578 DAS ENDE
Es gab eine Bruderschaft in Florenz, deren Mitglieder sich zudem Liebesdienste verpflichteten, den zum Tode Verurteilten in ihrenletzten Stunden zur Seite zu stehen. Auch den Mönchen wurdediese Gnade nicht versagt. Beim Frate fand sich zu diesemZwecke ein Bürger namens Jakob Niccolini ein, den er um eineletzte Unterredung mit Dominikus und Silvester bat. Die Signorietrug zunächst Bedenken, sie zu gewähren; auf die VorstellungNiccolinis jedoch, da die Mönche die Füße im Blocke hätten, sokönnten sie nicht wohl entfliehen, stellten die Signoren die Sachedem Ermessen Niccolinis anheim. So sahen sie sich denn imSaale des Palastes wieder, wo sie etwa eine Stunde verweilendurften. Zu Dominikus sprach der Frate: „Es ist mir geoffen-bart geworden, Ihr wollet lebendig verbrannt sein. Wisset Ihrnicht, daß es uns nicht erlaubt ist, unsere Todesart selbst zuwählen, daß wir vielmehr jene mit frohem Sinne hinnehmensollen, die Gott uns auferlegt hat? Wer weiß, ob Ihr imstandeseid, die Euch beschiedene zu ertragen, denn das hängt nicht vonunserer Kraft, sondern von Gottes Gnade ab. Es ziemt sich dahernicht, Gott zu versuchen." Da gab Dominikus nach. Daraufwandte sich der Frate an Silvester: „Auch in Bezug auf Euch istmir geoffenbart worden, daß Ihr nämlich im Sinne habt, bei derHinrichtung dem Volke zu beteuern, wir ertrügen den Tod un-schuldig und wider alle Gerechtigkeit." Er verbot ihm dies, wieja auch Christus der Herr am Kreuze seine Unschuld nicht be-teuert habe. Am Ende ihrer Unterhaltung beugten Dominikusund Silvester vor ihrem Oberen das Knie und baten ihn umseinen Segen; dann wurden sie wieder voneinander getrennt".Von den Betrachtungen, Nachtwachen, Verhören und Marternder letzten Tage ganz erschöpft, richtete der Frate an Niccolinidie Bitte, ihm zu gestatten, daß er ihm beim Schlafe den Kopfauf die Knie lege 44 . Niccolini erlaubte es gerne und hatte so Ge-legenheit, ihn aufmerksam zu beobachten. Er bemerkte zu seinergroßen Verwunderung, wie er im Schlafe bald sprach und baldlachte. Nach seinem Erwachen dankte ihm der Frate herzlichmit den Worten: „Ich möchte mich dir ein wenig erkenntlichzeigen für die Unterredung und für die kurze Buhe, die dumir gewährt hast. Du weißt, welch große Trübsale ich dieserStadt voraussagte; ich möchte dir nun die Zeit einer schwerenHeimsuchung mitteilen. Wisse und merke es wohl, dies wird