Sehr geehrter Herr!
Besten Dank für Ihre Schrift. Ueber den Inhalt Hessesich sehr viel disputiren. Wenn auch in vielen principiellenStücken mit Ihnen einverstanden, dissentire ich jedoch wiederin anderen durchaus. Vor Allem möchte ich auf die Gefähr-lichkeit des Standpunktes hinweisen, dass sich die Judenselbst noch als eine Nation betrachten wollen. Wenn dem sowäre, wie könnten Sie von den Staaten verlangen, dass siedie Juden als völlig gleichberechtigte Unterthanen ansehenund behandeln sollen? In dem nationen- und sprachenreichenOesterreich mag sich die Betrachtung nicht so aufdrängen,wie in den wirklichen Nationalitätsstaaten, aber sie ist unaus-weichlich. Ueberhaupt scheint es mir nöthig, dass alle wirklichgebildeten Juden mit aller Macht auf die Abschaffung allerSchranken, die sie von ihren anderen Staatsgenossentrennen, hinarbeiten, aber namentlich aller Speise- und Beinig-keitsgesetze, und endlich auch der unserer Civilisation wider-strebenden Beschneidung. Man kann eben nicht zu gleicherZeit Orientale mit altorientalischen fiiten und modernerEuropäer sein. Meine nächsten jüdischen Freunde theilendiesen meinen Standpunkt durchaus.
Noch einmal dankend
Ihr ergebenster
Th. Nöldeke.
Strassburg, den 26. Februar 1881.