DER MANN 5g5
das erhabene Vorrecht religiöser Heldengeister, Zwergseelen aberebenso unerreichbar wie unbegreiflich ist. Gewiß machte er auchmanche Mißgriffe und Fehler; gewiß ging er auch in manchenÄußerungen zu weit, so, wenn er in seiner Vorliebe für spitzfindigeSchlußfolgerungen behauptete, wer ihm nicht glaube, der könnekein wahrer Christ sein, oder jeder, der ihn für gebannt halte, seiein Ketzer. Aber wer sich als vielbeschäftigter Oberer, Volksberaterund Prediger rein von Mißgriffen weiß, der werfe den ersten Steinauf ihn! Im Bewußtsein göttlicher Berufung des göttlichen Bei-standes versichert, unterzog er sich mit unerschütterlicher Zuver-sichtlichkeit der schwierigsten und undankbarsten aller Aufgaben,durch Hemmnisse und Widerstände nicht abgestoßen oder einge-schüchtert, sondern im Gegenteil nur um so mehr in seinem Vor-haben bestärkt und angespornt. Die Sache über die Person, dasWohl der Allgemeinheit über die Belange des einzelnen, das Heilder Gesamtkirche über den Vorteil ihrer Diener, den Höchstennicht ausgenommen, setzend, verfolgte er mit großartiger Rück-sichtslosigkeit die ihm nach seiner Überzeugung von Gott gewie-sene Bahn, unzugänglich allen schwächlichen Vermittlungen undVerständigungen. In übermenschlicher, einsamer Größe ragte er,darüber herrschte unter seinen Zeitgenossen nur eine Stimme, überdie Durchschnittsmasse hinaus, von den einen als Heiliger undProphet verehrt, von den anderen als teuflischer Betrüger verfolgt,während er in neuester Zeit Gegenstand irrenärztlicher Unter-suchung wurde 122 , obschon von berufenster Seite die außerordent-liche Unsicherheit solcher Forschungen über längst Verstorbenebetont und daran erinnert ward, daß eine Reihe der hervorragend-sten Persönlichkeiten entweder einzelne krankhafte Züge oder aus-gesprochene Seelenstörungen aufwies 123 . Savonarola würde sichalso, selbst wenn er in diese Reihe gehörte, in der besten Gesell-schaft bewegen, sogar in der Gesellschaft Jesu 124 und des heiligenIgnatius von Loyola, die ebenso wie der Apostel Paulus, der heiligeFranz von Assisi, Dante und Michelangelo als geistesgestört be-zeichnet wurden 125 . In Wirklichkeit ist im Leben und Wirken desFrate, sofern dieses nur im Lichte seiner Zeit und der besten zeit-genössischen Quellen und nicht unter dem voreingenommenen Ge-sichtswinkel befangener neuerer Schriftsteller betrachtet wird,nicht das Geringste, was zur Annahme einer geistigen Erkrankungberechtigte. Seine Seele ertrug eine Spannung und Sammlung, die
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