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1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
591
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ZEITGENÖSSISCHE URTEILE 5g i

schneide und hierdurch Schmerzen verursache, oder der Hund,der wider Willen des Schäfers dem Wolfe nachsetze, um ihm dasgeraubte Lamm zu entreißen, deshalb Strafe verdiene. Eine ähn-liche Haltung nimmt Robert Ubaldini in seiner Chronik vonS. Marco ein.Wer möchte es", schreibt er 111 ,wohl wagen,einen solchen Mann mit giftigen Bissen zu zerfleischen! Mag ergleich infolge versteckter Selbstüberhebung, wie man sagt, dasim ersten Teile dieser Chronik geschilderte Ende genommen ha-ben, so beherzige man doch zuvörderst, wie vermessen undschwierig es ist, über das Innere eines Menschen zu richten, haltesich überdies sowohl die (mit seiner Predigt verbundenen) er-wähnten Vorteile als auch die Nachteile vor Augen, frage sichsodann, was überwiegt, und fälle danach sein Urteil!"Wennwirklich", so faßt Cerretani seine Meinung zusammen 112 ,einFehler bei ihm in Frage kam, so lag er in seinem Verstände, demgeistigen Auge des Menschen, und läßt sich erst mit der Zeit er-kennen. Sonst ruhte auch nicht der Schatten einer läßlichenSünde auf ihm." Dieselbe Auffassung teilt Franz Guicciardini, dersich in seiner florentinischen Geschichte 113 geradezu begeistert überihn ausspricht:Selbst seine Feinde gestehen, daß er eine unge-wöhnliche Gelehrsamkeit in vielen Fächern besaß, namentlichin der Philosophie, die er in einer Weise beherrschte, als hätteer selbst sie erdacht, ganz besonders aber in der Heiligen Schrift,in der so wie er seit Jahrhunderten niemand beschlagen war.Nur im sittlichen Urteile gehen die Meinungen über ihn auseinan-der, wobei zu bemerken ist, daß, wenn er einer Leidenschaft unter-lag, dies nur Heuchelei, von Stolz und Ehrsucht verursacht, seinkonnte. Denn selbst der genaueste Beobachter seines Wandelsvermochte auch nicht die leiseste Spur von Habsucht, Wollustoder sonstigen Fehlern und Schwächen an ihm wahrzunehmen,wohl aber echteste Religiosität voll Liebe, Frömmigkeit, Gewissen-haftigkeit und Strenge, so daß sich auch in den Verhören, obschonsieb seine Feinde alle nur denkbare Mühe gaben, nicht der ge-ringste Makel herausstellte. Seine Maßregeln zur Hebung derSittlichkeit waren die heiligsten und der Bewunderung würdig,niemals herrschte in Florenz solche Tugend und Frömmigkeitwie zu seiner Zeit, ohne Zweifel gereichte seine Wirksamkeit derStadt zum Segen. Da sich zudem manche seiner Voraussagungenerfüllten, so hielten ihn sehr viele Leute lange Zeit für einen