DIE HAUPTSCHULDIGEN 58g
lebhafte Scheu vor ernstlicher Armut beseelte die Widerspensti-gen. Die Armutsfrage namentlich spielte im Falle Savonaroladie Hauptrolle. Man darf ihn als eine Fortsetzung bzw. Neuauf-lage des alten Armutsstreites bezeichnen, der einst in den TagenNikolaus III. und Johann XXII. so viel Staub aufgewirbelt hatte.Dieselbe feurige Begeisterung, die einst die Spiritualen für dieheilige Armut, die geliebte Braut des Bettlers von Assisi, hegten,erfüllte auch den Frate und seine Söhne. Derselbe Haß, mit wel-chem die einem leichteren Leben ergebenen Brüder Hunderte vonFratizellen dem Scheiterhaufen oder ewiger Klosterhaft über-gaben, stürzte den Frate und seine Gefährten in die Flammen.Die Anhänglichkeit an die gewohnte lombardische Behäbigkeitund der Widerspruch gegen die Härte der vom Frate erneuertenalten Regel verkörperten sich, wie wir sahen, in dem aus S. Marcostammenden Prokurator des Dominikanerordens Franz Mei. Erwar die Seele aller gegen den Frate gerichteten Umtriebe, er warder Urheber seines Todes. Er rühmte sich selbst 105 , daß er sichalle Mühe gegeben habe, diesen Dorn auszurotten und zu ent-wurzeln; wiederholt sei er dem Papste zu Füßen gelegen, um demin der Abtrennung S. Marcos von der Lombardei begangenenIrrtume zu steuern. „Wir waren", bekannte er ungescheut, „mitder Bestrafung des Frate Hieronymus einverstanden, ja ihreUrhebe r." Und mit Franz Mei und den Dominikanern gingendie Lauen, die Tepidi, aller Orden einträchtig Hand in Hand, wennes den Kampf wider den Frate galt, der in ihnen von allem Anfangan seine unversöhnlichsten und gefährlichsten Gegner erkannteEs war kein Zufall, daß drei Männer unter seinen grimmigstenFeinden die höchsten Ordensstellen bekleideten: Franz Mei, dierechte Hand des Dominikanergenerals Joachim Turriani; Marianvon Gennazano, der General des Augustinerordens, und PeterDelphin 106 , der General der Kamaldulenser. Die vom Frate ange-bahnte Kloster- und Ordensreform sollte aber nur das Vorspielund die Einleitung zur Kirchenreform bilden, die den Borjas undihrem Hofe freilich ein entsetzlicher Greuel sein mußte. Darumwar Alexander VI. mit Franz Mei ganz einverstanden, daß einso lästiger Mahner, der als gottgesandter Prophet die Berufungeines Konzils betrieb, aus dem Wege geräumt werden müsse.Schon die Zeitgenossen sahen diese Zusammenhänge klar. „DerUntergang des Frate", sagt Jakob Nardi 107 , „war das Werk einiger