AM GALGEN 683
Augenblicke ihres Verscheidens den Namen Jesu oder die Barm-herzigkeit Gottes anzurufen, wie es bei solchen Anlässen üblichwar 74 . Das Gesicht gegen den Palast gekehrt, warf der Frate mitweit geöffneten Augen noch einen letzten Blick unsäglicher Weh-mut auf die Volksmasse ringsum, der zu fragen schien: „MeinVolk, was tat ich dir?" 75 Der Henker wollte ihm, kaum, daß erihm die Schlinge umgeworfen hatte, sofort das Halseisen anlegenund den Scheiterhaufen anzünden, auf daß er das Feuer nochlebend zu verspüren bekäme. Doch entglitt ihm das Eisen undfiel in die Reisigbüschel, und bis er es wiederfand, war der Frateverschieden 76 . Das Holz, mit öl getränkt und mit Schießpulververmengt, brannte lichterloh 77 , sobald ihm der Henker die Fackelgenähert hatte. Durch einen Windstoß wandte sich jedoch dieFlamme nach der den Leichen entgegengesetzten Richtung undließ sie kurze Zeit hindurch unversehrt, weshalb die Leute ent-setzt auseinanderstoben und riefen: „Wunder, Wunder!" Dochrichtete sich die Flamme bald gerade empor, die Menge beruhigtesich und kehrte zurück. Als die Stricke, mit welchen die Mönchean den Händen gefesselt waren 78 , vom Feuer verzehrt waren, sahman die rechte Hand des Frate mit zwei Fingern in einer Weiseerhoben, als wolle er dem Volke den Segen geben 79 . Schon be-deckten Burschen und Buben aus dem Pöbel den Galgen miteinem Steinhagel, vor dem sich der Henker mit knapper Not zuretten vermochte. Als der rechte Arm des Frate zu Boden ge-fallen war, trampelten die Buben mit Füßen auf ihm herum 89 .Etwa eine halbe Stunde dauerte das Trommelfeuer auf die zuk-kenden Leiber, denen siedendes Blut und Eingeweide entquol-len 81 . Dem Frate hingen Herz und Leber heraus, die denSchützen als Zielscheibe dienten 82 . Damit noch nicht zufrieden,suchten die Buben die Leiter anzulegen, um die Leichen vomPfahle zu reißen und durch die Straßen zu schleifen 8 *. Doch ge-lang ihnen dies nicht, da das Feuer allzu stark war, als daß siesich ganz nahe hätten heranmachen können 84 . All dies geschaham Mittwoch, 23. Mai, nachmittags um halb 3 Uhr 85 , und da dieMenge, seit frühestem Morgen auf den Beinen, Hunger verspürte,so begann sie sich mehr und mehr zu zerstreuen. Die Signoriebefahl, den Galgen einzureißen. Man brachte noch Holz herbeiund verbrannte die Leiber samt den Gebeinen und Kleidern zuAsche, die man sorgfältig sammeln, auf Karren laden und vom