilte mir heute den Wunsch des Directoriums mit, dass ich Sonntag im zweiten Abonnement-Concert spielen möge; er räth mir, statt des gewöhnlichen Honorars von 5—6 Ldr. lieber die Bedingung zu machen, dass ich für Saal, Beleuchtung etc. bei meinem Concert dem Directorium nichts zu zahlen brauche, und ich finde, er hat recht. Ein Gedanke quält mich wegen meiner Abreise. Die Eilwagen gehen nur Montag früh um 5 Uhr Morgens und Dienstag um 9 Uhr Abends: Der erste zu nah am Concert, der zweite zu spät für meine Ungeduld." 9. October: „Eine Stunde vor meinem Concert schreibe ich Dir. Die Geschäfte drängten sich so sehr, dass ich — 3°5 — meinem Vorsatz, Dir täglich zu berichten, nicht treu bleiben konnte. Gestern hatte ich einen Tag der Ungeduld, weil ich Deinen Brief von Montag schon erwartete. Die gelungene Probe meines Concerts musste mich zerstreuen; aber heute kam er und beglückte mich. Ich wollte, ich hätte Zeit, Alles gehörig zu beantworten; aber das muss bis aufs Mündliche bleiben. Das Wann ist noch ein Gedanke, der mich zupft. Ich spiele Sonntag im Abonne- mentconcert mein G-moll Concert und werde hoffentlich zwischen den Eilwagen eine Gelegenheit finden. Mein Concert wird heute Abend glänzend. Der Andrang zum Billetverkauf ist gross; 750 sind schon abgesetzt, und man wird wahrscheinlich so Manchen bei der Kasse zurückweisen müssen." „Die Mutter und Regina sind noch immer ebenso vergnügt und haben sich über den heutigen Brief sehr gefreut, schicken Dir auch alle möglichen Küsse und Liebkosungen. Wenn ich heute nicht schlecht spielen soll, muss ich schliessen und mich nur durch den Gedanken an Dich begeistern." 10. October: „Ich wollte, ich könnte der Post Flügel verleihen, um Dir die Nachricht mitzutheilen, dass ich gestern das brillanteste Concert in Leipzig gegeben habe. Der Andrang war ungeheuer und der Saal überfüllt. Meine Mutter verjüngte sich dabei. Meine Ouvertüre wurde vortrefflich aufgeführt, die Concert's pathetique und fan- tastique mit steigendem Beifall aufgenommen. Mein Duett mit Felix aber machte ungeheures Furore; der Beifall dauerte lange, man wollte es wiederholt haben; aber die grosse Hitze hielt uns ab, und wir traten blos noch einmal vor, um uns zu verbeugen. Auch meine Phantasie über das Thema der Arie aus „Titus", welche Frl. Grabau sang, und einen Chor in D aus „Euryanthe" hatte, glaub' ich, viel Gelungenes und Glückliches; denn viel Beifall belohnte mich. Die Brutto-Einnahme war 497 Thlr. Die Kosten betragen 70 Thlr., bleiben also 427 Thlr. Die übrigen Aus- Moscheles' Leben. 20 — 306 — gaben bezahle ich durch mein Spielen im Abonnement- Concert." „Ausser dem G-moll-Concert, das heute in der Probe vortrefflich ging, wird meine Ouvertüre wieder g-egeben, so wie das Duett mit Felix, um welches wir ersucht worden sind. Felix benimmt sich gegen mich immer gleich liebenswürdig und mit einer seltenen Bescheidenheit. Er sagte mir u. A., ehe ich gekommen, hätte er sich schon mit dem Gedanken und Wunsch herumgetragen, ob ich wohl ein Duett mit ihm spielen möchte? Er hätte mir bald deswegen geschrieben. Er wird hier vergöttert und ist auch mit mehreren Musikern und Honoratioren auf freundlichstem Fusse, jedoch intim mit Wenigen und zurückgezogen gegen Viele. Meine Mutter behandelt er mit besonderer Aufmerksamkeit. Du hast Recht, das Zusammenkommen mit ihm giebt mir neuen Aufschwung und viel Genuss" ..... Sonntag frühyUhr: „Ich war mit Felix und Hauser gestern bei — zu Tische geladen; es speisten da Baurath Limburger und Hofrath Keil (zwei Directoren), auch Geh.-Rth. Lehmann. Die Eigenthümlichkeiten der Familie sind: Das Super- gelehrtthun des Herrn, die altkluge Geschwätzigkeit der Frau, die blöde Verschmitztheit der Tochter. Die Aufwartung war von einem Mädchen besorgt, welches an der Zubereitung der Speisen grossen Antheil gehabt haben muss, wie der ihr anklebende Schmutz bewies. Dazu ein alter Aufwärter, der bei meinem Concert Kassirer gewesen war und nur mit der Brille auf der Nase seinen Dienst versehen konnte. Alles dies gab uns nachher viel Stoff zum Bekritteln, dazu kam dass Herr — bei Tische sehr indiscret über einen Aufsatz des Hofrath Rochlitz in der Musikalischen Zeitung sprach, was Felix in eine auffallend mürrische Stimmung versetzte, der er wie eine losgehende Luftbüchse im Weggehen Luft machte." „Einen Theil des Abends verbrachte ich mit den Meinigen, den andern bei Felix tete ä tete. Wir tranken Thee, plauderten recht vertraulich, und dann spielte er mir mehrere seiner vortrefflichen Fugen und Lieder ohne Worte (Manuscript) vor. Morgen früh geht meine Mutter — 307 — fort, das wird mir den Tag schwer machen! aber ich will mich ermannen." Nachmittags: „Ich komme eben von einem sehr freundlichen Diner bei Kistner mit Felix, Hauser, Dr. Schleinitz, Weisge, Fink u. A. und schreibe Dir diese Zeilen, ehe ich mich zum Concert ankleide. Eben erhielt Felix die Nachricht, dass seine Schwester angekommen ist. Die Eltern schreiben, ich möchte sie doch nach Berlin begleiten und bei ihnen wohnen. Felix wünscht es sehr, aber ich weiss noch nicht, ob ich mir den Rasttag gönne. Vormittags war Felix mit mir bei meiner Mutter, um ihr wie versprochen vorzuspielen. Er liess sie viele meiner Etüden hören , spielte auch seine „Hebriden-Ouvertüre", und machte sie ganz glücklich. Hätte ich Dich, hätte ich Euch Alle nur hier. Es soll, es muss aber.doch Alles gut gehen — nur Courage! Adieu! Auf glückliches Wiedersehen!" Der nächste Brief ist aus Berlin vom 14. October da- tirt. Er lautet: „Deine Zeilen erhielt ich Montag in Leipzig, und sie machten mich wieder glücklich. Sie waren mir Balsam nach den Stunden der Scheidung von der Mutter, die Montag früh abreiste. Durch Deinen so herzlich ausgesprochenen Wunsch, ich möchte mir den Abstecher über Berlin gönnen, hast Du meinen Schwankungen ein Ende gemacht — Felix und ich haben seine Schwester hieher begleitet, Montag waren wir noch bis Mitternacht auf einer Soiree bei HärteTs, wo ich allein und mit Felix gespielt habe. Dann packte ich (ohne John) bis f/ a ;2 Uhr, und schon um 6 Uhr Morgens sassen wir im Wagen. Unsere Unterhaltung war belebt und köstlich, und Du sehr oft ihr Gegenstand. Felix' Schwester ist ein gar nettes liebenswürdiges Weibchen. — Felix hatte einen Brief an seine Eltern expedirt, um sie von allseitiger Ankunft zu benachrichtigen; als wir aber um I f 2 2 nach Mitternacht anlangten, merkten wir an der Todtenstille im Hause, dass jener Brief nicht angekommen war. Es wurde Niemand von — 3°8 — der Familie aufgeweckt und Nachtlager eilig durch die Dienstboten bereitet. Da sich nichts fand, um den allgemeinen Heisshunger zu stillen, so musste ein grosser Theil meiner Prager Torte, die ich.im Nachtsack hatte, herhalten, und that vortreffliche Dienste. Das Wiedersehen der Alten mit den Kindern diesen Morgen war ein Familienfest, eine Seligkeit, die mir als Zeugen einen unbeschreiblichen Genuss gewährte, und dass ich nicht bloss Zuschauer war, sondern wie ein Sohn mit herzlichem Willkomm empfangen wurde, erhöhte meinen Genuss vielfach. Ich sehe mich von allen Seiten bestürmt, meinen Entschluss aufzugeben, schon heute Abend weiter zu reisen. Ich soll erst morgen Abend Berlin verlassen. Die halb vergeudeten Nächte, der schöne Aufenthalt hier und endlich Deine ermunternde Zuspräche werden mich wohl für morgen bestimmen." Felix Mendelssohn fügt hinzu: „Wenn Sie zürnen wollen, dass Moscheies Ihnen einen Tag länger entzogen ist, so zürnen Sie auf die ganze Leipziger StrasseNo. 3; denn die ist dran Schuld; er wollte weiter, obwohl er gestern (oder vielmehr heut) Nacht um x / 2 2 Uhr erst hier angekommen war; wir aber thaten einen geistigen Fuss- fall, und die Polizei wollte den Pass nicht geben, und dann haben Sie ihn denn auch wieder in Hamburg und Holland und London, während wir doch morgen auseinanderreisen müssen, und uns wohl lange nicht wieder sprechen können. Kurz, ich quälte aus Herzenslust mit, und hoffe, Sie setzen sich an meine Stelle; da hätten Sie es auch gethan. Wenn Sie sich wiedersehn, wird Moscheies Ihnen alle meine und unsre Grüsse bringen. Die Post geht, also leben Sie wohl und zürnen Sie nicht Ihrem ergebenen Felix Mendelssohn-Bartholdy." Dazu hatte Felix' Vater diesem folgende Zeilen in die Feder dictirt: „Ich darf wohl meinen besten Gruss hinzufügen, und indem ich Ihnen meine Freude darüber bezeuge, so ganz unerwartet unsern vortrefflichen Freund mit Felix, leider auf so sehr kurze.Zeit nur hier zu sehen, Ihnen dafür — 3og — danken, dass Sie uns diese Freude durch Ihr Zureden verschafft. Hoffentlich danken Sie es mir auch, dass ich Moscheies bewogen, nach einer durchreisten Nacht nicht schon heut Abend in einem Beiwagen weiter gereist zu sein, sondern erst morgen Abend im Postwagen selbst, seinen Platz zu nehmen. Leben Sie wohl und bleiben Sie mir freundlich gewogen." AVährend dieses kurzen Aufenthalts ward Moscheies Zeuge von Felix' kindlich heiterem Uebermuth, von seiner Glückseligkeit im Zusammensein mit der Familie. Ein Brief, den Moscheies, seiner Gewohnheit getreu, Abends vor dem Schlafengehn seiner Frau schreibt, sagt: „Wir haben uns musikalisch herumgetummelt. Erst spielte ich mit Felix Mozart's Duett in D für zwei Claviere und mein Hommage ä Händel. Dann überliessen wir uns allen möglichen musikalischen Extravaganzen, phantasirten zugleich und abwechselnd auf zwei Ciavieren — eine geistige Erstürmung. Ich spielte noch Felix' Rondo brillant in Es und mein Concert fantastique, er die Orchesterbegleitung dazu. Seine „Lieder ohne Worte" spielten wir abwechselnd und dann kamen allerlei musikalische Scherze an die Reihe. Fanny Hensel machte mir grosse Freude durch das Vorspielen ihrer Compositionen. Felix und ich blätterten viel in seiner Sammlung alter Musik. Genug, diese Stunden werden mir unvergesslich bleiben und ich trenne mich nur ungern von meinen liebenswürdigen Wirthen, um hie und da Besuche zu machen." Der Diebstahl, der im Jahre 1823 an Moscheies verübt worden war (s. S. 77) sollte bei diesem Berliner Aufenthalt wieder zur Sprache kommen. Zwar hatte der Thäter, der junge Literat G. schon im Jahre 1825 eingestanden, dass er den Koffer, den Moscheies beim Verleger Schlesinger zurückliess, als er zum ersten Mal nach London ging, erbrochen, die Werthsachen entwendet hatte. Das schriftliche Bekenntniss, das er damals ablegte, sprach von tiefer Reue und Beschämung, und wie Moscheies' Edelmuth, der — 3 ID — von seiner Verfolgung abgestanden, ihn jetzt zu der Selbstanklage treibe; er wolle zahlen, habe Bücher übersetzt, werde bald im Stande sein, seine Schuld zu sühnen. Ein ähnlicher Erguss erfolgt 1827. Es sind dieselben Versprechungen, ohne vorhergegangene Schritte von Moscheies' Seite. Am 15. October 1835 wird ihm bei Mendelssohns' am Vorabend seiner Abreise folgender Brief eingehändigt. Verehrtester Herr Moscheies! Berlin 73 Friedrich-Strasse 2 Treppen. Heute früh sah ich Sie auf der Strasse, ich erkannte Sie auf der Stelle. Vergeblich ging ich von Gasthof zu Gasthof, um Ihre "Wohnung zu erfahren, bis mir das Fremdenbureau einfiel, woselbst mir Ihre Wohnung, zugleich aber auch zu meinem Schmerz bekannt ward, dass Sie bereits Ihren Pass nach Hamburg hätten visiren lassen. Den einzigen Augenblick, in welchem ich mich Ihnen nähern kann, ergreif ich rasch: Ich bin hier! Dies Ihnen anzuzeigen, ist Pflicht. Nie habe ich einen Augenblick gezweifelt, dass ich früher oder später im Stande sein würde, Ihnen meine Geldschuld abzutragen, wenn auch nie die Schuld meiner Dankbarkeit. Wäre es mir blos darum zu thun die Geldschuld abzutragen, so hätte ich Sie abreisen lassen, da es mir zur Zeit, in welcher ich das Geld in Händen haben werde, nicht schwer fallen kann, einen Mann zu erreichen, welchen ein europäischer Name ziert. Es ist mir aber um etwas viel Wichtigeres zu thun: um die gute Meinung des edelsten Mannes. Dies aus meinem Mund an Sie ist wahrlich keine Schmeichelei. Obgleich ich für den Moment keine Mittel besitze, so haben sich doch meine Angelegenheiten so gestellt, dass ich, freilich später, als ich hoffte, Gelder empfangen werde, und ich werde den Augenblick als den frühesten meines Lebens betrachten, in welchem ich Ihnen das schuldige Capital nebst Zinsen zurückzahlen werde. Denn nur auf diese Weise werde ich bezahlen, und das ist der einzige Punkt, worauf ich gegen Sie bestehen würde" . . . Nun bittet der Schreiber um eine Zusammenkunft; er will Moscheies ein Papier ausstellen über — 3» — das, was er ihm . schuldig ist; er erzählt wie er einem H. Lowe Jägerstrasse 38 ein Darlehn von 25 £ mit den Zinsen zurück gezahlt,, so wird er auch Moscheies bezahlen, und endet: „Gott segne Sie. Er vergelte Ihnen in eignem und Familienglück was Sie um mich verdient. Ihr Sie bis an sein Ende aus vollster Dankbarkeit liebender und wahrhaft verehrender J. G". Moscheies antwortet ihm am 19. October von Hamburg aus. „Ich habe Ihre Zeilen v. 15. in Berlin erhalten. Als Antwort darauf beziehe ich mich auf eine Aeusserung, die ich Ihnen vor mehreren Jahren schriftlich auf einen ähnlichen Brief gegeben habe. Sind Ihre Vorsätze, die Bahn der Rechtlichkeit zu gehen, echt, so wünsche ich Ihnen Glück dazu, und wenn auch der Segen von oben sich nur spärlich einstellen sollte, so werden Sie doch reicher an gutem Gewissen. Ich wollte Ihnen bisher nicht durch Vorwürfe oder Verfolgung vergelten, was Sie gegen mich verschuldet haben, weil ich Sie für zu unvermögend an Mitteln und zu belastet von Ihrem Gewissen hielt, und Menschlichkeit mich leitete. Wenn Sie mir durch die That, durch theilweise Abzahlung Ihrer Schuld gegen mich beweisen werden, dass Sie mir nicht blos schriftliche Versprechungen zu geben gesonnen sind, so sollen Sie von mir gehörige Empfangs-Scheine erhalten. Anderer schriftlicher Verträge (wie Sie vorschlagen) bedarf es zwischen uns nicht. Wenn ich sterbe, sind Ihre Briefe an mich hinreichende Documente Ihrer Schuld; wollen Sie für Ihr früheres mögliches Ableben Ihren Verwandten ein gleichlautendes Papier hinterlassen, so steht das bei Ihnen. Die Zeit wird offenbaren, ob Ihre ausgesprochenen Vorsätze nicht blosser Schall sind. Wo ich mich aufhalte, erfahren Sie immer leicht durch Musikhändler oder Liebhaber. J. Moscheies". Eine Anfrage an Mendelssohn's Vater über J. G. bringt Moscheies am 17. October folgende Antwort nach Hamburg zurück. . . . „L'homme en question, den ich selbst durchaus nicht kenne, soll ein unstätes Leben geführt haben, war in Italien, Portugal, Frankreich, England, meist als Erzieher in bedeutenden Häusern, und mit bedeutenden Männern in Berührung, soll viel lebende Sprachen fertig sprechen und schreiben, und ein feines gewandtes Aeussere besitzen; aber er soll unsicheren Charakters, und dadurch in zerrütteten Vermögensumständen sein, wird daher in den hauptsächlichsten Beziehungen nicht als zuverlässig betrachtet, in einiger Zeit mehr darüber. A. Mendelssohn-Bartholdy." Schon am 24. October schreibt derselbe: „Sie werden hoffentlich, mein verehrter Freund, meine Auskunft über J. G. erhalten haben. Da ich nicht wissen kann, in welchen Beziehungen Sie zu diesem Manne gestanden, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu berichten, dass derselbe gestern Abend, nach kurzer Krankheit gestorben ist. Ich hoffe, dass diese Nachricht kein näheres Interesse für Sie haben wird, als dasjenige, welches ein so nahe gerücktes Beispiel menschlicher Vergänglichkeit in uns erregt. A. Mendelssohn-Bartholdy." Moscheies theilt nun diesem väterlichen Freunde die ganze Angelegenheit mit und erhält folgende Antwort: Berlin, 29. October 1835. Sehr werther Freund! Ich säume nicht, Ihren höchst merkwürdigen Brief zu beantworten. J. G. ist eben so abenteuerlichj^estorben, wie er gelebt — an den schwarzen Blattern. Er war hierher gekommen, um den auf ihn fallenden Theil am Ertrage eines Processes zu heben, welchen die Masse seines Onkels gegen ein hiesiges Handlungshaus gewonnen hatte. Gewiss wird die Familie sich zur Zahlung des Ihnen Schuldigen verstehen, falls Sie gesonnen sind, die Sache zu urgiren, und ich wüsste nicht, warum Sie das nicht thun wollten". Und nun kommen Anerbietungen, Moscheies dabei zu vertreten, Bitten um Einsendung der nöthigen Docu- mente, und endlich heisst es: „Der ganze Vorfall, wie — 313 — Sie ihn einfach berichten, ist wirklich wunderbar, und wenn er zunächst Sie wieder in Ihrer discreten besonnenen Gutmüthigkeit zeigt, so erinnert er nicht minder an Schiller's goldene Worte: „Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall!" Leider blieb dem Verstorbenen nicht Zeit, sie im Leben zu üben; nachdem er überall gestrauchelt, sollte man glauben, dass er eben jetzt angefangen, sich zum Guten zu entschliessen und das erinnert an den noch goldeneren Spruch der Rabbinen: „Bessere Dich eine Stunde vor Deinem Tode!" Es zeigt ferner, wie Talent und auch die grösste Bildung nur Irrwische sind, die den, welchen sie führen, unfehlbar in's Verderben leiten, wenn ihn das wahre, innere Licht, Charakter und Gewissen nicht auf dem rechten Wege erhält, und es zeigt, dass alle Schuld sich auf Erden rächt. Nun wollen wir seine Seele in Frieden ruhen lassen. Ganz der Ihrige. A. Mendelssohn-Bartholdy." Und wie schloss diese Angelegenheit? Leider auf die traurigste, unvorhergesehenste Weise. Der herrliche Mann, der von Felix so innig verehrte Vater, Moscheies' treuer Freund, starb schon am 19. November desselben Jahres, und dieser erschütternde Schlag benahm Moscheies die Spannkraft die Sache weiter zu verfolgen. Es widerstand ihm, sie einem Rechtsanwalt zu übergeben! So ist ihm sein bedeutender Verlust nie ersetzt worden; die Familie des J. G. hat es nie der Mühe werth erachtet, das Andenken eines nahen Verwandten von schwerer Schuld zu reinigen, obwohl sie sich in vortrefflichen Vermögensumständen befinden soll. Ein kurzer, heitrer Aufenthalt im hamburger Familienkreise folgte diesem Ausflug nach Berlin, und die letzten zwei Monate des scheidenden Jahres wurden in unermüdlicher Thätigkeit einer Kunstreise durch Holland und Belgien gewidmet. „Ich kann über -das Phlegma der Holländer nicht klagen", schreibt Moscheies aus Amsterdam; „sie haben mich vom Jahre 1820 an, wo ich die Gastfreundschaft — 3H — der Familie Königswarter genoss, mit offenen Armen, meine Kunstleistungen mit offenen Ohren aufgenommen. Damals schrieb ich dort mein G-moll-Cöncert, jetzt sehe ich meine neueren Compositionen mit nicht geringerer "Wärme aufgenommen, muss in Felix Meritis u. a. musikalischen Gesellschaften spielen und überall ein zweites Mal impro- visiren. Auch das pecuniäre Resultat ist ein vortreffliches." „Komisch aber", fügt die Frau hinzu, „bleiben doch, trotz aller musikalischen Ehren, die mein Mann geniesst, einige althergebrachte Sitten der Holländer, ich nenne Euch nur die des Abonnement-Concerts, da sie uns zunächst berühren. Der erste Theil ist kaum zu Ende, so verschwinden sämmtliche Herren; wo sind sie? Die Geruchsnerven verkünden es bald; sie rauchen in einem angrenzenden Saale. Aber die Damen haben nicht Zeit, die Nase darüber zu rümpfen; denn ihnen wird alsbald Chocolade und Limonade gereicht; indem sie sie gemessen, unterhalten sie sich miteinander. Ich sass, wie gewöhnlich, wenn Moscheies öffentlich spielt, allein in einem Winkel, und hatte Zeit, mir die nüchterne Einfachheit der vier weissen Saalwände anzusehen, die ich nicht bewundern konnte. Dann aber dachte ich wieder, wie ich es seit fünfzehn Jahren mit Nutzen in England thue: Ländlich, sittlich. Die Chocolade mundete, und der Rauch genirte mich nicht mehr." Ehe sie Holland verlassen, ertönt ein Klagelied von Moscheies über die schlechten Orchester, mit denen er in verschiedenen Städten zu kämpfen hat. „Die Dirigenten geben sich alle Mühe, ich selbst sitze, wenn ich ein Concert spiele, wenig am Ciavier, sondern laufe zwischen dem Vorgeiger und Pauker auf und nieder, und flüstre Jedem seinen Ton in's Ohr, aber auch das hilft nicht immer, und geht's gar nicht, so lasse ich wohl ein zu schwieriges Adagio weg und spiele nur ein erstes und letztes Stück. In Rotterdam, wo es mir sogar mit dem Instrument schlecht erging, phantasirte ich über Mozart's. „Ich kann nichts thun, als Dich beklagen", womit ich diesmal mich meinte, und Hess mich nicht zu einem zweiten Kampf mit diesen stockenden Tasten herausklatschen, wie sehr das Publikum es auch darauf anlegte." — 315 — In den grossen belgischen Städten giebt's auch „der Plagen und der Franken viele", und auf der ganzen Reise lassen Mann und Frau die Wunderleistungen der Schwesterkunst (Malerei), Jan denen Kirchen, Museen und Privathäuser so reich sind, entzückt an sich vorüberziehen. Auch finden sie in den letzteren die herzlichste Aufnahme und wiederholen es sich nach der Rückkehr am häuslichen Herd oft mit inniger Dankbarkeit, dass die ganze Reise wieder eine gelungene war, Genuss verbreitend, Genüsse aller Art empfangend, eine wohlthuende Erinnerung für spätere Jahre. NAMENSVERZEICHNISS. Albrechtsberger 10. Alsager 265. Althorpe 275. Ambrogetti 56. Anderson 213. Andre 79. Artaria 9. -Artot 206. Bader 92. Baillot 40. Banck 301. 303. Barker 260. Barlow 71. Barnard 256. Bärnroth 218. Batthyanyi 24. Bauer, Carol. 92. 96. Beale 289. Beethoven 17. 84. 139—41. 145. 150. Begasse 44. Bellamy 282. Bendemann, E, 253. Benedict 296. Benelli 35. Bennett 288. Beriot 137. 183. 199. 206. 208. 223. Berlioz 294. Betts 211. Blahetka 129. ■ Blangini 42. Blum, C. 44. 92. 133. Bochsa 67. 209. 2.10. Bohrer 205. 244. Bombelles 36. Bordogni 43. 62. 208. Bowdich Lee 245. Biaham 56. 60. 108. 119. 120. 211. 227. 242. 288. 297. Bury, Charlotte 274. Busch 90. Cambridge, Herzog v., 96. Camporese 56. 208. Caradori-Allan 282. 286. Carpani 19. 129. Castelli 19. 24. 83. Catalani 55. Cavves 258. Chelard 248. Cherubini 42. 44. 45. Chopin 271. 294. Chorley 245. Ciceri 44. Cinti 43. 64. 242 Clementi 51. 52. 241. Cobbett 275. Codrington 275. Coleridge 274. Collard 52. 227 Cornet 212. Costa 105. Cramer, F. 66. Cramer, J. B. 51, 52. 58. 65. 66. 69. 75. 226. 240. 248. 268. 287. 288. 296. Crotch 72. Czerny 25. 129. David, Louise, s. Dulcken. . 246. 74. 106. 177. 199. 230. 231. 3i7 Davis 257. Devrient, E. 91. Dietrichstein, Fürst 126. • Dizi 54- 75- Donzelli 208. Dorn 131. Dotzauer 35. Dragonetti 55. 240. Dugazon 44. 45. Drücken 97. 209. Eichhorn 252. 53. Embden, Charlotte 97. Erard 40. 104. 202. Eskeles 9. 28. Esterhazy 16. 60. 196. Fetis 207. 208. Field 230. 244. 247. Fink 307. Fleming 107. 225. 244. Forbes 265. Forti 83. Franck 267. Funcke 213. Fürstenau 119. 122. 128. Galizin, Fürstin 27. Gall 41. Garcia 40. 62. Genast 91. Gerhard 91. Gericault 57. Gerke 301. Gerson 220. Giuliani 19. 23. Goethe, Frau v., 254. Grabau 303. 305. Grahl 236. Grillparzer 83. 128. 189. Grimal 258. Grisi 277. 293. Grünbaum 83. Guhr 255. Guillon 214. 219. 221. Habeneck 42. Haitzinger 83. 242. 248. 250. 270. Hardegg, Gräfin 20. 28. Härtel 91. 299. 307. ^ Haslinger 286. Haugwitz, Gräfin 16. Hauser 242. 248. 250. 302. 307. Haydn 36. Heine, H. 179. 80. 81. Hensel, Fanny, s.: Mendelssohn, Fanny. Herz, H. 268. 269. 288. Hiller, Ferd. 76. Hobbs 282. Hofmeister 91. Holm 237. Hope 269. Horschelt 82. Horzelsky 7. Hotschebar 173. Huerta 199. Hummel 16. 17. 21. 23. 25. 222. 226. 231. 254. 255- Iwanoff 278. Kalkbrenner 51. 54- 61. 75. 294. Kean 229. Keeley 256. Keil 91. 306. Kiesewetter 55. 60. 69. 70. 74. 75. 118. 122. Kind, Friedr. 89. 119. Kistner 91. 298. 300. 301. 307. Klengel 36. 89. Klingemann, C. 182. 246. 247. 256. 267. 294. Knecht 301. 303. Köckert 91. ' Königswarter 315. Kramer 69. 179. Kraus-Wranitzky 253. Kreutzer 42. Kuhlau 213. Küstner 90. Lablache 230. 246. 288. 293. Lafont 42. 43. 45. 61. 63. 64. 68. 70. Laporte 209. 210. 293. Lecerf 63. Lee 249. 3i8 Leidesdorf 129. Lemaistre 294. Leo, A., 41. 62. 65. Levasseur 42. 44. Lewiriger 9. 17. Lewy 129. Limburger 90. 306. Lindley 208. 226. 240. 293. Liszt 138. , Litolff 227. 239. 251. 256. Löbel 220. Lockhart 274. Logan 209. Logier 55. Ludwig 34. Lunin, Baronesse 27. Liittichau, v. 88, Mainvielle-Fodor 39. 62. Malibran, Maria 76. 205. 211. 223. 269. 271. 278. Mälzl 63. Mantius 252. Mara 55. Marliani 286. Mars 45. 200. 242. Marx, A. B. 131. Masoni 277. u Masson 239. Mawkes 239. Matthäi 33. 34. 90. Matthews 244. Mayer, J. A. 78. Mayseder 23. 86. 129. Mendelssohn, A. 312. 313. Mendelssohn, Fanny 93. 132. 309. Mendelssohn, Felix 93. 94. 132. 206. 245—47. 252—54. 266. 271. 272.- 298—300. Mendelssohn, Paul 236. Merck 19. 23. 129. Meric 248. • Meyerbeer 15. 19. Milder-Hauptmann 92. 214. 219. Mock, Dlle., s.: Pleyel. Monk Mason 242. Moore, Th. 274. Morgan, Lady 114. Mori 103. 110. 249. 258. 293. 296. Morlacchi 35. 88. Moser 132. 133. Müller, Ivan 64. Nägeli 117. Napier 275. ■ Naumburg 303. Neukomm 207. 227. 239. 242. 267. 284. Northland, Lady 78. Nourrit 64. Novello, Clara 228. 258. O'Connell 275. Oehlenschläger 213. Pacini 229. Paer 40. 42. Paganini 231—236. 269. Palazzesi 130. Palffy 16. 23. Palmerston 107. Pankouke 41. Pape 40. 64. Paravicini 279. Parry 265. Pasta 230. 277. Paton, Miss 121. 211. Perlet 45. Peters 91. Phillips 227. 282. Piatti 36. 37. Pisaroni 205. Pistrucci 76. Pixis, P. 80. 195. 208. 268. Plantade 42. Pleyel 64. 298. Polledro 35. 37. Potier 45. ■ Rahel 95. Rainer 137. 206. Rathen 276. Rau 148—150. 155. 165. 173. Redern, Graf 253. Reichard 302.' 3IQ Reichardt 25. 'Reichenbach 91. Ries 51. 53. Rigel 42. Rochard 57. Rochlitz 91. 300. Röckel 286. Rolla 88. Romberg, A. 16. 81. Romberg, B. 91. Rosen, F., 236. 250. 256. 267. Rosen, G. 250. Rosenhain 255. Rothschild 204. Rubini 277. 278. 282. 288. 293. Salieri II. 17. 21. 84. Salmon 45. Sandrini 35. Saphir 133. Sassaroli 35. 89. 130. Schall 213. Schelble 255. Schicht 32. Schindler 129. 141—144. 146. 152— 155. 139. 161—165. 167. Schleiermacher 253. Schleinitz 307. Schlesinger 42. 44. 309. Schmitt, Aloys 80. Schneider, Friedr. 92. Schneider, Maschinka 248. Schnyder v. Wartensee 255. Schrey 300. Schröder 212. Schröder-Devrient 242. 247. 248. 250. 270. Schubert 37. Schulze 32. Schumann, Clara, s.: Wieck. US Schumann, Rob. 27.V299. 301. Schuppanzigh 18. 129. Schütz 198. Schwarz 24. Scott, "Walter 185. 186. 11 Sessi 31. 201. Seyfferth 91. 128. Seyfried 129. Siddons, Mrs. 69. Sinclair 193. - Sivori 183. Smart, G. 69. 77. 281. 287. Sonntag, Henriette, 83. 131. 195. 206. 211. Sonntag, Nina 270. Speier, W. 80. Spohr 16. 38. 39. 134. Spontini 132. Spurzheim 193. Stadler 129. Stanley 275. Steinmüller 236. Stenzler 267. Stephens 282. Stepney, Lady 274. Stockhausen 176. 177. 200. 208. 228. 239. Streicher 10. Strunz 42. Stumpff 119. 138. 145. Sudre 296. Taglioni 230. Talma 45. Tamburini 277. 278. 293. Taylor 286. Tebaldi 89. Thalberg 303. Tieck 128. Tomaschek 8. 26. Tutein 220. Valentin 41. Velluti 198. Vernet, Horace 45. Vertpre 294. Vestris 120. Vieuxtemps 279. Vitzthum 36. Voss, J. 31. Vrugt, de 279. Wallace 275. Wallis, Graf 27. 320 Weber, C. M. v. 83. 88. 118. 119. 120. 122. 123. 124. Weber, Pionys 7. 26.'? 88. Weitte 91. Wendt 90. 128. 301. Weyse 213. 219. Wieck 33. 91. 254. 298. 299. 301. 304. Wild 303. Willert 289. Wilson 56. Wolfram 128. Wranitzky-Seidler 91. Young 69. Zadrakha 6. Zelter 32. 95. Zenner 36. Zuchelli 211. 282. Druck von Bär & Hermann in Leipzig,