87] Die Verbreitung und die Hei. ----:------dien in Schlesien. 243
In der Grafschaft Glatz und im Oppalande erhielt sich auch derKampf von Sommer und Winter als gesungenes Spiel.
Wenn in Schlesien in vielen Gegenden der Tod an die Stelle desWinters gesetzt wird und an Lätare eine Puppe, die den Tod vorstellt,in das Wasser oder über die Dorfgrenze geworfen wird, so macht sichder slavische Boden des Landes damit kenntlich. Die Marzana, derTod, ist eine polnisch-mythologische Gestalt. Wenn nun in Meissen,Thüringen und Ostfranken ebenso der Tod statt des Winters in denFrühlingsgebräuchen auftrat, so ist auch hier der Einfluss slavischeralter Bewohner jener Landschaften der Grund. Von diesem Gebraucheerhielt der Sonntag Lätare auch den Namen Totensonntag. Das Tod-austreiben war früher über das ganze schlesische Flachland verbreitet.Heute hat es sich noch in polnischen und den polnischen benachbartenOrten Oberschlesiens erhalten.
Ostfranken, Thüringen, Meissen, Oberlausitz, Schlesien, Mährenund Böhmen bilden iu diesen Gebräuchen eine grosse Gruppe, wie inmanchen anderen Beziehungen, die wir darlegten.
An Fastnacht zogen mancherorts die ledig gebliebenen Mägdedie Knechte auf einem Pfluge durch das Dorf. Die Umführung desPfluges ist das uralte Zeichen von dem Wiederbeginn der Feldbestel-lung, und die Anspannung der ledigen Mägde eine uralte Strafe fürdie überlange Ehelosigkeit. Der Gebrauch hat mit dem Dienste dermütterlichen Göttin der Fruchtbarkeit zusammengehangen. Er ist ur-deutsch.
Am Ostermontag schlagen Kinder und Knechte die Langschläfermit neunfach geflochtenen Weidenpeitschen, was schmagostern,schmigostern, schmackostern, Schmeckostern *) heisst. Der Brauch lässtsich durch Mähren, Böhmen, Lausitz, Voigtland bis Oberhessen verfolgenund ist eine weitverbreitete, zu verschiedenen Zeiten übliche Sitte, dieim Glauben wurzelt, dass Gesundheit und frische Lebenskraft durchsolches Schlagen zu heiligen Zeiten gegeben werde.
Aehnliche Bedeutung hat das Begiessen mit Wasser an Ostern,das auf das polnische Schlesien beschränkt ist.
Die Pfingstgebräuche sind jetzt bis auf das Schmücken derHäuser mit grünen Zweigen und das Bestreuen von Hausflur undStuben mit Kalmus zusammengeschrumpft. An manchen Orten werdenMaibäume aufgestellt. Früher lebte aucli in Schlesien zu Pfingsten dasAustreiben des letzten Wintergeistes, des Rauchfusses 2 ), wie er hierhiess; und ein Wettreiten der jungen Burschen.
Sehr zäh werden die Johannisfeuer (Johannestagsfeuer, Johanns-tichfoierla) festgehalten, die am Vorabende des Tages Johannis desTäufers auf und an dem ganzen Sudetenzuge angezündet werden. Vielemitteldeutsche Landschaften und ebenso die süddeutschen kennen siebekanntlich auch. Sie sind wieder ein Beweis, dass die fränkische Ein-wanderung die niederdeutsche überbot. Denn die im alten Nieder-
') Ueber das Wort, das weder mit schmecken noch mit Ostern etwas zuthun hat, vgl. oben S. 220 [64].
2 ) Zu Rauchfiest, Rauchfiez entstellt.