51] Die Verbreitung und die Herkunft der Deutschen in Schlesien. 207
Prüft man aber den Wortvorrat, so entdeckt man viele Bestand-. teile, die nicht mitteldeutsch sind, sondern niedersächsisch oder nieder-fränkisch, oder die wenigstens nur in den nördlichen Strichen des altenRibuariens vorkommen. Es haben sich diese Worte im Vokalismusmeist dem schlesischen Mitteldeutsch angeglichen; nur eine Anzahlbehielt den niederdeutschen Vokal der Stammsilbe bei. In einigenwenigen sind Vokal und Konsonant auf dem niederdeutschen Standegeblieben.
Diese Worte sind nicht etwa junge Eindringlinge, wie sie ja ausBerlin und aus dem Militärdcutsch durch Soldaten, kleine Beamte undberlinisierende Halbgebildete jährlich eingeschleppt werden; sondern essind Worte von altem Heimatrecht in Schlesien, von denen manchenur aus älteren Schriften zu belegen sind. Die meisten aber sind heutenoch allgemein verbreitet und seit Jahrhunderten lebendig. Ich gebeein Verzeichnis nach meinen Sammlungen:
Bansen m. der zu beiden Seiten der Tenne liegende Scheunenraum.Niederd. Wort, D.Wörterb. I, 1119; nach Mitteldeutschland vorge-drungen, Bech in Pfeiffers Germania XVIII, 260.bölken, Zw. (bei Scherffer erhalten) blocken, schreien. — nd.') (auch
niederhessisch) bolken, bölken.bracken Zw. geringes und schlechtes ausscheiden; Gebracke n. Aus-schuss; Brackschaf n. geringes auszustossendes Schaf. — nd. brak,bracken.Brass, Prass, Prast m. Haufe, Wust. — nl. bras, nd. brass, brast,
auch md. verbreitet.Brüs, Prüs m. mit niederdeutschem Vokal, daneben mit mitteldeutsch-
schlesischem, Praus, brausender Schaum. — nl. brüs, bruis.Bune f. Balken- und Bretter- oder Flechtwerkbau zum Uferschutz;auch ein Erd- und Steinbau zur Verbesserung des Flusslaufes. —nd. büne, Brem. Wörterb. I, 163 und aus Niederdeutschland mitBedeutung und Form nach Mitteldeutschland gekommen. Goethereimt ganz richtig Faust II, 6932 mit seinen Buhnen: Neptunen.Ge-dieg m. das Gedeihen (bei Logau und noch jezt); der Un-gedieh(Philo vom Walde); gedieglich Adj. (Logau, Steinbach); diegenZw. gedeihen (Logau). — Mit nd. Vokal: nd. dihe, dige, gedige,Zw. digen, dlhen.dögen Zw. leiden, ertragen (Trebnitzer Psalmen 24, 5). — mnd.
doegen.Dräps m. Schlag, Puff. — altmärk. magdeburg. Draeps; nd. dräpen,
treffen, schlagen,eifer, eiver Adj. scharf, ätzend, wie nd. efer, Brem. Wb. I, 327.fach, gefach Adv. häufig, oft (bei den alten Schlesiern). — mnd. vake,vaken, mnl. vaeken, nl. vaak.
K. Weinhold, lieber deutsche Dialektforschung. Die Laut- und Wortbildung unddie Formen der schlesischen Mundart. Wien 1853.
') nd. = niederdeutsch, mnd. = mittel (älter) niederdeutsch; nl. = nieder-ländisch, mnl. = mittel (älter) niederländisch; md. — mitteldeutsch. D.Wb. D. Wörterb.= Deutsches Wörterbuch von Jak u. Willi. Grimm.