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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
593
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KÖRPERLICHES AUSSEHEN 693

nase über der schmalen Ober- und schwulstigen, vorstehendenUnterlippe kündete den unbeugsamen, alles bezwingenden Willen.Seine weiße, ins Rötliche spielende Haut war von frauenhafterZartheit, der kahle Scheitel von einem Kranze dunkler Haaregekrönt, die knochige Hand mit den langen, spitzen Fingernfleischlos und durchsichtig. Er vertrug kein Kleidungsstück ausLinnen und keine Kopfbedeckung, da er sich leicht wund rieb;seine Gewänder wiesen, wie man sagte, nie eine Spur von Schweißauf. Stets auf einen plötzlichen, gewaltsamen Tod gefaßt, führteer gern einen Totenkopf aus Elfenbein oder ein ehernes Kreuzin Händen. Gleichwohl lag nichts Finsteres, Düsteres, Schreck-haftes in seinen Zügen. Einhellig bezeugen die Zeitgenossen seinheiteres Wesen, das sein Antlitz wie milder Sonnenschein ver-klärte.Wenn er sich", meldet ein Verehrer 119 ,froh undmunter zeigte, so war es, als stehe das Paradies offen und lachealles; zürnte er dagegen, so gewann es den Anschein, als erbebedie ganze Welt vor dem Feuer seines Blickes." Und wie er selbstnie aus der Fassung kam und seine unverwüstliche Ruhe stetsbewahrte, so besaß er auch die besondere Gabe, andere zu beruhi-gen, fremden Gram zu verscheuchen, aufgeregte Gemüter zu be-schwichtigen und gebrochene Herzen zu trösten und neu zu be-leben. Auf der Kanzel der Löwe, war er ein Lämmchen vollDemut und Bescheidenheit im persönlichen Verkehr. Seine herz-gewinnende Liebenswürdigkeit und Güte entwaffnete jeden Grollund jede Feindseligkeit in seiner Gegenwart; wiederholt kam esvor, daß erbitterte Gegner versöhnt und beschämt von ihm schie-den 120 . Wie er wesensfremde Naturen abstieß und zu wildem,unversöhnlichem Hasse reizte, so zog er verwandte Seelen mitunwiderstehlicher Gewalt an und erwarb sich Freunde von einerHingebung und Anhänglichkeit, daß sie im wörtlichen Sinne fürihn durchs Feuer zu gehen bereit waren und ihm weit über seinenTod hinaus unverbrüchliche Liebe und Treue bewahrten. Sowarm er jedoch an seinen Angehörigen und Freunden hing, sowaren sie alle doch nicht imstande, sein Herz zu befriedigen. Seineeinzige Leidenschaft war sein Gott. Eine religiöse Natur von un-erhörter, den alttestamentlichen Propheten vergleichbarer Tiefeund Glut, verzehrte er sich im heiligen Eifer für Gottes Dienst,für Gottes Ehre und Gottes Willen; sein ganzes Dichten undTrachten galt ihm. In einer gleichmäßigen, einheitlichen, durch

38 Schnitzer, Savonaiola