Druckschrift 
1 (1924) Das Leben
Entstehung
Seite
571
Einzelbild herunterladen
 

BETRACHTUNGEN ÜBER DEN PS.: IN TE DOMINE 571

ließen mich! Erbarme dich auch deiner Kirche, die nunmehr soklein ist, lasse sie wachsen an Zahl und Verdienst, denn zahlrei-cher sind heutzutage die Ungläubigen als die Christen. Wo ist nunder Ruhm der Apostel? Die Stärke der Märtyrer? Die Frucht derPrediger? Die Einfalt der Mönche? Der tugendhafte Wandel derersten Christen?" — So begegneten sich die Betrachtungen desreifen Mannes im Gefängnisse von Florenz, der sich anschickte,das Blutgerüst zu besteigen, mit den düsteren Gedanken des Jüng-lings von Ferrara, der im Begriffe stand, das Vaterhaus zu ver-lassen.

Am 8. Mai hatte der Frate seine Betrachtungen über das „Mi-serere" vollendet 9 ; er begann nun mit der Auslegung desPsalms (30) „In te, Domine, speravi 10 ". „Das Andenken an meineBrüder, sagte er hier, betrübt mich; die Erinnerung an meineSöhne belästigt mich; die Betrachtung meines Klosters und mei-ner Zelle ängstigt mich; der Hinblick auf meine Studien schmerztmich; der Gedanke an meine Sünden drückt mich nieder. DieTraurigkeit stürmt mit mächtigem Heere, mit Schwertern undLanzen auf mich ein und ruft mir höhnisch zu: Du setztest stetsauf Gott deine Hoffnung —, wo ist er denn nun, dein Gott? Dubetetest zu ihm, und niemand antwortete dir. Du flehtest ihn aufsinständigste an, und er schwieg. Du riefest alle Heiligen an, aberkeiner schaute auf dich. Wenn sie so gütig sind, die Engel undSeligen des Himmels, warum trösten sie dich nicht, während dichdoch so viele Menschen gerne heimsuchten und mit Wort und Tatunterstützten, wenn sie nur könnten. Darum glaube mir, nichtGott, sondern der Zufall regiert die Welt. Es gibt nichts als das,was man mit Augen sieht. Wähne nicht, weil einige Sünder Ver-zeihung erlangten, so sei sie auch dir sicher. Es gibt nur eine Ma-ria Magdalena, nur einen rechten Schacher, nur einen Petrus, nureinen Paulus. Du wirst dich doch nicht unter die wenigen Auser-wählten rechnen wollen, du, der so viele schwere Sünden be-gangen, die Kirche geärgert und Himmel und Erde beleidigt hat.Besser ist für dich der Tod als ein längeres Leben. Der Tod alleinist deine Rettung. Lege Hand an dich selbst an! Du warst undank-bar gegen Gott, der dich aus dem Lärme der Welt und aus demSturme des Meeres in die Ruhe des Ordens und in den Hafen desKlosters zog, zu seinem Priester erwählte, an den Born seiner Weis-heit führte und, was das Höchste ist, mit der Wissenschaft der