58o • DAS ENDE
Feuer und Leben. „Nun ist es Zeit, tapfer zu sein und den Tod froh-gemut zu ertragen", sprach er zum Frate, der ihn in solcher Ge-sinnung bestärkte 48 . Eben stiegen sie die Treppen des Palastesherab, als ihnen in der Nähe des Zimmers, in dem die Schreibender Signorie gesiegelt zu werden pflegten, zwei Ordensgenossenvon S. Maria Novella, Thomas Sardi und Sebastian Buontempi,entgegentraten, um ihnen im Auftrage des Ordensgenerals dasOrdenskleid abzunehmen 49 . Als sie es dem Frate roh vom Leiberissen, brach er in den Schmerzensruf aus: „Gebet acht um derMarter willen, die ich erlitten habe! 59 " Dann bat er, es nochmalsin die Hand nehmen zu dürfen, und sprach: „O heiliges Kleid,wie heiß ersehnte ich dich! Gott verlieh mir dich, und ich be-wahrte dich unbefleckt bis jetzt, und auch jetzt ließe ich dichnicht, doch du wirst mir genommen 51 ." So standen die Mönchenunmehr barfuß im bloßen Unterkleide da, dem einzigen Ge-wandstücke, das sie auf dem nackten Leibe trugen 52 ; und sotraten sie aus dem Palaste ins Freie heraus auf den Signoren-platz, der schon seit Morgengrauen gedrückt voller Menschenwar, ganz wie vor wenigen Wochen am Samstag der Feuerprobe.Der Frate hatte bisher noch nicht gefragt noch erfahren, welcherArt der Tod sei, zu dem er verurteilt war 53 . Nun sah er seinSchicksal leibhaftig vor Augen. In Mitte des Platzes 54 erhob sichein hoher und starker, am oberen Ende mit einem Querbalkenversehener Stamm. „Man will sie kreuzigen", hatten daher dieLeute am Abend zuvor entsetzt ausgerufen, als sie die Vorkeh-rungen zur Hinrichtung erblickten; man hatte dann zwar dieEnden etwas gestutzt, aber das Aussehen des Kreuzes blieb nachwie vor 55 . Vom Querbalken hingen drei Stricke und ebenso vieleKetten herab, während rings um den Fuß des Stammes einmächtiger Haufen leicht entzündbarer Brennstoffe aufgeschichtetwar, wozu man arme fratesche Handwerker gezwungen hatte 65 . Daskirchliche Recht gestattete nun aber nicht, daß verurteilte Geist-liche Laien zur Bestrafung ausgeliefert wurden. Sollte das gleich-wohl geschehen, so mußten sie ihrer Weihegrade zuvor ent-kleidet, d. h. entweiht, degradiert werden. Nach dem Grundsatze,daß alles ebenso, wie es entsteht, auch wieder vergeht 57 , vollziehtsich diese Entweihung oder Degradierung in einer der Erteilungder Weihen entsprechenden, aber dieser entgegengesetzten Weise,in der Art nämlich, daß, wie die Übertragung der einzelnen